John Paul Lederach
Vom Konflikt zur Versöhnung Kühn träumen – pragmatisch handeln Aus dem Amerikanischen übersetzt von Eva Weyandt
NEUFELD VERLAG
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Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich: ISBN 978-3-86256-772-0 Die englische Originalausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel Reconcile: Conflict Transformation for Ordinary Christians. Copyright © 2014 by Herald Press, Harrisonburg, Virginia 22802, USA. All rights reserved Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar Bibelzitate, sofern nicht anders angegeben, wurden der Lutherbibel in der revidierten Fassung von 1984 entnommen © 1999 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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Lektorat: Lukas Baumann Korrektorat: Dr. Marcus Weiand Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild: Andrew Mayovskyy/Shutterstock.com Satz: Neufeld Verlag Herstellung: CPI – Clausen & Bosse, Leck © 2016 Neufeld Verlag Schwarzenfeld ISBN 978-3-86256-068-4, Bestell-Nummer 590 068 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch Bleiben Sie auf dem Laufenden: newsletter.neufeld-verlag.de www.facebook.com/NeufeldVerlag www.neufeld-verlag.de/blog
Inhalt Vorwort von Bill und Lynne Hybels ..........................................7 Einleitung ...................................................................................11 1. Gefahr für mein einziges Kind ................................................ 17 2. Sich dem Angesicht Gottes zuwenden: Jakob und Esau ........................................................................... 33 3. Die Kunst der Versöhnung: Jesus .............................................51 4. Im Anfang war der Konflikt: Schöpfung ................................. 71 5. Wenn der Konflikt tobt und wir um Hilfe schreien: Die Psalmen ................................................................................ 81 6. Wahrheit, Gnade, Gerechtigkeit und Friede: Psalm 85 ......................................................................................99 7. Wo zwei oder drei zusammenkommen: Matthäus 18 ............................................................................... 113 8. Schweigen und Zuhören: Apostelgeschichte 15 .....................133 9. Versöhnung ist das Evangelium: Die Briefe des Paulus ................................................................153
Praxisteil ................................................................................ 169 I. Hilfen zum Verständnis eines Konflikts Zwischenmenschliche Konflikte .................................. 169 Gemeindekonflikte ........................................................175 Globale Konflikte ......................................................... 188 II. Materialien für Gottesdienste Gebete ........................................................................... 199 Theaterstück zu Psalm 85 ............................................203 II. Material zum Thema Literatur ....................................................................... 210 Christliche Organisationen und Gemeinschaften .......213 Über den Autor ....................................................................... 214
Vorwort von Bill und Lynne Hybels Dezember 2013 habe ich (Bill) behauptet, eines Tages würden B1-Bomber ausschließlich dazu eingesetzt werden, um nach einem Tsunami oder Erdbeben Nahrungsmittel und Notfallversorgungsgüter in die Katastrophengebiete zu bringen. Flugzeugträger würden in schwimmende Lazarette umgewandelt, in denen Flüchtlinge und andere bedürftige Menschen Hilfe fänden, und die gebündelten Militärausgaben aller Länder der Welt würden dazu verwandt, das Leben zu verbessern, und nicht den Tod zu vermehren. Meine auf die heutige Zeit übertragene Auslegung von Jesajas großer Vision, in der Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet werden, fand die Zustimmung meiner Gemeinde. In unseren Herzen feierten wir gemeinsam einen Tag in der Zukunft, wenn Realität wird, was in der Bibel zu lesen ist: »Keine Nation wird mehr gegen eine andere ziehen und sie werden nicht mehr lernen Krieg zu führen« (Jesaja 2,4). Der Tag, an dem Kriegskameraden zu Friedenskameraden werden. Der Tag, an dem die größten und kreativsten Denker mit Menschen, die reinen Herzens sind, zusammenarbeiten werden – strategisch, mutig und auf Dauer, um Frieden zu schaffen. In der bedeutendsten Predigt aller Zeiten sagt Jesus: »Selig sind die Friedfertigen« (Matthäus 5,9). Und wir sind der Meinung, das hat er ernst gemeint! IN MEINER PREDIGT AM 8.
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Doch die Welt scheint noch nicht gleichgezogen zu haben. Seit dem Zweiten Weltkrieg sind, wie Lederach ausführt, 236 aktive Kriege in 150 Ländern zu verzeichnen. Millionen Menschen haben dadurch ihr Leben verloren. Ich (Lynne) bin vor Kurzem aus Jordanien zurückgekehrt. Dort erzählten mir syrische Flüchtlinge von Tod und unvorstellbarer Gewalt. »In Syrien gibt es keine Kinder mehr«, sagte eine Frau. »Sogar ein Vierjähriger kann Krieg und Brutalität beschreiben. Das ist keine Kindheit.« Dieser Krieg und viele andere sind immer noch im Gange. Leider sind die meisten amerikanischen Evangelikalen schneller geneigt, für den Krieg zu stimmen, als sich für den Frieden einzusetzen. Das soll nicht als Anklage verstanden werden, sondern als ein Eingeständnis. Seit vier Jahrzehnten hat Gott uns nun schon Leitungsverantwortung in christlichen Gemeinden anvertraut. Aber erst in den vergangenen Jahren haben wir unsere Augen, unseren Geist und unsere Herzen geöffnet für die Aufforderung in der Bibel, Frieden zu stiften und sich für Versöhnung einzusetzen. Gott, vergib uns. Abgesehen von dem klaren biblischen Auftrag, »den Weg des Friedens zu finden« (Lukas 19,42), gibt es noch andere, sehr pragmatische Gründe, die uns veranlassen, uns für den Frieden einzusetzen. Die zerstörerischen Auswirkungen von Krieg sind uns nicht unbekannt. Zusammen mit vielen amerikanischen Gemeinden engagieren wir uns zunehmend für betroffene Menschen auf der ganzen Welt. Wir sind zur Barmherzigkeit und gerechtem Handeln aufgerufen, und darum unterstützen wir einheimische Christen vor Ort, die sich in ihrer Gemeinschaft als Hände und Füße Christi gebrauchen lassen – und wir freuen uns über das, was sie erreicht haben! Leider mussten wir viel zu häufig auch miterleben, wie das, was sie erreicht hatten, durch gewaltsame Auseinandersetzungen wieder zunichte gemacht wurde. Der Krieg macht vor nichts halt. Er zerstört 8
die Infrastruktur eines ganzen Landes, und selbst kleine Kinder fallen ihm zum Opfer. Wenn uns die betroffenen Menschen in der Welt am Herzen liegen, dann müssen wir uns für den Frieden einsetzen. Als wir beschlossen, uns näher mit der Kunst des Friedenstiftens zu beschäftigen, stießen wir immer und immer wieder auf einen Namen: John Paul Lederach. Wir begannen also, Lederach zu lesen. Und lasen weiter Lederach. Und lesen ihn noch immer. Und wir raten Ihnen: Lesen Sie Lederach! Aber Vorsicht! Obwohl sich dieses Buch an der Bibel orientiert und viele praktische Hinweise gibt, ist es gefährlich. Es wird Ihr Leben durcheinander bringen. Nicht weil darin von Ihnen gefordert wird, durch die Welt zu reisen und sich mit Feinden zusammenzusetzen, wie John Paul Lederach es tut. Vielleicht ist das Ihr Auftrag, aber das ist nicht, was Ihnen zu schaffen machen wird. Durcheinanderbringen wird Sie, dass Sie sich den Kriegen in Ihrem eigenen Herzen werden stellen müssen, Ihren eigenen zwiespältigen Einstellungen und Verhaltensweisen, Ihren eigenen unversöhnten Beziehungen. Wenn Sie Lederachs Eingeständnis lesen, dass er fähig ist, »sich schnell und mühelos Feinde zu schaffen«, werden Sie sich eingestehen müssen: »Ich auch, ich auch, ich auch«. Und glauben Sie uns: Es tut weh, sich einer solchen Erkenntnis stellen zu müssen. Aber es ist ein Schmerz, der zu Heilung und Veränderung führt. Lederach lädt uns ein, »uns Gott und einander« zuzuwenden, und er zeigt uns, wie das möglich wird. Dieses Buch könnte die Welt verändern. Zerrüttete Ehe? Lesen Sie Vom Konflikt zur Versöhnung. Familienstreitigkeiten? Lesen Sie Vom Konflikt zur Versöhnung. Gemeindespaltung? Lesen Sie Vom Konflikt zur Versöhnung. Kriegführende Länder? Ganz ehrlich, wenn es möglich wäre, die Führer der Welt so lange einzusperren, bis sie Vom Konflikt zur Versöhnung gele9
sen haben, wäre die Welt von Grund auf verändert. Sie hätte ein bisschen mehr Ähnlichkeit mit dem Reich Gottes. Lederach hat das Auge und die Stimme eines Propheten. Er erkennt sogar unsichtbare Realitäten und macht uns Mut, einen heiligen Traum zu leben. Wir laden Sie ein, sich uns anzuschließen und sich – wie wir – sein Bemühen zu eigen zu machen, sich für Gottes Werk der Versöhnung zu engagieren. Bill und Lynne Hybels, Mitgründer der Willow Creek Community Church
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Einleitung IN DEN VERGANGENEN 30 JAHREN hatte ich Gelegenheit, an unterschiedlichen Orten auf der ganzen Welt tätig zu sein, oft in Ländern, die von Kriegen und Konflikten zerrissen waren. Meine Bemühungen um Frieden haben mich nach Kolumbien und Zentralamerika, Somalia, Kenia, Äthiopien und in Teile Westafrikas geführt, ins Baskenland, nach Nordirland, auf die Philippinen, nach Burma und Nepal. Ich werde häufig an den Klassiker von Chinua Achebe erinnert. Unter dem Titel Alles zerfällt beschrieb Achebe die gewaltigen Veränderungen, die sein Heimatland Nigeria in den frühen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zu verkraften hatte. Es scheint, als lebten wir in einer Zeit, in der vieles zerbricht. Nicht nur Völkerstaaten brechen auseinander, wir erleben auch verstärkt das Aufflackern von ethnischen und religiösen Konflikten. Morgens habe ich beinahe Angst, die Zeitung aufzuschlagen und zu lesen, was sich am Vortag zugetragen hat. Angesichts dieser Realitäten in unserer Welt muss man schon blind sein oder Nerven wie Drahtseile haben, um über Versöhnung zu schreiben. Vielleicht braucht man aber auch nur Glauben und Hoffnung. Wenn ich von meiner Arbeit erzähle, bei der es um Versöhnung und Frieden geht, weiß ich nicht so genau, wie ich
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die Herausforderungen beschreiben soll, die diese Arbeit an uns stellt, oder die tiefe Zufriedenheit, die ich dabei empfinde. Ich möchte auch die theologischen Grundlagen aufzeigen, die einem Engagement in diesem Bereich zu Grunde liegen. Bevor ich bei einer Zusammenkunft ans Rednerpult trat, gab mir meine Tochter Angie den besten Rat, den ich seit Langem erhalten hatte: »Daddy, erzähle einfach nur Geschichten und vergiss alles andere!« In diesem Buch soll es um die Herausforderungen des realen Lebens gehen und um das Verständnis von Versöhnung in unserer heutigen Welt. Das werde ich anhand von Erlebnissen und Geschichten herausarbeiten. Geschichten sind etwas anderes als Definitionen, Exegesen und theoretische Erklärungen. Sie können an die Stelle einer Person treten, eines Menschen, mit dem wir interagieren und von dem wir lernen, einer Person, mit der wir uns auseinandersetzen und der wir widersprechen oder die uns bestätigt und herausfordert. Geschichten erreichen unsere Herzen und unseren Verstand. In der Mediation und der Konflikttransformation nehmen wir häufig Geschichten zur Hilfe. Geschichten zu erzählen und anzuhören, ist notwendig. Davon sind wir überzeugt. Wir bemühen uns, einen Raum zu schaffen, in dem die Erlebnisse, die durch die Geschichten der Menschen zum Ausdruck kommen, wertgeschätzt werden. Geschichten am Wegrand der Straße zur Versöhnung Als Mediator, der sich mit extrem schwierigen, schmerzlichen und häufig von Gewalt geprägten Situationen konfrontiert sieht, habe ich festgestellt, dass Geschichten wie Seelengefährten sind, mit denen wir umherziehen. Gelegentlich geraten wir aneinander, doch meistens sind wir Seite an Seite unterwegs. Manchmal eröffnen sich mir in einer Geschichte, auch wenn ich sie in- und auswendig kenne, neue Erkenntnisse, Gefühle, Herausforde12
rungen und Trost. In Geschichten finde ich mich selbst. Und eine Verbundenheit mit anderen. Ein Konflikt lässt sich ebenfalls mit einer Reise vergleichen. Wir reden davon, dass wir uns in einen Schlamassel, ein Problem oder eine »dumme Situation« hinein- und auch wieder herausmanövrieren. Wir versuchen herauszufinden, »wo wir stehen« in Bezug auf ein Thema, oder wo jemand mit einer verrückten Idee »hin will«. In unserem Sprachgebrauch reden wir von einer Reise. In einem Konflikt erkennen wir uns selbst und andere mehr als bei jeder anderen Erfahrung unseres Lebens auf eine ganz neue und tief gehende Weise, und wir trachten danach, Wahrheit und Liebe in uns wieder herzustellen. Wenn wir uns die Mühe machen, über die Worte und Konfliktthemen hinauszuschauen, sehen wir Gott. Tief greifende Konflikte sind sehr schmerzlich und aufreibend. Schlimmstenfalls sind sie mit Gewalt behaftet und zerstörerisch. Doch gleichzeitig ermöglichen sie überaus intensive geistliche Begegnungen, wie wir sie selten erleben können. Ein Konflikt eröffnet einen Weg, einen heiligen Weg, zu Offenbarung und Versöhnung. In diesem Buch geht es um Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich auf diesem heiligen Weg sammeln konnte. Es sind Erlebnisse von meiner Reise zur Versöhnung. Ich werde Geschichten erzählen, die ich gehört oder selbst erlebt habe und aus denen ich immer noch neue Erkenntnisse gewinne, wann immer ich sie weitergebe. Diese Erzählungen sind wie ein Fenster auf Konflikt und Versöhnung. Meine persönliche Geschichte ist die eines Gläubigen, eines Friedenstifters und Mediators, eines Soziologen, Lehrers und eines stets Lernenden. In diesem Buch tue ich nicht so, als würde ich eine ausgefeilte soziologische Theorie der Versöhnung entwickeln oder ein Handbuch für den Umgang mit Konflikten schreiben. Mir geht es um etwas ganz anderes. Ich 13
möchte die geistlichen Grundlagen für meine Arbeit als einer, der sich beruflich und wissenschaftlich mit dem Friedenstiften beschäftigt, erforschen. Mit Ihnen zusammen möchte ich meine Einstellung zu den Herausforderungen meiner Arbeit und den geistlichen Dimensionen überprüfen, die mich motivieren und mir Kraft zum Durchhalten geben. Versöhnung in den Vordergrund rücken Die erste Ausgabe dieses Buches verfasste ich vor mehr als fünfzehn Jahren, und meine Leser kamen in erster Linie aus den täuferischen Gemeinden, zu denen auch ich gehöre. Die Täuferbewegung, zu der sich die Mennoniten, die Amischen, die Brethren in Christ und Gemeinschaften zählen, die zu den Glaubenstraditionen der Brethren in Christ gehören, entstand während der Reformation und existiert in einer Vielzahl von Formen bis auf den heutigen Tag. Die Mitglieder der täuferischen Glaubenstraditionen praktizieren die Erwachsenentaufe, befürworten einen einfachen Lebensstil, den Dienst am Mitmenschen und eine pazifistische Orientierung in Bezug auf die Heiligkeit des Lebens als zentralen Inhalt des Evangeliums. Natürlich werden diese Werte nicht nur bei den Täufern hoch gehalten, und ich entdecke bei mir auch den Einfluss von Lehrern und Mentoren aus der Quäker-Tradition. In täuferischen Glaubensgemeinschaften nehmen sie jedoch einen hohen Stellenwert ein. Diese Menschen des Glaubens haben in mir den Wunsch geweckt, mich um den Frieden zu bemühen, und mir einen Kompass für meine Reise mitgegeben. Ich bin ihnen verpflichtet. Seit jener ersten Fassung dieses Buches hat sich jedoch das Interesse an Frieden und Versöhnung als Kernelemente des Evangeliums Christi über die täuferische Bewegung hinaus verbreitet. Auch wenn für viele evangelikale, protestantische und katholische Großkirchen das Bemühen um Frieden lange Zeit 14
ein zentrales Element ihres Glaubens war, so hat sich in den vergangenen Jahren dieses Bemühen in den protestantischen und katholischen Kirchen noch verstärkt. Und wir können feststellen, dass die Friedensbemühungen auch in anderen religiösen Traditionen, die nicht zum christlichen Glauben gehören, intensiver erforscht werden. Doch ich hoffe, dass die Gedanken, Geschichten und Überlegungen in dieser überarbeiteten Fassung eine Vielzahl von Menschen ansprechen werden, die eine tiefe Sehnsucht empfinden und eine Berufung, die aus der vom Glauben inspirierten Reise entspringt. Einige Worte des Dankes sind angebracht. Ich bin dankbar für die Beiträge anderer, die diese Ausgabe des Buches abrunden. Mein Dank gilt den Mitarbeitenden des Lektorats und der Marketingabteilung von Herald Press, die sich für eine Neuauflage dieses Buches eingesetzt und es während des Entstehungsprozesses bis zur Veröffentlichung begleitet haben. Ich wünsche mir, dass die Leser durch die hier erzählten Geschichten Heilung finden und Eingang in die Beloved Community, wie Martin Luther King sie nannte, indem sie sich der unschönen Herausforderung der Konflikttransformation stellen und sich um den Frieden bemühen. Durch dieses Buch hoffe ich, meine Überzeugungen transparent zu machen und in einen Dialog einzutreten, in erster Linie mit den Angehörigen des christlichen Glaubens. Wenn wir den Auftrag, uns um Versöhnung zu bemühen, annehmen wollen, müssen wir kühne Träume haben und uns gleichzeitig mit einem begeisterten Pragmatismus an die Arbeit machen, um diese Träume Wirklichkeit werden zu lassen. Wir stehen vor der Herausforderung, uns selbst mit der zentralen Vision der versöhnenden Gegenwart Gottes und seines Wirkens in der Geschichte der Menschen in Einklang zu bringen. John Paul Lederach 15
KA P I T E L 8
Schweigen und Zuhören: Apostelgeschichte 15 eine Beschreibung der frühen Gemeinde und eine Schilderung der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Jerusalemer Konzil, wie es häufig genannt wird. Paulus und Barnabas haben fremde Länder bereist und die gute Nachricht von Jesus weitergetragen. Sie erleben eine dramatische Reaktion auf ihre Botschaft und kehren zur Gemeinde in Antiochia in Syrien zurück, die sie ausgesandt hat. Nachdem sie die Gemeinde zusammengerufen haben, berichten sie, »wie viel Gott durch sie getan und wie er den Heiden die Tür des Glaubens aufgetan hätte« (Apostelgeschichte 14,27). Aus Judäa kommen einige Männer in die Stadt und predigen den nichtjüdischen Gläubigen, dass sie nicht gerettet werden könnten, wenn sie sich nicht beschneiden ließen (Apostelgeschichte 15,1). Aus diesem Problem entwickelte sich ein »nicht geringer Streit« zwischen Paulus, Barnabas und den Abgesandten aus Judäa (Apostelgeschichte 15,2). Was genau ist nun ein »nicht geringer Streit«? Ein besserer Ausdruck dafür wäre vielleicht eine größere Auseinandersetzung in der Gemeinde, ein Aufruhr in den Kirchenbänken! IN APOSTELGESCHICHTE 15 FINDEN WIR
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Ich wünschte, es gäbe Videoaufzeichnungen von den Versammlungen und Debatten der Urgemeinde. Die Leiter der Urgemeinde stellen wir uns vor als Heilige und Propheten. Doch wenn wir sie im alltäglichen Leben der Gemeinde vor Ort in Aktion erleben würden, wären wir vermutlich schockiert. Besonders verblüffen würde uns, dass sie uns sehr ähnlich sind, dass sie auch scharfe Auseinandersetzungen geführt haben (wie u. a. in Apostelgeschichte 15,39 beschrieben). Wenn ein solches Video existierte, würden wir Dinge hören und sehen, die im Text nicht so ganz ausführlich geschildert sind. Wir würden sofort erfassen, wie wichtig dieses Thema für die erste Gemeinde ist. In unserer Zeit mag uns die Frage der Beschneidung als Voraussetzung für eine Mitgliedschaft fern sein. Dieser Debatte liegt jedoch ein viel tieferes und uns vertrauteres Problem zugrunde: Ändern wir unsere Glaubensüberzeugungen und -praktiken, um uns an die scheinbar neuen Wege anzupassen, die Gott unter uns geht? Die ersten Christen streiten über die Identität derer, die sich selbst als das Volk Gottes betrachten. Und wir würden Stimmen hören, wie sie auch heutzutage laut werden. In den meisten wird Sorge und tiefe Überzeugung mitschwingen. Jede einzelne erhebt Anspruch auf die Wahrheit. In einigen Stimmen erkennen wir Zorn, in anderen Furcht. Ein paar wenige tragen eine Botschaft der Hoffnung weiter. Viele schwanken und sind verwirrt. Sie fragen: »Wenn das stimmt, was will Gott uns denn sagen?« Andere halten fest an dem Bekannten, um Verwirrung und Mehrdeutigkeiten zu vermeiden. Sie erwidern: »Unser Gott ist ein Gott der Ordnung, der Klarheit und des Gesetzes.« Bestimmt haben Sie auch schon solche Stimmen bei Auseinandersetzungen in der Gemeinde gehört: »Gott ruft uns auf zu einem neuen Verständnis dessen, wer wir sind und wie wir unseren Auftrag ausführen sollen.« 134
»Wir haben das noch nie so gemacht. Wenn ihr solche Leute in die Gemeinde lasst, dann gehe ich.« »Seht euch den biblischen Text an. Da steht doch ganz klar, dass wir das nicht tun sollen.« »Schaut in den biblischen Text. Da steht doch, wie das zu handhaben ist.« In Kapitel 15 der Apostelgeschichte geht es um einen Konflikt. Dieses Mal bekommen wir einen kleinen Einblick in die eigentlichen Vorgänge. Wie geht die erste Gemeinde mit diesem Problem um? Beachten Sie das Zusammenspiel von Praxis und Spiritualität. Welche Schritte unternehmen sie? Wie kann uns das weiterhelfen? Welche geistlichen Dimensionen liegen einem solchen Prozess wohl zugrunde? Prinzipien und Schritte für den Umgang mit einem Konflikt Bevor wir uns die allgemeineren Prinzipien und Schritte ansehen, die wir in Apostelgeschichte 15 finden, erinnern wir uns an zwei Dinge aus der Diskussion des Kontextes. Erstens: Der Konflikt wirft theologische Fragen auf, aber auch Fragen zu Gemeindebelangen. Er hat zu tun mit Identität, Organisation und Struktur. Wer sind wir? Was ist unser Auftrag? Wie organisieren wir uns in der Welt? Und wer trifft diese Entscheidungen? Zweitens: Diese Fragen brennen den Menschen unter den Nägeln. In dem Bericht finden wir deutliche Hinweise auf tiefe Emotionen. Es steht viel auf dem Spiel. Wir sollten das im Hinterkopf behalten, wenn wir uns nun den Prinzipien und Schritten zuwenden. 1. Das Problem erkennen und definieren Der Bericht in Apostelgeschichte 15 ist außergewöhnlich wegen der Offenheit, mit der die Anliegen zur Sprache kommen. Die handelnden Personen tun etwas, das in vielen Gemeinden bei 135
einem Konflikt nur selten vorkommt: Sie gestehen ein, dass es Differenzen und einen Konflikt gibt. Ich bin immer verblüfft, wie lange »Unstimmigkeiten« brodeln können, bis jemand bereit ist, sie beim Namen zu nennen. Im Laufe der Jahre habe ich es mit vielen gemeindlichen Konflikten zu tun gehabt. Doch ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Menschen und Gemeinden zum ersten Mal nach Schulungen oder Kursen zur Konfliktbewältigung fragen. Häufig wird deutlich, dass dieser Bitte jahrelang verdrängte Probleme und Anliegen, die sich jetzt nicht mehr länger verdrängen lassen, zugrunde liegen. Dieses erste Prinzip aus Apostelgeschichte 15 weist zwei verschiedene, aber parallel laufende Spuren auf. Es ist wichtig zu begreifen, dass ein bedeutender Unterschied besteht zwischen wissen und zugeben. Etwas zuzugeben bedeutet, es genau zu beschreiben, an die Oberfläche zu bringen und anzunehmen. Wir hängen häufig in einem Muster fest, wir stoßen zufällig auf bestimmte Dinge, schleichen umeinander herum und kreisen vorsichtig um die eigentlichen Probleme und Anliegen. Dies ist Ursache für Verwirrung und Schmerz. Wir müssen offen zugeben, dass es Streit und Differenzen gibt, die gelöst werden müssen. Dieser Schritt ist sehr wichtig für den Prozess des Voranschreitens. Oft haben wir Angst einzugestehen, dass ein Konflikt besteht. Wir befürchten, dass es, wenn wir das Problem beim Namen nennen, sowohl unserer Person als auch unserer Beziehung schadet. Auf jeden Fall ist es unbequem und schmerzlich. Apostelgeschichte 15 zeigt, dass es zur Transparenz und Verbindlichkeit in der Beziehung gehört, einen Konflikt zuzugeben. Meinungsverschiedenheiten müssen nicht unbedingt zu einer Distanz in der Beziehung und Trennung führen. Sie können das Verständnis, die Beziehung und Wachstum fördern. 136
In meiner Erfahrung stoßen wir hier erneut auf ein Paradox: Wenn Menschen Angst haben, einen Konflikt zuzugeben, und es aus dieser Angst heraus nicht tun, um die Beziehung zu schützen, werden sie häufig erleben, dass gerade diese Ängste Wirklichkeit werden. Der Konflikt explodiert oder implodiert. Doch wenn die Menschen den Konflikt anerkennen und frühzeitig darauf zugehen, werden sie feststellen, dass ihre Beziehungen selbst die schwierigsten Differenzen aushalten können. Dieses Paradox liegt dem Rat zugrunde, den mein Kollege Ron Kraybill Gemeinden gibt: Wenn ihr euch weniger Konflikte wünscht, die eine Gemeinde entzweien, fördert mehr alltägliche Uneinigkeiten im gemeindlichen Leben.6 Genauso wichtig ist es, zu definieren, worum es bei einem Konflikt geht. Da dieses Buch kein Handbuch für den Umgang mit Konflikten ist, werde ich nicht auf Hilfsmittel und Ansätze für die genaue Bestimmung eines Konflikts eingehen. Als Prinzip ist es jedoch wichtig, den Grund zu verstehen. Die Vorgänge genau zu beschreiben bedeutet, den Konflikt einzugrenzen oder auch abzubilden, wie manche es nennen. Wir wollen, dass die am Konflikt Beteiligten zu einer gemeinsamen Auffassung darüber kommen, was den Konflikt ausmacht und was für die Aufarbeitung ihrer Anliegen nötig ist. Bei internationalen Verhandlungen wird dieser Prozess manchmal Agenda-Erstellung genannt, was Jahre dauern kann. Im gemeindlichen Umfeld wird ein Ort geschaffen, wo Menschen ihre Anliegen miteinander teilen und gemeinsam überlegen können, wie mit diesen Anliegen umgegangen werden soll. Häufig sind die anscheinend heißen Themen eigentlich Symptome für andere Vorgänge unter der Oberfläche, Vorgänge, die man nur schwer benennen und präzise festlegen kann. In
6
Siehe Ron Kraybill: Repairing the Breach: Ministering in Community Conflict, Herald Press, Scottdale 1981.
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Praxisteil
I. Hilfen zum Verständnis eines Konflikts Zwischenmenschliche Konflikte a. Verhaltensmuster Carolyn Schrock-Shenk Beim Umgang mit einem Konflikt entwickeln wir Menschen bestimmte Verhaltensmuster. Sehen Sie sich die unten aufgeführte Skala an und diskutieren Sie die Fragen, die sich an die Skala anschließen. Diese Muster können Einblick geben, dass Konflikte meistens systemisch sind. 0
1
2
3
4
5
6
7
8
9
Fürchtet oder kann Konflikte nicht leiden
Akzeptiert Konflikte als normal
Betrachtet Konflikte als Wettstreit
Läuft davon und/oder versteckt sich
Einladend und verbindlich
Stürzt sich hinein
Meidet oder gibt nach
Hört zu, um zu verstehen
Möchte nicht verletzen oder verletzt werden
Der Gegenseitigkeit verpflichtet
Kann passiv oder aggressiv sein
Braucht nicht zu gewinnen
Die Beziehung ist das Wichtigste
Beziehung und Problem sind wichtig
Hände: Über der Brust gekreuzt
Hände: Ausgestreckt, Handflächen nach oben
10
Hört zu, um zu widersprechen oder eine Falle zu stellen Argumentativ/überheblich Siegen ist wesentlich Problem/Perspektive ist wichtiger als die Beziehung Hände: Fäuste
169
5. Welche Zahl beschreibt am besten Ihr Konfliktmuster in den verschiedenen Umfeldern? • Mit Ihren Altersgenossen
_____
• Mit Ihrer Familie
_____
• An Ihrem Arbeitsplatz
_____
• In Ihrer Gemeinde
_____
6. Welche Faktoren waren dafür bestimmend, dass Sie dieses Muster entwickelt haben (Kultur, Tradition, Persönlichkeit, biblisches Verständnis usw.)? 7. Würden Sie eines dieser Muster gern ändern? Wenn ja, welches? Wie könnten Sie eine Veränderung erreichen?
170
Über den Autor engagiert sich seit mehr als 30 Jahren in der internationalen Versöhnungsarbeit. Der promovierte Soziologe entwickelte ein Trainingsprogramm zur Konflikttransformation und bietet auf fünf Kontinenten direkte Mediation und Unterstützung bei Versöhnungsbemühungen in Konfliktregionen mit besonders gewalttätigen Auseinandersetzungen an. Lederach war als Berater höchster Regierungsvertreter und nationaler Oppositionsbewegungen in vom Krieg erschütterten Ländern wie Nicaragua, Somalia, Nordirland, Kolumbien, Nepal und auf den Philippinen tätig. Als Professor für International Peacebuilding und Direktor des Kroc Institute for International Peace Studies an der Universität von Notre Dame ist der Friedensforscher Mitbegründer des Center for Justice and Peacebuilding an der Eastern Mennonite University in Harrisonburg in Virginia. Er ist Autor von 22 Büchern und Handbüchern und zahlreicher akademischer Artikel und Monografien zu Friedenserziehung, Konflikttransformation und Mediationstraining. Lederachs Bücher wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt, und er ist als Redner, Berater und Mediationstrainer international gefragt: an den Universitäten Oxford und Harvard ebenso wie in Barcelona, Uppsala, Lillehammer oder Kopenhagen. John Paul Lederach wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit zwei Ehrendoktortiteln. Lederach teilt seine Zeit zwischen Indiana und Colorado auf. Er ist verheiratet mit Wendy S. Liechty. Das Ehepaar hat zwei Kinder, Angie und Josh. JOHN PAUL LEDERACH, JAHRGANG 1955,
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INS TITUT FÜR K O N FLIKTTRA N S F OR M AT I ON Unsere Vision: Heilsames und gesundes Wirken von Menschen, Gemeinden, Organisationen
F OR TB IL DUNG & B ER A TUN G S E LB STFÜ H R U NG | K ONF L I K TT R ANS F OR M A T ION ME DIA TIO N | K OM M U NI K AT I ON | M OD ERA T ION Mit unseren Angeboten und Dienstleistungen tragen wir dazu bei, dass Menschen • die Selbstwahrnehmung eigener Stärken steigern. • ihr Wachstumspotential und ihre Leitungskompetenzen weiter entwickeln. • sorgsam und konstruktiv mit sich und anderen in spannungsreichen und konflikthaften Situationen umgehen. • methodische Ansätze lernen, die zu größerer und positiver Wirksamkeit in Konflikten befähigen. • transformatorische Arbeit mit geistlicher Verankerung verbinden. Schulungen, Seminare und Beratung bieten wir in der Schweiz und in Deutschland an. ComPax Institut | Bienenberg | CH-4410 Liestal (bei Basel) | +41 61 906 78 11 compax@bienenberg.org | www.compax.org ComPax ist Teil des Ausbildungs- und Tagungszentrums Bienenberg
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