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Hermann und Silke Traub

»Herr Pfarrer, Sie kommen zu früh!« Neue Überlebensgeschichten


Inhalt Vorwort Was unter der Lava wächst Tränen in der U-Bahn Adoptivgroßeltern Überall, überall ... Explosion in der Bibelstunde »Großvater, wie geht es Ihnen?« »Herr Pfarrer, Sie kommen zu früh!« Jeden Tag erfülltes Versprechen Koffer im Schlafzimmer Leuchtend gute Früchte Post aus der Ewigkeit Und plötzlich dieser Festsaal Unser vorbildlicher Buntspecht Vorstellungsrunde Was es außer silbernen Löffeln noch zu stehlen gibt

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Vorwort Menschen erfahren, dass mitten im »grauen« Alltag Gott handelt, sich zeigt, er mit Kraft und Humor seinen Menschen begegnet und sie begleitet. Dabei fallen ganz kleine Geschichten auf, Beobachtungen werden zu weitreichenden Gleichnissen und Erfahrungen von Gottes Gegenwart scheint durch unsere Verstandesvorhänge hindurch. Man braucht nicht das Große zu erleben, um den großen Gott zu erfahren. Man braucht auch nichts Übersinnliches zu bemühen, um den Beweis seines Handelns zu haben. Im Glauben geht alles normal zu. Er ist in unseren Schwächen überaus mächtig und er hebt uns auf, wenn wir fallen und uns die Knie wund geschlagen haben. So groß ist unser Gott – und so klein kommt er in unsere Welt. Diese Erfahrungen wollen wir doch nicht für uns behalten und alle Leser ermutigen, Gott zu sehen und ihm zu vertrauen. Dass dabei Persönliches und Biografisches einfließt, ist Absicht. Denn wie anders sollten wir den lebendigen Gott heute erfahren als ganz persönlich und damit ganz nah. Lassen Sie sich ermutigen! Silke und Hermann Traub 6


Tränen in der U-Bahn Ich dachte nicht, dass sich mir diese Szene so nachhaltig einprägen würde. Es war ja nur eine Begegnung von wenigen Minuten. Begegnung ist eigentlich schon wieder zu viel gesagt; es war eher eine kleine Beobachtung. Nur zwei U-Bahnstationen Richtung »Bahnhof Friedrichstraße« – dann musste ich umsteigen. Deshalb hielt ich mich an der Griffstange gleich bei der Türe fest, ein Sitzplatz lohnte nicht. Für gewöhnlich stellt sich für den Vielfahrer dieses Verkehrsmittels sofort nach dem Einstieg das entsprechende »Blickverhalten« ein: um sich schauen, ohne wirklich etwas wahrzunehmen; jemand ansehen und gleichzeitig hindurchsehen; aussteigen und alles vergessen haben. Wo käme ich hin, würde ich mir alles einprägen, was sich meinen Augen präsentiert? Und asiatische Gesichtszüge sind in Berlin keine »Hingucker« mehr – sie prägen das ganz normale Straßenbild mit. Warum ich nicht durch sie hindurchsah, weiß ich nicht zu sagen, denn auf den ersten Blick war der kleine Unterschied nicht zu erkennen. »Man sieht Asiaten nicht an, wenn sie weinen«, das war mein erster bewusster, erstaunter Gedanke, der sich in mir 10


festsetzte, nachdem ich sie wahrgenommen hatte; zumindest konnte ich keinen Unterschied erkennen. Keine rot verweinten Augen, keine verzogenen Gesichtszüge, nur Tränenbäche, die ihr rechts und links aus den Mandelaugenwinkeln flossen, die aber ihr sonstiges Gesicht nicht zu berühren schienen. So saß sie stumm zwischen ihren Sitznachbarn. Ich schaute weg, ich schaute hin. Was tun? Geht es mich etwas an? Will sie allein sein? Braucht sie jetzt einen Menschen? Hat sie einen Menschen verloren? Hat sie Heimweh? Wurde sie enttäuscht, verletzt, von wem? Was beschäftigt sie? Da war auch schon meine Umsteigestation erreicht. Sie erhob sich ebenfalls und stieg aus. Ich überlegte: Sollte ich eine Wildfremde ansprechen – was könnte ich sagen? Wie würde sie reagieren? Wie würde ich auf so einen »Angriff« reagieren? Sollte, wollte, würde, könnte – zum Glück bin ich in so einem Fall ja nur ein Gebet weit von dem entfernt, der allen Menschen ins Herz schauen kann und dem keiner fremd ist. Deshalb habe ich mit ihm gesprochen, ohne sie dabei aus den Augen zu lassen: »Herr, du kennst diese Frau und weißt, was sie braucht – vor allem, wen sie braucht. Wenn du denkst, dass ich da eine Aufga11


be habe – ich werde sie ansprechen, wenn sie noch länger meine Richtung weitergeht ...« In diesem Moment bog sie ab, dem Ausgang zu und war kurz darauf aus meinem Blickfeld verschwunden. Was noch lange nicht verschwunden war, war der Eindruck einer so tonlos und fast nicht wahrnehmbar weinenden Asiatin. Sie hatte es mir irgendwie angetan und hat mich »sensibilisiert« für Menschen aus Fernost mitten unter uns. Kaum zwei Monate nach dieser für mich im wahrsten Sinn des Wortes »merk-würdigen« Begegnung schickte uns Gott ganz konkret durch einen Freund eine junge Chinesin ins Haus, die wir eine ganze Zeit lang begleiten konnten auf ihrem Weg. Und sicher konnten wir ihr dadurch manche Tränen auch ersparen auf ihrem Weg in eine ihr fremde Kultur hinein. Silke Traub

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