Gerhard Jan Rรถtting
Bram, mein Musiklehrer
Diese Geschichte ereignete sich in den Niederlanden. Bram, der eigentlich Abraham Cohen heißt, hat als 25-Jähriger gerade das Konservatorium in Amsterdam mit Auszeichnung absolviert, als er Privatlehrer im Hause Rötting de Renesse wird. Wir schreiben das Jahr 1937.
Die Personen Vater Mutter Geert Abraham Cohen Oom Kees Nina Jenny Klaas Joop Rob
Gerhard Rötting de Renesse, der »Mijnheer« Geertruida Rötting de Renesse, die »Mevrouw« der Sohn genannt: Bram, Musiklehrer Geschäftsmann, Berater und Mutters Bruder die Haushälterin und »gute Fee« die Köchin der Hausmeister der Gärtner der junge Gärtnergehilfe
Cora, die Berner Sennenhündin
Inhalt 1. Ein kühner Traum 2. Blau – ist meine Farbe 3. Geerts neue Welt 4. Es fallen Würfel 5. Aus Abraham wird »Bram« 6. »Friede« kann man nicht nur sagen 7. Wenn der Freund zum großen Bruder wird 8. Jahre des Schreckens 9. Der Mord an unserem Gärtner Joop 10. Die Matte unter den Füßen ist weg 11. Wilhelmus von Nassau 12. Der »Hungerriemen« 13. Als Mutter sich eine Gartenschürze umbindet 14. Vater wird Reichsdeutscher 15. Die Segnung 16. Im Untergrund leben – ist das eine Möglichkeit? 17. Viel schlimmer, als du denkst! 18. Warten auf Bram 19. Von allem müssen wir Abschied nehmen 20. Hab keine Angst vor Neuem! 4
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KAPITEL 3
Geerts neue Welt Nina geht im Herrenhaus nur in Hausschuhen – schluff, schluff. Ich kenne ihre Schritte. Vor meiner Schlafzimmertür machen sie jetzt halt. »Geert, die Eltern warten auf dich in der Eingangshalle. Du weißt doch: Geerts Geburtstag feiern wir heut, hurra, hurra!«, singt die gute Fee des Hauses. »Alles liegt bereit auf dem Stuhl neben dem Waschtisch – das frische Handtuch, das neue Hemd, die sauberen Kniestrümpfe und das karierte Taschentuch.« Schluff. Schluff. Ich höre, wie sie singend weitergeht. »Hurra, hurra«, singt sie noch am Ende des langen Flures. Ja, sechs bin ich heute. Und die Eltern ... Auf der obersten Treppenstufe bleibe ich stehen. In der Eingangshalle warten die Eltern, die Köchin Jenny, der Gärtner Joop und sein Gehilfe Rob, Nina, die Cora am Halsband hält, Klaas, der Hausmeister, und – als Überraschung 12
– mein Onkel Kees. Sie alle klatschen und singen schon das Geburtstagslied, als ich noch auf der obersten Stufe wie angewurzelt stehe. Dann nehme ich zwei Stufen auf einmal. Cora ist die Erste, die mich begrüßt: Sie hat sich dem Zugriff von Nina entrissen und springt mir entgegen, als die drittletzte Stufe erreicht ist. Sie ist ein schweres »Mädchen«, das die Vorderpfoten auf meine Schultern legt. Ich kraule ihren Kopf und sie versucht, meine Hand zu lecken. Das Lied ist zu Ende gesungen. Die Eltern gratulieren. Beide treten zur Seite – und an der Wand steht das blaue Jugendfahrrad! »Glückwunsch, Geert!« »Glückwunsch, Junge!« Ich schwinge mich auf das Rad. Die Halle ist groß genug, um Ehrenrunden darin zu drehen. Wieder klatschen die Angestellten und Eltern, die in der Mitte der Eingangshalle als kleines Grüppchen stehen, das ich umkreise. »Mein blaues Fahrrad! Mein blaues Fahrrad! Wo kommt es nur her?« Nach dem Frühstück erzählt Vater, was alle wissen: Er hat es vor Tagen gekauft und in Ninas Haus untergestellt. 13
»Aber das ist noch nicht alles, Geert«, meint Vater. »Da kommt heute Nachmittag ein noch größeres Geschenk für dich.« Ein noch größeres Geschenk? Was denn? Ist das Fahrrad nicht schon das Schönste, was ich erwarten kann? »Das Geschenk wird um drei Uhr bei uns sein. Mehr verraten wir dir nicht«, meint Mutti. Tennisschläger? Ein Fußball? Und die passenden Schuhe dazu? Die Eltern und Onkel Kees schweigen geheimnisvoll. Und die Angestellten tun so, als wissen sie überhaupt nichts. Rob, der Gärtnergehilfe, flüstert mir im Vorübergehen zu: »Heute kommt zum Tee jemand, den du nicht kennst, aber auf den du dich freuen solltest.« Die große Eingangshalle wird erhellt durch je ein schmales, aber hohes Fenster, das sich links und rechts neben der schweren Eichenholz-Eingangstür befindet – beide Fenster mit bunten, kleinen Scheibchen bleiverglast. Die breite Eichenholztür hat nur im oberen Drittel ein kleines, quadratisches Fenster, durch das die Erwachsenen nach Besuchern schauen können, bevor die Haustür geöffnet wird. 14
Weil ich noch zu klein bin, schaue ich gegen drei Uhr durch die bunten bleiverglasten Fenster, was da kommen wird – wer da die Ahornallee entlangkommt. Doch ich sehe nur die kahlen Ahornbäume. Es ist März. Der Winterwind hat die trockenen Blätter längst von den Bäumen geweht, sie entweder in den Herrenhauspark geweht – oder darüber hinaus ins flache, weite Land getrieben. Von diesem Fenster kann ich bis zur Hauptstraße schauen. Niemand ist zu sehen. So zähle ich – mal wieder – die Ahornbäume der Herrenhausallee: rechts sind es 28. Links nur noch 24, denn der letzte Sturm hat vier stämmige Bäume umgeblasen. Jedes Jahr wird der Wegbelag mit kleinen, gelblichen Kieselsteinchen aufgefüllt. Vater sagt dann danach: Nun hat die Ahornallee für dieses Jahr wieder ihr wohlverdientes, neues Gesicht. Und wie die Kieselsteinchen lustig unter den Schuhsohlen knirschen! Das musst du erlebt haben! Denn das ist mehr als festlich. Die Zeit vergeht mir zu langsam. Aber die schwere Eichentür kann ich nicht öffnen, um nach draußen zu gelangen: Sie ist zu schwer. Auch den eisernen Griff kann ich nicht herun15
terdrücken – ich bin eben noch ein Kind. Immerhin: heute sechs Jahre alt. Und gleich kommt noch ein großes Geburtstagsgeschenk. Was dauert das lang! Wie langsam vergeht die Zeit. Da – auf dem Fahrrad ein schwarz gekleideter Mann, der von der Hauptstraße in unsere Ahornallee einbiegt. Frack. Hut. Ich lache: Es ist ihm unmöglich, das Fahrrad durch die Kieselsteinschicht zu lenken. So steigt er eben ab. Aber komisch: Er hat kein Päckchen bei sich. Auch kein Geschenk auf dem Gepäckträger. Dieser Mann kann es nicht sein, der mir mein »großes Geschenk« bringt, von dem Vater heute Morgen sprach. Was hat Rob mir ins Ohr geflüstert? Da – der schwarze Jemand kommt wirklich näher. Ich springe vom Stuhl und stelle ihn an seinen Platz. Das Fahrrad wird an die Hauswand gestellt – das höre ich drinnen. Dann zieht der fremde »schwarze Mann« an der Zugglocke. Die Eingangshalle ist voll Geläute. Mutter unterbricht das Violinspiel und kommt, um die Eingangstür zu öffnen. Ich stehe hinter ihr. Der »Schwarze« stellt sich vor: 16
»Gnädige, ehrwürdige Mevrouw Rötting de Renesse, ich bin Abraham Cohen. Ihr Mann, Mijnheer Rötting de Renesse, hat mich sicher bei Ihnen angemeldet, oder?« »Aber sicher doch, kommen Sie herein!« Erst jetzt schaue ich seitlich des mütterlichen Rockes hervor. Der »Schwarze« sieht mich und fragt lachend: »So, so, das ist vermutlich der Sohn des Hauses?« Das schwarze Äußere stört mich nicht mehr, als der Besucher seinen Hut abnimmt und mir die Hand reicht. Ich sehe eine Fülle von schwarzen Locken, die teilweise auf seine Stirn gefallen sind. Noch immer hält er meine Hand in der seinen: »Herzlichen Glückwunsch! Und noch viele, gesunde Jahre. Vielleicht erleben wir einige davon gemeinsam. Was wäre das ein Geschenk für mich!« Erst jetzt lässt Herr Abraham Cohen meine Hand los, die er kräftig geschüttelt hat. Er hat von einem Geschenk geredet – aber wo ist es? Nina hat den schwarzen Mantel und den Hut des Herrn Cohen entgegengenommen und Mutter geleitet den Gast in die Bibliothek. Ich 17
hinterher. Wir sitzen um den niedrigen, runden Marmortisch. Was kommt jetzt? Ich igele mich in einen der hohen Lederarmstühle und schaue mir die Haarfülle dieses Mannes an. Spricht er, dann tanzen die Locken auf seinem Kopf. Und fallen sie ihm ins Gesicht, dann schiebt er sie mit der linken Hand in die gesamte Haarpracht zurück. Nein, so viel schwarzes, krauses und volles Haar habe ich noch nie gesehen. Mutter geht zur Tür: »Nina«, ruft sie in die Halle hinein, »Nina, bald ist es halb vier! Teezeit!«
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