Otto Stockmayer
Die Gnade ist erschienen Tägliche Andachten
Als Andachtsbuch zusammengestellt von Alfred Roth
Verlag Dr. R.-F. Edel • Lüdenscheid
Zum Geleit Ein bisher unübertroffener ‘Oldtimer’ wird hier wieder aufgelegt, das Andachtsbuch von Otto Stockmayer, dem apostolischen Vater in der Erweckungsbewegung. Es ist ein anspruchsvolles Buch, nicht so sehr für den Menschengeist, aber für das Herz. Nur Jesus Liebende werden durch den Heiligen Geist einen direkten Zugang zum Inhalt bekommen. Für solche ist das Buch ein Geschenk vom Himmel. Nicht nur, daß Hilfe in geistlichen Nöten und im Alltag erfahren wird, sondern auch Mut und ‘Kraft aus der Höhe’ für die Anfechtungen und geistlichen Durststrecken, Schmerzen und Leiden werden vermittelt. Stockmayer hat selber das Leben durchlitten und mit Jesus gelebt. So kann er durch seine innige Gemeinschaft mit Jesus Kräfte der zukünftigen Welt vermitteln. Jedem einzelnen Christen ‘die Seine Erscheinung lieb haben’ sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Es führt aus dem ‘Kindesalter’ zum ‘Mannesalter’. Wir lesen es immer abwechselnd mit dem Buch von Oswald Chambers ‘Mein Äußerstes für Sein Höchstes’. Reiner-Friedemann Edel
13. Auflage 2011 ISBN-13: 978-3-87598-521-4 ISBN-10: 3-87598-521-4 © 2007 Verlag Dr. R.-F. Edel, Lüdenscheid Umschlagfoto: „Golden valley“ © Christas Vengel Gesamtherstellung: CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice
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Aus dem Vorwort zur dritten Auflage Als im Jahre 1923 Herausgeber und Verleger an die Bearbeitung und Drucklegung dieses Andachtsbuches gingen, lagen die dunkelsten Wolken der damaligen wirtschaftlichen Zustände unseres Volkes – der Geldentwertung – über dem begonnenen Werk. Mit jeder neuen Seite, die dem Buch zugesetzt wurde, rückte gleichsam das „Unmöglich” unseres Unternehmens drohend und lähmend näher. Aber wir hatten im Glauben angefangen, und diese schlichten Andachten, die nachher vielen Tausenden zum Segen geworden sind, machten unsere Herzen stark, im Vertrauen auf den, “dem kein Ding unmöglich ist”, weiterzuarbeiten. Und siehe da, als die letzte Hand angelegt und der stattliche Band fertiggestellt war, da war auch das Wort der Psalmen erfüllt worden: „Der Herr wird’s versehn!” Der neuen Auflage weiß ich nichts Besseres mitzugeben, als was ich bei dem ersten Erscheinen als Vorwort schrieb, jene Erinnerung an den teuren Knecht Gottes, die so ganz sein innerstes Wesen, die Art seines Dienstes, die Tiefe seines Glaubens kennzeichnet: „Es war in der Zeit des Weltkrieges. An einem stillen Ort waren Vertreter der Gemeinde des Herrn in Deutschland zusammengekommen zur Beratung über ernste Fragen des Reiches Gottes, ein kleiner Kreis kampferprobter Männer, unter ihnen Pfarrer Otto Stockmayer aus Hauptwil, der die weite Reise aus der Schweiz unter den schwierigsten Verhältnissen der Kriegszeit nicht gescheut hatte, seinen Brüdern in Deutschland einen Dienst zu tun. Er saß in großer Hinfälligkeit des Leibes in seinem Lehnstuhl am Fenster, und manchmal schien es, als mache die körperliche Schwachheit es ihm unmöglich, den Verhandlungen zu folgen. Die Stunde war ernst. Der Krieg hatte bereits lange genug gedauert, um den Männern, die zusammengekommen waren, klar zu zeigen, daß es sich nicht nur um ein vorübergehendes Unwetter, sondern um die Einleitung einer neuen Weltepoche handelte, in der der Fürst der Welt, ehe er hinausgeworfen wird, den Ring um die Erde fester schloß (Offb. 12, 12). Man sah den Dingen offen ins Auge und suchte die Zeichen der Zeit zu verstehen. Es kam zu einer Aussprache über erschütternde Erfahrungen satanischer Wirksamkeiten, die einzelne der Anwesenden im Dienst gemacht hatten. Jede neue Situation hat zuerst
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immer etwas Bedrückendes und Verwirrendes, auch für Leute, die den Kampf gewöhnt sind. Es war etwas zu spüren von jener Atmosphäre, die sich seitdem öfter in bangen Augenblicken auf treue Diener Gottes gelegt hat, als wollte sie ihre geistlichen Lungen lähmen. Es war, als ob der Satan jedem ins Ohr raunte: ,Laßt ab am Werk, ihr kommt doch gegen mich nicht auf! Ich habe zu viel Bollwerke auf der Stätte, die euer Kampfplatz ist. Seht, wie ich diesem, der jetzt unter euch sitzt, die Körperkraft, die Nervenkraft zerbrochen und ihn lahmgelegt habe zum Dienst! Seht, wie ich diesem dort in der Familie, bei Weib und Kind, Hindernisse in den Weg hineingestellt habe, wie ich die, an denen ihr arbeitet, mit anderen Dingen ausfülle, daß sie unempfänglich werden für die Botschaft, die ihr ihnen bringt! Ich bin es, der sich euch in den Weg stellt, aber ihr sollt es beileibe nicht merken, daß ich es bin; ihr sollt es mit tausend drückenden, quälenden, zermürbenden Einflüssen zu tun haben, die ihr nicht auf klare Ursachen zurückführen könnt; die Sache soll euch über den Kopf wachsen; ihr sollt zuletzt innerlich ungewiß und wankend werden, dann habe ich gewonnenes Spiel.’ Es wurde still in dem Bruderkreis. Der Atem der Männer ging schwer. Die Gesichter drückten Todesangst aus. – Da erhob sich aus seiner Fensterecke im Sessel die zusammengesunkene Gestalt Stockmayers. Unter seinen verwitterten Augenbrauen zuckte es wie ein Blitz hervor. Knapp, scharf, klar fielen wenige Worte aus seinem Mund in die beängstigende Stille hinein – wie die Instruktion eines schlachtgewohnten Feldherrn an seine Truppenführer: ,Brüder, je tiefer eine Not, desto tiefer greift man hinein in den Reichtum des Evangeliums: Fürchte dich nicht, Ich habe dich erlöst: Der uns erlöst hat und der deshalb in Wasser und Feuer bei uns ist, hält in Seiner Hand den Schlüssel für jede Situation, auch für die erschütterndste.’ – Da war es, wie wenn die Nebelwand vor uns zerrisse. Wir sahen wieder den Grund, auf den unser Leben und unsere Lebensarbeit gestellt war –, den Grund, der diamanten ist’. Wir gingen auf die Knie, und es blieb uns nur eins: anbetend zu rühmen: „O Du Lamm Gottes, Du hast auf Golgatha herrlich gesieget! Amen, Halleluja!” *
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Warum stehen obige Sätze als Vorwort über dem Andachtsbuch „Die Gnade ist erschienen”? Wir danken es dem teuren Gottesmann, dessen Leben nun abgeschlossen vor uns liegt, daß er bis in den Tod hinein seiner Sache so gewiß gewesen ist. Er wußte, an wen er glaubte. Er nahm das Wort von dem absoluten Sieg Jesu, von der allgenugsamen Gnade so, wie es gegeben war. In dieser Ganzheit liegt das Geheimnis der tiefgehenden Wirksamkeit der Worte, die er je und je geredet und die über sein Grab hinaus in den Herzen von Tausenden seligen Widerhall finden und neuen Mut und neue Zuversicht wecken. Er hat ein scharf geschliffenes Schwert in der Hand gehabt, und dieses Schwert hat er sich nicht nehmen, auch nicht ihm die Spitze abbrechen lassen. – Die Stunde scheint gekommen zu sein, dieses Schwert – in der Form neu geschmiedet – wiederum in den Kampf hineinzuwerfen. Der Kampf ist heißer entbrannt denn je. Der konzentrierte Angriff der Finsternismacht richtet sich auf die Gemeinde Christi. Das soll der Zweck des vorliegenden Andachtsbuches sein: aufweckend, die innere Stellung des Lesers klärend, mit den Müden redend zur rechten Zeit, mitzuhelfen, die Gemeinde auszurüsten, den Kampf zu bestehen, der nur bestanden werden kann, indem man sein Vertrauen allein setzt auf die Gnade, die erschienen ist (Tit. 2, 11–14), und seine Hoffnung allein auf die Gnade, die neu angeboten wird mit der Offenbarung Jesu Christi (l. Petr. l, 13). Kassel-Wilhelmshöhe, Pfingsten 1931
Der Herausgeber
Anmerkung des Herausgebers: Das Andachtsbuch ist zusammengestellt – außer aus zahlreichen noch unveröffentlichten persönlichen Aufzeichnungen nach Andachten im Schloß Hauptwil und Konferenzvorträgen Pfarrer Otto Stockmayers – meistens aus seinen älteren Schriften, deren Neuherausgabe kaum mehr erfolgen kann. – Zur Ergänzung einzelner Andachten ist mit gütiger Erlaubnis des Verlagshauses der Deutschen Zeltmission, Geisweid i. W., auf die Schrift „Mit dem Geist erfüllt” zurückgegriffen worden. Der Verlag
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Es ist erschienen die Gnade Gottes zur Errettung für alle Menschen, und sie erzieht uns, daß wir verleugnen die Gottlosigkeit und die weltlichen Begierden und züchtig, gerecht und fromm leben in der gegenwärtigen Weltzeit und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Erretters CHRISTUS JESUS, Der Sich Selbst für uns hingegeben hat, auf daß Er uns erlöste von jeglicher Ungesetzlichkeit und für Sich reinigte ein Eigentumsvolk, das eifrig sich bemühte um gute Werke. Titus 2, 11–14
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Inhalt Die Gnade ist erschienen................................................................................. 9 Durch Gericht zum Frieden........................................................................... 17 Durch Gericht zur Gnade .............................................................................. 29 Alles in Christus ............................................................................................ 41 Sendschreiben an die Gemeinde zu Laodizea ............................................... 65 Pharisäische und wirkliche Gerechtigkeit ..................................................... 71 Der Knecht des Herrn.................................................................................... 73 Die eherne Schlange...................................................................................... 92 Kreuzesherrlichkeit ....................................................................................... 97 Siehe, das ist Gottes Lamm!........................................................................ 105 Das Lebensbuch des Lammes ..................................................................... 122 Danksagung für das Werk der Erlösung...................................................... 127 Mit Christus gestorben und auferstanden .................................................... 137 Der auferstandene Heiland und Seine Jünger.............................................. 146 Der Leib Christi........................................................................................... 150 Die Gabe des Heiligen Geistes .................................................................... 169 Werdet voll Geistes!.................................................................................... 183 Geistesleitung .............................................................................................. 194 Treue gegen den Heiligen Geist .................................................................. 206 Betrübet nicht den Heiligen Geist ............................................................... 208 Zu Jesu Füßen ............................................................................................. 211 Still und demütig sein.................................................................................. 224 Bethel und Pniel .......................................................................................... 238 Glaube und Vertrauen ................................................................................. 254 Die Schule der Gnade.................................................................................. 281 Das Gesetz der Freiheit ............................................................................... 319 Ungefärbte Bruderliebe ............................................................................... 327 Das Gebet des Herrn ................................................................................... 336 Anbetung ..................................................................................................... 381 Zum Reformationsfest................................................................................. 391 Familien- und Berufsleben zur Ehre des Herrn ........................................... 394 Der Adventstrost ......................................................................................... 436 Das Kommen des Herrn .............................................................................. 448 Das Weihnachtsevangelium ........................................................................ 468 Das unerschütterliche Reich........................................................................ 476 Verzeichnis der Bibelstellen........................................................................ 484
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Die Gnade ist erschienen
Die Gnade ist erschienen 1. Januar Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und züchtigt uns, daß wir sollen verleugnen das ungöttliche Wesen und die weltlichen Lüste und züchtig, gerecht und gottselig leben in dieser Welt und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unsers Heilandes, Jesus Christus, der Sich Selbst für uns gegeben hat, auf daß Er uns erlösete von aller Ungerechtigkeit und reinigte Sich Selbst ein Volk zum Eigentum, das fleißig wäre zu guten Werken. Tit. 2, 11–14 Zu Beginn des neuen Jahres wollen wir uns und unser inneres und äußeres Leben unter das große Zentralwort der Heiligen Schrift stellen, das in den obigen Versen enthalten ist. In diesem Wort liegt das ganze Evangelium: Christus für uns und wir für Christus. Wir haben hier die allen Menschen Heil und Rettung bringende Gnade, die Gnade, die den einzelnen unterweist und erzieht, heiligt und für die Erscheinung Jesu Christi vollendet, die Gnade in ihrer Fülle und Herrlichkeit. „Die Gnade ist erschienen.” Sie ist die Offenbarung der unverdienten, freien Barmherzigkeit Gottes (Eph. 2,4), die den gefallenen Menschen nicht in seiner Verlorenheit lassen kann. Sie steigt hinab in die Tiefen der Sünde und Gottlosigkeit des Menschen, um ihn wieder emporzuheben zu Gott. Diese rettende Gnade ist verheißen und vorgebildet durch das ganze Alte Testament; sie erschien auf der Erde mit der Geburt des Kindleins Jesus in der Krippe zu Bethlehem. Das war der Aufgang aus der Höhe, um denen zu leuchten, die da saßen in Finsternis und Todesschatten, und ihre Füße zu richten auf den Weg des Friedens (Luk. l, 78.79). Solches hatte das Gesetz nicht zustande bringen können; die Gnade hat’s ausgerichtet. Wie der Himmel die ganze Erde überwölbt, so umfaßt die Gnade die ganze Menschheit. Es ist ein köstlich Ding, ein Evangelium predigen zu dürfen, das für alle Menschen ist und das volle Genüge bringt für jeden, welches auch sein Stand und seine Verhältnisse seien, seine Art und Anlage oder seine Sünde und Gebundenheit. Die Gnade faßt ei9
Die Gnade ist erschienen nen jeden da an, wo er gerade ist; sie setzt da ein, wo keine Menschenhand mehr helfen kann, ja wo der Sünder an sich selbst verzweifelt. Die Gnade bringt Heilung und Hilfe für alle Schwachheiten und alle Mängel, sie hat Vergebung und Tilgung für jede Schuldenlast, und wäre sie seit Jahrzehnten angehäuft, zurückgehend bis in die Kindheit, bis zum Erwachen des ersten Bewußtseins. Er hat Sich Selbst für uns alle gegeben (V. 14), um unsere Schulden zu bezahlen, um uns loszukaufen von aller Gottlosigkeit. 2. Januar Tit. 2, 11; Luk. 19, 1–10
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In Zachäus tritt uns ein Mann entgegen, an dem die erschienene Gnade wirksam gewesen ist. Er war weder blind noch aussätzig noch arm wie die anderen, die Jesus heilte, als Er umherzog (Apg. 10, 38). Von einem viel tieferen Schaden mußte Jesus ihm helfen: er konnte von seinem Reichtum nicht loswerden. Liest man die kurze Geschichte des Zachäus, so merkt man, daß es bei ihm durch harte innere Kämpfe gegangen sein muß. Sein mit Unrecht erworbenes Gut hat ihn gedrückt. Wie manches Mal mag er sich gefragt haben: Wieviel muß ich drangeben, bis Gott zufrieden ist?, und er hat es nicht fertiggebracht. Es kommt eine Stunde im Leben, und wäre es auf dem Sterbebett, wo dich alles drückt, was dir Gott nicht zugedacht hat, was du mit Unrecht an dich gerissen – und das ist nicht immer bloß Geld. Zachäus, als er von Jesus hörte, mag sich gefragt haben: wer weiß, ob dies nicht der Mann ist, der auch mir helfen, der mir von meinem Reichtum helfen könnte! Als nun Jesus nach Jericho zog, wollte er Ihn sehen und suchte sich einen geeigneten Platz, wo er Ihn ungestört beobachten konnte. Es kommt jetzt noch mancher in Versammlungen, um zu beobachten, und schon manchem wurde in einer solchen Stunde eine für die Ewigkeit entscheidende Begegnung mit dem Herrn zuteil. So ging es dem Zachäus. Jesus steht still unter dem Baum und ruft ihn. Sein Vater wollte Ihm diese Seele geben auf Seinem letzten Gang durch Jericho. Er zeigte 1
Die nicht wörtlich angegebenen Bibelabschnitte bitte nachlesen.
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Die Gnade ist erschienen und nannte Ihm den Mann. „Ich muß heute in deinem Hause einkehren.“ Wenn Jesus durch eine Tür in ein Haus einkehrt, so muß die Sünde zur anderen hinaus. Jesus und die Sünde können nicht unter einem Dach wohnen. Seine Anwesenheit im Haus des Zachäus zerreißt in einem Augenblick die Kette, die den Mann gebunden hatte. Er ordnete alles in königlicher Weise und ist frei, seinem Gott zu dienen, „eifrig in guten Werken“ (Tit. 2, 14). Die Gnade bringt Lösung, Licht und Freiheit; sie bringt frische Himmelsluft in ein ganzes Haus. Und du, der du vielleicht noch nicht gewagt hast, mit deinem Schaden ans Licht zu kommen und dich noch vor der suchenden Gnade deines Heilands versteckt hältst wie Zachäus im Baum, komm und öffne Ihm Herz und Haus! Er löst dich von der Vergangenheit und ihren Banden, von eingewurzelten Gewohnheiten, hebt dich aus tief gegrabenen Geleisen; Er macht alles neu. Er schafft einen Weg für dich, unbefleckt hindurchzukommen durch die Ungerechtigkeit dieser Welt; Er schafft einen Boden, auf dem du mit deinem Gott leben und Ihm dienen kannst – und das „in der gegenwärtigen Weltzeit“, in einer Welt, in welcher der Faden des Betrugs und der Ungerechtigkeit sich durch allen Verkehr hindurchzieht. 3. Januar Lasset uns mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe! Hebr. 4, 16 Luther übersetzt hier so schön: „Auf die Zeit, da uns Hilfe not sein wird.” Wie der Vater die Sünde aller Geschlechter auf Seinen Sohn legte, so legt Er auf den Heiligen Geist den Lebensgang und die Lebensführung jedes einzelnen Erkauften, zur Ausgestaltung dessen, was Jesus für uns erwarb. Der Heilige Geist ist es, der uns „unterweist, daß wir, die Gottlosigkeit und die weltlichen Lüste verleugnend, besonnen und gerecht und gottselig leben in dem jetzigen Zeitlauf” (Tit. 2, 12). „Das ist nicht möglich, das bringe ich nicht fertig”, sagt das eigene, schwache Herz. Vergiß nicht, daß du ein Kind der Gnade bist! Es ist Gnade vorhanden für dein inneres Leben, genügend für jede Gebundenheit, mächtig, in die Zucht zu nehmen, was aller Zucht von deiner Seite gespottet hatte, Zunge und Auge, Phantasie und Gedanken, 11
Die Gnade ist erschienen Stimmung und Eindrücke. „Die Gnade züchtigt uns”, übersetzt Luther. Und ebenso ist Gnade vorhanden für dein äußeres Leben, genügend für jedes Tages Last und Aufgabe. Dein Gott ist kein harter Herr; Er weiß, was für ein Gemächte du bist, und Er verrechnet Sich nicht in dem, was Er von dir fordert. Vielleicht bist du von hemmenden und lähmenden Einflüssen umgeben; du brauchst, um in solcher Stickluft nicht zu verkümmern, einen ganzen Heiland, brauchst fortwährend Luft- und Lebenszufluß aus Gottes Wort. Da erfährst du auf Schritt und Tritt, was du an der Gnade hast. Die Gnade ist erschienen und scheint, Heil bringend, allen Menschen, aber nirgends heller als im Dunkel, auf einsamem Pfad. Sie füllt alle Lücken aus und deckt alle Mängel, auch unverschuldeten Mangel an brüderlicher Gemeinschaft, die doch an sich so unentbehrlich ist für die Reifung eines gesunden Geisteslebens. Wer in einer laodizäischen Gemeinde steht, nicht durch eigene Wahl (im Geiste Lots), sondern durch göttliche Führung – und gewiß dann auch mit entsprechender göttlicher Ausrüstung –, der lernt da seinen Gott kennen wie kaum woanders. Da heißt es: „Täglich (ja stündlich) harre ich Deiner”, und den auf Ihn Harrenden führt der Herr von Gnade zu Gnade in die Fülle Seines Lebens hinein. Die Gnade führt das Regiment, sie macht der Sklaverei ein End’, besiegt Gesetz und Sünden. Drum, willst du frei und fröhlich sein, laß Jesum und die Gnade ein, so kannst du überwinden. Seelen-Quälen, Sündenkräfte, Nachtgeschäfte, all desgleichen muß der starken Gnade weichen. 4. Januar Die da halten über dem Nichtigen, verlassen ihre Gnade.
Jona 2, 9
Dies überaus ernste Wort ist dem Gebet entnommen, das der Prophet Jona aus unheimlicher Tiefe, aus dem Bauch des Fisches, zu Gott emporsandte. Die englische Bibel übersetzt: „Die da schauen auf lüg12
Die Gnade ist erschienen nerische Eitelkeiten, verlassen ihre Gnade.” Wie dem Propheten Jona eine besondere Gnade zugedacht war für seine Aufgabe, so hat der Herr für jedes Kind Gottes eine besondere Gnade „nach dem Maß der Gabe Christ” (Eph. 4, 7 ff.) für seine besondere Aufgabe und Stellung am Leibe Christi. Das Wort des Jona scheint mir sehr bedeutsam. In tiefster Abgeschlossenheit und Stille wacht das Bewußtsein in ihm auf: Ich habe meine Gnade verleugnet, habe sie weggeworfen, als ich mich erschrecken ließ durch die Botschaft meines Gottes an die große Stadt. Was ist Ninive mit all seinem Glanz vor dem lebendigen Gott? mußte sich Jona nun sagen. Auf „Nichtiges”, auf „lügnerische Eitelkeiten” achtet, wer sich beeinflussen, erschrecken oder anziehen läßt von Dingen, die nicht wirklich und wesenhaft bestehen, die, wenn man ihnen nähertritt, in Schatten sich auflösen, Scheinfiguren, Scheinmächte, die uns weder helfen noch schaden können. Auf allem Sichtbaren ruht ein falsches Licht. Jona hatte in diesem Licht gesehen, nun sieht er in göttlichem Licht, und er erkennt die „lügnerische Nichtigkeit”, durch die er sich hat betören lassen, seine Gnade zu verlassen. Jedes Glied am Leibe Christi ist, wie oben gesagt, Verwalter einer besonderen Gnade Gottes (1. Petr. 4, 10), ob sie aus einem oder aus zehn Pfunden bestehe, und da gilt es, treu zu sein (l. Kor. 4, 1.2) und auszuharren. Unser Gott ist ein Gott aller Gnade (l. Petr. 5, 10). Paulus sagt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus” (Phil. 4, 13). Eine überwundene Welt liegt vor dir (Joh. 16, 33); aber ohne „Verleugnung” kommst du nicht hindurch. Entweder du verleugnest dich selbst und die eitlen Nichtigkeiten, die sündlichen Lüste und Verzagtheiten, oder du verleugnest deine Gnade. Die da halten über dem Nichtigen, verlassen ihre Gnade.
5. Januar Jona 2, 9
Was für besondere Dienstleistungen im Reich Gottes gilt, das gilt auch für besondere Lebenslagen und Aufgaben, bis ins kleinste hinein. Wo Gott ruft, da ebnet Er auch den Weg, sei es für eine wichtige Entscheidung oder für eine schwere Krankenpflege, für ein Examen, für besondere Haushaltungsarbeiten, für eine beschwerliche Reise oder 13
Die Gnade ist erschienen für eine Zeit der Anfechtung. Vielleicht steht Erdrückendes vor dir, und du blickst mit Bangen auf kommende Tage? Kannst du nicht glauben, daß dein Gott dir außerordentliche Gnade für deine außerordentlichen Aufgaben bereithält? Bist du nicht karg in deinem Vertrauen, so ist Er nicht karg mit deiner Versorgung. Dies gilt von den Dingen, die erschrecken, und gilt von denen, die anziehen und locken können. Mose ließ sich nicht locken von der Herrlichkeit des ägyptischen Königshofes, wie mancher junge Mann sich davon hätte blenden lassen. Er wählte lieber die Schmach des Volkes Gottes. Das war eine ausnahmsweise Probe und Aufgabe; aber dafür hatte Gott auch ausnahmsweise Gnade. Wie in dem Leben eines Mose Gnade und Aufgabe sich decken, so wirst du es in deinem Leben finden. Der leichteste, sicherste Weg, der lieblichste Dienst ist immer der, welchen der Herr dir anweist; denn dafür hat Er immer Gnade. Es sind schon manche ins Gefängnis der Schwermut gekommen, wie Jona in den Bauch des Fisches, und haben dann klagen müssen: Ich habe um nichtiger Eitelkeiten willen meine mir anvertraute Gnade verlassen! Wie manche haben, um einer ihnen lästigen Zucht im Elternhaus oder einer schweren Stellung im Geschäft zu entgehen, eigenwillig sich einen „leichteren” Weg gesucht und haben nachher mit Schmerz und Scham ihre Torheit erkennen müssen! Aber für die alles gutmachende und zum Ziele führende Gnade ist es nie zu spät, wenn nur erst Erkenntnis und gründliche Beugung vorhanden ist. Sprüche 16, 17: „Wer seinen Weg bewahrt, der erhält sein Leben” (Luther) oder (nach anderer Übersetzung): „der behütet seine Seele”. In dem von Gott uns vorgezeichneten und geordneten Weg, für den entsprechende Gnade uns zugesichert ist, bleibt unsere Seele bewahrt; da kommen wir durch, auch in der Versuchung. Wer aber seinen Weg nicht bewahrt, weil er ihm zu schwer dünkt, dessen Seele wird auch nicht bewahrt; es fehlt ihm Glaube und Geduld der Heiligen. Auf selbstgewähltem Weg treten Versuchungen an dich heran, denen du nicht standhalten kannst, für die Gott keine Gnade hat. Da hat dann Verzagtheit und Schwermut eine offene Tür, bis du zur Erkenntnis kommst, Buße tust und dich wieder unter Gottes Leitung stellst, sei es, um in deine frühere Stellung zurückzukehren, sei es, um die Leiden, die du dir auf selbstgewähltem Weg zugezogen, still zu tragen. 14