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LESE PROBE

STIMMEN ZU DIESEM BUCH

„Wer die biblischen Bücher in ihrem Gesamtzusammenhang besser verstehen möchte, der findet in Die roten Fäden der Bibel entdecken, was er sucht. Marcus Heckerle schafft es, auf wenigen Seiten zu beschreiben, worum es in den einzelnen Büchern geht, wie sie historisch einzuordnen sind und welche Rolle sie in der Bibel spielen. Das macht das Buch auch zur Vorbereitung von Andachten und Bibelarbeiten so wertvoll. Zusätzlich liefert es Exkurse zu relevanten Themen und Literaturhinweise, um tiefer ins Thema einzusteigen.

Besonders beeindruckt war ich davon, wie viel Symbolik darin steckt, was z. B. den Aufbau der einzelnen Bücher und die Verwendung von Zahlen und Begriffen aus dem Urtext angeht. Das fällt beim bloßen Lesen der Bibel selten auf. Immer wieder kommt

Marcus Heckerle begründet zu dem Schluss, dass alles auf Jesus Christus hindeutet.“

Judith Klein, Kindheits- und Gemeindepädagogin

„Dieses Buch ist wie ein Navi für den Dschungel der Bibel. Dabei erweist sich die hebräische Anordnung der Bibelbücher als Eyeopener. Aus dem vermeintlichen Irrgarten wird auf einmal eine durchstrukturierte Gesamtanlage mit Wegen und Querverbindungen. Gute Reise!“

Dr. Walter Hilbrands, Dekan Freie Theologische Hochschule Gießen

„Das Buch weckt Entdeckerfreude für immer wieder neue und tiefere Beobachtungen auf der Reise durch die Bibel. Besonders faszinierend sind die inhaltlichen Verbindungen der verschiedenen biblischen Bücher, die so schön sichtbar machen, wie die Bibel sich wunderbar zu einem Ganzen zusammenfügt. Das wird durch die vorgeschlagene Reihenfolge, in der man durch die Bücher der Bibel wandert, so gut herausgearbeitet.“

Dr. Daniel Ackers, Leiter der Navigatoren

„Dieser ,Reiseführer‘ zur Bibel hilft nicht nur dabei, die Grundlinie zu entdecken, die sich durch den verworrenen Wald aus Verheißungen, Geboten, Prophetien und Geschichten von der Schöpfung bis zum Ende aller Dinge zieht. Er öffnet auch den Blick für zeitgeschichtliche und kulturelle Besonderheiten sowie literarische Schätze, die immer wieder am Wegrand zu finden sind – und die genau wie die Worte der Bibel selbst ihre ganz eigene, oft überraschende Botschaft in sich tragen. Gemeinsam mit dem enthaltenen Leseplan ist dieses Buch ein guter Helfer, um die Bibel nicht einfach nur zu lesen, sondern zu durchdringen, zu verstehen, ihre Tiefen auszuschöpfen und von ihrer Botschaft nachhaltig bereichert zu werden.“

Lydia Rieß, Theologin und Autorin

„Marcus Heckerle entdeckt nicht nur die roten Fäden, sondern auch die Knotenpunkte und kunstvollen Verknüpfungen der Bibel. Er bietet bewährte Bibelkunde, aber auch Einblicke in neueste theologisch-strukturelle Forschung, die bisher fast nur über Spezialliteratur zugänglich ist. Eine kreative Mischung aus Basiswissen, Weit- und Tiefblick.“

Dr. Siegbert Riecker, Studienleiter Bibelschule Kirchberg

„Mit feinem Blick für Details öffnet dieses Buch die Augen für verborgene Schönheiten der Bibel. Dabei wird der Blick immer wieder auf den Fokuspunkt Jesus Christus gelenkt. Beim Lesen wächst ein ruhiges Staunen über die Komposition der Schrift –und ein neues Vertrauen zu dem, der sie in souveräner Weise hat entstehen lassen. Das weckt meine Neugier, weiter nach den Schätzen der Bibel zu suchen.“

Maya Ziegler, FeG Gießen

„Dieses Buch hilft, die roten Fäden der Bibel zu entdecken. Leicht verständlich, gibt Marcus Heckerle Einblicke in Inhalt, Struktur und die wichtigsten theologischen Themen aller biblischen Bücher. Er zeigt spannende innerbiblische Linien, thematische Zusammenhänge sowie Anknüpfungen des Neuen ans Alte Testament auf. Mit diesem Buch an der Hand wird man die Bibel mit wacherem Geist, schärferem Blick und größerem Gewinn lesen.“

Dr. Andreas Käser, Studienleiter Theologisches Seminar Adelshofen

„Die Bibel ist ein Buch, das man leicht unterschätzen kann – dabei hat sie es in sich. Uns mögen die Mosebücher vorkommen wie ein Sammelsurium an Gesetzen, die Prophetenbücher wie eine Ansammlung an Voraussagen. Tatsächlich aber gibt es im Buch der Bücher verborgene Strukturen, faszinierende Verbindungslinien – und viele Anordnungen atmen geradezu Schönheit. Marcus Heckerle legt verblüffend viel davon frei.“

Dr. Ulrich Wendel, Chefredakteur der Zeitschrift Faszination Bibel, Mitherausgeber des Lexikons zur Bibel

NEUFELD VERLAG

© 2026 Neufeld Verlag Neudorf bei Luhe

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar

Bibelzitate stammen aus der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift © 2016 Katholische Bibelanstalt GmbH, Stuttgart; der Elberfelder Bibel 2006 (ELB ) © 2006 by SCM R. Brockhaus in der SCM  Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen; sowie Neues Leben. Die Bibel (NLB ) © der deutschen Ausgabe 2002/2006/2024

SCM  R. Brockhaus in der SCM  Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen

Lektorat: Dr. Thomas Baumann

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagabbildung: Firefly/unsplash.com

Satz: Neufeld Verlag

Herstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-86256-208-4, Bestell-Nummer 590 208 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere die Nutzung des Werkes für Text und Data Mining gemäß § 44b Abs. 1 und 2 UrhG

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an den Hersteller: Neufeld Verlag, Schlagäcker 18, D-92706 Luhe-Wildenau, Deutschland, Telefon 0 96 07/9 22 72 00, E-Mail info@neufeld-verlag.de neufeld-verlag.de

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GELEITWORT VON JULIUS STEINBERG

Ein rabbinischer Gelehrter verglich die Bibel mit einem großen See: Schon kleine Kinder können in seinen Uferbereichen spielen, geübte Schwimmer ihn durchqueren, aber selbst die größten Experten sind noch nicht bis in seine tiefsten Tiefen vorgedrungen. Für jede Kultur, für jede Situation und jede Lebensphase hält das aufgeschriebene Wort Gottes Botschaften bereit.

Die Bibel im Ganzen zu lesen, ist ein herausforderndes, aber auch bereicherndes Projekt. Wohlbekannte und eingängige Stellen erscheinen in anderem Licht, wenn wir sie in ihrem Kontext neu entdecken. Darüber hinaus stoßen wir auf so manches, was weniger bekannt ist, was nur selten oder gar nicht gepredigt wird.

Tatsächlich sind es gerade die kantigen Stellen, die unser Bild von Gott erweitern und unseren Glauben vertiefen.

Aber wo sollen wir starten und wie in der Vielfalt der Themen und Bücher den roten Faden finden? Das Alte Testament lädt dazu ein, am Anfang zu beginnen. Es eröffnet mit der Schöpfung und der Urgeschichte und entfaltet dann in chronologischer Folge die Geschichte Israels, Buch für Buch. Doch mitten im Lesen stoßen wir auf einmal auf einen Bruch. Nachdem wir die Geschichte der Könige erfolgreich bewältigt zu haben glauben, geht auf einmal alles wieder von vorne los. Auf die Königebücher folgen die Chronikbücher. Diese beginnen neu mit Adam, und nach neun Kapiteln mit Geschlechtsregistern wird die gesamte Geschichte der judäischen Könige ein weiteres Mal aufgerollt. Das erscheint mühsam und man kann sich die Frage stellen, warum diese Doppelung in unserer Heiligen Schrift notwendig ist.

Tatsächlich stehen hier Texte hintereinander, die gar nicht hintereinander gehören oder die sich jedenfalls in einer anderen Konstellation besser lesen und verstehen lassen. In unseren heutigen Bibeln sind alle Geschichtsbücher des Alten Testaments in einer Gruppe zusammengefasst. Das entspricht der griechischen Überlieferung der Bibel – und in gewisser Weise auch dem griechischen Denken, das formale Kategorien wie Gattung und Chronologie als maßgeblich ansieht. Auch die beiden anderen Buchgruppen unseres Alten Testaments, die „Lehrbücher“ und die Propheten, sind nach den Prinzipien von Gattung und chronologischer Reihenfolge aufgebaut.

Die jüdische Überlieferung der Bibel, inhaltlich identisch mit dem Alten Testament der evangelischen Kirchen, geht hier einen anderen Weg. Der Aufbau der jüdischen Bibel wirkt formal weniger schlüssig, berücksichtigt dafür aber die inhaltlichen Querverbindungen weit besser, als es die griechische Überlieferung tut. Wenn es um die Beziehungen zwischen alttestamentlichen Büchern geht, greifen christliche Bibelwissenschaftler daher schon länger auf die jüdische Überlieferung zurück.

Über meinen Lehrer Prof. Dr. Hendrik Koorevaar (Leuven, Belgien) bin ich selbst auf dieses Thema aufmerksam geworden. Er hat mich dafür begeistert und ich habe bei ihm meine Doktorarbeit über die innere Logik der jüdischen Bibel verfasst. Bei Vorträgen in Gemeinden habe ich immer wieder festgestellt, dass die neue Betrachtungsweise – sobald einmal das Fremdheitsgefühl der jüdischen Tradition überwunden war – auf großes Interesse stieß. Allerdings konnte ich die Idee, eine allgemeinverständliche Einführung zum Thema zu verfassen, bisher aus verschiedenen Gründen nicht umsetzen.

Umso mehr habe ich mich gefreut, dass Marcus Heckerle diesen Faden aufgenommen hat, bereits kurz nachdem ich als Dozent in den Bund der Freien evangelischen Gemeinden eingetreten war und wir miteinander Bekanntschaft gemacht hatten. Zunächst für seine eigene Gemeinde hat er den Bibelleseplan Projekt B18 ins

Leben gerufen und darin die roten Fäden im Alten und im Neuen Testament geschickt sichtbar gemacht. Marcus und ich stehen jetzt seit über 15 Jahren in Beziehung. In dieser Zeit hat er als versierter und theologisch belesener Denker kontinuierlich am Thema weitergearbeitet. Ich freue mich sehr, dass die gereifte Frucht seiner Reflexion jetzt als Buch veröffentlicht werden konnte.

Ihnen als Leserinnen und Lesern wünsche ich, dass die Impulse dieses Buches Ihnen neue Einsichten und Aha-Erlebnisse vermitteln und dass Sie dadurch in Gottes Wort neu Stärkung und Wegweisung für Ihr Leben finden. Möge Gott schenken, dass Sie im Bibelstudium ihm selbst und der Kraft seines Evangeliums neu begegnen.

Julius Steinberg Im April 2026

Dr. Julius Steinberg ist Professor für Altes Testament und Hebräisch an der Theologischen Hochschule Ewersbach.

VORWORT

Die Bibel ist ein außergewöhnliches Buch. Man findet es in vielen heimischen Bücherregalen, oft sogar mehrfach, in unterschiedlichen Ausgaben und Übersetzungen. Doch lange nicht jede Besitzerin und jeder Besitzer dieses dicken Wälzers ist auch mit dessen Inhalt vertraut. Auch Christen haben weiße Flecken auf ihrer persönlichen Bibellandkarte. Heutzutage ist es ein Leichtes, sich die Quintessenz der Bibel oder einzelner biblischer Bücher per Mausklick zusammenfassen zu lassen. Doch kann das die intensive Beschäftigung mit dem Original ersetzen?

Wer möchte schon auf die Erfahrungen einer Urlaubsreise verzichten zugunsten einer halbstündigen TV -Dokumentation über das Reiseland? Ein Sonnenuntergang am Meer, den man mit allen Sinnen erlebt, ist so viel mehr als ein Foto vom gleichen Ereignis. Die frische Brise auf der Haut, der salzige Geruch des Meeres und das Rauschen der Brandung nimmt man nur vor Ort wahr.

Im übertragenen Sinne gilt das auch für die Bibel. Und tatsächlich ist das Interesse nach wie vor verbreitet, sie wenigstens einmal komplett gelesen zu haben. Vielleicht wurde sogar schon mehrmals der Versuch gestartet, dann aber aus verschiedenen Gründen abgebrochen. Mag das Vorhaben, beispielsweise anhand einer „Jahresbibel“ in einem Jahr durch die ganze Bibel zu lesen, anfangs noch machbar geklungen haben, musste man schon bald feststellen, hinter dem Zeitplan zu liegen. Gerade zu Beginn bremsen Gesetzestexte, Bauanleitungen und Stammeslisten oft den Elan aus, ganz zu schweigen von den vielen Fragen, die unweigerlich auftauchen. Wie schön wäre es doch, einen Begleiter an der Seite zu haben, der wie ein Reiseführer nützliche Informationen

liefert, den Blick auf besonders interessante Highlights lenkt und dabei die gesamte Reiseroute im Blick behält!

Genau das ist das Anliegen dieses Buchs. Es ist ein neuer Aufbruch, die ganze Bibel kennenzulernen und zu verstehen, wie einzelne Themen und Texte miteinander vernetzt sind. Grundlage ist eine speziell gewählte „Reiseroute“ – eine Buchreihenfolge, die dazu geeignet ist, die „roten Fäden“ der Bibel zu entdecken. Dabei möchte das vorliegende Buch die Leserinnen und Leser an die Hand nehmen und die Rolle des Reiseführers übernehmen. Zu einigen „Sehenswürdigkeiten“ werden geschichtliche Hintergründe erläutert. Und an anderen Orten wird die „Architektur“, also der literarische Aufbau, genauer unter die Lupe genommen. Immer wieder wird man auch auf einen Aussichtsturm hinaufgeführt, um das große Ganze in den Blick zu nehmen. Aus dieser Perspektive erkennen „Reisende“, wie alles miteinander zusammenhängt. Und es gibt auch ein paar „Geheimtipps“, die nicht in jedem beliebigen Bibelkommentar zu finden sind. Der Reiseführer erhebt bei weitem keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Der Leser soll inspiriert werden, mit offenen Augen durch die Bibel zu gehen und eigene Entdeckungen zu machen. Die üblichen Einleitungsfragen – wer hat wann an oder für wen geschrieben – sollen größtenteils den Bibellexika und Kommentaren überlassen werden.

Wie bei einem echten Reiseführer kann dieses Buch auf unterschiedliche Weise verwendet werden. So kann es dazu dienen, sich vorab auf die nächste größere Etappe der Reise vorzubereiten, damit man weiß, worauf unterwegs besonders zu achten ist. Aber auch „vor Ort“ kann der Blick in den entsprechenden Abschnitt erhellend sein – so wie man abends in der Unterkunft die gewonnenen Eindrücke des Tages Revue passieren lässt und dabei nach dem aufgeschlagenen Reiseführer auf dem Nachttisch greift. Erfahrene Bibelkenner werden diesen „Reiseführer“ auch losgelöst vom eigentlichen Bibelstudium – sozusagen zu Hause auf dem Sofa – mit Gewinn lesen. Vielleicht, um im Anschluss daran gleich die nächste Reise in das „Land der Bibel“ zu planen.

EINLEITUNG

Die Bibel enthält eine einzigartige Botschaft für uns. In ihr hat sich Gott „schwarz auf weiß“ mitgeteilt. Sie ist auch unsere zuverlässige Quelle für sein menschgewordenes Wort, Jesus Christus. In ihrer ganzen Vielfältigkeit ist sie ein Buch, das vom gleichen göttlichen Geist durchzogen ist. Das Alte Testament ist darin genauso wichtig wie das Neue Testament, und jedes noch so unscheinbare Buch leistet seinen Beitrag zum großen Ganzen – zur Geschichte Gottes mit uns Menschen. Es gibt viele Wege, sich dieser Botschaft zu nähern. In jedem Fall ist es am besten, in die Bibel selbst einzutauchen.

Bücher beginnt man normalerweise auf der ersten Seite und liest sie dann von vorne bis hinten durch. Das kann man mit der Bibel auch machen. Dabei wird auffallen, dass sie aus vielen, teilweise in Stil und Inhalt sehr unterschiedlichen Büchern besteht. In einigen Fällen, vor allem am Anfang, passt das nachfolgende Buch sehr gut zum vorangegangenen. So setzt das Buch Richter dort an, wo das Buch Josua geendet hat, und wir erfahren, was sich nach dem Tod Josuas ereignete. Doch nach dem 2. Buch Könige wird man plötzlich wieder gut 400 Jahre zurückversetzt. Die daran anschließende Chronik erzählt erneut die Geschichte der Könige Israels, angefangen bei David, sogar mit ganzen Textpassagen, die sich wiederholen. So mancher Leser verliert hier die Lust, weiterzumachen, betrachtet die Chronikbücher als überflüssig oder schenkt ihnen kaum Beachtung.

Auch im Neuen Testament erlebt man mit der „natürlichen“ Reihenfolge einige Irritationen. Warum muss die Geschichte von Jesus gleich vier Mal hintereinander erzählt werden? Gerade die

ersten drei Evangelien scheinen sich in Aufbau und Inhalt nur wenig voneinander zu unterscheiden. Spürte man dem Alten Testament noch ab, dass versucht wurde, Zusammengehöriges (1. und 2. Buch Samuel, 1. und 2. Buch der Könige usw.) auch beieinander stehen zu lassen, so mag es im Neuen Testament verwundern, dass das beim zweiteiligen Werk von Lukas nicht der Fall ist. Dessen Evangelium und seine Fortsetzung, die Apostelgeschichte, werden vom Johannesevangelium unterbrochen. Und bei den anschließenden Paulusbriefen schien man sich keine Mühe gegeben zu haben, sie – anders als bei den „kleinen Propheten“ im Alten Testament – in eine einigermaßen chronologische Reihenfolge zu bringen. Zwei seiner frühesten Briefe (jene an die Thessalonicher) folgen auf den gut zehn Jahre später verfassten Kolosserbrief. Der zeitlich und vom Adressatenkreis her eng mit dem Kolosserbrief zusammenhängende Brief an Philemon kommt dafür erst ganz am Ende der Paulusbriefe. Dieses chronologische Durcheinander ist einem sehr formalen Ordnungsverständnis geschuldet: Man hat die Paulusbriefe in zwei Gruppen zusammengestellt – zunächst neun Gemeindebriefe, gefolgt von vier Briefen an einzelne Personen – und sie dann jeweils ihrer Länge nach absteigend sortiert. Auch bei der Anordnung des Alten Testaments standen formale Kriterien im Vordergrund. Die Bücher wurden gruppiert in Gesetzesbücher, Geschichtsbücher, poetische Bücher und prophetische Schriften. Da aber die prophetischen Bücher die Kenntnis der historischen Ereignisse voraussetzen, vor allem aus den Königebüchern, erweist sich der zwischengeschobene Block poetischer Bücher (Hiob, Psalmen, Sprüche, Prediger, Hohelied) als unglücklich.

Um das Lesen der ganzen Bibel etwas besser in den Zusammenhang zu bringen, gibt es alternative Ansätze, die Buchfolge neu zu ordnen. Viele Bibellesepläne versuchen dabei, die Bücher in eine chronologische Reihenfolge zu bringen. Dies wiederum schafft neue Probleme, angefangen damit, dass sich beispielsweise die poetischen Bücher nur schwer zeitlich einordnen lassen. Will

man sehr konsequent sein, muss man bestimmte Psalmen, zum Beispiel jene, die auf Ereignisse aus Davids Leben zurückgreifen, einzeln herausnehmen und in die Lesefolge der Samuelbücher einblenden. Vom Psalter als Ganzes bleibt dann ein großer Rest mit vielen Löchern übrig. Auch das 2. Buch Könige wird zu einem Flickenteppich, wenn man die jeweils zeitlich passenden Prophetenbücher hinzunimmt. Es dient schließlich nur noch als „Sprungbrett“ in die Propheten, und der Blick für das eigentliche Anliegen, die theologische Botschaft der Königebücher geht verloren. Ähnliches droht der Apostelgeschichte im Neuen Testament, wenn man dort die situativ passenden Paulusbriefe einschieben würde. Selbst ohne die chronologische Anordnung derart radikal zu betreiben, bliebe bei diesem Ansatz das Problem, dass alle vier Evangelien nacheinander gelesen werden müssten und dass nach den Königebüchern die Chronikbücher anstehen. Es stellt sich die Frage, ob es andere Möglichkeiten gibt, die Reihenfolge der biblischen Bücher zu arrangieren, damit beim Lesen ein sinnvoller Zusammenhang über die einzelnen Buchgrenzen hinweg entsteht. Chronologie alleine führt, wie wir gesehen haben, in eine Sackgasse. Auch zwischenzeitliche Absprünge in andere Bücher scheiden aus, selbst wenn dies aus historischen oder inhaltlichen Gründen verlockend erscheint. Nur wenn die Geschlossenheit jedes einzelnen biblischen Buches gewahrt bleibt, kann dessen eigenständiger Beitrag zum großen Ganzen angemessen erfasst und gewürdigt werden.

Durch die Dissertation von Julius Steinberg (Die Ketuvim. Ihr Aufbau und ihre Botschaft) bin ich auf eine alternative Buchreihenfolge des Alten Testaments aufmerksam geworden. So wie wir das Alte Testament heute in unseren Bibeln vorfinden, ist es an die Reihenfolge der antiken griechischen Übersetzung, der Septuaginta, angelehnt. Darin erfolgte die Ordnung nach literarischen Gattungen – Geschichtsbücher, poetische Bücher, Propheten. Doch im Judentum hat die hebräische Bibel seit jeher eine andere Einteilung, und zwar in das Gesetz, die Propheten und die

anderen Schriften. Die Reihenfolge der Bücher innerhalb dieser drei Hauptteile hat immer mal wieder variiert, allerdings gibt es eine sehr alte Buchreihenfolge, die im babylonischen Talmud bezeugt ist. Diese hat Julius Steinberg zum Ausgangspunkt seiner Forschungen genommen. Damit konnte er nachweisen, dass sich für den Kanonteil der „Schriften“ (hebräisch Ketuvim) ein übergeordneter Gesamtzusammenhang ergibt. Obwohl die betreffenden Bücher sehr verschieden und offenbar nicht nach chronologischen Erwägungen angeordnet sind, ergibt sich ein schlüssiges Gesamtbild mit einer eigenen theologischen Aussage für die „Schriften“ als Ganzes. Im Rückschluss lässt sich also annehmen, dass die Anordnung nach theologisch-inhaltlichen Kriterien vorgenommen wurde.

Bei der Reihenfolge der zwölf sogenannten „kleinen Propheten“ (Hosea bis Maleachi) hat sich in unseren Bibeln die Septuaginta mit ihrer stärker chronologischen Reihenfolge1 nicht durchgesetzt. Hier wurde tatsächlich die ursprüngliche jüdische Buchfolge übernommen. Christopher Seitz hat die Verbindungen zwischen den einzelnen Propheten näher untersucht (Prophecy and Hermeneutics. Toward a New Introduction to the Prophets). Sein Befund lässt vermuten, dass die Abweichungen von der Chronologie kein Versehen waren, sondern ihren Beitrag zum Verständnis des großen Ganzen leisten. So dient beispielsweise das schwer zu datierende Buch Joel als Hinführung zum „Tag des Herrn“, einem Konzept, das bei den nachfolgenden Büchern Amos und Obadja eine Rolle spielt.

Die Frage nach einer – im wahrsten Sinne des Wortes – sinnvollen Lesereihenfolge der biblischen Bücher hat uns also ein wenig weggeführt von rein formalen oder chronologischen Kriterien und den Horizont stärker für inhaltliche Zusammenhänge geöffnet. Man kann erahnen, dass die alten Rabbinen, als sie die

1 Dort stehen Hosea, Amos und Micha zu Beginn.

alttestamentlichen Schriften sammelten, diese nicht wahllos, sondern sehr planvoll zusammengestellt haben. So wie auch die biblischen Verfasser selbst bisweilen von der zeitlichen Erzählfolge abweichen, um bestimmte theologische Aussagen zu betonen, kann dies auf einer Makroebene – bei der Zusammenstellung der biblischen Bücher selbst – ebenso sinnstiftend oder sinnvertiefend sein. Diesen Spuren zu folgen, verspricht also tiefere und vielleicht sogar neue Einsichten in die innerbiblischen Zusammenhänge.

Wenn wir zum Neuen Testament kommen, hilft uns die alternative jüdische Überlieferung naturgemäß leider nicht weiter. Sie kann allenfalls Inspiration für ein Weiterdenken sein. Der Ansatz von Brevard Childs, der bestehenden Reihenfolge der paulinischen Briefe einen tieferen Sinn abzugewinnen (The Church’s Guide for Reading Paul. The Canonical Shaping of the Pauline Corpus), überzeugt meines Erachtens nicht. Daher habe ich für das Neue Testament einen eigenen Vorschlag entworfen. Die Bücher werden in vier Teile gruppiert, denen immer eins der Evangelien vorangestellt ist. Sie werden durch theologisch-inhaltlich passende Bücher ergänzt, die den jeweiligen besonderen Charakter der verschiedenen Jesus-Berichte betonen. Dabei bleibt aber das Matthäusevangelium das erste und die Offenbarung des Johannes das letzte Buch. Das ist deshalb von Bedeutung, weil Matthäus selbst an das letzte Buch des Alten Testaments (nach jüdischer Überlieferung die Chronik) anknüpft und die Offenbarung am Ende den Bogen zurück zum Anfang der Bibel schlägt. Schöpfung und Neuschöpfung bilden eine Klammer um die gesamte Bibel. Damit ist also der Reiseplan durch die Bibel abgesteckt. Die Stationen lassen sich in sieben größere Blöcke gruppieren, für das Alte Testament entsprechend der traditionellen Dreiteilung und im Neuen Testament jeweils von einem Evangelium angeführt. Die Reihenfolge der biblischen Bücher sieht damit folgendermaßen aus:

I. Das Gesetz

1. mose

2. mose

3. mose

4. mose

5. mose

II. Die Propheten Josua richter

1. Samuel

2. Samuel

1. Könige

2. Könige

Jeremia hesekiel

Jesaja hosea

Joel amos obadja

Jona micha nahum habakuk

zefanja haggai

Sacharja maleachi

III. Die Schriften ruth Psalmen hiob

Sprüche

Prediger hohelied

Klagelieder daniel ester esra nehemia

1. chronik

2. chronik

IV. Matthäus matthäusevangelium

Jakobus

hebräer

V. Lukas

lukasevangelium

apostelgeschichte

Galater

1. thessalonicher

2. thessalonicher

Philipper

1. Korinther

2. Korinther

römer

epheser

Kolosser

Philemon

titus

1. timotheus

2. timotheus

VI. Markus markusevangelium

1. Petrus

2. Petrus

Judas

VII. Johannes Johannesevangelium

1. Johannesbrief

2. Johannesbrief

3. Johannesbrief offenbarung

Dieser Weg durch die biblischen Bücher entspricht dem Bibelleseplan Projekt B18, der diesem Buch zugrunde liegt. Darin wird eine Reisedauer von 18 Monaten empfohlen. Wer diesem Vorschlag folgen möchte, findet ab Seite 277 einen Leseplan mit tageweiser Einteilung der Textabschnitte.

TEIL

1 –

DAS ALTE TESTAMENT

Das Alte Testament wird im Judentum als Tanach bezeichnet. Das ist ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben der drei Hauptteile: Das Gesetz (hebräisch Tora), die Propheten (Neviim) und die anderen Schriften (Ketuvim).2 Bereits im Vorwort zum apokryphen Buch Sirach (um 130 v. Chr.) ist diese Dreiteilung bezeugt: „Vieles und Großes ist uns durch das Gesetz und die Propheten und die anderen Schriften, die ihnen gefolgt sind, gegeben.“3 Dieses Schema klingt auch bei Jesus an, als er seinen Jüngern erklärt, dass das gesamte Alte Testament auf ihn hinweist: „Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.“ (Lukas 24,44). Da die Psalmen einen erheblichen Teil der „Schriften“ einnehmen und auch sehr viele messianische Verheißungen enthalten, kann man vermuten, dass Jesus sie hier stellvertretend (pars pro toto) für den dritten Hauptteil verwendet.

Üblicherweise werden die Propheten nochmals in vordere und hintere Propheten unterteilt und die sogenannten „kleinen Propheten“ (Hosea bis Maleachi) zu einer Einheit zusammengefasst, dem „Zwölfprophetenbuch“. Die einzelnen biblischen Schriften werden folgendermaßen zugeordnet:

2 Im Hebräischen werden nur die Konsonanten geschrieben (TNK ); der Buchstabe Kaf wird wie ein „k“ oder auch wie „ch“ ausgesprochen.

3 Alle Bibelzitate stammen aus der Einheitsübersetzung von 2016, sofern nicht abweichend angegeben (ELB = Elberfelder Bibel; NLB = Neues Leben. Die Bibel).

Das Gesetz (Tora) die fünf Bücher mose (1.–5. mose)

Die Propheten (Neviim)

Vordere Propheten Josua, richter, Samuel,4 Könige

Hintere Propheten Jeremia, hesekiel, Jesaja, „zwölfprophetenbuch“ (hosea bis maleachi)

Die Schriften (Ketuvim) ruth, Psalmen, hiob, Sprüche, Prediger, hohelied, Klagelieder, daniel, ester, esra/nehemia,5 chronik

Die hier aufgeführte Reihenfolge der Bücher entspricht einer Auflistung im babylonischen Talmud. In dieser alten jüdischen Überlieferung gibt es einen Abschnitt, der als „Traktat Baba Bathra 14b“ (bBB 14b) bezeichnet wird; er stammt wahrscheinlich aus dem 2. Jahrhundert n. Chr. Die darin beschriebene Buchfolge gilt somit als eine der ältesten von jüdischer Seite autorisierten Zusammenstellungen.6

Die Unterteilung der Buchgruppe der Propheten in geschichtliche Bücher („Vordere Propheten“) und Schriftpropheten („Hintere Propheten“) lässt noch eine weitere Sichtweise auf den hebräischen Bibelkanon zu, denn die Vorderen Propheten schließen sich erzählerisch direkt an die fünf Bücher Mose an. Darin hatte Mose das Volk Israel bis an die Grenzen des verheißenen

4 Die Zweiteilung der Samuel-, Könige- und Chronikbücher ist nicht ursprünglich und erfolgte wahrscheinlich aus praktischen Gründen (Größe der damaligen Schriftrollen); sie gelten daher jeweils als ein Buch.

5 Esra und Nehemia gelten als ein zusammenhängendes Buch.

6 In heutigen hebräischen Bibeln findet man eine leicht abweichende Reihenfolge: Jesaja steht dort vor Jeremia; bei den „Schriften“ bilden Hohelied, Ruth, Klagelieder, Prediger und Ester einen eigenen Block, die sogenannten Festrollen (hebräisch Megillot). Diese Anordnung ist aber nicht vor dem 6. Jahrhundert n. Chr. belegt.

Landes geführt (5. Mose), von dessen Einnahme dann das nachfolgende Buch Josua berichtet. Die weiteren Bücher der Vorderen Propheten schreiben diese Geschichte fort bis zum Verlust des Landes, dem babylonischen Exil (2. Könige 25). Es folgen nun die Schriftpropheten, beginnend mit Jeremia. Literarisch ist an dieser Stelle ein größerer Einschnitt festzustellen als zwischen 5. Mose und Josua. Wenn man also die Vorderen Propheten von den Hinteren Propheten trennt und zum Gesetz (den fünf Büchern Mose) hinzuzieht, ergibt sich eine leicht andere Dreiteilung des Alten Testaments, ohne dabei die Buchreihenfolge selbst zu verändern. Diese alternative Abgrenzung zwischen den Kanonteilen wird von dem Theologen Hendrik Koorevaar vertreten. Die Begriffe, die er dafür verwendet, beschreiben charakteristische Merkmale der Gotteserkenntnis in den jeweiligen Buchgruppen:

1. Priesterkanon (Gesetz und Vordere Propheten)

Grundlage ist das geschriebene Wort, das Gesetz; es enthält die Bestimmungen für den Bund Gottes mit seinem Volk. Das darin verankerte Schema von Segen, Fluch und Neuanfang (vgl. 3. Mose 26 und 5. Mose 28–30) bestimmt das Geschichtsverständnis bis zum babylonischen Exil.

2. Prophetenkanon (Hintere Propheten)

Gotteserkenntnis wird hier vorwiegend durch das gesprochene Wort Gottes vermittelt. Typisch dafür ist der Satz der Propheten: „Das Wort des HERRN erging an mich.“

3. Weisheitskanon (die Schriften)

Hier erfolgt die Gotteserkenntnis eher indirekt, durch Beobachtung und Erfahrung, aber auch durch Schriftauslegung. Eine direkte Kommunikation findet hauptsächlich in der Richtung von Mensch zu Gott statt (z. B. Psalmen, Klagelieder).

Diese Sichtweise wirft noch ein etwas anderes Licht auf den Kanonteil der sogenannten „Schriften“, welche man vielleicht als „bunte Restesammlung“ missverstehen könnte. Selbst so unterschiedliche Bücher wie die Sprüche und das Buch Ruth teilen eine gemeinsame theologische Ausrichtung, nämlich eine weisheitliche Perspektive. Und es wird plausibler, warum ein Buch wie Ester, in dem das Wort Gott nicht einmal vorkommt, besser in diese Gruppe passt als zu den „geschichtlichen“ Büchern.

Das Gesetz (Tora)

Der erste Teil der hebräischen Bibel ist die Tora (das Gesetz). Sie umfasst die fünf Bücher Mose und bildet die theologische Grundlage des Alten Testaments. Die anderen Bücher nehmen immer wieder Bezug auf die Tora. Mehr dazu, wenn wir zu dem Kanonteil der Propheten kommen.

1. Mose (Genesis)

Die Bibel beginnt bekanntermaßen mit der Schöpfungsgeschichte: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“ (1. Mose 1,1). Oft wird dieser Satz schon als die erste Aktion Gottes verstanden. Es ist aber auch möglich, diesen Vers als zusammenfassende Überschrift des Abschnitts aufzufassen. Demzufolge beschreibt Vers 2 den Ausgangszustand: „Die Erde war wüst und wirr.“7 Die anschließenden Verse erklären dann die Vorgehensweise Gottes: Er hat in sechs „Schöpfungstagen“ dieses Chaos geordnet, die Lebensräume und deren Bewohner gemacht. Das erfolgt nach einem Schema, bei dem an den ersten drei Tagen der Lebensraum geschaffen wird und an den anderen drei Tagen entsprechend die zugehörigen Geschöpfe:

7 Von den hebräischen Worten an dieser Stelle stammt der heutige Ausdruck „Tohuwabohu“.

Jesaja

Hesekiel endete mit der Vision von der zukünftigen Gottesstadt auf einem „sehr hohen Berg“ (Hesekiel 40,2), die schließlich den (neuen) Namen „Hier ist der HERR “ erhält. Auch für Jesaja ist das endzeitliche Heil mit Gottes Gegenwart auf einem hohen Berg verbunden:

„Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen. […] Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem.“ (Jesaja 2,2–3)

Zion ist ursprünglich die Bezeichnung für den Südosthügel Jerusalems, der ehemaligen Stadt Davids (vgl. 2. Samuel 5,6–7) und wurde später meist synonym für Jerusalem verwendet. Der Verfasser des Hebräerbriefs setzt den „Berg Zion“ dann mit dem himmlischen (bzw. neuen) Jerusalem gleich (Hebräer 12,22; vgl. Offenbarung 21,2.10).

Exkurs: Jerusalem als Ort des Heils

Jerusalem spielt seit der Eroberung durch König David eine zentrale Rolle. Entscheidend ist, dass die Stadt mehr als nur Regierungssitz ist. Sie gilt als die „Stadt Gottes“ (vgl. Psalm 48). Mit der Überführung der Bundeslade durch David und der Errichtung des Tempels durch Salomo wird Jerusalem zum religiösen Zentrum Israels. Indem Gott sich mit der Stadt identifiziert und sie als Ort seiner besonderen Gegenwart erwählt (Psalm 132), geht ein Versprechen in Erfüllung, das Gott seinem Volk beim Auszug aus Ägypten gegeben hatte: „Ich werde in ihrer Mitte wohnen“ (2. Mose 25,8; 29,46 und öfter). Ein Stück vom Zustand vor dem Sündenfall wird zurückgewonnen. Auch politisch und wirtschaftlich geht es dem Volk unter Salomo gut. Es ist eine Zeit des Friedens und des Wohlstands, wie sie später nie wieder erlebt wird.

Wie zerbrechlich dieser Heilszustand ist, deutet schon der Angriff des Ägypters Schischak auf Jerusalem an, bei dem nur wenige Jahre nach dem Tempelbau die Tempelschätze geraubt werden (1. Könige 14,25–26). Im Großen und Ganzen aber erweist sich Jerusalem als Ort des Schutzes. Ein Höhepunkt ist sicherlich die wundersame Bewahrung Jerusalems vor dem Angriff des Assyrers Sanherib im Jahr 701 v. Chr. Doch dann geschieht das Unvorstellbare, als die Babylonier im Jahr 586 Jerusalem erobern, den Tempel zerstören und das Volk in die Gefangenschaft führen. Gott hatte die Stadt den Feinden preisgegeben und seine Gegenwart aus dem Tempel zurückgezogen.

Nach dem Ende des babylonischen Exils hatte der Aufbau des Tempels (Gottes Gegenwart) und der Stadtmauer (Schutz vor Feinden) oberste Priorität (vgl. den Propheten Haggai). Trotzdem blieb die Wiederherstellung Jerusalems unvollständig. Das wieder aufgebaute Jerusalem blieb hinter der Blütezeit unter Salomo weit zurück. Folglich erwartete man für die Zukunft noch Größeres von Gott: Am „Ende der Zeit“ sollte durch den Einzug des Messias, des Erlösers Israels, in Jerusalem die heilsentscheidende Wende vollbracht werden: „Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir“ (Sacharja 9,9). Auch im Neuen Testament spüren wir etwas von der sehnsüchtigen Erwartung: Im Zusammenhang mit der Geburt Jesu heißt es von der Prophetin Hanna, dass sie zu denen sprach, die „auf die Erlösung Jerusalems warteten“ (Lukas 2,38).

Im Neuen Testament wird dann tatsächlich Jerusalem zum Dreh- und Angelpunkt des Heils. Lukas hat dies in seinen beiden Werken, dem Evangelium und der Apostelgeschichte, besonders deutlich herausgearbeitet. Sein erstes Buch ist ganz auf Jerusalem als Ziel und Höhepunkt des Wirkens Jesu ausgerichtet. Hier geschieht am Kreuz auf Golgatha tatsächlich das Heilsentscheidende, wo Jesus als „leidender Gottesknecht“ alle Schuld stellvertretend auf sich nimmt (vgl. Jesaja 53). In seinem Fortsetzungsbericht, der Apostelgeschichte, finden wir hingegen eine

Bewegung heraus aus Jerusalem. „Mit dem Auftrag Jesu zur internationalen Mission wird die Vision der Pilgerfahrt der Nationen zum Zion neu definiert: Die Nationen kommen nicht mehr nach Jerusalem, sondern die Zwölf sollen zu den Nationen gehen“ (Eckhard Schnabel).66 Dies ist zu Beginn programmatisch angekündigt durch den Auftrag, Zeugen zu sein „in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde“ (Apostelgeschichte 1,8). Ab Apostelgeschichte 19,21 wird schließlich Rom als Ziel ins Auge gefasst, was repräsentativ für die ganze Welt verstanden werden kann. So wie Jesus seine Bestimmung in Jerusalem sah (vgl. Lukas 13,33), zieht es Paulus nach Rom. Sein Weg führt ihn ein letztes Mal über Jerusalem (Apostelgeschichte 21–23), wo er ebenso abgelehnt wird wie dereinst Jesus.67 Während also nun das Heil – ausgehend von Jerusalem – in alle Welt getragen wird, kippt die Rolle der Stadt ins Negative. Im Jahr 70 n. Chr. wird sie schließlich abermals zerstört, womit sich die Gerichtsworte Jesu über Jerusalem erfüllen (siehe Lukas 13,34–35; 19,41–44; 21,20–24; 23,27–31).

Und doch bleibt Jerusalem das endgültige Heilsziel – jedoch nicht das irdische, sondern das neue Jerusalem. Diese Verschiebung von der irdischen zur himmlischen Stadt wird auch in den Briefen gelehrt. Sowohl Paulus (Galater 4,25–26) als auch der Verfasser des Hebräerbriefs (12,22–24) machen deutlich, dass wir nun unsere Hoffnung auf das himmlische Jerusalem setzen sollen.

66 Schnabel, Urchristliche Mission, Seite 431.

67 Der Bericht rund um die Verhaftung von Paulus weist einige Parallelen zu Jesu Verurteilung auf; siehe dazu die Übersicht auf Seite 213 im Abschnitt zur Apostelgeschichte.

Jesaja enthält zwei größere erzählende Passagen, in denen der jeweilige König von Juda mit einer militärischen Bedrohung Jerusalems konfrontiert wird (Kapitel 7–8 und 36–39). Die Szenen ähneln einander in einigen Details:

Gemeinsames Element

reaktion des Königs: stark erschüttert

entscheidende Szene an der wasserleitung an der „walkerfeldstraße“

Jesajas Botschaft an den König, eingeleitet mit „Fürchte dich nicht“

dem König wird ein göttliches zeichen gewährt

trotz rettung der Stadt ausblick auf zukünftige größere Katastrophe

Trotz der Parallelen gibt es einen entscheidenden Unterschied: König Ahas verwirft zur Zeit des syrisch-efraimitischen Krieges (um 734 v. Chr.; vgl. 2. Könige 16) den Rat Jesajas, aber sein Sohn und Thronfolger Hiskia zeigt in ähnlich bedrohlicher Situation das nötige Gottvertrauen. Diese Einstellung hilft ihm auch persönlich in schwerer Krankheit. Während Hisika dabei Gottes Nähe im „Haus des HERRN “ sucht (38,20.22), wird der assyrische König Sanherib ironischerweise im Tempel seines Gottes Nisroch erschlagen (37,38). Beide Kontrastierungen – Hiskia mit Ahas und Hiskia mit Sanherib – stehen exemplarisch für zentrale Gedanken des Buches Jesaja: Es gibt nur einen wahren Gott, und alle anderen Götzen sind machtlos. Nur wer ihm vertraut – d. h. wer „glaubt“ –kann gerettet werden; dieses Prinzip gilt auch für Gottes Volk selbst.

Damit stößt Jesaja die Tür weit auf zu einem sehr neutestamentlichen Gedanken, wonach die Zugehörigkeit zu Gott nicht mehr von der Abstammung abhängt, sondern allein vom Glauben

(siehe z. B. Johannes 8,30–47). Entsprechend wird das neue Heil nur einem treuen „Rest“ Israels verheißen (vgl. Jesaja 10,20–22), nämlich jenen, die nicht den Götzen gedient, sondern Gott gesucht haben (vgl. Kapitel 65) – ergänzt durch Menschen aus den übrigen Völkern (66,18–21). Daraus folgt, dass „Gottes Heilshandeln nicht mehr entlang der Verwerfungslinie zwischen Juden und Heiden verläuft, sondern innerhalb beider Gruppen“ (Eckhard Schnabel).68 Eddy Lanz bemerkt: „Die Kapitel 56–66 zeigen dann auf, wie sich durch Hören oder Ungehorsam eine Spaltung im Volk Gottes vollzieht und sich das wahre Zion herauskristallisiert, während die abtrünnigen Gottlosen dem Gericht anheimfallen. Ebenso eröffnen diese Kapitel den Weg für bekehrte Heiden zum Gnadentisch Gottes (56,6–7).“69 Diese Aspekte spielen eine wichtige Rolle für Paulus’ Argumentation im Römerbrief, insbesondere in den Kapiteln 9–11, wo es um die Frage nach dem Heil für Israel geht.70

Im Neuen Testament wird das entscheidende Kriterium für die Zugehörigkeit zum Volk Gottes an der Einstellung zu Jesus Christus festgemacht. Sowohl Paulus als auch Petrus haben zwei JesajaZitate miteinander kombiniert, zum einen die Ankündigung „Ich lege einen Stein in Jerusalem. Er ist ein kostbarer Eckstein, der fest verankert ist. Wer glaubt, bleibt bestehen“ (28,16 NLB ), zum anderen das Wort vom „Stein des Anstoßes […], an dem man strauchelt“ (8,14). Sie folgern daraus: Wer auf Jesus vertraut, wird gerettet; wer ihn verwirft, kommt zu Fall (Römer 9,33; 1. Petrus 2,6–8). Dieser Gedanke fügt sich ein in Jesajas Ankündigung einer zentralen heilsbringenden Gestalt, einem Nachkommen aus

68 Schnabel, Urchristliche Mission, Seite 1290.

69 Lanz, Der ungeteilte Jesaja, Seite 212.

70 Paulus zitiert aus Jesaja 1,9 (Römer 9,29), 8,14 (9,33), 10,22 (9,27), 28,16 (9,33; 10,11), 29,10 (11,8), 52,7 (10,15), 53,1 (10,16), 59,20–21 (11,26), 65,1–2 (10,20–21); sowie implizit aus 29,16 (9,20), 40,13–14 (11,34–35).

dem Haus Davids, der vom Geist Gottes erfüllt gerecht herrschen wird (vgl. Jesaja 9,5–6; 11,1ff; 32,1). In Jesaja 61,1 heißt es über ihn: „Der Geist GOTTES , des Herrn, ruht auf mir. Denn der HERR hat mich gesalbt; er hat mich gesandt, um den Armen frohe Botschaft zu bringen.“ Jesus bezieht diese Stelle bei einer Predigt in Nazareth auf sich selbst (Lukas 4,16ff).

Dieses Bild vom königlichen Gesalbten („Messias“, griechisch: „Christus“) wird durch eine weitere Heilsgestalt ergänzt, den Knecht Gottes (u. a. Jesaja 50,4–11; 52,13–53,12). An einigen Stellen wird er zunächst mit dem Volk Israel identifiziert, das blind und taub ist (41,8; 42,18–25). An anderen Stellen ist offenbar ein einzelner Mensch gemeint, der schließlich durch seinen freiwilligen Opfertod die Sünden des Volkes auf sich nimmt (Kapitel 53). Im Neuen Testament stellt sich heraus, dass der königliche Herrscher und der leidende Gottesknecht ein und dieselbe Person sind – Jesus Christus.71 Entsprechend erklärt es Jesus nach seiner Auferstehung den Jüngern: „Es wurde vor langer Zeit aufgeschrieben, dass der Christus leiden und sterben […] muss“ (Lukas 24,46 NLB ).

Zweifellos ist die Hinrichtung des Gottesknechts ein dramatischer Höhepunkt. Sie stellt innerhalb des Buches Jesaja aber auch einen Wendepunkt dar, denn im Anschluss, ab Kapitel 54, wird das Wort „Knecht“ auffälligerweise nur noch im Plural verwendet, während es bis dahin stets im Singular vorkam. So entspringt aus Israel der eine Knecht Gottes, der durch sein Opfer die Erlösung von aller Schuld bewirkt und damit zum Ursprung und Vorbild für seine Nachkommen (Jesaja 53,10) bzw. Jünger wird (vgl. Johannes 13,14–17; Philipper 2,5–7). Wie der Knecht Gottes das Licht für die Völker ist (Jesaja 49,6), werden auch seine „Knechte“ zum Licht für die Menschen (Matthäus 5,14–16).

71 Zur Identifikation des Gottesknechts mit Jesus siehe Matthäus 12,17–21; Apostelgeschichte 8,30–35.

Exkurs: Jesus Christus als Zentrum der Heilsgeschichte

Die Reduzierung des Volkes Gottes auf eine einzelne Person, von der ausgehend sich das künftige Heil entfaltet, ist bereits im Berufungsbericht Jesajas angedeutet. Dort teilt ihm Gott mit, was er mit seinem Volk im Gericht vorhat:

„Selbst wenn nur ein Zehntel überlebt, ist es doch zur Vernichtung bestimmt, wie bei einer gefällten Terebinthe oder Eiche, von der nur ein Stumpf übrig bleibt. Ein heiliger Same ist dieser Stumpf.“ (Jesaja 6,13 NLB )

Aus diesem Stumpf wächst ein junger Trieb (vgl. 11,1), den Paulus später mit Jesus Christus identifiziert:

„Und Jesaja sagt: Kommen wird der Spross aus der Wurzel Isais; er wird sich erheben, um über die Heiden zu herrschen. Auf ihn werden die Heiden hoffen.“ (Römer 15,12)

Dieser ist zugleich der besondere Nachkomme Abrahams, durch den alle Völker Heil erfahren sollen:

„Abraham wurden die Verheißungen zugesprochen und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: und den Nachkommen, als wären viele gemeint, sondern es wird nur von einem gesprochen: und deinem Nachkommen; das aber ist Christus.“ (Galater 3,16)

Blicken wir kurz zurück: Nach der Zerstreuung der Menschheit infolge des Turmbaus zu Babel hatte Gott Abraham berufen mit der Zusage, dass durch ihn „alle Sippen der Erde Segen erlangen“ (1. Mose 12,3). Diese Verheißung wird schließlich auf dessen Enkel Jakob übertragen (1. Mose 28,13–14), von dem die zwölf Stämme Israels abstammen. Israel wird zu Gottes besonderem Volk (2. Mose 19,5–6). Bevor sich das ultimative Ziel dieser Erwählung erfüllen kann, allen Völkern Heil zu bringen, reduziert

sich das Gottesvolk immer weiter. Das geschieht, weil Israel sich als taub und blind für Gottes Willen erwiesen hatte (Jesaja 42,18–25; vgl. 6,9–10). Zunächst wurden die israelitischen Nordstämme verstoßen (2. Könige 17,18), dann Juda ins Exil geführt. Aus dem später freigelassenen Rest des Volkes entspringt dann – über viele Generationen – Jesus Christus (vgl. Matthäus 1,12–16). Er ist der eine Gottesknecht, der durch seinen Opfertod einen Neuanfang bewirkt. Damit repräsentiert Jesus das neue Israel. Matthäus unterstreicht diesen Aspekt, wenn er die Rückkehr der Familie Jesu aus Ägypten nach Herodes’ Tod als „Erfüllung“ von Hosea 11,1 betrachtet: „Ich rief meinen Sohn aus Ägypten“ (Matthäus 2,13–15); diese Aussage hatte Hosea eigentlich im Hinblick auf die Befreiung des Volkes unter Mose niedergeschrieben (vgl. 2. Mose 4,22–23).

Zur Mission des Gottesknechts gehört auch eine Lösung für das Problem der von Jesaja festgestellten Blindheit und Taubheit des alten Israel: „Und die Augen der Sehenden werden nicht mehr verklebt sein und die Ohren der Hörenden werden aufhorchen“ (Jesaja 32,3). Dieses Thema wird uns in den Evangelien wieder begegnen, insbesondere bei der Unterweisung seiner Jünger (Markus 8,17–18; vgl. 4,10–12). Sie spielen heilsgeschichtlich eine herausgehobene Rolle. Jesus hat gezielt zwölf Israeliten in seinen engeren Schülerkreis berufen, die – wie einst die Söhne Jakobs –den Ausgangspunkt für ein neues bzw. erneuertes Gottesvolk bilden sollen (vgl. Lukas 22,30). Das erklärt auch die Notwendigkeit, nach dem Wegfall von Judas noch vor Pfingsten ihre Zwölfzahl wieder herzustellen (Apostelgeschichte 1,26). Die Zwölf werden schließlich in die ganze Welt ausgesendet, um auch die Heiden in das neue Gottesvolk mitaufzunehmen. Was Gott bei Abrahams Berufung im Sinn hatte, kommt so schließlich zum Ziel:

„Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben gemäß der Verheißung.“ (Galater 3,29)

Damit ist Jesus Christus der Fluchtpunkt, auf den die Heilsgeschichte des Alten Testaments zuläuft und von dem aus sich das Neue Testament entfaltet. Mit Recht hat Martin Luther Christus als die „Mitte der Schrift“ bezeichnet. Dies kann man sogar im Buch Jesaja wiedererkennen, wie folgendes Schema zeigt:

ein volk + völker73 ein zehntel72 Knechte

Stumpf/Same = ein Knecht

Jesaja 6,13 Jesaja 54–66 Jesaja 53

Ähnlich sieht es übrigens auch bei der Leitungsverantwortung für das Volk Gottes aus: Hesekiel musste feststellen, dass die Hirten –ein Bild für die religiösen und politischen Führer Israels – weitgehend versagt hatten (Hesekiel 34,1–10). Als Antwort darauf wird Gott einen einzigen Hirten einsetzen (34,23). Dieser „gute Hirte“ –Jesus (vgl. Johannes 10,14–16) – hat dann wiederum viele „Hirten“ als Leiter der verschiedenen Gemeinden eingesetzt (Epheser 4,11; Apostelgeschichte 20,28), die seinem Vorbild folgen sollen.

72 Da Jesaja die Berufung zum Propheten noch vor dem Untergang des Nordreichs Israel empfängt, könnte das verbleibende „Zehntel“ theoretisch den Stamm Juda meinen. Wahrscheinlicher ist aber, dass das Volk, zu dem Jesaja gesendet wird (Vers 9), nur das Südreich Juda ist und somit bei dem Zehntel an den in Juda/Jerusalem verbliebenen Rest der Bevölkerung gedacht ist, der nicht verschleppt wird (2. Könige 25,22).

73 Vgl. Jesaja 66,18–21.

Betrachten wir schließlich noch die zeitliche Einordnung Jesajas. Seine Berufung erfährt er im Todesjahr des Königs Usija (Jesaja 6,1), also 740 v. Chr. Damit wirkte er deutlich früher als Jeremia und Hesekiel. Zu seinen Lebzeiten wird das Nordreich Israel74 durch die Assyrer erobert (722 v. Chr.); der Fall Jerusalems ist da noch in weiter Ferne (vgl. 39,6–8). An vielen Stellen durchbrechen seine Worte den zeitgenössischen Rahmen und blicken weit in die Zukunft. Ab Kapitel 40 hat der Prophet die Zeit gegen Ende des babylonischen Exils vor Augen (538 v. Chr.; vgl. Esra 1,1–4 mit Jesaja 44,24–28). Andere Prophetien reichen bis an das Ende dieser Welt – und darüber hinaus:

„Ja, siehe, ich erschaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Man wird nicht mehr an das Frühere denken, es kommt niemand mehr in den Sinn.“ (65,17)

Diese Verheißung wird im Neuen Testament nicht nur von der Offenbarung aufgegriffen;75 auch Petrus schreibt darüber. Dabei stellt er einen Bezug zur Sintflut her: Wie in den Tagen Noahs schon einmal die Welt unterging, wird es auch am Ende der Zeit eine Umgestaltung des Kosmos geben (2. Petrus 3): „Wir erwarten gemäß seiner Verheißung einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“ (Vers 13). Das ist insofern bemerkenswert, als auch Jesaja das endzeitliche Gericht mit Bildern aus der Sintfluterzählung beschreibt (vgl. Jesaja 24,1–6 mit 1. Mose 6,11–13 sowie Jesaja 26,20 mit 1. Mose 7,16b). Abermals ist die Schlechtigkeit der Menschen so groß wie in den Tagen Noahs, und nun passiert das Undenkbare: Der „ewige Bund“ wird gebrochen (Jesaja 24,5) – mit diesem Ausdruck wurde das Versprechen

74 Häufig „Efraim“ genannt.

75 Vgl. Offenbarung 21,1–4 mit Jesaja 65,17 und 25,8, sowie Offenbarung 21,23–25 mit Jesaja 60,11.19.

Gottes zur Erhaltung der Welt nach der Sintflut bezeichnet, symbolisiert durch den Regenbogen (1. Mose 9,16). Wichtig: Nicht Gott bricht diesen Bund, sondern die Menschen (wie auch immer das konkret gemeint sein mag; der Bund ist ja an keine Bedingungen geknüpft). Damit ist impliziert, dass es mit der Erde, wie wir sie kennen, zu Ende geht (1. Mose 8,22).76

So weitreichend wie das Gericht bei Jesaja dargestellt ist, so universal sind auch seine Heilsankündigungen: Anders als bei Hesekiel77 werden nun auch die Völker explizit in das Heil mit einbezogen (z. B. Jesaja 49,6; 56,6–7; 66,18–21). Hatte sich Hesekiel noch damit begnügt, dass Gottes Herrlichkeit in den Tempel zurückkehrt, soll sie nun allen Menschen offenbart werden (40,5) und die ganze Erde erfüllen (6,3). Endgültig sehen wir dies in der neuen Welt verwirklicht: „Die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, die ihr leuchten. Denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie“ (Offenbarung 21,23).

76 Die neue Welt wird in Jesaja 27 dann mit dem Bild eines Weinbergs beschrieben; das bildet den Kontrast zum zerstörten Weinberg aus Kapitel 5.

77 Eine Ausnahme bildet Hesekiel 47,22–23.

Historischer Hintergrund zu Jesaja

Jahr Ereignis

745 der assyrer tiglat-Pileser iii. (in 2Kön 15,19 heißt er Pul) kommt an die macht und beginnt eine expansionspolitik, bei der er viele Stadtstaaten in Palästina unterwirft (2Kön 15,17–20).

740 mit dem tod des Königs usija (in 2Kön 15 heißt er asarja) endet für Juda eine zeit der relativen unabhängigkeit.

Bezug Jesaja

6,1

735 ahas wird König von Juda (als nachfolger Jotams). 7,1

734–732 Syrisch-efraimitischer Krieg: Syrien (unter König rezin) und das nordreich israel (unter König Pekach) verbünden sich gegen die assyrer.

734 als der judäische König ahas dem Bündnis nicht beitreten will, wendet sich das syrisch-efraimitische Bündnis gegen Juda, um einen anderen König einzusetzen, was aber nicht gelingt.

7,6

733/ 732 tiglat-Pileser iii. schlägt die aufstände nieder und unterwirft das nordreich israel. dabei werden einige Gebiete (u. a. die von Sebulon und naftali) zu assyrischen Provinzen (2Kön 15,29). 8,23

726 tod tiglat-Pilesers iii nachfolger wird Salmanasser v Kurz darauf stellt das nordreich israel die tributzahlungen an assyrien ein (2Kön 17,3–4).

722 die assyrer erobern das nordreich israel und siedeln deren Bevölkerung um (2Kön 17,5–6).

721–705 in assyrien regiert Sargon ii 20,1

715–686 in Juda regiert König hiskia (ahas’ Sohn). Kap. 36–39

715 todesjahr des Königs ahas. erneut formt sich widerstand gegen die assyrische oberherrschaft. Ägypten verbündet sich mit aschdod und anderen Stadtstaaten der Philister. 14,28

714 Ägypten: Beginn der 25. dynastie unter der herrschaft der nubier (hebräisch Kusch).

711 der aufstand gegen die assyrer wird niedergeschlagen und das land der Philister wird zur assyrischen Provinz aschdod.

705 nach dem tod Sargons ii. kommt Sanherib an die macht und aufstände brechen in weiten teilen assyriens aus.

703 merodach-Baladan ruft unabhängigkeit für Babel (721 von den assyrern erobert) aus, sucht Bündnis mit Juda; sein aufstand wird aber kurz danach von Sanherib zurückgeschlagen. auch hiskia fällt in dieser zeit von assur ab (2Kön 18,7). die möglichkeit einer allianz mit Ägypten bietet sich an.

701 Sanherib erobert viele Städte in Juda (2Kön 18,13), belagert Jerusalem, kann die Stadt aber nicht einnehmen.

689 Sanherib vernichtet die Stadt Babel und macht sie zum Sumpfgebiet; sie wird kurz darauf aber wieder aufgebaut.

Kap. 18

Kap. 20

Kap. 39 Kap. 28–31 ?

Kap. 36–37

14,22–23 ?

680 Sanherib wird ermordet. 37,38

669 der assyr. König assurbanipal (bei esra heißt er asenappar) siedelt weitere Fremdvölker in Samarien an (esra 4,10).

7,8

586 zerstörung Jerusalems und des tempels; babylonisches exil (2Kön 25). 39,6–7

538 edikt des Persers Kyrus beendet das babylonische exil. 44,24–28

Zwölfprophetenbuch

Die zwölf kürzeren prophetischen Bücher, die sogenannten „kleinen Propheten“ (auch Zwölfprophetenbuch), umfassen insgesamt eine Zeitspanne von über 300 Jahren. Von den ersten sechs wirkten die meisten im 8. Jahrhundert v. Chr. (Joel und Obadja nennen keine Zeitangabe; Jona lässt sich nur indirekt über 2. Könige 14,25 datieren). Die nächsten drei fallen in das 7. Jahrhundert und die letzten drei in die Zeit nach dem babylonischen Exil.

Neben einer grob chronologischen Anordnung gibt es auch inhaltliche Verbindungen zwischen den Propheten. Mindestens zwei „rote Fäden“ ziehen sich durch die zwölf Bücher: Zum einen die Rede vom „Tag des Herrn“ als Zeitpunkt des besonderen Eingreifens Gottes in die Geschichte; zum anderen die Selbstbeschreibung Gottes, mit der er sich Mose vorgestellt hatte:

„Jahwe, Jahwe, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Treue […], der Schuld, Vergehen und Sünde vergibt, aber keineswegs ungestraft lässt.“ (2. Mose 34,6–7 ELB )

Wenn die Propheten nun also den bevorstehenden Gerichtstag verkünden, erfolgt vor dem Hintergrund des Charakters Gottes immer wieder der Ruf zur Umkehr. Mit einem solchen endet auch das erste Buch der Reihe (Hosea 14,2ff); dessen Schlussvers kann als eine Art „Leseanleitung“ für die folgenden Bücher verstanden werden:

„Wer weise ist, begreife dies alles, wer klug ist, erkenne es. Ja, die Wege des HERRN sind gerade; die Gerechten gehen auf ihnen, die Treulosen aber kommen auf ihnen zu Fall.“ (Hosea 14,10)

Hosea wirkte im Nordreich Israel (das er häufig Efraim nennt) in der Zeit von König Jerobeam II. (793–753) bis fast zur Eroberung durch die Assyrer (722). Unter Jerobeam II. herrschte Wohlstand und relativer Friede, da die Großmacht Assur geschwächt war. Neben sozialen Ungerechtigkeiten prangert der Prophet vor allem den Götzenkult in Gilgal und Bet-El an. Dabei wird Bet-El anklagend auch Bet-Awen, „Haus des Frevels“, genannt. Dort war nach der Reichsteilung im Jahr 931 eine Kultstätte errichtet worden (siehe 1. Könige 12,26–33). Wie überhaupt bei allen Propheten basiert Hoseas Botschaft auf dem Bund Gottes mit seinem Volk. So erinnert er an die Befreiung aus Ägypten und droht –gemäß den Bundesflüchen (5. Mose 28,68) – mit der Rückführung

fasst hat, sind die stilistischen und theologischen Ähnlichkeiten kaum zu übersehen.

Auf diese Weise bleiben das erste Buch (das Matthäusevangelium) und das letzte (die Offenbarung) auch in der neuen Lesereihenfolge an diesen Positionen erhalten. Sie haben als Beginn und Abschluss des Neuen Testaments jeweils einen besonderen Stellenwert.

Matthäus-Block

Der erste Abschnitt unserer Erkundung des Neuen Testaments führt zu drei Schriften, die sich vor allem an Christen mit jüdischem Hintergrund richten. Damit folgen wir dem Grundsatz von Paulus, wonach das Evangelium „zuerst für den Juden“ Rettung bringt (Römer 1,16). Wir sind es heute gewohnt, das Christentum als etwas vom Judentum Getrenntes zu betrachten. Diese tragische Entwicklung hat aber erst später stattgefunden. In der innerbiblischen Logik jedoch ist vom Ende des Alten Testaments die Frage nach der vollständigen Wiederherstellung Israels offengeblieben (wir denken an Esra/Nehemia). Den passendsten Anknüpfungspunkt bietet hier das Matthäusevangelium, das sich besonders deutlich auf die jüdische Perspektive und deren Erwartungen konzentriert. So finden wir beispielsweise nur dort die Anweisung an die von Jesus ausgesandten Jünger, nicht zu den Heiden zu gehen, sondern ausschließlich „zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Matthäus 10,5–6); Markus und Lukas haben dieses Detail in ihren Parallelberichten weggelassen. Die universale Perspektive – „macht alle Völker zu meinen Jüngern“ – ist dann dem Schluss des Matthäusevangeliums vorbehalten.

Matthäusevangelium

Das letzte Buch des Alten Testaments begann mit einer langen Liste von Namen (1. Chronik 1–9), und nun finden wir zu Beginn des Neuen Testaments ebenfalls einen Stammbaum, den von

Jesus Christus. Damit knüpft Matthäus zugleich auch an das allererste Buch der Bibel an. Seine Formulierung „Buch des Ursprungs [griechisch genesis] Jesu Christi …“ (Matthäus 1,1) entspricht dem hebräischen toledot, das zur Gliederung des 1. Buch Mose diente –in der Septuaginta-Übersetzung132 steht an diesen Stellen das Wort genesis. Besonders deutlich ist die Parallele zum zweiten Toledot:

• 1. Mose 5,1: „Buch der Toledot/Genesis Adams …“

• Matthäus 1,1: „Buch der Genesis Jesu Christi …“

Auf diese Weise wird der Geschichte vom ersten Menschen – also dem, was aus Adam wurde133 – die Geschichte von Jesus Christus gegenübergestellt; er wird im Neuen Testament auch als „zweiter Adam“ bezeichnet:

„So steht es auch in der Schrift: Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der letzte Adam wurde lebendig machender Geist. […] Der erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde; der zweite Mensch stammt vom Himmel.“ (1. Korinther 15,45.47)

Jesus steht einerseits für die Fortsetzung der Geschichte Gottes mit den Menschen, andererseits auch für einen Neuanfang: Anders als die ersten Menschen im Garten Eden widersteht er der Versuchung des Teufels (siehe Matthäus 4,1–11). Der Sündenfall brachte den Tod, jetzt führt der Neuanfang in Jesus Christus zum Leben: „Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden“ (1. Korinther 15,22; vgl. Römer 5,12–21). Matthäus unterteilt den Stammbaum Jesu in drei Abschnitte:

132 Diese alte griechische Ausgabe des Alten Testaments war zur Zeit Jesu unter den Juden weit verbreitet.

133 So kann man das hebräische toledot auch übersetzen.

„Im Ganzen sind es also von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft vierzehn Generationen und von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus vierzehn Generationen.“ (Matthäus 1,17)

Die gewählten Einschnitte (König David, Babylonische Gefangenschaft) markieren Anfang und Ende des Herrscherhauses David. Eigentlich hatte Gott David eine ewige Dynastie verheißen (2. Samuel 7,12–16), doch seit dem Exil in Babel ist die Thronfolge unterbrochen. Nach weiteren vierzehn Generationen Vakanz folgt in dieser Linie nun Jesus Christus, der auch den Titel „Sohn Davids“ trägt (Matthäus 1,1; 21,9).134 Ein solcher Davidssohn wurde als „Messias“ (griechisch: Christus) erwartet, als von Gott eingesetzter Herrscher (vgl. Jesaja 9,5–6).

Wenn nun Jesus seine Verkündigung damit beginnt, dass das Himmelreich nahe ist (Matthäus 4,17), und sich selbst auch noch als „Menschensohn“ bezeichnet (z. B. 9,6), dann wird das bestimmte Erwartungen geweckt haben, die den Juden vom Alten Testament her bekannt waren. Wir denken da zum Beispiel an eine Vision aus dem Buch Daniel:

„Da kam mit den Wolken des Himmels einer wie ein Menschensohn.

Er gelangte bis zu dem Hochbetagten und wurde vor ihn geführt. Ihm wurden Herrschaft, Würde und Königtum gegeben. Alle Völker, Nationen und Sprachen dienten ihm. Seine Herrschaft ist eine ewige, unvergängliche Herrschaft. Sein Reich geht niemals unter.“

(Daniel 7,13–14; vgl. Matthäus 24,30)

134 Die Zahl 14 weist ebenfalls auf David hin, entspricht sie doch dem hebräischen Zahlenwert seines Namens. Dies könnte erklären, warum Matthäus vier Könige im Stammbaum unterschlägt (Ahasja, Joasch, Amazja, Jojakim) – denn tatsächlich waren es 18 Generationen.

Und war nicht auch das eingetreten, was Daniel vorhersah – dass das Volk Gottes nach dem babylonischen Exil fortwährend unter Fremdherrschaft zu leiden hätte, bis Gott es irgendwann davon erlösen würde? Zur Zeit Jesu stand das Land unter römischer Verwaltung und man sehnte sich nach dem verheißenen Messias, eben jenem „Menschensohn“,135 der das Reich Gottes136 aufrichten würde.

Kommt man gedanklich vom Buch Daniel her, dann wäre zu erwarten, dass mit dem Beginn des Reiches Gottes zugleich auch die alte Weltordnung endet:

„Zur Zeit jener Könige wird aber der Gott des Himmels ein Reich errichten, das in Ewigkeit nicht untergeht; dieses Reich wird er keinem anderen Volk überlassen. Es wird alle jene Reiche zermalmen und endgültig vernichten; es selbst aber wird in alle Ewigkeit bestehen.“ (Daniel 2,44)

Und genau diese Vorstellung hatten die Juden zur damaligen Zeit. Sie dachten – wie die Theologen sagen würden – „eschatologisch“, das heißt, sie waren auf das Ende (griechisch: eschaton) des Zeitalters ausgerichtet, mit dem zugleich das Reich Gottes beginnen würde. Schematisch lässt sich das so darstellen:

Dieses Zeitalter (irdische reiche) Das Eschaton dan 2,44 Zukünftiges Zeitalter (das reich Gottes)

135 Zur Gleichsetzung beider Titel, Messias bzw. Christus und Menschensohn, vgl. Matthäus 26,63–64.

136 Die Begriffe „Reich Gottes“ und „Himmelreich“ sind austauschbar; Matthäus verwendet bevorzugt letzteren.

Tatsächlich aber wird das Reich Gottes in zwei Schritten aufgerichtet. Jesus lehrt, dass es mit ihm bereits angebrochen ist; er beschreibt es als etwas Wachsendes, das sich entwickelt und ausbreitet – inmitten der gegenwärtigen Welt (Matthäus 13). Im Hinblick auf das (endgültige) Ende dieses Zeitalters spricht Jesus hingegen von einem plötzlichen, punktuellen Geschehen (Matthäus 24–25):

„Sofort nach den Tagen der großen Drangsal wird die Sonne verfinstert werden und der Mond wird nicht mehr scheinen […] und man wird den Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ (24,29–30)

Es ergibt sich damit folgendes Bild, bei dem das Eschaton nicht ein singuläres Ereignis ist, sondern ein Zeitraum – aus dem Ende wird eine „Endzeit“, aufgespannt zwischen Jesu erstem Kommen und seiner Wiederkunft:

Dieses Zeitalter

Zukünftiges Zeitalter (das reich Gottes) mt 24–25 (... ewig) (... vergeht) begonnen vollendet

Das Eschaton mt 13

So entsteht eine Überlappung, bei der die alte Welt noch existiert, während das Reich Gottes schon da ist. In dieser Zeit gilt:

„Und dieses Evangelium vom Reich wird auf der ganzen Welt verkündet werden – zum Zeugnis für alle Völker; dann erst kommt das Ende.“ (Matthäus 24,14)

Für den Einzelnen bedeutet es, dass schon jetzt das Reich Gottes erlebt werden kann, auch wenn es noch nicht in seiner ganzen Fülle erfahrbar ist:

• schon jetzt: Gemeinschaft mit Gott –noch nicht: Gottes Angesicht sehen (Offenbarung 22,4)

• schon jetzt: Gottes Kind –noch nicht: Gott ähnlich sein (1. Johannes 3,2)

• schon jetzt: Wunder und Heilungen –noch nicht: kein Tod mehr (Offenbarung 21,4)

• schon jetzt: teilweise (Gottes)Erkenntnis –noch nicht: vollständige Erkenntnis (1. Korinther 13,12)

Doch nicht nur bei der zeitlichen Abfolge muss Jesus die Vorstellungen seiner Zeitgenossen zurechtrücken. Angesichts der römischen Besatzung erwartete man vom Messias vor allem eine politische Veränderung. Darum aber geht es Jesus nicht, wenn er das Hereinbrechen des Himmelreichs verkündet. In seiner Bergpredigt hat er beispielsweise eine Situation vor Augen, bei der man gezwungen wird, eine bestimmte Wegstrecke mitzugehen. Tatsächlich konnte die Zivilbevölkerung von den Römern zu Transportleistungen verpflichtet werden (vgl. Matthäus 27,32). Jesus fordert hier, keinen Widerstand zu leisten, sondern sogar noch „die zweite Meile“ zu gehen (5,41). Das klingt nun wirklich nicht nach Umsturzplänen! Jesu Botschaft ist also erklärungsbedürftig. Was bedeutet das Reich Gottes konkret für die Menschen – damals wie heute? Matthäus hat die Erläuterungen zum Himmelreich zu fünf größeren Lehrreden zusammengefasst, die er alle mit einer ähnlichen Formulierung abschließt: „Als Jesus diese Rede beendet hatte …“ (7,28; 11,1; 13,53; 19,1; 26,1):

• Das Gesetz des Reiches (Bergpredigt; Kapitel 5–7)

• Die Verkündigung des Reiches (Aussendungsrede; Kapitel 10)

• Das Wachsen des Reiches (Gleichnisse zum Himmelreich; Kapitel 13)

• Die Gemeinschaft des Reiches (Rede über das Miteinander; Kapitel 18)

• Die Vollendung des Reiches (Endzeitrede; Kapitel 24–25)

Auf diese Weise wird Jesus als Lehrer (hebräisch Rabbi) dargestellt – eine Sichtweise, die er selbst bestätigt: „… nur einer ist euer Lehrer, Christus“ (23,10).

Darüber hinaus präsentiert uns der Evangelist Jesus als „neuen Mose“, zum Beispiel durch die Erwähnung des Kindermordes unter Herodes (2,16), der an die Umstände von Moses Geburt erinnert (vgl. 2. Mose 1,15–16). Möglicherweise soll auch die Fünfzahl der Lehrreden Jesu an die fünf Bücher Mose denken lassen. Demnach wären sie so etwas wie die „Tora (das Gesetz) des Neuen Testaments“. Die sogenannte Bergpredigt („er stieg auf den Berg“; Matthäus 5,1) erinnert an die Gesetzgebung am Berg Sinai durch Mose. Jesu Anspruch geht sogar darüber hinaus, wenn er erklärt, dass seine Worte beständiger sind als das Gesetz. Dieses ist nach Matthäus 5,18 gültig, „bis Himmel und Erde vergehen“. Nun sagt Jesus: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“ (24,35). Seine Lehre rückt an die Stelle der Tora: „Lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe“ (28,20) – ein Auftrag, der Parallelen zu Moses Schlussworten am Ende der Tora erkennen lässt: „… damit ihr auch eure Kinder dazu verpflichtet, auf alle Worte dieser Weisung zu achten und sie zu halten“ (5. Mose 32,46).

Zwischen den einzelnen Lehrreden finden wir Begebenheiten aus dem Leben Jesu. Damit wird deutlich: zur Verkündigung des Himmelreichs gehören auch machtvolle Taten (vgl. Matthäus 9,5).

Das unterstreicht Matthäus mit zwei zusammenfassenden Versen, die vor beziehungsweise nach einem größeren Block von Lehrrede und Heilungsberichten stehen:

„er zog in ganz Galiläa umher, lehrte in den Synagogen, verkündete das evangelium vom reich und heilte im volk alle Krankheiten und leiden.“ (4,23)

Bergpredigt (Kap. 5–7)

heilungswunder (Kap. 8–9)

„Jesus zog durch alle Städte und dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das evangelium vom reich und heilte alle Krankheiten und leiden.“ (9,35)

In diesen Summarien begegnet uns auch erstmalig der Begriff „Evangelium“; er hat seinen alttestamentlichen Ursprung bei Jesaja137 und bedeutet Sieges- oder Freudenbotschaft:

„Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.“ (Jesaja 52,7)

Doch ein einziger Freudenbote reicht nicht aus, um diese gute Nachricht zu verbreiten. Jesus braucht seine Jünger als Multiplikatoren. Matthäus hat das sehr schön herausgearbeitet, indem er den Textabschnitt rund um die Bergpredigt und die Taten Jesu ringförming aufgebaut hat:

137 Dort wird dieses griechische Wort in der Septuaginta-Übersetzung verwendet.

A 4,12–17 Beginn des öffentlichen wirkens Jesu „das himmelreich ist nahe!“

B 4,18–22 Berufung der ersten Jünger

C 4,23–25 einleitende zusammenfassung: „lehrte, verkündete, heilte“

D1 5,1–7,29 Bergpredigt (= lehre/verkündigung)

D2 8,1–9,34 Wundertaten (vorwiegend heilungen)

C’ 9,35–38 abschließende zusammenfassung: „lehrte, verkündete, heilte“

B’ 10,1–4 Berufung der zwölf Jünger

A’ 10,5–15 aussendung der Jünger „verkündet: das himmelreich ist nahe!“

Die Abschnitte C und C’ (sie enthalten auch die angesprochenen Summarien) sind inhaltlich aufeinander bezogen. Zunächst erfahren wir, dass Massen von Menschen Jesus nachlaufen (4,25). Im damit korrespondierenden Abschnitt notiert Matthäus: „Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen […] Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter“ (9,36–37). Schon gleich zu Beginn hatte Jesus ein paar erste Jünger in seine Nachfolge berufen (4,18–22; Abschnitt B). Nun wird dieser Kreis vervollständigt und mit Vollmacht ausgestattet (10,1–4; B’). Seine Jünger erhalten den Auftrag: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!“ (10,7; A’) – die gleiche Wortwahl, mit der Jesus sein öffentliches Wirken begann (4,17; A). In diesem Kontext werden seine Jünger als Apostel bezeichnet (10,2). Dieser aus dem Griechischen stammende Begriff bedeutet Gesandter und bezeichnet einen bevollmächtigten Boten. Im Hebräerbrief wird Jesus selbst auch Apostel genannt (Hebräer 3,1). Die Weitergabe des Verkündigungsauftrags steht dann nochmal am Ende des Matthäusevangeliums. Dort finden wir auch die Zusage: „ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Matthäus 28,20), mit der sich der Kreis zum Beginn des Evangeliums schließt,

wo Jesus als der bei Jesaja angekündigte Immanuel138 vorgestellt wurde (1,23). Dieser Name bedeutet übersetzt „Gott mit uns“.

Exkurs: Institutionen und Personengruppen zur Zeit Jesu

Um die Berichte in den Evangelien besser zu verstehen, hilft es, die einzelnen Institutionen und Personengruppen zu kennen:

Die weltlichen Herrscher

Nach dem Tod des (von Rom eingesetzten) Königs Herodes des Großen139 (4 v. Chr.) wird sein Herrschaftsgebiet auf seine drei Söhne aufgeteilt (vgl. Lukas 3,1; Matthäus 2,22). Anders als ihr Vater erhalten sie von Rom nicht den Titel „König“, sondern nur „Tetrarch“ (Landesfürst), können aber im Volksmund trotzdem als „König“ bezeichnet werden.

• Archelaus erhält Samaria, Judäa und das südlich davon gelegene Idumäa. Er wird 6 n. Chr. wegen seiner Brutalität von Rom abgesetzt; seither werden diese Gebiete von römischen Statthaltern verwaltet, in den Jahren 26–36 ist das Pontius Pilatus. Von 41 bis 44 n. Chr. regiert dort mit Herodes Agrippa I. wieder ein jüdischer König140 – ihm begegnen wir in Apostelgeschichte 12.

138 Jesaja 7,14.

139 Dieser war es, der den als „König der Juden“ angekündigten Jesus als Baby töten lassen wollte.

140 Zuvor war er schon König über das nördliche Ostjordanland (seit 37) sowie über Galiläa und Peräa geworden (39), herrscht seit dem Jahr 41 also über das gesamte Gebiet seines Großvaters Herodes des Großen. Nach Agrippas Tod fallen alle diese Gebiete unter die Verwaltung durch römische Statthalter.

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LESEPLAN FÜR 18 MONATE

Der Bibelleseplan Projekt B18 führt in 18 Monaten durch die ganze Bibel. Die besondere Reihenfolge der biblischen Bücher wurde in der Einleitung erläutert. Dieser tageweise Leseplan legt besonderen Wert darauf, dass Sinnzusammenhänge erhalten bleiben. Daraus ergibt sich, dass nicht jeder Tagesabschnitt gleich lang oder entlang von Kapitelgrenzen bemessen ist. Dazu muss man wissen, dass die Vers- und Kapiteleinteilungen erst Jahrhunderte später hinzugefügt wurden. Leider berücksichtigen diese nicht immer, was inhaltlich zusammenhängt und wo eine Zäsur passend wäre. In einem Fall sogar musste für diesen Bibelleseplan die Abgrenzung mitten im Vers erfolgen (1. Samuel 4,1), um den falschen Eindruck zu vermeiden, Samuel habe das Volk Israel in einen verhängnisvollen Krieg geführt.

Insgesamt werden etwa 12½ Monate für das Alte Testament veranschlagt und 5½ Monate für das Neue. Es werden im Alten Testament durchschnittlich 61 Verse pro Tag gelesen, und im Neuen Testament sind es 48, womit dort die durchschnittliche tägliche Lesemenge (nach Versen) etwa ein Fünftel geringer ist als beim Alten Testament. So bleibt etwas mehr Zeit zum Reflektieren und Nachsinnen über die neutestamentlichen Texte, die meist als inhaltlich dichter empfunden werden.

Ein alternativer Leseplan für 12 Monate (365/366 Tage) kann auf der Internetseite www.projektb18.de kostenlos heruntergeladen werden.

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DANK

Die Ursprünge dieses Buches reichen zurück bis ins Jahr 2011, als der Bund Freier evangelischer Gemeinden das Themenjahr „Aufbruch Bibel“ initiierte. Damals hatte ich den Bibelleseplan Projekt B18 entworfen und in meiner Heimatgemeinde (FeG Limburg/Lahn) in einer Serie von Gemeindebriefartikeln zum Lesen der Bibel angeregt. Diese Texte wurden in der Folgezeit kontinuierlich weiterentwickelt. Dabei hatte ich das Glück, auf wertvolle Literatur aufmerksam zu werden, die meinen theologischen Horizont erweitert hat, insbesondere durch die kanonischen und literaturwissenschaftlichen Ansätze der Bibelauslegung.

In diesem Buch habe ich das aufgeschrieben, was mich selbst fasziniert und mir geholfen hat, die Bibel besser zu verstehen. Meinen Leserinnen und Lesern wünsche ich, dass sie zu neuen Blickwinkeln und vielen Aha-Erlebnissen kommen. Auch zu solchen, die in diesem „Reiseführer“ nicht erwähnt sind, denn – das ist meine Überzeugung – man wird die Bibel nie wirklich „ausgelesen“ haben. Sie ist ein Ort, an den man gerne zurückkehrt, weil man jedes Mal etwas Neues entdeckt.

Ich danke allen, die mich ermutigt haben, meine Idee zu einem Buch werden zu lassen. Im Besonderen danke ich Julius Steinberg für theologische Beratung, passende Literaturempfehlungen und die Unterstützung auf dem Weg zum Buchprojekt. Er hat meine große Freude am Alten Testament geweckt, ohne die es dieses Buch nicht gäbe. Ich danke meinen beiden aufmerksamen Testleserinnen Inka Ziegler und Maya Ziegler für wertvolle Hinweise. Lydia Rieß war eine der ersten, die mich zu diesem Buchprojekt

ermutigt und meine Suche nach einem Verlag unterstützt hat. Von ihr habe ich hilfreiche theologische Anmerkungen zu meinem Manuskript erhalten. Claudia Nickel hat mir zahlreiche nützliche Tipps gegeben und mich schließlich auf den Neufeld Verlag aufmerksam gemacht. Einen besseren Partner für mein Buch hätte ich mir nicht vorstellen können! Ich danke dem Neufeld Verlag für die konstruktive und wertschätzende Zusammenarbeit. Und zu guter Letzt gilt mein Dank meiner lieben Ehefrau Mandy, die mich stets ermutigt und bei Fragen zur Verständlichkeit verschiedener Abschnitte beraten hat. Sie musste mich viele Stunden entbehren und ertrug es geduldig, wenn ich wieder mal „an meinem Text gefeilt“ habe.

ÜBER DEN AUTOR

Marcus Heckerle, Jahrgang 1973, hat 2011 den Bibelleseplan Projekt B18 – in 18 Monaten durch die Bibel entwickelt und seitdem an diesem Buch gearbeitet.

Er lebt mit seiner Frau in Hünstetten im Taunus und arbeitet im IT -Bereich. Seit mehr als 20 Jahren leitet er den Bibelkreis der Freien evangelischen Gemeinde Limburg/Lahn. Er engagiert sich dort auch in der Gemeindeleitung.

Als theologischer Laie hat er vom Lehrgang Bibelauslegung der Theologischen Hochschule Ewersbach profitiert – und dieses Wissen fortwährend im Bibelkreis sowie in Predigten angewendet. Dabei faszinieren ihn besonders solche Bibeltexte, die gerne ignoriert oder für unwichtig gehalten werden. Er plädiert dafür, dass alle Bücher der Bibel uns heute noch etwas zu sagen haben.

In den letzten Jahren hat Marcus Heckerle auch bewusster hermeneutische Aspekte reflektiert – immer mit der Frage nach einer Auslegung, die der ursprünglichen Absicht der biblischen Texte gerecht wird.

Mit dem vorliegenden Buch will er dazu inspirieren, neu ins Buch der Bücher einzutauchen.

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Dallas Willard • Jünger wird man unterwegs – Jesus-Nachfolge als Lebensstil • ISBN 978-3-86256-008-0 • 6. Auflage 2023

Howard Zehr • Restorative Justice: Zerbrochenes. Heilen. Gerechtigkeit. Leben • ISBN 978-3-86256-202-2 • 2025

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Bei Gott sind Sie willkommen! Und zwar so, wie Sie sind.

Uns liegt am Herzen, dass Menschen erfahren:

Der christliche Glaube ist keine Religion, sondern lebt von Beziehung.

Es gibt nichts Besseres, als mit Jesus zu leben.

Es lohnt sich, die Bibel für das eigene Leben zu lesen.

Die Gemeinschaft mit anderen Christen fordert uns heraus und hilft uns.

Menschen mit Behinderung bereichern uns!

Sie haben etwas zu sagen und zu geben, zum Beispiel:

Sie erinnern daran, dass jeder Mensch einzigartig ist

Sie zeigen uns, dass der Wert eines Menschen nichts mit seiner Leistungsfähigkeit zu tun hat

Sie bremsen uns immer wieder aus und halten uns vor Augen, was im Leben wesentlich ist

Sie lassen erkennen, dass das Leben erfüllt sein kann –auch wenn es manchmal anders kommt als geplant

Stellen Sie sich eine Welt vor, in der jeder willkommen ist! neufeld-verlag.de

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