Man hรถre und staune! Mutmach-Geschichten Zusammengestellt von Sabrina Finke
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© der deutschen Ausgabe 2011 SCM Collection im SCM-Verlag GmbH & Co. KG . Bodenborn 43 . 58452 Witten Internet: www.scm-collection.de; E-Mail: info@scm-collection.de Umschlaggestaltung: Marion Lüchtenborg, Oldenburg Titelbild: © veida – Fotolia.com Satz: Satz & Medien Wieser, Stolberg Druck und Bindung: CPI – Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany ISBN 978-3-7893-9464-5 Bestell-Nr. 629.464
Inhalt Teil I: Kulinarisch Dorothee Dziewas: Auf die Füllung kommt es an – Was wirklich wichtig ist . . . . . . . . . . 5 Gerhard Fischer: Gesunder Appetit . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Dexter Nieswiodek: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein . 12 Jan Vering: Frühstück im Bett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 Teil II: Tierisch gut Marilyn Meberg: Sei kein Frosch! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Noor van Haaften: Roseboos und Ramsebams . . . . . . . . . . Dale Hanson Bourke: Sparen für eine Ziege . . . . . . . . . . . Peter Strauch: Hummelflug . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Friederike Tegge: Wie eine Katze in der Sonne . . . . . . . . . . Jürgen Werth: Oma und die Tierwelt . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Teil III: Lach mal wieder! Marilyn Meberg: Verkehrsballett . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pam Vredevelt: Klopapier vom Himmel . . . . . . . . . . . . . . . Gerhard Fischer: Die kalte Dusche . . . . . . . . . . . . . . . . . Noor van Haaften: Das chinesische Interview . . . . . . . . . . Walter Feldkirch: Tönjes – der Medizinmann aus Ostfriesland Dexter Nieswiodek: Komm, lass uns gehen . . . . . . . . . . . . Jörg Swoboda: Kinderlachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Teil IV: Engel auf Erden Barbara Johnson: Keine Hintergedanken . . . . . . . . . . . . . . Jürgen Werth: Wer nicht staunt, kann nicht sehen . . . . . . . . Walter Feldkirch: Daniel sieht einen Stern . . . . . . . . . . . . . Ansgar Hörsting: 1,25 $ – das hat gepasst . . . . . . . . . . . . .
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Albrecht Gralle: Engelhafte Einwände . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Mike Yaconelli: Lisa: Das Mädchen, das Verlierer zu Gewinnern machte . . . . . . . . . . . . . . . . . . 72 Teil V: Gott im Alltag Pam Vredevelt: Hoffnungssamen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Albrecht Gralle: Die wunderbaren Schaufenster . . . . . . . . . Tamara Hinz: Schön, dass du da bist! . . . . . . . . . . . . . . . . Albrecht Gralle: Lachhafte Übertreibungen . . . . . . . . . . . . Shauna Niequist: Der schönste Moment des Sommers . . . . . .
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Teil VI: Wesentlich Wieland Schmid: Der Brückenbauer . . . . . . . . . . . . . . . . . Shauna Niequist: Altes Haus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Luci Swindoll: Es ist später, als du glaubst . . . . . . . . . . . . . Jürgen Werth: Overnewsed, but underinformed . . . . . . . . . . Shauna Niequist: Cents . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gottfried Müller: Gott feiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Quellennachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
Gerhard Fischer
Die kalte Dusche u Beginn der Siebzigerjahre gab es in Ostdeutschland Z auch schon ganz moderne Hotels, »Interhotels« genannt. Ich besuchte zwischen Weihnachten und Neujahr die in Magdeburg ansässigen Artisten, die ich sonst das ganze Jahr über nicht antraf, weil sie im »sozialistischen Ausland« arbeiteten. Das Hotel war in dieser besonderen Zeit fast leer und darum auch preiswert. Warum sollte ich mir bei den sonst so primitiven Übernachtungen nicht auch einmal diesen Luxus leisten? Aber ach! Als ich das Zimmer im 6. Stock betrat, musste ich feststellen, dass es außer dem Bett zwar einen Tisch, jedoch keinerlei Sitzgelegenheit gab. Ich telefonierte mit der Portiersfrau und fragte sie ganz vorsichtig, warum es im Zimmer keine Stühle gäbe. Ihre Antwort: »Weil wir sie aus allen Zimmern in den Saal getragen haben. Dort werden sie für die Silvesternacht gebraucht.« Das war einzusehen. Die Übernachtungsgäste konnten am Tag im Zimmer stehen und nachts liegen. Echter Luxus im »Interhotel«! Ich kam am Abend spät ins Hotel zurück. Da ich sehr zeitig bei Artisten Abendbrot gegessen hatte, meldete mein Magen schon wieder Appetit an. Auf der Service-Karte hatte ich am Morgen gelesen, dass auch im Zimmer serviert würde. Wenn schon, denn schon! 40
Ich suchte mir auf der Speisekarte eine Kleinigkeit aus und gab meine Bestellung telefonisch auf. Der Koch ließ mich gar nicht ausreden. »Warme Küche ist nicht mehr!« – Tut – tut – tut. Er hatte eingehängt. Ich wählte seine Nummer neu an. »Gehört auch Tee zur warmen Küche?« »Nein.« »Dann bringen Sie mir bitte einen Tee auf mein Zimmer.« »Für ein Glas Tee kommen wir nicht aufs Zimmer!«Tut – tut – tut. Er hatte eingehängt. Ich wählte neu. »Wenn ich zum Tee ein Käsebrot nach der Speisekartennummer 27 bestelle, lassen Sie es mir dann bringen?« »Ja.« »Dann also bitte auf Zimmer 608. – Danke!« Ich wartete zehn Minuten, zwanzig Minuten, dreißig Minuten! Eine Turmuhr schlug elfmal. Ich wählte neu. »Hier Zimmer 608. Ich warte noch immer auf den Tee und das Käsebrot.« »Also, ein bisschen Geduld müssen Sie schon aufbringen. Wir haben so wenig Personal, dass wir die Arbeit nicht schaffen.« »Soll ich dann lieber runter ins Restaurant kommen?« »Um Himmels willen, nein! Wir haben schon alle Tische für morgen eingedeckt.« Tut – tut – tut. Er hatte eingehängt. 41
Es verstrichen noch einmal 15 Minuten. Es klopfte. »Herein!« Ein Kellner betrat mein Zimmer, der mich sehr an den Komiker Theo Lingen erinnerte. Auf seinem Tablett balancierte er eine Flasche Mineralwasser und eine Weißbrotscheibe mit Salami. Er stellte das Essen auf den Tisch. »Wenn ich jetzt auch noch einen Stuhl hätte, brauchte ich nicht im Stehen zu essen.« »Nehmen Sie sich das Essen doch auf den Nachttisch. Dann können Sie auf dem Bett sitzen.« »Eigentlich hatte ich ja ein Käsebrot und Tee bestellt.« »Nach 23 Uhr servieren wir auf den Zimmern eigentlich überhaupt nicht mehr. Soll ich es wieder mitnehmen?« »Nein, nein. Ich bin ja schon zufrieden. Vielen Dank!« Immerhin stand noch die Dusche vor dem Schlafengehen in Aussicht. Sie sollte mir ein Genuss werden. Daheim hatten wir so etwas nicht und im Zirkus gab es so etwas erst recht nicht. Ich begann zu singen, da ich weder unter noch über noch neben mir Hotelgäste wusste: »Ich sing den Badewannentango, Badewannentango bei mir zu Hause, unter der Brause ...«, zog mich aus, hüpfte durch Zimmer, Flur und Bad unter die Dusche, fand dort aber nur einen Wasserhahn. Den drehte ich auf und wurde auch gleich nass – das Wasser war kalt. Wo war der Hahn für das heiße Wasser? Ich konnte ihn nirgends entdecken. Ja, »Interhotels« waren etwas ganz Modernes. Es lag also gewiss nur an meiner Dummheit, die solche moderne Technik nicht begriff. 42
Ich drehte den Hahn ganz auf, halb zu, halb auf, ein Viertel zu, ein Viertel auf, schnell auf, langsam auf, schnell zu, langsam zu, ruckweise auf, ruckweise zu. Ich fror erbärmlich, denn immer hatte sich ein Strahl kaltes, inzwischen eiskaltes Wasser über mich ergossen. Tropfnass wie ich war, eilte ich ans Telefon. »Hier Zentrale.« »Hier Zimmer 608 – Fischer. Können Sie mir sagen, wie ich unter der Dusche zu warmem Wasser komme?« »Freilich kann ich das. Sie müssen nur den Hahn etwas gefühlvoll drehen, dann kommt erst kaltes, dann warmes, dann heißes Wasser.« Ich tropfte zur Dusche zurück und drehte den Hahn gefühlvoll – versuch das mal vor Kälte zitternd, denn auch die Heizung war inzwischen kalt –, Windung für Windung. Doch so viel Gefühl ich auch anwandte, das Wasser blieb eisig. Konnte denn ein Mensch so dumm sein wie ich, dass er es nicht einmal verstand zu duschen? Ich schämte mich vor mir selber. Doch auch die Scham entlockte der Dusche kein warmes Wasser – keinen einzigen Tropfen. Nur mein Temperament kochte. Du hättest ein geschlachtetes Schwein darin abbrühen können. Ich hielt mir eine Strafpredigt. »Du kannst abtreten. Wer zu blöde ist, einen Wasserhahn zu bedienen, der sollte nicht in der Weltgeschichte herumfahren. Auf der ganzen Erde gibt es keinen Dümmeren als dich! Wenn du jetzt noch einmal in der Zentrale anrufst und dort erklärst, dass du trotz der gegebenen Gebrauchsanweisung unter kaltem Wasser stehst, schicken die keinen 43
Klempner hierher, sondern einen Arzt; du Blödmann – du Trottel – du Versager!« Ich hatte während meiner Strafpredigt den Hahn zugedreht. Nachdem ich durchs Schimpfen ein wenig Dampf abgelassen hatte, war ich in Versuchung, es mit einem Gebet zu probieren. Wenn Gott durch einen kräftigen Schlag mit Moses Spazierstock frisches, klares, kaltes Wasser aus dem Felsen fließen ließ, warum sollte dann nicht auch durch das törichte Gebet einer technischen Niete warmes Wasser aus der Dusche brausen? Das hatte mir noch gefehlt. Das Telefon klingelte! Wer wollte denn jetzt etwas von mir? Ich tropfte mich zitternd bis zum klingelnden Kasten. »Hier Zimmer 608, Fischer. Wer da?« »Hier die Zentrale. Herr Fischer, ich erfahre gerade vom Hausmeister, dass es beim warmen Wasser einen Rohrschaden gegeben hat. Es läuft bis morgen Mittag nur das kalte Wasser.« »Sie machen mich glücklich! Vielen Dank für Ihren Anruf.« Was wird die Frau wohl gedacht haben? Andere schimpfen und ich bedanke mich für das kalte Wasser. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ihre Mitteilung mir klarmachte, dass ich mich für dümmer gehalten hatte, als ich in Wirklichkeit bin! Nun würde ich also auch nicht beten; denn ein so großes Wunder, dass trotz des Rohrschadens aus der Kaltwasserleitung heißes Wasser fließt, wollte ich Gott nicht zumuten. Ich trocknete mich ab, sprang ins Bett, dankte meinem Vater im Himmel für so viel Güte und schlief ein in dem herrlichen Gefühl, nur begrenzt dumm zu sein. 44