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Kapitel 1

Das Geheimnis des sanften Jochs „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.“ Matthäus 11,29–30

„Seine Gebote sind nicht schwer.“ 1. Johannes 5,3

„Eine wirklich realistische Kosten- und Nutzenabwägung würde ergeben, dass unsere Mühe für nichts besser aufgewandt ist als für die Erkundung der Schatzkammern des menschlichen Geistes. Hier liegen Güter, die uns niemand rauben kann und die sich vermehren, wann immer man andere daran teilhaben lässt.“1 William Ralph Inge

„Nur selten wurde das Christentum ‚gewogen und zu leicht befunden‘. Viele dagegen finden es zu schwer und wagen es gar nicht erst“, so drückte es G. K. Chesterton sehr treffend aus. Mal ganz abgesehen davon, ob er das vielleicht eher scherzhaft gemeint hat: Wir können festhalten, dass weithin die Überzeugung vorherrscht, echtes Christsein sei etwas ausgesprochen Schwieriges. Immer wieder merken wir, dass lediglich betont wird, wie erdrückend hoch der „Preis der Nachfolge“ vermeintlich sei. Deshalb kann man sagen, dass sich in der Beobachtung von Chesterton zumindest etwas davon widerspiegelt, wie viele, selbst wohl19


meinende Menschen über ein Leben „in den Fußstapfen“ Jesu denken. Doch dies ist nicht die ganze Wahrheit. Wir würden gut daran tun, uns genauso ausdauernd und eindringlich vor Augen zu halten, was es uns kostet, Jesus nicht nachzufolgen. Sören Kierkegaard bemerkt das sehr richtig, wenn er sagt: „Es kostet den Menschen genauso viel, wenn nicht mehr, in die Hölle zu kommen wie in den Himmel. Schmal, über die Maßen schmal, ist der Weg zur ewigen Verdammnis.“2 In den Sprichwörtern, Kapitel 13, Vers 15 heißt es, dass der Weg der Verächter Verderben bringt. Jeder, der das Leben eingehend beobachtet, wird genau das bestätigt finden. Ein großer Teil dieses alttestamentlichen Buches ist nichts anderes als eine Sammlung solcher Beobachtungen. Das ganze Buch ist ein Loblied auf den „Weg der Gerechten“ im Gegensatz zum Weg der Ungerechten; es lässt keinen Zweifel daran, welcher der beiden Wege Leben, Freude und Kraft bringt. Wer der Gerechtigkeit den Rücken kehrt, der wählt ein Leben voller Versagen und Zerbruch, voller Beschwernisse und Enttäuschungen, dessen Dasein ist heillos verstrickt in eine niemals endende Kette von Schwierigkeiten. Hier genau liegt der Ursprung jener endlosen Seifenoper, die wir „Leben“ nennen und die zuweilen eher einem Horrorfilm gleicht. Der „Preis der Nachfolge“, auch wenn sie uns alles kostet, was wir haben, ist gering, verglichen mit dem Los derer, die die Einladung Jesu ausschlagen, ihr Leben mit ihm zu gehen. Die anfangs zitierten Worte Jesu aus dem Matthäus-Evangelium, Kapitel 11, Verse 29 bis 30 stehen in krassem Gegensatz zur Verzweiflung eines Lebens, das ohne Gott geführt wird. Und dennoch müssen wir uns ehrlich eingestehen, dass das, was Jesus hier zum Ausdruck bringt und was in 1. Johannes 5, Vers 3 nochmals bestätigt wird, in keiner Weise das beschreibt, was die meisten Christen erleben. Seine Aussage beschreibt vielmehr das, was wir uns für unser Leben erhoffen, und ist manchmal nicht viel mehr als ein frommer Wunsch. Aus diesem Grund erscheint sie vielen schlicht und ergreifend befremdlich. Man zitiert diese Aussage gerne, denn der Gedanke, der darin zum Ausdruck kommt, ist einfach zu schön und verlockend, doch irgendwie gehen wir die Sache 20


wohl falsch an. Ganz offenbar haben die meisten Christen eine falsche Vorstellung davon, was es heißt, Jesus nachzufolgen und ihm zu gehorchen, sodass ihnen die Früchte dieser Verheißung verschlossen bleiben. Nur selten kommen wir in den Genuss der Leichtigkeit, Unbeschwertheit und Kraft seines Weges. Es bleibt die Ausnahme, denn der graue Alltag in den Niederungen des menschlichen Daseins sieht anders aus. So fehlt uns die nötige Kraft, und die Dinge, die Jesus uns aufgetragen hat, werden für uns zu einer Belastung. Viele können sich gar nicht vorstellen, dass Jesus die Dinge wirklich wörtlich gemeint hat. Was geschieht also? Die Lehren Jesu werden als ein unerreichbares Ideal angesehen, eine Orientierungshilfe, wie wir zu besseren Menschen werden können – eine Hürde, an der wir jedoch letztlich scheitern. Es ist die alte Geschichte. „Ich bin eben doch nur ein Mensch“, sagen wir, oder: „Irren ist menschlich.“ Die Aussagen Jesu galten nur damals – oder vielleicht sogar erst für unser Dasein im Himmel. Für uns heute können sie nicht gemeint sein – jedenfalls nicht so wörtlich. Sollte Jesus uns etwas aufbürden, das so schwierig ist? Schließlich leben wir ja im so genannten „Zeitalter der Gnade“ – aus Gnade sind wir errettet, nicht durch Werke –, also ist es nicht so wichtig, Jesus gehorsam zu sein. Es ist einfach zu schwer. Niemand kann ernsthaft von uns erwarten, dass wir all diese unmöglichen Dinge wirklich tun, geschweige denn sie auch noch genießen. So interpretieren wir diese Dinge für uns. Doch zu welchem Ergebnis wir auch immer kommen, es bleibt die Tatsache, dass Jesus uns zur Nachfolge beruft, und zwar hier und jetzt, nicht erst nach dem Tod. Niemand wird bestreiten, dass es uns allen viel besser ginge und dass es besser um die Welt bestellt wäre, wenn wir in allem, was er uns gelehrt und vorgelebt hat, mehr wie Jesus wären. Und selbst unser Mangel an Einsicht und Verständnis ändert nichts an der Tatsache, dass er uns ein sanftes Joch und eine leichte Bürde versprochen hat, unter der unsere Seele zur Ruhe finden kann. Dieses Angebot gilt, ebenso wie der Ruf zur Nachfolge, hier und jetzt, für dieses Leben inmitten all der untragbaren Lasten, in denen wir uns zutiefst nach Erleichterung sehnen. Das Versprechen ist keine Fik21


tion. Es ist ernst gemeint und sehr real. Alles, was wir tun müssen, ist, dieses Geheimnis zu ergreifen und unter das sanfte Joch zu kommen. Worin also liegt dabei das Geheimnis? Es gibt eine einfache Antwort auf diese ungemein wichtige Frage. Wir können uns dieser Frage nähern, wir können ihr sogar auf den Grund gehen, indem wir einen einfachen Vergleich anstellen. Stellen Sie sich einmal einige junge Leute vor, deren Idol ein bekannter Baseballspieler ist. Sie wünschen sich nichts sehnlicher, als genauso gut zu werfen, zu rennen und zu schlagen wie er. Was tun sie folglich? Wann immer sie Baseball spielen, bemühen sie sich, so gut sie können, alles genauso zu machen wie ihr Idol. Wenn er dafür bekannt ist, dass er immer mit dem Kopf voran zum Mal schliddert, dann werden seine Fans es auch tun. Wenn er seinen Schläger vor dem Schlag immer über Kopfhöhe hält, dann werden seine Fans es ihm nachmachen. Die jungen Leute werden versuchen, alles genauso zu machen wie ihr Idol, in der Hoffnung, so zu werden wie es – sie werden die gleichen Schuhe kaufen, die gleichen Handschuhe, den gleichen Schläger. Aber wird es ihnen gelingen, genauso gut zu werden wie dieser Baseballstar? Wir kennen die Antwort nur zu genau. Sie werden niemals so gut werden, wenn sie immer nur versuchen, ihn nachzuahmen – ganz egal, wie begabt sie selbst auch sein mögen. Es ist uns allen klar, warum. Auch der Spitzensportler erreichte ein solches Niveau an Professionalität nicht, indem er sich während des Spiels auf eine bestimmte Weise benahm. Er erreichte es, weil er sein ganzes Leben darauf ausrichtete, sich mental und körperlich zu trainieren, und weil er all seine Kraft darauf verwandte, die richtigen Bewegungsabläufe immer und immer wieder zu üben. Das erstaunliche Reaktionsvermögen, die hohe Präzision und die Kraft der Bewegungsabläufe, die solche Spitzensportler an den Tag legen, entstehen nicht während der wenigen Stunden des eigentlichen Spiels. Während dieser kurzen und entscheidenden Stunden greift der Spieler auf das zurück, was er zuvor Tag für Tag mit eiserner Disziplin aufgebaut hat, ohne dass irgendjemand davon Notiz genommen hätte. Es bedarf einer speziellen Ernährungsweise und ausreichend Ruhe, spezielle Muskelpartien müssen aufgebaut und ständig trainiert werden. All das ist nicht Teil 22


des eigentlichen Spiels, aber ohne diese intensive Vorbereitung wäre der Athlet nicht in der Lage, eine außergewöhnliche Leistung zu erbringen. Manches davon erscheint uns als Außenstehenden vielleicht sogar dumm und überflüssig, aber der Sportler selbst weiß, dass Begabung und ehrliches Bemühen allein nicht ausreichen. All diese Dinge müssen genau so und nicht anders getan werden, will er nicht im entscheidenden Moment denen unterliegen, die die entsprechende Disziplin zur Vorbereitung aufgebracht haben. All das lässt sich auch auf andere Bereiche übertragen, wo immer wir Menschen etwas tun, um unserem Leben Bedeutung zu verleihen. Es ist ein allgemein gültiges Prinzip. Ob wir nun Musiker oder Redner, Lehrer oder Chirurg sind – wer eine hohe Leistung bringen will, wenn es darauf ankommt, der kommt nicht umhin, solide Fundamente zu legen. Er muss sich selbst einer intensiven und umfassenden Vorbereitung unterziehen, die seine ganze Person umfasst – sowohl mental als auch körperlich. Und was für einzelne Bereiche des Lebens gilt, gilt für das Leben als Ganzes nicht minder. Wie schon Plato richtig erkannte, gibt es eine Kunst des Lebens, und unser Leben erlangt nur dann Vollkommenheit, wenn wir selbst in allen Bereichen unseres Seins zur vollen Entfaltung kommen. Selbst in unserer Beziehung zu Gott gilt dieses Prinzip. Wir sind aus Gnade errettet und nur aus Gnade, nicht aus unserem eigenen Verdienst – daran kann überhaupt kein Zweifel bestehen. Das ist die Grundlage, auf der Gott uns angenommen hat. Aus Gnade gerettet zu sein bedeutet jedoch nicht, dass uns Kraft und Erkenntnis deshalb in jedem Augenblick quasi automatisch zufließen. Dass dies nicht der Fall ist, können wir allerorten sehen; wir brauchen lediglich einen Blick auf die Fakten zu werfen. Ein Christ, der erwartet, dass es ihm ohne entsprechende Einübung in die Nachfolge gelingen wird, sich in Zeiten der Anfechtung wie Jesus zu verhalten, der handelt nicht weniger dumm wie ein Baseballspieler, der meint, er könne ohne Training Spitzenleistungen erbringen. Wenn wir das Leben Jesu näher betrachten, können wir feststellen, dass Jesus selbst um diese Gesetzmäßigkeiten wusste und dass er entsprechend lebte. Da wir aus unserer heutigen Sicht heraus dazu neigen, die Evangelien verzerrt wahrzunehmen – ich werde 23


später noch näher erläutern, worauf ich damit anspiele –, fällt es uns schwer zu erkennen, was Jesus in seinem Leben besonders wichtig war. Wir vergessen leicht, dass ihn selbst die Tatsache, dass Jesus Gottes Sohn war, nicht von der Notwendigkeit entband, sich intensiv auf seine Berufung vorzubereiten, ein Teil seines Lebens, der den Augen der Welt weitgehend verborgen geblieben ist. Nach all den viel versprechenden Ereignissen, die seine Geburt begleiteten, wuchs er weitgehend unbemerkt in einer einfachen Familie in der wenig angesehenen Stadt Nazareth heran. Im Alter von zwölf Jahren, so berichtet Lukas, legte er gegenüber den Schriftgelehrten in Jerusalem ein bemerkenswertes Verständnis der Schrift an den Tag. Und doch kehrte er mit seinen Eltern zurück und ordnete sich weitere 18 Jahre lang den Anforderungen seiner Familie unter. Dann, nachdem er durch seinen Cousin Johannes den Täufer getauft worden war, zog sich Jesus in die Einsamkeit zurück und fastete anderthalb Monate lang. Auch später, als sein Dienst langsam Formen annahm, verbrachte er oft ganze Nächte allein im Gebet, bevor er sich tagsüber wieder daranmachte, seinen Jüngern und den anderen Menschen, denen er begegnete, zu dienen. Nur durch diese Vorbereitung war es Jesus möglich, seinen Lehr- und Heilungsdienst in der Öffentlichkeit auszuüben. Er war imstande, seine engsten Gefährten bis zum Schluss zu lieben, obwohl sie ihn immer wieder bitter enttäuschten und alles so aussah, als wären sie niemals in der Lage, in seinen Glauben einzutauchen und sein Werk zu vollbringen. Und schließlich konnte er durch seinen Tod das Opfer bringen, das durch seine unvergleichliche Schönheit alles in den Schatten stellt, was es jemals gegeben hat. Hierin liegt auch das Geheimnis des sanften Jochs: Es geht darum, sich die Art und Weise, wie er lebte, zu Eigen zu machen und so zu leben, wie er es sein ganzes Leben lang tat. In seinen Fußstapfen zu gehen heißt nicht, hier und da im Einzelfall so zu handeln wie er. Es geht darum, dass unser ganzes Leben dem seinen immer ähnlicher wird. Wir begehen meist den Fehler zu glauben, um Jesus nachzufolgen, müssten wir unsere Feinde lieben, „die zweite Meile gehen“, die andere Wange hinhalten und im Leiden geduldig und voller Hoffnung ausharren, während sich unser übriges Leben in nichts 24


von dem der anderen, die nicht zu Christus gehören, unterscheidet. Wer das tut, handelt genauso wie jener ehrgeizige junge Baseballspieler, von dem wir zu Anfang sprachen. Diese Vorgehensweise ist von vornherein zum Scheitern verurteilt und lässt das Leben in der Nachfolge Jesu zu schwer erscheinen, als dass man es überhaupt wagen sollte. In Wahrheit hat diese Vorstellung mit dem Leben in der Nachfolge Jesu ebenso wenig zu tun wie das krampfhafte Bemühen, bei einem Spiel bestimmte Bewegungsabläufe zu produzieren, etwas mit dem Können eines Profisportlers zu tun hat. Was immer uns auch dazu bewogen hat, auf diese Weise dem Ziel näher kommen zu wollen, es ist und bleibt ein völlig falscher Ansatz. Und es wird mit Sicherheit dazu führen, dass wir die Anweisungen Jesu, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten sollen, „unerträglich“ finden, wie Luther es ausdrückt. Anstelle eines sanften Jochs erleben wir nichts als Überforderung und Frustration. Dennoch finden wir diesen Ansatz in allen möglichen Lebensbereichen. Er ist Ausdruck jener wundersamen und fehlgeleiteten Neigung unserer Zeit, voller Inbrunst an die Macht der kurzatmigen Kraftakte zu glauben und darüber die langfristige Arbeit an unserem Charakter und an unseren Lebensgewohnheiten völlig aus den Augen zu verlieren. Der Fehler besteht darin, dass wir zwar gerne Dinge tun wollen, die richtig und wichtig sind, aber doch die Mühe scheuen, ein Leben zu führen, das die entsprechenden Früchte hervorbringt. Diese Eigenart unseres menschlichen Charakters macht begreiflich, warum der Weg zur Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Wir wollen wohl das Gute, aber wir scheuen uns davor, so zu leben, dass es in unsere Reichweite kommt. Es gibt zum Beispiel Menschen, die den ehrlichen Wunsch haben, verantwortungsvoll mit ihrem Geld umzugehen und ihre Rechnungen immer pünktlich zu begleichen, und doch fehlt es ihnen an der letzten Entschlossenheit, ihr Leben wirklich so zu gestalten, dass dies möglich wird. Andere wünschen sich Freunde und anregende Begegnungen mit anderen, aber sie sind nicht bereit, an sich selbst zu arbeiten, damit sie zu Menschen werden, denen diese Dinge auf ganz natürliche Weise zufallen. 25


Dasselbe gilt auch für unsere Gesellschaft als Ganze. Viele Menschen beklagen sich, dass die Sexualität aus den Fugen geraten ist, finden sich aber damit ab, dass diese im Geschäftsleben, in der Kunst, in den Medien und im Freizeitbereich eine völlig schiefe Rolle einnimmt. Andere wiederum treten für eine Welt ohne Waffen und Krieg ein, verhalten sich jedoch selbst anderen Menschen und Völkern gegenüber feindselig. Solange wir selbst nicht betroffen sind, können die Dinge ruhig so bleiben, wie sie sind. Der Psychiater M. Scott Peck bemerkt in seinem Buch „Der wunderbare Weg“: „Ich kenne viele Menschen, die eine Vorstellung davon haben, in welche Richtung sie sich entwickeln müssten, und doch fehlt es ihnen am nötigen Willen. Sie wollen die Arbeit an ihren Lebensgewohnheiten überspringen und auf dem Weg zur Heiligkeit eine einfache Abkürzung nehmen – und sie sind tatsächlich der Überzeugung, dass so etwas möglich ist. Oft versuchen sie, dem Ziel näher zu kommen, indem sie einfach bestimmte Äußerlichkeiten aus dem Leben von Heiligen imitieren, sich in die Wüste zurückziehen oder das Zimmermannshandwerk erlernen. Manche Menschen meinen, dass sie dadurch wirklich selbst zu Heiligen und Propheten geworden sind, und können sich nicht eingestehen, dass sie im Grunde unreife Kinder blieben. Sie weichen der schmerzlichen Erkenntnis aus, dass auch sie am Ausgangspunkt des Weges beginnen und dann Schritt für Schritt vorangehen müssen.“3 So kommt es, dass wir ironischerweise gerade in unserem Bemühen, der Last eines disziplinierten Lebens auszuweichen, das sanfte Joch und die leichte Bürde nicht erhalten. In der Konsequenz sind wir dazu verdammt, immer wieder jene quälende Frustration zu erleben, dass wir zwar versuchen, so zu sein und zu handeln, wie wir es als Christen sollten, dass es uns jedoch letztendlich an der nötigen Kraft und Erkenntnis fehlt, die sich uns nur aus einem disziplinierten geistlichen Leben heraus erschließen. Wir sind unfähig, unserem Leben die richtige Richtung zu geben, und werden anfällig für alle möglichen Einseitigkeiten. 26


Es zeigt sich also, dass diejenigen, die behaupten, es sei unmöglich, Jesus wirklich nachzufolgen, in gewisser Weise durchaus Recht haben. Wir können nicht aus dem Stand heraus so handeln, wie er es gelehrt und getan hat, wenn wir darüber hinaus so leben wie alle anderen Menschen. Auch mit noch so viel Gnade können wir tief verwurzelte falsche Verhaltensmuster nicht einfach abschalten und eben einmal wie Jesus sein. Wenn wir es trotzdem versuchen, werden wir dabei jedoch immer wieder so jämmerlich scheitern, dass der ganze Plan, Jesus überhaupt nachfolgen zu wollen, in den Augen aller, die uns von außen erleben, ziemlich lächerlich erscheint. Jeder von uns kann sicherlich von solchen Beispielen berichten. Wir sollten uns darüber völlig im Klaren sein: Jesus hat nie erwartet, dass wir einfach die andere Wange hinhalten, die zweite Meile gehen, unsere Verfolger segnen, bereitwillig jedem geben, der uns bittet, und so fort. All diese Verhaltensweisen werden allgemein als Ausdruck eines Lebens in der Nachfolge Jesu angesehen, und dies ganz zu Recht. Sie sind jedoch lediglich Beispiele dafür, wie ein neuer Mensch sich verhält, der mit ganzer Kraft darum bemüht ist, der Herrschaft Gottes in seinem Leben Raum zu geben und Gottes Gerechtigkeit an die erste Stelle zu setzen (vgl. Mt 6,33). Jesus hat uns dazu berufen, ihm nachzufolgen und ein Leben zu führen, in dem es uns als das einzig Vernünftige erscheint, unsere Feinde zu lieben. Wer so lebt, dem würde es geradezu schwer fallen, seine Feinde zu hassen, Bedürftige abzuweisen oder denjenigen, der ihn verflucht, selbst zu verfluchen, ganz so wie es Jesus selbst schwer fiel. Wir werden dann wirklich zu Nachfolgern Jesu, die ihm ähnlich sind, wenn es uns schwer fällt, nicht so zu handeln wie er. Oswald Chambers bemerkt ganz richtig: „Die Bergpredigt ist keine Auflistung von Verhaltensmaximen, nach denen man sich richten sollte. Ohne eine tiefe Identifikation mit Jesus ist dies gar nicht möglich. Die Bergpredigt ist eine Beschreibung des Lebens, das wir leben, wenn der Heilige Geist in uns freie Hand bekommt.“4 Es würde ja auch niemand sagen: „Wenn du ein Spitzenathlet werden willst, musst du sechs Meter weit springen und 2 000 Meter in weniger als sechs Minuten laufen“ oder: „Wenn du ein 27


großer Musiker sein willst, dann spiel das Violinkonzert von Beethoven.“ Einem talentierten Musiker oder Sportler würden wir vielmehr den Rat geben, einen bestimmten Lebensstil zu entwickeln, das heißt, engen Kontakt zu den richtigen Leuten zu suchen, sich einem harten Training, einem speziellen Ernährungsplan und einer intensiven mentalen Vorbereitung zu unterziehen. Was würden wir jemandem raten, der es im Leben weit bringen will? Wenn wir klug sind, würden wir ihm ganz ähnliche Dinge nahe legen. Wenn wir also Jesus nachfolgen und sein leichtes Joch tragen wollen, dann werden wir uns seinen Lebensstil zu Eigen machen müssen. Dann – und nur dann – können wir ernsthaft erwarten, dass wir selbst die Erfahrung machen, wie sanft sein Joch und wie leicht seine Last sind. Vor vielen Jahren erschien ein sehr erfolgreicher Roman mit dem Titel „In seinen Fußstapfen“. Er handelt vom jungen Pastor einer wohlhabenden Gemeinde, der durch eine Reihe von sehr tragischen Ereignissen zu der Erkenntnis gelangt, wie sehr sich sein eigenes Leben vom Leben Jesu unterscheidet. Daraufhin gelobt der Pastor zusammen mit seiner Gemeinde, sich konsequent in jeder Situation die Frage zu stellen, wie Jesus in dieser Situation handeln würde. Wie aus der Handlung ersichtlich wird, versteht der Autor dieses Gelübde so, dass er Jesus nachahmen und in der Tat „in seinen Fußstapfen“ leben will. Natürlich ist die Geschichte nur ein Roman, aber eines ist sicher: Ein solches Gelübde würde nicht nur in dieser Geschichte, sondern auch im wirklichen Leben erstaunliche Veränderungen bewirken. Und doch stimmt etwas mit diesem Ansatz nicht. Hier wird der Anschein erweckt, im Leben eines Christen gehe es einzig und allein darum, dass wir versuchen, genau das zu tun, was Jesus vermutlich getan hätte, wenn er mit dieser spezifischen Situation konfrontiert gewesen wäre. Dahinter steht die Vorstellung, Jesus habe einfach so in jedem Augenblick das Richtige getan. Nirgends ist die Rede davon, dass er vielleicht nur deshalb dazu in der Lage war, weil er sein ganzes Leben so ausgerichtet hatte, dass er auf Grund seiner ständigen Verbindung mit dem Vater in einer gesunden inneren Balance lebte. Die Tatsache, dass wir den Lebensstil Jesu als Ganzen nachahmen müssen, wird völlig außer Acht gelassen. So ist der Eindruck, der hier vermittelt wird, in fataler Weise 28


verdreht, als ginge es in der Nachfolge allein darum, einfach in jeder Situation so zu handeln, wie Jesus es tat, wenn er mit Nöten und Verfolgung konfrontiert war. Doch was Jesus in solchen Momenten tat, war im Grunde nichts anderes als der natürliche Ausdruck des Lebens, das er im Verborgenen führte. Die Frage „Was würde Jesus tun?“ bringt uns im entscheidenden Augenblick der Antwort nicht näher, weil sie Vorbereitung und Ausrichtung nicht ersetzen kann. Es wird sicherlich nicht völlig nutzlos sein, sich diese Frage zu stellen, und es ist allemal besser, als gar keinen Maßstab zu haben, aber das allein reicht nicht, um uns in Krisenzeiten zu Überwindern zu machen. Nicht selten fühlen wir uns dadurch am Ende nur noch ohnmächtiger und verzweifelter. Das Geheimnis des leichten Jochs besteht darin, von Jesus zu lernen, wie wir unser Leben als Ganzes gestalten sollen und wie wir unsere Zeit und Kraft so einsetzen können, wie er es tat. Wir müssen lernen, uns so vorzubereiten wie Jesus, und unser Leben der Herrschaft Gottes unterordnen, sodass wir wie Jesus beständig die Unterstützung des Vaters empfangen können, während wir seinen Willen tun. Wir müssen lernen, den gegenwärtigen Zustand unseres Lebens hinter uns zu lassen und uns den Lebensstil Jesu anzueignen – und das beinhaltet natürlich, ihn auf unsere jeweilige Situation zuzuschneiden und anzupassen. Genau das ist die Vorbereitung auf das sanfte Joch, die wir brauchen, und darum soll es in diesem Buch gehen. Wir werden uns mit der Frage beschäftigen, wie wir Jesus nachfolgen und so leben können, wie er lebte. Es ist also für jene gedacht, die in der Tat Nachfolger Jesu werden wollen. Glauben Sie, dass so etwas möglich ist? Ich schon! Ich schreibe darüber, was es bedeutet, ihm nachzufolgen, und wie diese praktische Nachfolge untrennbar zu unserer Errettung dazugehört. Ich werde mich ausführlich mit der Frage beschäftigen, inwiefern Dinge wie Einsamkeit, Stille, Fasten, Gebet, Dienen und Feiern – alles Grundelemente eines Lebens im Reich Gottes, die Jesus bejaht und praktiziert hat – eine entscheidende Hilfe sein können, um Menschen ganz praktisch von der Macht der Sünde zu erlösen und das sanfte Joch für sie zu einer erfahrbaren Realität zu machen. Ich werde einen Weg aufzeigen, der sowohl psychologischen 29


als auch theologischen Maßstäben standhält und der beschreibt, wie wir durch eine Betrachtung des Lebens Jesu und seiner Jünger die Gnade finden, ihm ähnlich zu werden. Das Geheimnis des sanften Jochs ist überhaupt nicht kompliziert. Wir müssen einfach den festen Entschluss fassen, so zu leben, wie Jesus es in jedem Bereich seines Lebens tat, nicht nur momentan, wenn es um konkrete Entscheidungen geht, sondern mit ganzer Kraft und im vollen Bewusstsein dessen, was dieser Lebensstil beinhaltet. So kommt das Geheimnis, von dem wir hier sprechen, in Ihre Reichweite. In den folgenden Kapiteln werde ich Ihnen eine kleine Theologie der Nachfolge vorstellen, und Sie werden sehen, wie ein solcher Entschluss uns in der Tat dazu verhilft, auf ganz neue praktische Weise mit Jesus zu leben.

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