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Gisela Frey

Gestern ist nicht vorbei

Eine Familiensaga

Das verwendete Papier ist FSC-zertifiziert. Als unabhängige, gemeinnützige, nichtstaatliche Organisation hat sich der Forest Stewardship Council (FSC) die Förderung des verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgangs mit den Wäldern der Welt zum Ziel gesetzt.

www.fsc.org MIX

Papier aus verantwortungsvollen Quellen FSC® C083411

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild: Privat Satz und Herstellung: Edition Wortschatz © 2025 Gisela Frey

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung der Autorin

Edition Wortschatz, Neudorf bei Luhe 978-3-910955-23-3, Bestell-Nr. 588 923

Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an den Hersteller: Edition Wortschatz im Neufeld Verlag, Schlagäcker 18, D-92706 Luhe-Wildenau, Deutschland, Telefon 0 96 07/9 22 72 00, E-Mail info@edition-wortschatz.de www.edition-wortschatz.de

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Teil

1. Kapitel: Kinder

2. Kapitel: Schule

3. Kapitel: Lernen

4. Kapitel: Eine Kirche

5. Kapitel: Abendmahl

6. Kapitel: Die Verlobung

7. Kapitel: Lehrjahre

8. Kapitel:

9. Kapitel:

10. Kapitel: Familienleben

16. Kapitel:

17. Kapitel:

19. Kapitel:

20. Kapitel:

21. Kapitel:

Kapitel:

23. Kapitel: Das

24. Kapitel: Geschwister .

25. Kapitel: Der neue Hof in Altmünsterberg

26. Kapitel: Abschied

27. Kapitel: Beginn

28. Kapitel: Überschwemmung und Kälte

29. Kapitel: Ahnung

30. Kapitel: Verzweiflung

31. Kapitel: Traurige Tage

32. Kapitel: Lisbeths Tochter

33. Kapitel: Eiseskälte

34. Kapitel: Polen und Preußen

35. Kapitel: Flamen und Friesen

36. Kapitel: Kleiner Bruder Abraham

37. Kapitel: Cornelius und Greta

38. Kapitel: Vater und Sohn

39. Kapitel: Militärdienst

40. Kapitel: Ehe vor Gericht

41. Kapitel: Die Verhandlung

42. Kapitel: Die Trennung

43. Kapitel: Aufbruch nach Russland

44. Kapitel: Das russische Palais

45. Kapitel: Johanna und Julius

46. Kapitel: Aufbruch nach Chortitza

47. Kapitel: Johannas Briefe

48. Kapitel: Unterstützung für Chortitza

49. Kapitel: Schrecken

50. Kapitel: Abschiedsschmerz

51. Kapitel: Ankunft und Ende

52. Kapitel: Brief an die Mutter

VORWORT

„Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“

Johannes Kapitel 1, Vers 3

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“

So beginnt das Vorspiel Höllenfahrt im ersten Band von Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“. Wir beugen uns also über den Brunnenrand und schauen hinab in die Tiefe. Wir sind nicht allein bei unserem Versuch, die Tiefe zu ergründen. Heraklit, Platon, Aristoteles und Augustinus haben es schon vor sehr langer Zeit getan. Für Newton, Leibniz und Kant bilden Zeit und Raum den Zugang zur Welt.

Wir sind gebunden an das Koordinatenkreuz aus Zeit und Raum, immer nur an einem einzigen Ort zu einer bestimmten Zeit. Fast bewegungslos, eingeklemmt zwischen Vergangenheit und Zukunft. Aber wir können uns daraus befreien. Die Erinnerung ist der Weg dazu, die Erinnerung lässt uns durch die Jahrhunderte spazieren und Kontinente durchstreifen. Befreien wir uns also vom Koordinatenkreuz aus Zeit und Raum, das uns festhält. Begeben wir uns einfach auf die Suche, bringen wir die Vergangenheit zum Leben, machen die Vergangenheit zur Gegenwart. Schauen wir hinein in den Brunnen der Erinnerung.

Was erwartet uns dort unten? Wir müssen aufpassen, dass es uns nicht so geht wie der Goldmarie, die der verlorenen Spindel hinterher springen musste. Merkwürdigerweise führte ihr Weg aus der Tiefe hinauf zu den Wolken, von wo sie es schneien ließ. Und so geht auch unser Blick, sowohl in die Tiefe als auch hinauf zu den Wolken und Sternen. Überschüttet mit Gold kam sie von ihrem Ausflug ins Anderswo auf geradem Weg, einfach durch ein Tor, nach Hause zurück, zwischen Vergangenheit und Zukunft.

Nach oben und nach unten schauen wir, wenn wir versuchen, die Geschehnisse der Vergangenheit zu finden und zu beschreiben, auf den Spuren der Zeit.

Also machen wir uns auf den Weg nach Rückwärts. Wir lassen das zwanzigste Jahrhundert mit seinen Schrecken und seinen Hoffnungen hinter uns und eilen durchs neunzehnte Jahrhundert.

An der Schwelle zum achtzehnten Jahrhundert bleiben wir einen Augenblick stehen, versuchen die Dunkelheit des Brunnens zu durchdringen und machen eine kurze Pause. 1798 wird in Weimar Schillers „Wallenstein“ uraufgeführt, aber wir lassen uns davon nicht aufhalten.

Noch weitere fünfundfünfzig Jahre müssen wir zurück wandern, rückwärts durch die Jahre und Jahrzehnte des achtzehnten Jahrhunderts, vorbei an der französischen Revolution, die mit der Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789, ihren Anfang in Paris, nahm, vorbei an der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten am 4. Juli 1776 in Philadelphia, bis wir endlich im Jahr 1743 Halt machen und uns umsehen.

In Frankreich erklärte Ludwig XV., der Großvater des unseligen sechzehnten Ludwigs, am 21. Januar, dass er zukünftig ohne Minister regieren wolle. In London wurde am 18. Februar das Oratorium „Samson“ von Georg Friedrich Händel uraufgeführt und in Philadelphia gründete Benjamin Franklin die Philosophische Gesellschaft.

Während sich überall auf der Welt, in der alten Welt, rund um das Mittelmeer, und auch in der Neuen, jenseits der Ozeane, noch

weitere wichtige Ereignisse abspielten, wurde an einem eisigen siebzehnten November in Rosenort, einer Gemeinde bei Tiegenhof im Kreis Elbing, ein Tagesmarsch südöstlich von Danzig, der kleine Cornelius Regier geboren, ein Sonntagskind.

1. TEIL

1743 bis 1765

1. Kapitel

Kinder

„Mit Kindern zusammen zu sein, ist Balsam für die Seele.“

Dostojewski (1821 bis 1881)

17. November 1743

„Was ist mit ihm? Warum schreit er nicht?“

Die erschöpfte junge Frau versuchte sich in ihrem Bett aufzurichten. Mit angstvollen Augen verfolgte sie die Bewegungen der Hebamme, die den Säugling mit der einen Hand an beiden Fersen fasste, in die Luft hielt und mit der anderen Hand einen leichten Schlag auf den winzigen bläulichen Hintern des Neugeborenen gab. Nach Sekunden, die endlos erschienen, erklang endlich ein leises Krächzen, wie von einer erschrockenen Krähe, dann ein stoßweises Fiepen und schließlich das laute, protestierende, erlösende Schreien.

Die ältere Frau legte den Säugling auf den niedrigen Wickeltisch neben dem Bett der Mutter, klemmte geschickt die Nabelschnur ab und durchtrennte sie. Mit wenigen Griffen hatte sie den Nabel mit einem schmalen Leinenbändchen abgebunden und versorgt. Dann fuhr sie mit einem feuchten Tuch über den glitschigen Körper des Kindes, der sich langsam rosa zu färben begann. Die linke Hand legte sie vorsichtig auf den kleinen runden Bauch, die rechte tauchte sie in einen hölzernen Tiegel mit Fett und Bienenwachs, das sie dann mit schnellen sicheren Bewegungen auf dem Körper des Kindes verteilte und sanft einmassierte.

Sie wickelte den Säugling in eine weiche Decke und legte ihn der Mutter in die ausgestreckten Arme.

Die nahm das kleine Bündel behutsam entgegen und ließ sich erleichtert in das Kissen sinken, das eine junge Magd ihr gerade aufgeschüttelt hatte. Sie schaute in das kleine rote Gesicht mit

den vielen schwarzen Haaren und ein Gefühl, von dem sie nicht hätte sagen können, ob es Glück oder Schmerz war, breitete sich in ihr aus.

Man hörte eilige Schritte, die über den Flur kamen und sich näherten, die Hebamme ging leise zur Tür und öffnete sie vorsichtig. Stimmengemurmel drang zur Wöchnerin. Die Hebamme trat zur Seite und gleich darauf stand der Mann neben dem Bett seiner Frau. Besorgt schaute er auf ihr blasses Gesicht und wandte sich dann mit fragendem Blick der Hebamme zu, die mit den Tüchern auf dem Wickeltisch beschäftigt war. Sie nickte ihm zu.

„Ein Junge. Ein gesunder Junge.“

Ein Lächeln erschien auf dem Gesicht des Vaters. Vorsichtig schob er einen Stuhl dicht neben das Bett seiner Frau und setzte sich. Durch das Fenster schickte die untergehende Sonne ihre schrägen Strahlen und färbte die Wände des Zimmers in einem warmen rotvioletten Farbton.

„Wird er es schaffen, Abraham?“ fragte seine Frau und schaute ihn mit weit aufgerissenen Augen an. „Wird er es schaffen?“

Für einen kurzen Augenblick durchfuhr ihn ein leichter Schmerz, als er die Angst in ihren Augen sah und holte tief Luft. Die feuchten dunkelblonden Haare klebten an ihren Schläfen.

„Er wird es schaffen, Margarethe“, versprach er ihr mit fester Stimme, „natürlich wird er es schaffen.“

„Aber die anderen …?“ sie verstummte.

„Er ist ein Sonntagskind“, murmelte die alte Frau leise, ohne sich umzudrehen, „er wird ein gutes Leben haben.“

„Er ist kräftig, schau ihn dir an, Margarethe. Was für eine schöne hohe Stirn er hat und so feste Fäuste. Der wird sich durchbeißen.“

Er sagte das auch zu sich selbst. Tatsächlich schienen auch die drei älteren Geschwister des Säuglings, Abraham, Peter und Margarethe bei ihrer Geburt gesunde Kinder gewesen zu sein. Und keines von ihnen hatte seinen ersten Geburtstag feiern können.

Und jetzt war November, Wochen mit Schnee und eisigen Temperaturen lagen vor ihnen.

Es war schon spät am Abend, als sich Abraham an den Schreibtisch setzte und die Bibel vor sich auf den Tisch legte. Zögernd hob er den schweren Buchdeckel und begann langsam zu blättern. Schließlich hatte er die Stelle gefunden, die er gesucht hatte und sah nachdenklich auf seine letzten Eintragungen.

„Abraham“, murmelte er und seufzte. Das war sein erstes Kind gewesen, sein kleiner Sohn, an einem hellen und heißen Julitag geboren, die Grillen hatten draußen auf den Feldern gezirpt, als er ihn zum ersten Mal im Arm gehalten hatte. Er schluckte. Wie glücklich war er gewesen und wie dankbar. Als er ihn begrub war es Januar gewesen und die Luft eisig. Er schüttelte den Kopf und fuhr sich mit den Händen durch die Haare. Bald darauf hatte Margarethe festgestellt, dass sie wieder schwanger war. Der kleine Peter war ein Herbstkind gewesen, ein zartes Kind, dessen Gewicht kaum zu spüren war, als er es in den Armen hielt. Damals hatte sich sein Herz zusammengezogen, als er sah, wie leise und langsam der Kleine atmete. Wie innig hatte er gebetet, dass Gott dem Kind die Kraft zum Leben schenken solle. Aber Gott hatte es anders gewollt und jetzt traten Abraham doch die Tränen in die Augen. Es war nicht leicht, das Gottvertrauen nicht zu verlieren, manchmal war es fast unerträglich schwer. Dabei hing doch alles davon ab.

Und dann die kleine Margarethe. Entschlossen griff er nach dem Glas, in dem die Schreibfedern standen und wählte sorgfältig eine aus, die ihm geeignet erschien. Er wollte nicht an seine kleine Tochter denken. Aber er hielt in der Bewegung inne, denn das fröhliche Gesichtchen der kleinen Greta erschien vor ihm. Sie hatte schon gekrabbelt und begonnen, sich aufzurichten. Sie hatte fröhlich gejauchzt, wenn er sie hochgehoben hatte und nach seinem Bart gegriffen. Alles schien gut zu gehen. Aber dann überzog eine heftige Grippewelle das Land und er musste auch sein drittes Kind in einen kleinen Sarg legen.

Langsam tauchte er die Feder in des Tintenfässchen, streifte die Tinte am Glasrand ab und schrieb mit schön geschwungenen Buchstaben an die vierte Stelle: Am 17. November im Jahre des Herren 1743 wurde Cornelius Peter Regier geboren. Sohn von Abraham Peter Regier und Margarethe Johanne Regier geborene Andres.

Er streute Sand auf das Geschrieben und wartete, bis die Feuchtigkeit aufgesogen worden war. Bitte lieber Gott, betete er, bitte, lass uns dieses Kind. Wie sollen wir es ertragen, auch noch ein viertes Kind zu verlieren.

Tatsächlich kam der Winter schon bald mit all seiner Macht, mit Schneeschauern und eisigen Frösten. Aber die Holzvorräte im Schuppen waren reichlich vorhanden, Kienspäne, Anfeuerholz und dicke Buchenkloben, die die Flammen und die Glut lange hielten, so dass die Feuer in der Küche, der Wohnstube und selbst im Schlafzimmer, wo die kleine Wiege stand, Tag und Nacht loderten und glühten, und niemand in diesem Winter frieren musste.

In den Kellern stapelten sich die Gläser mit eingemachtem Obst und Gemüse. Ganze Regalbretter waren mit Marmeladengläsern gefüllt und von den niedrigen Kellerdecken hingen geräucherte Leber- und Blutwürste. Auf den Regalbrettern reihten sich Steintöpfe mit Schweineschmalz, Gänseschmalz und Nierentalg. Butter war im September in Steintöpfe gedrückt und mit Wasser übergossen worden. In gut schließenden Kästen hatte man das Mehl aufbewahrt. Zwischen Schichten von Sand lagen Karotten übereinander. Weißkohl und Rotkohl füllten ganze Regale. In Holzsteigen waren die Kartoffeln gelagert, weit entfernt von den Regalen, in denen die Äpfel aufgereiht nebeneinander lagen. Die Vorräte reichten bis weit in den Frühling hinein und niemand musste Mangel leiden.

Margarethe erholte sich erstaunlich schnell und der kleine Cornelius wuchs, hob sein Köpfchen, lächelte, wenn man ihn anlächelte und bekam unter großem Protest und mit durchdringendem Geschrei Zähne.

1744

Der Frühlingswind hatte die Blütenpollen und Birkenblüten durch die Luft gewirbelt, die Sommersonne brannte vom azurblauen Himmel, der Flieder war längst verblüht und die Rosenhecken verströmten einen intensiven Duft, da krabbelte Cornelius flink und neugierig über die Wiese hinter dem Haus.

Wann immer es möglich war, lief Margarethe ins Kinderzimmer, wo die Kinderfrau den Kleinen versorgte, und nahm ihn ihr ab.

„Sie verwöhnen ihn viel zu sehr“, brummte diese, wenn Margarethe wieder einmal die Treppe heraufgelaufen kam, den Geruch von gekochtem Gemüse in den Kleidern, und Cornelius auf den Arm nahm.

„Ach nein, bestimmt nicht“, widersprach Margarethe leise und drückte das Köpfchen des kleinen Jungen an ihre Wange.

„Gibt es etwas, was schöner riecht als ein Kinderköpfchen?“

„Na, aber sicher“, erwiderte die alte Frau und lachte gutmütig.

Der August wurde sehr heiß und trocken, der Weizen stand hoch und gelb und flirrend im gleißenden Sonnenlicht und auf den Höfen wurden Vorbereitungen für die Ernte getroffen.

Es war Mittagszeit und die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht, als Abraham zusammen mit seinen beiden Knechten den schattenlosen Vorplatz überquerte und gleich darauf die Küche betrat.

„Wir sind ganz ausgetrocknet“, sagte er zu Margarethe, die aus dem Wasserkrug drei Becher füllte und sie den Männern reichte.

Abraham leerte den Becher mit einem Zug und reichte ihn ihr zurück. Den zweiten Becher leerte er mit kleinen Schlucken. Er ließ sich auf die Küchenbank fallen.

„Die Hitze auf dem Feld ist wirklich unerträglich. Aber nicht nur hier bei uns in der Niederung brennt die Sonne so erbarmungslos vom Himmel“, stieß er hervor und wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn, „und nicht nur wir Bauern braten hier in der Sonne. Kannst du dir vorstellen, wie das für die Soldaten ist, die sechzig Meilen südlich von uns in Böhmen einfallen?

„In Böhmen einfallen?“, Margarethe drehte sich erschrocken um, „wieso denn das? Woher weißt du das?“

„Ich habe es heute morgen von einem Landarbeiter gehört, der gerade von Gerhard Wiens gekommen ist, und der hat es in der Zeitung gelesen. Der König soll mit achtzigtausend preußischen Soldaten Böhmen überfallen haben.“

Die Küchentür ging auf und die Kinderfrau kam mit dem kleinen Cornelius auf dem Arm in die Küche. Er streckte die Ärmchen nach seinem Vater aus und der setzte ihn mit Schwung auf seinen Schoß. Das Küchenmädchen Agata verteilte Teller und Besteck auf dem Tisch und Margarethe trug die Schüsseln mit dem Essen auf. Alle setzten sich und Abraham warf seiner Frau einen fragenden Blick zu, sie nickt und sprach dann das kurze Mittagsgebet.

„Meinst du, es kommt zu einem zweiten Krieg um Schlesien?“, Margarethe hielt den Löffel in der Hand und sah Abraham besorgt an.

„Es ist nicht einfach sich in diesem politischen Hin und her zurechtzufinden“, Abraham begann zu essen und wehrte dabei Cornelius ab, der ihm mit seinen Händchen in den Löffel zu greifen versuchte, „wie du dich sicher noch erinnerst, hat Preußen vor zwei Jahren den größten Teil von Schlesien behalten können, während Österreich nur wenige Städte behielt. Dadurch hat Maria Theresia an Einfluss verloren und den will sie sich jetzt wieder

zurückholen. Im letzten Jahr ist es ihr gelungen, sich mit Großbritannien zu verbünden, und jetzt lässt sie Truppen in Bayern einmarschieren.“

Margarethe hatte immer noch nicht zu essen begonnen.

„Und was hat der König jetzt vor?“

„Der fühlt sich jetzt zunehmend bedroht und befürchtet, dass Maria Theresia Schlesien von Preußen zurückfordert. Er hat sich deshalb ebenfalls Bündnispartner gesucht und fand in den letzten Wochen Anschluss an Bayern, Frankreich und Spanien. Und mit dieser Macht im Rücken rückt er jetzt gegen Österreich vor.“

„Aber das betrifft uns ja hier eigentlich nicht“, mischte sich jetzt der ältere Knecht Stefan beruhigend in das Gespräch, „die Kämpfe finden ja viele Tagesreisen von uns entfernt statt.“

„Das stimmt natürlich“, bestätigte Abraham kauend, „wir sind hier nicht wirklich in Gefahr. Aber über uns schwebt ja immer die Gefahr des Militärdienstes. Der König braucht immer Soldaten und Waffen. Und so gesehen ist jeder Krieg für uns eine Bedrohung.“

Eine Weile aßen alle schweigend und Abraham ließ Cornelius ein wenig vom Hirsebrei kosten.“

„Stellt euch vor“, meldete sich da Agata zu Worte, „stellt euch vor, bei dieser Hitze kämpfen zu müssen. Ist das nicht schrecklich? Ich meine, die Hitze allein ist ja schon kaum auszuhalten, aber dann auch noch kämpfen bei dieser Hitze!“

„Ja“, der jüngere Knecht Paul warf ihr einen freundlichen Blick zu und nickte bestätigend, „ja, die Soldaten müssen ja nicht nur gegen die feindlichen Truppen kämpfen, sie müssen auch diese mörderische Hitze ertragen“, er lachte, „mir reicht es schon, auf dem Feld mit den Garben zu kämpfen.“

Der sonnenheiße trockene Sommer war langsam in einen dunklen, regnerischen Herbst gewechselt, der die durstigen Felder und Wiesen und Wälder mit Wasser überschwemmte. Die ausgetrocknete, rissige Erde konnte das Wasser gar nicht halten

und es bedurfte anhaltender Regenschauer, bis die staubige Erde das Wasser endlich aufnehmen konnte, weich wurde, aufquoll und seine satte dunkelbraune Farbe wiederfand.

Margarethe hatte schon längst wieder ihre alten Kräfte zurückgewonnen und auch die Führung des großen Haushalts übernommen, und bemerkte ihre neue Schwangerschaft erst als der Sommer langsam in den Herbst übergegangen war, die Tage kürzer und dunkler wurden und Morgennebel über den Wiesen lag.

Die Arbeit in der Küche und im Gemüsegarten, die Versorgung der Hühner, Enten, Gänse und der Tauben, das Planen und Zubereiten der Mahlzeiten gingen ihr leicht von der Hand und machten ihr Freude. Für die schwere Arbeit hatte sie Hilfe, am wöchentlichen Waschtag kam die Waschfrau, die täglichen Putzarbeiten übernahm eine Frau aus dem Dorf und Kartoffel schälen, Gemüse putzen und den Abwasch erledigte das Hausmädchen.

Mit Erstaunen stellte sie fest, dass diese fünfte Schwangerschaft ihr so gar keine Übelkeit oder Unwohlsein bereitete. Im Gegenteil fühlte sie sich so zuversichtlich und unternehmungslustig wie schon lange nicht mehr.

„Es wird gut für Cornelius sein“, sagte sie an einem kühlen Morgen Ende September, der den nahenden Winter schon spüren ließ, zu Abraham, der vom Melken aus dem Stall gekommen war und nun am Küchentisch saß und ihr dabei zusah, wie sie sein zweites Frühstück zubereitete, „es wird gut sein, wenn er einen kleinen Bruder oder eine kleine Schwester bekommt. Ein Kind sollte nicht allein aufwachsen.“

„Ein gesundes Kind ist immer eine Freude“, mahnte Abraham und schaute seine Frau nachdenklich an, „wir leben mit dem, was Gott für uns bereithält. Auch ein einziges Kind ist eine große Freude.“

Margarethe blickte von der schweren Pfanne auf, die sie mit beiden Händen hielt und dachte einen Augenblick nach. Dann wandte sie sich zu Abraham.

„Du hast Angst“, sagte sie, „du hast Angst, dass etwas schief gehen könnte, und willst mich darauf vorbereiten. Aber das musst du nicht“, fuhr sie schnell fort, als sie merkte, dass er sie unterbrechen wollte, „du musst keine Angst haben. Alles wird gut gehen, ich spüre das.“

Sie ging mit der schweren Pfanne zum Tisch und ließ Spiegeleier und Speck auf seinen Teller gleiten.

„Du hast wahrscheinlich Recht“, sagte er und schnitt eine Scheibe Brot ab, „alles wird gut werden, es liegt in Gottes Hand und wir wollen auf ihn vertrauen.“

Es war an einem Sonntag, Ende September und Abraham und Margarethe standen nach dem Gottesdienst noch mit den anderen Gemeindemitgliedern in der Wohnstube des Bauern Gerhard Wiens beieinander. Diese wöchentliche Treffen dienten nicht nur dem gemeinsamen Singen und Beten, den Predigten und dem Lesen in der Bibel, sondern war auch eine Möglichkeit, Neuigkeiten aller Art auszutauschen.

„Habt ihr schon von Prag gehört“, fragte Johann Froese und stopfte Tabak in seine Pfeife.

„Nein“, sagte Isaak Penner, „ich habe nichts gehört, was gibt es denn da Neues?“

„Nun“, begann Johann Froese gemächlich und zog an seiner Pfeife, aber da fiel ihm Gerhard Wiens ins Wort.

„Sie haben kapituliert, die Böhmen“, umständliche schlug er die Zeitung auf, „seht ihr, da steht es.“

Er beugte sich vor, rückte den Zwicker auf seiner Nase zurecht und las: „Am sechzehnten September musste die Stadt Prag, nach zweiwöchiger Belagerung durch die preußische Armee kapitulieren.“

Er hob den Kopf und sah die anderen Männer erwartungsvoll an.

„Nun? Was sagt ihr dazu?“

„Tja“, überlegte Abraham, „ich denke, dass das für uns erst einmal eine gute Nachricht sein könnte, nämlich dann, wenn diese Eroberung zu einem baldigen Ende des Krieges führt.“

„Ja“, stimmte Hermann Claassen zu, „das hoffen wir wohl alle.“

„Ist es nicht furchtbar?“, fragte Margarethe ihren Mann, als sie das Haus verließen und zur Kutsche gingen, „dass junge Menschen sterben müssen, warum, ich verstehe das nicht, weil Kaiser und Könige ihre Macht vergrößern und ausbauen wollen?“

„Ach Margarethe, da sind wir uns ja alle einig“, antwortete Abraham und half Margarethe in die Kutsche zu steigen, „deshalb müssen wir Mennoniten ja auch immer wieder aufbrechen, weil wir uns daran nicht beteiligen wollen.“

Er kletterte auf den Kutschbock.

„Unser Sohn wird jedenfalls auf keinem Schlachtfeld verbluten.“

Mit diesen Worten griff er nach den Zügeln, schnalzte und die Kutsche setzte sich in Bewegung.

An Cornelius erstem Geburtstag wirbelten die Schneeflocken vor den Fenstern und im Kamin prasselte ein helles Feuer. Der Kleine richtete sich auf, griff mit seinen Händchen nach den Tischen, Stühlen und Schränken zog sich daran hoch und lachte laut, wenn es ihm gelang, ein paar Schritte durch die Stube auf die Mutter zuzulaufen, die sich niederkniete und ihn in ihren Armen auffing.

1745

Als Cornelius im darauffolgenden Frühling mit wackeligen Schritten über die Wiese zum Teich lief und beim Anblick der kleinen, grauen Gänseküken, die hinter der großen dicken Gans her trippelten vor Freude jauchzte, da lag schon der kleine Bruder Peter in der Wiege und spielte mit seinen Fäustchen.

Abraham nahm Cornelius auf den Arm, um ihm den kleinen Bruder in der Wiege zu zeigen.

„Jetzt bist du ein großer Bruder“, sagte er zu dem Anderthalbjährigen und drückte ihn an sich.

„Goßer Buder“, wiederholte Cornelius ernsthaft und schaute neugierig auf das kleine zerdrückte Gesichtchen.

Abraham lachte. „Ja, jetzt bist du mein Großer.“

Margarethe war hinter ihren Mann getreten und legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Siehst du“, sagte sie, „es ist alles gut gegangen, so wie ich es gefühlte habe.“

„So wie Gott es gewollt hat“, entgegnete ihr Mann, stellte den zappelnden Cornelius auf den Boden und drehte sich zu Margarethe, „so wie Gott es beschlossen hat.“

Der Säugling war eingeschlafen und vorsichtig legte Margarethe den kleinen Peter zurück in die Wiege. Die Fäustchen lagen neben dem runden Gesicht und er atmete leise. Einen Augenblick lang lauschte sie seinen Atemzügen und ein Glücksgefühl, das fast weh tat, breitete sich in ihr aus.

Rasch knöpfte sie ihre Bluse zu, verließ das Schlafzimmer und zog leise die Tür hinter sich zu. Sie eilte über den kalten Flur in die Wohnstube, wo Abraham, den Kopf über die Geschäftsbücher gebeugt, am Tisch saß und Cornelius am Boden mit seinen Klötzen spielte, die ihm der Vater aus festem Buchenholz geschnitzt hatte.

Das Jahr 1745 war nicht nur kühl und verregnet und drohte durch Missernten zu einer gesundheitlichen Belastung für die Bevölkerung zu werden, es war darüber hinaus vom zweiten Schlesischen Krieg bestimmt.

Mehrere Tagesreisen südwestlich von Danzig, in Hohenfriedberg, in Soor, in Hennersdorf und in Kesselsdorf fanden Schlachten mit Tausenden von Toten und Verletzten statt. Die Menschen in der Danziger Niederung waren von diesen Ereignissen nicht betroffen und nahmen sie deshalb auch kaum zur Kenntnis. Ihre Sorgen und Gedanken richteten sich auf die tägliche Wiederkehr ihrer Arbeit auf den Höfen und Feldern, auf das Pflügen und Säen im Frühling, die Ernte im Sommer, die Sorgen

um Regen und Sonnenschein, und die Preise für Getreide, Obst und Fleisch. Und natürlich darum, dass sie in Frieden und Freiheit, ihre Religion ausüben konnten.

Dennoch tauchten immer wieder Berichte über diese schrecklichen Geschehnisse auf und man sprach darüber.

„Warum um alles in der Welt finden denn all diese Schlachten nur statt?“, fragte Margarethe wieder einmal auf dem Heimweg vom sonntäglichen Gottesdienst und schüttelte ratlos den Kopf, „es erscheint mir immer wieder so sinnlos, all diese jungen Männer auf den Schlachtfeldern zu opfern. Wofür bloß? Kann man denn das überhaupt verstehen?“

Die Räder der Kutsche versanken immer wieder im Matsch der aufgeweichten Straßen und Abraham musste sich sehr darauf konzentrieren, die Pferde geschickt an den tiefsten Wasserpfützen vorbeizulenken.

„Soweit ich weiß“, antwortete er, nachdem die Kutsche wieder festeren Halt gefunden hatte, „führt Friedrich der Zweite die Pläne seines Urgroßvaters fort. Der Große Kurfürst, wie er genannt wurde, hat schon vor hundert Jahren versucht, aus dem verstreuten Preußen eine Großmacht zu gestalten. Sein Ziel war es, im Europa der großen Nationen mitzumischen. Und sein Urenkel hat sich jetzt mit Frankreich verbündet und seine ständige Gegenspielerin Maria Theresia bildet eine Allianz mit Sachsen, Großbritannien und den Niederlanden. Sie möchte durch diesen Krieg erreichen, dass ihr Ehemann Franz Kaiser des Heiligen Römischen Reichs wird.“

Eine Weile schwiegen beide.

„Es kommt mir so unwirklich vor, dass da unten junge Menschen ihr Leben verlieren, bevor es noch richtig begonnen hat“, begann Margarethe nach einer Weile erneut, „während wir hier gleichzeitig unseren Alltag leben und uns um unsere alltäglichen Probleme den Kopf zerbrechen.“

„Das ist merkwürdig, dass du das sagst“, erwidert Abraham, „tatsächlich soll Friedrich, keine hundert Jahre nach dem

schrecklichen dreißigjährigen Krieg, erklärt haben, dass der friedliche Bürger es gar nicht merken soll, wenn die Nation sich schlägt.“

1747

Zwei Jahre später, als das von König Friedrich dem Zweiten in Auftrag gegebene Schloss Sanssouci in Potsdam nach zweijähriger Bauzeit fertiggestellt und am ersten Mai eingeweiht wurde, ertönte aus dem großen Bauernhaus in Rosenort wieder das lebhafte Schreien eines Neugeborenen.

Die Apfelbäume im Garten bildeten ein rosaweißes Blütenmeer mit dem Summen der Bienen wie leichtes Wellenrauschen. Der Vater nahm den dreijährigen Cornelius an der Hand und den kleinen Peter auf den Arm. Mit großen Schritten, denen Cornelius kaum folgen konnte, ging er mit ihnen zu der Wiege, die unter einem der großen Apfelbäume stand.

„Schaut“, sagte er und hielt Peter hoch, „das ist eure Schwester Lisbeth.“

Die beiden Brüder beugten sich über die Wiege der kleinen Lisbeth, die mit großen vergissmeinnichtblauen Augen in das zartrosa Apfelblütenmeer über sich schaute.

„Jetzt bist du auch ein großer Bruder“, erklärte Cornelius, „nicht nur ein kleiner.“

Die Tage verstrichen, die Kinder wuchsen, das Getreide auf den Feldern wogte im Sommerwind, aus den Tagen wurden Wochen, ausgefüllt mit Arbeit auf den Feldern, in den Ställen, im Haushalt, im Garten und den sonntäglichen Gottesdiensten. Monate vergingen, Jahre.

2. Kapitel

Schule

„Die Schule sei keine Tretmühle, sondern ein heiterer Tummelplatz des Geistes.“

Johann Amos Comenius (1592 bis 1670) 1750

Das Jahr 1750 begann mit so starken Schneestürmen, dass selbst die Äste der großen alten Eichen und Buchen brachen. Von den Dächern hingen riesige Eiszapfen und alle Seen, Teiche und Bäche waren zu Eis erstarrt. Der harte Winter wurde bald von einem heftigen Frühling abgelöst, in dem frühe Gewitter mit Blitz, Donner und Regenschauern über die Niederung hinwegrollten und die Bäche anschwollen und über die Ufer traten.

Die Bauern aus den Gemeinden Fürstenau, Rosenort, Lakendorf und Einlage hatten vor einigen Jahren beschlossen, für ihre Kinder eine Schule einzurichten.

„Bei uns in Lakendorf“, hatte bei einer Gemeindeversammlung ein Bauer aus dem Nachbarort von Rosenort berichtet, „bei uns steht eine stabile unbenutzte Scheune, die könnte man als Schulraum benutzen.“

„Eine Scheune?“, hatte ein anderer gefragt, „geht das denn?“

„Man müsste Bänke hineinstellen“, überlegte ein Dritter.

„Das ist das Wenigste“, wusste ein älterer Bauer aus Einlage, „Bänke, die können wir leicht bauen. Holz hat jeder von uns, aber es braucht auch eine Feuerstelle, wenn die Kinder auch im Winter in die Schule gehen sollen.“

„Ja, die muss gemauert werden“, ergänzte einer aus Rosenort, „und einen Rauchabzug braucht es auch.“

„Ihr habt die Fenster vergessen“, warf ein junger Bauer aus Fürstenau ein, „sonst sitzen eure Kinder im Dunkeln und dann ist es nichts mit dem Lesen und Schreiben.“

Die Männer lachten und verteilten die Arbeiten.

Eine Feuerstelle mit Rauchabzug wurde gemauert, eine Reihe von kleinen Fenstern in die Ostseite des großen hölzernen Gebäudes eingelassen. Und schließlich hatte man Tische und Bänke in den großen Raum mit dem festgestampften Lehmboden geschleppt und aufgestellt.

Die Schule schien nun fertig zu sein und wartete nur noch auf die Kinder, die dort unterrichtet werden sollten.

Aber wer sollte das machen?

„Ein Cousin meiner Frau war in Berlin auf dem neuen Lehrerseminar von dem bekannten Johann Hecker“, berichtete Heinrich Claassen, „ihr wisst schon, das ist der, der das Schulwesen in Preußen reformieren will. Also der Heinrich, der Cousin von Käthe, der war dort auf diesem Lehrerseminar in Berlin. Den könnte ich doch mal fragen, ob er hier bei uns die Lehrerstelle haben möchte.“

Der junge Heinrich Thiessen, der tatsächlich mehr als nur lesen, schreiben und rechnen konnte, sondern darüber hinaus, in seinen Schülern die Lust am Lernen wecken wollte, hatte tatsächlich Interesse an der Lehrerstelle in Lakendorf und hatte bald darauf mit großem pädagogischem Eifer seine Arbeit als Dorfschullehrer begonnen.

Cornelius war im November sechs Jahre alt geworden und zeigte einen unermüdlichen Wissensdurst, der Vater und Mutter täglich herausforderte. Deshalb hatten die Eltern in der Fastenzeit vor Ostern beschlossen, dass es jetzt Zeit sei, den sechsjährigen Cornelius in die Schule zu schicken.

„Ist es nicht noch ein wenig zu früh?“, hatte Margarethe eingewandt und ein sorgenvolles Gesicht gemacht, „der Weg ist ja doch ziemlich weit für einen Sechsjährigen.“

„Aber Margarethe“, beruhigte sie ihr Mann, „Cornelius ist groß und auch kein schwächliches Kind. Der Weg ist für ihn gar kein Problem.“

Und so kam es, dass Cornelius am Dienstag nach Ostern 1750 zum ersten Mal von Rosenort in die Dorfschule nach Lakendorf ging.

Der Weg zur Schule war für den Sechsjährigen tatsächlich recht weit und wenn Cornelius morgens losmarschierte, im Sommer in Holzschuhen im Winter mit schweren Stiefeln, stand die Mutter mit der kleinen Lisbeth an der Hand in der Tür und schaute ihm nach. Die kleine Schwester winkte eifrig dem großen Bruder hinterher.

Beim ersten Mal war der fünfjährige Peter ein kleines Stück mit dem Bruder mitgelaufen, bis der ihn zurückschickte.

„Du musst jetzt der Mutter mit den Hühnern helfen.“

„Ich will auch in die Schule gehen“, bettelte er, „nimm mich doch mit!“

„Du bist noch zu klein und der Weg ist für dich noch zu weit.“

„Ich kann genauso weit gehen wie du“, widersprach der Bruder, „ich bin sogar schneller als du, schau!“ Und er rannte ein paar Schritte voraus.

Cornelius lachte.

„Du hast gehört, was die Eltern gesagt haben. Du bist nächstes Jahr dran.“

Nur unwillig trottete der Kleine über die Wiese zum Haus zurück.

Cornelius ging gerne zur Schule und tat das auch Tag für Tag. Der Vater hatte genug Helfer auf dem Hof und war nicht auf die Hilfe seines Sohnes angewiesen. Nicht alle Jungen hatten es so gut, gerade in den Sommermonaten war bei manchen von Cornelius Mitschülern ihre Mitarbeit auf den Höfen notwendig. Natürlich gab es dafür auch freie Tage, die Sommerferien zum Beispiel, aber oft reichte die vorgesehene Zeit nicht aus, um die viele Arbeit, die

in der Erntezeit anfiel zu bewältigen. Auch manche der Mädchen konnten nur unregelmäßig die Schule besuchen, da zu Hause in der Küche, im Gemüsegarten und im Hühnerstall viel zu tun war und die Mütter, vor allem wenn es ein neues Kind gab, auf die Hilfe der Töchter angewiesen waren.

Das Lesen und Schreiben fiel Cornelius leicht und nichts konnte seine Neugier stillen. Oft wusste auch der Lehrer keine Antworten auf seine Fragen.

„Du musst ganz schnell lesen lernen und dann fährst du nach Elbing oder Danzig in die Bibliothek, da stehen mehr als tausend Bücher und dort kannst du dann alles nachlesen, was du wissen willst.“

Cornelius mochte nicht nur die Schule. Schon der Weg dorthin, vorbei an den Weizenfeldern, die sich im Frühsommer wie wogendes hellgrünes Wasser bewegten, erschien ihm verheißungsvoll. Über den gelbgrünen Halmen standen am blauen Himmel Lerchen, die mit den Flügeln schlugen und flatterten und dabei doch immer auf der Stelle blieben und dabei sangen. Cornelius musste stehenbleiben, den Kopf in den Nacken legen und zuschauen und zuhören. Wie machten sie das bloß? Nach einer Weile riss er sich los und rannte, um die weiter gegangene Zeit einzuholen.

Im Herbst beobachtete er die Krähen, die zwischen den Furchen hin und her hüpften und die abgefallenen und zurückgelassenen Körner aufpickten. An manchen Nachmittagen trafen sich auf den abgeernteten Feldern Kinder aus dem Dorf mit ihren Drachen und ließen sie in den Himmel aufsteigen.

Im Winter lagen die Felder unter einer dicken weißen Schneedecke und Cornelius machte es Freude, Muster und Figuren in den Schnee zu laufen.

Wenn er den Weg zwischen den Feldern hinter sich gelassen hatte, lief er durch ein kleines Birkenwäldchen. Im Frühling konnte

er Vögel beim Bauen ihrer Nester beobachten oder zusehen, wie die Eichhörnchen die Baumstämme hoch und runter liefen. Das sah lustig aus.

Manche Jungen schossen mit ihren Schleudern nach ihnen, aber nur selten traf jemand eines der flinken Tiere. Cornelius mochte das nicht. Dafür wagte er es, am höchsten in die Baumwipfel der Buchen hinaufzuklettern, rannte am schnellsten über die Wiese vor dem Schulhaus und sprang, ohne zu zögern über den Bach, auch wenn der im Frühling durch den vielen geschmolzenen Schnee immer breiter wurde.

In der Schule saßen die Mädchen auf der Fensterseite des riesigen Klassenzimmers, die Jungen auf der Wandseite.

„Damit ihr nicht die ganze Zeit aus dem Fenster seht,“ hatte der Lehrer den Jungen diese Anordnung erklärt. Vorne in der Klasse saßen die Erstklässler und auch ein paar, die schon in die zweite Klasse gingen, denn es gab nur drei Erstklässler, zwei Mädchen, die auf der anderen Seite saßen und ihn, Cornelius, auf der Jungenseite. Dahinter kamen die zweite und die dritte Klasse. In der letzten Reihe saßen die ganz großen, die schon in die achte Klasse gingen. Davon gab es aber auch nicht sehr viele. Manche Jungen hatten schon eine tiefe Stimme und einige Mädchen sahen beinahe wie richtige Frauen aus.

Eines Tages, es war schon Herbst, die Blätter hatten sich rot und gelb gefärbt und raschelten unter den Füßen, wenn man durch sie hindurchlief, saß Cornelius mit anderen Jungen aus der zweiten und dritten Klasse auf dem festgestampften Boden der Schulscheune, wo sie Strohhalme zu Zehnerbündeln sortierten.

„Vielleicht kriegen wir hundert Stück zusammen“, überlegte der achtjährige Gerhard Wiens.

„Oder tausend“, rief Hermann Claassen.

Eifrig sortierten und zählten sie die Halme, banden sie zusammen und legten sie in Reihen zu zehn Bündeln auf den Boden.

Eine Gruppe von Mädchen arbeitete mit den Buchstabierwürfeln.

Einige Kinder schrieben mit Bleistift in kleine weiße Büchlein die Buchstaben und Wörter nach, die der Lehrer ihnen hineingeschrieben hatte. Die älteren Mädchen schrieben schon mit Tinte, die der Lehrer ihnen in kleine Fässer gefüllt und auf die langen Tische gestellt hatte.

Seit ein paar Tagen war ein Feuer angezündet worden, das knisterte und den Raum, trotz des Abzugs mit einem feinen Rauch füllte.

Es war ein ganz gewöhnlicher Schulvormittag, es herrschte eine geschäftige und ruhige Lebhaftigkeit und nichts deutete darauf hin, dass gleich etwas Außergewöhnliches geschehen würde.

Die große Scheunentür öffnete sich knarrend und ein etwa achtjähriger Junge mit kurzen rotblonden Locken und einem sommersprossigen Gesicht schob sich langsam zur Tür herein. Ihm folgte ein weiterer Junge und Cornelius riss die Augen auf. Der sah ja ganz genauso aus! Die gleichen rotblonden Locken, die gleichen Sommersprossen und die gleiche kurze Stupsnase. Ganz und gar genauso. So etwas hatte er noch nie gesehen.

Auch die anderen Kinder unterbrachen ihre Tätigkeit und schauten zu den beiden Jungen, die stehengeblieben waren und sich umsahen. Dann öffnete sich die Tür weiter und ein großes Mädchen erschien und schob die beiden Brüder vor sich her auf den Lehrer zu.

„Guten Morgen“, sagte der, „da seid ihr ja. Ich hatte euch schon erwartet.“

Er reichte den Kindern die Hand.

„Ich bin Lehrer Thiessen.“

Dann wandte er sich der Klasse zu.

„Das sind die Kinder der Familie van Bergen, die in der letzten Woche nach Fürstenau gezogen sind. Sie werden von jetzt an zu uns in die Schule gehen.“

Dann wandte er sich an das große Mädchen.

„Du bist also Greta. Am besten setzt du dich da hinten in die vorletzte Reihe. Da, neben Anna ist Platz.“

Anna rutschte bereitwillig zur Seite und sah das neue Mädchen neugierig an.

Inzwischen hatte sich der Lehrer zu den Zwillingen gewandt.

„So, und ihr seid also Gerhard und Elias.“

Er schaute von einem zum anderen.

„Und wer ist jetzt wer?“

„Ich bin Elias,“ und „Ich bin Gerhard“, sagten die beiden wie aus einem Mund. Der Lehrer lachte.

„Na, das wird ja noch lustig werden. Am besten setzen wir euch ein bisschen auseinander, dann können wir vielleicht lernen, euch zu unterscheiden.“

Die Sonne begann sich schon nach Westen zu neigen und die Schatten der Bäume, die zum Haus führten, wurden länger.

Im ein paar Kilometer entfernten Groß Fürstenau öffnete Greta die Haustür und trat vor das Haus, das seit ein paar Tagen ihr neues Zuhause war. Einen Augenblick lang blieb sie stehen und hielt ihr Gesicht der Sonne entgegen. Dann sprang sie die drei Stufen hinunter und ging über den Hof, vorbei an dem Brunnen, den Ställen und dem Taubenhaus. All das war noch neu für sie, aber sie beachtete weder den Brunnen noch die Ställe und streifte das Taubenhaus nur mit einem raschen Blick. Ihre Schritte wurden immer länger, sie ging immer schneller, bis sie schließlich rannte. Am Rand der Wiese blieb sie stehen, sah sich um und atmete tief durch. Wie das roch! Das abgeschnittene Gras, die bunten Blätter, die frische Erde unter ihren Füßen und das Wasser des kleinen Baches, der irgendwo am Rande der Wiese entlanglief.

„Kann Wasser riechen?“, überlegte sie.

Dann hörte sie ein Geräusch und lauschte. Das kurze und harte „tick, tick“ gefolgt von einem hohen „siiip“ ließ sie ganz stillstehen. Hatte sie ein Rotkehlchen erschreckt?

Aber dann erklang eine Reihe hoher, feiner Töne die in einer Folge perlender Triller endeten und sie sah, wie der niedliche Vogel mit der roten Brust davon flatterte. Es hatte etwas traurig oder wehmütig geklungen.

War das Rotkehlchen traurig, dass der Sommer vorbei war und hatte es jetzt Angst vor der Dunkelheit und Kälte des Winters?

Aber Greta schüttelte die Gedanken an Kälte und Dunkelheit ab, bückte sich, löste die Schnürsenkel ihrer Stiefel, zog die Strümpfe aus und trat einen Schritt auf die Wiese. Im ersten Augenblick schauderte sie, weil das Gras doch schon herbstlich kalt war, aber dann rannte sie los. Sie rannte in großen Sätzen über die Wiese, in der Mitte blieb sie stehen und drehte sich, so dass ihre Zöpfe flogen. Sie breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und drehte sich, bis ihr schwindelig wurde. Mit hüpfenden Schritten, mal auf dem rechten Bein, mal auf dem linken kam sie schließlich am Rand der Wiese an.

Rasch zog sie die Strümpfe und Schuhe wieder an und machte sich langsam auf den Heimweg. Sie drehte sich noch einmal um und betrachtete den dunklen Wald und die Wiese, von der bereits feine Nebel aufstiegen.

Es war schön gewesen heute in der neuen Schule, der Lehrer war nett und jung und sah hübsch aus und er gab sich Mühe, allen Kindern etwas beizubringen. Nicht wie der alte Lehrer an der alten Schule, der mit dem Stock durch die Klasse ging und die Jungen schlug. Und dauernd hatte er aus einer hässlichen Blechdose Schnupftabak auf seinen Handrücken gestreut und dann in das eine oder andere Nasenloch hochgezogen. Das war so eklig gewesen, dass es Greta noch immer schauderte, wenn sie nur daran dachte.

Der nette Lehrer, wie hieß er doch noch? Greta überlegte, irgendetwas mit T war es gewesen, aber es wollte ihr nicht einfallen.

Aber auch die Kinder waren nett, das Mädchen, neben das sie der Lehrer – wie hieß er nur – gesetzt hatte, Anna, war gleich

sehr freundlich zu ihr gewesen. Und dann dieser kleine Junge, der sie die ganze Zeit angestarrt hatte, der mit den langen blonden Haaren, die ihm in die Stirn fielen, der war auch so niedlich gewesen. Er hatte dem Lehrer dauernd Fragen gestellt und der hatte sie meistens freundlich beantwortet. Es war ein schöner Schultag gewesen, dachte Greta, als sie die Haustür öffnete. Sie freute sich schon auf morgen.

Der Nebel stand morgendlich frisch wie ein Schleier über den Wiesen, der Hahn hatte seine Hennen schon lange geweckt und stolzierte mit hochgerecktem Kamm über den Hof, die Tauben gurrten, als am folgenden Sonntag die Familie sich zum Gottesdienst fertig machte.

Die Mutter hatte der kleinen Lisbeth die blonden Zöpfchen geflochten und Cornelius und Peter rannten über den Hof, wo der Vater das Pferd anschirrte. Der Braune schnaubte und scharrte ungeduldig mit den Hufen.

Die Kinder kletterten in den Wagen, die Mutter stieg hinterher und der Vater griff nach den Zügeln. Mit einem Ruck setzte sich der Wagen in Bewegung und wenige Augenblicke später knarrten die Räder über die Landstraße nach Fürstenau, wo heute die Versammlung und der Gottesdienst stattfinden würde.

„Es ist eine neue Familie aus Groß Lichtenau hergezogen“, berichtete die Mutter, „sie haben sechs Kinder, die Älteste ist wohl schon verlobt und die zweite soll im nächsten Jahr getauft werden und eine dritte Tochter, die noch zur Schule geht. Dann haben sie noch Zwillinge, zwei Jungen in Cornelius Alter und noch einen kleinen Abraham, der etwas jünger ist als Lisbeth.“

„Ja, und das Mädchen heißt Greta“, fiel Cornelius der Mutter ins Wort, „sie ist gestern in der Schule gewesen. Ja, und die Zwillinge sind schon in der dritten Klasse“, fügte Cornelius hinzu, „sie sehen ganz genau gleich aus.“

„Dann kennst du ja schon die halbe Familie“, lachte der Vater.

Als Margarethe und Abraham mit den drei Kindern wenig später auf langen Bänken in der großen Scheune des Bauern

Driedger saß, versuchte Cornelius wie auch sonst vergeblich, dem Gottesdienst zu folgen. Aber warum musste die Predigt denn auf Holländisch gesprochen werden. Sicher, die Mennoniten waren vor langer Zeit aus Holland hierhergekommen. Das wusste er vom Vater. Aber sie waren doch nun schon so lange hier.

Eine Weile konzentrierte er sich auf die fremden Worte. Ein paar Wörter konnte er verstehen, auch einige Redewendungen oder Satzteile. Auch die Gebete konnte er mitsprechen. Aber der Zusammenhang des Ganzen wollte sich ihm nicht erschließen. Seine Blicke wanderten durch den Raum und seine Gedanken flogen durch die geschlossenen Tore der Scheune hinaus in die Weite.

Da gab es die Städte Danzig und Elbing. Die Flüsse Nogat und Weichsel, die flossen beide in die Ostsee. Das war ein richtig großes Meer. Obwohl sich Cornelius ein Meer nicht so richtig vorstellen konnte. Viel breiter als ein Fluss soll es sein, so breit, dass man das andere Ufer nicht sehen konnte. Und auf der anderen Seite der Ostsee gab es andere Länder mit fremden Namen und fremden Sprachen, fremde Länder mit Städten und Dörfern und Wäldern und Flüssen und Tieren.

Wer dahinfahren könnte! Cornelius seufzte.

Die Gemeinde hatte sich erhoben und alle fingen mit lauten kräftigen Stimmen zu singen an: „Gott des Himmels und der Erden, Vater Sohn und Heil’ger Geist, der es Tag und Nacht lässt werden, Sonn’ und Mond uns scheinen heißt …“

„Warum können wir denn nicht auf Deutsch beten?“, fragte Cornelius auf der Heimfahrt den Vater.

„Vielleicht versteht Gott nicht Deutsch“, überlegte der fünfjährige Peter und die kleine Lisbeth kicherte.

Es dauerte ein Weilchen bis der Vater antwortete. Cornelius dachte schon, er hätte vielleicht etwas Verbotenes gefragt. Vielleicht war es ja eine Sünde, nicht auf Holländisch zu beten, wenn es doch der Prediger in der Kirche und der Älteste so machten.

„Du weißt doch, dass die Mennoniten aus Holland gekommen sind“, begann der Vater. Cornelius und Peter nickten, Lisbeth sah von einem zum anderen und nickte ebenfalls, dass die kleinen Zöpfchen hin und her wippten.

„Das ist jetzt fast genau zweihundert Jahre her. Den Mennoniten ging es vorher sehr schlecht, sie wurden wegen ihres Glaubens verfolgt und viele Menschen mussten deshalb sterben. Sie mussten ihre Heimat verlassen, und wurden von den katholischen und auch den evangelischen Landesherren verfolgt und getötet.“

Der Vater schwieg und die Kinder schauten erschrocken und fragten nicht weiter.

Das Pferd trabte die Straße entlang, die feuchte Erde dämpfte das Knarren der Räder und das Klappern der Hufe. Rechts und links der Straße standen die Birken mit goldenem Laub und jeder Windstoß wirbelte die Blätter wie goldenen Schneeflocken über die Straße. Dahinter dehnten sich die abgeernteten Felder.

„In Holland, wo unser Gründer Menno Simon lebte“, fuhr der Vater nach einer Weile fort, „hatten die Mennoniten eine Zeit der Ruhe und des Friedens. Damals konnten sie in Frieden ungestört ihre Gottesdienste und Taufen abhalten.“

Wieder schwieg der Vater eine Weile. Die Mutter sah ihn nachdenklich an, sagte aber nichts.

Nach dem sie eine Strecke weitergefahren waren und nur das rhythmische Klappern der Hufe zu hören war, räusperte sich der Vater und sprach weiter.

„Aber das änderte sich bald. Es war nur ein kleiner Teil im Norden von Holland, in dem unsere Vorväter in Ruhe leben konnten. Im Süden von Holland und in vielen anderen Ländern wurden sie immer wieder unterdrückt und verfolgt“, der Vater seufzte, „und deshalb hat man sich schließlich entschlossen, fortzugehen. Preußen gehörte damals zur polnischen Krone und die Mennoniten hatten schon in Holland gelernt, Deiche und Kanäle zu bauen, und das taten sie dann auch hier. Auf diese Weise konnte

man das Land endlich für die Landwirtschaft nutzen. Und da die Mennoniten den Menschen in den Städten und in den Dörfern Vorteile brachten, wurden sie und ihre Religion geduldet.“

Cornelius runzelte die Stirn und dachte einen Augenblick nach.

„Ja, aber das ist doch alles schon so lange her und warum sprechen wir im Gottesdienst dann immer noch holländisch?“

Jetzt mischte sich die Mutter ein.

„Das tun wir aus Respekt und wegen der Erinnerung“, sagte sie, und zu ihrem Mann gewandt:

„Abraham, sie sind doch noch viel zu klein für die ganze Geschichte. Du machst ihnen nur Angst.“

„Ich bin nicht zu klein“, protestierte Cornelius und Peter bekräftigte das sofort.

„Wir sind nicht zu klein!“

Und Lisbeth schüttelte auch heftig mit dem Kopf: „Ich bin auch nicht klein.“

Jetzt lachte der Vater.

„Siehst du“, sagte er zu seiner Frau gewandt, „da hörst du es, sie sind schon groß. Was haben wir für kluge, große Kinder.“

Der Winter kam früh in diesem Jahr und auch für den kräftigen Cornelius wurde der Schulweg beschwerlich. Sein Atem stand wie eine Wolke vor ihm und an seiner Mütze, seinem Schal und den Haarspitzen, die aus der Mütze herausschauten, bildeten sich kleine Eiszapfen. Wenn die Kinder auf ihren Bänken saßen, dann tropfte es von allen Seiten auf den feuchten Boden der Scheune. Das Feuer in der gemauerten Feuerstelle flackerte und malte tanzende Schatten an die Wände. Dicker Rauch sammelte sich unter der hohen Decke.

Cornelius musste sich immer wieder umdrehen und das neue Mädchen mit den langen dunklen Zöpfen anschauen, so dass der Lehrer, Herr Thiessen, schon manchmal mahnen musste: „Cornelius, du musst dich nicht immer umdrehen, guck nach vorne an die Tafel.“ Oder: „Du sollst in dein Buch schauen, hast du denn die Buchstaben schon alle gelesen?“

Aber da Cornelius eigentlich immer schon mit seinen Aufgaben fertig war und nicht nur die Buchstaben, sondern auch schon die Wörter und die Sätze, die hinten im Buch standen, gelesen hatte und der Lehrer außerdem ein freundlicher und geduldiger Mann war, drehte sich Cornelius doch immer wieder zu Greta um, die in der vorletzten Reihe saß.

Ihre langen Zöpfe sahen fast schwarz aus und die großen dunkelblauen Augen mit den vielen Wimpern drumherum waren so besonders, so ganz anders als die Augen seiner Mutter oder Lisbeths oder die der anderen Mädchen. Cornelius kannte niemanden, der so dunkle Augen hatte. Greta lachte ihn freundlich an, wenn sie sah, dass er sie anstarrte.

In der Pause stand sie mit den anderen Mädchen in einer Ecke des Schulzimmers und biss abwechselnd von einem rotbackigen Apfel und ihrem Schulbrot ab. Der Lehrer hatte den Kindern erlaubt, bei der eisigen Kälte im Klassenraum zu bleiben, aber die meisten Jungen rannten doch auf den Schulhof oder sogar bis zum zugefrorenen Graben, der neben der Straße entlanglief und auf dem man so wunderbar schlittern konnte. Wenn die Pause zu Ende war, trat Herr Thiessen vor das Schulhaus und schwang eine große Glocke, dann flitzten die Jungen so schnell sie konnten wieder zurück in den warmen und etwas rauchigen Klassenraum.

3. Kapitel

Lernen

„Armselig der Schüler, der seinen Meister nicht übertrifft.“

Leonardo da Vinci (1452 bis 1519)

1751

Als der Frühling endlich die Felder und Dörfer von Kälte und Dunkelheit erlöst hatte, das Osterfest vorüber war und Cornelius in die zweite Klasse kam, war Greta nicht mehr da. Sie hatte die Schule beendet und lernte jetzt zu Hause das, was jedes Mädchen in ihrem Alter lernen musste, nämlich all das, was man brauchte und können musste, um einen Haushalt zu führen. Sie half der Mutter in der Küche, im Garten, auf dem Geflügelhof und am Webstuhl. Die Küchenarbeit verrichtete sie mit heimlichem Widerstreben, seufzend. Und obwohl sie die Arbeit im Garten gerne mochte, die Erde zwischen den Fingern, den Geruch der frischen Kräuter, das Wachsen der Blüten und Blätter, war es vor allem das Geflügel, das ihr Freude machte. Die plusterigen Hühner, die Gänse und die Enten. Sie freute sich, wenn sie am frühen Morgen das Törchen zum Hühnerstall öffnete und die holländischen Friesenhühner rotschwarzgeflockt mit weißen Federenden, wackelnd und gackernd auf sie zuliefen, sich von ihr Körner hinstreuen ließen, die sie eifrig aufpickten und dann in einem wilden Gewusel auf die Wiese liefen.

Und sie liebte es ganz besonders, sich vor den großen Webstuhl zu setzen und mit den Füßen, die Schuhe hatte sie abgestreift, die Balken zu bewegen. Sie beobachtete, wie sich die Kettfäden hoben und senkten, hoben und senkten und durch den rhythmisch wechselnden Spalt ließ sie das Schiffchen hindurchsausen. Hin und her und hin und her. Es war fast wie Musik, fand Greta oder wie ein Tanz, wenn Schiffchen, Kettfäden und Weberkamm

ihre vorgeschriebenen Bewegungen ausführten. Und dann entstand allmählich, und trotzdem auch immer wieder plötzlich und überraschend, aus all den Fäden, die einzeln so dünn und unbedeutend schienen, plötzlich etwas ganz Neues. Greta lies ihre Hände über den so entstandenen Stoff gleiten und empfand große Freude, wenn sie mit den Fingern und Handflächen den Stoff spürte, ihren eigenen Stoff, den es ohne ihre Arbeit gar nicht gäbe, fest und weich zugleich.

„Ist das nicht wunderbar“, sagte sie voller Begeisterung zu ihrer Mutter, wenn sie wieder ein Stück des neuen Stoffes zustande gebracht hatte, „schau doch mal, das ist doch ein bisschen wie ein Wunder!“

Die Mutter schüttelte den Kopf.

„Aber Kind, was du dir immer alles ausdenkst“, sagte sie und lächelte dabei, „das ist doch kein Wunder, das ist doch etwas ganz Normales. Das ist eben Weben.“

An den meisten Sonntagen sah Cornelius Greta bei den Gottesdiensten, je nachdem, wo die gerade stattfanden. Die Gemeinde wuchs, aber immer noch fanden die Andachten und Versammlungen in den Wohnzimmern der Gemeindemitglieder statt. Und da diese Räume, auch wenn sie großzügig und geräumig waren, natürlich längst nicht mehr die wachsende Zahl der Mennoniten fassen konnte, wurden an jedem Sonntag gleichzeitig vier Gottesdienste in den Orten Einlage, Fürstenau, Lesewitz, Lakendorf, Lichtenau Rosenort, Sandhof, oder Wernersdorf abgehalten.

Manchmal trafen sich die Familien dann und manchmal feierten sie den Gottesdienst in derjenigen Gemeinde, die ihrer eigenen Gemeinde am nächsten lag.

Einmal hörte Cornelius, wie Greta nach dem Gottesdienst zu einer Freundin sagte: „Was war eigentlich vorher, ich meine, bevor Gott die Erde gemacht hat, ich meine … was war denn vor dem Anfang? Und davor? Da wird einem doch richtig schwindelig …“

„Ach Greta, was du dir immer ausdenkst.“

Nachdenklich saß Cornelius an diesem Sonntag auf seinem Platz in der Kutsche, als sie über die aufgeweichte Straße nach Hause fuhren.

Ja, dachte er, alles musste doch irgendwann angefangen haben.

1753

Als Greta zusammen mit einigen anderen Mädchen und Jungen aus den verschiedenen Gemeinden an einem Sonntag im April getauft und damit als erwachsenes Mitglied in die Gemeinde aufgenommen wurde, war Cornelius neun Jahre alt und ging nun schon seit drei Jahren in die Schule.

Ein Jahr vorher hatte Friedrich II. eine große Verwaltungsreform durchgeführt und zehn neue ostpreußischen Landkreise geschaffen, von denen einer der Kreis Marienwerder war, in dem auch die Familien Regier und van Bergen lebten.

Cornelius hatte das Lesen und Schreiben ohne Mühe gelernt und angefangen die Texte, die ihm der Lehrer in das kleine Büchlein vorgeschrieben hatte, mit Feder und Tinte nachzuschreiben. Er hatte mit Hilfe des Abakus gelernt, die Additionen und Subtraktionen durchzuführen und war dabei die Multiplikation und Division zu verstehen. Das waren Stunden, in denen Cornelius begeistert die Kugeln auf den Stäben hin und herschob.

Während er sich mit seinen Arbeiten beschäftigte, hörte er aufmerksam zu, was die größeren Kinder in den hinteren Bänken lernten. Der Lehrer erzählte von fremden Ländern, solchen, die man wandernd zu Fuß erreichen konnte, wenn man nur lange genug fleißig marschierte, Polen oder Russland, das riesige Russland, das bis zum Stillen Ozean reichte und solchen, in die man mit der Kutsche oder auf dem Pferd reisen musste, Frankreich, Spanien, Portugal, Dänemark und Holland natürlich. Nach England musste man mit dem Schiff über den Ärmelkanal segeln. Und dann erst die ganz fernen Erdteile, Afrika oder gar Amerika. Schon die Namen klangen fremdartig und verheißungsvoll.

Amerika! Man musste mit dem Schiff einen Ozean überqueren, wochenlang sah man nichts anderes als Wellen und Wolken, die Sonne am Tag und in der Nacht den Mond und die Sterne. Dort lebten Indianer. Und dann erst Afrika, wo die Menschen schwarz waren. Wie konnte das sein? Es gab so Vieles, was Cornelius sich nicht vorstellen konnte. All die Tiere, von denen er nur die Namen kannte, denn Bilder hatte er noch keine zu sehen bekommen, Giraffe, Rhinozeros, Gnu, Hyäne. Leise sprach er die Worte vor sich hin und fand, dass sie wie Musik klängen.

Wenn Cornelius den Lehrer erzählen hörte, dann breitete sich ein merkwürdiges Gefühl in ihm aus, von dem er nicht sagen konnte, ob es ein gutes Gefühl war oder eher ein Schmerz.

Er mochte es auch, wenn die Großen Gedichte oder die Strophen von Kirchenliedern aufsagen mussten. Er lernte die Gedichte und Lieder schnell mit und wenn einer der Jungen nicht weiterwusste oder stockend hängenblieb, dann musste er sich Mühe geben, den Text nicht leise vorzusagen.

Am liebsten mochte er „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“ von Paul Gerhardt mit den fünfzehn langen Strophen. Es fing so fröhlich und leicht an mit der Lerche, der Taube, dem Storch und den anderen Tieren, dem Hirschen, dem Reh, den Schafen und den Bienen. Am liebsten mochte er die achte Strophe und wenn er ganz leise für sich und eigentlich auch nur in Gedanken mitsprach: „Ich selber kann und mag nicht ruh’n, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alles Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen …“ dann erfasst ihn eine so heftige Freude, dass er am liebsten aufgesprungen und aus dem Klassenraum gelaufen wäre.

Aber trotz all dieser wunderbaren Dinge hatte seine Freude an den Schulstunden etwas nachgelassen, weil es auf zu viele Fragen einfach keine Antworten gab. Auch der kluge Herr Thiessen konnte sie ihm nicht immer beantworten und neulich war er sogar ärgerlich geworden, als Cornelius ihn fragte: „Warum hat Gott eigentlich die Menschen erschaffen? Fand er es vorher zu langweilig?“

4. Kapitel

Eine Kirche wird gebaut

„Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen.“

Matthäus Kapitel 18, Vers 20 1754

An einem Sonntag im Spätsommer war Margarethe auf der Fahrt in den Gottesdienst müde und erschöpft.

Die Pflaumenbäume hatten dieses Jahr besonders reichlich getragen und die Ernte war üppig ausgefallen. Mit Hilfe des Dienstmädchens hatte Margarethe viele Gläser Pflaumenmus eingekocht und Pflaumen in Essig eingelegt. Das hatte in den vergangenen vierzehn Tage viel Mehrarbeit bedeutet.

Dann war Lisbeth Anfang der Woche von einer Wespe gestochen worden, der Stich schmerzte und schwoll im Laufe des Tages immer mehr an. Am Abend hatte Lisbeth mit heißem Kopf im Bett gelegen und Margarethe hatte die ganze Nacht an ihrem Bett gesessen, ihr die Stirn mit einem nassen Tuch gekühlt und Wadenwickel gemacht. Lisbeth weinte, wenn die Mutter die kalten Tücher um ihre Beine wickelte, aber gegen Morgen wurde ihr Atem ruhiger und sie schlief schließlich fest in den neuen Tag hinein. Beim Aufwachen hatte sie den Schmerz und das Fieber schon fast wieder vergessen, aber Margarethe hatte nicht nur die schlaflose Nacht geschwächt, sondern vor allem die Angst, die sie ausgestanden hatte, als sie auf ihr fieberndes Kind geschaut und seinen wirren Fieberphantasien gelauscht hatte.

„Lieber Gott, hilf ihr, lass sie wieder gesund werden, bitte lieber Gott, nimm sie mir nicht, bitte …“, hatte sie immer und immer wieder gebetet.

Trotz des fehlenden Schlafes stand am nächsten Tag die große Wäsche an und das ließ sich auch nicht verschieben. Zum Waschen kam zwar immer die Waschfrau zum Helfen, aber es war doch mehr Arbeit zu bewältigen gewesen als sonst. Margarethe war erschöpft und sah blass aus. Ihr Mann schaute vom Kutschbock besorgt zu ihr hin.

Die Felder waren abgeerntet und Rohrsänger, Grasmücken und Laubsänger sammelten sich und übten für ihre lange Reise in den Süden. Am Himmel sah man manchmal das Dreieck der Graugänse und hin und wieder drang ihr Geschrei zu den fünf Menschen in der offenen Kutsche.

„Warum fliegen die Gänse denn immer im Dreieck?“, wollte Peter wissen, „Wie ein großer Pfeil.“

„Vorne fliegen“, antwortete der Vater, „ist anstrengend, das bedeutet den meisten Widerstand zu erfahren. Die erste Gans muss ein sehr kräftiges Tier sein. Sie muss auch die Verantwortung für die ganze Vogelfamilie übernehmen.“

„So wie du Vater“, rief die kleine Lisbeth, „du sitzt auch vorne und hast die ganze Verantwortung.“

Der Vater lachte.

„Da magst du recht haben, kleine Lisbeth. Jede Vogelschar –und auch jede Familie oder jede Gemeinde – braucht einen oder mehrere erfahrene Anführer. Bei uns in der Gemeinde ist das der Älteste, der die Verantwortung für alle Menschen in der Gemeinde trägt. Das ist eine schwere Aufgabe und nicht immer leicht. Die Prediger helfen ihm dabei.“

„Bei uns ist es Mutter“, warf Peter dazwischen und sah liebevoll zu seiner Mutter, „Mutter hilft dir bei der ganzen Verantwortung.“

„Das stimmt“, der Vater drehte sich um und sah lächelnd seine Frau an, die seinen Blick erwiderte.

Dann deutete er mit der Peitsche zum Himmel, wo das zitternde Dreieck immer noch zu sehen war.

„Bei den Wildgänsen sind es mehrere Leittiere, die sich abwechseln müssen, um nicht völlig zu entkräften. Wenn die Leitgans dann nach – vielleicht zehn Minuten – ermüdet, dann ruft sie, und die anderen verstehen sie und eine von ihnen löst sie ab.“

Cornelius überlegte einen Augenblick.

„Aber sie schreien doch dauernd, hörst du? Nicht nur alle zehn Minuten.“

Er legte den Kopf schräg und kniff die Augen zusammen. Lisbeth schaute ihn an und machte es ihm nach.

Der Vater lachte.

„Sie haben ja keine Hände und können sich beim Fliegen nicht an den anderen Gänsebrüdern oder -schwestern festhalten, so wie ihr vielleicht, wenn ihr irgendwo unterwegs seid, wo ihr euch nicht auskennt. Deshalb rufen sie immerzu, damit sie sich nicht verlieren.“

Lisbeth hörte aufmerksam zu.

„Könnt ihr hören, was sie rufen?“, fragte jetzt die Mutter, „Sie rufen: hier-bin- ich-wo-bist-du-hier-bin- ich-wo-bist-du?“

Als die Familie nach dem Gottesdienst wieder in die Kutsche kletterte und Abraham Regier auf dem Kutschbock Platz nahm, die Zügel ergriff und mit einem leichten Schnalzen das Pferd zum Lostraben aufforderte, war er gut gelaunt und vergnügt.

„Stell dir vor, Margarethe“, rief er seiner Frau zu und drehte sich mit dem Oberkörper nach hinten, „stell dir vor, was mir vorhin Gerhard van Bergen mitgeteilt hat.“

Er machte eine kleine Pause, um die Spannung hinten im Wagen zu steigern.

„Stell dir vor“, begann er zum dritten Mal, „die Gemeinde hat das Geld zusammen und wir können noch in diesem Jahr mit dem Bau einer Kirche beginnen.“

Cornelius horchte auf.

„Bedeutet das dann, heißt das, dass wir alle zusammen, also die ganze Gemeinde am Sonntag nur einen einzigen Gottesdienst hat? Alle zusammen?“

„Ja“, lachte der Vater, „das bedeutet es. Wir werden dann alle zusammenkommen, jeden Sonntag.“

„Wann wird das sein?“ wollte Peter wissen.

„Können wir schon Erntedank dort feiern? Oh, bitte, das wäre schön, mit allen zusammen“, bettelte Lisbeth.

Der Vater lachte.

„Aber wenigstens Weihnachten …“ überlegte Lisbeth.

Aber der Vater musste auch diese Hoffnung seiner kleinen Tochter zurückweisen.

„Zuerst müssen wir das Gotteshaus doch erst einmal bauen. Und da müssen alle mithelfen, ihr auch.“

„Vielleicht schaffen wir es, dass wir alle zusammen Ostern in der neuen Kirche feiern“, tröstete die Mutter und sah dabei froh und glücklich aus. Die Müdigkeit und Blässe schienen wie weggewischt.

„Wie geht es deinem Bruder?“, Abraham hob den Kopf von seinen Aufzeichnungen, legte die Feder sorgfältig auf die Ablage neben dem Tintenfass und schaute Margarethe fragend an.

Es war Abend, die Kinder schliefen schon und das Paar genoss die ruhige Stunde zusammen im Wohnzimmer, bevor auch sie zu Bett gingen.

Margarethe legte das Kinderkleid, an dem sie gerade nähte, in den Schoss.

„Es geht ihm nicht so gut“, antwortete sie und seufzte, „die Wunde hat sich entzündet und das Fieber will nicht sinken.“

Cornelius Andres hatte sich beim Ausbessern der Stalltür an der Säge leicht verletzt, ein Kratzer bloß, wie er meinte. Er hatte sein Taschentuch um die nur leicht blutende Wunde gewickelt und nicht weiter darauf geachtete. Aber am Abend war die Hand etwas angeschwollen und hatte einen pulsierenden Schmerz verursacht. Seine Frau Anna wusch die Wunde aus und verband sie neu, aber in der Nacht trat heftiges Fieber auf. Man schickte nach dem Arzt in Tiegenhof, der am nächsten Morgen kam und Cornelius Wunde noch einmal säuberte, verband und einen Aderlass

durchführte. Der Arzt war noch jung und gut ausgebildet und unterwies Cornelius Frau darin, die Wunde jeden Tag neu zu verbinden und dafür zu sorgen, dass er regelmäßig leichte Kost zu sich nahm.

„Und öffnen Sie das Fenster, damit der Kranke frische Luft atmen kann“, riet er ihr noch, bevor er sich verabschiedete. Aber der Zustand des Kranken besserte sich nur wenig. An manchen Tagen hatte man den Eindruck, es gehe ihm besser, aber am nächsten Tag wurde er erneut von Fieberkrämpfen geschüttelt.

In der Gemeinde betete man für seine Genesung.

In den folgenden Wochen wurde auf allen Höfen in Rosenort und der Umgebung noch eifriger und fleißiger gearbeitet als sonst. Auf jedem Hof gab es geschlagene Bäume, die dort lagerten, trockneten und darauf warteten, zu Brettern und Balken verarbeitet zu werden. Jeden Tag stapfte nun ein Trupp Männer mit Äxten, Sägen und Seilen beladen zu einem der Höfe. Weithin waren die Rufe der Männer, das Schlagen der Äxte und Beile und das rhythmische Sägen zu hören. Gegen Abend ratterte dann ein Fuhrwerk auf den Hof, um die zu Brettern, Bohlen, Balken und Kanthölzern aufgetrennten Baumstämme aufzuladen und zum künftigen Bauplatz zu fahren, wo sie trocken gestapelt und für das große Vorhaben, den Kirchenbau, gelagert wurden.

Am dritten November, einem kalten Morgen war es dann so weit.

Nach dem frühmorgendlichen Melken und dem gemeinsamen Frühstücken in der Küche ging Abraham hinüber zur Werkstatt und verstaute das notwendige Werkzeug in einer großen Kiste, Hämmer, Nägel, Bohrer, Schrauben, Sägen, Seile und Schnüre. Seine beiden Söhne halfen ihm dabei. Dann holten er und vier seiner Landarbeiter die langen Bretter aus dem Schuppen, schleppten sie zum Leiterwagen und befestigten sie sorgfältig.

Einer der Knechte wuchtete die schwere Werkzeugkiste auf den Wagen.

Währenddessen hatte Margarethe mit dem Mädchen in der Küche einen großen Korb mit Essen vorbereitet und Lisbeth eilte eifrig hin und her, um der Mutter Löffel und Gabeln zu reichen, Becher und Teller.

Die Sonne ging gerade auf, als die Kinder auf die Holzstapel kletterten, Abraham saß auf dem Kutschbock, die anderen gingen zu Fuß, redend und lachend neben dem Wagen her.

Als der schwer beladene Wagen aus der Hofeinfahrt rumpelte, färbte sich der Himmel rosa und sie sahen, dass auch aus allen anderen Höfen, Wagen oder kleinere Karren auf die Straße rollten. Viele Männer gingen zu Fuß, andere ritten.

Auf der Landstraße begegneten ihnen weitere Familien in Kutschen und Leiterwagen. Auf einigen Leiterwagen lagen lange Bretter, auf anderen Holzbalken.

Der Weg zu der Stelle, wo die neue Kirche stehen würde, war nicht weit und Cornelius traute seinen Augen nicht, als er die versammelte Menschenmenge sah, die sich dort eingefunden hatte. Es wurde gerufen und gelacht und mit lauter Stimme Anweisungen weitergegeben. Kaum hatte der Wagen gehalten, da eilten auch schon Männer herbei, die das Werkzeug vom Wagen hievten und die langen Bretter davontrugen.

Die Frauen hatten Tische aufgestellt und riefen sich gegenseitig Aufforderungen zu. Einige begrüßten Margarethe freundlich.

„Margarethe, komm her zu uns“, rief ihr Ida Claassen zu und winkte heftig, „du kannst uns helfen, die Kannen auf den Tischen zu verteilen“, und schon war sie wieder verschwunden.

Auf den langen Tischen standen weiße und blaue Kannen, Gläser mit eingemachten Früchten, Töpfe, Stapel von Tellern und Becher. Immer mehr Frauen kamen hinzu mit Körben an den Armen und Mädchen, die halfen, das mitgebrachte Essen auf den Tischen abzustellen.

Lisbeth hatte einige Freundinnen erspäht und lief zu ihnen. Cornelius und Peter waren mit dem Vater zu den anderen Männern gelaufen, wo sie ihre Nachbarjungen und Klassenkameraden trafen.

Gerhard von Bergen begrüßte die Männer: „Na los kommt schon! Wir wollen heute die vier Seitenwände aufrichten. Das ist eine Menge Arbeit.“

Abraham hatte seinen Schwager Cornelius Andres entdeckt und ging ihm entgegen.

„Wie geht es dir inzwischen? Kannst du hier überhaupt mithelfen? Traust du dir das denn schon zu?“

Er sah den jüngeren Mann mit den lockigen blonden Haaren forschend an.

„Eine Zeit lang wussten wir nicht, ob du überhaupt wieder richtig gesund werden würdest.“

„Doch“, lachte der, „es ist alles in Ordnung. Gott hat wohl noch einiges mit mir vor.“

Er lachte.

„Da passt es doch ganz besonders gut, wenn ich jetzt dabei helfe, ihm ein Haus zu bauen.“

Die beiden schnallten sich die Werkzeugtaschen um die Hüften und machten sich auf den Weg zu den anderen Männern. Sie begrüßten sie und stellten sich in eine Reihe auf.

Dier Seitenwände der zukünftigen Kirche waren schon zusammengefügt worden und lagen auf der Wiese.

„Also!“, rief da Gerhard von Bergen, „Alle miteinander …, Achtung! Seid ihr bereit? Beide Hände …“

Die Männer beugten sich nach vorne und ergriffen zu mehreren die Seile, die vor ihnen im Gras lagen.

„Und hooooch!!“, rief Gerhard laut und warf seine Arme hoch in die Luft.

Die Männer zogen gleichmäßig an den Seilen und knarrend richteten sich die Balken auf. Auf der gegenüberliegenden Seite standen eine Reihe Männer mit langen Stangen, mit denen sie die Balken im Gleichgewicht hielten.

„Jaaa, jawohl!“, riefen sie und zogen und drückten, bis das riesige Gebilde senkrecht stand.

Cornelius hatte sich ins Gras gehockt und sah dem ganzen Vorgang neugierig und bewundernd zu. Mit ihm saßen auch die zwölfjährigen Zwillinge Gerhard und Elias und ihr kleiner Bruder Abraham dort. Jakob Penner, Bernhard Wedel, Isaak Dyck und Heinrich Fieguth, Jungen aus der Schule kamen dazu.

„Vielleicht können wir ja nachher auch mithelfen“, überlegte Heinrich und seufzte.

Da wurde bereits die gegenüberliegende Seitenwand aufgerichtet.

Mit einem langgezogenen, lauten „Jaaaap“, richteten die Männer, die Seitenwand aus hellen, wuchtigen Balken auf, ziehend und stoßend.

Mit Hämmern und Nägeln machten sie sich nun an die Arbeit. Die Balken wurden ausgerichtet und angepasst, die großen Handbohrer fraßen sich in das feste Holz und es erklang das rhythmische Schlagen der Hämmer. Und nun waren endlich auch die Kinder dran.

Ein paar der größeren Jungen und Mädchen hatten Karren mit silbernen Kannen herbeigefahren und füllten daraus Wasser und Apfelsaft in Becher und reichten sie den wartenden Kindern, die damit über den Bauplatz liefen und sie zu den arbeitenden Männern brachten.

Riesige Holzdübel wurden in die Balken getrieben und hier und da wurden Sägen weitergereicht, um zu lange Balken passend zu machen.

Einer der Männer war Jakob Wiens, ein junger Mann Mitte zwanzig, ein freundlicher Mann, der wie die anderen einen

runden Filzhut trug, unter dessen Krempe dichtes haselnussbraunes Haar hervorquoll. Er hatte ein Grübchen im Kinn und beim Lachen zeigt er große weiße Zähne.

Cornelius reckte sich und reichte ihm einen Becher nach oben, wo Jakob mit einem Handbohrer bewaffnet auf einem Balken hockte. Der griff nach dem Becher und stürzte den Inhalt in einem Zug hinunter, so dass ihm der Saft über das Kinn lief.

Lachend wischt er mit dem Ärmel über sein Gesicht und reichte den Becher Cornelius zurück.

„Kannst du schon mit einem Hammer umgehen, Cornelius?“

Cornelius nickte eifrig.

„Na, dann hol dir von da unten einen und komm hoch.“

Mit dicken Seilen wurden Balken und Bretter heraufgezogen.

Unten auf der Wiese hockten ein paar von den kleineren Jungen, stapelten Holzscheiben aufeinander und schlugen mit Hämmern Nägel hindurch.

Cornelius kletterte vorsichtig an den Verstrebungen herab, sprang ins Gras und nahm sich einen Hammer. Fragend schaute er zu Gerhard von Bergen, der mit einigen der älteren Männer neben dem Tisch mit den Werkzeugen stand und den Ablauf der Arbeiten beobachtete.

„Traust du dir das denn schon zu, Cornelius?“, fragte er, als er den Blick des Jungen sah. Der nickte energisch.

„Na dann nimm ihn, Gott kann jeden Helfer gebrauchen.“

Mit klopfendem Herzen kletterte Cornelius wieder hinauf und saß gleich darauf neben Jakob auf einem Balken. Er griff in die Kiste mit den Nägeln, nahm einen langen Nagel zwischen Daumen und Finger der linken Hand, fasste mit der rechten den dicken Stiel des Hammers, holte vorsichtig aus und schlug ihn mit festen Bewegungen an der Stelle in das Brett, die Jakob ihm zeigte.

„Das machst du richtig gut“, lobte der ihn, „wie alt bist du?“

„Elf“, antwortete Cornelius.

„Dafür bist du aber schon ganz schön groß.“

Es machte Spaß, den Hammer in der Hand zu fühlen und zu spüren, wie der Nagel immer tiefer ins Holz getrieben wurde. Es war seine Kirche, an der er da mitbauen durfte. Cornelius fühlte, wie die Freude durch seinen ganzen Körper lief.

Er schaute nach oben in den Himmel, wo die Sonne schon begann sich nach Westen zu neigen.

Ob Gott uns jetzt zusieht, überlegte Cornelius, ob er sich freut, dass wir alle für ihn ein Haus bauen. Aber dann runzelte er die Stirn. Braucht Gott ein Haus? Bauen wir es nicht eher für uns? Gott ist doch immer bei uns, an jedem Sonntag und auch sonst und überall, wo wir sind. Das Haus brauchen wir, um zusammen zu sein.

Inzwischen hatten die Frauen lange Tische unter den kahlen Bäumen mit weißen Tischtüchern bedeckt und verteilten Tassen, Becher und Teller darauf. Große Platten mit gebratenem Fleisch, Schalen mit eingelegtem Gemüse und Schüsseln mit Hirse und Graupen wurden auf die Tische gestellt.

Als alle auf den Bänken Platz genommen hatten, wurde es still und jeder sprach leise und für sich sein Dankgebet. Danach erhob sich ein freundliches Murmeln und die Frauen gingen an den Tischen entlang und füllten Gläser und reichten sie den Männern.

Cornelius erkannte Greta, die mit anderen jungen Mädchen den Frauen half, die Kannen immer wieder neu zu füllen, die dann in Becher gegossen und von den verheirateten Frauen an die Männer verteilt wurden.

Er sah sie zuerst nur von hinten. Ihre langen, dunklen Zöpfe fielen immer noch über ihren Rücken, sie waren noch nicht hochgesteckt und unter einer kleinen weißen Haube mit langen Bändern versteckt, wie die verheirateten Frauen sie trugen. Er sah, wie sie mit ihren Freundinnen redete und lachte und einmal warf sie dabei den Kopf zurück, dass ihre Zöpfe flogen. Er glaubte, ihre Stimme zu hören.

Nachdem sich alle gestärkt und ein wenig ausgeruht hatten, ging es wieder an die Arbeit. Die letzten Dachbalken wurden angebracht und lange Bretter an die Querbalken des Gebäudes genagelt.

„Jetzt bekommt unsere Kirche seine Außenwände“, rief Cornelius den anderen Jungen zu und rannte mit seinem Hammer in der Hand zu ihnen. Schließlich standen sie alle nebeneinander, Abraham, Cornelius, Elias, Gerhard, Isaak, Jakob, Johann und Peter und trieben mit ihren Hämmern lange Nägel in die Bretter.

„Eine Kirchenhaut“, kicherte Peter und die anderen lachten.

Als das rohe Gebäude schließlich aufgerichtet dastand, neigte sich die Sonne dem Horizont zu, übergoss den Himmel mit einem tiefen Violett, das sich langsam im immer blasseren Blau des Himmels auflöste und war wenig später schon untergegangen. Der Tag, der sonnig gewesen war, zeigte sich am Abend novemberherbstlich kalt.

Die Essensreste wurden sorgfältig in Körbe verpackt, das Geschirr in Kisten gestapelt, die Tische und Bänke auf den Leiterwagen verstaut.

Die Männer schulterten ihre Werkzeugkisten und alle machten sich auf den Heimweg, müde, aber sehr zufrieden.

Es brauchte noch vier Monate, in den die Menschen in Rosenort für ihre Kirche sägten, schleiften, hobelten, schnitzten, leimten und lackierten. Die Arbeiten, die nun anlagen, konnten in kleineren Gruppen oder von zu Hause aus erledigt werden. An den Sonntagen trafen sich die Frauen nach den Gottesdiensten abwechselnd auf dem einen oder anderen Hof, saßen um große Tische und nähten gemeinsam riesige Quiltdecken. An den Wochentagen setzten sich viele von ihnen abends an den Webstuhl. In den Schuppen wurden Kirchenbänke gezimmert und Kerzenleuchter gedrechselt. Eins kam zum anderen und der große kahle Betraum wurde langsam zur Kirche.

Der Winter war mit Macht gekommen und hatte alles mit einer dichten Schneedecke verhüllt. Das Murmeln des Baches war verstummt, er war unter einer dicken Schicht aus regenbogenfarbenem Eis verschwunden. Die Bäume hatten ihren Umfang vervielfacht, alle Ecken und Kanten waren fort, die Welt war still und rund geworden.

Das Weihnachtsfest wurde in schneeiger Stille und voll freudiger Erwartung gefeiert.

5. Kapitel

Abendmahl

„Und er nahm das Brot, dankte, brach’s und gab’s ihnen.“

Lukas Kapitel 22, Vers 19

1755

„Am nächsten Sonntag ist es soweit“, verkündete Abraham als er am 23. Februar mit der Familie in den Schlitten stieg, um nach Heubuden zum Gottesdienst zu fahren. „Wir werden mit allen Brüdern und Schwestern gemeinsam das Abendmahl feiern.“

„Mit allen, wirklich mit allen?“, staunte Peter.

„Ja“, nickte der Vater zufrieden, „wirklich mit allen.“

Und dann kam er, der große Tag, der zweite März 1755. Mehr als tausendfünfhundert Mennoniten strömten nach Rosenort, wo sie in der neugebauten Kirche gemeinsam einen Abendmahls-Gottesdienst feiern wollten.

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