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Leseprobe zu: Harold Myra/Marshall Shelley Gelebte Leiterschaft Die Führungsprinzipien Billy Grahams

10. Allen Mut zusammennehmen Mut ist die edelste menschliche Tugend, denn es ist die Tugend, die allen anderen zugrunde liegt. Winston Churchill Leiter stehen in vorderster Linie. Sie sind bestens sichtbar, geben ein gutes Ziel ab, und deshalb muss jeder Leiter darauf gefasst sein, dass auf ihn geschossen wird. Eine überraschende Änderung der Sachlage, Vertrauensbruch und Verrat durch Verbündete, Entscheidungen, die sich als wirkungslos erweisen – all das kann Leiter in Furcht versetzen und in Verwirrung stürzen. Aber gerade diese natürlichen Reaktionen gilt es zu überwinden. Leiter sind herausgefordert, sich eben nicht zurückzuziehen, sondern gerade dann Mut und Festigkeit zu beweisen, wenn die Hürden hoch sind und ein Scheitern und die damit verbundene Demütigung nicht ausgeschlossen ist. Billy Graham stand an der Spitze, stand ständig unter öffentlicher Beobachtung. Jede Äußerung von ihm, jede Reaktion, jede spontane Bemerkung wurde in den Medien wahrgenommen, jede seiner Entscheidungen kommentiert. Oft hat er sich im Fadenkreuz der Kritik gesehen. Das mit dem Fadenkreuz war manchmal durchaus wörtlich zunehmen. In all den Jahrzehnten seines aktiven Dienstes lebte Billy Graham in dem ständigen Bewusstsein, dass er ein mögliches Anschlagsziel abgab. In seinem Büro gingen immer wieder Drohbriefe ein. Die amerikanische Bundespolizei informierte ihn über Todesdrohungen. Er stand ständig im Rampenlicht. Er war sich bewusst, dass jeden Moment ein verwirrter Attentäter auf ihn schießen konnte – so wie es John und Robert Kennedy, Martin Luther King, John Lennon und Ronald Reagan ergangen war. Ein Mann rief Billy Graham im Hotel an und teilte ihm mit: „Mr Graham, wir werden Sie noch vor Mitternacht umbringen.“ Man kann sich vorstellen, dass er in dieser Nacht nicht leicht Schlaf gefunden hat. In einer frühen Phase seiner Tätigkeit hielt er einmal gerade einen Gottesdienst, als ihm zugeflüstert wurde, ein Pastor habe angerufen und gewarnt, dass ein Mann es auf sein Leben abgesehen habe. Graham gab die Information an sein Publikum weiter und setzte den Gottesdienst fort. Das war nur eine von vielen Tatsachen, die Billy Graham Mut abverlangten. Die Höhle des Löwen betreten und das Gespräch mit feindseligen Intellektuellen oder zynischen Reportern suchen; sich mit erzürnten konservativen Kritikern auseinandersetzen; Entscheidungen fällen, von denen absehbar war, dass sie im Kreis seiner Freunde auf Unverständnis treffen würden.


Manches Mal hatte Billy größere Initiativen gründlich durchdacht, sich ausgiebig beraten lassen und die Aktion dann mit aller Energie ins Werk gesetzt, nur um zu erleben, wie seine Anstrengungen torpediert wurden. Eine solche Erfahrung musste er 1982 machen, als er von einem geschichtsträchtigen Einsatz in Russland zurückkam. Er hatte schon lange zuvor davon geträumt, einmal in der Sowjetunion predigen zu können. 1959 hatte er die Sowjetunion als Tourist besucht, auch wenn damals noch nicht an Veranstaltungen dort zu denken war. Er saß mit seinem Freund und Mitarbeiter Grady Wilson in Moskau im leeren Leninstadion und blickte auf das große Rund. Diese gigantische Sportstätte, Schauplatz der Triumphe sowjetischer Athleten und zahlreicher Feierlichkeiten der KPDSU, wirkte ohne die Massen russischer Zuschauer seltsam unwirklich. Graham hatte die Vision, vor diesen Massen zu stehen und ihnen das Evangelium von Jesus Christus zu predigen; und das in einem Land, in dem Gott für vogelfrei erklärt worden war. Die sowjetischen Behörden hatten ihm verboten, öffentlich zu sprechen. Also senkte Billy einfach den Kopf und betete darum, dass Gott ihn eines Tages hierher zurückbringen und ihm erlauben möge, das Evangelium zu verkündigen. „Jahrzehntelang schien es, als ob Gott diese Gebete nie erhören würde“, schrieb Billy Graham in seiner Autobiografie. „Die Barrieren, die der Kommunismus gegen eine Verkündigung des Evangeliums aufgebaut hatte, schienen unüberwindlich.“i Trotzdem gab er die Hoffnung nie auf. 1978 arrangierte Don Kendall, der Direktor von PepsiCo, für ihn ein Treffen mit dem sowjetischen Botschafter Anatoly Dobrynin. Die Begegnung fand in einem Hotel in Washington statt. Dobrynin eröffnete das Gespräch in der charakteristischen russischen Direktheit: „Warum wollen Sie uns besuchen?“ Billy reichte die Frage an Dr. Alexandr Haraszti weiter, einen ungarischen Baptisten, der bei gemeinsamen evangelistischen Einsätzen hinter dem Eisernen Vorhang in Ungarn und Polen Grahams Vertrauen gewonnen hatte. Haraszti sprach von den treuen Anhängern des christlichen Glaubens innerhalb und außerhalb der orthodoxen Kirche, denen Billy Graham Mut machen wolle. Er führte aus, dass Grahams Einsatz die Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion positiv beeinflussen könne. Dobrynin sicherte zu, sich nach Kräften dafür einzusetzen. Nach langen und komplizierten Verhandlungen gaben die sowjetischen Behörden schließlich grünes Licht, allerdings unter gewissen Bedingungen. Billy Graham würde nicht in einem der großen russischen Stadien predigen dürfen, wie er es 1959 erbeten hatte. Aber man erlaubte ihm, in einer baptistischen und einer orthodoxen Kirche zu sprechen. Die Sache hatte nur einen Haken: Eine weitere Bedingung war, dass Billy Graham an einer Veranstaltung der russich-orthodoxen Kirche mit dem Titel „Weltkonferenz religiöser Mitarbeiter zur Rettung der heiligen Gabe des Lebens vor der Atomkatastrophe“ teilnehmen sollte. Das war insofern ein Problem, als solche Treffen bekanntermaßen kommunistisch gesteuerte, antiamerikanische Propagandaveranstaltungen waren; trotz des nobel klingenden Anliegens und der Schirmherrschaft einer religiösen Institution. An einer solchen Farce teilnehmen hieße, sie ausdrücklich oder unausgesprochen aufzuwerten. Die ReaganAdministration und seine konservativen Unterstützer zu Hause würden schäumen. Billy Graham zögerte lange mit seiner Entscheidung. Zwei Jahre vorher hatten die USA die olympischen Sommerspiele in Moskau boykottiert als Reaktion auf den


Einmarsch der Sowjets in Afghanistan. Präsident Ronald Reagan hatte unmissverständliche Protestnoten abgegeben und das Sowjetsystem als „Reich des Bösen“ bezeichnet. Würde er nicht die Position seines Landes untergraben, wenn er sich auf die sowjetischen Bedingungen einließ? Billy Graham fragte Allan Emery und George Bennett, wie sie entscheiden würden. Die beiden rieten ihm von der Reise ab. Falls die Sowjets seinen Besuch politisch ausschlachten würden, könne sein Ruf allzu großen Schaden leiden. Dagegen empfahl Haraszti nachdrücklich, er solle nach Russland gehen. Sein Argument: „Gott hat die Tür aufgemacht, jetzt müssen wir sie auch durchschreiten.“ Haraszti argumentierte, wenn Billy Grahams Ruf beschädigt würde, dann sei das nichts im Vergleich mit dem Leiden der russischen Christen. Er verwies Graham eindringlich auf die langfristige Perspektive: „Sie dürfen nicht die Möglichkeiten der nächsten Jahre verspielen. ... Dies wird Ihr erster Auftritt in der Sowjetunion sein, aber nicht Ihr letzter. Wenn Sie die Einladung annehmen, werden Ihnen auch all die anderen Satellitenstaaten offen stehen. Eins hängt mit dem anderen zusammen. Nein zu Moskau, nein zu den Satellitenstaaten.“ Aber dann rief ihn Vizepräsident George H. W. Bush an, ein Freund Billy Grahams, um ihm mitzuteilen, dass der US-Botschafter in der Sowjetunion von einem Besuch abriet. Graham war hin- und hergerissen durch die jeweils für sich genommen überzeugenden Argumente auf beiden Seiten. Schließlich entschied er sich, die Einladung anzunehmen; sein Dienst in Russland wurde ein Erfolg. Baptisten, Pfingstkirchler und Orthodoxe – sie alle hießen ihn willkommen. Er vermittelte das Evangelium klar und ohne Einschränkungen in seinen Predigten und in privaten Gesprächen. Zwei Ereignisse allerdings stellten seine Geduld, seinen Mut und seine diplomatischen Fähigkeiten auf die Probe. Auf der zweifelhaften Friedenskonferenz hob einer der Redner wieder und wieder darauf ab, dass die USA Schuld am Unfrieden und an der nuklearen Bedrohung auf der Welt hätten. Der Vortrag war so unerträglich einseitig, dass Graham schließlich den Kopfhörer mit der Übersetzung protestierend zur Seite legte. Als Billy Graham die „Sibirischen Sieben“ besuchte, eine Gruppe von pfingstkirchlichen Dissidenten, die in der US-Botschaft Zuflucht gefunden hatten und so zu einem weltweiten Symbol im Kampf um Religionsfreiheit geworden waren, hagelte es Kritik von antikommunistischer Seite: Billy habe die Sowjetunion nicht für ihre Religionsfeindlichkeit gebrandmarkt. Überhaupt wurden während seiner ganzen Reise Äußerungen, die vermittelnd und wohlwollend gemeint waren, als naiv kritisiert. Vor allem die Medien zu Hause in den USA waren ziemlich erbost. In einem Leitartikel der Baltimore Sun hieß es: „Billy Graham hat das gottgegebene Recht, sich in Moskau zum Narren zu machen. Und genau das macht er hervorragend, in dem er an einer Propagandashow teilnimmt ...“ Politische Karikaturisten zeichneten Graham, wie er verfolgten Christen in den sibirischen Arbeitslagern die kalte Schulter zeigt. Selbst die Zeitung seiner Heimatstadt, der Charlotte Observer, platzierte ihn in einer Karikatur neben einem sowjetisch aussehenden Julius Caesar und bemerkte dazu: „Billy Graham hat sich noch mit jedem Caesar vertragen, dem er begegnet ist.“ Der Sturm der Kritik veranlasste die Zeitschrift Christianity Today zu dem Kommentar: „Niemals zuvor in


seiner Laufbahn hat die amerikanische Presse und haben leitende Evangelikale derart vernichtend über den Evangelisten geurteilt.“ Billy bekam von dem Tumult zu Hause zunächst recht wenig mit, denn er reiste von der Sowjetunion aus erst einmal nach England weiter. Er wusste auch nicht, dass etwa fünfzig Demonstranten vor dem Billy Graham Center am Wheaton College aufmarschiert waren mit Plakaten, auf denen zum Beispiel zu lesen war: „Graham isst Kaviar, während russische Christen im Gefängnis sitzen.“ Anders als in Amerika hatten die europäischen Medien milder über Billy Grahams Reise nach Russland geurteilt. Sie hatten auch seine Grußbotschaft an die Friedenskonferenz gelobt. Aber dann wurde ihm die Kontroverse schlagartig bewusst, als er sich mittels einer Satellitenschaltung von London aus in der Talkshow This Week with David Brinkley des Senders ABC befragen ließ. Er war augenblicklich alarmiert von dem bohrenden Tonfall, in dem Brinkley, der ABC-Journalist Sam Donaldson und der bekannte Newsweek-Kolumnist George Will ihn angingen. Der jüdische Sowjet-Dissident Mark Azbel und Edmund Robb, eigentlich ein evangelikaler Unterstützer Grahams, reihten sich mit ihrer unverhohlenen Kritik nahtlos ein. Will: „Was veranlasst Sie zu der Hoffnung, dass Sie die Leute im Kreml dazu bewegen können, den Apparat der Gedankenkontrolle abzubauen, der die Grundlage ihrer Herrschaft ist?“ Graham: „Ich glaube nicht, dass ich sie dazu bewegen kann. Ich werde vermutlich nicht alt genug werden, um das zu erleben. Aber ich weiß, was die Kraft des Evangeliums vermag.“ Donaldson: „Warum predigen Sie nicht hier zu Hause? Gibt es nicht genügend Menschen in den Vereinigten Staaten, die Ihren Dienst brauchen? Ihre Kritiker sagen, nur Ihr Ego brauche ein weltweites Einsatzfeld.“ Graham: „Nicht mein Ego, mein Auftrag ist der Grund. Jesus hat gesagt: ‚Geht hin in alle Welt und predigt das Evangelium.’ Er hat nicht gesagt: ‚Beschränkt euch auf die kapitalistischen Länder.’ Ich bin in Ländern gewesen, die unter einer kommunistischen Diktatur leben. Aber ich habe versucht, mich stets am Evangelium von Jesus Christus zu orientieren und mich aus politischen Verwicklungen herauszuhalten.“ Robb: „Unserem Empfinden nach ist hier ein unglücklicher Eindruck entstanden. Ich schätze Sie, ich vertraue Ihnen, und ich werde Sie auch weiterhin unterstützen. Aber ich bin überzeugt, dass Ihr Besuch in der Sowjetunion ein schwerer Fehler war. Wenn einige der Dinge, die Sie dort gesagt haben sollen, richtig wiedergegeben wurden, dann wird Sie das unter den Evangelikalen viele Freunde kosten.“ Graham: „Nun, dazu kann ich nur eines sagen: Ich werde das Evangelium auch weiterhin verkündigen, gleich, ob mich dabei viele oder wenige unterstützen.“ Ein derartiges Bad ätzender Kritik war eine quälende Erfahrung für Billy Graham. Nach Amerika zurückgekehrt, erfuhr er, dass die Medien viele Beobachtungen aus jenem Zusammenhang gerissen hatten, der für Verständnis hätte sorgen können. Isoliert und für sich genommen mussten diese Details allerdings unverständlich und befremdlich erscheinen. Bald nach seiner Rückkehr reiste Billy Graham nach Chicago zu einer Vorstandssitzung von Christianity Today. Er sah erschöpft und entmutigt aus. Im Lauf der Sitzung gab er den Vorständen einen Bericht des Journalisten Ed Plowman weiter, in dem die Ereignisse in Russland und seine Äußerungen in den


rechten Zusammenhang gestellt wurden. Dennoch war allen im Raum sehr bewusst, das die US-Medien nach wie vor feindselig eingestellt waren. Wenn Leiter Risiken eingehen und daraufhin nicht nur ins Fadenkreuz, sondern unter massiven Beschuss geraten, dann gilt es, Mut und Ausdauer zu beweisen und den Angriffen zu trotzen. Genau das hat Billy Graham getan. Er hat sich von den verletzenden Schlägen nicht einschüchtern lassen und hat Kurs gehalten. Er hat sich nicht unterwürfig und entschuldigend gegeben, denn er war von seiner Mission überzeugt. Diese Überzeugung machte er nicht vom Beifall der Medien abhängig. Seine Entscheidung, die Sowjetunion zu besuchen, war gründlich abgewogen und im Gebet gereift. Auf lange Sicht erwies sich Billy Grahams Reise in 1982 nach Moskau als richtig, ja geradezu als historisch, aber das konnte er damals nicht wissen. Er musste einfach entschlossen vorangehen und die bittere Realität der Angriffe akzeptieren. Für Billy Graham war Gott der einzige Kritiker, der zählte. Und es war unzweifelhaft Gottes Wille gewesen, dass er in der Sowjetunion predigte. Er machte sich keinerlei Illusionen über seine Reise; er wusste, dass die sowjetische Führung aus seiner Anwesenheit zumindest zeitweise Nutzen ziehen würde. „Natürlich benutzen sie mich“, sagte er, „aber ich benutze sie ebenfalls und meine Botschaft ist stärker als ihre.“ Die Geschichte hat Billy Graham Recht gegeben. Niemand kann genau sagen, inwiefern sein Besuch zum Fall des Eisernen Vorhangs beigetragen hat. Aber 1990 lobte Präsident George Bush Grahams Weitblick: „Bekanntlich ist vor acht Jahren Pastor Billy Graham, einer der größten Botschafter Gottes, nach Osteuropa und in die Sowjetunion gereist und hat uns bei seiner Rückkehr berichtet, dass es dort eine Bewegung hin zu religiöser Freiheit gäbe. Das hat er vielleicht früher als die meisten anderen erkannt, weil es schon einen Mann Gottes braucht, um die ersten Züge der Hand Gottes wahrzunehmen. Und doch: Wer hätte voraussagen können, dass 1989 die Stunde wirtschaftlicher, politischer und geistiger Freiheit schlagen würde; dass die Mauern aus Bajonetten und Stacheldraht, die Mauern der Tyrannei in sich zusammenfallen würden?“ Der CBS-Nachrichtenmann Dan Rather, der 1982 zum Chor der Kritiker gehört hatte, räumte später ein, dass nur Billy Graham die atheistische sowjetische Propaganda durchschaut und dahinter eine für Veränderungen bereite Nation erkannt habe. „Vor allen anderen, die ich kenne, und mit gründlicherer Überzeugung als jeder andere, gleich welcher Nationalität, Rasse oder Religion, hat Pastor Graham gesagt: ‚In den marxistisch-leninistisch-stalinistischen Staaten gibt es geistliches Leben.’ ... Ich muss zugeben, dass ich jahrelang überzeugt war, er sei im Unrecht und wisse nicht, was er da behauptete“, sagte Rather. „Aber es stellte sich heraus, dass er recht gehabt hatte. Und was ihm hoch anzurechnen ist: Er hat sich die Zeit genommen, hinzufahren und sich selbst einen Eindruck zu verschaffen.“ Wie Billy Graham es erhofft hatte, öffnete ihm die Reise nach Moskau die Tür für unbehinderte Predigteinsätze hinter dem Eisernen Vorhang. Er kehrte 1984 und 1988 in die Sowjetunion zurück; 1985 bereiste er Ungarn und Rumänien; 1988 predigte er in China und 1992 und 1994 in Nordkorea. 1992 stand Billy erneut in Moskaus Olympiastadion, in dem er 1959 als Tourist gebetet hatte. Nur, dass diesmal das Stadion nicht leer war. Diesmal verkündete Billy die Botschaft von der Liebe Gottes vor 50 000 Zuhörern in einem Stadion, das


eigentlich nur für 38 000 eingerichtet war. Weitere zwanzig- bis dreißigtausend Menschen verfolgten die Evangelisation außerhalb des Stadions auf Leinwänden. Martin Luther King hat einmal gesagt: „Mut ist innere Entschlossenheit, trotz aller Hindernisse und beängstigender Situationen vorwärtszugehen.“ii Billy Graham ist 1982 vorwärtsgegangen und auch da noch standhaft geblieben, als die Auseinandersetzung äußerst erbittert geführt wurde und ein gutes Ende nicht absehbar war.

Lektionen für Leiter: Mut Die Prinzipien anwenden Leiterschaft und Furcht scheinen unvereinbare Gegensätze zu sein. Ein Leiter tritt kühn und furchtlos auf, oder? Tatsächlich aber sind Leiterschaft und Furcht untrennbar verbunden – und das nicht nur in Augenblicken höchster Gefahr. Wir müssen täglich Entscheidungen treffen und Risiken eingehen, die Mut erfordern. Fassen Sie Mut – im Alltag wie im Chaos Wenn wir von Billy Graham lesen, dass er das Risiko einging, nach Russland zu reisen und sich einem Sturm der Kritik auszusetzen, oder wenn wir von Eisenhower in Gibraltar hören oder von Churchill, wie er die Briten unter dem Hagel deutscher Bomben aufforderte, Mut zu beweisen, dann fühlen wir uns möglicherweise sehr fern von derartigen Erfahrungen. Die wesentlichen Grundsätze jedoch, die jene befähigt hat, sich den Herausforderungen zu stellen, können sich alle Leiter aneignen. Wir alle kennen Furcht. Nicht nur der Soldat auf dem Schlachtfeld weiß, wie verwundbar er ist; wir spüren intuitiv, dass selbst unsere Körpersprache, wenn sie falsch interpretiert wird, Kritik auslösen kann. Wir fühlen uns durch achtlos dahingesagte Worte gedemütigt, oder wir erleben, wie eine falsche Entscheidung das ruiniert, was uns am wertvollsten ist. Forschungen haben ergeben, dass Führungskräfte sich am meisten vor dem Sprechen in der Öffentlichkeit fürchten – etwas, was jeder Leiter von Zeit zu Zeit tun muss. Nun geht es dabei ja nicht um Leben und Tod und so werden manche angesichts dieser Tatsache mitleidig lächeln. Aber solche Forschungsresultate kommen nicht von ungefähr. Vor einer Versammlung von Menschen kann schon ein leichter verbaler Ausrutscher oder eine ungewollt direkte Aussage das Augenmerk aller auf unser Versagen richten. Und bekanntlich sind wir umso befangener oder leerer im Kopf, je intensiver wir über solch peinliche Situationen nachdenken. Die Konsequenzen können schwerwiegend sein. Mut zu haben bedeutet, Furcht zu überwinden. Und zwar im Fall von Leitern nicht nur die natürliche menschliche Furcht vor Krebs oder Autounfällen, sondern Leiter müssen ja auch unbequeme Wahrheiten kommunizieren und laufen ständig Gefahr, missverstanden zu werden. Da war der Fall des jungen Mannes, der sich erst nach längerem Zögern bereit erklärt hatte, eine Versammlung zu leiten. Als er


anschließend Kritik einstecken musste, wurde er zornig. „Wenn sie meine Art nicht mögen, sollen sie selber auf die Bühne gehen“, dachte er. „Ich habe mich nicht vorgedrängt.“ Wie vielen jungen Leitern schmeckte ihm die Situation überhaupt nicht. Glücklicherweise ergab er sich nicht in seine Empfindungen von Zorn und Furcht. Mit den Jahren lernte er, mit Kritik umzugehen und erkannte in der Kritik die unvermeidliche Schattenseite des öffentlichen Auftretens. Tom Peters hat ein Buch über Leiterschaft betitelt mit Thriving on Chaos „Aufblühen im Chaos“. Manche werden sich fragen, wie das funktionieren soll, aber von uns wird heutzutage oft gefordert, dass wir genau das schaffen. Die Probleme und Herausforderungen nehmen eher noch zu und der stetig sich erhöhende Veränderungsdruck macht unsere Entscheidungen und Pläne oft genug zunichte. Aber Mut bedeutet, dass wir die Kosten überschlagen, die bestmögliche Entscheidung treffen und voranschreiten. Betrachten Sie Furcht als Katalysator für Mut Der Strom der Leiterschaft führt im Lauf eines Lebens über kleine und größere Klippen, mäandert durch wenige sonnige Täler, stürzt oft steile Abgründe hinab, führt durch dunkle Höhlen und dann wieder durch enge Schluchten. Grund sich zu fürchten gibt es mehr als genug. Aber Furcht ist ein Verbündeter. Furcht ist ein Katalysator. Furcht macht uns wach für die Wirklichkeit. Furcht verhilft uns zu Führungsstärke. Die Erzählerin I. A. R. Wylie sagte, dass sie im Rückblick auf ihr Leben eine unerwartete Einsicht gewonnen habe: „Ich hatte dort am meisten Spaß am Leben, wo ich besonders gut war, und besonders gut war ich zumeist dann, wenn ich mich entsetzlich fürchtete.“ Sie erinnert sich, dass das Erlebnis von Gefahr und Abenteuer sie beflügelt habe. „Meine Erfahrung war, dass Furcht in mir ungeahnte Kräfte freisetzte.“ Furcht setzt unerwartete Kräfte frei? Der Führungskräfte-Trainer Joe Reynolds unterstreicht das in seinem Buch Out Front Leadership. Er hält Furcht für einen unverzichtbaren Ratgeber. „Angstschweiß hat eine ganz eigene Duftnote und die ist mir gut vertraut“, schreibt er. „Aber nur wenige Dinge reinigen und beleben den Geist so gut wie die Furcht vor dem Risiko.“ Reynolds zufolge bedeutet Mut, „Furcht zu identifizieren und in guter und verantwortungsvoller Weise damit umzugehen.“ Dann zitiert er George Bernard Shaw: „Es ist Mut, Mut, Mut, der das Lebensblut in rotem Glanz erstrahlen lässt.“iii Klingt das allzu drastisch? Sicher, man muss berücksichtigen, dass Reynolds im Marines Corps gedient und noch mit 54 Jahren an Rodeo-Wettkämpfen teilnahm. Aber man sollte nicht nur an die physischen Auslöser der Furcht denken, sondern auch an die Notwendigkeit, mit Furcht zurechtzukommen. In all den gewöhnlichen Anforderungen, die Leiterschaft mit sich bringt, stellt sich Furcht ein, und wir können sie entweder zum Katalysator von Stärke machen oder aber sie wird zum Anlass für subtile Feigheit.


Nehmen Sie sich zusammen – und handeln Sie Es kostet Mut, brutalen Tatsachen ins Gesicht zu blicken. Verantwortung zu übernehmen. Weise und entschlossen mit einem Angestellten zu verfahren, der versagt hat. Einen Job zu kündigen, der nur um den Preis der eigenen Glaubwürdigkeit zu erfüllen wäre. Es erfordert Mut und Ausdauer, Jahr um Jahr die eigenen Anfechtungen und Schwächen zu bekämpfen und immer wieder das abzuschütteln, was einen begrenzt. Kurzum: Leiten erfordert Mut. Den Mut verlieren ist leicht, und das geschieht zum Beispiel da, wo wir den Konflikten, die wir fürchten, ausweichen. Charlie Brown und sein Freund Linus kennen das. Als sie wieder einmal über die Probleme des Lebens diskutieren, macht Linus Charlie Brown mit seinem Lebensmotto bekannt: „Kein Problem ist so groß oder verzwickt, dass man nicht davor weglaufen könnte.“ Wir schmunzeln vielleicht darüber, aber unser Empfinden pflichtet Linus allzu gern bei, und oft geht es uns genau wie ihm. Egal, ob es um eine lebensbedrohliche Situation oder nur um einen Vortrag vor Publikum geht, entscheidend ist, dass wir uns unseren Gefühlen stellen. Die zwölfte von Colin Powells dreizehn Regeln für Führungskräfte lautet: „Nehmen Sie von Ihren Ängsten keinen Rat an.“ Und Eleanor Roosevelt empfahl: „Schauen Sie der Furcht ins Gesicht. So gewinnen Sie Kraft, Mut und Zuversicht. Sie müssen genau das tun, von dem Sie glauben, dass Sie es nicht schaffen können.“ Das Leben ist voller furchterregender Dinge, und mit einer Leitungsaufgabe gehen erhöhte Risiken einher. Mut stellt sich ein, wenn wir unsere Furcht überwinden. Aktiv werden ändert alles – selbst wenn das Schlimmste eintritt. „Missgeschicke sind wie Messer“, schrieb Herman Melville, „sie können uns dienen oder uns verletzen, je nachdem, ob wir sie bei der Klinge oder am Heft packen.“ Wir zucken vielleicht zurück bei der Vorstellung, eine Messerklinge fest anzupacken. Wenn uns ein Unglück widerfährt oder wir uns auf einmal im Fadenkreuz vorfinden, dann sind wir vielleicht auch versucht, nach der Klinge zu greifen. Mut hat aber nichts mit derart blindem Reagieren zu tun, sondern mit dem kühnen Einsatz von Intelligenz und reifer Überlegung. So gewinnen wir den Überblick und den Zugang zu allen vorhandenen Mitteln. Unser Verstand kann die Ereignisse einordnen und auf dramatische Weise unsere körperlichen Reaktionen auf das, was die Furcht ausgelöst hat, verändern. Entschlossenheit und Glaube liefern die Energie, die den Mut schürt. John Maxwell schreibt: „Ironischerweise erleben die, die Risiken mutlos ausweichen, und die, die solche Risiken eingehen, in ihrem Leben dasselbe Ausmaß an Furcht.“ Und ein altes Sprichwort bringt es auf den Punkt: „Als Furcht klopfte und Glaube öffnete, stand niemand vor der Tür.“ Bauen Sie Deiche des Muts Martin Luther King hätte allen Grund gehabt, sich zu fürchten. Wie Billy Graham erhielt auch er wiederholt Morddrohungen, und in seinem Fall wurde die Drohung schließlich Wirklichkeit. Zusätzlich zu all dem Hass, den Segregationisten ihm


entgegenschleuderten, wurde er auf Schritt und Schritt vom FBI überwacht in der Absicht, ihm etwas anzuhängen. Er war mehrmals verhaftet und ins Gefängnis gesteckt worden, und ihm war klar, welche Gefahren mit seiner Führungsrolle in der Bürgerrechtsbewegung verbunden waren. Noch am Abend, bevor er in Memphis ermordet wurde, sprach er über die Drohungen von „einigen unserer kranken weißen Brüder.“ Dann sagte er: „Nun, ich weiß nicht, was jetzt geschehen wird. Es liegen ein paar schwierige Tage vor uns. Aber das macht mir jetzt nichts aus: Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Ich bin unbesorgt. Wie jedermann wünsche ich mir ein langes Leben. Ein langes Leben ist etwas Gutes. Aber es kümmert mich im Augenblick nicht. Ich will nur eins: dem Willen Gottes genügen. Denn er hat mir die Gnade gewährt, den Berg zu erklimmen, und ich habe über den Gipfel geschaut und das Land der Verheißung gesehen. Mag sein, dass ich euch nicht dorthin folgen kann. Aber eines sollt ihr heute Abend wissen: Wir werden als ein Volk in das Land der Verheißung gelangen. Deshalb bin ich heute glücklich. Ich fürchte mich nicht. Ich habe keine Angst, vor niemanden. Denn meine Augen haben die Gnade des Herrn gesehen.“ Am nächsten Tag wurde er erschossen. Es hat King viel Mut gekostet, seine Leitungsaufgabe zu erfüllen, und wir hören seinen Aufruf, inmitten ständiger Gefahr Mut zu beweisen: „Mut ist innere Entschlossenheit, trotz aller Hindernisse und beänstigender Situationen vorwärts zu gehen.“ Er selbst hat beides erlebt und hat trotzdem sein Leben gewagt. Es ist nicht schwer, sich in King und seine Auseinandersetzung mit „beängstigenden Situationen“ hineinzuversetzen, wenn man sich seine Aussagen über Mut vor Augen führt; Aussagen, die wie der Schlag einer Trommel die Entschlossenheit verstärken: „Mut führt zu schöpferischer Selbstbehauptung. Feigheit erzeugt zersetzende Selbstverleugnung. Der Mut tritt der Furcht entgegen und bezwingt sie. Feigheit unterdrückt die Furcht und wird doch von ihr beherrscht. Mutige Menschen verlieren auch in einer freudlosen Lage nicht die Lebensfreude. Feige Menschen lassen sich von den Ungewissheiten überwältigen und verlieren den Lebenswillen.“ King wusste genau, dass die Alternative zum Mut Feigheit ist, und er scheute sich nicht, das klar auszusprechen. Tatsächlich liegt Kraft darin, dass man sich die Gegensätze vor Augen führt – hier Mut, da Feigheit – und sich dann für ersteres entscheidet. Schließlich sagte King: „Wir müssen beständig Deiche des Mutes errichten, um die Flut der Furcht einzudämmen.“iv Auch wenn wir nicht vor derart gefährliche oder tragische Herausforderungen gestellt sind wie er, können wir seinen bekräftigenden Trommelschlag auf eine Vielzahl der Widrigkeiten anwenden, mit denen wir in unseren Leitungsaufgaben zu tun haben.


Fürchten Sie sich vor dem Richtigen Das englische und französische Wort für Mut, Courage, ist abgeleitet vom lateinischen Begriff cor, und der steht für das Herz. Courage verrät also, wie es um unser Herz, unser Innerstes, bestellt ist. Billy Graham hat in der Bibel stets guten Rat in Sachen Courage (gleich Mut) gefunden. Da heißt es zum Beispiel: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“ (2. Timotheus 1,7). Die Engel in der Bibel rufen gern zur Furchtlosigkeit auf: „Fürchte dich nicht“, ruft der Erzengel Gabriel dem Teenager Maria zu, als er ihr mitteilt, dass sie bald ein Kind vom Heiligen Geist empfangen wird. „Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört“, sagt derselbe Engel Gabriel, als er die Geburt von Johannes dem Täufer ankündigt. „Fürchte dich nicht“, sagt der Engel des Herrn einem verängstigten Gideon, der kurz darauf seine Landsleute im Kampf anführen wird. Aber aus der Bibel wissen wir auch, dass Furcht etwas Gutes sein kann, sofern wir uns vor dem Richtigen fürchten. Furcht vor herabstürzenden Trümmern oder vor Lebensmittelvergiftung ist banal. Furcht vor Gott ist lebenswichtig. Gott fürchten? Ist Gott nicht ein Gott der Liebe? Ist das nicht der Gott, zu dem Billy Graham die Menschen einlud?` Stimmt. Aber in der Bibel heißt es auch, dass Gott heilig ist und das Böse hasst, das Unheil über seine Leute und seine Schöpfung bringt. So hören wir quer durch die Bibel das Kommando: „Fürchte Gott.“ Paradoxerweise treten die Furcht vor Gott und die Freude über Gott oft gemeinsam auf. In den Psalmen lesen wir: Wohl dem, der den Herrn fürchtet! (Psalm 128,1) Die ihr den Herrn fürchtet, lobt den Herrn! (Psalm 135,20) Dienet dem Herrn mit Furcht, und jauchzt mit Zittern! (Psalm 2,11) Eine seltsame Mischung aus Freude und Furcht. Es kommt allerdings darauf an, der Furcht den richtigen Platz zuzuweisen. Die ultimative Furcht bringt der Bibel zufolge die ultimative Freude. Billy Graham fürchtet die richtigen Dinge. Er liest täglich in den Sprüchen Salomos und erfährt dort: „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang“ (Sprüche 9,10), und: „Gottesfurcht erzieht zur Weisheit“ (Sprüche 15,33). Diese ehrerbietige Furcht vor Gott ist ein wesentliches Merkmal von Grahams Leiterschaft. Daraus ergibt sich Mut. Gottesfurcht relativiert die Beleidigungen, die man von überheblichen Intellektuellen oder hasserfüllten Gegnern zu hören bekommt, wie Graham es immer wieder erlebt hat. Gottesfurcht verleiht Kraft, Situationen zu überstehen, in denen man sich überwältigt oder nicht ausreichend befähigt fühlt. Der Theologe Karl Barth hatte im Kirchenkampf gegen den Nationalsozialismus gefochten und wusste, wie nötig Mut ist. Ihm wird der Satz zugeschrieben: „Mut ist Furcht, die ihre Gebete gesprochen hat.“


Zum Weiterdenken Billy Graham: Mut ist ansteckend. Wo ein tapferer Mensch standhält, wird auch das Rückgrat von anderen stärker. Die Bibel: Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. (Psalm 23,4)

i

B. Graham, So wie ich bin, S. 348f M. L. King, Kraft zum Lieben, S. 178 iii ursprünglich wohl von Horaz, zit. in G. B. Shaw, Back to Metusalah, „In the Beginning: B.C. 4004 (In the Garden of Eden)“ iv M. L. King, a. a. O. ii


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