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Kapitel 15 „Hören Sie, Frau Neumann“, flehte die blasse junge Frau, „mein Mann ist unschuldig, wirklich. Es kann gar nicht anders sein. Und Sie, Sie müssen das beweisen. Bitte, bitte, Sie sind unsere einzige Hoffnung!“ Cora schenkte der Frau einen mitfühlenden Blick. Sie war nur selten mit einem Fall betraut gewesen, der ihr derart nahe gegangen war. „Ich kann mir vorstellen, was Sie gerade durchmachen“, erwiderte sie leise. Aber sie wusste selbst, dass das gelogen war. Wer konnte auch nachvollziehen, was die Mutter dreier kleiner Kinder empfand, deren Mann gerade wegen Mordes in Tateinheit mit Kindesmissbrauch verhaftet worden war? „Sie glauben mir nicht!“, jammerte die Frau, die etwas unscheinbar war, aber trotzdem sympathische Gesichtszüge hatte. „Und das verstehe ich nicht! Ich habe Ihnen doch gesagt, dass mein Mann der beste Ehemann und Vater der Welt ist. Und ... und das ist noch untertrieben. Sie hätten ihn sehen sollen, wie liebevoll er mit Sandra und Michaela umgegangen ist. Da war nichts, aber auch rein gar nichts, was irgendeinen Verdacht hervorrufen könnte. Und dann ...“, die Frau stockte jetzt ein wenig, weil sie im Begriff war, ein Thema anzuschneiden, das ihr überaus peinlich war, „meine ... ich meine ... unsere Beziehung ... Sie wissen schon ... in sexueller Hinsicht. Ich bin sicher, dass mein Mann“, sie schüttelte den Kopf, weil sie nicht wusste, wie sie es ausdrücken sollte, „immer sehr zufrieden war ... in jeder Hinsicht, wenn Sie wissen, was ich meine.“ Cora senkte den Kopf. Wie sollte sie der Frau nur verständlich machen, dass ihr Ehemann eindeutig des heimtückischen Mordes an einem achtjährigen Mädchen überführt worden war? „Frau Tönjes“, begann sie sanft, musste dann aber innehalten und erst einmal niesen. Im Büro hatte sie immer die meisten Schwierigkeiten mit der Hausstauballergie, die vor ein paar Jahren urplötzlich aufgetaucht war. Dann fuhr sie fort: „Ich glaube Ihnen wirklich jedes Wort, aber die Beweislage ist erdrückend. Nehmen wir zum Beispiel die DNAAnalyse –“ „Ein Irrtum“, rief Frau Tönjes verzweifelt, „das ist die einzige Erklärung. Wir wissen doch beide, dass Menschen nun einmal Fehler machen. Und nicht nur Menschen“, fuhr sie eifrig fort, „auch Geräte können irren. Hab ich nicht Recht?“ „Grundsätzlich schon“, gab Cora ihr Recht, „aber in diesem Fall ist das wirklich mehr als unwahrscheinlich. Da sind doch auch noch die 142


Haare des Mädchens, die im Wagen Ihres Mannes gefunden wurden und dann –“ „Untergeschoben!“, rief Frau Tönjes und wirkte jetzt regelrecht hysterisch. „Diese Polizeibeamten ... das ... das ... hat man doch schon in Filmen gesehen ... die brauchen einen Sündenbock... besonders in Fällen wie diesem, wo die Öffentlichkeit so viel Anteil nimmt.“ Frau Tönjes sprang jetzt auf und begann, unruhig im Büro herumzuwandern. „Jetzt glauben Sie mir doch endlich, Frau Neumann, bitte!“ Cora konnte so gut verstehen, dass diese Frau die entsetzliche Realität nicht wahrhaben wollte. Aber sie wusste auch, dass sie ihr keinen Gefallen tat, wenn sie unberechtigte Hoffnungen in ihr weckte. „Hören Sie, Frau Tönjes“, begann sie vorsichtig, „manchmal ist die Wahrheit nicht so, wie wir sie gerne hätten. Aber auch dann ist es nötig, sie zu akzeptieren.“ „Nein, nein, nein“, widersprach Frau Tönjes ärgerlich, „Sie haben ja keine Ahnung. Ich, ich bin die Einzige, die meinen Mann wirklich kennt. Und ich sage Ihnen, dass er niemals in der Lage wäre, etwas Derartiges zu tun.“ Cora blieb ruhig, auch wenn sie sich allmählich genervt fühlte. „Niemand kennt einen anderen Menschen durch und durch“, entgegnete sie mit fester Stimme, „niemand. Menschen können sich verstellen, sie können Rollen spielen. Manchmal haben sie sogar zwei Gesichter, zwei völlig unterschiedliche Identitäten.“ Sie seufzte und musste an ihre eigene Vergangenheit denken. Niemand in ihrem Umfeld wusste davon. „Und manchmal sind es gerade die engsten Familienangehörigen, Ehepartner, Kinder, die wir täuschen.“ Cora sah in Frau Tönjes Gesicht und hoffte auf ein wenig Einsicht. Aber ihre Züge waren versteinert und es war nur noch Härte darin zu entdecken. „Sie wollen mir also nicht helfen“, sagte sie kühl, ja beinahe hasserfüllt. „Ich kann Ihnen nicht helfen“, erwiderte Cora freundlich. „Dann muss ich mir wohl einen anderen Anwalt suchen“, fauchte Frau Tönjes. Cora zuckte mit den Schultern. „Das steht Ihnen natürlich frei.“ Frau Tönjes würdigte Cora keines weiteren Blickes, schnappte sich nur wortlos ihre Handtasche und stürmte auf die Tür zu. Als sie sie aufriss, stieß sie beinahe mit Matthias Wendt zusammen, der gerade im Begriff war, an Coras Tür zu klopfen. „Oh, Verzeihung“, rief Coras Kollege aus. Aber Frau Tönjes reagierte gar nicht darauf, sondern stampfte an ihm vorbei in Richtung Ausgang. 143


„Ups!“, bemerkte Matthias und sah prüfend zu Cora hinüber. „Das ist wohl nicht besonders gut gelaufen, wie?“ Cora schüttelte traurig den Kopf. „Kann man nicht sagen.“ „Lass mich raten“, begann Matthias, „sie liebt ihren Mann und ist felsenfest davon überzeugt, dass er unschuldig ist. Und kein Beweis dieser Welt kann das ändern.“ Cora nickte. „Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen.“ „Was hat er, was ich nicht habe?“, seufzte Matthias scherzhaft und sah bedeutungsvoll zu Cora herüber. Er war vom ersten Tag an hinter ihr her gewesen und hatte auch nie einen Hehl daraus gemacht. Cora war in seinen Augen eine äußerst ansprechende Erscheinung. Sie war klein und zierlich mit einer wohlgeformten Figur. Ihre dunkelbraunen vollen und leicht gelockten Haare trug sie in einer modernen Kurzhaarfrisur, bei der das Deckhaar etwas länger geblieben, der Nacken aber raspelkurz geschnitten war. Das Faszinierendste an Cora aber waren die großen wasserblauen Augen, bei denen man nie genau wusste, was hinter ihnen vorging. Sie waren von langen dunklen Wimpern umrahmt und einfach wunderschön. Und es störte Matthias auch überhaupt nicht, dass Cora sich eher sportlich als damenhaft gab und anzog. Er fand, dass dieser Stil genau zu ihrer unkomplizierten und unaffektierten Art passte. Cora quittierte Matthias’ Bemerkung mit einem Grinsen, sagte aber nichts dazu. Sie hatte sich an seine harmlosen Flirtversuche gewöhnt und ignorierte sie einfach. Leider funktionierte das meist nicht so richtig. Und auch diesmal sah sich Matthias wohl gezwungen, noch deutlicher zu werden. Jedenfalls stieß er einen theatralischen Seufzer aus, setzte seinen treusten Hundeblick auf und jammerte: „Ach, Cora, warum erhörst du mich nicht endlich? Du musst doch einsehen, dass ich der netteste und verliebteste Trottel weit und breit bin. Und dass du einfach keinen Besseren finden wirst!“ „Da hast du natürlich Recht“, lächelte Cora. „Das Problem ist nur, dass ich gar nicht auf der Suche bin. Ich finde, dass eine Frau auch ohne Mann ganz gut zurechtkommt.“ Matthias sah Cora prüfend in die Augen und sagte dann ungewohnt ernst: „Wer hat dir nur das Herz gebrochen, schöne Frau?“ Coras Lächeln gefror regelrecht auf ihren Lippen und sie sah Matthias erschrocken an. Seit wann traf ihr Kollege, der sonst eigentlich nur für locker-flockige Sprüche gut war, so zielsicher mitten ins Schwarze? Matthias bemerkte ihre Betroffenheit und nickte. „Dachte ich’s mir doch.“ 144


Cora ließ ihre Gedanken in die Vergangenheit schweifen. Warum ließ es sie nach all diesen Jahren immer noch nicht los, dieses eine, besondere Gesicht? Und warum tat ihr diese Erinnerung immer noch so weh? „Möchtest du darüber reden?“, fragte Matthias. Cora schüttelte traurig den Kopf. „Aber stimmst du mir nicht zu, dass es manchmal hilfreich ist, das Vergangene hinter sich zu lassen? Und vielleicht ist es in deinem Fall gerade eine neue Beziehung, die dich dazu befähigen würde.“ Cora sah Matthias ein wenig mitleidig an. Es tat ihr Leid, dass sie ihn schon so lange abwies. Er war ja auch wirklich ein ausgesprochen netter Kerl und sie war froh, dass sie ihn zum Freund hatte. Aber mehr? Nein. Mehr konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Dazu hatte er zu wenig Tiefgang, viel weniger als ... Sie schüttelte den Kopf, als würde es ihr helfen, den Gedanken wieder loszuwerden. Wie lange wollte sie diesem Einen denn noch hinterhertrauern? Das Ganze war doch ewig her, sie war damals noch ein Kind gewesen. So etwas konnte einen doch unmöglich ein ganzes Leben lang verfolgen! „Na, was meinst du?“, drängelte Matthias. „Manchmal muss man im Leben einfach mal was Neues wagen.“ Aber Cora schüttelte erneut den Kopf. „Ich kann nicht, Matthias, es tut mir Leid.“ Matthias wirkte enttäuscht. Dann aber kam ihm ein neuer Gedanke. Ein Gedanke, der mit Coras wundem Punkt zu tun hatte. „Aber was ist mit Timo?“, fragte er plötzlich. „Hast du nicht selbst mal gesagt, dass er einen Vater braucht? Und ... und du hast auch gesagt, dass er mich ganz nett findet. Weißt du noch? Hey, es klingt vielleicht verrückt, aber es würde mich nicht stören, wenn du mich ... du weißt schon ... seinetwegen ... ich meine ... mit der Zeit würdest du schon lernen, mich zu lieben.“ Cora sah Matthias ungläubig an. Hatte er das etwa ernst gemeint? Mochte er sie wirklich so sehr? „Du bist total verrückt, Matthias“, sagte sie ernst. „Nein, bin ich nicht“, beteuerte Matthias. „Und ich wäre bestimmt ein guter Vater. Ich könnte ... Fußballspiele mit ihm besuchen ... oder ... mit ihm zelten fahren ... oder...“ Cora musste jetzt direkt ein wenig lachen. „Jetzt hör aber auf. Du hast absolut keine Ahnung, was du dir da aufhalsen würdest. Timo ist nicht so, wie du denkst. Er ist unausstehlich. Es würde keine zwei Wochen dauern, bis er dich aus der Wohnung geekelt hätte. Glaub mir, du würdest dir die Zähne an ihm ausbeißen.“ 145


„So wie du?“, fragte Matthias ernst. „Ja“, nickte Cora und schlug traurig die Augen nieder, „genauso.“ „Dann kommst du immer noch nicht besser mit ihm zurecht?“ Cora stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. „Zurechtkommen?“, fragte sie zynisch. „Was ist die Bedeutung dieses Wortes?“ „Und woran liegt’s?“, fragte Matthias. Cora holte gerade Luft, um etwas dazu zu sagen, als ihr Telefon läutete. Am Klingeln hörte sie, dass es sich um ein Gespräch innerhalb des Hauses handeln musste. „Neumann?“, meldete sie sich. „Ich bin’s, Susanne“, hörte sie die tiefe Stimme einer der ältesten und sympathischsten Mitarbeiterinnen der Kanzlei sagen, „ich hab hier ein Gespräch für dich in der Leitung.“ „Okay“, entgegnete Cora. „In welcher Sache?“ Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte Schweigen in der Leitung. „Na ja ... also ... es hat sich so angehört, als wäre es etwas Privates“, stammelte Susanne Fink. „Ach ja?“, wunderte sich Cora. Sie wurde selten privat angerufen. Schließlich hatte sie auch nur ein sehr kärgliches Privatleben. „Und wer ist dran?“ „Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes“, erwiderte Susanne zögernd. Allmählich kam Cora das Verhalten ihrer Kollegin etwas komisch vor. „Nun sag schon, wer dran ist.“ „Die Polizei.“ Coras Herzfrequenz verdoppelte sich innerhalb von Sekunden. Ob Timo wieder einmal etwas angestellt hatte? „Dann stell sie mal durch“, sagte sie und versuchte dabei krampfhaft, das Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. Sofort klickte es in der Leitung. „Neumann?“, sagte Cora nervös. „Altenburg, Polizei Heidelberg“, meldete sich eine reservierte Männerstimme. „Sind Sie Cora Neumann?“ „Ja“, bestätigte Cora und fragte dann sofort, „ist irgendetwas mit meinem Sohn?“ „In der Tat“, antwortete Herr Altenburg. „Ich muss Ihnen leider sagen, dass er ins Zentralkrankenhaus eingeliefert wurde. Aber machen Sie sich jetzt bitte keine allzu großen Sorgen. Er hat nur eine leichte Gehirnerschütterung und ein paar Prellungen.“ Cora war schon aufgesprungen. „Ich werde sofort hinfahren“, keuchte sie atemlos ins Telefon. „Moment noch!“, rief der Beamte mit plötzlicher Schärfe. Cora hielt in ihrer Bewegung inne. „Ja?“ „Ich möchte Ihnen noch ein paar Fragen stellen.“ 146


Cora atmete langsam aus und setzte sich wieder hin. Ihr schwante, dass das Gespräch jetzt erst richtig anfing. „Was für Fragen?“ „Zum Beispiel, wann Sie Ihren Sohn zuletzt gesehen haben.“ „Na, gestern Abend natürlich“, erwiderte Cora. „Und heute Morgen“, hakte der Polizeibeamte nach, „ist Ihnen da nicht aufgefallen, dass Ihr Sohn nicht zu Hause war?“ „Nein“, stammelte Cora, „ist es nicht ... ich gehe ja vor ihm aus dem Haus ... aber ... ich meine ... wann ist der Unfall denn passiert?“ Herr Altenburg schwieg einen Moment. „Wie kommen Sie denn darauf, dass Ihr Sohn einen Unfall hatte?“ Cora sagte gar nichts. Sie musste sich erst einmal sammeln. Was sollten die komischen Fragen? Und warum lag Timo im Krankenhaus? Sie hatte ihn doch gestern Abend in sein Zimmer verabschiedet. Und jetzt war es erst kurz nach zehn Uhr morgens. Was konnte er in dieser kurzen Zeit schon angestellt haben? Und dieser Polizeibeamte, warum vermittelte er ihr das Gefühl, dass sie sich als Mutter auf dem Prüfstand befand? Warum hatte sie den Eindruck, sich verteidigen zu müssen? Sie atmete einmal tief durch. Dann hatte sie sich so weit gefangen, dass ihre professionelle Ader wieder durchkam. „Herr Altenburg“, sagte sie fest und bestimmt, „Sie werden mir jetzt sofort mitteilen, wann und wie sich mein Sohn die von Ihnen beschriebenen Verletzungen zugezogen hat.“ „Das war gestern Nacht“, entgegnete der Beamte kühl, „während der Flucht aus dem Gemischtwarenladen, in den er zuvor eingebrochen war.“ Cora unterdrückte ein Stöhnen. Irgendwie bezweifelte sie kein einziges Wort von dem, was sie da gerade gehört hatte. Timo war ihr schon seit längerem immer mehr entglitten. Er trieb sich mit zweifelhaften „Freunden“ herum und war unverschämt zu ihr. So sehr sie es auch versuchte, es gelang ihr einfach nicht mehr, mit ihm zu reden. Und wenn sie ehrlich war, hatte sie nur darauf gewartet, dass es zum großen Knall kam. Jetzt war es also soweit. Der Sohn einer Strafverteidigerin, ein Kleinkrimineller. Fast zeitgleich aber kehrte ihr schwarzer Humor zu ihr zurück. Na ja, dachte sie mit einem zaghaften Grinsen, wenigstens hat er einen guten Anwalt. Und so sagte sie laut: „Unter diesen Umständen nehmen Sie doch bitte zur Kenntnis, Herr Altenburg, dass ich seine Verteidigerin bin.“ „Oh, tatsächlich“, antwortete der Polizeibeamte erstaunt und amüsiert zugleich, „das trifft sich aber gut. Haben Sie mit dieser Art von – sagen wir ... Aufgabenteilung – schon Erfahrung?“ Cora schnappte nach Luft und wurde postwendend von einem 147


Niesanfall heimgesucht. Während sie in ein Taschentuch schnaubte, ärgerte sie sich fürchterlich über ihren Gesprächspartner. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Erst überbrachte er Hiobsbotschaften und dann wurde er auch noch frech. Ihre Stimme, die aufgrund der Allergie eigentlich immer ein wenig rau klang, zitterte vor Wut, als sie entgegnete: „Wenn Sie sich diese Frage nicht selbst beantworten können, Herr Altenburg, dann sollten Sie vielleicht über einen Berufswechsel nachdenken.“ „Häh?“, machte Herr Altenburg nur. Er hatte nicht den blassesten Schimmer, worauf Cora hinaus wollte. „Polizeiarbeit!“, entgegnete Cora gereizt. „Meine langjährige und bisher übrigens recht harmonische Zusammenarbeit mit Ihrer Behörde hat mich nämlich gelehrt, dass die Daten eines Verdächtigen immer erst einmal durch den Computer geschickt und mit den vorhandenen Informationen abgeglichen werden. Und wenn Sie diesen Arbeitsschritt ordnungsgemäß erledigt hätten, dann wüssten Sie, dass mein Sohn vorher noch nie auffällig war.“ „Ich werd’s mir merken“, erwiderte Herr Altenburg mindestens ebenso gereizt. „Schön“, freute sich Cora und kam jetzt erst richtig in Fahrt, „und wenn Sie schon dabei sind, dann merken Sie sich doch auch, dass ich Ihnen untersage, meinen Sohn in meiner Abwesenheit zu befragen. Kriegen Sie das hin?“ „Natürlich“, antwortete der Polizeibeamte und lachte herablassend auf, „kein Problem. Wenn Sie Ihren Sohn ausreichend instruiert haben, sagen Sie mir einfach Bescheid.“ „Wir leben in einem Rechtsstaat, Herr Altenburg“, konterte Cora. „Es ist die Aufgabe eines Rechtsanwalts, seine Mandanten bei der Befragung durch die Polizei so zu begleiten, dass sie sich nicht selbst belasten. Davon haben Sie doch schon gehört, oder?“ „Oh, ja, ich hatte schon pausenlos mit Rechtsverdrehern ... äh ... Rechtsvertretern zu tun“, stammelte der Polizist geschickt. „Aber erstaunlicherweise ist es mir trotzdem manchmal gelungen, der Gerechtigkeit zum Siege zu verhelfen. Und glauben Sie mir, dieses Ziel werde ich auch weiterhin verfolgen.“ „Solange Sie dabei nicht vergessen, dass jeder Tatverdächtige bis zu seiner Verurteilung als unschuldig gilt, habe ich damit überhaupt kein Problem“, konterte Cora. „Und solange Sie nicht vergessen, dass wir Ihren Sohn auf frischer Tat ertappt haben, werden Sie dabei auch den nötigen Realismus nicht verlieren“, säuselte Herr Altenburg. 148


Cora sagte nichts dazu. Ihr war plötzlich bewusst geworden, dass sie nicht im Gerichtssaal war und dass es hier nicht um Sieg oder Niederlage, sondern um ihren Sohn ging. Und dass sie noch nicht einmal wusste, wie es überhaupt um Timo stand. „Sie haben wohl keine Kinder, Herr Altenburg“, sagte sie ins Telefon. Jetzt war es der Polizeibeamte, der schwieg. „Ich gehe jetzt zu meinem Sohn“, sagte Cora einfach und legte den Hörer auf. ❧ Cora stand eine geschlagene Viertelstunde vor der Tür des Krankenzimmers, bevor sie den Mut aufbrachte anzuklopfen und die Tür zu öffnen. Timo war in einem Vierbettzimmer untergebracht. Sein Bett, dessen Rückenlehne fast senkrecht stand, befand sich hinten rechts, direkt vor dem Fenster. Obwohl er nur mit Boxershorts bekleidet war, hatte er die Bettdecke weit von sich geschoben. So halbnackt wirkte er besonders dürr und schlaksig. Als er seine Mutter erblickte, verfinsterte sich sein Blick. Dann sah er demonstrativ zum Fenster hinaus und schien jeden Regentropfen vom Himmel bis auf den Boden zu verfolgen. Cora zog ihren dünnen hellgrauen Sommermantel aus. Sie hängte ihn sich über den Arm und ging dann langsam auf Timo zu. Sie fühlte sich nicht gerade wohl in ihrer Haut. Die ganze Situation war irgendwie befremdlich für sie. Sie wusste nicht, wie sie Timo begegnen sollte. Sie konnte ja nicht mal ungestört mit ihm sprechen. Außerdem gefiel ihr die Umgebung nicht. Das Zimmer war schrecklich kühl eingerichtet. Die Wände waren weiß verputzt, die Schränke weiß lackiert, die Krankenbetten mit schneeweißer Bettwäsche bezogen. Cora schauderte ein wenig. Hier sah alles so steril aus, dass sie sich kaum traute, irgendetwas anzufassen. Instinktiv sog sie ein wenig Luft durch ihre Nase ein. Aber auch jetzt nahm sie nichts wirklich Fassbares wahr. Es roch nach gar nichts, nicht mal nach Desinfektionsmittel. Und Cora fühlte sich auf einmal wie im Niemandsland… „Hallo“, sagte sie fast tonlos, als sie das Krankenbett erreicht hatte. Erwartungsvoll schaute sie Timo an. Sein Gesicht war kreidebleich, sein Kopf in Stirnhöhe mit einem Verband umwickelt. Darüber standen ihm die mittelblonden krausen Haare wie Kresse zu Berge. Alles in allem sah er ziemlich mitleiderregend aus. „Hallo“, antwortete Timo, ohne seine Mutter anzusehen. 149


Cora drehte sich verlegen zu den anderen Kranken um. Die unsichtbare Wand zwischen ihr und ihrem Sohn war auch für Dritte unübersehbar und das war ihr ausgesprochen peinlich. Ob es ihr wohl heute gelingen würde, ein einigermaßen konstruktives Gespräch mit ihrem Sohn zu führen? Sie hatte es sich vorgenommen, wusste aber beim besten Willen nicht, wie sie es anstellen sollte. „Ich hab dir ein paar Sachen mitgebracht“, sagte sie, um das Schweigen zu durchbrechen. Für einen ganz kurzen Moment streifte Timos Blick sie. „Danke“, entgegnete er. Sein Blick blieb an der kleinen Reisetasche hängen, die Cora in ihrer Hand hielt. „Mein Schrank ist da hinten, zweite Tür von links.“ Er deutete auf einen Kleiderschrank, der sich direkt neben der Tür befand. Cora nickte und ging auf den Schrank zu. Sie war froh, dass sie irgendetwas tun konnte und so öffnete sie den Schrank, räumte betont langsam die Unterwäsche und übrigen Kleidungsstücke hinein und schloss ihn dann wieder. Dann ging sie zum Bett zurück. „Darf ich mich setzen?“ „Klar“, antwortete Timo und wich ihrem Blick immer noch aus. Cora nahm auf dem Bett Platz und wartete. Sie hatte die Hoffnung, dass Timo von sich aus das Gespräch beginnen würde, noch nicht aufgegeben. Aber Timo sagte gar nichts. Er trommelte nur nervös mit seinen Händen auf der Bettdecke herum und sah zum Fenster hinaus. Irgendwann verließ Cora die Geduld. Sie legte ihre Hand auf Timos Hände und sagte sanft: „Reden wir?“ Timo zuckte mit den Schultern. „Worüber?“ „Zum Beispiel über gestern Nacht“, entgegnete Cora und klang dabei schon wieder ein ganz kleines bisschen gereizt. „Ach wirklich?“, antwortete Timo. „Und ich dachte, dass du dich nach meinem Gesundheitszustand erkundigen wolltest.“ „Das habe ich bereits“, konterte seine Mutter. „Und das Ergebnis war beruhigend. Du hast eine leichte Gehirnerschütterung. Aber die Schwester hat mir versichert, dass du in ein paar Tagen entlassen werden kannst.“ „Na, wenn die Schwester das sagt“, schmollte Timo. „Stimmt es etwa nicht?“, erkundigte sich Cora spitz. „Doch.“ „Na also. Und wo liegt dann dein Problem?“ „Mein Problem“, brauste Timo auf, „liegt darin, dass ich mit einer Kopfverletzung im Krankenhaus liege und es meine eigene Mutter scheinbar noch nicht einmal für nötig hält, mich persönlich zu fragen, wie es mir geht.“ 150


Cora atmete ein und dann langsam wieder aus. Das Gespräch war wieder einmal dabei zu eskalieren und sie musste all ihre Kräfte zusammennehmen, um jetzt nicht auszuflippen. Bleib ganz ruhig, befahl sie sich. Bleib einfach ruhig. „Also, wie geht es dir?“, fragte sie so unbefangen, wie es ihr in der jetzigen Situation noch möglich war. „Bis eben gut“, antwortete Timo und grinste ihr frech ins Gesicht. Cora seufzte abgrundtief. Dieses Kind war einfach zu einem Alptraum geworden. „Okay, okay“, sagte sie und hob kapitulierend die Hände. „Wie wär’s mit einer Auszeit?“ Timo senkte den Blick und zuckte müde mit den Schultern. „Nun, komm schon“, drängelte Cora. „Es hat doch keinen Zweck, wenn wir uns zerfleischen. Lass uns einfach noch mal von vorn anfangen. Also sag, was macht dein Kopf?“ Timo setzte eine Leidensmiene auf. „Er tut ganz schön weh.“ „Und erzählst du mir, wie es dazu kommen konnte?“, fragte seine Mutter liebevoll. „Du kommst gleich zur Sache, hm?“, fauchte Timo. „Natürlich!“, entgegnete Cora. „Ist doch wohl klar, dass mir diese Frage unter den Nägeln brennt.“ „Dann wird sie wohl noch ein bisschen weiter brennen müssen“, sagte Timo kühl und sah wieder einmal höchst interessiert aus dem Fenster. „Timo!“, beschwor Cora ihren Sohn. „Jetzt sei doch nicht so furchtbar stur. Es ist kein Pappenstiel, über den wir hier reden. Heute Morgen hat mich die Polizei angerufen. Sie behaupten, du wärst auf frischer Tat bei einem Einbruch ertappt worden. Weißt du eigentlich, was das bedeutet?“ „Nein, aber du wirst es mir sicher gleich erzählen.“ „Es bedeutet, dass du kriminell geworden bist. Kriminell, verstehst du das? Du hast ein Verbrechen begangen. Ein Verbrechen, keinen Dummejungenstreich!“ Cora hatte sich jetzt in Fahrt geredet und sah Timo herausfordernd an. Aber der rührte sich nicht und sah noch immer mit demonstrativer Gleichgültigkeit zum Fenster hinaus. „Timo!“, schrie Cora wütend. „Sieh mich wenigstens an, wenn ich mit dir rede!“ Timo wandte ihr jetzt tatsächlich in Zeitlupentempo sein Gesicht zu. Aber als Cora in seine Augen sah, entdeckte sie nur Hass darin, blanken Hass. Sie sah betroffen weg und fragte sich zum hundertsten, nein zum tausendsten Mal, was sie nur falsch gemacht hatte. Wie hatte es nur soweit kommen können? Wie hatte sie zulassen können, dass sich ihr Sohn derart von ihr entfremdete? „Timo!“, versuchte sie es 151


noch einmal und schlug dabei einen gemäßigten, versöhnlichen Tonfall an. „So geht es einfach nicht weiter. Im Grunde genommen weißt du doch, dass du Mist gebaut hast. Und dass du meine Hilfe brauchst.“ Verzweifelt sah sie in Timos Gesicht. Aber der schüttelte nur heftig den Kopf. „Sie halten sich wohl für völlig unentbehrlich, Frau Anwältin“, entgegnete er wütend. Cora sah traurig in Timos funkelnde Augen. Und da war sie wieder, die Erinnerung, die niemals nachließ, die sie gegen ihren Willen überallhin verfolgte. Warum nur? Warum nur hatte Timo diese durchdringenden grünen Augen geerbt? Warum hatte das Schicksal nicht gnädiger mit ihr sein können? Warum war sie dazu verurteilt, tagtäglich in diese außergewöhnlich schönen Augen zu sehen und an ihn erinnert zu werden? Und warum machte Timo alles noch viel schlimmer, indem diese Augen sie meistens wütend und verachtend anblickten? „Na ja“, murmelte sie. „Ich dachte schon, dass eine Mutter für ihren Sohn ein bisschen unentbehrlich ist.“ „Klar ist sie das“, lachte Timo bitter, „genauso wie ein Vater.“ Natürlich! Sie hatte sich schon gewundert, warum dieses Thema nicht schon längst auf den Tisch gekommen war. Früher oder später landeten sie doch immer an genau diesem Punkt. „Jetzt fang doch nicht schon wieder davon an“, schimpfte sie ärgerlich. „Doch!“, entgegnete Timo voller Entschlossenheit. „Und du brauchst dir auch gar keine Hoffnungen zu machen, dass ich irgendwann damit aufhöre. Ich werde dich erst in Ruhe lassen, wenn ich alles weiß, was ich wissen muss!“ Klasse! Jetzt hatte er es also wieder geschafft. Wieder einmal war es ihm gelungen, den Spieß einfach umzudrehen. Jetzt saß sie wieder auf der Anklagebank und nicht mehr er. Jetzt hatte sie wieder das schlechte Gewissen, musste sie sich verteidigen. Und das Schlimmste war, dass sie nicht einmal wusste wie. Ihr, der gewieften Anwältin, fehlten in dieser Angelegenheit einfach die Argumente. Es gab ja auch keine! Natürlich wollte ein 14-jähriger Junge wissen, woher er stammte. Natürlich sehnte er sich nach seinem Vater. Und natürlich ließ er sich nicht länger mit vagen Ausreden abspeisen. Sie sah ein, dass sie kein Recht hatte, ihm den Vater vorzuenthalten. Sie sah ein, dass ihr Schweigen für Timos Abgleiten verantwortlich war, dass es immer mehr und mehr Schaden anrichtete. Aber was sollte sie denn machen? Was war die Alternative? Sie konnte doch wohl schlecht an Tims Tür klingeln und sagen: Hey, Tim – schön, dich nach 15 Jahren wiederzusehen. Ich bin’s, Cordula, kennst du mich noch? Und übrigens, darf ich dir deinen Sohn vorstellen? 152


Bei diesem Gedanken lief es Cora wie immer eiskalt den Rücken hinunter. Tim wusste doch gar nichts von einem Sohn. Wahrscheinlich lebte er ein gutbürgerliches Leben, war längst mit Verena oder sonst jemandem verheiratet und hatte eigene Kinder. Nein! Sie hatte einfach kein Recht, sein Leben zu zerstören. Und sie wollte ihn nicht wiedersehen, konnte die Vorstellung nicht ertragen, ihn glücklich an Verenas Seite oder der einer anderen Frau zu sehen. Nach all den Jahren ging es immer noch nicht! „Du hast einen Einbruch begangen!“, versuchte Cora wieder auf das eigentliche Thema zurückzulenken. „Dafür kannst du im Gefängnis landen. Weißt du eigentlich, was das für deine Zukunft bedeutet?“ „Es ist meine Zukunft“, stellte Timo klar. „Mag sein. Aber bis du volljährig bist, habe ich dabei auch noch ein Wörtchen mitzureden!“ Timo beugte sich vor, sah seiner Mutter fest in die Augen und sagte kalt: „Versuch es doch!“ Für Cora war das wie ein Schlag ins Gesicht. Sie begriff plötzlich, dass sie den Zugang zu Timo noch vollständiger verloren hatte, als es ihr vorher bewusst gewesen war. Traurig stand sie auf. „Ich liebe dich, Timo“, flüsterte sie in Richtung ihres Sohnes, dann drehte sie sich um und verließ den Raum. Aber erst als die Tür hinter ihr zugefallen war, veränderte sich auch Timo. Die Härte wich aus seinem Gesicht. Er senkte den Blick und sah auf einmal genauso hilflos und traurig aus wie seine Mutter. Mit einem herzzerreißenden Seufzer ließ er sich gegen die Rückenlehne fallen und schloss die Augen. ❧ Cora lief nach dem Besuch im Krankenhaus noch lange Zeit ziellos durch die Heidelberger Innenstadt. Sie war völlig verzweifelt. Sie hatte das Gefühl, dass sie keinen Einfluss auf ihren Sohn mehr hatte. Und es gab keinen Zweifel, dass sein Leben in der Katastrophe enden würde, wenn es ihr nicht gelang, diesen Teufelskreis aus Wut, Trotz und falschen Einflüssen zu durchbrechen. Aber wie? Was konnte sie jetzt noch tun? Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Cora so weit beruhigt hatte, dass sie sich auf gewisse Dinge zurückbesinnen konnte. Sie erinnerte sich plötzlich an die Zeit vor gut 14 Jahren, als ihr Leben schon einmal völlig aus den Fugen geraten war. Damals war sie auf einer Parkbank aufgewacht, in einer für sie völlig fremden, riesigen Stadt, die noch 153


dazu Hunderte von Kilometern von ihrem bisherigen Zuhause entfernt lag. Sie war ausgehungert gewesen, verfroren, dreckig und orientierungslos. Und dann hatten die Wehen eingesetzt. Erst nur ein bisschen, dann immer stärker und heftiger. Irgendwann hatte sie vor Schmerzen zu weinen begonnen und war sicher gewesen, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hatte. In dieser Situation hatte sie nur noch eins tun können: Gott um Hilfe anzuflehen. Irgendwann war sie wohl bewusstlos geworden. Jedenfalls setzten ihre Erinnerungen erst sehr viel später wieder ein. Sie war in einem Krankenzimmer aufgewacht. Das Erste, was sie gesehen hatte, war diese alte Frau mit den hochgesteckten grauen Haaren. Sie hatte ihr freundlich zugelächelt. Im ersten Moment hatte sie sich selbst für tot und die Frau für einen Engel gehalten. Aber dann war die Frau aufgestanden und hatte ihr Baby geholt. Und von diesem Moment an hatte Cora sich wieder lebendig gefühlt, quicklebendig. Die Frau war jeden Tag gekommen und hatte ihr bei der Säuglingspflege geholfen. Und am Ende hatte sie ihr wie selbstverständlich angeboten, sie und das Kind mit zu sich nach Hause zu nehmen. Seitdem hatte Cora bei Tante Mechthild, wie sie sie nannte, gewohnt. Jahrelang war sie liebevoll umsorgt worden, hatte einen Babysitter gehabt und war in der Lage gewesen, trotz Kind ihr Abitur zu machen und in kürzester Zeit ein anspruchsvolles Studium zu absolvieren. Im Vergleich zu vorher war das wie der Himmel auf Erden für Cora gewesen. Sie hatte sich glücklich und geborgen gefühlt. Die Wirklichkeit hatte sie erst wieder eingeholt, als Tante Mechthild vor zwei Jahren an Krebs erkrankt und schließlich gestorben war. Es war schon schwer genug für sie gewesen, selbst über den schlimmen Verlust hinwegzukommen. Aber dann hatten auch noch die Probleme mit Timo begonnen. Der Tod seiner geliebten „Oma“ in der sensiblen Phase beginnender Pubertät hatte ihn wohl stärker aus der Bahn geworfen, als es Cora jemals vermutet hätte. Heute warf sie sich vor, falsch darauf reagiert zu haben. Statt das Gespräch mit ihm zu suchen, hatte sie die ständigen Fragen nach seinem Vater und seiner Herkunft, die sie heute als logische Konsequenz seiner Verlustängste begriff, im Keim erstickt. Cora seufzte tief. Die Situation war ganz schön verfahren. Trotzdem war ihr eines geblieben: ihre Beziehung zu Gott. In all den Jahren war sie immer stärker und stabiler geworden. Und auch jetzt war sie ihr ein wirklicher Trost. Gott hatte sie schon damals aus einer eigentlich ausweglosen Situation herausgeholt. Was er damals geschafft hatte, das konnte er heute noch genauso! 154


Und so betete Cora auch jetzt. Sie schüttete Jesus ihr ganzes Herz aus, legte ihm ihre ganze Ohnmacht zu Füßen und flehte um seine Hilfe. Sie betete so innig und mit so viel Konzentration, dass sie keine Aufmerksamkeit für ihren Weg mehr übrig hatte. Und so ging sie einfach immer geradeaus. Als sie vielleicht zwei Stunden später aus ihrer Versunkenheit in die reale Welt zurückkehrte, hatte sie keine Ahnung, wo sie sich befand. Ein bisschen verwirrt sah sie sich um. Sie war in irgendeinem Wohngebiet gelandet. Fest stand nur, dass sie in diesem Teil der Stadt noch nie zuvor gewesen war. Und dass die Häuser wahrscheinlich so aus den Siebzigern stammten. Sie kramte ihr Handy aus der Handtasche. Jetzt war es wohl am besten, sich ein Taxi zu rufen. Sie wählte die ihr bekannte Nummer einer Taxizentrale. „Taxiruf Schmitz“, meldete sich eine helle Frauenstimme. „Neumann“, entgegnete Cora, „können Sie mir bitte ein Taxi schicken?“ „Aber gern. Wie ist denn die Adresse?“ Cora runzelte die Stirn. Adresse? Sie hatte gar nicht daran gedacht, ein Straßenschild zu suchen. „Ich ... ähm...“, stammelte sie. „Ja?“, fragte ihre Telefonpartnerin ungeduldig. Cora drehte sich im Kreis und suchte nach einem Straßenschild. Sie fand nur leider keins. „Hallo!“, rief die Dame aus der Taxizentrale genervt. „Sind Sie noch dran?“ „Ja“, entgegnete Cora schnell. „Ich ... weiß nur leider im Moment nicht, wie die Straße heißt, in der ich mich befinde. Aber ... ich finde es gleich heraus.“ „Na, hoffentlich“, sagte die Frau am anderen Ende der Leitung. Cora behielt das Handy am Ohr und begann gleichzeitig, die Straße entlangzulaufen. Über kurz oder lang musste doch wohl ein Straßenschild auftauchen. Und tatsächlich, da hinten, in vielleicht fünfzig Meter Entfernung, entdeckte sie eine Straßenkreuzung. „Was ist denn nun?“, hörte sie ihre Telefonpartnerin nörgeln. „Moment noch“, keuchte sie. Sie war jetzt schon fast an der Kreuzung angelangt. Und tatsächlich, da war ja auch ein Straßenschild. Akazienallee las sie, und dann fiel ihr Blick auf ein weiteres Schild an dem Eckhaus: Eduard Ballmer, Private Ermittlungen. „Sagen Sie mal“, meckerte die Dame aus der Taxizentrale ins Telefon, „haben Sie eigentlich eine Ahnung, wie lange Sie jetzt schon unsere Leitung blockieren? Wenn das jeder machen würde, kämen wir 155


hier zu gar nichts. Also bitte, entweder Sie verraten mir auf der Stelle, wohin ich das Taxi schicken soll, oder ich lege auf!“ Cora starrte noch immer auf das Schild an der Hauswand. Sollte sie oder sollte sie nicht? „Hallo!?!“, kam es völlig entnervt aus dem Hörer. „Tut ... tut mir Leid“, stotterte Cora, „aber ich glaube ... ich brauche gar kein Taxi mehr.“ „Was?“ Ungläubigkeit und Wut hatten die Stimme der Dame beinahe entgleiten lassen. „Ich melde mich später wieder“, sagte Cora und schaltete ihr Handy aus. Dann ging sie langsam auf das Haus zu. Sie hatte plötzlich keinen Zweifel mehr, dass sie es versuchen musste. Vielleicht war es ja ein Wink Gottes. Und wenn nicht, wenn zum Beispiel niemand zu Hause war, dann konnte sie es sich ja immer noch anders überlegen. Das Haus war ein schon älteres Einfamilienhaus. Es war verklinkert, hatte einen hübschen Erker und einen gepflegten Vorgarten. Cora ging den gepflasterten Weg bis zur Eingangstür entlang und klingelte dann unter der Aufschrift „Büro“. Sie musste nicht lange warten. Schon nach wenigen Sekunden öffnete sich die Tür und ein Mann von vielleicht Ende 30 stand vor ihr. Er trug einen schwarzen Anzug und machte einen gepflegten Eindruck. Das verunsicherte Cora ein wenig. Wenn sie ehrlich war, hatte sie einen unrasierten Mittfünfziger mit Kippe im Mund erwartet. „Was kann ich für Sie tun?“, fragte der Mann höflich. „Ich ... also ... habe Ihr Schild gelesen“, stammelte Cora mal wieder, „aber ... vielleicht habe ich es auch falsch interpretiert.“ Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. Bestimmt war nur ihre Fantasie mit ihr durchgegangen. „Wie haben Sie es denn interpretiert?“, lächelte der Mann. „Na ja“, begann Cora und kam sich auf einmal selten dämlich vor, „ich dachte, Sie sind so was wie ein ... Privatdetektiv?“ „Ja, so nennt man Leute wie mich im Volksmund“, antwortete er fröhlich. „Wollen Sie nicht reinkommen?“ Cora sah den Mann noch immer ein wenig entgeistert an. Er sah eher wie ein Beamter aus als wie ein Privatdetektiv. Er war schlank, mittelgroß und ein dunkler Typ. Auf seiner Nase ruhte eine Brille, die aufgrund der großen Gläser ein wenig altmodisch wirkte. Sollte so wirklich ein Privatdetektiv aussehen? „Ich weiß nicht“, entgegnete sie unentschlossen. „Nun kommen Sie schon“, lächelte der Mann und machte eine galante Handbewegung nach drinnen. 156


Cora betrat zögernd das Haus. Der Mann führte sie einen hellen, freundlichen Flur entlang und geleitete sie dann in sein Büro. Auch dieser Raum passte überhaupt nicht in das Klischee des Fernseh-Privatdetektivs. Er war modern eingerichtet, sehr sauber und ausgesprochen aufgeräumt. „Mein Name ist übrigens Ballmer“, stellte er sich jetzt vor, „Eduard Ballmer.“ „Neumann“, entgegnete Cora und reichte dem Privatdetektiv die Hand. Der deutete auf einen Stuhl, der vor dem Schreibtisch stand. „Nehmen Sie doch bitte Platz.“ Während Cora sich setzte, ließ sich Herr Ballmer auf dem Bürostuhl hinter dem Schreibtisch nieder, kramte ein leeres Blatt aus seinem Schreibtisch hervor und nahm einen Kugelschreiber zur Hand. „Also, wo drückt denn der Schuh?“ Cora schluckte. Der Schuh drückte ja an mehreren Stellen. Aber seit ein paar Minuten war sie sich nicht mehr so sicher, ob das hier behoben werden konnte. Vielleicht war es ja gar nicht gut für sie, wenn sie wusste, was aus Tim geworden war. Andererseits ... wo sie jetzt schon mal hier war ... Und dann diese Neugier und die Sehnsucht, die sie schon seit 15 Jahren bekämpfte. „Ich möchte, dass Sie jemanden für mich finden“, sagte sie mutig. „Name, Alter, frühere Adresse?“ „Tim Berghoff“, entgegnete Cora immer noch zögernd. „Er müsste jetzt 32 sein. Ich weiß nur, wo er vor 15 Jahren gewohnt hat.“ Eduard Ballmer nickte und ließ sich die Adresse diktieren. „Aussehen?“, fragte er dann. „Sehr gut aussehend“, antwortete Cora spontan. Eduard Ballmer grinste. „Ich hatte auf etwas konkretere Angaben gehofft, Sie wissen schon, Haar- und Augenfarbe, Größe, Statur.“ Cora errötete ein wenig. Sie fühlte sich irgendwie ertappt. „Also, damals war er ungefähr einsachtzig groß. Und ... also ... wahrscheinlich ist er seitdem ja auch nicht mehr gewachsen.“ Sie schloss gequält die Augen. Was redete sie da nur für ein wirres Zeug? „Seine Augenfarbe ... ja ...“, stotterte sie weiter, „die ist grün ... sehr auffällig grün, und seine Haare sind blond.“ „Genaues Geburtsdatum?“, fragte Herr Ballmer und grinste immer noch. „16. Juli 1968.“ „Schulbildung, Ausbildung, besondere Fähigkeiten oder Kennzeichen?“, fragte der Privatdetektiv weiter ab. 157


„Wahrscheinlich hat er Abitur gemacht, jedenfalls war er damals in der dreizehnten Klasse. Er war sehr musikalisch, spielte schon damals mehrere Instrumente, also Klavier, Gitarre und Cello. Und er hat auch selbst komponiert.“ „Und was soll ich tun, wenn ich ihn gefunden habe?“ Cora war auf einmal wild entschlossen. Wenn schon, denn schon, dachte sie bei sich und sagte: „Finden Sie alles über ihn heraus, einfach alles. Sie wissen schon, seinen Beruf, seinen Familienstand, seine Hobbys, was er in den letzten Jahren so gemacht hat.“ Coras Herz klopfte jetzt bis zum Hals. Sie konnte es kaum noch erwarten, all das zu erfahren. Und ihre Stimme überschlug sich fast, als sie übereifrig hinzufügte: „Und liefern Sie mir Fotos – von ihm, seiner Frau, seinen Kindern.“ „Kein Problem“, lächelte Herr Ballmer und sah sein Gegenüber prüfend an, „allerdings müssen wir uns noch über mein Honorar unterhalten.“ Cora nickte mechanisch. Geld spielte seit einiger Zeit keine große Rolle mehr für sie. Sie hatte sich in der Kanzlei gut etabliert und verdiente mehr, als sie mit Timo zum Leben brauchte. Dadurch hatte sie auch schon so einiges sparen können. „Na, dann schießen Sie mal los. Was kostet ein Privatdetektiv denn so?“ Eduard Ballmer grinste erfreut und sagte: „Ich nehme gewöhnlich 600 Euro am Tag, Spesen extra.“ Jetzt schluckte Cora aber doch. Wollte dieser Typ sie ausnehmen? Auf einmal erwachte wieder die erfahrene Rechtsanwältin in ihr. „Sehe ich so reich oder so verzweifelt aus?“, fragte sie frech. Das Lächeln erstarb auf Herrn Ballmers Gesicht. „Wieso?“ „Vielleicht halten Sie mich ja auch nur für naiv und unerfahren“, fuhr Cora fort und erhob sich. „Nicht doch!“, rief Herr Ballmer erschrocken und sprang ebenfalls auf. „Dann machen Sie mir ein vernünftiges Angebot!“ „Sicher ... klar“, stammelte der Privatdetektiv und schien krampfhaft nachzudenken. „Wie wär’s ... also ... mit 500 Euro am Tag?“ „Ich biete Ihnen 350“, begann Cora, „aber dafür erwarte ich mindestens acht Stunden Arbeit und einen Rechenschaftsbericht über jede Minute, die Sie für mich im Einsatz waren. Außerdem möchte ich, dass Sie mich einmal am Tag anrufen. Dann geben Sie mir Ihre Ergebnisse durch und ich kann entscheiden, ob Sie Ihr Geld wert sind und ich Sie für einen weiteren Tag engagiere. Ach ja, und was die Spesen anbelangt, verlange ich eine Einzelaufstellung inklusive Belege für jeden Euro, den Sie aufwenden.“ 158


Eduard Ballmer sah aus, als ob er sich ziemlich überfahren fühlte. Trotzdem nickte er tapfer. „Einverstanden.“ „Gut. Wann werden Sie anfangen?“ Der Privatdetektiv überlegte einen Moment. Dann fragte er zaghaft: „Nächste Woche?“ „In Ordnung.“ Cora öffnete jetzt ihre Handtasche, kramte ihre Karte daraus hervor und reichte sie Herrn Ballmer. „Rufen Sie mich im Büro an.“

Kapitel 16 „Wo willst du denn jetzt schon wieder hin?“, fragte Cora entgeistert. Es war Sonntag und sie hatte sich vorgenommen, den Nachmittag mit Timo zu verbringen. „Wohin wohl?“, fragte er, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt. Cora seufzte. Konnte er sich nicht wenigstens ein einziges Mal die Mühe machen, freundlich zu ihr zu sein? „Tischtennis?“ „Volltreffer!“, grinste Timo süßlich. „Der Kandidat hat 99 Punkte.“ „Egal, der Kandidat ist von dieser Antwort wenig begeistert“, gab Cora zurück. „Du bist erst vorgestern aus dem Krankenhaus entlassen worden, solltest du da nicht noch ein wenig auf Sport verzichten?“ „Die brauchen mich aber“, entgegnete Timo gereizt. „Sonst schaffen wir den Aufstieg nicht.“ Cora seufzte erneut. Vor vielen Jahren war es ihre Idee gewesen, Timo im Tischtennisverein anzumelden. Und sie hatte sich auch darüber gefreut, dass er innerhalb kürzester Zeit ein wahres Ass geworden war, unangefochtener Vereinsmeister und unentbehrlich in der Mannschaft. Aber dann hatte er diesen Alex dort kennen gelernt. Und Cora wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Kontakt alles andere als gut für ihn war. „Als ob der Aufstieg wichtiger wäre als deine Gesundheit“, argumentierte sie. „Es geht mir hervorragend“, erwiderte Timo und ließ sich im Flur nieder, um seine Turnschuhe anzuziehen. Er verschnürte sie allerdings nicht, sondern steckte die Schnürbänder einfach seitlich in die Schuhe. Cora sah ihm ein wenig angewidert dabei zu. Sie konnte die derzeitige Mode noch immer nicht so ganz nachvollziehen. Wenn man schon über die Hosen stolperte, die mindestens zwanzig Zentimeter zu lang waren, warum mussten dann auch noch die Schuhe zur Lebensgefahr 159


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