Robert Badenberg
Sambia oder Jederzeit ab jetzt Mein afrikanisches Tagebuch
johannis
Renate & Matthias Echte Freunde
Inhalt
»Jederzeit ab jetzt!«
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Allein in einer fremden Welt
12
Ndola – »Willkommen in der freundlichen Stadt«
21
72 km – und dann rechts in den Busch
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Ein Plattfuß macht uns Ärger
25
Neues Leben – neue Rollen
27
BaBenson
28
Führerscheinprüfung
31
»Das ist verboten« – Die erste Rüge
35
»Josua erobert Jericho« – Die erste Predigt
38
»Nein danke« geht nicht
40
Kasama – ein bisschen wie Wildwest
43
Pleiten, Pech und Pannen
47
Geldreform
49
»Go right to the top – Sprich mit dem Chef«
51
Tanz des G3
55
Mosi-o-Tunya
58
»Hey, ihr da – Musungus!«
60
Erdbeershake und Affenklau
62
Ilondola – »Wiedergewinnung eines verlorenen Territoriums«
65
»Katholisch« leben?
68 7
Anna, Koch Katongo und Kapenta-Pizza
70
Father Hubert
72
Ein kleiner Weltempfänger verkündet große Weltgeschichte
74
BaStepheni
76
Dachlos, aber nicht kopflos
79
John und Amelia
82
In der Höhle des Löwen?
84
Die Container-Odyssee
86
»Vergeltet nicht Böses mit Bösem ...«
89
Tausend Scherben, Insekten und Dunkelheit
91
»Madam, I have come for breakfast!«
95
Von Eden kann keine Rede sein
98
Tanganjika: Quittung, Flugzeug, Boot und Fisch
102
Unser erster Hochzeitstag
108
Ronalds Baby
112
Armer Pat aus Chicago
114
In den Fängen der Polizei
118
Epilog
125
8
»Jederzeit ab jetzt!«
In Sambia gibt es wie überall auf der Welt einen 24-Stunden-Tag. Und doch tickt die Zeit irgendwie und auch konkret anders. Bemerkbar macht sich diese »andere Zeit« bei sogenannten Meetings, also Besprechungen, ohne die nichts läuft. Für alle Angelegenheiten des Lebens werden Meetings angesetzt. Das erklärt auch die vielen Komitees und Ausschüsse, die allerorts in großer Anzahl in diesem Land im südlichen Afrika existieren. Es war Ende der 1980er-Jahre während unserer Anfangszeit in Sambia. Wir saßen mit Einheimischen zusammen, weil es irgendein Meeting zu irgendeinem Anlass geben sollte. Der Termin war abgemacht und eine bestimmte Uhrzeit als Beginn festgesetzt. Natürlich waren wir pünktlich, ja überpünktlich gewesen. Nach der ausgiebigen Begrüßungsrunde und den anschließenden Alltagsplaudereien saßen wir wartend in der Runde. Wir saßen und warteten, warteten und saßen. Ab und zu stieß eine weitere Person dazu. Immer häufiger blickte ich ungeduldig auf die Uhr. In meinem Innern baute sich eine Spannung auf, die ich nicht mehr ignorieren konnte. »Die Uhrzeit war doch bekannt«, argumentierte ich im Stillen. Es bewegte sich einfach nichts. Meine Bemerkung, dass es doch langsam Zeit sei, endlich zu beginnen, ging einfach unter. »Es sind noch nicht alle da«, hieß es schlicht. Was für eine Begründung! Als nach meinem Empfinden genug »Toleranzzeit« (was für ein Wort) verstrichen war, wagte ich nochmals einen Vorstoß und fragte vorsichtig: »Wann können wir mit dem Meeting beginnen?« Die Antwort kam prompt und bestimmt: »Any time from now« – jederzeit ab jetzt! An einer der wenigen Tankstellen in Kasama, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt hoch im Norden Sambias, füllte ich den Tank meines Wagens mit Diesel. Da hielt neben mir ein Pick-up. Diese Art kleiner Lieferwagen mit Pritsche ist typisch für Sambia (und nicht nur für 9
dieses Land) und wegen seiner praktischen Ladefläche beliebt. Sehr oft dient so ein Gefährt auch zur Personenbeförderung. Die Menschen sitzen auf den seitlichen Bordwänden, das Gepäck zu ihren Füßen in der Mitte der Ladefläche; bei Bedarf quetschen sich ganz Mutige noch irgendwo zwischen die Taschen und das viele Allerlei. Zurück zur Tankstelle. Ein Afrikaner mittleren Alters stieg aus und fummelte an seinem Wagen herum. Seine Ladung erstaunte mich. Eine ganze Reihe Kanister aller Art und Größe standen schön aufgereiht hinten auf der Pritsche. Die Krönung war allerdings eine sogenannte drum, ein großes 200-Liter-Fass, das mit einem Strick festgezurrt war. Einen Behälter nach dem anderen füllte er bis zum Rand. Zuletzt kam das große Fass an die Reihe. Ich staunte nicht schlecht. Das kostete Geld und Zeit. Welche Dinge in Europa alle etwas kosten! Als könnte man Zeit »kaufen«. Der Gedanke, dass etwas »Zeit kostet«, ist in Bembaland absurd. Zeit »geht« und »kommt«, sie »kommt vorbei« oder »ist noch nicht angekommen«. Man kann jemandes Zeit »werfen«, sprich wegwerfen, also vergeuden. Und man kann natürlich »Zeit haben«, über die mit Ereignissen gefüllte Zeit verfügen. Mein Tanknachbar hatte wohl meine ungläubigen Blicke bemerkt und verwickelte mich in ein Gespräch. Er sei viel unterwegs, gab er zu verstehen. Gerade sei er aus dem Süden hier eingetroffen. Eine lange und ermüdende Fahrt. Die schlechten Straßenverhältnisse – wahrlich kein Spaß. Noch sei er aber nicht am Ziel. Er wolle sich nur neu ausrüsten, weil es bald wieder auf die Straße gehe. Tankstellen seien in diesem Landstrich ja dünn gesät und man müsse auf alles gefasst sein. Dann lachte er und sagte: »Weißt du, Sambia ist schon ein verrücktes Land. Wir Sambier reisen ziellos und ohne Ende.« Jetzt lachte ich. Seine Selbstironie fand ich irgendwie gut. Ich fragte ihn, wann er denn sein nächstes Ziel erreichen müsse. »Oh«, meinte er, »any time from now« – jederzeit ab jetzt. Unsere Ankunft in Sambia fiel in die Zeit, als Kenneth Kaunda zusammen mit seiner Partei UNIP (United National Independence Party) noch das Land regierte. Zu jener Zeit waren die goldenen 10
Siebzigerjahre längst verblasst. Verschiedene Reformen in den 1980ern hätten eine Verbesserung der wirtschaftlichen Lage bringen sollen, waren aber alle im Sand verlaufen. Es gab zwar schon deutliche Anzeichen für eine kommende Veränderung grundsätzlicher Art. Aber noch war es nicht so weit. Mit Wehmut wurde über die gute alte Zeit gesprochen. Nun war das Leben, ja Überleben schwierig geworden, die Straßen schlecht und die Versorgung mit wichtigen Grundnahrungsmitteln immer wieder problematisch. Zu den wichtigsten Artikeln gehörten in Sambia Zucker, Öl und Maismehl. Lernen mussten wir zu jener Zeit nicht nur, wo man diese Güter bekommt, sondern vor allem, wie man sie bekommt. Auffallend waren damals die häufigen Warteschlangen, die sich vor den Geschäften bildeten, in denen es diese Dinge zu kaufen gab. Für Zucker, Öl und Maismehl musste man regelmäßig anstehen und viel Geduld für den Einkauf aufbringen. Als unsere Vorräte wieder einmal aufgebraucht waren, gab es glücklicherweise eine dieser Waren in einem Geschäft in der Stadt, und so fuhren wir dorthin. Wie alle anderen Kunden stellten wir uns in der Schlange an. Nur zäh und langsam ging es voran. Aber dass jemand nur für sich wartet, das gibt es in Sambia nicht. Es wurde geredet und kommentiert. Endlich kam der Verkaufstresen in Sicht. Doch irgendetwas stimmte nicht. Vorne wurde diskutiert, und zwar immer lauter. Um Freudiges konnte es sich kaum handeln, so viel war auch uns hinten klar. Schließlich stellte sich heraus: Der Laden war soeben ausverkauft. Schöne Pleite. Ich fragte bei dem indischen Kaufmann nach, wann es denn wieder Nachschub geben würde: »Sir, wann erwarten Sie die nächste Lieferung?« »Sir«, gab er genervt zurück, »any time from now« – jederzeit ab jetzt. Mit diesen drei Begebenheiten bin ich den Ereignissen schon etwas vorausgeeilt, nämlich dem, was wir in unserem ersten Jahr in Sambia erlebt haben. Doch sie stimmen beispielhaft auf das Thema ein. Alles Weitere nun aber nicht any time from now, sondern wirklich – jetzt! 11
Ndola – »Willkommen in der freundlichen Stadt«
In Ndola, einer wichtigen Stadt im sogenannten Copperbelt (Kupfergürtel), etwa 320 km nördlich von Lusaka gelegen, begann unser afrikanisches Leben. Aus einem ehemaligen Umschlagplatz für Sklaven war 1904 eine Stadt geworden. Noch heute erinnert der slave tree, der Sklavenbaum – es ist ein Mukuyubaum –, an diese Zeit. In den folgenden Jahrzehnten hatte Ndola zunehmend an wirtschaftlicher Bedeutung für die Provinz gewonnen. Inzwischen leben in Ndola etwa 400 000 Menschen. Ein Netz von Straßen verband das Zentrum mit den vielen Ecken und Enden der Stadt, die eine große Vielfalt an Gebäuden aufzuweisen hatte, die nicht unbedingt in Reih und Glied standen, sondern auch mal in beliebiger Anordnung und oft mit ansehnlichem Gelände um die einstöckigen Wohnhäuser herum. Manche dieser Bauwerke hatten eine Biografie, die bis weit in die Zeit vor der Unabhängigkeit im Jahre 1964 zurückreichte. Nicht zu übersehen waren die Jacaranda-Bäume, die eine Gattung innerhalb der Familie der Trompetenbaumgewächse (Bignoniaceae) bilden. Vor allem die blaue, ins Violette spielende Jacaranda-Pracht war allgegenwärtig und höchst beeindruckend. Blau als Farbe schien auch sonst dominant zu sein. Häuser, Läden, Busse und Taxis trugen die Himmelsfarbe zur Schau. Ob hier noch ein ästhetisches Element der britischen Zeit mit ihrer Vorliebe für royal blue (Königsblau) weiterlebte? Der Verkehr war gewöhnungsbedürftig. Fahrzeuge mit Solobesetzung waren eher selten. Bemerkenswert waren auch die Vehikel und Fortbewegungsmittel, die sich auf den Straßen tummelten. Generell schien die halbe Stadt ständig unterwegs und in Bewegung zu sein. Manches Gefährt war jenseits von Gut und Böse: Es bewegte sich, doch von Fahren konnte kaum die Rede sein und von Sicherfahren oft noch weniger. Auch dann nicht, wenn man gewillt war, beide Augen des Gesetzes zuzudrücken. 21
Straßen schienen hier noch eine andere Funktion zu besitzen. Sie dienten nicht nur dem Verkehr, sondern waren allerorts der verlängerte Arm des Marktes. Improvisierte Stände säumten die avenues. Außer diesen stationären Angeboten am Straßenrand gab es die street vendors, die Straßenhändler. Wer stehen blieb oder stehen bleiben musste, hatte augenblicklich von einem oder mehreren von ihnen Besuch. Natürlich wollten sie in kürzester Zeit möglichst viele ihrer Produkte an den Mann und auch an die Frau bringen. Die Tageszeitung, Früchte und Gemüse, billigen Schmuck oder auch nur Süßigkeiten – die »wandelnden Tante-Emma-Läden« auf Ndolas Straßen boten alles feil. Oft sah man auch Karawanen von Frauen, die auf ihren Köpfen Körbe und Wannen trugen, die vollgestopft waren mit allem, was sie zum Verkauf anzubieten hatten. Sie verstärkten das Image der Straße, die Fortsetzung des Marktes zu sein. Überall kam die Farbenpracht der Bäume und Büsche zur Geltung; ein Meer von Rot, Grün, Blau und Lila umgab das bunte Treiben auf den Straßen. Gehwege waren fast nur in der Stadtmitte auszumachen. Sie hätten die Menschenmassen ohnehin nicht bewältigen können. Eine wichtige Anlaufstelle war die Post im Zentrum der Stadt. Briefe und Päckchen wurden hier nicht ins Haus geliefert. Alles wurde mittels Postfächern organisiert, die man mieten konnte bzw. musste. In der Regel bediente so ein Postfach einen ganzen Familienklan. Für viele Sambier war die jährliche Postfachmiete allerdings schlicht nicht bezahlbar, sie benötigten das Geld für dringendere Ausgaben. Ganz gleich, aus welcher Seite man nach Ndola hineinfuhr, immer hieß es: Welcome to Ndola the friendly City – »Willkommen in Ndola, der freundlichen Stadt«. Zu unseren täglichen Wegen gehörten bald das Post-Office und der Fratinda Shop. Im Postamt lagerten unsere »Aufputschmittel«. Wenn wir Briefe oder Päckchen bekamen, fühlten wir uns wie jemand, der große Beute macht. Allerdings gab es auch Tage, an denen wir mit leeren Händen den Heimweg antreten mussten. Der Fratinda Shop versorgte uns täglich mit frischer Milch. Aus der Milch machten wir leckere Sachen. Und wir gewannen Sahne für schöne Kuchen nach deutscher Art. 22
Es gab viel Neues, an das man sich gewöhnen musste. Die Morgenstunden waren anders als in Europa keine sich entfaltende Zeiteinheit, sondern ein Ereignis des Augenblicks, von der Kraft der Sonne regelrecht verschlungen und in kürzester Zeit mit tropischer Hitze angereichert. Ähnlich war es abends. Die Abenddämmerung verlief wie im Zeitraffertempo. Die gleißende Sonne wich einer angenehmen Milde. Noch bevor man jedoch die erhoffte Abendromantik genießen konnte, wurde es plötzlich und endgültig Nacht. Zunächst sollten wir uns einleben und vor allem Augen und Ohren aufsperren. Als Untermieter wohnten wir bei unseren Kollegen Jan und Tineke in ihrem ausreichend großen und schön gelegenen Haus. Sie waren Holländer und vier Jahre vor uns nach Sambia gekommen. Ein Zimmer mit Bad war unsere erste Bleibe. Wir waren zufrieden und klinkten uns, soweit es passend war, in ihr Familienleben ein. Die Sprachenvielfalt, die uns begegnete, war beeindruckend. Mit unseren Kollegen wurde deutsch gesprochen, untereinander redeten sie holländisch, kamen Besucher, schwenkten wir um auf Englisch. Die Angestellten regelten ihre Angelegenheiten in Bemba. Kam Besuch vom Vorstand des Gemeindeverbandes oder anderen Gemeindegliedern, hörten wir Lamba. Dass der Turmbau zu Babel solch ernste Folgen für uns hatte, war nicht nur romantisch, exotisch oder aufregend. Es war mitunter beschwerlich. Unsere deutschen Kollegen waren zu unserer Begrüßung extra den langen Weg (etwa 800 km) in die Stadt gekommen. Sicherlich waren damit auch praktische Angelegenheiten verbunden, wie einkaufen, Behördenangelegenheiten und Papierkram erledigen, Besuche machen und einen Hauch von Stadtleben genießen. Auf der Fahrt hatte es einen Steinschlag gegeben und die Windschutzscheibe ihres Cruisers war in tausend Scherben geborsten. Jetzt hatten sie beim Fahren zwar reichlich frische Luft, was aber auf Dauer keine Lösung sein konnte.
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