Inhalt
Vorwort
Über die Autorin 9 Einleitung
Kapitel 1: Das Kind soll leben!
Kapitel 2: Elká singt
Kapitel 3: Auf ins neue Dorf!
Kapitel 4:
Kapitel 5: Die
Kapitel 6: Jukuma
Kapitel 7: Elká, der Sänger und Tänzer
Kapitel 8: Die Perlen
Kapitel 9: Neue Waldschwein-Träume
Kapitel 10: Elká wird Schamane
Kapitel 11: Die Weißen sind da!
Kapitel 12: Kirifaka
Kapitel 13: Der Brief
Kapitel 14:
Kapitel 15:
16:
Kapitel 17: Auf dem Prüfstand
Kapitel 18: Einladung an die Schedeu
Kapitel 19: Mujuwa kehrt um
Kapitel 20: Wer darf mitbauen?
Kapitel 21: Miesu!
Kapitel 22: Sie gehen hin
Einleitung
Unversehens brach die Nacht herein; auch an die überaus lauten Geräusche aus dem Urwald musste ich mich erst noch gewöhnen – die Zikaden ließen ein schrilles Flötenkonzert erklingen, eine lauter als die andere. Die Ereignisse des Tages zogen nochmals an mir vorüber: Früh am Morgen war ich vom Flugplatz in Panamaribo losgeflogen, die Maschine trug den vielsagenden Namen „Sorge und Hoffnung“. Bevor es losging, sprach der Pilot unter dem Flügel ein Gebet und bat um Gottes bewahrende Hand; unterwegs gerieten wir in eine Unwetterbö, aber der Herr beschützte uns.
Und jetzt saß ich in einer Indianerhütte irgendwo im schier endlosen Dschungel im Amazonasbecken und dachte nach über das Gespräch mit Pesaichpe, dem Stammeshäuptling der Trio-Indianer – er hatte mir davon berichtet, wie das Evangelium in dieses unwegsame und ungastliche Land gelangt war, eine Geschichte von Gottes Liebe und Treue zu uns Menschen. Je länger, je mehr wurde mir klar: Diese Geschichte musste erzählt werden, eine Geschichte von der Herzen verändernden Liebe des Herrn Jesus und vom Wirken des Geistes Gottes.
Was ich über Elká, den Häuptling der Wai-Wai-Indianer, hörte und las, fand ich so berührend, dass es mich dazu drängte, zur
Ehre unseres Herrn seine Lebensgeschichte aufzuschreiben –Elkás Bekehrung aus tiefster Finsternis hin zum Licht des Herrn Jesus, dem hellen Morgenstern.
Im Jahr 1981 hatte ich die Möglichkeit, auf einer Missionsstation im Süden Surinams einige Zeit bei den Trio- und den Wai-Wai-Indianern zu verbringen. Die Gespräche mit den Indianern, die langen Kanufahrten auf dem Sipaliwini, die Fußmärsche durch den Urwald, das Zuhören, wenn sie abends am Holzfeuer in den Hütten ihre Volkssagen erzählten – all das ließ mich ihre Lebensumstände immer besser kennenlernen.
Über Elkás Leben hätte ich nicht schreiben können ohne die vielen wertvollen Informationen, die ich in der persönlichen Begegnung erhielt von
◆ Claudia Leawitt in Surinam,
◆ Bob Hawkins in Amerika,
◆ dem Journalisten und Anthropologen Homer Dowdy in Washington,
◆ der Missionarin Irene Benson in Brasilien,
◆ Kirifaka, einem guten Freund von Elká – er lebt am Mapuera in Brasilien,
◆ Jahpoma, dem Sohn einer Trio-Frau, die bei einer Stammesfehde von den Wai-Wai entführt wurde, und
◆ Foroscha, dem derzeitigen Stammeshäuptling der Wai-Wai.
Zwölf Jahre später, 1993, folgte eine persönliche Begegnung mit Elká, dem früheren Häuptling der Wai-Wai. Sein Reden über Gottes Gnade und Liebe ist ein deutliches Zeichen von dem rei-
chen Segen auf dem weltweiten Missionsfeld der „Unevangelized Fields Mission“ (UFM, jetzt: Crossworld und WEC).
Als Quellen dienten mir auch authentische Dokumente wie das Buch von Homer Dowdy Christ’s Witchdoctor, erschienen bei Hodder und Stoughton.
Alle diese Begegnungen wurden möglich durch Gert und Ali Tromp.
Kapitel 1
Das Kind soll leben!
Immer schneller läuft der junge Indianer durch das Schilf –noch fünf Reusen, dann hat er es geschafft. Er hat es eilig, er muss unbedingt nach Hause, denn dort …
Aber er will nicht mit leeren Händen ankommen. Scharf spähen seine Augen in die Dunkelheit vor ihm; beim schwachen Schein des Halbmonds, von dem das meiste in den Bäumen hängenbleibt, muss er erkennen, ob die Reusen etwas gefangen haben – die sonst gebogenen Weidenruten ragen dann senkrecht aus dem Wasser; dann hebt er den Korb mit den gefangenen Fischen heraus. In dem beinahe ruhenden Fluss sind mehr Reusen aufgestellt, als er an beiden Händen Finger hat.
Wie gern würde Elká viele Fische nach Hause bringen, so viele, dass das ganze Dorf davon satt wird! Sein Stiefvater und seine Mutter sollen stolz sein auf ihn; auch die Männer im Dorf sollen ihn respektieren und, wenn sie ihr Kassawabier trinken, ihn nicht mehr wegschubsen und „Milchgesicht“ nennen. Aber heute steht viel mehr auf dem Spiel und er wäre sicher nicht zu den Reusen gegangen, wenn sein Stiefvater es ihm nicht befohlen hätte. Denn vor Sonnenuntergang ist seine Mutter in die 15
Geburtshütte gegangen und wenn er nicht heimkommt, bevor das Baby da ist, bringt der schreckliche und boshafte Tumika es um, wie er es schon mit so manchem Neugeborenem getan hat – aber Elká will das Kind beschützen.
Immer schneller jagt er das Ufer entlang; aber wie sehr er sich auch müht, es geht ihm viel zu langsam. Findet er denn gar keine Reuse mit einem schönen großen Fisch?
Und wieder kehren seine Gedanken zu seiner Mutter zurück: Was wird sein, wenn er ins Dorf zurückkommt? Wenn das Kind bereits geboren ist, sieht er dann auf den Bananenblättern auf dem Boden oder in den Armen der Mutter ein lebendiges Kind, ein rosiges, schreiendes Baby, das Brüderchen, das er sich so sehr wünscht? Oder erblickt er beim Glimmen der Fackel ein totes Kind mit eingeschlagenem Köpfchen, so wie vor der letzten Regenzeit?
Bin ich rechtzeitig wieder im Dorf? Diese Frage geht ihm nicht aus dem Sinn; aber noch mehr drückt ihn die Sorge, ob er denn, sollte er tatsächlich rechtzeitig da sein, den bösen Tumika dann auch von seinem scheußlichen Vorhaben abhalten kann? Er, Elká, ist ja viel schwächer als der Stiefvater, er ist erst sieben Regenzeiten alt.
Da, die letzte Reuse! Er jubelt: „Ha! Ein Fisch, und so groß!“ Die sonst gebogene Weidenrute ist durch die wilden Bewegungen des großen Fisches losgeschnellt und hat den Fangkorb mit in die Höhe gerissen. Der Fisch, ein Aimara, wiegt wohl halb so viel wie Elká – doch der spürt neue Kräfte in seinem Körper. Jetzt aber heim! Mit aller Kraft hebt er den Fisch auf seine Schultern und so schnell es mit der schweren Beute möglich ist, erklimmt er den steilen Weg nach oben, vorbei an dem hohen
Schilf, aus dem die Männer ihre langen Pfeile machen. Weiter geht es auf dem schmalen Trampelpfad durchs Dickicht – früher sind da Felder gewesen, aber es ist nichts Rechtes mehr gewachsen und deshalb sind sie schon lange verlassen, jetzt sind sie völlig überwuchert. Elká steigt über einen Baumstamm, beinahe hätte er sich in einer Liane verfangen.
Da, er ist im Dorf angekommen! Elká läuft über die Tonscherben und zerbrochenen Kalebassen, aber er hat dicke Schwielen an den Füßen und merkt nichts davon. Während er den schweren Fisch zum großen Gemeinschaftshaus schleppt, wirft er schnell einen Blick zur Geburtshütte hinüber. Im Schatten des Blätterdaches stehen ein paar Leute, aber er kann nicht erkennen, was sie da treiben.
Da – ein Schrei! Also hat er es doch noch geschafft. „Große Schwester!“, schreit Elká in panischer Angst. Eine ältere Frau steckt ihren Kopf aus ihrer Küchenhütte und starrt ihn erstaunt an: Warum wirft er ihr dieses Prachtexemplar so achtlos vor die Füße? Und wieder ein Schrei aus der Geburtshütte, dann ein leises Jammern: Das Baby ist geboren.
Elká eilt hinüber, und was sieht er da? Sein Stiefvater beugt sich über das winzige Neugeborene, das liegt auf Bananenblättern auf dem Boden. Was wird Tumika nun machen? Er hat noch nicht zugeschlagen. Das Baby lebt noch, Elká hat einen Bruder! Neben dem Kind liegt der Unterkiefer eines Waldschweins mit seinen scharfen Zähnen; aber niemand greift nach ihm, um die Nabelschnur durchzuschneiden, keiner hat das Baby aufgenommen, und immer noch wird das Kind von der Mordlust des Vaters bedroht.
Elká schaut auf seine Mutter; die hat vor Schwäche die Augen geschlossen. Seine ältere Schwester steht starr daneben und die Großmutter murmelt etwas und seufzt laut. Was wird nun?
Dann schaut Elká in Tumikas Gesicht, auf dem liegt ein eigenartiges Grinsen. Wie Elká diesen Mann hasst! Ihn schaudert. „Ich bringe das Ding um!“, sagt Tumika. „Ich muss es umbringen, es gibt schon zu viele von uns im Dorf. Die Leute lästern schon über mich und sagen: ‚Seht euch den alten Tumika an, der ist fruchtbar wie ein Brasilianischer Nussbaum.ʻ Das klingt nicht gut in meinen Ohren, dieses Kind will ich nicht!“
Bei den Wai-Wai ist es Sitte, dass der Vater die Nabelschnur durchtrennt und als Erster das Kind aufnimmt; aber Tumika tut das nicht. Er will es umbringen, das hat er schon lange angekündigt. Aber warum tut er es dann nicht? Er steht nur da, knirscht mit den Zähnen und schreit: „Ich will das Kind nicht! Es muss weg!“
Elká zittert am ganzen Leib. Auch wenn es sich gar nicht gehört – kann denn nicht irgendjemand das Kindchen aufheben? Er, Elká, würde es tun; aber das geht ganz und gar nicht. Nur der Vater darf das, so will es die Stammessitte der Wai-Wai-Indianer im riesigen Amazonas-Urwald.
Wie kann das Baby dann gerettet werden? Er schaut seine Mutter an; ihre Augen öffnen sich. Sie blickt auf Tumika. Auch Elkás Schwester dreht sich um und sieht hinüber zu dem rasenden und schimpfenden Stiefvater. Der packt den Knüppel und reckt ihn hoch. Schmettert er ihn nun gleich auf das wehrlose Kind?
Da schreit Elká auf: „Nicht! Lass ihn am Leben!“ Dabei beugt er sich vor und fällt neben dem Baby auf die Knie; mit seinem
schweißtriefenden Körper bedeckt er das winzige Menschlein, um es zu beschirmen. Dabei berührt seine Brust ganz sacht den rosigen Körper des Brüderchens. Elká spürt den warmen Atem und wie der winzige Körper sich beim Luftholen bewegt.
Seine Wangen berühren die Wangen des kleinen Gesichtchens, und die Tränen aus Elkás Augen fallen auf das kleine Antlitz.
Dann schreit er: „Das ist mein Bruder! Lass ihn leben!“
Tumika knurrt wie ein verwundetes Tier und starrt auf Elká hinunter. Unerhört! Darf ein so junges Bürschlein ihn, den Vater des Kindes, daran hindern, dieses mit einem Schlag zu töten? Wilde Wut flammt in Tumika auf. Er bückt sich, um mit der einen Hand Elká wegzustoßen, mit der anderen schwingt er den Knüppel …
Das Geschrei lockt immer mehr Leute zur Geburtshütte; einige Männer haben schon geschlafen, aber das wollen sie sich nicht entgehen lassen. Ein paar sagen ganz laut: „Will der Alte denn schon wieder ein Kind ermorden?“ Tumika schimpft zwar immer noch, es sei von alters her das Recht der Väter, ihre Kinder zu töten oder am Leben zu lassen; aber er wagt es nicht mehr, dem Neugeborenen etwas anzutun.
Jetzt kommen auch die Frauen aus dem Dorfhaus und alle wundern sich lautstark über Tumika; das verunsichert ihn und schließlich hört er auf zu schimpfen.
Gegen alle Sitte füllt sich die Geburtshütte mit Männern und Frauen, aller Augen richten sich wie Speerspitzen auf Tumika. Immer wieder sagen sie wie im Chor: „Lass ihn leben!“ In Elká wächst eine ungeahnte Kraft. Er will sich nicht wegstoßen lassen. Er muss das Kind retten! Und wieder klingt sein Schrei durch den Raum: „Lass ihn leben! Lass ihn leben!“
Endlich begreift auch Tumika, dass die anderen ihn verachten und unter dem drohenden Blick der Leute wird ihm klar, dass es mit seiner Macht ein Ende hat. Jetzt ruft auch noch die Großmutter, die sich hinter ihrem Wassertopf versteckt hat: „Lass ihn leben!“ – und wieder erschallt das vielstimmige Echo: „Lass ihn leben!“
Schließlich kommt der Dorfhäuptling; mit einer Stimme, die das Befehlen gewohnt ist, sagt er: „Nimm das Kind auf! Es soll leben!“ Zwar unwillig, aber machtlos gegen den Widerstand, lässt Tumika den Arm sinken. Sein Griff um den Knüppel erschlafft. Er hat verloren. Dann beugt er sich zu den beiden Jungen hinab, stößt Elká zur Seite, nimmt den Kleinen auf und legt ihn seiner Mutter in den Schoß.
Während Tumika zur Öffnung stolpert, zischt er Elká ins Ohr:
„Ich wollte, ich wäre dabei gewesen, als du geboren wurdest, ich hätte dich sofort totgeschlagen – dann hättest du dieses kleine dumme Ding jetzt nicht gerettet!“
Nun nimmt die Großmutter den scharfgezahnten Schweinekiefer und schneidet damit die Nabelschnur durch; dann sagt sie etwas zu Elkás großer Schwester. Die zieht aus ihrem Hüftband einen dünnen Faden heraus und bindet damit dem Brüderchen die Nabelschnur ab, dann wäscht das Mädchen das Baby in einem Tontopf voll lauwarmem Wasser und gibt den kleinen Jungen seiner Mutter. Die nimmt ihn in die Arme und drückt ihn an die Brust. Endlich, nach den vielen Geburten mit so schrecklichem Verdruss, endlich darf sie wieder ein Kind in den Armen halten! Ungewöhnlich sanft sagt sie zu Elká: „Mein Sohn, nun hast du ein Brüderchen!“
Eine Frau bleibt noch bei der glücklichen Mutter, um ihr Ge-
sellschaft zu leisten; zwei andere machen die Hütte sauber. „Wir nennen ihn Jakuta, so hat sein Onkel geheißen.“ „Der Morgennebel wird kalt, wir müssen ihn in Bananenblätter wickeln.“ Die Mutter fällt ein: „Wir müssen auch feine Löcher in seine Ohrläppchen stechen und dünne Fäden hindurchziehen, auch binden wir kleine Bänder um seine Beine, genau unter dem Knie. Er soll ein schöner, guter Junge werden“ –und schon kommt eine Sorgenfalte in ihr Gesicht: „Jedenfalls dürfen die bösen Geister ihn nicht in ihre Gewalt bekommen.“ Elká, der plötzlich wieder Kind ist, fängt an zu weinen – er ist erleichtert, dass er nun endlich einen Bruder hat!
Warum sind alle in die Hütte gekommen, und warum ist ihr Rufen von Erfolg gekrönt? „Bring das Kind nicht um! Nimm es auf! Lass es leben!“ Ja, es gibt eine Macht, und die hat aus der Ewigkeit eingegriffen in diese geistliche Finsternis – und sie hat die Leute dazu gebracht, das zu rufen. Ihre Fürsprache für das Kind geschah unter der Schirmherrschaft des großen Schöpfers der Welt. Er, der Herr über alles und alle, er will, dass das Kind am Leben bleibt.
Nun gehen sie alle ins Dorfhaus zu ihren Hängematten und schlafen tief und fest bis zum Morgengrauen; in der Nacht bietet die „Umana“, die große Gemeinschaftshütte, einen sicheren Schutz gegen die Waldhunde und den Jaguar.
Die Hähne krähen, das Dorf erwacht und trotz der frühen Morgenstunde herrscht reger Betrieb. Der Rauch der Kochfeuer in der Umana kringelt sich unter dem Blätterdach nach draußen;
Rauch und Qualm bleiben zwischen den Matten hängen und machen das Atmen schwer.
Elkás erster Gedanke ist das Brüderchen und er eilt durch die Öffnung der großen Hütte hinaus; in seiner Hast stößt er beinahe mit zwei Frauen zusammen, die, weit nach vorn gebeugt, dicke Äste als Brennholz über den Dorfplatz schleppen.
Auch wäre er fast in die Eingeweide eines Waldschweins getreten – die Jagdhunde haben den Abfall vom Schlachten noch nicht ganz aufgefressen, es wimmelt darauf von Brummern und fleischfressenden Ameisen.
Drüben beim Werkhaus hocken die Männer auf ihren Schemeln und machen sich fein: Ihr langes schwarzes Haar, das bis an die Hüfte reicht, wird durchgekämmt und zu einem dicken Zopf geflochten. Wer im Urwald jagen will, steckt ihn in ein Bambusrohr, damit er nicht im Geäst hängen bleibt; andere haben schon angefangen, ihre Gesichter zu bemalen, rot und schwarz: Auf die Stirn und die Wangen, auf Nase, Kinn und den Oberkörper malen sie einander die Linien und Figuren auf, die schon ihr Vater und ihr Großvater gezeichnet hat.
Kapitel 2
Elká singt
Elká hat sein kleines Brüderchen sehr lieb. Eine ganze Regenzeit lang kann er seiner Mutter helfen, den kleinen Jakuta zu versorgen – er trägt ihn herum und tröstet ihn, wenn er weint. Dann zieht neues Ungemach herauf: In der nächsten Regenzeit geht Elkás Mutter wieder in die Geburtshütte, aber dieses Mal braucht Elká das Neugeborene nicht zu beschützen; es kommt tot zur Welt und auch Elkás Mutter überlebt die Geburt nicht.
Die beiden Jungen brauchen jemanden, der sie in die Traditionen ihres Wai-Wai-Stammes einführt, denn alle im Dorf wissen, dass der boshafte Tumika ihnen kein guter Vater ist.
Ein älterer Mann aus dem Dorf, ihr Onkel Fechwe, fühlt sich verantwortlich und nimmt die Sorge für die beiden Jungen auf sich. Seinen schrecklich mürrischen Stiefvater, den Tumika, mag Elká überhaupt nicht; aber er weiß, dass er ihm helfen muss, falls er einmal ernstlich krank werden sollte.
Eines Morgens – er bringt gerade seinen Korb mit Farben und Federn vom Werkhaus in das große Dorfhaus zurück, in dem sie schlafen und wohnen – hört er Tumika in seiner Hängematte stöhnen.
„Ist es dir warm genug, Vater?“, fragt Elká ihn.
„Ja, aber mein Kopf fliegt fast auseinander, er tut so weh“, klagt der. Elká erschrickt vor dem wilden Blick in den Augen des Stiefvaters und er begreift: Tumika braucht Hilfe! Er ruft ein paar Männer und bittet sie, seinem Vater zu helfen; die treten an Tumikas Hängematte und schauen besorgt drein. „Der Vater der ermordeten Kinder liegt im Sterben“, flüstern sie ängstlich. „Wir müssen Mafolio kommen lassen“, sagt der Dorfhäuptling; denn es ist seine Pflicht, sich um die Kranken im Dorf zu kümmern. „Hier kann nur der große Schamane mit seinen vielen Zaubersprüchen helfen.“ Ja, so ist es – die Männer stimmen schweigend zu, indem sie mit ihrem Kinn in Richtung des kranken Tumika weisen; der liegt in seiner Hängematte und stöhnt vor Schmerzen und wegen des Fiebers.
Mafolio! Wo ist er zu finden? Er wohnt bei den Großen Wasserfällen am Mapuera, er ist der beste Medizinmann im Land. Wo Mafolio geboren und wie er Schamane geworden ist, das weiß keiner; manche meinen, er wäre eigentlich gar kein WaiWai – und das macht ihn noch geheimnisvoller. Auch weiß niemand, seit wie vielen Regenzeiten er schon durch ihre Wälder zieht. Die meisten Indianer fürchten sich vor ihm, weil er den Geistern so nahe ist und auch dem mächtigen Kworokjam. Andererseits halten sie viel von Mafolio, denn wenn man ihn ruft, ist er immer bereit zu helfen. Deshalb ist er ja auch ständig unterwegs, auf den großen Flüssen und den kleinen Seitenarmen, wohin auch immer er gerade gerufen wird.
Elká kann sich nicht erinnern, dass Mafolio auch schon einmal in seinem Dorf gewesen wäre und er würde den großen Zauberdoktor zu gerne kennenlernen.
Von Tag zu Tag wird Tumika kränker. Der Dorfhäuptling hat einen Schnellläufer losgeschickt, der soll durch die Dörfer laufen und Mafolio suchen und ihn dann so schnell wie möglich in ihr Dorf an den Großen Felsen bringen. Ein Tag um den anderen vergeht.
Eines Morgens aber, Elká liegt noch in seiner Hängematte, da hört er plötzlich das dumpfe Geräusch von Paddeln, die an die Bootswand geschlagen werden. Sein Herz beginnt heftig zu pochen, gerade so, wie wenn man mit dem Ruder kräftig auf das Wasser schlägt. Er kann seiner Aufregung kaum Herr werden, denn draußen jubelt jemand: „Er kommt!“ – „Der große Mafolio kommt! Schnell, bringt die Kinder in den Urwald!“, schreit ein anderer.
Aufgeregt rennen die Frauen durchs Dorf und sammeln ihre Kinder ein, denn die dürfen dem Schamanen beim Zaubern auf keinen Fall unter die Augen kommen. Das ist bei den WaiWai eine strenge Vorsichtsmaßnahme; denn wenn Kinder dem Zauberdoktor bei seinem Werk zuschauen, könnten sie sehr krank werden und sogar sterben. Elkás Schwester packt den kleinen, erst zwei Regenzeiten alten Jakuta und rennt mit ihm in den Urwald.
Elká überlegt, was er tun soll – er ist immerhin mehr als neun Regenzeiten alt, aber noch keine zehn. Eigentlich müsste auch er zum Dorf hinaus, aber den großen Mafolio würde er doch allzu gern erleben! Also bleibt er da; nur muss er natürlich aufpassen, dass Mafolio ihn nicht zu sehen bekommt. Am liebsten würde er zum Anlegeplatz unten am Fluss schleichen, dann könnte er alles von Anfang an und ganz nah anschauen. Doch das geht leider nicht, denn wenn die Männer ihn sehen, dann
schimpfen sie und jagen ihn schleunigst zum Dorf hinaus. Aber wenn er unter dem Moskitonetz in seiner Hängematte liegen bleibt? Elká hofft, dass ihn dort keiner entdeckt.
Vom Fluss her dringen laute Rufe ins Dorf – gewiss ist Mafolio schon ganz nahe bei der Anlegestelle! Den neugierigen Jungen hält es nicht mehr in der Matte; an der Hüttenwand entlang schleicht er sich nach draußen.
Auf dem Weg zum Fluss hat er immer das Gebüsch im Auge, damit er sich jederzeit schnell darin verkriechen kann – und bald tut er das auch. Zwischen den Ästen und Blättern kann er ein wenig hinausspähen; er sieht, wie die Männer als Zeichen des Willkommens für Mafolio ihre frisch geschnitzten Pfeile in die Höhe halten. Die Frauen beeilen sich derweil, das Feuer auf ihren Kochstellen anzufachen. „Der Mann, der das Gute bringt, kommt zu uns!“, ruft jemand und tanzt vor Freude um die hübsch verzierte Bank, die für den Schamanen aufgestellt ist.
Dann rennen alle zum Fluss hinunter, nur Elká bleibt in seinem Versteck hinter dem Strauch. Am Ufer ertönen begeisterte Rufe über das Wasser, um den großen Mann willkommen zu heißen. Mit einer langen Stange dirigiert Mafolio sein Boot zur Anlegestelle – Elká reckt den Hals, um zwischen den Zweigen alles gut sehen zu können.
Mafolio erwidert den Gruß, dann wirft er die Stange in seinen Einbaum und packt einen Korb, der muss mit ins Dorf. Einem seiner Ruderer befiehlt er, ihm die Hängematte zu tragen und seinen großmächtigen Federschmuck; dann sieht Elká, wie der große Mafolio aus dem Boot ans Ufer springt. Er
weiß, dass Mafolio schon alt ist; aber das tut er so elegant wie ein Mann, dessen Kinder alle noch klein sind.
Nun sieht er den berühmten Schamanen würdevoll den Fußweg hinaufschreiten. Er trägt Bänder aus Tierhäuten, die kreuzen sich vor der Brust und hängen dann über die Schultern den Rücken hinunter. An seiner prächtigen Federkrone sieht man gleich, wie wichtig er ist; Elká wird ganz klein bei diesem Anblick.
Bei dem Strauch, hinter dem Elká sich versteckt hat, bleibt Mafolio stehen und sieht sich suchend um, am liebsten würde Elká jetzt im Erdboden verschwinden! Mafolio spuckt Tabaksaft auf den Busch und schüttelt sich vor Lachen; er lacht fast so, wie ein Huhn gackert, das ein Ei gelegt hat. Er lacht laut und lange. Die Leute aus dem Dorf, die ihm folgen, wissen nicht, warum er lacht; aber sein Lachen ist so ansteckend, dass auch sie zu lachen anfangen. Elká beißt sich auf die Lippen: Warum bleibt Mafolio so lange hier stehen? Sollte der Schamane, der so vieles kann – sollte er sehen können, was anderen verborgen ist? Erzählen ihm etwa Kworokjams Geister, dass er, Elká, hinter diesem Strauch sitzt?
Mafolio steht immer noch da. Kann er durch das dichte Gestrüpp blicken? Der Medizinmann lächelt und schaut dabei Elká direkt in die Augen, der Junge kann seinen Blick geradezu spüren. Und wieder fängt Mafolio mit seinem gackernden Gelächter an, als wollte er sagen: „Da sitzt ein Knirps hinter dem Strauch! Ich sehe ihn wohl, auch wenn er anderen verborgen ist, aber ich sehe ihn; Kworokjam sagt mir, dass er dort sitzt!“ Elká zittert vor Spannung. Endlich geht Mafolio weiter und alle folgen ihm.
27
Ganz vorsichtig, damit niemand ihn sehen kann, verlässt Elká sein Versteck. Unbemerkt schleicht er sich bis in den Schatten der Umana und klettert dann auf das Gestell mit den Kassawafladen, die dort trocknen. Von hier oben kann er alles gut beobachten.
Mafolio hat alle Hände voll zu tun. Ein paar Männer schickt er in den Urwald, sie sollen einen Baum holen, es muss eine bestimmte Palme sein; andere müssen kleine Löcher graben in einem Kreis, der eine Größe von drei großen Schritten hat. Der Palmbaum wird der Länge nach zerteilt in eine Reihe von Stäben, die werden in die Löcher gesteckt und oben zusammengebunden. Zum Schluss binden sie die Palmblätter als Dach und Wände daran fest, so dass ein abgeschlossener Raum entsteht. Es bleibt eine Öffnung, dort kann der Schamane die Blätter auseinanderschieben und hineinkriechen. So bekommt Mafolio seine „Schurifana“, in der er mit dem Patienten allein sein kann, um ihn zu behandeln.
Zwei Männer tragen Elkás Stiefvater durch diese „Tür“ in das Zelt, ganz schnell und lieblos, denn die Zeit drängt; dann werden die Blätter wieder vor die Öffnung geschoben.
Die Hütte ist nun ganz und gar zu. Was darin weiter passiert, das bleibt ein Geheimnis zwischen dem Schamanen, seinem Patienten und den Geistern. Nie, nie darf jemand anderes davon wissen!
Jetzt, wo er den Zauberdoktor nicht mehr sehen kann, empfindet Elká keine Gefahr mehr, dass die Dorfleute ihn wegschicken könnten. Die Älteren legen sich wieder in ihre Hängematte, die anderen gehen bis zur Mittagshitze ihrem Tagwerk
nach: Sie gehen fischen und jagen, sie ringen dem Urwald ein Feld ab – oder sie setzen sich ins Werkhaus, dort weben sie Hängematten und flechten Körbe, schärfen Pfeilspitzen nach und fertigen neue Pfeile an. Elká weiß, dass sie jetzt anfangen, über Zauberei zu sprechen und über die Macht der Geister. Er will Genaueres darüber wissen; dabei kann er gar nicht begreifen, warum ihn das alles so brennend interessiert, all das über Kworokjam und die Geister.
So springt er von dem Kassawa-Gestell hinunter und geht zu seiner Hängematte; da kann er mithören, was die Alten so besprechen. Auch Kurum ist dabei, Elká hat oft Angst vor ihm.
Seine Frau Tochi ist viel jünger als ihr Mann; sie hat eine scharfe Zunge und sucht oft Streit. Kurum und Tochi diskutieren über Mafolios Besuch: „Es war wirklich eine gute Idee, den großen Mann holen zu lassen, um Tumika zu behandeln“, sagt Kurum. „Also, ich sage dir, den Mistkerl sollte man totgehen lassen. Jedenfalls hat er die Behandlung mit den Zaubermitteln nicht verdient“, erwidert Tochi schnippisch.
Aus einer anderen Hängematte kommt die Stimme von Elkás Onkel Fehwe: „Der große Mann in der Schurifana soll nur tüchtig auf den Kranken pusten; denn Kworokjam und die Geister sind nah bei ihm, die werden ihm schon helfen.“ Aus anderen Hängematten hört man zustimmendes Gemurmel, es gibt noch viel darüber zu bereden.
Elká gibt sich größte Mühe, alles mitzubekommen; er sagt sich: „Pass gut auf! Meine Ohren müssen alles auffangen, was Fechwe über die Geister sagt.“ Tochi ruft boshaft: „Der, der jetzt redet, der meint, er wüsste über Kworokjam alles!“ – „Die Ohren von der, die immer Streit sucht, müssen nun meine
Worte auffangen und bewahren“, ruft Fechwe aus seiner Hängematte zu Tochi hinüber.
Elká lauscht den weiteren Erzählungen. „Kworokjam ist nicht jemand, den man sehen kann. Er ist auch nicht ein Geist, so wie er in jedem Tier steckt; vielmehr ist Kworokjam die Versammlung aller Geister, die über uns Wai-Wai herrschen. In ihm stecken viele böse Geister und die leben überall: In unserem Dorf, auf dem Fluss und im großen Wald. Immerzu sind sie darauf aus, die Menschen zu plagen, ihnen Schaden zuzufügen, sie krank zu machen und sie zu strafen. Es gibt viele böse Geister, aber es gibt auch ein paar gute.
Die Geister können sich in verschiedenen Tieren verbergen. Das flatternde Geräusch einer Fledermaus ist Kworokjams Geist, der irgendwohin unterwegs ist. Der Lärm, den die Brüllaffen im Urwald machen, das Krachen eines umfallenden Baumes im Sturm, das schmatzende Geräusch der Fische, wenn sie aus dem Wasser springen, das Tock-tock-tock fallender Wassertropfen – all das kommt von den Geistern und verkündet uns, dass Kworokjams Geister in der Nähe sind. Man muss also den ganzen Tag über gut darauf achten.
Nach der Geburt eines Kindes muss die Mutter schnell wieder arbeiten, der Vater darf sich aber nicht anstrengen. Von großen Bäumen muss er sich fernhalten; er darf auch nicht mit jemandem essen, der einen Tapir geschossen hat, denn dann könnte sein jüngstes Kind sterben. Und außerdem“, fuhr Fechwe fort, „haben die Menschen auch einen Geist, aber der ist Kworokjam nicht besonders nahe – es sei denn, dieser Mensch wäre ein Schamane.
Aber das kann man nicht einfach so werden, weil man das