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Andy Salathé

«Heiliger Geist, wer bist du?» Meine grösste Entdeckungsreise


Andy Salathé

«Heiliger Geist, wer bist du?» Meine grösste Entdeckungsreise

Schleife Verlag • CH-Winterthur


© 2014 Andy Saltahé «Heiliger Geist, wer bist du?» Meine grösste Entdeckungsreise 1. Auflage Dezember 2014 © Schleife Verlag, Pflanzschulstrasse 17, Postfach 85, CH-8411 Winterthur, Switzerland Tel +41 (0)52 2322424 Fax +41 (0)52 2336082 Email: Verlag@schleife.ch www.schleife.ch ISBN 978-3-905991-21-5 Best. Nr. 120.107 Die Bibelstellen sind der Luther-Bibel (revidierte Fassung) entnommen. Lektorat: Michael Herwig, Mario Schaub Umschlaggestaltung: Pia Maurer Satz: Nils Großbach Druck optimal Media Umschlagbild: «Taube / Saint-Esprit» aus einem Stundenbuch der Franziskaner, 1385 / 1390. Nutzung mit freundlicher Genehmigung der Bibliothèque nationale de France, Paris. Alle Rechte vorbehalten, auch für auszugsweise Wiedergabe und Fotokopie.


Inhaltsverzeichnis Vorwort von Andreas Keller........................................................... 7 Vorwort von Esther Salathé............................................................ 9 «Heiliger Geist, wer bist du?»....................................................... 13 Meine Kindheit und Jugendzeit.................................................... 15 Plötzlich war Er da!....................................................................... 23 Das neue Leben mit dem Heiligen Geist...................................... 25 Gott wird erfahrbar....................................................................... 35 Freundschaft mit dem Heiligen Geist – ganz praktisch................ 39 Ganz wie bei Petrus...................................................................... 43 Meine prophetische Überzeugung................................................ 49 Der Geist der Gnade wird nochmals ausgegossen........................ 51 Anhang: 10 mal Heiliger Geist..................................................... 53 Nachwort von Hanspeter Nüesch.................................................. 57


Vorwort von Andreas Keller Das vorliegende Lebenszeugnis von Andy Salathé gleicht einer Tür mit Zeitschloss. Zur gesetzten Zeit springt das Schloss auf und gewährt den Zugang ins Innere eines Herzens, auf dessen Einsichten und Schätze das Licht Gottes gefallen ist. Es ist jedes Mal ein Grund zur grossen Dankbarkeit, wenn Kinder von bekannten geistlichen Leitern ihre eigene Identität finden und sie durch teils verschlungene Wege ihre persönlichen Gotteserfahrungen machen. Andy und Esther Salathé sind so selbst wieder zu geistlichen Eltern von vielen geworden. So, wie der Schmerz eines Verlustes einer nahe stehenden Person kaum in Worte zu fassen ist, lässt sich auch die innere Tortur einer fehlenden Heilsgewissheit kaum angemessen beschreiben. In den folgenden Seiten spricht Andy einige der verborgenen Bedrängnisse und Sehnsüchte an, die in so manchen Herzen schlummern und in vielen christlichen Kreisen noch kaum thematisiert werden. In einer aufrichtigen und klaren Sprache beschreibt Andy, wie der Heilige Geist sich seinen inneren Nöten angenommen und ihn in eine zarte und zugleich kraftvolle Liebesbeziehung zu Ihm geführt hat. Diese ist seither schon vielen Hunderten von jungen und junggebliebenen Menschen zum Segen geworden. Auf diesem Weg werden sich viele Leserinnen und Leser wiederfinden. Die Botschaft dieses Büchleins soll dazu beitragen, die Ketten von frommer Knechtschaft zu sprengen und zum Leben zu befreien. Die wunderbaren Hinweise und Ratschläge dazu, die Freundschaft zum guten Heiligen Geist als befreienden Lebensstil zu kultivieren, sollen zur Nachahmung animieren. Wer Andy und Esther 7


schon begegnet ist und ihr Leben und ihren Dienst auf sich hat einwirken lassen, weiss um den Duft ihrer Gottesfreundschaft, die in Jesus Christus ihr Zentrum hat. Andreas Keller Stiftung Schleife CH – 8411 Winterthur

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Vorwort von Esther Salathé Dass ein Buch, welches ich meinem Mann schenkte, eine solche Auswirkung auf ihn haben würde, hatte ich nicht erwartet. Selbst hatte ich es ja noch nicht einmal gelesen. Ich gab es ihm einfach, weil ich dachte, es könnte ihn interessieren. Aber letztendlich war dieses Buch nur ein Auslöser auf dem Weg, den wir schon eine Weile miteinander gegangen waren. Aufgewachsen in einer Schweizer Freikirche, hatten mein Mann Andy und ich von klein auf regelmässig Unterweisung in Gottes Wort erhalten. Wir genossen die Gemeinschaft mit anderen Christen, und wir hatten auch eine ganze Anzahl von Vorbildern, die uns zumeist sehr positiv beeinflussten, allen voran unsere Eltern, die uns ein sehr praktisches und authentisches Christsein vorlebten. Als wir unsere Berufsausbildungen abgeschlossen hatten, merkten wir, dass Gott uns vollzeitlich in seinem Dienst haben wollte. Seine Berufung führte uns zunächst in die USA, wo wir für ein gutes Jahr in einem Camp der Konservativen Baptisten mitarbeiten durften. Während dieser Zeit hat Gott unsere Herzen geweitet. Wir durften Christen anderer Kulturen und unterschiedlichster Denominationen kennenlernen, die an diesem Ort ihre Freizeiten verbrachten. Da es oft unsere Aufgabe war, die Vorträge der Gästegruppen aufzunehmen, bekamen wir allerhand Spannendes mit. Mit regem Interesse verfolgten wir aus der sicheren Warte des Mischpults amerikanische, chinesische, koreanische und mexikanische Christen, sehr liturgische Gottesdienste und lebendig übersprudelnde, charismatische Treffen. Einige Vorurteile wurden in dieser Zeit abgebaut. Und auch wenn wir nicht alles nachvollziehen konnten, was da geschah, so wurden wir doch durch alle diese Gruppen gesegnet. 9


Wir merkten, dass es noch mehr gab, als das, was wir bisher kannten, und das hat einen Hunger in uns geweckt. Besonders wurde uns zunehmend bewusst, dass wir die Person «Heiliger Geist» noch nicht wirklich kannten. Auch die Geistesgaben waren für uns mehr theoretische als praktische Bekannte. Vorsichtig machten wir uns daran, mit Menschen das Gespräch zu suchen, die schon mehr Erfahrung in diesen Dingen hatten. Dadurch begann für mich eine sehr herausfordernde Zeit. Ich wollte gerne alles einordnen und verstehen können. Aber wenn es um den Heiligen Geist und sein Wirken ging, kam mein Verstand spürbar an seine Grenzen. Das hat mich enorm verunsichert und manchmal auch meine Alarmglocken laut läuten lassen – die Alarmglocken meiner Seele und meines Verstandes. Bis dahin hatte ich den Verstand immer als mein höchstes und entscheidendes Prüforgan angesehen. Aber nun merkte ich, dass Gott begann, an dieser obersten Instanz zu rütteln. Das löste nicht gerade die besten Gefühle in mir aus. Musste ich diese Sicherheit wirklich loslassen? Gott sprach jedoch ganz klar zu mir durch sein Wort: «Verlass dich auf den HERRN von ganzem Herzen, und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in allen deinen Wegen, so wird er dich recht führen» (Sprüche 3,5). Und da war noch etwas, das mir Angst machte. Einige Christen hatte ich sagen hören, dass es gefährlich sei, sich für das Wirken des Heiligen Geistes zu öffnen, weil es dann sein könnte, dass ein anderer Geist ins Leben komme, ein «Geist von unten». Das wollte ich natürlich auf keinen Fall! Wie konnte ich nur sicher sein, dass mir dies nicht geschah? Wieder hat Gott klar durch sein Wort zu mir gesprochen. In Lukas 11.11-13 las ich: «Wo ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn, wenn der ihn um einen Fisch bittet, eine Schlange für den Fisch biete? Oder der ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion 10


dafür biete? Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben geben könnt, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!» Da stand es schwarz auf weiss: Wenn wir Gott um seinen Geist bitten, wird er uns nichts anderes geben, schon gar keine Schlangen und Skorpione. Diese wurden von Jesus selbst als Symbole für dämonische Mächte gebraucht (Lukas 10.19). Es war also absolut ausgeschlossen, dass solche Mächte in mein Leben kommen würden. Was für eine Erleichterung! Ich merkte, dass ich nochmals ganz neu herausgefordert war, mich vollständig Gott anzuvertrauen. Ich musste meinen Verstand auf den ihm von Gott zugeordneten Platz verweisen. Und der war nicht zuoberst auf der Leiter. Ich merkte, dass Gott auf neue Art und Weise mit mir kommunizieren wollte. Nicht nur über den Verstand, sondern immer mehr von Geist zu Geist. Das war eine neue Erfahrung für mich. Aber als ich in eine bewusste Beziehung zum Heiligen Geist eintrat, lernte ich wirklich immer besser, Gottes Reden in meinen Geist hinein zu verstehen. Es war zwar nichts vollkommen Neues, was ich da erlebte. Schon bei der Partnerwahl oder bei der Berufung in den vollzeitlichen Dienst hatten wir Gottes Reden gehört. Aber was ich nun erfuhr, war, dass diese persönliche, innige Beziehung und auch Gottes Wirken an mir viel tiefer und konkreter wurden. Gerade die Gabe des Sprachengebets hat vieles in mir freigesetzt. Ich lernte auch die Gabe der Prophetie kennen, die mir half, Gottes Reden deutlicher und detaillierter zu vernehmen. In all dem war mir klar, dass ich das Gehörte immer an Gottes unfehlbarem Wort prüfen musste. Es ging aber gar nicht in erster Linie um die Gaben, sondern um die Person des Heiligen Geistes selber. Dieser hatte ja schon seit meiner Bekehrung in mir Wohnung genommen. Das bedeutete, 11


dass ich in einer WG mit ihm zusammengelebt hatte, ohne ihn richtig zu kennen. Dabei war er mir ja vom Vater gegeben, um mich durch diese Erdenzeit zu begleiten. Er ist diejenige Person der Dreieinigkeit, die uns Menschen hier auf Erden am nächsten ist. Er ist zu uns gesandt, genau so wie Jesus zu uns auf die Erde gesandt worden war. Diesen meinen Freund, den Heiligen Geist, immer besser kennenlernen zu dürfen, war und ist eines der grössten Privilegien, die ich überhaupt auf dieser Welt habe. Die Beziehung zu ihm hat mein Leben als Gotteskind wirklich erneuert. Ich bin daran zu lernen, seine Kraft und Weisheit, seine Liebe und Geduld immer mehr in Anspruch zu nehmen. Die Folgen sind ganz wunderbar. Ich muss nämlich je länger desto weniger aus meiner eigenen Kraft leben. Wie befreiend und erleichternd das ist, kann man sich vorstellen, vor allem in den Herausforderungen des vollzeitlichen Dienstes. Zudem hilft mir der Heilige Geist, meinen Erlöser Jesus und meinen wunderbaren Vater im Himmel immer besser kennen und lieben zu lernen. Dafür bin ich ihm von Herzen dankbar. Andy und ich sehen uns überhaupt nicht als Experten auf diesem Gebiet. Aber was wir bis jetzt erlebt haben, ist so schön, dass wir nicht anders können, als voller Freude und Dankbarkeit anderen davon zu erzählen. Von Herzen hoffe ich, dass dieses sehr persönliche Zeugnis von Andy vielen dabei helfen wird, selber in eine Freundschaft mit dem Heiligen Geist einzutreten und darin zu wachsen. Esther Salathé

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«Heiliger Geist, wer bist du?» Alles nahm seinen Anfang, als meine Frau Esther mir ein Buch zuschob, mit dem für mich damals sonderbar anmutenden Titel «Guten Morgen, Heiliger Geist!». Darin beschreibt der Autor Benny Hinn zeugnishaft, wie er den Heiligen Geist als die wunderbarste Person in seinem Leben kennenlernen durfte: «Ich denke, das solltest du lesen.» Ich zog mich daraufhin in unser Schlafzimmer zurück, nicht ahnend, dass dieses Buch mein Leben für immer verändern würde. Mehr und mehr zog mich dessen Inhalt in seinen Bann, und plötzlich, zum ersten Mal in meinem Leben, durchfuhr mich eine Erkenntnis wie ein Blitz: «Heiliger Geist, du bist eine wirkliche Person.» – Und dann war er da. Ohne äusserlich irgendetwas zu sehen oder zu spüren, wusste ich: «Jetzt ist er im Raum.» Ich nahm seine Gegenwart wahr, etwa so, wie wenn jemand einen Raum betritt und plötzlich hinter dir steht. Als nächstes wurde mir schmerzlichst bewusst, dass ich diese Person gar nicht kenne. Jetzt bin ich schon rund zwanzig Jahre Christ und ich kenne die dritte Person Gottes nicht. Und so stieg tief aus meinem Innern die Frage empor, und ich flüsterte ihm zu: «Heiliger Geist, wer bist du? Ich kenne dich nicht.» Das sollte sich aber radikal ändern. Denn nun begann für mich die spannendste Entdeckungsreise meines Lebens, eine Entdeckungsreise, die mich tiefer und tiefer in die Geheimnisse dieses dreieinigen Gottes führen und mein bisheriges Leben als Christ völlig auf den Kopf stellen sollte.

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Meine Kindheit und Jugendzeit Meine Bekehrung Heute erachte ich es als eines meiner grössten Privilegien, dass ich als Sohn eines Pastors aufwachsen konnte. Als zweitältester von vier Söhnen durfte ich zusammen mit meinen Brüdern einen Vater und eine Mutter erleben, die in allem zuerst nach Gottes Reich trachteten. Was uns Söhne aber am meisten prägte, war ihre tiefe Liebe zu Jesus, ihrem Retter und Herrn. Und so war es fast logisch, dass wir Söhne diesen Jesus auch bereits in jungen Jahren in unser Herz einladen wollten. Was war das wohl für ein Freudentag für meine Eltern, als mein ein Jahr älterer Bruder Thomas und ich, damals etwa sechsjährig, zu unserem Vater gingen und ihm mitteilten, dass wir beide den Heiland in unser Herz einladen wollten. Meine Erinnerung sagt mir, dass wir das dann auf dem Schoss unseres Vaters taten. Ein Sehnen nach Gottes unsichtbarer Welt Ein Erlebnis meiner Kindheit ragt da heraus. Meine Mutter schwärmte mir einmal so vom Himmel vor, dass in meinem Herzen eine tiefe Sehnsucht nach dieser Gotteswelt geweckt wurde, die mich nie mehr verlassen würde, auch nicht durch meine herausfordernde Teenagerzeit hindurch. Alles, was mit Gottes übernatürlichem Eingreifen, mit Zeichen und Wundern, mit Engeln, aber auch Dämonen zu tun hatte, übte eine unglaubliche Faszination auf mich aus. Und davon konnte mir meine Mutter sehr viele Geschichten erzählen. Selber Tochter eines 15


Pastors, erlebten sie in der Nachkriegszeit als Grossfamilie alles: von Essenswundern über Engelsbewachung bis hin zu spektakulären Manifestationen von Dämonen. Und so wusste ich bereits als Kind, dass es da eine unsichtbare Welt um uns herum gibt, die mindestens so real ist, wie die Welt, die wir mit unseren natürlichen Sinnen wahrnehmen. Meine panische Angst vor Jesu Wiederkunft Obwohl ich als Kind eigentlich grundsätzlich einen unbeschwerten Glauben lebte und nie auch nur den leisesten Zweifel an Gottes Existenz hegte, war da etwas, das mich mehr und mehr zu quälen begann: Ich hatte keine Gewissheit in mir, dass ich wirklich gerettet bin. Und daraus resultierend hatte ich panische Angst vor dem Tag, an dem Jesus zurückkommen würde, um seine Braut, die brennenden Christen, zu sich zu holen. Ich kannte die Bibelstelle, wo es heisst, dass niemand den Tag noch die Stunde kennt, wenn der Sohn (Jesus) zurückkommen würde. Ich war so verzweifelt und in Angst vor dieser Wiederkunft, dass ich mir dachte: «Wenn du schon keine Gewissheit erlangen kannst, dass du dabei sein wirst, dann versuche wenigstens, Jesu Wiederkunft zu verhindern.» Richtig, ich meinte, einen Weg gefunden zu haben, um Jesus am Zurückkommen hindern zu können. Und das war meine Idee: Jeden Abend proklamierte ich in einer Art Gebet: «Heute oder morgen kommt Jesus zurück.» Das «Morgen» fügte ich jeweils hinzu für den Fall, dass ich diese Proklamation einmal an einem Abend vergessen würde. Ich malte mir nämlich folgende Szene im Himmel aus, wie da der Vater dem Sohn zuruft: «Sohn, jetzt ist die Stunde gekommen. Geh und hol dir deine Braut!» Und der Sohn antwortet dem Vater: «Jawohl. Doch 16


stopp! Vater, da höre ich eine Proklamation von der Erde zu uns heraufsteigen, aus Europa, genauer noch aus der Schweiz, aus Muttenz. Ein Junge hat eben vorausgesagt, dass ich heute oder morgen kommen werde. Ich kann leider noch nicht gehen. Du weisst ja, dass wir an unser Wort gebunden sind, wo es heisst, dass niemand Tag noch Stunde meiner Wiederkunft voraussagen kann. Tut mir leid, wir müssen den Moment abwarten, bis er es einmal vergisst.» Und trotz dieser verzweifelten Absicherung erlebte ich bis ins Erwachsenenalter immer wieder Momente im Leben, wo ich dachte, dass ich Jesu Wiederkunft verpasst habe. Das waren jeweils schreckliche Augenblicke, in denen der Teufel mir zuflüsterte: «Zu spät. Für immer zu spät. Du hast es in alle Ewigkeit verpasst.» Einmal kam ich von der Schule nach Hause. Auf der Herdplatte standen die Pfannen, aber meine Mutter war nirgends zu sehen. Voller Panik raste ich hinauf ins Studierzimmer meines Vaters, doch Vater war auch nicht da. Alles zog sich in mir zusammen. Ich überlegte, ob es da einen brennenden Christen in unserer Gemeinde gäbe, den ich anrufen könnte, um herauszufinden, ob dieser auch verschwunden sei. Schlagartig kam mir da mein späterer Schwiegervater in den Sinn. Zitternd hob ich den Telefonhörer ab und wählte seine Nummer. Wie fielen mir Tonnen von Gewicht vom Herzen, als ich seine unverkennbare Stimme am anderen Ende der Leitung hörte: «Robert Rahm.» Ohne ein Wort zu sagen, hängte ich den Hörer mehr als erleichtert auf. Jesus war noch nicht zurückgekommen. Ich hatte nochmals Glück gehabt. Einmal, wir waren da bereits verheiratet, kamen wir frisch motiviert von der christlichen Grossveranstaltung EXPLO in Basel zurück. Ich musste bei einer Raststätte einen WC-Halt einlegen, während Esther im Auto wartete. Als ich zurückkam, war da weder Auto noch Frau vorzufinden. Mir fuhr es blitzartig durch den Kopf: «Die Entrückung! Du hast die Entrückung verpasst.» Panik 17


breitete sich in mir aus. Ich rannte zurück zur Raststätte, die als Überbauung über der Autobahn von beiden Richtungen zugänglich war. Plötzlich kam mir der erlösende Gedanke, dass ich unter Umständen auf dem falschen Parkplatz gelandet bin. Und tatsächlich, auf der richtigen Seite angekommen, wartete eine Esther auf mich, die wissen wollte, warum ich so lange gebraucht habe. Sicher verschwieg ich ihr damals den wahren Grund. Ich schäme mich für Jesus Je älter ich wurde, desto mehr wurde mir bewusst, dass nicht alle Menschen um mich herum an Jesus glauben. In meiner Teenagerzeit begann ich mich mehr und mehr für meinen Glauben zu schämen, und es wäre mir peinlich gewesen, wenn man mich darauf angesprochen hätte. Während meiner vierjährigen Berufslehre war ich sehr darauf bedacht, meinen Glauben an Jesus als meinen Erlöser geheim zu halten. Diese Menschenfurcht und Scham, zu Jesus zu stehen, waren mir aber alles andere als gleichgültig. Was litt ich darunter, dass ich nicht einfach wie andere junge Christen in meinem Alter mutig zu meinem Herrn stehen konnte. Mich quälte immer wieder die Tatsache, dass sich Jesus seinerseits für mich öffentlich anspucken liess und den ganzen Weg bis ans Kreuz ging, alles aus reiner Liebe zu mir. Und ich, ich auf der anderen Seite, fürchtete mich, durch mein Bekenntnis zu ihm, mein Gesicht und meine Beliebtheit unter den Kollegen zu verlieren. Was war ich doch für ein Dreckskerl. Einmal warnte Jesus in Matthäus 10,32-33: «Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.» Und 18


alleine die Angst, dass diese warnenden Worte Jesu bei mir in Erfüllung gehen würden, konnte mich dazu bringen, hie und da eine Heldentat zu vollbringen und wider alle Menschenfurcht mich zu Jesus zu stellen. Das kostete mich aber jeweils alles. Ein Zeuge Jesu aus Angst Üblicherweise versammelte sich unsere Jugendgruppe mit Jugendgruppen anderer Kirchen einmal im Jahr auf einem zentralen Platz in der Stadt Schaffhausen, um dort christliche Lieder zu singen. Ich gesellte mich da jeweils in den hintersten Reihen auch zu diesem Haufen bekennender Christen und betete leise, aber intensiv, dass keiner meiner Kollegen in diesem Augenblick auftauchen würde. In meiner Militärzeit dann verspürte ich weiterhin den Druck, mich zu Jesus zu bekennen. Und das sah dann beispielsweise so aus, dass ich einerseits als Pyjama ein T-Shirt trug, auf dem in grossen Buchstaben JESUS aufgedruckt war, andererseits aber Jesus bat, dass er doch gnädig sei und dafür sorge, dass niemand mich darauf ansprechen oder hochnehmen würde. Auch liess ich meine grosse englische Studienbibel absichtlich als Bekenntnis zu meinem Herrn und seinem heiligen Buch auf meinem Schlafsack liegen, hoffte aber auch hier, dass mich ja niemand darauf ansprechen würde. Meine Stille Zeit war eine stille Zeit Ich bin so froh, dass ich von meinen Eltern angehalten wurde, regelmässig in der Bibel zu lesen, und ich weiss, dass Gottes lebendi19


ges Wort auch ohne mein Wissen in mir gewirkt hat. Ich mag mich aber an keinen Moment zurückerinnern, bei dem Gottes Wort als lebendiges Schwert des Geistes in mich hineindrang, mich zu tiefst überführte oder ich darin eine gewaltige Offenbarung empfing. Ich hatte ja nur meinen Verstand als Instrument, und dieser konnte abgesehen von einigen interessanten Geschichten nicht allzu viel mit all den Gesetzen, Vorschriften, Namensregistern und komplizierten Aussagen vor allem auch in den Paulusbriefen anfangen. Und so kannte ich keine Zeiten, in denen ich so richtig Hunger nach Gottes Wort verspürte. Ich las nur deswegen mehr oder weniger regelmässig in der Bibel, weil ich überzeugt war, dass das für mich als Christ wichtig ist. Und so war die Bibel für mich eher Pflichtlektüre im Gegensatz zu all den Detektivromanen, die ich manchmal in einer einzigen Nacht verschlang. Keinerlei Erfahrungen mit dem übernatürlichen Gott Obwohl die Bibel sowohl im Alten als auch Neuen Testament voll ist von Männern und Frauen, mit denen Gott durch Träume, Visionen und in Bildern redete, die Gottes Stimme hörten, die Gott sahen, die Zeichen und Wunder erlebten und Augenzeugen von körperlichen Heilungen waren, kannte ich nichts davon in meinem Leben. Ich wusste zwar, dass solches heute immer noch in gewissen Ländern geschieht, dass aber ein solcher übernatürlicher Lebensstil das Natürlichste eines Jünger Jesu sein sollte, davon hatte ich keine Ahnung. Und doch sehnte ich mich zutiefst nach solchen lebendigen Gotteserfahrungen. Und da war noch diese sonderbare und geheimnisvolle Gabe des Sprachengebets. Einmal lag ich verzweifelt am Boden; ich wollte Jesus anbeten, kam aber mit meinen Verstandeswörtern an meine 20


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