Francine Rivers So stark wie das Leben Roman 544 Seiten, € 17,50 Bestell-Nr. 72437 ISBN 3-501-01470-8
Paul rief Samuel Mason von einem Motel in Lovelock (Nevada) an, um ihm mitzuteilen, dass sie am Nachmittag des folgenden Tages in Centerville eintreffen würden. „Die Fahrt war gut. Keine Probleme.” „Wir erwarten euch.” Um Sacramento wurde der Verkehr dichter, was Paul nach neun Jahren in der Chicagoer Gegend nicht anfocht. Er schaute fleißig in den Rückspiegel, um sicherzugehen, dass er Eunice nicht verlor. Der Rest der Strecke, auf dem Highway 99, war einfach. In Centerville gab es nur zwei Hauptstraßen. Da waren schon die Orientierungsmarken, die Samuel Mason erwähnt hatte: ein altes Gerichtsgebäude, das jetzt die Stadtbücherei beherbergte, die vier Palmen vor einem mexikanischen Restaurant und ein großes Haushaltswarengeschäft. Zwei Kreuzungen weiter bog er nach rechts ab und fuhr drei Straßen weit nach Osten. Da erhob sich schon der Kirchturm über eine Reihe von Ahornbäumen. Paul fuhr langsam an der malerischen Holzkirche im Neuengland-Stil vorbei, wendete, hielt hinter einem alten DeSoto, der vor dem kleinen Eckhaus stand, an und stieg aus. Eunice fuhr vorbei, wendete ebenfalls und stellte sich hinter ihn. Paul stand da, die Arme in die Hüften gestemmt, und spürte, wie die Freude durch ihn schoss. Dies war seine Kirche! Eunice stellte sich neben ihn. Timmy inspizierte schon den Hof. „Eine schöne Kirche, nicht? Wie auf einer Postkarte aus Neuengland.” „Ja, sie ist schön.” Er sah auf. „Da werden wir einiges an Arbeit reinstecken müssen.” „Pastor Hudson?” Paul drehte sich zu der Stimme um. Ein hagerer, weißhaariger Mann mit Brille kam auf sie zu. Er trug eine braune Hose, ein weißes Hemd mit offenem Kragen und eine braune Strickjacke. „Ich bin Samuel Mason.” Sein Händedruck war fest für einen alten Mann. Paul stellte ihm Eunice und Timmy vor. „Könnten wir uns gleich mal umsehen, Samuel?” „Oh, das hat später noch Zeit.” Er zeigte auf das kleine Haus an der Ecke. „Jetzt essen wir erst mal. Meine Frau hat uns was gekocht.”
Paul war zu aufgeregt, um Hunger zu haben, aber Eunice rief sofort Timmy und ging neben dem Gemeindeältesten an der wuchernden Hecke entlang zu dem Pfarrhaus. Das Haus war ein einfaches Rechteck ohne jede Verzierung, sicher ein Fertighaus, das man nachträglich hingestellt hatte. In der Tür begrüßte sie der köstliche Duft von Gulaschsuppe. Samuel Mason führte sie durch das leere kleine Wohnzimmer in eine beleuchtete Küche, wo er ihnen seine Frau, Abigail, vorstellt. „Bitte setzt euch doch.” Sie zeigte auf den kleinen Tisch, der für fünf Personen gedeckt war. „Macht es euch bequem.” Sie schöpfte den Eintopf auf die Teller. „Den Hochstuhl haben wir aus dem Abstellraum im Gemeindehaus.” „Seit Jahren nicht mehr benutzt”, sagte Samuel. Abigail stellte einen Krug Milch und einen Korb mit französischem Knoblauchbrot auf den Tisch. Als jeder seinen Eintopf hatte, setzte Abigail sich und nahm die rechte Hand ihres Mannes. Als der Kreis fertig war, dankte Samuel Gott für die Bewahrung auf der langen Reise und für den neuen Pastor und bat ihn, das Essen, das Gespräch und Pauls Dienst zu segnen. Timmy sagte laut „Amen” und alle lachten. Bevor Paul seine Fragen über die Gemeinde stellen konnte, fragte Abigail, wie die Fahrt gewesen sei. Eunice schilderte die historischen Stätten und Sehenswürdigkeiten, an denen sie vorbeigekommen waren. Paul war dankbar, dass sie verschwieg, dass sie sie vor lauter Eile nur durch die Autofenster gesehen hatten. Samuel entschuldigte sich für den Zustand des Pfarrhauses. „Wir haben einfach nicht die Zeit zum Renovieren gehabt.” – „Oder das Geld”, fügte seine Frau hinzu. „Wir haben etwas Geld auf der hohen Kante”, sagte Paul. „Und Eunice ist die geborene Malerin.” Er drückte ihre Hand. Abigail erzählte ihnen von Hanks Zusammenbruch. „Es tut uns Leid, dass sie nicht mehr da sind.” Sie errötete und fügte rasch hinzu: „Aber jetzt freuen wir uns, dass ihr da seid.” Eunice nahm ihre Hand. „Wir verstehen Sie ja so gut.” Und sie berichtete, wie sie in einer kleinen Bergarbeiterstadt aufgewachsen war, wo ihr Vater, der gleichzeitig Bergarbeiter und Pastor war, seiner Gemeinde gedient hatte, bis er seiner Staublunge erlag. „Die Gemeinde hat sich nie mehr erholt von diesem Schlag.” Paul sagte: „Das soll uns nicht passieren, Eunice! Das war damals ja eine ganz andere Situation. Die Zechen wurden geschlossen und die Stadt starb. Centerville liegt immerhin im Einzugsgebiet von Sacramento.” Als Nachtisch servierte Abigail einen Pfirsichkuchen mit Vanilleeis. Timmy wurde unruhig. „Ich glaube, für heute hat er wirklich genug gesessen”, sagte Eunice. Sie ging zum Auto, um seine Spielsachen zu holen. Paul half beim Abräumen.
Samuel schob seinen Stuhl unter den Tisch. „Wie wär’s mit einer kleinen Führung durch die Kirche und das Gemeindehaus?” „Gerne”, sagte Paul. Die 1858 erbaute Kirche war eines der Wahrzeichen von Centerville. „Bevor die Einwohner das Gerichtsgebäude in der Main Street bauten, haben sie die Kirche gebaut”, erklärte Samuel. „Sie hat verschiedenen Konfessionen gehört, zuletzt den Baptisten; das war Anfang der 50er-Jahre. Als sie zum Verkauf angeboten wurde, hat eine Gruppe von zehn Familien sie erworben. Wir holten dann Henry Porter und bauten ein Gemeindehaus und das Pfarrhaus an der Ecke.” Nach zwei Jahrzehnten Wachstum hatte der langsame Niedergang begonnen. Aus Kindern wurden Erwachsene, die fortzogen. Die neue Autobahn ließ die Stadt links liegen, die einheimischen Farmen wurden von Großkonzernen aufgekauft, Mandelbaumhaine abgeholzt und durch Weinberge ersetzt, die mehr Geld einbrachten. Samuel Mason schloss die Kirchentür auf und gab Paul gleich die Schlüssel. Sie fühlten sich schwer an in seiner Hand. Würde er es schaffen, diese Gemeinde wiederzubeleben? Der Vorraum empfing ihn mit Staub und Spinnweben. Samuel öffnete eine Tür, die in ein kleines Büro führte. Ein Schreibtisch aus Eichenholz, ein Regal mit alten Büchern, ein großes Telefon mit nostalgischer Wählscheibe, das Eunice begeistern würde. „Die Bücher hat Hank für Sie dagelassen”, erklärte Samuel. „Das ist nett von ihm.” Hoffentlich muss ich die nicht alle behalten ... Paul war längst dabei, seine eigene, wesentlich modernere Bibliothek aufzubauen. Der eigentliche Kirchenraum roch kalt und muffig. Hier mussten hundert Dinge renoviert werden. Einige der Arbeiten konnte Paul gut selber erledigen. Seine Mutter hatte ihm schon früh klargemacht, dass ein Pastor ein Mädchen für alles sein musste, und so hatte Paul – was sein Vater komisch fand – diverse Heimwerkerlehrgänge absolviert. Das beste Stück in der Kirche war die hohe, achteckige Kanzel, die links vom Altar stand und so hoch war, dass man gut ohne Lautsprecher sprechen konnte. Am liebsten hätte Paul sie gleich ausprobiert, aber Samuel führte ihn durch eine Tür in der linken Wand in einen Flur, der zu zwei Toiletten und einem kleinen Anbau führte. „Das war früher der Raum für die Kleinkinder”, erklärte Samuel. „Wir haben ihn seit zehn Jahren nicht mehr benutzt.” Sie traten zurück in den Flur und Samuel öffnete eine Doppeltür, die ins Gemeindehaus führte. Daraus konnte man etwas machen! „Auf der Bühne haben wir zu Weihnachten Krippenspiele aufgeführt”, sagte Samuel. An der einen Seite führten Türen in drei Gruppenräume und eine große Küche mit Herd und Kühlschrank. Sie gingen durch die Küche nach draußen in einen von einem gewaltigen Baum beschatteten Garten. Der Rasen hatte Löcher, aber das würde sich mit etwas Samen und Dünger beheben lassen. Sechs Klapptische standen verloren herum. Von der Straße führte eine Rollstuhlrampe herauf.
„Das wär’s also”, sagte Samuel, das Abendrot im Rücken. „Es gibt viel zu tun.” Paul lächelte. „Ich kann’s nicht erwarten, die Ärmel hochzukrempeln und anzufangen.” (...) Die Telefone in Centerville liefen heiß: Der neue Pastor und seine Familie waren da! In den nächsten beiden Tagen kamen ein halbes Dutzend Damen mit diversen Geschenken für die Hudsons vorbei. Selbst Mabel raffte sich auf und schickte Otis mit einem riesigen Topf Lasagne los. Er fand kaum Platz auf der Küchentheke, die bereits von Obst- und sonstigen Salaten, Kuchen, Frikadellen und anderen Leckereien überquoll. Am Sonntagmorgen waren Samuel und Abigail Mason die Ersten, die zum Gottesdienst kamen. Samuel bot sich an, den neuen Gemeindebrief zu verteilen, den Paul auf seinem Computer in Hanks Büro geschrieben hatte. Abby, die frühere Sonntagsschullehrerin, nahm Timmy unter ihre Fittiche. Auf dem Altar prangte ein großer Blumenstrauß, den Pauls Eltern geschickt hatten. Eunice setzte sich an das Klavier. Hollis, der neben Samuel saß, beugte sich zu ihm und flüsterte: „Hier steht, wir sollen für die Jugendgruppe beten. Was für ‘ne Jugendgruppe?” „Paul hat vier Schüler von der High School als Möbelpacker angeheuert. Dienstagabend kommen sie hierher, zu einem Bibelabend über das Buch Daniel.” Hollis’ Augenbrauen schossen hoch. „Das gibt’s ja nicht!” Otis, der hinter ihnen saß, beugte sich vor. „Er trägt einen Anzug! Warum trägt er keinen Talar wie Hank?” „Kannst ihn ja fragen, wenn wir nach dem Gottesdienst unseren Kaffee trinken”, sagte Mabel mürrisch. „Und jetzt knurr nicht.” Otis lehnte sich verstimmt zurück und verschränkte die Arme. Samuel sah sich um. Alle Gemeindeglieder, die sich nicht gerade im Krankenhaus oder Pflegeheim befanden, waren da. Einige flüsterten, nickten, lächelten, ihre Augen zum ersten Mal seit Jahren voller Hoffnung. Andere, wie Otis, hatten misstrauisch Augen und Ohren gespitzt: Was, wenn der Neue es anders machte? Hollis schaute zu der jungen Eunice Hudson am Klavier hin. „Eins ist sicher: Eine hübsche Frau hat er.” „Und eine freundliche”, fiel Durbin Huxley ein. Elmira Huxley beugte sich nach vorne. „Ich hab gehört, sie hat schon Mitzi Pike im Vine Hill besucht.” „Sie hat ihr einen Strauß Rosen mitgebracht”, erklärte Samuel leise. Abby hatte Eunice verraten, dass Fergus Englischlehrer auf der High School gewesen war und dass Mitzi früher Preise für ihre Rosen gewonnen hatte. Als Eunice also am nächsten Morgen Abby zu dem Besuch im Altenheim abholte, hatte sie einen Strauß gelbe Rosen für Mitzi und mehrere Hörkassetten mit klassischen Romanen für Fergus dabei.
„Du hättest Mitzis Gesicht sehen sollen, Samuel!” Abby hatte sich die Tränen abgewischt. „Und Fergus ... Bevor ich ein Wort sagen konnte, hatte Eunice schon ihre Herzen erobert.” Alle wurden still, als Eunice zu spielen begann. Sie spielte eine freie Zusammenstellung bekannter Melodien. Mit feuchten Augen hörte die Gemeinde zu. Paul Hudson kam den Mittelgang entlang, stieg die Altarstufen hoch und setzte sich auf den Pastorenstuhl an der Wand. Er schloss die Augen und neigte seinen Kopf, während seine junge Frau weiterspielte. Samuel musterte ihn. Ein so junger Mann auf Hanks Stuhl – es war ein ungewohnter Anblick. Er betete still für all die alten Freunde um ihn herum. Er wusste, dass für einige von ihnen Paul Hudson ein kleiner Junge war, den sie entweder verwöhnen oder erziehen könnten. Bei einem neuen Pastor konnte nicht alles beim Alten bleiben. Gott, du bist unser Herr – darauf kommt es an. Lass uns eins sein im Geist und in der Liebe. Vertrauen würde nicht über Nacht kommen. Er hoffte, dass Paul gerade um Weisheit betete, als er da auf Hanks altem Stuhl saß. Hank hatte seine Gemeinde nicht zu Begeisterungsstürmen hingerissen, aber er hatte sie vierzig lange Jahre auf dem geraden Weg gehalten. Samuel hoffte, dass Paul Hudson, wenn er seinen Blick über die Bänke schweifen ließ, nicht nur die Runzeln und weißen Haare sah, sondern die Herzen, die Nahrung vom Herrn und seinem Geist brauchten. Eunice beendete ihr Vorspiel mit einer perlenden Kaskade von Tönen und einem klangvollen Akkord. Sie erhob sich anmutig, kam die Stufen herab und setzte sich in die erste Reihe. Eine erwartungsvolle Stille legte sich über die Gemeinde. Samuel bezweifelte, dass er der Einzige war, der den Atem anhielt, als Paul aufstand und zur Kanzel trat.