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Yvonne Beer

Ab morgen bin ich Weihnachtsmann


Über die Autorin: Yvonne Beer ist verheiratet, wohnt bei Krefeld und ist als Autorin und Geschäftsfrau tätig.

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar neu überarbeitete Auflage 2008 ISBN 978-3-86827-029-7 Alle Rechte vorbehalten © 1996/1999 by Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH 35037 Marburg an der Lahn Umschlaggestaltung: Henri Oetjen, DesignStudio Lemgo Satz: Verlag der Francke-Buchhandlung GmbH Druck: Koninklijke Wöhrmann, Niederlande www.francke-buch.de


Inhaltsverzeichnis Der Weihnachtsmann ............................................ 5 Euch ist heute der Heiland geboren! .................. 18 Ein Geschehen in der Weihnachtswoche ............ 26 Überreich beschenkt ............................................ 37 Ein Weihnachtsgeschenk für Mama .................... 47 Kinder, Kinder! .................................................... 59 Und das vor Weihnachten! ................................... 67 Es war einmal ... ein Weihnachtsmann ............... 79 „Ich bin der Weihnachtsmann und heiße Justus“ .. 85 Die Weihnachtsbotschaft aus dem Internet ........ 91


Der Weihnachtsmann

Wenn ich genau überlege, dann weiß ich heute gar nicht mehr, wie ich dazu gekommen bin, bei dieser merkwürdigen Geschichte mitzumachen. Angefangen hat alles mit einem Kartenspiel. Einmal im Monat hatten wir vier unsern Skatabend. Wir vier, das waren Willy, Harry, Anton und meine Wenigkeit. Üblicherweise trafen wir uns bei Harry im Wohnzimmer. Harry war Junggeselle. Seine Wohnung garantierte uns einen ungetrübten und ruhigen Abend. Der Skatabend diente unserem Vergnügen und unserer Unterhaltung. An einem dieser Abende, kurz vor dem 1. Advent, nahm die Geschichte, die ich erzählen möchte, ihren Anfang. Schuld daran war natürlich Anton, wer sonst? Anton hatte – wie jedes Jahr – für die Adventsund Weihnachtszeit eine Nebenbeschäftigung angenommen. Er spielte Weihnachtsmann! An den verkaufsoffenen Samstagen in der Adventszeit stand er, als Weihnachtsmann verkleidet, in der Spielwarenabteilung eines Kaufhauses, lief mit einem Sack auf dem Rücken auf und ab und redete mit den Kindern. Sie waren immer zu zweit. Zwei Weihnachtsmänner, die sich die Samstage teilten, damit nicht einer allein den ganzen langen Tag den Weihnachtsdienst versehen musste. Aber leider hatte sich in diesem Jahr 5


Antons Weihnachtsmann-Kollege aus dem Vorjahr das Bein gebrochen und lag im Krankenhaus. Und nun war unser Skatbruder dringend auf der Suche nach einem Ersatz-Weihnachtsmann. Natürlich fragte er uns, seine lieben und immer hilfsbereiten Arbeitskollegen, und natürlich hatte keiner von uns Zeit. Jeder war bis zum Weihnachtsfest bis über beide Ohren verplant. Wer hat schon Lust, freiwillig vier Wochen lang jeden Samstag als Weihnachtsmann aufzutreten? Wir spielten niemals um Geld. Aber an jenem verhängnisvollen Abend, als wir wieder in fröhlicher Runde zusammensaßen, kam einer von uns auf die – wie ich damals meinte – recht überflüssige Idee, um den verwaisten Posten des Weihnachtsmannes zu spielen. Wir können doch unseren Anton nicht im Stich lassen! Der Verlierer musste also diesmal nicht, wie sonst, für die Getränkekosten aufkommen, sondern – was sich zunächst als noch viel schlimmer erwies – sich verpflichten, die frei gewordene Stelle als Weihnachtsmann anzutreten. Es war der Samstag vor dem 1. Advent. Draußen schneite es, was das Zeug hielt. Im Kaufhaus kam man vor lauter Menschen kaum vorwärts. Alle Rolltreppen waren dicht besetzt. Dazu war die Luft fast zum Umkippen. Frischluft schien bereits dem Ausverkauf zum Opfer gefallen zu sein. Dazu säuselten in jeder Abteilung die unterschiedlichsten Weihnachtslieder aus den Deckenlautsprechern. 3. Stock: Spielparadies für Kinder. Es herrschte das Chaos. Mein Kopf brummte bereits nach einer Stun6


de und stand kurz vor dem Zerplatzen. Ich weiß gar nicht mehr – es war schon irre lange her –, wie meine Frau es fertiggebracht hatte, mich durch ein Kaufhaus zu schleppen. Meist war mir eine passende Ausrede eingefallen, und ich war immer froh gewesen, wenn ich meiner Frau dieses Vergnügen ohne meine Begleitung gönnen konnte. Ja, und hier stand ich nun und kam mir zwischen all den kleinen und großen Leuten wie in der Sauna unserer städtischen Badeanstalt vor. Ich hätte nicht im Traum gedacht, dass sich in so einem Weihnachtsmann-Kostüm eine solch schweißtreibende Hitze entwickeln würde. Außerdem ging mir der dicke, lange weiße Bart, der mich meiner Meinung nach vollkommen entstellte, gewaltig auf die Nerven. Die große rote Mütze saß so locker, dass sie mir immer wieder ins Gesicht rutschte. Meiner Frau hatte ich natürlich nichts von meiner neuen Nebenbeschäftigung erzählt. Ich traute mich nicht, kannte ich doch meine Frau. Sie hätte mich erbarmungslos ausgelacht und wäre schon längst hier aufgetaucht, um ihren Gatten als Weihnachtsmann zu erleben. Nein, das konnte ich meiner armen Seele nun wirklich nicht antun. Schlimm genug, dass ich das Weihnachtsopfer meiner schadenfrohen Kollegen geworden war! Meiner Frau hatte ich weismachen können, dass ich in diesem Jahr ausnahmsweise an den Samstagen der Vorweihnachtszeit in der Firma dringend benötigt würde. „Sonderaufträge ... Personalnotstand“, hatte ich brummig geantwortet, als natürlich die Frage kam: „Warum ausgerechnet du?“ 7


Doch nun hatte ich es fast geschafft. Mein erster Arbeitstag als Weihnachtsmann neigte sich dem Ende zu, ich hatte ihn beinahe überstanden. Lebend! Mein großer dunkler Sack mit Nüssen war auch schon leichter geworden. Jedes Kind bekam von mir eine Nuss geschenkt. Es waren Walnüsse. Und einige dieser Nüsse waren ohne Kern. Das heißt aber nicht, dass sie ohne Inhalt waren, denn anstelle des Kerns enthielten sie einen kleinen farbigen Zettel. Und jeder dieser Zettel bedeutete einen Gewinn. Das war eine Idee der Geschäftsleitung gewesen, um auch die kleinen Kunden in das Kaufhaus zu locken. Fünf verschiedene Farben gab es und damit auch fünf verschiedene Gewinne: Für einen gelben Zettel bekam man ein Quartettspiel mit Autos, Flugzeugen, Schiffen oder Motorrädern. Für einen grünen Zettel bekam das Kind einen Luftballon mit einem Weihnachtsmann als Motiv. Für einen blauen Zettel gab es kleine Schlüsselanhänger in Form eines Weihnachtsmannes. Für einen braunen Zettel – es waren insgesamt 50 Stück in dieser Farbe – wurde dem glücklichen Gewinner ein Spiel für den Game Boy überreicht. Fünf rote Zettel waren insgesamt zu bekommen. Sie bedeuteten den Hauptgewinn: Fünfmal einen Game Boy mit jeweils zwei Spielen.

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Wie gesagt, meine Zeit war fast abgelaufen, und meine Ablösung durch Anton stand kurz bevor. Ein kleiner Junge – er mochte um die sieben Jahre alt sein – war mir schon seit einer Weile aufgefallen. Dieser kleine, ziemlich ungepflegte Bengel schlich jetzt schon zum was weiß ich wievielten Male um den Stand mit den Legokästen herum. Nun blieb er erneut vor den kleinen Schachteln mit den Piratensets stehen. In seinen keineswegs sauberen Händen hielt er plötzlich eine Schachtel, auf der ein Floß und ein Pirat abgebildet waren. Er drehte sie hin und her und schaute dabei mal nach links, mal nach rechts. Inzwischen stand ich, von ihm völlig unbemerkt, ganz in seiner Nähe. Es grenzte an ein Wunder, dass mir das in meiner auffälligen Verkleidung überhaupt gelungen war. Jedenfalls war es genau der richtige Zeitpunkt. Ich bekam es fast nicht mit, so schnell hatte der Junge die Schachtel auch schon in seiner Jacke verschwinden lassen. Aber kaum, dass er diese Handlung hatte scheinbar unbemerkt durchführen können, fischte ich dem verdutzten Zwerg die Schachtel wieder aus seinem Jackenausschnitt. Bevor sich der kleine Mann auf die Flucht begeben konnte, hatte ich ihn auch schon am Arm gepackt und zur Kasse gezerrt. Dort hörte er mit offenem Mund und einem Staunen im Gesicht, das ich so schnell nicht wieder vergessen werde, wie ich mich an die Kassiererin wandte. „Ich möchte das hier bezahlen.“ Ich gab dem Jungen die kleine Schachtel mit dem Piratenfloß zurück. Er stammelte etwas, das wohl ein Dankeschön sein sollte. Aber noch bevor ich ihn nach 9


seinem Namen fragen konnte, war er mir auch schon wieder entwischt. Kurze Zeit später kam mein Weihnachtskollege Anton, und ich war erlöst. Wenigstens bis zum nächsten Samstag. Ich atmete erleichtert auf, übergab ihm den Sack mit den kostbaren Nüssen und wünschte ihm viel Spaß. Es waren keine zehn Minuten vergangen, bis ich wieder als ganz normaler Bürger vor dem Kaufhaus stand. Ich genoss die gute frische Luft und hatte auch nichts dagegen, mich vom Schnee berieseln zu lassen. In diesem Zustand sichtbarer Erleichterung schlenderte ich langsam zur Bushaltestelle. Kaum dort angekommen, glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Wer hockte da auf der Bank? Das war tatsächlich der kleine Gauner aus dem Kaufhaus! Er schaute mich kurz an, doch es gab kein Wiedererkennen in seinem Blick. Logisch, er kannte mich ja nur als Weihnachtsmann mit Bart, Mütze und Mantel. Da durchzuckte mich ein Gedanke. Ich wollte zu gern den Namen des kleinen Kerls in Erfahrung bringen. Natürlich konnte ich nicht einfach hingehen und fragen: „Wie heißt du?“ Das war klar. Aber wenn er mir seinen Namen nicht freiwillig sagen würde – nun gut, es gab noch andere Möglichkeiten. Schon als kleiner Junge wollte ich für mein Leben gern Kommissar werden. Aber wie das Leben so spielt, hatte ich es lediglich bis zum Abteilungsleiter einer Autoreifenfirma gebracht. Nun regte sich das Kind im Manne. „Also, Kommissar Linke, was gedenken Sie zu tun?“ 10


Peter Linke, so werde ich genannt. Ich war der Meinung, dass Kommissar Linke ein sehr gut klingender, eindrucksvoller Name war. Also gut. In meiner neuen Rolle als Kommissar Linke beschloss ich zunächst, den kleinen Burschen im Auge zu behalten und zu verfolgen. Sicher würde er über kurz oder lang nach Hause gehen müssen. Wenn ich erst einmal seinen Wohnsitz kenne, werde ich auch seinen Namen herausbekommen, dachte ich mir. Aber Kommissar zu sein ist auch nicht einfacher, als in die Rolle eines Weihnachtsmannes zu schlüpfen. Dann kam der Bus. Wir stiegen ein und los ging die Verfolgung. Ich verhielt mich unauffällig, ließ mein Opfer aber nicht aus den Augen. Beinahe durch die ganze Stadt ging die Fahrt. Es war mittlerweile dunkel geworden, und ich überlegte mir im Stillen schon eine passende Ausrede für meine Frau, denn eigentlich sollte ich längst zu Hause sein. Dann waren wir zu Fuß unterwegs. Die Gegend, in der wir uns befanden, war mir unbekannt. Ich konnte mich jedenfalls nicht erinnern, hier schon einmal gewesen zu sein. Der kleine Gauner war für sein Alter ziemlich flott auf seinen zwei kurzen Beinen. Ich hatte alle Mühe, ihn nicht zu verlieren, zumal ich einen großen Sicherheitsabstand einhalten musste. Wir kamen in eine recht einsame Gegend. Auf einer langen Straße bog der Junge plötzlich nach links ab. Kaum war ich ihm um die Ecke gefolgt, verschwand er auch schon in einer großen Einfahrt. Als ich zu dieser Einfahrt kam, stand ich vor einem ho11


hen Tor. Von dem Jungen war nichts zu sehen, er blieb verschwunden, spurlos. Ich schaute mich suchend um. Ein Türschild oder eine Hausnummer muss doch vorhanden sein, überlegte ich. Oh ja, da war etwas! Ein ziemlich großes weißes Schild aus Blech war am rechten Steinpfosten des Tores in Augenhöhe befestigt. Mit vor Erstaunen weit geöffneten Augen las ich halblaut: Städtisches Kinderheim. Der kleine Kerl war also ein Heimkind! Mit einem Mal tat mir der Junge leid, und ich hatte augenblicklich alle Lust an meinem Kommissarspiel verloren. Deprimiert, müde und hungrig wie ein Löwe kehrte ich mit einem ziemlich schlechten Gewissen in mein trautes Heim zurück. Kaum hatte ich die Haustür aufgeschlossen, kam mir auch schon meine Frau entgegen. „Nicht möglich! Du kommst auch schon nach Hause?“ Sie war augenscheinlich aufgebracht. „Versuch bitte nicht mir weiszumachen, dass du bis jetzt gearbeitet hast.“ „Nein, hab’ ich auch nicht. Ich habe heute im Kaufhaus einen kleinen Jungen beim Stehlen erwischt, und ...“ „Arbeitest du neuerdings auch noch als Warenhausdetektiv?“ „Ah ..., nein. Wie kommst du denn darauf?“ Au weia, da hatte ich mich verplappert. Aber die Sache mit dem Jungen ging mir doch sehr nach. Ich kam einfach nicht davon los, dieser Junge hatte es mir angetan. Und urplötzlich nahm ein Plan in meinem Kopf Gestalt an. 12


„Ich höre. Was hast du im Kaufhaus gemacht?“ Meine Frau ließ nicht locker. „Na, was macht man wohl als braver und treuer Ehemann vor Weihnachten in einem Kaufhaus?“, versuchte ich mich rauszureden. Da glitt ein Lächeln über das Gesicht meiner Frau. „Ich verstehe“, sagte sie verlegen, „du hast sicher das ganze Kaufhaus auf den Kopf gestellt, um für deine liebe Frau ein nettes, kleines Weihnachtsgeschenk zu kaufen.“ Damit war diese Angelegenheit zum Glück für sie erledigt, denn sie drehte sich um und ging in die Küche. Es war Mittwochnachmittag. Kommissar Linke trat wieder auf den Plan. Ich stand mit meinem Auto genau gegenüber des besagten Kinderheims. Mit einem Auge versuchte ich in der dicken Zeitung, die ich mir gekauft hatte, zu lesen, gleichzeitig mit dem anderen den Eingang zum Kinderheim im Blick zu behalten. Es war um die Mittagszeit und damit Schulschluss. Ich hatte Glück. Kurz vor 14 Uhr tauchte eine ganze Reihe von Kindern mit Schultaschen auf. Sie alle waren in Richtung Heim unterwegs. Mein kleiner Gauner war auch dabei. Heute sah er sogar ganz manierlich und sauber aus. Als er mit einigen anderen Jungen vorbeigegangen war, stieg ich aus. Ein Mädchen ging verträumt in einem großen Abstand hinter den anderen her. Ich trat ihm entgegen. In der Hand hielt ich einen klei13


nen Stadtplan und fragte es nach einer Straße, die sich ganz in der Nähe befand. Das Mädchen war ohne Scheu, sehr freundlich und auch erstaunlich gesprächig. Schließlich fragte ich es einfach nach dem Namen des Jungen in der grünen Hose. Ohne jegliches Misstrauen gab es mir Auskunft! „Das ist der Markus Reiter. Der ist schon ganz lange bei uns. Der Markus hat keinen Menschen mehr auf der ganzen Welt. Ich habe noch eine Oma. Die kommt mich jeden Sonntag besuchen. Jetzt muss ich aber gehen. Tschüss!“ Weg war die kleine Plaudertasche. Aber ich hatte den Namen. Markus Reiter, so hieß der kleine Junge mit vollem Namen. Zufrieden mit mir und der Welt bestieg ich mein Auto und fuhr nach Hause. Ich hatte meine vier verkaufsoffenen Samstage als Weihnachtsmann überstanden. Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass es mir am Ende doch noch Freude gemacht hatte, so viel Freude, dass ich beschloss, noch ein weiteres Mal den Weihnachtsmann zu spielen. Aber diesmal zusammen mit Anton. Und nicht im Kaufhaus. Als ich meinen Kollegen in meinen Plan eingeweiht hatte, war er sofort Feuer und Flamme. So packten wir beide am Heiligen Nachmittag meinen Wagen mit Weihnachtsgeschenken voll und fuhren los. Um 15 Uhr trafen wir im Kinderheim ein, wurden durch eine Hintertür hineingelassen und gelangten auf Umwegen in den großen Esssaal des Hauses. Dieser war in besonders festlicher Weise als Weih14


nachtszimmer hergerichtet. Ein großer Weihnachtsbaum stand in der Ecke und in den Fenstern leuchteten Lichterbögen. Die Kinder saßen bei dieser herrlichen Beleuchtung mit strahlenden Augen voller Erwartung und Spannung in einem großen Halbkreis vor dem Weihnachtsbaum. Anton und mir bereitete es außerordentliche Freude, die kleinen und großen Päckchen an die Kinder zu verschenken. Und dann gab es für alle noch eine ganz große Überraschung. Die betraf ein Kind in besonderer Weise. Ich nehme an, Markus hatte mich an meiner Stimme wiedererkannt. Nur sehr zögernd und ängstlich hatte er die Geschenke von uns Weihnachtsmännern entgegengenommen. Offenbar hatte er noch immer ein schlechtes Gewissen. Aber dann, beim letzten Geschenk, das ich ihm natürlich selber überreichte, war seine Freude riesengroß und alle Furcht und Traurigkeit aus seinem Gesicht – und ich denke, auch aus seinem Herzen – gewichen. Wir waren auf dem Weg nach Hause. Anton fuhr ich natürlich bis vor seine Haustür, wo seine Familie ihn ungeduldig erwartete. Damit hatte er seinen Dienst als Weihnachtsmann für dieses Jahr endgültig beendet. Ich dagegen musste noch ein letztes Geschenk zum Fest abliefern. Kurz vor 18 Uhr stand ich, immer noch als Weihnachtsmann verkleidet, mit meinem Geschenk vor meiner eigenen Haustür und klingelte. Bald hörte ich die leichten und doch eiligen Schritte meiner lie15


ben Frau. Sie riss die Haustür auf und sah erst mich, dann mein Geschenk ganz erstaunt an. „Sie wünschen bitte?“, fragte sie vor lauter Schreck etwas unfreundlich. „Ein gesegnetes Weihnachtsfest!“, tönte es ihr unverhofft zweistimmig entgegen. Sie schaute uns seltsam an, so als kämen wir geradewegs von einem anderen Stern und wären just zum Heiligen Abend vom Himmel gefallen. „Dürfen wir nicht reinkommen?“, fragte ich freundlich, natürlich mit verstellter Stimme. „Sie wollen doch nicht etwa den lieben alten Weihnachtsmann samt Ihrem Weihnachtsgast draußen im Kalten stehen lassen?“ Meine Frau war ganz offensichtlich ratlos. Sie schaute zuerst auf ihre Uhr, dann die Straße hinunter. Wahrscheinlich hoffte sie inständig, ich würde endlich nach Hause kommen. „Warten Sie auf Ihren Mann?“, fragte ich daher lächelnd. „Der ist doch schon da!“ „Wie bitte? Was soll das denn heißen?“ Plötzlich wurde sie still und schaute mich intensiv an. Dann umspielte ein feines Zucken ihre Lippen. Nun konnte ich beim besten Willen nicht länger an mich halten. Ich musste laut loslachen. „Peter!“, rief meine Frau erleichtert aus und fiel mir vor Freude um den Hals. Doch dann ließ sie mich los und deutete auf Markus. „Und wer ist das?“ „Das ist eigentlich eine lange Geschichte. Aber um es kurz zu machen: Markus ist unser Weihnachtsgast.“

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Es wurde das schönste Weihnachtsfest, das wir je erlebt hatten. Markus taute während der Festtage bei uns richtig auf. Wir drei hatten herrliche Tage miteinander. Am 2. Weihnachtstag saßen wir gemütlich am Frühstückstisch. Meine Frau und ich waren noch nicht so ganz munter, denn am Abend vorher hatten wir uns noch sehr lange unterhalten. Als wir mit dem Frühstück fertig waren, blieben wir noch sitzen. Meine Frau und ich lasen jeden Morgen zusammen die Losung und beteten miteinander. Diese Gewohnheit hatten wir auch während Markus’ Besuch beibehalten. „Markus! Bevor ich uns heute Morgen die Losung des Tages vorlese und wir zusammen beten, möchten meine Frau und ich dich etwas sehr Wichtiges fragen: Könntest du dir vorstellen, vielleicht ganz bei uns zu bleiben?“ Mit weit aufgerissenen Augen schaute mich der Junge ziemlich fassungslos an. „Wie du ja mitbekommen hast, haben wir beide keine eigenen Kinder. Meine Frau war vor vielen Jahren ziemlich krank und kann seitdem keine Kinder bekommen. Aber wir möchten sehr gerne ein Kind haben. Markus, möchtest du gerne bei uns bleiben?“ Ich wollte ihm gerade noch erklären, dass er sich das natürlich in aller Ruhe überlegen konnte und uns nicht sofort eine Antwort geben musste. Aber da war er auch schon von seinem Stuhl aufgesprungen und erst mir und dann meiner Frau um den Hals gefallen. Die Losung des Tages aber stand in 2. Könige 20, Vers 5 und hieß: „Ich habe dein Gebet erhört und deine Tränen gesehen.“ 17


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