Kapitel 8
Heilung unseres verwundeten Selbstbildes Marge und John »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich. »Ich hasse mich«, antwortete Marge. Ihre Lebensgeschichte ist typisch für viele andere. Marge war das erstgeborene Kind in der Familie und nicht sicher, ob ihre Eltern zu diesem Zeitpunkt ihrer Ehe ein Kind haben wollten. Aber sie war sich sicher, dass sie lieber einen Jungen gehabt hätten. Rückblickend konnte sie sagen, dass sie sich sehr angestrengt hatte, wie ein Junge zu sein, vor allem, um die Anerkennung ihres Vaters zu gewinnen, aber vergeblich. Als sie die Pubertät erreichte, gab sie diese Bemühungen auf und versuchte sich damit abzufinden, dass sie ein Mädchen war. Aber auch das war enttäuschend. Marges Frisur schien niemals richtig zu sein. Ihre Hüften entwickelten sich in die Breite und ihre Brüste blieben klein. Die Menstruation kam für sie überraschend und wurde von ihrer Mutter als etwas behandelt, das man besser vertuschte. Marges Mutter schien über Sexualität im Allgemeinen und auch über diesen Teil der Weiblichkeit sowohl zornig als beschämt zu sein. Marge arbeitete in der Schule fleißig mit und brachte gute Noten nach Hause, was bei ihren Eltern Anerkennung fand. Aber diese guten Noten trugen dazu bei, dass sie sich körperlich unattraktiv fühlte, und raubten ihr alle Hoffnung, bei Jungen jemals beliebt zu sein. Später als junge Frau hatte sie einige kurze Bekanntschaften mit Männern, bei denen es auch zu sexuellen Begegnungen kam, die bei ihr den Eindruck hinterließen, ausgebeutet, nicht gewollt und wertlos zu sein. Obwohl sie schon in jungen Jahren Christ geworden war, wurde ihre Beziehung zu Christus nie stark genug, um ihre allgemeine Depression und ihr geringes Selbstwertgefühl aufwiegen zu können. Da war sie also, Mitte dreißig, unverheiratet, einsam, mit dem Gefühl, sehr unattraktiv zu sein und sich selbst zu hassen. 160
John, ein etwa fünfzigjähriger Mann, hatte eine ähnliche Geschichte. Er wurde gezeugt, bevor seine Eltern heirateten. Sie heirateten seinetwegen und sorgten dafür, dass er in einer für seine Generation typischen amerikanischen Familie aufwachsen konnte. Sein Vater war kaum zu Hause und seine Mutter war nicht berufstätig. Auch er wurde ein guter Schüler, nur im Sport schaffte er es trotz aller Anstrengungen nicht ganz, sich auf diesem Gebiet hervorzutun, um damit die Anerkennung seines Vaters zu gewinnen. Er war von kleiner Statur und fing erst spät an zu wachsen. Das brachte ihm viele Hänseleien von den anderen Jungen ein. Außerdem hatte er kaum Freunde. Obwohl das teilweise auf sein geringes Selbstwertgefühl zurückzuführen war, trug es andererseits auch dazu bei. Auch John fühlte sich nicht gewollt. Er nahm es seinem Vater übel, dass er nie zu Hause war und offensichtlich keine Zeit mit ihm verbringen wollte. Er grollte über die Tatsache, dass er nicht schneller gewachsen und gereift war. Er konnte sich nicht leiden und nahm an, dass ihn auch andere, einschließlich seiner Eltern, nicht mochten. Obwohl er weiterhin gute schulische Leistungen brachte, schien das die Aufmerksamkeit seines Vaters nicht in dem Maße zu erregen, wie er sich das erhoffte. Ich glaube, dass die Wurzeln der Selbstablehnung bei Marge und John darin liegen, dass sie sich schon vor ihrer Geburt bewusst waren, von ihren Eltern nicht gewollt zu sein. Wir haben bereits im vorigen Kapitel darauf hingewiesen, dass Babys, die im Mutterleib Ablehnung spüren, nicht verstehen können, dass vielleicht die Schwangerschaft, aber nicht sie selbst abgelehnt werden. Sie verinnerlichen die Botschaft der Ablehnung und fühlen sich nicht gewollt, wenn sie geboren werden. Da sie dem Urteil ihrer Eltern vertrauen, nehmen sie an, dass die Eltern gute Gründe haben, sie abzulehnen. Sie schließen sich darum dieser Meinung ihrer Eltern an und lehnen sich in der Folge selbst ab. Marge und John wurden beide in jungen Jahren Christ. Das konfrontierte sie mit dem Versprechen, das Paulus im 2. Korinther-Brief ausspricht, nämlich dass sie in Christus zu neuen Geschöpfen würden (2 Kor 5,17). Ihre Erfahrungen wiesen jedoch nichts von diesem Neuwerden auf, das sie erwarteten, und sie fingen an, sich zu fragen, ob sie wirklich »in Christus« waren oder sich etwas vormachten. Außerdem bezogen sie viele Predigten, die sie über die menschliche Sündhaftigkeit hörten, auf sich persönlich und wurden damit in ihrer negativen Einstellung sich selbst gegenüber bestärkt. 161
Besonders John hatte das starke Gefühl, im sexuellen Bereich versagt zu haben. Man hatte ihm beigebracht, dass Masturbation Sünde sei. Er fühlte sich daher jedes Mal, wenn er der Versuchung erlag, schuldig. Obwohl er oft und aufrichtig betete und sich nach Kräften bemühte, diese Gewohnheit zu überwinden, schien es nie länger als ein paar Tage zu klappen. Das Gefühl, auch als Christ ein Versager zu sein, verschlimmerte die Auswirkungen seines negativen Selbstverständnisses in hohem Maße. Selbst als er dann im Sport und in verschiedenen anderen Lebensbereichen erfolgreich war, war es ihm unmöglich, seine Haltung zu sich selbst zu verändern. Er betrachtete sich immer noch als Verlierer, obwohl es vielfach erwiesen war, dass er in Wahrheit zu den Gewinnern gehörte.
Die Taktik des Widersachers Obwohl wir dem Widersacher nicht die Schuld an unserer Schwachheit und an unserem Versagen geben dürfen, müssen wir doch erkennen, dass er im Hintergrund nur darauf lauert, jede Gelegenheit auszunutzen, die sich ihm bietet, um uns zu zermürben oder zugrunde zu richten. Er hasst Gott und alles, was Gott getan hat. Er ist unfruchtbar und kann selbst kein Leben hervorbringen. Er kann nur stören und zerstören, was bereits existiert. Und er hasst besonders die Geschöpfe, die Gott am ähnlichsten sind – uns. Dieser Hass treibt ihn dazu, uns da anzugreifen, wo wir am schwächsten sind – in unserem Selbstbild, in unserem Verständnis dafür, eine preisgekrönte Schöpfung Gottes zu sein. »Zu den stärksten psychologischen Waffen Satans gehören ein bedrückendes Gefühl von Minderwertigkeit, Unzulänglichkeit und niedrigem Selbstwert«1, schreibt auch Seamands. Der Widersacher beneidet uns um die Stellung, die Gott uns gegeben hat – nur ein wenig niedriger als er selbst, so wie es in den Psalmen ausgedrückt wird: »Du hast ihn [den Menschen] nur wenig niedriger gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt« (Ps 8,6). Nur wir sind nach dem Bild Gottes erschaffen. Nur wir haben das Vorrecht, andere nach seinem Bild zu schaffen. Als Gott uns erschuf, hat er uns über die Engel gesetzt. Wir nehmen darum in der Schöpfung den zweiten Platz ein. Das macht den Widersacher eifersüchtig und zornig. Einige Leute meinen sogar, dass es dieser Plan Gottes war, einem seiner Geschöpfe eine höhere Stellung als 162
den Engeln einzuräumen, der zur Auflehnung und zum Fall Satans geführt hat. Aus Eifersucht greift er uns daher an, wo immer es ihm möglich ist. Er attackiert in erster Linie die Dinge, die er nicht haben kann, z. B. unsere Kreativität und unsere Zeugungsfähigkeit. Ebenso versucht er unsere Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und zu uns selbst anzugreifen. Außerdem beneiden uns der Widersacher und sein Gefolge darum, dass wir einen Körper haben. Sie versuchen deshalb, ihm möglichst viel Schaden zuzufügen. Satan ist nicht nur eifersüchtig auf Dinge, die Gott uns bei der Schöpfung mitgegeben hat, er ist auch aufgebracht über unsere Erlösung. Nur wir, und nicht die Engel, wurden erlöst. Nur die Menschheit war gut genug für die Inkarnation, in der Gott mit seinem höchsten Geschöpf eine Verbindung eingegangen ist. In Jesus hat sich Gott einen Weg ausgedacht, um die Menschheit zu erlösen. Nach meiner Ansicht gibt es vier Arten, auf die der Widersacher Menschen angreift: Erstens verleitet er sie dazu, dass sie ihm gehorchen. Indem er sie blendet, tut er sein Möglichstes, dass Menschen daran gehindert werden, auf den Plan Gottes, sie zu erlösen, zu antworten (2 Kor 4,4). Wenn das misslingt, dann fährt er zweitens damit fort, sogar gläubige Menschen zur Sünde zu verleiten. Bekennen wir aber unsere Vergehen, dann versucht er als Drittes, uns daran zu hindern, dass wir die Vergebung spüren. Viertens schmuggelt er zusätzlich dazu Lügen in unseren Verstand und unsere Gefühle hinein, die sich darauf beziehen, wer wir vor Gott wirklich sind. Er ist der eigentliche Urheber der »Wurm-Theologie« – einer Theologie, die sich permanent mit unserer Sündhaftigkeit und Unzulänglichkeit beschäftigt. Leider wird das durch die gottesdienstliche Liturgie vieler Gemeinden noch bekräftigt, indem sie Gott anflehen, er möge uns vergeben – wo er doch bedingungslos allen vergibt, die ihre Sünden bekennen (1 Joh 1,9). Der Widersacher ist besonders emsig damit beschäftigt, zu versuchen, uns emotional und seelisch außer Gefecht zu setzen. Er weiß, dass wir in unserer Wirksamkeit für das Reich Gottes lahmgelegt werden, wenn unsere Gefühle und unsere Seele nicht gesund sind, egal, wie stark oder klug wir sonst sein mögen. Der Widersacher attackiert unser Selbstverständnis, indem er uns anklagt. Das steht im völligen Gegensatz dazu, wie Gott uns sieht (vgl. Schaubild auf der folgenden Seite).
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Der Widersacher sagt:
Gott sagt:
Du bist abgelehnt. Du bist schuldig. Du bist wertlos. Du genügst nicht. Du bist von Gott verlassen. Du hast Grund zur Sorge.
Du bist geliebt. Dir ist vergeben. Du bist wertvoll. Du genügst mir. Ich bin bei dir. Wirf deine Sorgen auf mich. Fürchte dich nicht.
Du hast Grund, dich zu fürchten.
Wahrheit befreit
Lügen legen lahm
Geistliche Wurzeln unseres Selbstbildes
Symptome für ein gestörtes Selbstverständnis Wenn unsere Selbstwahrnehmung nicht mit der Sicht Gottes übereinstimmt, sollten wir uns um die folgenden neun Symptome kümmern. Sie treten selten vereinzelt auf, und es ist nicht ungewöhnlich, dass bei einem Menschen alle neun gleichzeitig anzutreffen sind.
1. Viele Menschen können sich oder bestimmte Dinge an sich nicht ausstehen Menschen wie Marge und John sind mit negativen Gefühlen aufgewachsen, die sich auf ihren Körper oder Teile ihres Körpers bezogen. Da viele von uns die von der Gesellschaft vorgegebenen Normen für Körpergröße und Aussehen kaum je erreichen, haben besonders Frauen deswegen ständig ein schlechtes Gewissen. Viele von ihnen verabscheuen ihr Gesicht, ihre Hüften, ihren Bauch, ihre Brüste, ihr Haare, ihre Körpergröße oder ihren ganzen Körper. Oder sie sind mit ihrem Verstand, ihren Gefühlen oder ihrer Persönlichkeit unzufrieden und richten ständig negative Gedanken oder Worte an sich selbst. Viele Menschen fühlen sich sogar schuldig, dass sie überhaupt existieren. Sie können dieses Gefühl schon vor ihrer Geburt entwickelt haben. Wenn jemand gezeugt wurde, bevor die Eltern heirateten, kann dieses Empfinden darauf zurückgehen, dass sich die 164
Mutter schämte, schwanger zu sein. John Bradshaw spricht von der Notwendigkeit, diese »schamgebundenen« Anteile in uns zu integrieren, damit wir zur Selbstannahme finden. »Als Mensch, dessen Lebensgrundlage früher eine Art Schuld- und Schamgefühl war, muss ich hart daran arbeiten, mich ganz anzunehmen […]. Solche Menschen fühlen sich oft schuldig, wenn sie Hilfe brauchen, wenn sie zornig, traurig oder ängstlich sind oder sich freuen. Desgleichen wenn sie sexuelle Empfindungen haben oder positiv eingestellt sind.«2 Solche Anzeichen weisen sehr sicher darauf hin, dass jemand Probleme mit seinem Selbstbild hat.
2. Viele Menschen haben eine Abneigung gegen den Namen, den man ihnen gegeben hat John wurde beispielsweise als Kind Johnny gerufen und verabscheute diesen Namen. Manche sehen ihren Namen als eine Art Fluch an. Ich habe mit Menschen aus anderen Kulturkreisen gearbeitet, deren Name tatsächlich einem Fluch gleichkam, z. B. Mädchen mit dem spanischen Namen »Dolores« (was »Schmerzen« bedeutet) oder »Soledad« (»Einsamkeit«). Menschen, die einen solchen Namen haben, fühlen sich verflucht oder sind es tatsächlich. 3. Viele wünschen sich, jemand anderer zu sein Manchmal glauben wir, dass es einfacher ist, wenn wir uns einbilden, jemand anderer zu sein, als uns mit dem Schmerz in unserem Leben abzufinden. Bei manchen entwickelt sich diese Sehnsucht zur Zwangsvorstellung; andere verstecken sie tief in sich. Der Wunsch, eine andere Person sein zu wollen, kann unsere Selbstachtung aber wirkungsvoll auslöschen, wenn wir die Sache nicht in den Griff bekommen. 4. Christen, die Probleme mit ihrem Selbstverständnis haben, beschäftigen sich zwanghaft mit ihrer Sündhaftigkeit Es stimmt, dass wir alle fehlerhafte Menschen sind. Das ist nicht abzustreiten. Aber wenn wir unsere Sünden bekennen, vergibt uns Gott, und sie sind ausgelöscht (1 Joh 1,9). Da es außerdem nicht länger zu unserem Wesen gehört, sündigen zu müssen (1 Joh 3,9), brauchen wir uns nicht ständig damit zu beschäftigen. Es genügt, Gott alles anzuvertrauen, was wir bewusst oder unbewusst getan 165
haben, und seine Vergebung anzunehmen, sobald wir diese Dinge aussprechen.
5. Um dem Gefühl der Wertlosigkeit zu entrinnen, nehmen viele Zuflucht zu bestimmten Methoden, mit denen sie ihre Stimmung aufhellen Das schließt zwar die missbräuchliche Verwendung bestimmter Substanzen ein, ist aber nicht nur darauf beschränkt. Viele von uns maskieren ihren Schmerz durch Süchte (»Eskapismus«) wie Sport, Gymnastik, Essen, Fernsehen oder sogar durch Religion. So wie Bradshaw sagt: »Es ist denkbar, dass Sucht in ihrem tiefsten Kern mit Schuldgefühlen zu tun hat, die einen Menschen innerlich vergiften und antreiben. Religiöse Süchtigkeit hat ihre Wurzeln in diesen vergiftenden Schuldgefühlen. Diese können durch ein bestimmtes religiöses Verhalten leicht verändert werden. Man kann durch jede religiöse Übung das Gefühl bekommen, moralisch gut und richtig zu sein: Man kann fasten, beten, meditieren, anderen dienen, sakramentale Riten durchlaufen, in Zungen reden, im Geiste umfallen, die Bibel zitieren, in der Bibel lesen, den Namen Gottes oder Jesu anrufen. Alle diese Dinge können uns zu der Erfahrung verhelfen, dass sich unsere Stimmung darüber verändert.«3
6. Viele Menschen verfluchen sich selbst oder einige ihrer Körperteile Eine Frau bat mich einmal, für sie zu beten, weil sie in ihrer Brust Knoten hatte. Dabei stellte sich heraus, dass sie als Teenager sexuell missbraucht worden war, wobei ihre Brüste eine wichtige Rolle gespielt hatten. Das führte dazu, dass sie diesen Körperteil verfluchte. Als sie sich von diesem Fluch lossagte, verschwanden die Knoten. Viele Menschen sagen abscheuliche Dinge über sich selbst oder über bestimmte Körperteile. Oft verhilft der Widersacher diesen Worten zu Kraft und so werden sie zu Flüchen. 7. Viele Menschen sind süchtig nach Anerkennung oder leistungsorientiert Wenn wir uns selbst nicht annehmen können, gehen wir davon aus, dass wir auch von anderen nicht angenommen werden, es sei denn, wir tun etwas, das ihre Zustimmung findet. In vielen Fällen sind solche Menschen Getriebene, die sich ewig darum bemühen, 166
etwas zu erreichen, aber von keinem noch so großen Erfolg zufrieden gestellt werden. Viele Menschen, die im Laufe ihres Lebens große Erfolge errungen haben, scheinen in der Tat durch tiefe Gefühle der Wertlosigkeit und Unzulänglichkeit dazu angespornt worden zu sein. Solche Menschen wachsen oft mit dem Empfinden auf, ihre Eltern würden sie nicht lieben, wenn sie nicht etwas Bedeutendes vollbringen. Sie haben das Gefühl, niemals von ihren Eltern Liebe dafür erfahren zu haben, wer sie sind, sondern nur dafür, was sie erreicht haben. Ihre Eltern haben sie vielleicht mitunter begeistert gelobt, aber eben nur für ihre Errungenschaften und niemals grundlos, nur um ihrer selbst willen. Als Folge davon werden sie in Leistungsorientierung getrieben und der Maßstab wird immer daran angelegt, »was andere darüber denken«. Damit messen sie alles, was sie tun. Eine Frau, der wir den Namen Jean geben wollen, erzählte, wie ihre Mutter die Zeugnisse ihrer Kinder als ihren eigenen Leistungsschein darüber betrachtete, ob sie eine gute Mutter sei oder nicht. Das machte Jean und ihre Geschwister zur Zeugniszeit immer sehr ängstlich, weil sie befürchteten, dass sie ihre Mutter enttäuschen und entmutigen könnten. Darum arbeiteten sie hart, um durch gute Noten ihre Anerkennung zu gewinnen und zu behalten. Jean ist inzwischen verheiratet und lebt seit mehr als 20 Jahren nicht mehr bei ihrer Mutter. Die Briefe ihrer Mutter zeigen jedoch immer noch, wie notwendig es für diese ist, in ihren mütterlichen Fähigkeiten bestätigt zu werden. Sandra Wilson schreibt in ihrem Buch Released from Shame (»Befreiung von Schuldgefühlen«): »Lob ohne positive Bestätigung stellt die Leistung in den Mittelpunkt, aber nicht die Persönlichkeit. Wenn Sie auf diese subtile Art falsch behandelt wurden, fühlen Sie sich vielleicht irgendwie hohl, weil Ihre Eltern nur vorzeigbare Leistungen betonten, aber Ihre innere Entwicklung vernachlässigten. Es kann sein, dass Sie sich nicht so sehr als ein menschliches Wesen erleben, sondern mehr als einen menschlichen ›Macher‹. In solchen Familien kann man oft folgende Sätze hören: ›Mama liebt Susie, wenn sie ihre Spielsachen so brav aufräumt!‹ Oder: ›Ich war niemals stolzer auf dich, Dan, als an dem Tag, an dem du es in die Bundesliga geschafft hast.‹ Vielleicht ist auch eine Variante des Familienmottos zu hören: ›Was, nur der zweite Platz?‹«4
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