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Einleitung

Wer sich von den Worten und Gedanken der Psalmen berühren lässt, der kann auch heute noch ihre Tiefe und Inspiration erfahren. Diese alten Texte behandeln die großen Themen des Lebens, beschreiben die innersten Sehnsüchte der Menschen und öffnen Wege zu einem menschenfreundlichen Gott.

Luther sagte einmal: „Die Heilige Schrift ist ein wunderbares Kräutlein, je mehr du es reibst, desto mehr duftet es.“ Genau dieser Ansatz steht hinter den PsalmBerührungen. Der Autor „rieb“ die einzelnen Psalmen durch Lesen, Innehalten und Beten. Er wurde durch den sich entfaltenden Duft neu beschenkt. Sein Wunsch ist es, dass seine so entstandenen Reflexionen auch andere inspirieren und ermutigen.

Viele Leserinnen und Leser haben sich durch den ersten Band über die Psalmen 1 bis 75 neu berühren lassen. Der zweite Band legt nun Gedanken und Gebete zu den Psalmen 76 bis 150 vor.

Dr. Hans-Otto Reling hat in Deutschland, England und den USA Theologie und Psychologie studiert. Durch seine derzeitige Arbeit als Pastor und Hospizseelsorger wird ihm deutlich vor Augen geführt, wie kostbar und zugleich zerbrechlich das menschliche Leben im Grunde ist.

Doch gerade in der Krise werden wir sensibel für die großen Fragen nach dem, was im Leben wirklich zählt. Auch in dieser Hinsicht verstehen sich die PsalmBerührungen als ein Angebot, sich dem menschenfreundlichen Gott – im Leben wie im Sterben – anzuvertrauen.

Mögen die vorliegenden Texte zum Stöbern, Lesen, Verweilen und Beten einladen. Sie eignen sich zur persönlichen Besinnung, für den Austausch in Kleingruppen und auch für den Gottesdienst.

Psalm 76,5

Du bist herrlicher und mächtiger als die ewigen Berge.

Du bist prächtiger als das Licht der aufgehenden Sonne.

Du bist majestätischer als das erhabenste Gebirge.

Du bist weiter als der endlose Horizont des Meeres.

Dir kann ich vertrauen, denn Du bist größer als meine Zweifel.

Auf Dich kann ich hoffen, denn Du bist stärker als meine Nöte.

Dich ehre ich, denn Du bist mein Gott.

Psalm 77,20

Dein Weg ging durch das Meer und dein Pfad durch große Wasser; doch niemand sah deine Spur.

Ich sehe keinen Ausweg, fühle mich hilflos und ausgeliefert.

Dunkle Ängste verfolgen mich bis tief in die Nacht.

Meine Nöte wandeln sich allmählichen zu Bitten an Gott.

In meinen Gedanken öffne ich mich meinem Schöpfer.

Seinen Zusagen will ich Vertrauen schenken:

Mitten hindurch gehe ich mit dir durch das Meer und durch die Tiefen.

Mitten hindurch gehe ich mit dir durch deine Schmerzen und deine Trauer.

Mitten hindurch gehe ich mit dir durch deine Herausforderungen und deine Ängste.

In mir wächst Gewissheit:

Auch wenn ich Deine Spur nicht sehe, weiß ich, Du bist bei mir.

Psalm 78,50

Er ließ seinem Zorn freien

Lauf und bewahrte ihre

Seele nicht vor dem Tode und gab ihr Leben der Pest preis.

Wohin führt die Rede von Deinem Zorn?

Zerstört sie nicht die Pflanze des Vertrauens durch Angst und Einschüchterung?

Werden Menschen besser, wenn sie sich vor Deinen Wutattacken fürchten?

Wie menschlich klingt die Rede von Deiner Vergeltung.

Willst Du wirklich, dass wir Dir aus Angst gehorchen?

Ist Dein Zorn nicht vielmehr Ausdruck

Deiner Sehnsucht nach Gerechtigkeit für alle Menschen?

So kann ich es verstehen:

Du gibst nicht klein bei, wenn das Leben zerstört wird.

Du verbündest Dich mit der leidenden Schöpfung,

stellst Dich auf die Seite der Rechtlosen und hilfst den Unterdrückten.

Psalm 79,11

Lass vor dich kommen das Seufzen der Gefangenen; durch deinen starken Arm erhalte die Kinder des Todes.

Wenn zwei sich streiten, leidet der Dritte.

Wenn Erwachsene sich bekriegen, leiden die Kinder.

Wenn die Mächtigen Morde anzetteln, bezahlen die Schwachen mit dem Leben.

Auf der ganzen Welt leiden Kinder des Todes.

Das Blut der Unschuldigen zeichnet alle Kontinente.

Wer hört die Stimme der Geschundenen und wer das Klagen der zerrütteten Seelen?

Allmächtiger und barmherziger Vater!

Bewahre ihr Leben durch Deinen starken Arm.

Mache diesem unsinnigen Morden ein Ende. Greife Du ein und rette die Ausgelieferten.

Gebiete Einhalt!

Schenke Versöhnung inmitten des Streits.

Gib Hoffnung den Entrechteten.

Sei Trost und Leben für die Kinder des Todes.

Dona nobis pacim – Gib uns Deinen Frieden.

Gott, tröste uns wieder und lass leuchten dein

Antlitz, so ist uns geholfen.

gebrochen geschlagen gedemütigt gesehen gehört gefühlt gehalten geliebt getröstet gebessert genesen geheilt Psalm 80,4

Eine Sprache höre ich, die ich bisher nicht kannte.

Deine Worte

lieben Freiheit, stiften Frieden, schenken Barmherzigkeit, enthalten Weisheit, wecken Freude, fördern Wahrheit, lösen Rätsel, geben Mut, bewirken Nähe.

Deine Stimme berührt mich.

Deine Worte geben meinem Leben Raum.

Deine Versprechen tragen meine Seele.

Deine kraftvollen Zusagen erlösen von Verstrickungen und Verurteilungen, entbinden von Abhängigkeiten und Zwängen, machen mich zu einem Kind der Gnade.

Neue Worte zum Leben hast Du für mich.

Psalm 82,5

Sie lassen sich nichts sagen und sehen nichts ein.

Sehe dein Sehen.

Höre dein Hören.

Fühle dein Fühlen.

Lebe nicht aus zweiter Hand.

Lass dir dein Wahrnehmen nicht vorschreiben.

Öffne deine Sinne.

Höre die Melodie deines Lebens.

Erkenne die Schönheit deines Seins.

Ertaste deinen Weg.

Denn dir sind geschenkt

Augen, Ohren und Empfindungen –göttliche Wunder für deine Lebensreise.

Psalm 83,2

Gott, schweige doch nicht!

Gott, bleib nicht so still und ruhig!

Wie kann ich Dein Schweigen ertragen, Gott?

Deine Stille macht mich mürbe.

Ich sehne mich nach Lebenszeichen von Dir.

Zeige Dich, wenigstens ein bisschen.

Hast Du nichts zu sagen zu meinem Leben?

Erreicht Dich die Not dieser Welt nicht mehr?

Hat es Dir die Sprache verschlagen?

Doch Du hast längst gesprochen.

Jede Tat der Liebe unter den Menschen, das Blühen des Mandelzweigs im Frühjahr, das Kommen, Sterben und Auferstehen Deines Sohnes sind Lebenszeichen von Dir.

Und dann, am Ende der Zeit

wirst Du unüberhörbar reden, wenn Du das Böse beseitigst und alles neu machen wirst.

Psalm 84,11

Denn ein Tag in deinen Vorhöfen ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in den Zelten der Frevler.

Lieber ein geflüstertes Wort von DIR als der tosende Applaus der Massen. Lieber ein Gramm Deiner Liebe, als zentnerschweren Überfluss ohne Dich.

Allmächtiger, zärtlicher Gott, Du bedeutest mir alles.

Ohne Dich wäre mein Leben seltsam leer.

Selbst in Dürrezeiten weiß ich Dich an meiner Seite, Du bist meine Kraft und meine Zuversicht.

Wunderbarer Gott,

Dein Blick gibt meinem Leben Sicherheit und Würde, Geborgenheit und Mut.

Ich kann nicht und ich will nicht ohne Dich leben, denn Du tust mir gut!

Psalm 85,11

Dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen.

Annäherung der Gegensätze, zärtliche Vereinigung der Widersprüche, heiliger Kuss.

Gott, der Vater, heilig und zugleich nahbar.

Gott, der Sohn, wahrer Mensch und wahrer Gott.

Gott, der Heilige Geist, persönliche Kraft und kraftvolle Person.

Gesetz und Evangelium, Zeit und Ewigkeit, auf Erden wie im Himmel.

Annäherung der Gegensätze, zärtliche Vereinigung der Widersprüche, heiliger Kuss.

Psalm 86,11

Weise mir, HERR, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit; erhalte mein Herz bei dem einen, dass ich deinen Namen fürchte.

Sei mir Lebensziel und Wegweiser.

Sei mir Karte und Fährtenleser.

Sei mein Weg.

Sei mir Anleitung und Korrektur.

Sei mir Klarheit und Einsicht.

Sei meine Wahrheit.

Sei mir Ausblick und Horizont.

Sei mir Landschaft und Wolkenhimmel.

Sei mein Leben.

Sei mir Wegbegleiter und Wandergefährte.

Sei mir Berater und Seelsorger.

Sei mein Gott.

Psalm 87,7

Und sie singen beim

Reigen: Alle meine Quellen sind in dir!

Du bist die Quelle aller Quellen, der Ursprung aller Ursprünge, der Anfang aller Anfänge, das Ziel aller Ziele.

Aus Dir entspringen Licht und Wärme, Hoffnung und Zuversicht, Liebe und Barmherzigkeit.

Alle Völker sind Deine Kinder. Alle Religionen suchen Dich. Alle Menschen umfängst Du mit Deiner Barmherzigkeit.

Du, Gott des Lebens, Dein Reigen umschließt das Weltall. Deine Weite lässt mich jubeln.

Psalm 88,10

Mein Auge vergeht vor

Elend. HERR, ich rufe zu dir täglich; ich breite meine Hände aus zu dir.

Die Verzweiflung zerfrisst meine Seele.

Am Horizont sehe ich keinen einzigen Hoffnungsschimmer.

Mein Leben ist ohne Licht, ohne Zuversicht, ohne Sinn.

Der Schmerz überschwemmt mein Leben.

Es ist nichts Heiles an mir.

Ich bin eine einzige Wunde.

Wie soll ich diesen Tag überstehen?

Apathisch starre ich vor mich hin.

Ich kann nicht mehr.

Gib mir doch endlich einen Lichtblick!

Zeige mir wenigstens einen Stern am Nachthimmel.

Schenke Du mir einen winzigen Funken Hoffnung.

Psalm 89,2–3

Ich will singen von der Gnade des HERRN ewiglich und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für; denn ich sage: Auf ewig steht die Gnade fest; du gibst deiner Treue sicheren Grund im Himmel.

Wenn ich über Deine Gnade nachsinne, fange ich an zu singen.

Wenn ich Deiner Annahme vertraue, kehrt tiefer Frieden bei mir ein.

Dein Ja zu mir beruhigt meine Selbstzweifel und meine Abhängigkeiten vom Beifall anderer.

Deine Vergebung schenkt mir Versöhnung und Gewissheit.

Deine Güte erweicht meine innere Härte und Starrköpfigkeit.

Deine Weite heilt meine Selbstbezogenheit und meinen Egoismus.

Deine Gnade steht über allem, unter mir, ewig fest.

Psalm 90,4

Denn tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.

Ein Tag verstreicht.

Eine Woche, ein Jahr – unwiderruflich vorbei.

Unser Leben, ein Fluss, der unaufhörlich fließt und nur eine Richtung kennt.

Die Zeit nimmt uns alle mit.

Wie kann ich damit leben?

Wie soll ich mit meiner Vergänglichkeit klarkommen?

Wie kann ich dadurch weise werden?

Die Zeit als Freund sehen, nicht als Feind.

Den Augenblick segnen, nicht verfluchen.

Den Moment auskosten, nicht vertagen.

Denn meine Vergänglichkeit ist eingebettet in Deiner Ewigkeit, meine Sterblichkeit ist eingebettet in Deiner Unvergänglichkeit, meine Flüchtigkeit ist eingebettet in Deiner Beständigkeit.

Ich empfange mein Leben aus Deiner liebevollen Hand –Moment für Moment, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

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