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Ernst Modersohn Wilhelm J. Oehler Heinrich Jung-Stilling

Wir christlichen Pharisäer und frommen Spießer

Verlag Dr. R.-F. Edel • Lüdenscheid


Inhalt Ernst Modersohn: Eine „große Schande”

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W. J. Oehler: Wir frommen Pharisäer

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W. J. Oehler: Wir frommen Spießbürger oder ‘Spießer’

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Johann Heinrich Jung-Stilling: Die christlichen Pharisäer

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© Verlag Dr. R.-F. Edel, Lüdenscheid ISBN 978-3-87598-307-4

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Ernst Modersohn

„Eine große Schande!” (aus ‘Menschen durch die ich gesegnet wurde’)

Zwischen Sündenerkenntnis und Selbsterkenntnis ist oft ein großer Unterschied. Natürlich können beide zusammenfallen; aber oft ist es noch ein weiter Weg zwischen Sünden- und Selbsterkenntnis. So war es auch bei mir. Sündenerkenntnis hatte ich schon seit Jahren; aber zur Selbsterkenntnis war ich noch nicht gelangt. Das verdanke ich Pastor Jonathan Paul. Gott brauchte ihn dazu, mich zur Selbsterkenntnis zu führen. Dafür bin und bleibe ich ihm dankbar, wenn auch in späteren Jahren unsre Wege auseinandergegangen sind. Es war in den Märztagen des Jahres 1905, da hielt Pastor Jonathan Paul ein paar Tage lang in Mülheim im Lehrsaal in der Meißener Straße Versammlungen. Ich weiß nicht mehr, was er für einen Text hatte und was er darüber sagte. Aber ein Wort seiner Ansprache ist mir unvergesslich geblieben. Er sagte: „Soll ich dir sagen, du Kind Gottes, was dein Leben von deiner Bekehrung an bisher gewesen ist? Ich kann es dir mit drei Worten sagen. Es war – eine große Schande!” Was? Mein Leben eine große Schande? Das war doch ein starkes Wort. Mein ganzes Inneres lehnte sich dagegen auf. Gott fügte es so, dass ich allein nach Hause ging. Wäre ich mit anderen zusammen gegangen, dann würde ich gewiss meiner Kritik dieses Wortes Ausdruck gegeben haben – und ich hätte mich wahrscheinlich um den ganzen Segen desselben gebracht. Wie oft geschieht das, dass auf dem Heimweg der ganze Segen des Wortes weggeschwätzt wird! Gott fügte es auch, dass niemand daheim war, als ich nach Hause kam. So konnte ich mit keinem Menschen über den Eindruck reden, den ich empfangen hatte. Eine große Schande! Das war doch nicht wahr! Mein Leben – eine große Schande? Ja, wenn er gesagt hätte, mein Leben vor der Bekehrung sei eine große Schande gewesen, dann hätte ich dem zugestimmt. Aber nach der Bekehrung – das konnte doch nicht stimmen! Da ich nicht mit Menschen darüber reden konnte, redete ich mit Gott darüber. Ich fragte Gott im Gebet, ob das wahr sei, dass mein Leben eine große Schande gewesen sei. Wie vernichtet war ich, als mir Gott 3


die Antwort gab: Ja, das ist wahr! Und dann erinnerte Er mich an all die Gnadenzüge Seines Geistes, denen ich nicht gehorchte, an alle Aufträge, die Er mir gegeben und die ich nicht ausgeführt hatte, an alle Sünden, die Er mir gezeigt und die ich nicht drangegeben hatte, an all die Untreue, mit der ich Ihn betrübt hatte. Es demütigte mich tief, dass ich erkennen und zugestehen musste, dass mein Leben wirklich eine große Schande war. Aber es ging noch nicht tief genug. Der HErr musste mich noch tiefer führen, mich noch gründlicher zerbrechen. Durch Tage und Wochen ging es, dass Er mit mir redete. Mein ganzes Leben ging Gott mit mir durch, und immer tiefer drückte Er es in meine Seele: Eine große Schande! In jener Zeit wurden öfter in Brieg in Schlesien Zusammenkünfte von Reichgottesarbeitern gehalten, in denen brennende Fragen des religiösen Lebens besprochen wurden. Kurz nach Ostern reiste ich zu einer solchen „Brieger Woche”. Unterwegs saß ich öfter allein in meinem Abteil, und wieder redete Gott mit mir. Auf der Tagesordnung stand ein Thema, das damals viel besprochen wurde: „Hat die erste Gemeinde den Heiligen Geist betrübt?” Es wurde darüber ein kirchengeschichtlicher Vortrag gehalten, der zu dem Ergebnis kam: Nein, die erste Gemeinde hat den Heiligen Geist nicht betrübt, die Entwicklung, welche die Kirche genommen hat, ist von Gott so gewollt. Pastor Stockmayer war gewissermaßen Korreferent. Er redete nur wenige Worte. Er sagte: „Brüder, es kommt nicht darauf an, ob die erste Gemeinde den Heiligen Geist betrübt hat, – es kommt darauf an, ob wir Ihn betrübt haben. Und da gilt es, Buße zu tun, wenn wir den Heiligen Geist betrübt haben.” Es waren nur wenige Worte, leise gesprochen, denn er war sehr leidend und elend in den Tagen; aber diese Worte wurden so vom Heiligen Geist beglaubigt, dass die ganze Versammlung aufs Angesicht fiel. Ein Bruder nach dem andern bekannte, dass er den Heiligen Geist betrübt habe. Es war eine Versammlung von Knechten Gottes, deren Dienst oft von Gott beglaubigt war durch Errettung von Seelen. Und – sie lagen auf dem Angesicht und weinten, dass sie den Heiligen Geist betrübt hatten. Noch nie war ich in so einer Versammlung gewesen.

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Gott zeigte mir mein Herz, wie Er es sah. Und was sah ich? So wie ich’s bisher noch nicht gesehen hatte, auch auf der Reise nach Brieg noch nicht – eine große Schande. Nach langer Zeit trat Pastor Stockmayer wieder auf und sagte: „Brüder, die Predigt des Evangeliums hat zwei Teile. Der erste lautet: Tut Buße! Der zweite aber heißt: Glaubet an das Evangelium!” Da war’s, als ob die Sonne durchs Gewölk bräche. Ich durfte meine Augen aufheben und es glauben: Das Blut Jesu Christi macht mich rein von aller Sünde. Ich gab mich dem HErrn aufs Neue hin zu einem lebendigen Opfer und bat Ihn, es zu entzünden mit dem Feuer Seines Heiligen Geistes. Als ein andrer kam ich zurück

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