17161_Hätte ich bloß
11.02.2009
14:15 Uhr
Seite 3
Bernard Huber
Hätte ich bloß gewusst, dass du so nahe bei mir bist … Einführung in das Gebet des Herzens
johannis
17161_Hätte ich bloß
11.02.2009
14:15 Uhr
Seite 7
Inhaltsverzeichnis Vorwort
7
I. Eine christliche Erleuchtung Über die Stille Die Wurzeln des Gebets Sei erleuchtet! Im Schauen verwandelt werden Die Früchte der Erleuchtung
11 12 16 17 20 22
II. Der Aufbruch Schattenseiten verlassen Entscheidungen treffen Sich Zeit nehmen Mache dich auf und werde licht! Kind Gottes sein Rückkehr zum vergessenen Herzen Gott allein suchen
28 29 32 35 38 41 43 45
III. Praktische Hinweise zum Gebet der Stille
49
IV. Gott ist gegenwärtig Ständige Sammlung und Übung Abhängigkeit von der Gnade Gottes entwickeln Stimmungswechsel Eine Vision entwickeln
56 56 57 58 60
V. Brauchen Sie das Gebet der Stille?
63
VI. Schritte zum Ziel – Kurs zum Buch Schritt 1: Meine Prioritäten im Leben Schritt 2: Wage den Aufbruch! Schritt 3: Entdecke dein Herz! Schritt 4: Entwickle deine Vision
65 67 71 78 83 7
17161_Hätte ich bloß
11.02.2009
14:15 Uhr
Seite 12
Über die Stille Viele Christen verhalten sich aus Furcht vor östlichen Religionen skeptisch gegenüber der Praxis der Stille, während andere riskieren, die Praxis überzubewerten. Stille bedeutet ohne Bewegung und Geräusch. Es hat mit Lautlosigkeit, Abwesenheit jeglichen Geräusches, aber auch mit Bewegungslosigkeit zu tun. Von der Stille weiß man, dass sie zum inneren Schweigen führen kann, das eine Offenheit für Hören und Empfangen schafft. Ein Blick in die Bibel und in die Kirchengeschichte zeigt, dass dort die Stille schon immer einen Platz einnahm. Sie wurde auch durch die Jahrhunderte hindurch in christlichen Gruppen und Klöstern immer wieder entdeckt und gepflegt, als östliche Religionen bei uns noch völlig unbekannt waren. Betrachten wir, welche Rolle die Stille in der Heiligen Schrift einnimmt. In der Bibel wird dem Gläubigen, der etwas von Gott erwartet, gesagt, dass er in der Stille auf das Einschreiten Gottes warten soll. Dieses Warten wird nicht als Inaktivität betrachtet. Er nimmt damit die beste Stellung vor Gott ein und macht gegen alle Befürchtungen vor Zeitverlust den besten Gebrauch seiner Zeit, wenn er das Wort beherzigt: »Sei stille dem Herrn und warte auf ihn.«3 Gerade in den Zeiten des Suchens, der Desorientierung und der Überlastung, wo wir manchmal riskieren, uns für allerlei Einflüsse zu öffnen, sollten wir dem Wort gehorchen: »Wenn ihr umkehrt und stille bliebet, so würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.«4 Ein Einüben in diese wartende Haltung ist von größerem Gewinn als viele mündlich formulierte Gebete. Wenn wir die Haltung des Wartens einnehmen, so haben wir die Verheißung Gottes, dass die entscheidenden Lösungen meistens zur rechten Zeit eintreffen, oft sogar, ohne dass wir etwas aktiv dazu tun müssen. Befanden Sie sich schon einmal in einer Situation, wo Sie sich 12
17161_Hätte ich bloß
11.02.2009
14:15 Uhr
Seite 13
nach einem eindrucksvollen Eingreifen Gottes sehnten? Tatsächlich lesen wir in der Bibel, dass Gott immer wieder Propheten und speziell erwählten Menschen auf spektakuläre Art erschienen ist. Aber entgegen den Erwartungen vieler Christen begegnet er uns heute meistens nicht in laut dröhnender Musik, sondern viel eher in einem leisen Flüstern, das nur für Herzen wahrnehmbar ist. So erzählt uns die Bibel, wie Gott dem Elia in der Wüste auf dem Berg Horeb begegnete. Er sagte ihm: »›Geh hinaus und tritt auf den Berg vor den Herrn!‹ Vor Gott zog zuerst ein großer, heftiger Sturmwind einher, Berge rüttelnd und Felsen erschütternd. Aber der Herr war nicht im Sturme. Nach dem Sturme kam ein Erdbeben. Aber der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben kam Feuer. Aber der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam eine leise, feine Stimme.«5 Das Reden Gottes während des Gebets der Stille kann mit diesem leisen Flüstern verglichen werden. Wird alles in uns ruhig, so können wir beginnen zu hören, und wir entdecken und entwickeln eine andere Art des Hörens, nämlich dasjenige des Herzens. Es muss Zeiten und Orte im Leben jedes Menschen geben, wo er sich ganz Gott öffnet. Hören setzt Schweigen voraus. Maßgebend sind während dieser Zeiten unsere Sehnsucht und das Wirken Gottes und nicht die Stille an sich. Die Entscheidung für Stille und der bloße Verzicht auf das aktive Denken, wie es im Gebet der Stille geschieht, wirkt sich zwar entspannend auf das Gemüt aus; aber es ist nur deshalb von Interesse, weil es uns hilft, unsere ganze Aufmerksamkeit innerlich auf Gott zu richten. »Wenn du auf ihn das Herz ausrichtest, tust du viel. Bist du dabei beharrlich, so wirst du Gott empfangen.«6 Meine Beobachtungen in Indien haben mir gezeigt, dass überall, wo Christen sich zur Stille vor Gott entscheiden, meistens Bemerkenswertes geschieht und Veränderungsprozesse eingeleitet werden. Im Neuen Testament beweist niemand so sehr wie Jesus selbst die Wichtigkeit der Stille durch seinen vierzigtägigen Aufenthalt in der Wüste, den er mit Fasten und Beten verbrachte. Getrieben 13
17161_Hätte ich bloß
11.02.2009
14:15 Uhr
Seite 14
durch den Geist, nahm er dort, laut dem Bericht der Evangelisten7, den Kampf mit dem Bösen auf. Diese Zeit der Einkehr und der Stille half ihm herauszufinden, wo und wie ein Mensch versucht wird. Wichtig war diese Erfahrung für ihn, weil er von Anfang an das Ziel verfolgte, die Stelle des versuchten Menschen, zu denen wir alle zählen, einzunehmen. Zuerst wurde er in seinem Selbstverständnis angefochten; der Böse begann zwei Versuchungen mit der Frage: »Bist du Gottes Sohn ...?« Genauso zielen heute alle Versuchungen darauf, die Entwicklung unseres Selbstbewusstseins als Gottes Kinder zu verhindern. Ebenso klar ist, dass Jesus in allen dargestellten Anfechtungen versucht wurde, seinen Auftrag ganz auf das Erlangen der Gunst seiner Mitmenschen auszurichten. Er sollte dazu verführt werden, sein Werk und sein Selbstverständnis auf die Bewunderung und den Applaus seiner Mitmenschen auszurichten und Glück und Selbstwertgefühl darin zu suchen. Somit stand er in einer Situation, die den meisten von uns im Alltag vertraut ist. Wäre Jesus diesen Versuchungen unterlegen, wäre er zu einem einfachen und ichbezogenen Menschen wie wir alle geworden und hätte nicht die Fähigkeit erlangt, den Weg der Erlösung für alle Menschen zu beschreiten. Ich kann mir nicht ernsthaft vorstellen, dass Jesus den gleichen inneren Weg im lauten Getümmel einer heutigen Großstadt hätte bestreiten können. In der Wüste nahm er wahr, in welchem Kampf wir uns als Menschen befinden. Da schöpfte er Kraft, um seinen Auftrag zu erfüllen in Gemeinschaft mit seinem Vater. Er entdeckte selbst als Gottes Sohn, dass alles Äußerliche und Materielle so belanglos ist, dass er davor nur warnen konnte. Dies führte ihn selbst in die größte Freiheit, die ein Mensch je erlebte, und machte ihn fähig, sein Opfer für die Welt zu bringen. Fragen wir uns deshalb, woher seine Glaubwürdigkeit kommt, so müssen wir sie u. a. in seiner »Selbstlosigkeit« suchen. Die Evangelisten erinnern sich daran, dass »Jesus (immer wieder) an einsame Stellen ging und dort betete«8. Sein Aufruf zur radikalen 14
17161_Hätte ich bloß
11.02.2009
14:15 Uhr
Seite 15
Nachfolge spornt darum an, und Worte wie »Jeder unter euch, der sich nicht lossagt von allem, was er hat, der kann nicht mein Jünger sein«9 hören nicht auf, uns auf das Wesentliche zu verweisen. Auch wir brauchen einen Ort, wo stets eine enge Auseinandersetzung mit Gott und mit uns selbst stattfinden kann, wenn wir den tiefsten Wahrheiten des Lebens auf die Spur kommen wollen. Glauben wir, sie auf andere Weise erfassen zu können und unsere inneren und äußeren Feinde etwa anders überwältigen zu können? Der Apostel Paulus ging einen ähnlichen Weg, als er sich nach seiner Umkehr zu Christus nach Arabien zurückzog10. Auch er suchte zuerst in der Zurückgezogenheit der Wüste eine Vertiefung der Gemeinschaft mit Gott, bevor er seine apostolische Tätigkeit begann. Es ist jedem Meditanten11 zu wünschen, dass er durch die Praxis des Gebets der Stille mit der Zeit eine solche innere Freiheit erlangt, dass er mit den Worten des Apostels bekennt: »Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.«12 Das Gebet der Stille braucht keine theologische Rechtfertigung. Wichtig ist, dass wir wie Christus in der Stille begreifen, was mit dem Anspruch Gottes an uns gemeint ist: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt.«13 So muss sich auch niemand rechtfertigen, dass er Gott in der Stille »von ganzem Herzen« suchen will. Es wird sogar für viele, welche Gott finden wollen, wahrscheinlich kaum eine Alternative zu dieser Art von Suchen geben. Fragen zum Nachdenken: – Was ist Ihre Einstellung zur Stille und was ist Ihre bisherige Erfahrung? – Was hilft Ihnen zu erkennen, wie Gott Sie und die Lage, in der Sie sich befinden, beurteilt? Können Sie annehmen, dass Gott eine Zukunft für Sie bereithält?
15