Rick Joyner Gott auf Erden
Titel der Originalausgabe When God Walked the Earth © 2007 Rick Joyner Published by MorningStar Publications, Inc. Fellowship Church, 375 Sat Light Drive Fort Mill, SC 29715 USA 1. Auflage Juli 2008 © Schleife Verlag, Pflanzschulstrasse 17, Postfach 85, 8411 Winterthur, Switzerland Tel. +41 (0) 52 2322424, Fax +41 (0) 52 2336082 E-Mail: publications@schleife.ch · www.schleife.ch ISBN 978-3-907827-69-7 Die Bibelzitate sind der Lutherübersetzung, revidierte Fassung von 1984 (durchgesehene Ausgabe in der neuen deutschen Rechtschreibung) entnommen. Übersetzung: Jens Uhder Lektorat: Michael Herwig und Judith Petri Umschlaggestaltung: Pia Maurer Satz und Druck: Schönbach-Druck GmbH, D-Erzhausen Alle Rechte vorbehalten, auch für auszugsweise Wiedergabe und Fotokopie.
INHALTSVERZEICHNIS Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 Kapitel 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Kapitel 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Kapitel 3 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103 Kapitel 4 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131
Kapitel
1
Andreas musste sich zwingen, Johannes dem Täufer in seine stechend klaren Augen zu schauen, während er auf eine Antwort von ihm wartete. Er hatte Johannes noch nie zuvor so erlebt. Johannes war von einer Intensität, wie er sie bei keinem anderen Menschen je gesehen hatte, doch nun schien er mit seinen Gedanken irgendwo in weiter Ferne zu sein. Schliesslich fragte ihn Andreas noch einmal: «Was ist da eigentlich heute am Fluss geschehen?» Der Täufer wandte sich einen Moment ab, um seine Gedanken zu sammeln. Dann richtete er den Blick auf seinen Jünger. «Entschuldige bitte, was sagtest du eben?» Die Jünger hatten ihn noch nie so umgänglich erlebt, und dies machte ihre Verlegenheit nur noch grösser. Irgendetwas musste vorgefallen sein. Am Morgen war ganz offenkundig etwas geschehen, das ihren Meister verstört und verwirrt hatte, und nun schien er auf einmal wie verwandelt. Es hatte beinahe den Anschein, als ob jenes ungestüme Feuer in ihm erloschen wäre. Die Intensität, die man bei ihm immer gespürt hatte, war plötzlich von ihm gewichen, und nun war er einfach nicht mehr derselbe. Er hatte etwas Weiches, ja fast Zartes an sich. Der Täufer war oft sehr ungestüm, was regelmässig dazu führte, dass er auf andere verletzend wirkte. Doch nun schien er mit einem Mal ganz sensibel. Er war tief in Gedanken versunken. Doch was auch immer in ihm vorgehen mochte, man hatte den Eindruck, als ob er endlich Frieden gefunden hatte. «Wer war denn dieser Mann, den du da heute Morgen getauft hast?», bohrte Andreas auf Drängen der anderen Jünger nach. «Und wessen Sohn ist er? Da war doch eine Stimme zu hören, die sagte: ‹Das ist mein Sohn.› Aber es war gar niemand zu sehen. Woher kam diese Stimme? Es war ganz offensichtlich, dass du die Stimme auch gehört hast. Wer war das, der da geredet hat? Die Worte schienen wie aus dem Nichts zu kommen, und diese Stimme – so etwas haben wir noch nie gehört.» An diesem Morgen hatte Johannes, wie gewohnt, zu
den Leuten gepredigt, während die Jünger sie tauften. Irgendwann hatte Johannes aufgehört zu predigen und einfach nur noch zugeschaut, bis er auf einmal aufsprang und auf einen Mann zuging, der geduldig in der Reihe angestanden hatte. Weil der Lärm der vielen Menschen, die über ihre Sünde weinten und klagten, so laut war, hatten sie nicht hören können, worüber Johannes mit dem Mann sprach. Dann taufte er ihn selbst – etwas, was nur noch sehr selten vorkam. Die ganze Szene hatte die Aufmerksamkeit der Jünger auf sich gezogen. Und dann kam da aus heiterem Himmel diese Stimme, die den Mann als ihren Sohn bezeichnete. Jeder schien es zu hören und schaute sich verwundert um, wer da gesprochen hatte, aber weder am Ufer noch auf den umliegenden Hügeln war irgendjemand zu sehen. Die Leute waren sichtlich beunruhigt. Als sie dann zu Johannes hinschauten, war er auf einmal wieder allein. Anschliessend ging er einfach fort, ohne ein Wort zu sagen. Der Tag hatte so gut begonnen, doch auf einmal war da ein sonderbares Gefühl der Beklommenheit. Johannes hatte an jenem Morgen eine ganz besonders kraftvolle Predigt gehalten, und die Leute waren in Scharen gekommen, um für ihre Sünden Busse zu tun. Dann geschah diese sonderbare Begebenheit, und anschliessend ging Johannes einfach fort. Nach und nach fingen dann auch die Leute an, wegzugehen. So viele Menschen wie an diesem Tag waren selten da gewesen, aber am Ende schienen alle ein wenig verwirrt und verstört. Das Ganze sah nicht gut aus, und die Jünger waren sehr verunsichert. Als Johannes dann wieder zurückkam, da schien er wie ausgewechselt, sodass die Jünger es sich einfach nicht verkneifen konnten, ihn ganz direkt zu fragen, was eigentlich los war. Weil der Täufer immer so unnahbar war, mussten selbst seine allernächsten Gefährten sich ein Herz fas42 sen, ihn so direkt zu konfrontieren. Auch wenn die unverblümte Art und Weise, wie er Herrscher und Autoritäten anging, ihnen manchmal den Schweiss auf die Stirne trieb, waren sie immer still geblieben. Doch was heute geschehen war, schien ihnen einfach gar zu sonderbar, und sie mussten jetzt einfach wissen, was hier vorging. Schliesslich wandte der Täufer ihnen seine Aufmerksamkeit zu und fing an, zu ihnen zu sprechen. Er klang überhaupt nicht verwirrt, ganz im Gegenteil. Er war sogar freudig erregt. «Freunde, für diesen Tag wurde ich geboren. Ich habe das Lamm Gottes gesehen. Er hat mich gebeten, ihn zu taufen. Mein Auftrag ist nun erfüllt, und meine Zeit hier wird bald zu Ende gehen. Ich habe meinen Lauf vollendet. Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen.»
Obwohl sich der Täufer ganz offenkundig sehr darüber freute, waren die Jünger wie vom Donner gerührt. Dass Jesus das Lamm Gottes war und selbst die weitreichende Aussage, dass dieser Tag die eigentliche Lebensbestimmung von Johannes gewesen war, entging ihnen völlig. Was sie erschütterte, war die Ankündigung, dass seine Zeit nun fast zu Ende sein sollte und dass seine Aufgabe abgeschlossen war. Dabei schien doch alles gerade erst anzufangen. Ganz Judäa war auf den Beinen, um ihn zu hören, und selbst viele Priester kamen zum Jordan, um sich taufen zu lassen. Das ganze Land hörte sie. Wie sollten sie da jetzt einfach so von der Bühne abtreten? Johannes schaute seine Jünger fast ein wenig mitfühlend an und meinte: «Freunde, das Reich Gottes ist nun wirklich nahe. Bitte hört, was ich euch jetzt sage: Der König selbst ist heute mitten unter uns gewesen. Er war es, den ich getauft habe, als ihr die Stimme Gottes gehört habt.» «Die Stimme Gottes!», riefen einige der Jünger einstimmig aus. «War das wirklich die Stimme Gottes, die da zu hören war?» «Er war es. Es war der Vater, der sagte: ‹Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.› Heute habe ich den Sohn Gottes getauft. Er ist es, der von Anfang an war, und nun lebt er mitten unter uns. Dies ist die Zeit, in der Gott grosse Wunder vollbringt. Er selbst ist in seinem Sohn zu uns gekommen. Er lebt nun als Mensch in unserer Mitte. Er ist demütig, wie ein Lamm, zu uns gekommen, aber ich sage euch: Er ist der grosse König. Er ist der Löwe! Er wird ein Reich aufrichten, das kein Ende hat. Er ist es, dem ich den Weg bereiten sollte. Er ist es, der heute da war!» Johannes hielt inne, als wollte er in jenen Zustand der Abwesenheit zurückfallen, in dem er stundenlang gewesen war. Andreas drang auf ihn ein, fortzufahren und ihnen noch mehr zu der Stimme zu sagen, die sie gehört hatten. «Das war die Stimme des Vaters. Aber viele von euch werden in Zukunft noch viel herrlichere Dinge erleben. Der, von dem die Engel sprachen, ist nun dabei, seinen Platz unter uns einzunehmen. Meine Zeit ist zu Ende, aber seine Zeit beginnt gerade erst. Ich gehe erfüllt und in Frieden, weil ich ihn gesehen habe. Ich habe gesehen, wie sich die Himmel geöffnet haben und wie der Heilige Geist herabkam … und er blieb auf ihm. Er ist es, der euch mit dem Heiligen Geist und mit
Feuer taufen wird!» Dann erhob sich der Täufer und ging allein davon. Die Jünger wussten, dass er sich zum Gebet zurückzog und vor morgen nicht mehr ansprechbar war. Sie schauten ihm nach, bis er ausser Sicht war. Dann begannen sie, untereinander zu reden. «Was hat das alles zu bedeuten?», fragte einer der Jünger und schaute Andreas fragend an. «Johannes hat immer gesagt, dass er nur der Wegbereiter für jemand anders ist», erwiderte Andreas. «Er hat gesagt, dass der, den er erwartet, viel grösser ist als er. Ich dachte immer, dass er den Messias meint – aber den Sohn Gottes! Gott als Mensch mitten unter uns! Andererseits haben wir die Stimme ja alle gehört, und es war nirgends jemand zu sehen, der so hätte sprechen können. Es ist wirklich schwer, sich einen Reim darauf zu machen. Vielleicht sagt er uns ja morgen ein wenig mehr dazu.» «Aber was soll das heissen, dass die Zeit für Johannes abgelaufen ist?», fragte ein anderer Jünger, ohne auch nur den Versuch zu machen, seine Gefühle zu verbergen. «Wir haben so viel zusammen durchgemacht. Wir sind mit ihm durch dick und dünn gegangen. Es gibt kaum jemand von Rang und Namen, den er nicht vor den Kopf gestossen hat, und jeder weiss, dass wir seine Jünger sind. Was wird aus uns, wenn er geht? Wo will er denn hin? Und wo sollen wir hingehen? Wir wissen, dass er ein Prophet ist, der von Gott gesandt ist. Wir können doch nicht einfach etwas aufgeben, für das wir so viel riskiert haben. Auch wenn wir den Zorn der Mächtigen auf uns gezogen haben, das ganze Volk hört auf uns.» Nun ergriff Johannes, der Sohn des Zebedäus, das Wort. Beherrscht und doch mit einer tiefen Leidenschaft sprach er: «Habt ihr denn nicht gehört, was der Täufer gesagt hat? Er sagte, dass der Sohn Gottes heute hier bei uns war! Und wir alle haben die Stimme gehört. Das muss Gott gewesen sein – dort, wo die Stimme herkam, war sonst niemand zu sehen. Wir haben grossartige Dinge mit dem Täufer erlebt. Er hat uns im Herzen völlig umgekrempelt, aber er hat uns zugleich auch Hoffnung gegeben. Das ganze Land ist aufgewacht, weil Gott wieder zu seinem Volk spricht. Wir haben das Privileg gehabt, dem Täufer so nahe sein zu können. Aber es
scheint, dass jetzt etwas kommt, was noch weitaus wunderbarer ist. Lasst uns doch nicht zurückschauen, sondern nach vorne! Der Täufer hat gesagt, dass heute der Sohn Gottes unter uns war. Ich persönlich werde mich morgen auf die Suche nach ihm machen.» Auf den Gesichtern der anderen war Skepsis zu lesen, aber Johannes fuhr unbeirrt fort: «Ich habe den Täufer von Herzen lieb. Ich liebe ihn wie meinen eigenen Vater. In vieler Hinsicht ist er ja tatsächlich ein Vater für uns. Ich bin so dankbar, dass wir einen echten Propheten Gottes aus nächster Nähe miterleben durften. Nur, wenn dies der Sohn Gottes ist, dann muss er auch der Messias sein. Und wenn er es ist, dann müssen wir von nun an ihm nachfolgen. Der Täufer hat selbst gesagt, dass seine Zeit vobei ist, aber dass die Zeit dieses Mannes, der Gottes Sohn ist, gerade erst beginnt.» Ausser Andreas konnte sich sonst keiner der Jünger vorstellen, den Täufer zu verlassen.