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Renate Bergmann

Haus Hรถhenblick Ein Zeichen der Treue Gottes


Vorwort

Oft stehe ich in Braunfels auf dem Friedhof am Grab meines Vaters Heinz Stossberg. Die Gedanken schweifen zurück in die Vergangenheit. Die Erinnerungen sind immer weiter weg. Die Zusammenhänge nach langer Zeit verschwommen. Beim Lesen dieses Buches steht plötzlich alles wieder vor meinen Augen, die frühen Erlebnisse wachen wieder auf. Vieles von dem, was Heinz Stossberg geleistet hat, war in seinem tiefen Glauben begründet. »Haus Höhenblick« war sein Lebenswerk. Dafür setzte er seine ganze Überzeugungskraft ein, seinen Fleiß, seine Zeit, seine Kreativität. Die Idee, anderen Menschen einen Ort der Besinnung zu ermöglichen, war weit vorausschauend. Dabei war es für ihn wichtig, von Menschen begleitet zu werden, die ihn unterstützten, in schwierigen Zeiten aufbauten und denen er vertrauen konnte. »Haus Höhenblick« ist heute immer noch ein Ort der Besinnung und Begegnung. Die Zeiten haben sich geändert, die Ansprüche der Gäste sind gestiegen, die Anforderungen der Behörden ebenso. Es ist heute schwierig – wie damals. Die Ausgaben sind kaum zu stemmen – wie damals. Aber die Idee von »Haus Höhenblick« lebt auch heute noch – wie damals. Pastor Andreas Kraft hat durch die Verwirklichung des Planes, ein zusätzliches Seminarhaus, das »Heinz-Stossberg-Haus«, zu schaffen, den Kreis zu den Anfängen von »Haus Höhenblick« geschlossen. Mein Dank gilt Renate Bergmann, die in akribischer Kleinarbeit alle Fakten um »Haus Höhenblick« zusammengetragen hat. Durch dieses Buch wollen wir Mut machen, das von Heinz Stossberg angefangene Werk trotz aller Schwierigkeiten zuversichtlich weiterzuführen. Wenn ich demnächst am Grab meines Vaters stehe, ist mir vieles klarer geworden. Eschborn, im August 2008 Gerhard Stossberg 5


Heinz Stossberg 1970


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Wir schreiben das Jahr 1927. Am Schluss eines Evangelisationsgottesdienstes kniet ein 13-jähriger Junge vor dem Altar nieder. Er übergibt sein Leben Jesus Christus und betet: »Herr, hier hast du mein Leben, ich stelle es dir zur Verfügung. Mach damit, was du willst.« Sein Name ist Heinz Stossberg. Seine Mutter, die bereits als 26-jährige Frau Kriegerwitwe wurde, hatte einst gelobt: »Herr, wenn du mir einen Sohn schenkst, so will ich ihn dir weihen, mache ihn zu deinem Knecht.« Ein um einige Jahre älterer junger Mann – Oskar heißt er – nimmt sich dieses Jungen an. Es entwickelt sich eine wunderbare Freundschaft zwischen ihnen. Sie ist geprägt vom Glauben an Jesus, dem Herrn aller Herren. Gemeinsam wollen sie ihm dienen und ein Zeugnis für ihre Umwelt sein. Sie überlegen, wie sie das am besten verwirklichen können, und Oskar hat eine Idee. »Heinz, ich baue ein Haus, in das Gäste zur Erholung kommen können. Ich übernehme die Heimleitung und du machst eine theologische Ausbildung, um die geistliche Betreuung und die Seelsorge zu übernehmen.« In vielen Gesprächen und Plänen malen die beiden sich aus, wie das wohl sein könnte und wie schön das wäre. Doch dann regen sich im Herzen von Heinz Stossberg andere Gedanken. Afrika rückt immer mehr in sein Blickfeld. Missionar in Afrika, das ist sein Ziel, darauf arbeitet er jetzt hin. Er lernt den Beruf des Maschinenschlossers – weil man das ja in Afrika immer brauchen kann – und bewirbt sich nach bestandener Prüfung an der Missionsschule St. Chrischona bei Basel. Von 1934 bis 1938 absolviert er dort im Predigerseminar seine theologische Ausbildung. Während dieser Zeit besucht er regelmäßig den Jugendkreis der Evangelischen Gemeinschaft in Basel. Dort lernt er im Jahre 1936 ein junges Mädchen kennen und lieben. Ruth Huber heißt es. Ruth ist bereit, mit ihm nach Afrika zu gehen, um einen gemeinsamen Missionsdienst zu tun. So rückt sein Ziel Afrika immer näher. Nach seiner Ausbildung muss er zunächst den aufgeschobenen Wehrdienst ableisten. Und dann kommt alles anders. 1939 bricht der Krieg aus. Heinz Stossberg kommt zum PanzerRegiment »Hermann Göring« und ist bis zum bitteren Ende 1945 7


Soldat. Anschließend gerät er in Österreich in Gefangenschaft. Zwei Monate später wird er in seine Heimatstadt Solingen entlassen. Wenn er aus dieser schrecklichen Zeit erzählt, kommt immer wieder zum Ausdruck, dass Gott es ist, der ihn bewahrt und ihm Kraft gegeben hat, seinen Namen zu bezeugen, der ihn nicht losgelassen und der in den Wirren des Krieges seine Hand über ihn gehalten hat. An einen Missionsdienst in Afrika ist in jener Zeit nicht zu denken, aber in seinem Herzen bewegt Heinz Stossberg diesen Gedanken weiter. Zunächst arbeitet er in der Gemeinde in Solingen mit und die Evangelische Gemeinschaft ist bereit, ihn als Prediger anzustellen. Von 1946 bis Juli 1947 geht er noch einmal nach St. Chrischona, um sich theologisch weiterzubilden. Diese Zeit schließt mit seiner Ordination ab. Danach hat er die Möglichkeit, bis zur Rückkehr nach Deutschland im Krankenhaus Bethesda in Basel zu arbeiten. Afrika hat er trotz aller Widrigkeiten immer noch nicht aufgegeben und im Hinblick auf seine Missionspläne ist die Arbeit im Krankenhaus für ihn sehr wertvoll. Noch ein Ereignis fällt in diese Zeit. Endlich kann er seine Braut Ruth, die während der langen Kriegsjahre treu auf ihn gewartet hat, heiraten. Am 10. Januar 1948 werden die beiden in der Kapelle des Krankenhauses Bethesda in Basel getraut. Was ist in den vergangenen Jahren aus Oskar geworden? Auch ihm hat Gott eine Frau und drei Töchter geschenkt. Er hat tatsächlich ein Haus gebaut, ein kleines Hotel im Herzen des Bergischen Landes. Mitten aus dieser Arbeit wird er aber nach kurzer, schwerer Krankheit von Gott heimgerufen. Seine Frau führt das Haus weiter und verpachtet es. Auch für das Leben von Heinz Stossberg hat Gott andere Pläne. Die Türen nach Afrika bleiben ihm verschlossen. Es gibt keine Möglichkeit auszureisen und an einen Missionsdienst in »seinem Land« ist nicht zu denken. Dennoch gilt für ihn sein Versprechen: »Herr, mach mit mir, was du willst.« Sein Weg führt ihn zunächst ins Rheinland, nach Velbert. Als Pastor der Evangelischen Gemeinschaft tut er dort den Dienst von 1948 bis 1955. In dieser Zeit schenkt Gott den Eheleuten zwei gesunde Kinder: Christine, inzwischen verheiratet mit Manfred Siebald, und Gerhard, verheiratet mit Elfriede geb. Brod. Heinz Stossbergs Herz brennt nach wie vor für die Menschen, die ohne Gott verloren gehen. Er betet um junge Menschen, und Gott 8


schenkt es, dass sein Jugendkreis in der Gemeinde wächst. Sonntag für Sonntag lauschen ca. 40 bis 50 junge Leute im Gottesdienst seiner Predigt. Seine Verkündigung ist klar, zeitnah und anschaulich. Die Frucht bleibt nicht aus; viele entscheiden sich für Jesus Christus. Zu ihnen gehöre auch ich. Ich will damals nichts von Kirche und »Frommsein« wissen. Der Turnverein ist mein Leben. Schon seit meinem fünften Lebensjahr bin ich – durch meinen »großen« Bruder, der mich mitnahm – dabei und wirklich gut in diesem Fach. Wettkämpfe bestreiten, Siegerurkunden sammeln und zum Ausscheidungskampf für die Olympiade nach Berlin fahren (damals verlangte man noch nicht so viel wie heute) sind meine Ziele. Dann werde ich von zwei Mitschülerinnen meiner Berufsschulklasse in den Jugendkreis eingeladen. Ich lehne dankend ab mit dem Hinweis, das sei nichts für mich. Die beiden Mädchen lassen aber nicht locker, und um sie endlich »vom Hals« zu haben, gehe ich mit; vergewissere mich aber, dass ich nicht gleich aufgeschrieben und festgenagelt werde. An diesem Abend erlebe ich etwas, was ich bis dahin nicht gekannt habe: Etwa 40 bis 50 junge Leute sind beisammen, sie strahlen eine Freude aus, haben eine wunderbare Gemeinschaft und Harmonie und ich spüre, da ist etwas ganz anderes. Dann steigt ein junger Mann, 14 Jahre alt, auf einen Stuhl, alle stellen sich auf und er übt mit ihnen ein Lied ein: »Nun gehören unsre Herzen ganz dem Mann von Golgatha ...« Dieses Lied und auch der junge Mann beeindrucken mich derart, dass ich verspreche: »Nächste Woche komme ich wieder.« Um es kurz zu machen: Ab dem Abend gehe ich jede Woche in den Jugendkreis und bald wird mir klar, dass ich nicht wie bisher weiterleben kann. Entweder der Turnverein oder Jesus Christus. Nach einem Gespräch mit Heinz Stossberg und einigen inneren Kämpfen wage ich den Schritt zu Jesus. Für mich gibt es nur ein radikales Vernichten aller Urkunden und Fähnchen und den Austritt aus dem Turnverein. Es hat sich gelohnt und ich habe es nie bereut! Doch davon später mehr.

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Es wird Heinz Stossberg bald klar, dass Gott ihm eine besondere Gabe der Verkündigung gegeben hat. Vom 16. Februar bis zum 5. März 1950 hält er seine erste Evangelisation in Essen-Kray. Er erzählt später: »Meine Knie zitterten, als ich auf die Kanzel stieg. Wird sich Jesus zu meinem Dienst bekennen?« Ja, der Herr tut es. Eine ganze Gemeinde wagt einen Neuanfang mit Jesus. Von da an weiß Heinz Stossberg, dass sein Weg nicht nach draußen in die äußere Mission geht, dass Afrika für ihn verschlossen bleibt, dass sein Dienst der Ruf zur Evangelisation ist. Auch seine Kirche erkennt das. Von 1955 bis 1957 übernimmt er eine Gemeinde in Bielefeld und während der Jahreskonferenz der Evangelischen Gemeinschaft 1957 wird er ganz für den Dienst des Evangelisten freigestellt. In Essen hat die Gemeinde eine Kirche mit großem Wohnhaus gebaut. So zieht die Familie von Bielefeld nach Essen. Ich persönlich ziehe 1955 mit nach Bielefeld und gehöre von da an als »Kind im Haus« zur Familie. Kinder habe ich schon immer geliebt und es ist mir ein großes Anliegen, Kindern von Jesus zu sagen. So beginne ich in Bielefeld eine Kinderarbeit in unserer Gemeinde. Ich gebe mein Bestes und doch fehlt mir etwas Entscheidendes. Eine junge Frau macht mich auf die Möglichkeit aufmerksam, einen Lehrgang der Kinder-Evangelisations-Bewegung zu besuchen, mehr noch, sie bezahlt mir den Aufenthalt dort in Geisweid. Während dieses Lehrgangs macht Gott mir klar, dass es nicht reicht, biblische Geschichten zu erzählen, sondern dass es ganz wichtig ist, Kinder zur Entscheidung für Jesus zu führen. Mit dieser Erkenntnis fahre ich wieder heim. Mein Herz brennt für die Kinderarbeit und ich bete: »Herr, wenn du mich gebrauchen willst, hier bin ich.« Nicht lange danach führt Gott mich ganz in die Kinderarbeit. Im Jahr 1956 sind es fünf Einsätze und von 1957 bis zum Frühjahr 1964 darf ich gemeinsam mit Heinz Stossberg im Dienst der Evangelisation stehen, von Mai bis Ende September in den Missionszelten unserer Kirche und im Winter in vielen Gemeinden unseres Landes, der Schweiz und Österreichs. Heinz Stossberg weiß, dass eine solche Arbeit nicht allein bewäl10


Renate Bergmann 1961

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tigt werden kann, dass es ganz wichtig ist, Beter hinter sich zu haben. Zunächst gibt er den Geschwistern in der Gemeinde die Termine bekannt und berichtet anschließend über die einzelnen Evangelisationen. Diese Beterschar vergrößert sich, denn in den Gemeinden ruft er die Gläubigen zur Fürbitte auf. Schon bald verschickt er seinen ersten Gebetsbrief. Wie schwierig das ist, soll ein kleiner Abschnitt aus einem Brief vom 25. Januar 1956 zeigen, in dem er schreibt: »Schon im Dezember 1955 sollte dieser Brief auf die Reise geschickt werden, aber ich habe gewartet und auch warten müssen bis jetzt. Gewartet deshalb, weil ich in die viele Arbeit der vorweihnachtlichen Zeit nicht auch noch mit Bitten und Anliegen zu euch kommen wollte; und warten müssen, weil mir die Finanzen ausgegangen waren und ich nicht in der Lage war, den großen Rundbrief zu verschicken. Nun aber ist es möglich geworden durch eine feine Hilfe, die mir von Kasseler Geschwistern zuteilwurde. Jetzt kann der Brief wandern in alle Richtungen bis hin nach Süddeutschland und auch in die Schweiz zu einigen treuen Betern, die uns kämpfend zur Seite stehen wollen.« So entsteht der Gebetsbrief »Der Brief für Dich«, der fortan nach Möglichkeit viermal im Jahr verschickt wird. Dazu schreibt Heinz Stossberg am 3. April 1957: »Nur in der Stille kann etwas wachsen, nicht im Lärm der Zeit. Schon vor Wochen wollte ich diesen Brief schreiben, aber die Zeit war zu unruhig, zu schnell, es gelang mir nicht. Nie soll es ein Gruß werden, der Tempo und viel Arbeit atmet, dafür ist mir dieser Dienst des Schreibens zu wertvoll, zu kostbar. Nie soll der Brief ein termingebundener, gewohnheitsmäßiger Nachrichtendienst werden. Das ist von Anfang an mein Wunsch, meine Bitte gewesen: ›Herr, lass auch diese Arbeit, die so unendlich wichtig ist, immer nur Freude und Dank bringen, lass die Briefe nichts anderes sein als seelsorgerliche, helfende und heilende Grüße.‹ Es liegt mir auf dem Herzen, dass es nie so scheinen soll, als ob ich die Menschen an mich ziehen wollte. Gott möge mich davor bewahren, so etwas wie eine eigene Gemeinde zu bilden. Im Gegenteil, ich möchte nicht trennen, sondern zusammenführen. Die Zeit drängt dahin, dass wir erkennen, wir gehören zusammen, wir stehen unter einem Befehl, wir haben einen Herrn und König. Auf einer neuen Zersplitterung kann kein Segen liegen. Darum ist es meine Bitte, treu in dem kirchlichen Raum zu wirken, wo Gott den Einzelnen hingestellt hat. Wir dürfen und 12


wollen uns nicht an Menschen binden, sondern viel fester an Jesus Christus und den Weg zum Bruder und zur Schwester suchen.« Die Gebete bleiben nicht ohne Wirkung. Gott bekennt sich zu unserem Dienst, nachmittags an den Kindern und abends an den Erwachsenen. Aus jenen Tagen will ich Heinz Stossberg selbst reden lassen: »Ich fuhr nach Berlin, dort stand das Zelt der Berliner Stadtmission für meinen Dienst bereit, nur einige Hundert Meter von der Sektorengrenze entfernt. Jeden Abend kamen viele aus dem Ostsektor, aus einem etwas verrufenen Viertel. Aber gerade dorthin gehört die Botschaft! Es gab des Abends Zwischenrufe und Beifallsrufe. Von außen stellte man an einem Abend einen Radioapparat ins Fenster, aber das alles störte nicht unseren großen Meister, auch dort, unter den oft ungünstigsten Bedingungen, Menschen zu rufen – und sie kamen. Das Zelt war besetzt und wie so manches Mal saßen vorne die Bänke voll in den Nachversammlungen. Junge und Alte, die Frieden mit Gott finden wollten und auch fanden. Am vorletzten Abend fehlten uns noch über DM 400,– zur Deckung der Kosten. Wir haben darum gebetet, und als wir am letzten Abend die Kollekte zählten, hatten wir einen Überschuss von DM 5,–. Ich konnte nur beten: Herr, wie groß und reich bist du doch! Sonntags durfte ich im Ostsektor einen Gottesdienst halten. Wie habe ich die Menschen dort lieb gewonnen. Wenn das ein offener Brief wäre, würde ich einiges erzählen! Betet für die Brüder und Schwestern in der Ostzone, sie haben es nötig!« So weit aus einem Rundbrief vom 15. Juli 1956. Schon damals traut Heinz Stossberg seinem Gott alles zu. Es sind wohl die bewegendsten Augenblicke, wenn Menschen in den Zelten und Gemeinden nach vorne kommen, um ihr Leben Jesus zu übergeben. So ist es auch verständlich, dass die Menschen Fragen und Probleme haben und Seelsorge in Anspruch nehmen. Schon damals fängt es an, dass der Briefträger »viel zu tun hat« und jede Menge Post bringt, die beantwortet werden muss. Wie lange kann Heinz Stossberg das so schaffen, gibt es einen anderen Weg? Wir schreiben das Jahr 1958. Eine Woche Familienurlaub ist möglich. Wir verbringen ihn in der Schweiz. Hoch oben, eingeschlossen von den gewaltigen Bergriesen. Oberhalb des Thunersees liegt der Ort Beatenberg. Dort gibt es eine Bibelschule, die zugleich auch Ferienheim ist. Wir sind gespannt, was uns erwartet, und freuen uns auf den Frühling in den Bergen. Wir werden von einer fröhlichen 13


Schwester empfangen und stellen im Laufe der Woche fest, dass diese Fröhlichkeit bleibt. Trotz aller Arbeit und auch Hektik ist sie niemals unfreundlich oder ungeduldig. Wir können jederzeit mit allen Fragen zu ihr kommen, sie hat einfach immer Zeit. Woher nimmt sie die Kraft, allen Menschen gleich fröhlich und lieb zu begegnen? Sie ist ein Gotteskind und weiß sich in den Dienst Jesu gestellt. Er und sein Wort sind ihre Kraftquelle. Im Laufe der Woche machen wir die Erfahrung, dass das nicht nur bei dieser Schwester so ist, sondern auch bei allen anderen Mitarbeitern; angefangen vom Zimmermädchen bis hin zu den Lehrern der Bibelschule. Sie arbeiten als lebendige Bausteine am großen Bauwerk des Reiches Gottes; jeder mit der Gabe, die Gott ihm gegeben hat. Jeder dient demselben Herrn. Da haben Neid und Missgunst keinen Platz. Kein Wunder, dass wir uns dort oben wohl fühlen, und unwillkürlich denken wir: So müsste es überall sein. Damals keimt es in unseren Herzen und Gedanken zum ersten Mal auf: Solch ein Haus, in dem dieser Geist herrscht, müssten wir auch in Deutschland haben. Ein Seelsorgehaus sollte es sein. Ein Haus, in dem Menschen innerlich und äußerlich gesunden können, in dem gebetet wird und einer dem anderen die Lasten tragen hilft. Ein Haus der Stille und des Friedens, ein Haus, in welchem Menschen Frieden mit Gott finden. Es müsste zudem ein Haus sein, in das Mütter und Väter mit ihren Kindern kommen können, um ihre Ferien zu verleben. Ein Haus, in dem wir uns der Kinder annehmen. Auch sie sollten seelsorgerliche Begleitung finden, auch ihnen sollte der Weg zu Jesus gezeigt werden. Ein Haus, in dem »Alte mit den Jungen« den Namen des Herrn loben. Ein Haus, in dem alle, die dort arbeiten, Gottes Kinder sind; Menschen, die gewillt sind, in ihrem Dienst einen Auftrag Jesu zu sehen, und im Gehorsam diesen Dienst auch tun. Die Hausgemeinschaft soll zugleich eine Gebetsgemeinschaft sein und im Blick auf alle, die als Gäste kommen, eine Dienstgemeinschaft. Und über allem sollten die Worte stehen: »Nicht verdienen, sondern dienen; nicht richten, sondern aufrichten!« Es wird Heinz Stossberg klar, dass er etwas tun muss, damit dieser Gedanke Wirklichkeit wird. Wieder zu Hause in Essen, erzählt Heinz Stossberg seinem Superintendenten Immanuel Mohr von Beatenberg und von seinen Gedanken, die er im Herzen bewegt. Auch Pastor Mohr meint: »Ja, so ein Haus müssten wir haben.« Auch ihm ist ganz klar, dass viele Menschen nicht allein zurechtkommen, sondern Hilfe brauchen. So beschließen sie, darüber zu beten. Ob es 14


wohl das Sauerland oder das Siegerland sein könnte? Nun, Gott wird uns den richtigen Platz zur rechten Zeit zeigen, wenn es sein Wille ist – das glauben sie. Die Arbeit geht weiter. Ein Jahr ist inzwischen vergangen. Es ist Frühjahr 1959. Wir machen einen Besuch in Solingen bei einem guten Freund, Helmut H. Wir sitzen beisammen, erzählen dieses und jenes und kommen auch auf Beatenberg und »unser Haus« zu sprechen. Warum muss das gerade heute sein? Seltsam, doch bald wird es uns klar. Helmut berichtet uns vom »Haus Bergblick«, dem Haus, das Oskar einst gebaut hat, dem Haus, das einmal ein gemeinsames Werk werden sollte, das Frau B. verpachtet hat. Und nun erfahren wir, dass der Pächter, der es nach und nach zu einer Gartenwirtschaft gemacht hat, vor dem Bankrott steht. Frau B. sucht einen neuen Pächter. Aber pachten? Wir wollten doch ein eigenes Haus haben! Andererseits: Wäre es nicht wundervoll, Oskars Haus wieder in Ordnung zu bringen? Es seiner Bestimmung zurückzugeben? Es in Oskars Sinn zu führen? Dazu mitten im Bergischen Land, umgeben von herrlichen Wäldern und in der Nähe des Ruhrgebietes, wo viele Menschen leben? Geht da eine Tür auf, ist das unser Weg? Helmut ruft Frau B. an. Es ist wahr, sie will das Haus zunächst für drei Jahre verpachten und verspricht, uns zu schreiben. Freude zieht in unser Herz ein. Wir fangen an, Pläne zu schmieden, und danken Gott dafür. Doch wir müssen auf den Brief warten! Während dieser Wartezeit ist Heinz Stossberg nicht untätig. Er bespricht die Sache mit Superintendent Immanuel Mohr. Dieser fährt an einem Nachmittag ins Bergische Land und besichtigt das Haus. Begeistert kehrt er zurück. Das könnte es ein! Dann kommt auch noch der Brief von Frau B. Voll Vertrauen teilt sie uns ihre Sorgen und Nöte mit und findet auch ein Ja dazu, dass das Haus wieder ein Haus wird, in dem Gott der Herr ist. Als wir diesen Brief bekommen, sitzen wir gerade in Rheydt in einem kleinen Café; in der Nähe steht unser Missionszelt. Abend für Abend strömen die Menschen ins Zelt und hören die Frohe Botschaft. Wir wissen und glauben, dass auch hier wieder Menschen den Schritt zu Jesus wagen, und wieder werden es viele sein, die Hilfe brauchen. Immer ernster und anhaltender wird unser Gebet: »Herr, zeige uns den Weg!« Sind wir nicht schon ganz nah dran? Freude kommt auf. Was kann noch schiefgehen? Wieder zu Hause, fahren wir an einigen Nachmittagen ins Bergische Land und besuchen Frau B. Wir machen Pläne, richten in Ge15


danken das Haus ein, gestalten den Flur neu; wissen, wo die Garderobe hinkommt, und noch vieles mehr. Im Geist sehen wir die Gäste, heißen sie willkommen und sind gewiss, Gott wird uns helfen. Eine Woche später ist alle Freude dahin. Alles ist aus, vorbei. Warum, Herr? Will Gott nicht, dass wir ein solches Haus haben? Will er nicht, dass den Menschen geholfen wird? Wir sind traurig! Warum das Aus? Frau B. erklärt uns, dass der Pächter sofort aufhören muss und sie nun sofort jemanden braucht. Das ist natürlich für uns nicht möglich. Eins ist uns auch klar: Gott beruft nicht jemanden zum Dienst und holt ihn von heute auf morgen da raus, sondern Gott ist ein Gott der Ordnung, und wenn er eine neue Aufgabe zuteilt, sorgt er mit Sicherheit dafür, dass es an anderer Stelle weitergeht. Hinzu kommt, dass Frau B. das Haus wohl nie verkaufen wird und hofft, dass ihre Kinder es einst weiterführen. Was nun? Der beste Weg in solchen Situationen ist der Weg zu Gott, an sein Vaterherz. Es ist nicht leicht, unsere Enttäuschung zu überwinden, glaubten wir uns doch schon so nahe am Ziel. Durch Gottes Gnade können wir es aus seiner Hand nehmen und ruhig werden. Wenn Gott eine Tür schließt, dann kann er eine andere öffnen, dessen werden wir gewiss. Unerschütterlich halten wir daran fest: Wenn Gott so ein Haus haben will, dann wird er es schenken! Wenn er es nicht will, dann wollen wir es auch nicht. »Darum öffne oder schließe die Türen, Herr, wie du willst.« Über diesen Gebeten werden wir ruhig und getrost.

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