Andreas Keller Ich bin Joseph! Lebt mein Vater noch? Zum Miteinander der Generationen
VAKAT
Andreas Keller
Ich bin Joseph! Lebt mein Vater noch? Zum Miteinander der Generationen
Schleife Verlag, CH-Winterthur
© 2006 Andreas Keller 1. Auflage November 2006 © Schleife Verlag AG, Pflanzschulstrasse 17 Postfach 85, CH-8411 Winterthur, Schweiz Tel. +41 (0)52 232 24 24, Fax +41 (0)52 233 60 82 verlag@schleife.ch, www.schleife.ch ISBN 3-907827-51-1 Vertriebspartner Deutschland und Österreich: Gerth Medien D-Asslar Schweiz: Gerth Medien AG, CH-Rothrist Die Bibelzitate sind, soweit nicht anders angegeben, der Zürcher Bibel (1955) entnommen. Lektorat: Michael Herwig, Judith Petri, Ulrike Propach Umschlaggestaltung: Corporate Communications & Design, GB-Colchester Satz und Druck: Schönbach-Druck, D-Erzhausen Alle Rechte vorbehalten, auch für auszugsweise Wiedergabe und Fotokopie
Widmung Für meinen Vater und für alle Väter, an dessen „Hüften“ ich wie Joseph meine Hände legen durfte; für alle Söhne und Töchter, die sich nach echter Vater- und Mutterschaft sehnen. Auf dass wir zusammen die Verheissung ererben werden!
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Inhaltsverzeichnis Vorwort von Geri Keller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 000 Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 000 Prolog – Stromschläge im Empfangsraum . . . . . . . . . . 000 Kapitel 1 – Familienwunden – Ein Telefonat mit Konsequenzen . . . . . . . . . . – Hinkende Väter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Vom Ende eines guten Pfarrers . . . . . . . . . . . – Von Umwegen und Abstechern . . . . . . . . . . . – Autorität aus Wunden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Vaters Sunnyboy . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Den Kopf gewaschen – das Gold belassen – Verborgene Absichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Ein Unfall mit Folgen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 2 – Ablösung und Bewährung – Ablösung der Söhne und Töchter . . . . . . . . . 000 – Vater Potiphar . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 000 – Alles, nur nicht die Freiheit . . . . . . . . . . . . . . . 000 – Orte der Bewährung – Orte des Wachstums 000 – Wenn das Mass voll ist . . . . . . . . . . . . . . . . . . 000 – Schwanenflüge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 000 Kapitel 3 – Im fremden Lande gross geworden – Vater Pharao . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Im Dienst der Welt – im Dienst für Gott . . . – Wenn die Vergangenheit dich einholt . . . . . – Alte Fäden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Frei von Schmerz und Anklage . . . . . . . . . . .
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Kapitel 4 – Versöhnung und Wiederherstellung – Familiendrama um Benjamin . . . . . . . . . . . . . – Der Silberbecher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Gott sein Leben anvertrauen . . . . . . . . . . . . . – Die Botschaft der Tränen . . . . . . . . . . . . . . . . . – Die Botschaft des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . – Der Plan zur Errettung . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 5 – Gemeinsam in Ägypten dienen – Sehnsucht nach Vater Jakob . . . . . . . . . . . . . . – Der Wunsch des Pharao . . . . . . . . . . . . . . . . . – Der Mut eines Vaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Im Vorhof der Versöhnung . . . . . . . . . . . . . . . – Die Ängste des Joseph . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Der Jakob-Segen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Gemeinsam im Lande wohnen . . . . . . . . . . .
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Kapitel 6 – Wie Väter ihre höchste Bestimmung erreichen – Die Auferstandenen in Jerusalem . . . . . . . . . – Der Schritt in die richtige Richtung . . . . . . . . – Wenn Söhne an die Wunden der Väter greifen – Das Geheimnis erfassen . . . . . . . . . . . . . . . . . – Bring mich ins Land der Verheissung . . . . . – Orte der Auferstehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . – Am Grab der Väter und Mütter . . . . . . . . . . . – Der Stromschlag vom Himmel . . . . . . . . . . . .
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Epilog – Wenn das Kreuz dich findet . . . . . . . . . . . . . 000 Anhang – Auszüge aus der Josephgeschichte . . . . . . . 000
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Vorwort Wie oft schon hörte ich den gut gemeinten Satz: Du kannst stolz sein auf deinen Sohn. Und wieder klingt dieser Satz in meinen Ohren, wenn ich das Vorwort zu seinem ersten Buch schreibe. Doch das Wort «Stolz» trifft nicht wirklich, was ich in meinem Herzen empfinde. Es ist vielmehr das, was die Bibel mit Wohlgefallen, einer inneren Freude, beschreibt. Zu sehen, wie Söhne oder Töchter die innere Welt ihrer Väter oder Mütter in sich aufgenommen, verstanden und es zu ihrem eigenen Erbe gemacht haben, das ist Freude. Es war da mal ein Wort, dort eine Geschichte, vielleicht ein Lied, ein gemeinsames Erlebnis, oft unbewusst hineingesät in ein Kinderherz, und am Ende stehst du als Vater vor einem Bild, in dem du dich selbst wiedererkennst. Das ist Freude! Und es ist noch mehr Freude, zu realisieren, dass ja ein Sohn auf den Schultern seines Vaters steht und darum in manchen Dingen weiter und tiefer sieht, als der Vater sehen kann. Das vor allem ist es, was mich an diesem Buch
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bewegt. Geschickt werden hier persönliche Erfahrungen und die Vätergeschichte von Joseph zu starken prophetischen Bildern ineinander verwoben. Die Auslegung der alttestamentlichen Geschichte selbst lotet Tiefen aus, die mir bis jetzt verschlossen waren. Da ist einmal das Miteinander der Generationen. Teilaspekte, wie die notwendige Versöhnung, die Suche nach Identität oder der sogenannte Generationen-Transfer, werden hier in ihren grossen heilsgeschichtlichen Zusammenhang gestellt. Was sich hinter dem Begriff «Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs» verbirgt, reicht letztlich hinein in das tiefste aller Geheimnisse: die Dreieinigkeit Gottes. Das Buch ist voll von überraschenden Einsichten und gewachsener Weisheit. Man ist erinnert an das Wort Jesu gegenüber seinen kritischen Zeitgenossen: «Und die Weisheit ist von allen ihren Kindern gerechtfertigt worden.» (Lukas 7,35) Doch mehr noch als alle Reife des Erkennens berührt mich der Sound des Herzens, der sich von der ersten bis zur letzten Seite durchzieht. Es ist der Sound einer Sohnschaft, wie sie nur vom Geist gezeugt werden kann, und die deshalb wie heilendes Öl hineinfliesst in die Generationen. In Anbetung stehe ich vor den Wegen, die ein erbarmender Gott uns führt. Anlässlich eines Familiengottesdienstes an einem Schweizer See taufte ich ein Kindlein im
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knietiefen Wasser. Aus irgendwelchen «liturgischen» Hemmungen stieg ich mit meinen Socken ins Nass, um dann die entsetzte Stimme des vierjährigen Andreas hinter mir zu hören: «Vater, spinnst du! Mit den Socken ins Wasser!» Und heute greift derselbe Sohn in einer solchen Behutsamkeit und Liebe nach meinen Hüften und Wunden, stellvertretend für meine Generation, die diesen Trost und diese Ermutigung so dringend braucht. Über Jahrzehnte habe ich all meine Predigten mit dem paulinischen Satz begonnen: «Wir predigen Christus, den Gekreuzigten.» Wie ein Echo darauf nimmt sich der innige Epilog dieses Buches aus mit der Überschrift «Wenn das Kreuz dich findet». Im Kreuz allein kommen die Generationen zusammen; durch das Kreuz geschieht Versöhnung und Heilung und werden göttliche Zuordnungen geschaffen. Mein Segenswunsch ist es, dass über diesem Buch das Kreuz hell und unvergesslich aufstrahle! Geri Keller
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Einführung Ich schreibe dieses Buch aus persönlicher Betroffenheit. Ich bin ein Sohn bekannter Eltern, der über die Jahre seinen eigenen Weg zu gehen versuchte. In den Herzen der meisten jungen Menschen besteht der Hang, sich vom Elternhaus unabhängig zu machen. Müssen wir doch alle unsere Eltern verlassen, um unsere eigene Identität zu finden. Gleichzeitig stelle ich fest, dass in unzähligen Müttern und Vätern eine grosse Sehnsucht schlummert, ihre Kinder trotz allem Loslassen und dem Zugeständnis ihrer eigenen Wege nahe an ihrem Herzen zu haben – ja, vielleicht nochmals ein Stück Weg zusammen mit der jungen Generation zu gehen. Wenn das scheinbar Unmögliche möglich wird, ist das für viele Eltern ein Geschenk des Himmels. Oft habe ich mich gefragt, warum verletzte junge Soldaten mitten im Gefecht nach ihren Müttern schreien. Immer mehr begegnen mir solche angeschossenen jungen Menschen, aber auch reife, selbstständige Män-
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ner und Frauen, die ihrerseits wieder nach Eltern suchen, die sie in den Kämpfen ihres Lebens ein Stück weit begleiten. Diese Dynamik hat ihren Grund. Der letzte Satz im Alten Testament beschreibt eine grossartige Vision. Es kommt eine Zeit, sagt der Prophet, wo Gott selber das Herz der Väter zu den Söhnen und das Herz der Söhne zu den Vätern wenden wird, damit das Land nicht mit einem Fluch belegt werden muss (Maleachi 4,6). Ich bin kein Freund von seelischen Hochzeiten und auch nicht von Zweckehen. Umso dankbarer bin ich, dass nach dem obigen Bibelwort Gott selber die Schalter an den Herzen der Generationen umlegt, um seinen Herzenswunsch Wirklichkeit werden zu lassen. Als ich nach über acht Jahren des Aufenthalts im Ausland zusammen mit meiner Frau wieder in die Schweiz kam, um den Dienst meiner Eltern zu unterstützen, schrieb mir mein Vater auf meinem darauf folgenden Geburtstag folgende Zeilen: «Für mich ist es ein Gnadengeschenk, dass wir zeichenhaft die Verheissung von Maleachi über die Versöhnung der Generationen leben können.» Dies kann ich auch mit meinem Leben bezeugen. Obwohl ich das weder geplant noch gesucht habe, hat Gott schon in früher Kindheit begonnen, mit meinem
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Leben eine Story zu schreiben, die erzählt, wie es aussehen könnte, wenn Generationen anfangen ihre Herzen füreinander zu öffnen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. In diesem Miteinander liegt eine enorme Kraft und ein Segen, der schon viele Flüche der Spaltung und Isolation gebrochen und manchen Menschen zum Segen geworden ist. Die erste bewusste Entscheidung meinerseits, an der Seite meines Vaters zu stehen, kam in einem Gottesdienst in der lutherischen Lukaskirche in Frankfurt am Main, in der mein Vater eine Pfarrstelle innehatte. Ich war damals gerade mal sechs oder sieben Jahre alt. Aus irgendeinem Grund unterbrach Vater den geordneten Gottesdienstablauf, schaute zu uns Kindern auf der Sonntagsschulbank hinüber und sagte: «Wer von euch möchte an den Altar kommen, um dort mit mir zu beten?» Peinliches, unbehagliches Schweigen. Ich merkte plötzlich, wie meine Hand langsam nach oben ging. «Also, dann komm!» Vaters warme Augen ruhten auf mir. Ich stand auf, und zusammen schritten wir den langen Chor hinab auf den Altar zu, der vor einem zehn Meter hohen Kreuz stand. Meine Augen reichten gerade mal knapp bis zur oberen Kante des Altars, und ich musste meine Arme strecken, damit ich meine gefalteten Hände auf den
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weissen Tischtüchern platzieren konnte. An das Gebet von Vater kann ich mich nicht erinnern – doch ich weiss, dass in diesem Augenblick ein Samen in mein Herz fiel, der zeitlebens nie mehr aus meinem Leben gewichen ist und durch Gottes Gnade zu einem eigenständigen Baum herangewachsen ist. Darum ist in mir der Wunsch gewachsen, Teile meines Weges sowie die dazugehörigen Prozesse all jenen zu vermitteln, die ebenfalls das Verlangen haben, diesem wunderbaren Geheimnis der Zuwendung der Herzen tiefer nachzuspüren. Aus der Vater-Sohn-Biografie des Patriarchen Jakob und seines Sohnes Joseph, (darum die altertümliche Schreibweise des Namens), zu lesen in 1. Mose 32-50, werde ich skizzenhaft Stationen aus ihrem Leben beschreiben, in denen sich viele von uns, egal ob Alt oder Jung, Mutter oder Vater, Tochter oder Sohn, wieder finden werden. Für alle diejenigen Leserinnen und Leser, denen die Geschichte nicht (mehr) geläufig ist, sei es freigestellt, Auszüge davon im Anhang nachzulesen. Eingewoben im Buch sind Teile meiner eigenen Geschichte über die Macht der Vergebung, das Finden des Vaterherzens, die Prinzipien des Generationstransfers und den Segen des gemeinsamen Dienens – Dinge, die alle aus dem gemeinschaftlichen Gehen mit
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meinen Eltern und anderen geistlichen Vätern in meinem Leben gewachsen sind. Wenn die Bibel über Väter schreibt, bezieht sie sich nicht auf ein spezifisches Alter, sondern auf gewisse durchlaufene Prozesse in ihrem Leben. Rein biologisch gesehen sind Väter in der Bibel oftmals Begründer von Volksgruppen und Stämmen, in dem Sinne also eher Grossväter und Urgrossväter. Deren Söhne sind wiederum Väter ganzer Sippen und Familien. Im vorliegenden Buch benutze ich das Wort Vater zum einen in Bezug auf meinen leiblichen Vater sowie zum anderen auf den Stand eines Mannes, der sich gewissen Verläufen der Multiplikation und dem Zerbrechen der eigenen Kraft hingegeben hat. Als Söhne bezeichne ich Menschen, die sich, obwohl sie teils schon Väter von leiblichen und geistlichen Kindern sind, in einem heranwachsenden Reifestadium befinden und bewusst ihr Leben für Weisung und den Input eines Vaters oder einer Mutter im Glauben zugänglich gemacht haben. Selbstverständlich gilt das Gleiche für Mütter und Töchter, und wenn möglich habe ich die Begriffe parallel eingesetzt. Doch letztendlich ist das höchste Ziel nicht, ob und wie wir als Generationen zusammen wirken können, sondern ob ein jeder und eine jede den Zugang
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zum Herzen des himmlischen Vaters gefunden hat und darin zur Ruhe gekommen ist. «Meine Brust ist überall zu finden», meine ich erst kürzlich von Gott gehört zu haben. Nun denn, lasst sie uns in den Seiten dieses Buches suchen. Andreas Keller Winterthur, im Herbst 2006
Prolog Stromschläge im Empfangsraum Voller Elan stieg ich die Treppen hoch, stiess die Eingangstür zur Schleife auf und steuerte zielstrebig auf den Bürotrakt zu. Aus meinen Augenwinkeln sah ich eine Gestalt. Leicht vornübergebeugt stand sie da, wartend, mit dem Rücken zur Wand und die Hände über einem Stab gefaltet. Weisse Haare, langer Bart, penetrante, klare Augen, eine zerbrochene Person, aber nicht gebrechlich – sofort wusste ich: Das ist Jakob (der 3. Patriarch im Alten Testament)! Etwas hielt mich davon zurück, die Klinke zur Tür ins «Reich der Arbeit» in die Hand zu nehmen. Stattdessen vernahm ich eine klare Stimme: «Geh zurück und lege ihm die Hände auf!» Ich sollte was? Zögernd machte ich auf dem Absatz kehrt und setzte mich Richtung Jakob in Bewegung. Ich war nicht mehr alleine; plötzlich war ich von jungen Menschen umgeben, die denselben Ruf vernommen hatten. Da stand ich nun vor ihm. Ich blickte in Augen,
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in denen sich die tiefsten Brunnen der Welt zu verlieren schienen. Und doch lag ein Hauch von Traurigkeit in ihnen. Traurig worüber? – durchzog mich ein flüchtiger Gedanke. Meine Hände fanden den Weg an seine Hüften, berührten sie. Plötzlich, völlig unerwartet, durchfuhr mich eine Kraft vom Himmel wie ein Stromschlag. Jede Zelle meines Körpers schien zu explodieren, alles war von dieser Kraft durchdrungen. Meine Stimme erhob sich zu einem lauten, lang anhaltenden Schrei, wie ich mich selber noch nie hatte schreien hören. Oh, was nicht alles in diesem Schrei enthalten war … er schien endlos. Ich erwachte – es war ein Traum! –, und doch war alles so real, dass mein zitternder Körper im Bett noch immer wie an einer Steckdose hing – die durchdringenden blauen Augen des Jakob in meiner Gedankenwelt für immer eingegraben. Wem bin ich in diesem Traum wirklich begegnet? Und was hatte es mit dieser Kraft auf sich?
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Familienwunden Familienwunde
Ein Telefonat mit Konsequenzen «Vater, ich habe einen Traum gehabt.» Nachdem ich viel über dieses nächtliche Erlebnis nachgedacht hatte und immer noch einige Fragezeichen diesbezüglich im Kopf hatte, griff ich endlich zum Telefon, um meinen Vater über diesen Traum zu befragen. Unsere transatlantische Telefonbeziehung klappte gut – ich war schon im siebten Jahr im Ausland, hatte mein Studium abgeschlossen und eine leitende Stellung als Pastor, Lehrer und Konferenzmanager inne. Ich stand kurz vor der Verlobung mit meiner zukünftigen Frau aus den USA und unsere Zukunft schien mehr als rosig auszusehen.
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«Ich bin einem Jakob in der Schleife begegnet. Er schien da zu warten, und ich musste zu ihm gehen und ihm die Hände auflegen», erzählte ich meinem Vater. «Als ich ihn berührte und für ihn betete, da kam so eine Kraft, ich konnte es fast nicht mehr aushalten.» Am anderen Ende der Leitung blieb es für einen Moment still. Dann kam die ruhige Antwort durch den Hörer: «Dieser Jakob, dem du begegnet bist, bin ich!» Über den Rest des Gespräches ist mir kein einziges Wort in Erinnerung geblieben. Der eine Satz meines Vaters liess meine Gedanken nicht mehr los. Wenn dem so wäre, dachte ich, sind meine Tage hier gezählt und der Wille Gottes für die Zukunft ist klar. Sollte mein über Jahre andauernder «Schwanenflug» über die verschiedenen Länder, Kirchen und Strömungen im Reich Gottes hiermit endlich zum Sinkflug ansetzen?
Hinkende Väter In meinem Traum stützte sich Vater Jakob auf einen Stab. Er schien gebückt und hatte offensichtlich Gehbeschwerden. Die Bibel erzählt die Geschichte, wie Jakob von einem spritzigen Macher zu einem hinkenden Vater wurde. Es war in jener Nacht an der Furt des Jabbok,
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als er sich mit dem Engel Gottes einen Ringkampf lieferte und ihm der Engel auf die Hüfte schlug und sie dabei ausrenkte (1. Mose 32,22-32). Hinkend, für immer gezeichnet und mit einem neuen Namen lief er im Licht der aufgehenden Sonne seinem Bruder Esau entgegen, den er Jahre zuvor mit eiskalter Hinterlist um sein Erstgeburtsrecht gebracht hatte. Hinkende Väter und Mütter haben etwas Faszinierendes an sich. Sie sind frei von Selbstmitleid und Anerkennungssucht, denn ihr Hinken wurde durch Gott und nicht durch Menschen verursacht. Es ist ein Hinken voller Würde, gezeugt durch ein Ringen mit ihrem Gott. Ohne Zuschauer. Ohne die Unterstützung oder gar den Beifall der Freunde. Hinkende Väter und Mütter nennen solche Begegnungen Pniel, übersetzt «Im Angesicht Gottes». Sie haben Gott geschaut und sind am Leben geblieben. Punkt. Die wenigsten sprechen darüber, was wirklich zwischen Gott und ihnen abgegangen ist; sie brauchen es auch nicht, denn der Ausdruck in ihren Augen und ihr Umgang mit den Nächsten sprechen für sich. Eine solch persönliche Gottesbegegnung ist in sich ein Schatz, auf dem die Gesellschaft nicht «herumkauen» darf. Wohl auch darum wurde von nun an der Muskelstrang über dem Hüftgelenk per Anordnung ge-