Kapitel 1
Ein verhärtetes Herz Ernten, was gesät wurde
Es war Sonntagabend und Robert Hardy war gerade vom Abendgottesdienst in der Kirche von Barton nach Hause gekommen. Normalerweise schenkte er sich den Abendgottesdienst, aber ein Satz, den sein Pastor am Morgen gesagt hatte, hatte ihn veranlasst, dieses Mal hinzugehen. Am Abend schneite es und es war sehr ungemütlich draußen. Roberts Frau Mary hatte sich deswegen entschuldigt und ihn nicht zur Kirche begleitet. Als er nach Hause kam, war Robert missmutig und leicht reizbar. „Auf keinen Fall gehe ich noch einmal in den Abendgottesdienst! Das wirst du nicht erleben“, brummte er. „Es waren nur fünfzig Leute da – eine einzige Vergeudung von Petroleum. Und eine so langweilige Predigt habe ich noch nicht gehört. Ich glaube, Pastor Jones wird langsam zu alt für unsere Gemeinde. Wir brauchen einen jungen Mann, 22
einen, der mit der Zeit geht. Jones reitet immer darauf herum, dass wir unsere Kraft dafür einsetzen sollen, Seelen zu retten. Wenn man ihn reden hört, könnte man meinen, jeder, dessen höchstes Ziel es nicht ist, Seelen zu retten, sei ein Räuber und ein Feind der Gesellschaft. Und dann redet er ständig von diesem neumodischen ‚christlichen Sozialismus‘, wie er es nennt. Er ist der Ansicht, reiche Menschen würden die Armen unterdrücken und die Kirchenmitglieder sollten die Lehren Christi wörtlicher nehmen und den Unterprivilegierten helfen. Pah! Ich habe es satt, ständig aufgefordert zu werden, den Bedürftigen zu helfen! Wenn das so weitergeht und er seinen Predigtstil nicht ändert, ziehe ich meine Verpflichtungserklärung für den Zehnten zurück.“ Mary wartete geduldig ab, bis ihr Mann sich ein wenig beruhigt hatte. Dann fragte sie: „Worum ging die Predigt heute Abend?“ „Ach, ich erinnere mich gar nicht mehr genau“, erwiderte Robert. „Irgendetwas von wegen: ‚Noch in dieser Nacht soll deine Seele von dir gefordert werden‘ oder so ähnlich. Ich halte nichts von diesem Versuch, den Menschen Angst zu machen, damit sie sich bekehren.“ „Um dir Angst zu machen, Robert, wären schon eine ganze Reihe von Predigten nötig“, schalt Mary. 23
„Ja, mehr als zwei in der Woche“, erwiderte er mit einem trockenen Lachen. Er zog seinen Mantel aus und ließ sich auf dem Sofa vor dem Kaminfeuer nieder. Lauschend legte er den Kopf zur Seite, dann fragte er: „Wo sind die Mädchen?“ „Alice ist oben und liest die Morgenzeitung“, erklärte sie. „Clara und Bess sind zu den Caxtons hinübergegangen.“ „Wieso sind sie dorthin gegangen?“ Mary zögerte. Schließlich erwiderte sie: „James kam her und hat sie eingeladen.“ „Sie wissen doch genau, dass ich ihnen den Umgang mit den Caxtons verboten habe!“, ereiferte sich Robert. „Wenn sie zurückkommen, werde ich ihnen schon beibringen, dass ich auch wirklich meine, was ich sage. Wieso begreifen die Mädchen das nicht?“ Robert sprang vom Sofa auf und stapfte durch den Raum, bevor er wieder zurückkam und sich erneut niederließ. Von seinem Platz aus stocherte er brüsk mit der Schaufel im Feuer herum. Mary biss sich auf die Lippe. Sie schien eine Erwiderung auf der Zunge zu haben, schluckte sie jedoch hinunter. Schließlich fragte Robert: „Und wo sind die Jungen?“ „Will ist oben in seinem Zimmer und lernt. George ist gegen ein Uhr ausgegangen. Er hat nicht gesagt, wo er hinwollte.“ 24
„Was für eine nette Familie!“ Roberts Tonfall triefte vor Sarkasmus. „Gibt es auch nur einen Abend im Jahr, an dem alle unsere Kinder zu Hause sind, Mary?“ „Fast so viele Abende wie solche, an denen du zu Hause bist“, konterte Mary. „Bei deinen Verpflichtungen im Club, der wissenschaftlichen Gesellschaft, deiner Lesegruppe und den Direktorensitzungen sehen die Kinder etwa so viel von dir wie du von ihnen. Wie viele Abende in der Woche schenkst du uns, Robert? Wunderst du dich wirklich darüber, dass die Kinder ausgehen, um mit anderen zusammen zu sein und Spaß zu haben? Unser Heim –“ Mary hielt inne und sah sich in dem teuer möblierten Raum um, in dem sie sich gerade befanden. „Unser Heim ist gut ausgestattet mit allem, was nötig ist, aber unsere Kinder fühlen sich hier nicht wohl!“ Der Mann auf dem Sofa schwieg. Er spürte die Schärfe des Vorwurfs, den seine Frau gemacht hatte, und wusste, dass sie recht hatte. Leugnen wäre sinnlos. Aber Robert war sehr selbstsüchtig. Er hatte nicht die geringste Absicht, auf seinen Club, seine wissenschaftliche Gesellschaft oder die gemütlichen Abendessen mit Geschäftsleuten in der Stadt zu verzichten, nur weil seine Frau so viele Abende einsam zu Hause saß oder seine Kinder ihm beinahe fremd geworden waren. 25
Trotzdem ärgerte es ihn, dass seine Kinder mit Menschen Umgang hatten, die er nicht billigte, denn schließlich war er ein angesehener Bürger. Außerdem war er der Ansicht – ein Relikt seiner neuenglischen, puritanischen Erziehung –, dass seine Kinder abends zu Hause zu sein hätten, vor allem an einem Sonntagabend. Robert Hardys Maxime lautete: „Ich zuerst.“ Solange er nach Herzenslust seinen eigenen Vergnügungen nachgehen konnte, war er ein gutmütiger und angenehmer Mensch. Großzügig kam er für die Ausgaben des Haushalts auf und erfüllte seiner Frau und seinen Kindern ihre Wünsche. Aber sobald seine eigenen Pläne durchkreuzt wurden oder er um einen Gefallen gebeten wurde, der ihn in seiner Bequemlichkeit störte, reagierte er hart, übellaunig und hochmütig. Seit fünfundzwanzig Jahren gehörte er der Kirche von Barton an und bedachte sie mit großzügigen Spenden. Und darauf war er auch stolz. Aber wenn es darum ging, einen Teil seiner Zeit zu opfern oder sich persönlich zu engagieren, dann war mit ihm nicht zu rechnen. Ein solches Ansinnen war ihm so fremd wie die Vorstellung, seinen gesamten Besitz dem erstbesten Mann zu schenken, der ihm begegnete. Pastor Jones hatte ihm in der vergangenen Woche einen herzlichen Brief geschrieben, in dem er ihm 26
für seine finanzielle Unterstützung der Gemeinde gedankt und ihn gebeten hatte, die Gebetsstunde am Mittwochabend zu besuchen. Robert hatte den Brief überflogen und verächtlich gelächelt. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal an der Gebetsstunde am Mittwochabend teilgenommen hatte; sie war ihm zu langweilig. Robert fragte sich, warum der Pastor diesen Brief geschrieben hatte, und er empfand ihn beinahe als Unverschämtheit. Er hatte ihn in den Papierkorb geworfen, ohne überhaupt darüber nachzudenken, ihn zu beantworten. Auf einen Geschäftsbrief hätte er niemals so unhöflich reagiert, aber ein Brief von seinem Pastor war etwas anderes. Robert wäre nie auf den Gedanken gekommen, Post von ihm zu beantworten. Und an dem betreffenden Mittwochabend hatte er schließlich in der Stadt ein Treffen seines Schachclubs besucht und sich mit seinem Lieblingsspiel die Zeit vertrieben. Er war ein guter Schachspieler und an einigen Partien beteiligt, die für den nationalen Wettkampf ausgetragen wurden. Da hatte es aber noch eine andere Anfrage an Robert gegeben, doch um diese Bitte zu erfüllen, hätte er seine Zeit und Energie einsetzen müssen. Der Leiter der Sonntagsschule hatte ihn gebeten, eine Jungengruppe zu übernehmen. Was? Er sollte sich mit einer Horde frecher und wilder Bengel abgeben? Er, der einflussreiche, wohlhabende Direktor 27
einer der größten Eisenbahngesellschaften der Welt? Er sollte seine Zeit für eine Sonntagsschulklasse opfern? Er hatte abgelehnt mit der Ausrede, er hätte keine Zeit dafür, doch an dem Abend nach dem Gespräch mit dem Sonntagsschulleiter war er ins Theater gegangen, und später, nachdem er nach Hause gekommen war, hatte er in seinem Chemielabor auf dem Dachboden seines Hauses herumgewerkelt. Für Dinge, die ihm Spaß machten, hatte er Zeit. Er war nicht faul, doch er hatte schlicht und ergreifend keine Lust, sich mit seiner Zeit, seiner Arbeitskraft und seinem Talent für etwas einzusetzen, das etwas Gutes in der Welt bewirken würde. Und als er nun auf dem Sofa lag und sich anhörte, was seine Frau über seine Selbstsucht sagte, hatte er nicht die Absicht, auch nur eine einzige Aktivität aufzugeben, die ihm Freude machte und seinem Ego schmeichelte. Nach langem Schweigen erklärte sie kühl, als ginge es sie nichts an: „Mr Burns war übrigens hier, als du unterwegs warst.“ Dass derVorarbeiter von Roberts Eisenbahngesellschaft ihn zu Hause aufsuchte, war ungewöhnlich. „Tatsächlich?“, fragte Robert. „Was wollte er?“ „Er sagte, vier Männer aus der Gießerei seien am Nachmittag bei einem Unfall schwer verletzt worden“, erklärte Mary. „Die gesamte Mannschaft 28
hätte die Arbeit eingestellt und sei nach Hause gegangen.“ „Aber konnte Burns die verletzten Männer denn nicht ersetzen? Er weiß doch, wo er Ersatz finden kann.“ Mary zuckte die Achseln. „Deswegen war er ja hier. Er sagte, er brauche weitere Instruktionen. Die Männer haben sich wohl rigoros geweigert, auch nur noch eine Minute länger zu arbeiten. Alle sind geschlossen nach Hause gegangen. Ich kann nicht sagen, dass ich ihnen das übel nehme.“ Sie hielt einen Augenblick inne, dann fragte sie: „Robert, findest du es richtig, die Männer am Sonntag in der Fabrik arbeiten zu lassen?“ „Was? Sei doch realistisch, Mary!“, erwiderte Robert, wenn auch mit einem Hauch von Unbehagen in der Stimme. „Wir müssen rund um die Uhr arbeiten. Unsere Arbeit ist anspruchsvoll und sehr wichtig für die Wirtschaft. Eisenbahnarbeiter stehen im Dienst der Öffentlichkeit; wir können uns keinen Ruhetag leisten.“ „Dann hat Gott, als er das Gebot erließ, am Sonntag nicht zu arbeiten, die Eisenbahnarbeiter also davon ausgenommen?“, konterte Mary. „Das vierte Gebot sollte also eigentlich heißen: ‚Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligest, außer ihr Männer, die ihr für die Eisenbahn arbeitet. Für euch gibt es keinen Sonntag.‘“ 29
Robert verschränkte die Arme. „Mary, ich bin nicht von einer Predigt nach Hause gekommen, um mir eine weitere anzuhören. Du bist ja schlimmer als Pastor Jones.“ Er verlagerte sein Gewicht auf dem Sofa, stützte sich auf seinen Ellbogen und funkelte seine Frau mit offensichtlichem Missfallen an. Doch während er sie anschaute, erinnerte er sich an sein früheres Heim in Neuengland, in den Bergen von Vermont, und an jenes stille Dorf, in dem Mary und er gemeinsam aufgewachsen waren. Er sah das alte Versammlungshaus auf dem Berg vor sich, am Ende einer langen, von Ulmen gesäumten Straße, die sich durch das Dorf zog. Er erinnerte sich daran, wie er sich in Mary verliebt hatte, und an dem Sonntag, als er sie nach dem Gottesdienst auf dem Heimweg gebeten hatte, seine Frau zu werden. Es war, als würde eine Brise von der Wiese hinter Squire Hazens Haus über ihn hinwegstreichen, genau wie damals, als Mary sich zu ihm umgedreht und das schöne Wort ausgesprochen hatte, das diesen Tag zum schönsten, stolzesten Tag machte, den er je erlebt hatte. Diese Erinnerungen an die alten Zeiten! Diese – Plötzlich zuckte er zusammen und fuhr aus seinem Tagtraum hoch. Er starrte ins Feuer, als überlege er, wo er sich befand. Doch die Träne, die über die Wange seiner Frau rollte und auf ihre im Schoß gefalteten Hände tropfte, bemerkte er nicht. Mary erhob sich und ging zum Piano hinüber, das im Dunkeln 30
stand. Ihrem Mann den Rücken zugewandt, ließ sie sich auf dem Klavierhocker nieder und spielte nervös einige kleine Musikstücke. Robert legte sich wieder auf das Sofa. Nach einer Weile drehte sich Mary auf dem Klavierstuhl um und fragte: „Robert, meinst du nicht, du solltest hinübergehen und dich bei Mr Burns nach den verletzten Männern erkundigen?“ „Warum? Ich kann doch sowieso nichts machen. Der Firmenarzt wird sich schon um sie kümmern. Ich wäre doch nur im Weg. Hat Burns gesagt, ob sie schlimm verletzt sind?“ „Ja, sehr schwer verletzt“, erwiderte Mary. „Wie es scheint, hat wohl einer von ihnen sein Augenlicht verloren und bei einem anderen müssen vermutlich beide Füße amputiert werden. Der Name des Mannes war Scoville, glaube ich.“ Robert fuhr hoch. „Was? Doch nicht etwa Ward Scoville?“ „Doch, ich bin sicher, das ist der Name, den Burns erwähnt hat.“ Robert richtete sich auf, ließ sich jedoch sofort wieder niedersinken. „Ach was, ich werde mich gleich morgen früh darum kümmern. Jetzt kann ich sowieso nichts tun.“ Aber eine Erinnerung ließ ihn einfach nicht mehr los. Als er eines Tages durch die Werkshalle gegangen war, hatte sich ein schweres Stück Gusseisen 31
von einem großen Ladekran gelöst. Es wäre auf ihn gestürzt, wenn nicht Scoville, der damals Arbeiter in der Maschinenabteilung war, ihn unter Einsatz seines eigenen Lebens beiseitegezerrt hätte. Diesen Unfall hätte er bestimmt nicht überlebt. Scoville wurde dabei an der Schulter getroffen und war vier Wochen arbeitsunfähig. Robert hatte seinen Lohn erhöht und ihm einen verantwortungsvolleren Posten in der Gießerei gegeben. Robert war eigentlich ein großzügiger Mann mit menschlichen Zügen, so meinte er. Aber als er an diesem Abend auf dem Sofa lag und an den kalten Schnee draußen und den weiten Weg zur Fabrik dachte, fand er problemlos eine Ausrede für sich, um den Mann, der ihm einmal das Leben gerettet hatte, nicht besuchen zu müssen – einen Mann, der jetzt schwer verletzt daniederlag. Mary, die es kaum einmal wagte, sich den Wünschen ihres Mannes zu widersetzen, drehte sich wieder zum Klavier um und schlug wahllos ein paar Akkorde an. Dann wirbelte sie erneut herum und erklärte unvermittelt: „Beinahe hätte ich es vergessen. Natalie hat mir heute mitgeteilt, dass sie uns verlassen und sofort nach Hause zurückkehren muss. Sie ist eine wundervolle Köchin und eine große Hilfe. Ich verliere sie nur ungern.“ Robert war ein wenig eingedöst, aber bei dieser plötzlichen Ankündigung fuhr er hoch und rief: „Du 32
meine Güte, heute Abend hast du aber wirklich nur schlechte Nachrichten. Was ist denn nur los? Vermutlich will das Mädchen mehr Lohn.“ Mary erwiderte ruhig: „Ihre Schwester liegt im Sterben. Weißt du, ich fürchte, ich habe ihr unrecht getan. Auf mich hat dieses Mädchen immer ein wenig gefühllos und kalt gewirkt, obwohl ich selten ein so treues und fleißiges Dienstmädchen gehabt habe. Kurz nachdem Mr Burns gegangen war, kam sie zu mir und begann bitterlich zu weinen. Wie es scheint, ist ihre Schwester mit einem der Eisenbahner hier in der Stadt verheiratet und seit Monaten sehr krank. Sie ist sehr arm und ihre Familie kämpft ums Überleben. Natalie war beinahe außer sich vor Trauer, als sie mir davon erzählte. Sie sagte, sie müsse sich um ihre Schwester kümmern, die vermutlich nicht mehr länger als eine Woche zu leben hätte. Das arme Ding tut mir schrecklich leid. Robert, denkst du nicht, wir könnten etwas für die Familie tun? Uns geht es so gut. Wir könnten ihnen doch helfen, ohne dass uns etwas entgehen würde.“ „Und wo würde eine solche Hilfe enden?“, erwiderte Robert. „Wenn wir jeden Bedürftigen beschenken, der uns über den Weg läuft, dann würden die Bettler bald vor unserer Tür Schlange stehen. Dann würden wir vermutlich selbst zu Bettlern. Außerdem kann ich es mir nicht leisten. Das Studium der Jungen kostet uns viel Geld und die Firma hat neulich 33
sogar eine Lohnsenkung vorgenommen. Wenn die Schwester der Köchin mit einem Eisenbahnarbeiter verheiratet ist, dann bekommt er bestimmt einen guten Lohn und kann für sie aufkommen.“ „Und was ist, wenn ein Eisenbahnarbeiter verletzt und fürs Leben verkrüppelt wird?“, fragte Mary. „Dann springen die Versicherungsgesellschaften und Wohltätigkeitsvereine ein. Ich sehe einfach keine Möglichkeit, mich um jeden bedürftigen Menschen, der uns über den Weg läuft, zu kümmern. Das würde kein Ende nehmen.“ „So wie ich es verstanden habe“, fuhr Mary fort, ohne auf die Ausführungen ihres Mannes einzugehen, „ist Natalies Schwester mit einem der Männer verheiratet, die am Nachmittag verletzt wurden. Sie spricht unsere Sprache so schlecht, ich konnte nicht alles verstehen, außerdem war sie ziemlich aufgewühlt. Ich glaube, es war Scoville – könntest du nicht wenigstens für sie etwas tun, Robert?“ „Doch, vielleicht“, erwiderte er. „Aber ich sage dir, ich habe mehr Ausgaben, als ich bewältigen kann. Die Spenden für die Kirche zum Beispiel. Du meine Güte, jede Woche werden wir aufgefordert, für die eine oder andere Sache zu spenden – zusätzlich zu unseren normalen Spenden. Das nimmt einfach kein Ende. Ich werde meine Spende kürzen müssen. Wenn wir ständig für alles Mögliche Geld geben, bleibt uns nicht mehr genug zum Leben.“ 34
Ein Hauch von Verärgerung schwang in Roberts Stimme mit. Seine Frau blickte sich in dem luxuriös ausgestatteten Zimmer um. Ihr Gesichtsausdruck wurde hart und beinahe unfreundlich, als sie daran dachte, dass Robert in der vergangenen Woche für einhundertfünfzig Dollar neue Laborgeräte gekauft hatte. Und jetzt redete er daher, als müssten sie jeden Pfennig zweimal umdrehen! Wieder drehte sie sich zum Klavier um und spielte ein paar Stücke, aber die Musik konnte sie nicht beruhigen. Als sie sich schließlich erhob und an den Couchtisch vor dem Sofa trat, merkte sie, dass Robert eingeschlafen war. Mary ließ sich in den Sessel sinken und starrte ins Feuer. Trauer und Unruhe verschleierten ihren Blick. So blieb sie etwa eine halbe Stunde sitzen. Schließlich wurde sie von ihren beiden Töchtern Clara und Bess aus ihren Gedanken gerissen. Lachend und plaudernd kamen sie zur Haustür herein. Anscheinend hatten sie sich an der Tür von jemandem verabschiedet. Mary eilte in den Flur. „Leise, Mädchen! Euer Vater ist eingeschlafen! Ihr wisst doch, wie sehr er es hasst, durch laute Geräusche aufgeweckt zu werden. Er hat auf euch gewartet und ist dabei eingeschlafen.“ „Dann gehen wir schnell nach oben, ohne ihm gute Nacht zu sagen“, meinte Clara schnell. „Ich möchte mir nicht wieder seine Vorhaltungen an35
hören, weil wir zu den Caxtons hinübergegangen sind.“ „Nein, ich möchte mit euch beiden reden. Kommt hier herein.“ Mary zog die beiden Mädchen ins vordere Zimmer. „Ich möchte gerne erfahren, warum euer Vater euch verboten hat, zu den Caxtons zu gehen. Ich habe erst heute Abend davon erfahren. Hat es etwas mit James zu tun?“ Die Mädchen schwiegen betreten. Dann erwiderte Bess, die Jüngere der beiden, die die Familie gern mit aufregenden Mitteilungen überraschte: „James und Clara sind verlobt. Sie wollen morgen heiraten!“ Mary blickte Clara an, die knallrot wurde und sehr zum Erstaunen ihrer Mutter und ihrer Schwester auf einmal in Tränen ausbrach. Sie nahm das Mädchen in die Arme, um es zu trösten, wie sie es immer getan hatte, als Clara noch ein kleines Mädchen war. „Erzähle mir alles, Liebes. Ich wusste gar nicht, dass du James so sehr magst.“ „Aber das tue ich!“, schluchzte Clara. „Und Vater hat etwas geahnt und hat uns verboten, dorthin zu gehen. Aber ich dachte, er hätte bestimmt nichts einzuwenden, wenn wir nur dieses eine Mal heute Abend hingingen. Ich konnte sowieso nichts dagegen machen. Ist es denn nicht richtig, dass Menschen sich lieben, Mutter?“ 36
„Natürlich ist es das“, erwiderte Mary. „Aber, Clara, du bist noch sehr jung. Und James auch.“ „Er ist einundzwanzig und ich bin achtzehn. Er gehört zu den besten Stenografen im Land und bekommt einen anständigen Lohn. Wir haben darüber gesprochen und am liebsten würde ich ihn morgen schon heiraten!“ Bess fügte leise hinzu: „Ja, sie haben alles durchgedacht und ich finde James sehr nett. Aber wenn ich heirate, wünsche ich mir einen Mann, der mehr verdient als einen ‚anständigen Lohn‘. Ich möchte viel Geld zum Ausgeben. Und außerdem kann ich nicht behaupten, dass James besonders gut aussieht.“ „Aber das stimmt doch gar nicht“, weinte Clara. „Und außerdem ist er gut und tapfer und ich möchte lieber ihn als tausend andere Männer! Mutter, mir ist Geld nicht wichtig. Euch hat es ganz bestimmt nicht glücklich gemacht.“ „Sei still, Liebes!“ Claras Worte waren für Mary wie eine Ohrfeige. Sie verstummte. Clara legte die Arme um ihre Mutter und flüsterte: „Es tut mir leid, Mutter! Ich wollte dich nicht verletzen. Aber ich bin so unglücklich.“ Mary wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als sie draußen im Flur ein Geräusch vernahm und ihre älteste Tochter Alice den Raum betrat. Als Folge eines Unfalls in der Kindheit war sie gehbehindert 37
und ging an einer Krücke, doch sie gebrauchte sie mit viel Geschick und sogar Anmut. Als Alice ins Zimmer trat, bemerkte sie sofort, was los war, doch sie fragte nur: „Mutter, ist es nicht ungewöhnlich, dass Vater so früh schon schläft? Normalerweise sitzt er um diese Zeit doch im Arbeitszimmer und liest oder er arbeitet in seinem Labor. Vielleicht ist er krank.“ „Vielleicht“, sagte Mary, die sich erhob und in Bewegung setzte. „Ich werde nach ihm sehen.“ In diesem Augenblick kam Will, der Jüngste, mit einem Schulbuch herunter. „Hey Alice, kannst du mir diesen Abschnitt hier übersetzen?“, fragte er. „Wen interessieren schon die alten Römer? Mir ist es doch egal, wie sie ihre Schlachten ausgetragen und ihre schmalen Brücken gebaut haben, über die nur ein Pferd laufen konnte! Aber mich ärgert die Art, wie Cäsar das beschreibt. Warum kann er sich nicht klar ausdrücken und redet stattdessen immer um den heißen Brei herum?“ Will reichte Alice das Buch, die sich sofort in den Text vertiefte. Der Junge ließ sich neben Bess nieder und begann, sie und Clara zu ärgern. „Was macht ihr denn um diese Zeit noch hier unten? Ihr Kleinen müsstet doch längst im Bett sein. Spiel uns noch was vor, Bessie, ja?“ An Clara gewandt, sagte er: „Hey, es sieht so aus, als hättest du geweint. Was ist los?“ 38
„Das geht dich nichts an“, gab sie scharf zur Antwort. „Bestimmt hat es mit James Caxton zu tun“, neckte er sie. „Habe ich recht?“ Will ging zum Sofa, wo Clara ihr Gesicht in ein Kissen vergraben hatte, und versuchte, ihr das Kissen unter dem Kopf wegzuziehen. „Lass mich in Ruhe, Will!“ Claras Stimme war durch das Kissen gedämpft. „Mir geht es nicht gut.“ „Komm schon, du tust doch nur so“, erwiderte er. „Nein, das stimmt nicht. Lass mich in Ruhe.“ Schließlich griff Alice ein. „Komm her,Will, sonst kannst du deinen Satz allein übersetzen.“ Widerstrebend ließ Will von Clara ab, denn er wusste aus Erfahrung, dass Alice keine leeren Drohungen ausstieß. In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und George, das älteste der Hardy-Kinder, kam herein. Er hängte seinen Hut und seinen Mantel auf und kam ins Zimmer geschlendert. „Wo ist Mutter?“ „Sie ist nebenan“, erwiderte Bess. „Vater ist eingeschlafen, und sie hatte Sorge, dass er krank sein könnte.“ „Das ist wieder eine deiner Geschichten“, meinte George, der gute Laune zu haben schien. Er setzte sich, zog seine kleine Schwester zu sich heran und 39
flüsterte ihr zu: „Hör mal, Bess, ich brauche etwas Geld.“ „Schon wieder?“, flüsterte Bess. „Wofür dieses Mal?“ „Nun ... für einen ganz besonderen Zweck. Denkst du, du könntest mir etwas borgen?“ „Ich denke schon. Ich habe mein Taschengeld noch. Aber warum fragst du nicht Vater?“ „Ich habe ihn in letzter Zeit zu häufig um Geld gebeten“, erklärte George. „Das letzte Mal hat er es mir rundweg abgeschlagen. Mir hat nicht gefallen, wie er mit mir gesprochen hat.“ „Nun, ich kann dir etwas geben“, flüsterte Bess ihm zu. George und sie standen sich sehr nahe, und es gab nichts, was Bessie nicht für ihren großen Bruder getan hätte. Was er mit so viel Geld machte, fragte sie nicht. Sie tuschelten immer noch miteinander, als Clara sich erhob, um nach oben zu gehen. Alice und Will hatten die Übersetzung beendet, und Will versuchte gerade, den Gallischen Krieg in eine bemalte japanische Vase zu werfen, als Mary die Tür öffnete und ihre Kinder ins angrenzende Wohnzimmer winkte. Ihr Gesicht war blass, und sie zitterte, als hätte sie gerade einen großen Schrecken erlebt. Die Kinder blickten sich verwundert an und eilten nach nebenan. 40