Leseprobe Paul Veraguth Sag mir, wo die Blumen sind Das Anliegen der Wiedertaufe
Schleife Verlag, CH-Winterthur
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Leseprobe © 2005 Paul Veraguth 1. Auflage Februar 2005 © Schleife Verlag, Pflanzschulstrasse 17, Postfach 85, CH-8411 Winterthur, Switzerland. Tel. +41 (0)52 2322424 Fax. +41 (0)52 2336082 Email: publications@schleife.ch www.schleife.ch ISBN 3-907827-44-9 Der Text des Buches folgt den Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung. Lektorat: Michael Herwig und Judith Petri Umschlaggestaltung und Foto: Pia Maurer Titelbild: Taufstein der ref. Kirche Zollikon ZH, der Geburtsstätte der ersten Täufergemeinde Satz und Druck: Schönbach-Druck GmbH, D-Erzhausen Alle Rechte vorbehalten, auch für auszugsweise Wiedergabe und Fotokopie.
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Leseprobe WIDMUNG FĂźr meine Kolleginnen und Kollegen
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Leseprobe INHALTSVERZEICHNIS Vorwort von Gen Keller 9 Einleitung 13 Kapitel 1 Der eigentliche Sinn der Taufe 19 Kapitel 2 Die Entstehung der Kindertaufe 31 Kapitel 3 Pontifex Maximus 43 Kapitel 4 Festplatte neu formatiert 47 Kapitel 5 Jesus ist der Täufer 59 Kapitel 6 Die Falle des Sakramentalismus 71 Kapitel 7 Der religiöse Geist 79 Kapitel 8 Wie gestaltet sich eine Wiedertaufe7 87 Kapitel 9 Wahrnehmung von aussen 97 Kapitel 10 Die Ökumene 99 Kapitel 11 Taufe und Nachfolge 103 Kapitel 12 Sag mir, wo die Blumen sind 109 Kapitel 13 Persönliche Erfahrungsberichte 113
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Leseprobe VORWORT Wir möchten mit diesem Buch einen Beitrag leisten zur innerkirchlichen Diskussion über die sogenannte Wiedertaufe. Die Akte darüber scheint zwar — zumindest auf der Ebene des Schweizerisch Evangelischen Kirchenbundes (SEK) — schon wieder geschlossen zu sein, bevor überhaupt ein wirkliches Gespräch in Gang kommen konnte; und es verstärkt sich der Eindruck, dass es bezüglich der Taufe offensichtlich gar kein Gespräch geben kann und darf. Alles ist in der Kirche und Theologie verhandelbar, selbst Gott; nur die Taufe in ihrem bisherigen Verständnis als absolut einmaliger unwiederholbarer Akt ist davon ausgenommen. Daran ändert auch die offizielle Feststellung nichts, dass unsere reale Taufpraxis mehrheitlich als „indiscriminate baptisme“, d. Ii. als ein theologisch eher diffuses Geschehen zu betrachten sei, welches sich phänomenologisch vom Taufverständnis des NT erheblich unterscheidet. Was eine offene Diskussion zusätzlich erschwert, sind die zwischenkirchlichen Absprachen und Rücksichtnahmen. Der Preis für die damit erreichte Kirchengemeinschaft oder zumindest kirchliche Allianz ist unter anderem die gegenseitige Verpflichtung auf ein gemeinsames Taufverständnis. Damit ist jegliche theologische Diskussion in dieser Sache von vornherein an eine ganz kurze Leine gelegt. Die über 1600 Jahre gewachsene Tradition der Kindertaufe, verbunden mit dem dogmatischen Apodiktum der Einmaligkeit der Taufe, bilden einen magischen Verteidigungswall, an dem selbst Theologen wie Karl Barth oder Systematiker mit mennonitischem Hintergrund auflaufen. Wird dann die Taufe noch als Zeichen der Einheit postuliert, obwohl Einheit einzig durch die Liebe konstituiert wird, dann sind wir einer Taufideologie gefährlich nahe gekommen. Anlässlich einer Begegnung zwischen Täufergruppen aus den USA und Pfarrerinnen und Pfarrern verschiedener ref. Landeskirchen der Schweiz kam es unsererseits zu einer tiefen Betroffenheit. Wie nie zuvor realisierten wir die existentielle theologische Dimension der Tauffrage im Zusammenhang mit der Nachfolge Christi. Seither hat sich eine Studiengruppe formiert, die an dieser Frage weiterarbeitet, und die zugleich bereit ist, konkrete Schritte zu wagen. Der Verfasser dieser Schrift, Paul Veraguth, hat in unserem Auftrag versucht, das Feld in einem ersten Entwurf abzustecken. Dabei soll es weder um das altbekannte Pingpong von Argumenten noch um selbstgefällige Unbotmässigkeit gegenüber Kirchenleitungen und Kirchenordnungen gehen. Hinter allem steht vielmehr die Liebe zur Kirche, aber auch die Überzeugung, dass ihr als reformierter Kirche immer noch die Fähigkeit zur „semper reformanda“ innewohnt — d. h. die Fähigkeit zu immer neuen reformatorischen Aufbrüchen. Die Tagung zum Thema „Die Reformation und die Täufer“ aus Anlass des BullingerJubiläums in Zürich ist ein nachhaltiges Beispiel dafür. Wenn Zwingli eine programmatische Schrift herausgab mit dem Titel „Der Hirt“, dann möchten wir in unseren Auftrag der hirtlichen Verantwortung auch jene Gemeindeglieder miteinschliessen, die ihr Christsein in Anlehnung an ein — im weitesten Sinn — täuferisches Gedankengut leben. Die Kirche hat den Schrei gleichgeschlechtlich Empfindender gehört; aber hört sie auch den Schrei jener Minderheit, die als wirksames Zeichen für ihr Leben mit Christus eine Taufe in den Tod und die Auferstehung Jesu brauchen!? Nicht als geistlichen Luxusartikel, sondern als einen Anker des Glaubens, als von einem gnädigen Gott angebotene Lebenshilfe. Realisieren wir, dass wir uns mit unserer dogmatischen Unbeugsamkeit zu Herren des Glaubens machen, wo wir doch Mitarbeiter der Freude sein sollten (2. Korinther 1,24)? Als die Starken im Glauben können wir nicht länger die zutiefst Taufbedürftigen am Wege sehen und an ihnen vorübergehen — in der Erwartung, © Schleife Verlag CH-Winterthur
Leseprobe dass sich ja die Freikirchler ihrer annehmen werden, falls sie sich mit ihrer Kindertaufe nicht zufrieden geben wollen. Noch verstehen wir uns als eine Volkskirche, das heisst als eine Kirche aller. Ist es da vermessen zu glauben, dass es nicht bei der oft unbewussten Arroganz der Landeskirche den Freikirchen gegenüber bleiben muss, aber auch nicht bei der ebenso oft unbewussten Überheblichkeit der Freikirchen der Landeskirche gegenüber? Könnte nicht da, wo dieser Urbruch zwischen Staats- und Freikirche geschehen ist, indem man beidseits das Tischtuch zerschnitt und einander aufs schlimmste verketzerte, ein kleines Bäumchen der Hoffnung und Versöhnung gepflanzt werden? Nicht um das Rad der Geschichte zurückzudrehen. Dazu ist es zu spät. Und in den Aufbrüchen der Jugend- und Hauskirchen wird längst ungefragt und fröhlich getauft. Aber es müsste doch — mit Gottes Hilfe und der Bereitschaft, das Leben füreinander hinzugeben — möglich sein, dass die Zwinglis, Bullingers, Grebels und Manzens unserer Tage einander ihre Freundschaft nicht mehr länger aufkündigen, sondern gemeinsam einen Weg suchen, wie sie unter dem Dach der grossen Kirche ihrem Hauptmann Jesus Christus nachfolgen können. Gewiss, das wäre nicht die grosse Reformation, von der manche träumen, aber doch ein sehr reales Stücklein Himmel auf Erden. Auch im Namen meiner Kolleginnen und Kollegen danke ich allen kirchlichen Verantwortungsträgerinnen und -trägern, die bereit sind, sich auf die in diesem Buch entfaltete Thematik einzulassen. Sie mag zwar nur wie ein Tropfen auf den heissen Stein erscheinen, und könnte doch — wie es in einem Liede heisst — der Anfang eines Regens sein. Geri Keller
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Leseprobe EINLEITUNG Ein Weltwunder Wieder einmal stehe ich mit den Konfirmanden vor dem prächtigen, schiefen Turm, den man schon von der Autobahn aus sehen kann, dem Turm von Pisa. Erbaut zwischen 1174 und 1350. Wie er da aus dem grünen Rasen ragt, umgeben von Marmorgebäuden, gestochen scharf sich vom hellblauen Aprilhimmel abhebend, umgibt ihn eine surreale Aura. „Nein“, muss ich meinen erlebnishungrigen Konfirmanden sagen, die mit Eistee-Petflaschen vor dem Jahrtausendwunder stehen, „nein, ihr dürft in diesem Jahr noch nicht hinauf. Der Turm ist gesperrt, bis die Gefahr vorbei ist. Noch immer droht er umzukippen. Erst nächstes Jahr wird es so weit sein, dass die Leute ihn wieder besteigen dürfen.“ Die Stahlseile, die den Turm halten, kann niemand übersehen. Würde er sich gern fallen lassen? Es sieht fast danach aus, wie er so in den Stahlseilen hängt. Ist er des endlosen Stroms von Amerikanern und Japanern müde, die ihn als Kulisse für ihre Feriengesichter gebrauchen? Wirklich, man gönnt ihm nicht einen einzigen Ruhetag. Vielleicht möchte er sich nach sechseinhalb Jahrhunderten zur Ruhe legen, auf dem ehemaligen Friedhofsgelände, auf dem er errichtet wurde. Doch nein, jetzt ist nicht Zeit für eine Beerdigung des Marmorriesen. Im Gegenteil: Nächstes Jahr werden die Kinder wieder wie ein Ameisenstrom über seine Wendeltreppe auf- und niederkrabbeln und den Grossmüttern von oben mit weissen Taschentüchern winken. Er wird seine Eigenständigkeit zurückerhalten haben und in neuem Glanz und frei von den peinlichen Stahlseilen dastehen. Wie schon während der Bauzeit, so haben auch jetzt, zu Anfang des dritten Jahrtausends, die Ingenieure Italiens das Kunstwerk zu erretten vermocht. Dieses Italien wird ihm nochmals zujubeln, dem einzigen so schiefen Turm der Welt, welcher der Schwerkraft trotzen kann. Was ein Friedhof alles vermag Zu seinen Füssen also ein alter Friedhof. Auf einem Prospekt habe ich gelesen, es sei kein gewöhnlicher Friedhof gewesen. Man habe dort schon vor der Errichtung des Turmes ein heiliges Gräberfeld gepflegt, beim nahe gelegenen Kloster und Baptisterium. Die besondere Heiligkeit habe daher gerührt, dass die Menschen hier viel seliger ruhen konnten, die Gebeine schon nahezu im Paradies. Denn die Erde hatte man aus dem damaligen Palästina herbeigeschafft, das heisst herbeigeschifft, und hier angehäuft. So viel waren den Pisanern die Toten wert. So tatkräftig war auch ihr Glaube an die Energie, die dieser Erde entströmte. Derselben tröstlichen Erde, auf die Jesus einst seine Füsse gesetzt hatte. Für die Gläubigen war die Einbettung der Verstorbenen in die Erde des Heiligen Landes etwas Stabilisierendes. Aber nicht so für die Tonnen von Marmor, die seit dem Jahr 1174 sorgfältig zu einem Glockenturm zusammengefügt wurden. Die heilige Erde hatte sich noch nicht richtig gesetzt und begann nachzugeben. Schon während der Bauzeit geschah das Eigentümliche: Das himmelwärts strebende, wunderbar geometrische Bauwerk schwenkte aus seiner Achse, neigte sich leicht zur Seite und spielte damit den auserlesensten Architekten und Ästheten seiner Zeit einen üblen Streich. Den Bauingenieuren gelang es, einen vorzeitigen Sturz aufzuhalten: Sie bauten im Fortgang ihrer Arbeit dem Glockenturm eine Krümmung ein. So wurde der Turm zuerst schief, dann krumm — zuletzt aber nochmals viel schiefer, denn die Jahrhunderte brachten ihn immer bedenklicher in © Schleife Verlag CH-Winterthur
Leseprobe Schräglage. Er geriet dermassen aus dem Gleichgewicht, dass er am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts für Besucher gesperrt werden musste. Er kam an die Leine, und unglaubliche Tonnagen von Betonklötzen wurden als Gegengewicht so zu seinen Füssen aufgeschichtet, dass sie ihn wieder um einige Dezimeter aufrichteten. Jetzt kann er niemandem mehr etwas anhaben. Aus einer Panne wurde schliesslich die Attraktion einer Halbinsel. Dennoch haben Bauingenieure vom Weltwunder zu Pisa auch etwas gelernt. Auf eingeschifftem Friedhofsboden wird nie mehr ein Glockenturm erbaut werden. Denn, so denkt der nüchterne Betrachter: Religiöse Bodenaufschüttungen sind keine Fundamente, wenn es zu grossen Belastungen kommt. Da würde einer doch lieber auf italienischen Fels bauen wollen als auf Import-Erde aus dem Heiligen Land. Nicht wahr? Nur eben: Als Jesus das Gleichnis vom Felsgrund ans Ende der Bergpredigt setzte, dachte er nicht so sehr an Pisa und die Probleme, welche die Leute dieser Stadt auf Jahrhunderte hin haben würden. Er dachte ans Leben überhaupt, mitsamt seiner geistlichen und geistigen Dimension. Er erinnerte die Menschen an das, was im Alten Testament schon „das Gesetz und die Propheten“ gesagt hatten: Ein religiöser Untergrund genügt nicht, denn religiös waren auch die Leute gewesen, welche die Propheten verfolgt und getötet hatten. Religion, dieser Mix aus Macht, Mammon, Moral und Heilssehnsucht, kann keinen Turm tragen, dessen Glocken den reinen Schall der Auferstehung in einen weiten Umkreis tragen sollen. Sie hält auch kein Haus zusammen, das von Unwettern aus dem Himmel oder aus der Hölle umstürmt ist. Sie trägt nicht einmal das Leben eines einzigen Menschen, wenn es um die Gerechtigkeit geht, die vor Gott gilt. Jesus meinte zuallererst diesen einzigen und einzelnen Menschen. Er meinte genau dich und mich, als er seine Bergpredigt mit dem Bild vom unterschiedlichen Baugrund schloss.
Von Türmen und Taufen Er meinte dich und mich, meinte aber auch die Gemeinde als Ganzes, die Kirche (,‚die dem Herrn Gehörende“, im Urtext des Neuen Testaments „Kyriake“). Er meinte die Fundamente sowohl des Lebens wie auch der Lehre; die Letztere sollte bekanntlich dem Leben dienen und helfen. Er wusste in seinem Geist schon damals, dass die Christenheit nicht nur in Pisa schiefe Türme bauen würde. In ihren Bekenntnissen und Verfassungen, in ihren Grundlegungen und Zielsetzungen würden im Verlauf der Zeit schiefe Türme entstehen, fortlaufend nachkorrigiert und doch als permanente Zitterpartien existierend. Er wusste, dass die Religiosität eine Erde sein würde, die auch auf den stärksten und zugleich intimsten Boden aufgeschüttet würde: auf den Felsen der Taufe. Angeschleppt per Schiff aus heiligen Gefilden, mühsam auf dem Landweg zum Bestimmungsort gefuhrwerkt, für die Illusion eines seligen Endes ausgebreitet und zugerichtet, hat die Religiosität aus der Taufe einen Pisanischen Friedhof gemacht, dessen Turm wie ein Finger am Himmelszentrum vorbei- zeigt. Für Menschen, die sich in Kirchengeschichte ein bisschen eingelesen haben, ist es kein Geheimnis mehr, dass die allgemeine Taufe, der eigentliche Taufzwang für jedermann (,jedeskind“), zu einem Instrument der Macht mutierte oder gemacht wurde. In der einen Waagschale lagen die Interessen der grosskirchlichen Gebilde, in der andern die seelisch-geistlichen Bedürfnisse der zahllosen Mitglieder. Denn bekanntlich sehnen sich alle Menschen nach dem Seelenheil und nach einem Rechtsein vor Gott. Dieses bekamen sie stets zugesprochen, jedoch zum Preis der © Schleife Verlag CH-Winterthur
Leseprobe Kirchenmitgliedschaft durch Taufe und Kirchensteuer. Es war ein ausgeklügeltes Spiel der Kräfte und Bedürfnisse. Es überlebte sogar die Reformation, die Grundlagenerneuerung der Kirche. Das Spiel ging weiter. Man erfand auch noch ein paar neue Regeln. Die Kräfte waren und blieben der Selbsterhaltungstrieb der Grosskirchen auf der einen Seite, und anderseits die Sehnsucht nach Heil und Geborgenheit, die im einzelnen Menschen und in ganzen Völkern schlummert, erwacht, wirkt und zuweilen rumort. Gerade haben wir von den Konfirmanden gesprochen. Die Konfirmation war nun ein solcher Versuch, dem Turm etwas in die Senkrechte zu verhelfen. Die Generation der Reformatoren wusste, dass in der Taufpraxis der freie Wille des Täuflings umgangen wurde. Für Jesus war eine Nachfolge und damit ein Glaubensieben ohne diese Freiwilligkeit ein deutlicher Unsinn. Also schufen wir die Konfirmation, das lateinische Wort für die persönliche „Bestätigung“ der Taufe. Trotzdem verzichten verantwortungsvolle Geistliche darauf, von Sechzehnjährigen vor versammelter Gemeinde ein Bekenntnis abzuverlangen. Wer möchte sie schon zum Heucheln zwingen? Wir begnügen uns lieber mit Brosamen von Bekenntnis und christlichem Zeugnis und hüten uns davor, die schon Getauften in ein Bekennerkorsett zu zwängen. Nur wenn einzelne Konfirmanden es persönlich zum Anliegen haben, diesem Tag durch ein Bekenntnis eine Tiefendimension zu verleihen, kommt etwas von dem hinein, wonach sich die Urheber und Veranstalter dieser Feier sehnen: Echtheit, Authentizität, Profil, Freiheit. Und jedes Jahr erleben wir, wie viele oder die meisten Konfirmierten ausfliegen. Wenn einige bleiben, dann war es Gnade. Eher war es Gnade als unsere Liturgie. Vielleicht war es auch eine junge Kirche ohne den alten Stallgeruch kirchlicher Vereinnahmung. Ohne geistlichen Missbrauch.
P.I. S .A Die Institutionen von Kindertaufe und Konfirmation haben aus sich heraus den Ruf nach Häusern auf Felsengrund und Nachfolgern im Lande nicht zu verstärken vermocht. Sind diese beiden Institutionen einmal zum allgemeinen Fahrwasser geworden, dem man energielos folgt und ihm dabei fast magische Wirkung zutraut, so bringt man sich selber um eine rassige Segelfahrt im freien Wind. Darum, wenn ich mir vor Augen halte, mit wie wenig des Heiligen Geistes wir uns in der Landeskirche zufrieden geben, komme ich nochmals zu unserem schönen Ausflugsziel des Konfirmationslagers zurück: Pisa. Und instinktiv ziehe ich den Vergleich: Auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe, werde ich das ehrwürdige Bauwerk unserer Kirchenpraxis nicht in die Senkrechte bringen. Ich sinniere und drehe das Wort Pisa immer wieder herum — da fällt mir plötzlich ein Akronym aus dem Hirn: P.I.S.A: Kann das nicht auch abgekürzt heissen: „Pädobaptismus imprägniert seine Ausersehenen“?
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Leseprobe KAPITEL 1 Der eigentliche Sinn der Taufe Die gemeinsame Mitte aller Tauftheologien Die Taufe ist das äussere Zeichen der Aneignung von Jesus Christus. Dabei ist die primäre Frage nicht, was die Kirchen samt ihren Handlungen und Wandlungen aus dem Taufwasser alles gemacht haben. Das ist bücherfüllend und mag ein Expertenherz erfreuen. Denn um es in einem Bild zu sagen: Der Kuchenteig wurde nach allen Seiten hin so weit aus- gewallt, dass er dünn und fast durchsichtig wurde und am Rande auszukrümeln begann. Dabei hatte doch er selber, Jesus, gesagt, Gottes Reich sei wie Teigkneten — von Auswallen hatte er nichts gesagt. Trotz der unüberschaubaren Teigfläche muss es auch heute möglich sein, die wesentlichen Tauf-Aussagen im Neuen Testament so nebeneinander zu sehen, dass ihr gemeinsamer Schnittpunkt erscheint: Karfreitag und Ostern. Meine Argumentation verläuft freihändig: Ungebunden von solcher Bibelkritik, die den Vorhang im Tempel nochmals zerreissen möchte, um in ein noch anderes Heiligtum vorzustossen als das, welches der Mann aus Nazareth für alle zugänglich gemacht hat. Für alle heisst hier: Für irgendjemanden, studiert oder unstudiert, vorbelastet von religiösen Prägungen oder unbelastet. Es gibt keinen weiteren Vorhang zu zerreissen. Wir können Jesus und seinen Tod nicht anders verstehen als so, wie er sich selbst uns zu verstehen gab. „Der Menschensohn ist gekommen, um selbst zu dienen und mit seinem Leben dafür zu bezahlen, dass viele Menschen aus der Gewalt des Bösen befreit werden“ (Mt. 20,28). Jesus lässt nicht Spielraum für ein beliebiges Verständnis dieser himmlischen Task Force. Denn es gibt keine Weisheit jenseits der Weisheit, die unser Sterben uns lehrt (Ps. 90,12). Es gibt kein Wort über den letzten Worten Jesu am Kreuz und den ersten des auferstandenen Herrn am Ostermorgen. Und spricht schon das Blut Abels bis heute, so spricht das Blut Jesu noch lauter und ist unser einziger Trost im Leben und Sterben. Sein Blut ist die Mitte aller Tauftheologien; es hat den Vorhang im Tempel zerreissen lassen, den letzten Vorhang der Weltenbühne. Dahinter sind nur noch die offenen Arme des Vatergottes. Ausserhalb der Mode „Freihändig“ meint aus Betroffenheit von einigen Facts, welche allen Gedankenmoden standhalten können. Solche Moden gab es so viele, wie es auch schon Jahrhunderte gab. Denn das Denken ist der Mode unterworfen wie die meisten anderen Tätigkeiten auch. Kopfmässig denken, bauchmässig denken, sozial denken, in Metaebenen denken, kritisch denken, in Traditionen denken, lieber fernsehen als denken etc. Diese Facts, welche mich betroffen machen und meine eigenen Denkgepflogenheiten relativieren und überragen, sind die altbekannten, die altgepredigten, die altgefeierten: Wie schon oben gesagt, ist es der Tod des Mannes, der sich durch seine Worte und Taten als der Heilige Gottes, als Gott in Menschengestalt ausgewiesen hat. Ein Tod, für den aus allen Todesmetaphern keine bessere zu finden gewesen ist als die Abschlachtung eines unschuldigen Lammes. Eines Opfertieres, das für das, was an ihm geschieht, nun wirklich auch im Entferntesten nichts kann. Es kann nichts dafür und hat nichts damit zu tun, ausser eben die Rolle innezuhaben, ausgerechnet das Lamm zu sein, das für andere und anderes dasteht. Dazustehen hat. Steht und stirbt. Ich war dabei, als der Praktikant unseres Tierarztes — dies scheint ein wenig weit hergeholt — mit einer grossen Zange kam, um unseren Schafbock, ein 60-Kilo-Tier, zu kastrieren, und das alles © Schleife Verlag CH-Winterthur
Leseprobe ohne Betäubung. Über den Vorgang und die Sache selbst habe ich hier nichts zu berichten, aber was mich unglaublich bewegte, war das völlige Verstummen des Tieres. Im Schmerz verstummt das Schaf. Jesus verstummte, vor dem Rat, vor Pilatus; in den Gassen Jerusalems machte er „kein Geschrei“, wie ein altes Wort sagt. Er wurde widerstandslos gekreuzigt, nackt ausgezogen, zur Schau gestellt, zum Übel schlechthin erklärt und nach vorangegangener schrecklicher Folter durch Ersticken zu Tode gequält. Und dies alles abgestützt auf einen Schein- und Schauprozess, dessen Willkür, dessen Hin und Her an Karfreitagen in Kirchen vorgelesen wird. Das einzige rehabilitierende Wort kam posthum, also nach seinem letzten Wort und nach dem Lanzenstich ins Herz. Von einem Römer. Vom Leiter des Exekutionskommandos. Der Hauptmann stellte am Sterben dieses Menschen fest, dass er Gottes Sohn war. Das ist unglaublich: Allein das Sterben genügte, um die Identität des INRI zu klären; den übrigen Film hatte der Römer nicht gesehen. Kein zweiter Vorhang Ich kenne Leute, die sich von dieser Geschichte abwenden und sagen, eine so blutrünstige Religion eines so blutrünstigen Gottes müsse unbedingt retuschiert werden. Sonst sei sie nicht salonfähig. Also Blut, das müsste ja nun wirklich nicht fliessen, damit Menschen ein anständiges Leben führen und einen netten Gottesdienst feiern könnten. Doch noch im Mittelalter, von dem man sagt, es sei böse gewesen, wussten sie es besser und umfassender. Da dachten selbst die grössten Ästheten in diesem Punkt noch anders. Diejenigen, die ja wissen müssten, was schön und aufbauend ist, wie ein Dürer oder ein Grünewald. Und etwas später ein Rembrandt. Sie brachten ihr künstlerisches Schaffen in den Darstellungen der Kreuzigung zur Vollendung. Der Vorhang war zerrissen, es gab nur noch das nackte Leiden Christi. Sie malten dieses monströse Werk, das die Menschheit in ihrem religiös-politischen Eifer abschliessend zustande gebracht hatte. Im seltsamen Schulterschluss von Juden (Kaiphas), Halbjuden (Herodes) und Nichtjuden (Pilatus). Ihn sich gegenseitig in die Hände spielend, um gleich wieder dieselben Hände in Unschuld zu waschen. In ähnlichem Wechselspiel auch Volk und Regierung. Am Ende niemand haftbar. Aber er selber hatte früher prophezeit: „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ (Mt. 12,30). War es also niemand, so waren es alle. Im Gegensatz zu Gott denken die Menschen: Waren es alle, so war es niemand. Doch zurück zum Ereignis selber, das die Künstler früherer Epochen unbeschönigt darstellten. Es gelang ihnen, unüberbietbare Qual abzubilden. In der Frage nach „Sein oder Design“ entschieden sie sich für das Erstere, für das, was wirklich war. Sogar der Schrei liess sich auf Leinwand bannen. Dieser Schrei durchbrach schliesslich die Sonnenfinsternis: „Es ist vollbracht!“ Er markierte die absolute Überschneidung von Wort und Tat an der Pforte zur Hölle. Und zwar auf beide Seiten hin: Die Menschen haben ihr Werk getan. Mehr können sie nicht mehr. Der Menschensohn hat sein Werk getan. Mehr kann er nicht mehr. Tot. Auf den Altarbildern von Dürer, Grünewald, später von Rembrandt, auf Ikonen der Ostkirche gemalt, heute von Mel Gibson verfilmt. Leiden und Tod. Ohne Vorhang, ohne zweiten Vorhang. Ohne Ästhetik, blutig und — versöhnlich. Persönlich. Bewegend, erschütternd und — offenbarend. Das Leiden und Sterben ohne die leiseste Anklage, ohne den Hauch von Bitterkeit ist der erste Fact, den ich hier freihändig kommentiere. Der Schwarm von Experten ist mir gleichgültig, wie gesagt, welche noch einen zweiten Vorhang kennen und öffnen © Schleife Verlag CH-Winterthur
Leseprobe können, hinter welchem das alles anders verstanden werden muss. Anders als nackt. Anders als Sünde, und anders als Sühne. Es interessiert mich nicht. Das heisst wörtlich, es beteiligt mich nicht. Denn am Leiden meines Gottes bin ich beteiligt. An dieser Stelle wäre es allerdings seltsam, wenn es mich nicht auch interessieren würde. Es wäre widersprüchlich. Ich bin beteiligt, und darum bin ich betroffen, und darum ist jeder andere Vorhang, jede mildernde Interpretation nur wieder eine Verschleierung und eine Verhüllung des geopferten Gottes. Die Schaffung neuer Vorhänge.
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