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B RAD H UEBERT

Die Stimme des Kรถnigs Eine dramatische Reise nach Hause

NEUFELD VERLAG


Aus dem Englischen von Antje Balters, Bremen © 2008 by Brad Huebert The original English edition was published as Finding Home: A Parable of Kingdom Life. All rights reserved

Für Paul und Kevin, wahre Brüder und Bürger des Königreiches »Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes« (Matthäus 6,33)

Mix

Produktgruppe aus vorbildlich bewirtschafteten Wäldern und Recyclingholz oder -fasern Zert.-Nr. SGS-COC-003091 www.fsc.org © 1996 Forest Stewardship Council

NEUFELD VERLAG

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: © ShutterStock® Satz: Neufeld Verlag, Schwarzenfeld Herstellung: Bercker Graphischer Betrieb GmbH & Co. KG, Kevelaer © 2010 Neufeld Verlag Schwarzenfeld ISBN 978-3-937896-91-5, Bestell-Nummer 588 776 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de


Inhalt

Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Danksagungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel eins: Basileia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel zwei: Das Buch der Pflichten . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel drei: Nachjagen

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Kapitel vier: Die Quelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel fünf: Die Schlacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel sechs: Absturz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel sieben: Erwachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel acht: Das Buch des Lebens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel neun: Gnade . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel zehn: Gestillt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel elf: Rhythmus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel zwölf: Sieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Kapitel dreizehn: Veränderung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Vorwort

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anchmal, wird etwas, das wir bisher wie durch »dunkles Glas« gesehen haben, plötzlich lebendig und klar. Für mich war die Lektüre von Die Stimme des Königs ein solches Erlebnis, bei dem etwas sehr klar wurde. Brad Huebert lädt uns darin ein zu einem neuen Verständnis der Freude, der Freiheit und der Gnade im Reich Gottes, und er tut das auf dem Weg über unsere Phantasie. Für Menschen, die dem König nachfolgen und es einfach leid sind, Bücher zu lesen mit Titeln wie 10 Schritte zu ... oder 15 Punkte, um ... zu ..., wird diese Geschichte sowohl Unterhaltung als auch Anregung sein. Trotz der Unmengen an Hilfen zum geistlichen Wachstum, die es in der westlichen Welt gibt, hat die Kirche offenbar nur in sehr eingeschränktem Maße Einfluss auf die bestehende Kultur um sie her. Mehr Einsatz, mehr Arbeit, mehr Dienst helfen da auch nicht weiter. Vielleicht brauchen wir einen ganz neuen Ausgangspunkt, eine neue Definition dessen, wie wir uns an der Beziehung mit Gott freuen und sie tatsächlich genießen können, und zwar so, dass der Fokus dabei mehr auf dem Sein als auf dem Tun liegt. Die Aussagen dieses Buches haben den Filter von Brad Hueberts persönlichem geistlichen Weg, seiner Beziehungen innerhalb der Familie und seines Einflusses als Pastor durchlaufen. Er

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steht mit beiden Füßen fest auf der Wahrheit des Wortes Gottes und er ist von einer großen Leidenschaft für Gott erfüllt. Er lebt seine Geschichte – und das können wir auch. Randy Friesen, Abbotsford/Kanada Direktor von Mennonite Brethren Mission and Service International (MBMSI)

Danksagungen

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o viele Menschen haben dazu beigetragen, dass Die Stimme des Königs als Buch erscheinen konnte. Danke, Mutter und Vater Huebert – ihr glaubt an mich seit dem Augenblick, als ich auf die Welt gekommen bin, und habt das stets durch eure Geduld, eure Gebete für mich, durch finanzielle Unterstützung und lebenslange Ermutigung in Bezug auf diesen Traum unter Beweis gestellt; Brian und Sonia Huebert, eure finanzielle und moralische Unterstützung bei diesem Projekt war von unschätzbarem Wert; Vater und Mutter Warkentin, Mark und Nena Huebert – eure Liebe und eure Gebete sind ein ganz entscheidender Beitrag ; Tim Geddert – ich habe dich um etwas Zeit gebeten und habe begeisterte Bestätigung erhalten, ein tolles Feedback und großartige Unterstützung weit über meine Bitte hinaus; Randy Friesen – du hast zu einer Zeit ein inneres Reich-GottesLeben deutlich sichtbar vorgelebt, als ich genau das unendlich brauchte, und du hast ein großartiges Vorwort für mich geschrieben; Dalhousie Community Church – ihr beschenkt mich damit, mich sein zu lassen, wer ich bin, und betrachtet das Schreiben als spannenden Teil meines pastoralen Dienstes; Noah, Glory und Joel, meine unglaublichen Kinder – ihr habt es euch gefallen lassen, wenn ich auf gemeinsamen Wanderungen, zwischen Schwertkämpfen und Gutenachtküsschen immer wieder am

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Laptop gearbeitet habe, und ihr macht mir so unglaublich viel Freude; und schließlich meinem König – du bist der großartige, der prächtige allmächtige Herr und Gott, mein einziger Erlöser, der mir jeden Tag aufs Neue Leben einhaucht. Du bist all meiner Liebe und Treue würdig in diesem und im kommenden Leben.

Einleitung

W

eil ich ein dermaßen dickköpfiger Jünger Jesu bin, habe ich erst acht Jahre lang mit diesem vertrackten Manuskript gerungen, bevor mir klar wurde, weshalb ich das, was ich zu sagen hatte, offenbar nicht zu Papier bringen konnte. Es ist ein Buch über das Reich Gottes, und wenn Jesus über das Reich Gottes lehrte, dann hat er dabei die traditionellen Gliederungen und Aufrisse vermieden. Er hat keine lange, aufgeblähten Abhandlungen ausgearbeitet oder eine Drei-Punkte-Predigt rausgehauen. Wenn er über das Reich Gottes lehrte, dann waren seine Methoden dabei herrlich einfach. Entweder demonstrierte er seine Macht – und praktizierte das, was die Leute sehen sollten – oder er regte ihre Phantasie durch provozierende Geschichten an, die unter die Haut gingen und die Zuhörer zwangen, die Wahrheit Bissen für Bissen durchzukauen. Er verwendete Gleichnisse. Und das war letztlich auch der Grund, weshalb die Idee, die ich gern vermitteln und in einem Buch niederschreiben wollte, ebenfalls nur als Geschichte funktionieren konnte. Gott wollte, dass ich ein Gleichnis schreibe, das vollgepackt ist mit schönen, einprägsamen Bildern.

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Kurz nachdem ich mir selbst in den Hintern gebissen hatte – und zwar mehrfach –, warf ich acht Jahre Arbeit in den Papierkorb und fing noch einmal von vorn an. Die Geschichte schrieb sich dann quasi innerhalb von ungefähr zwei Wochen wie von selbst. Ehrlich gesagt, bin ich selbst gespannt, wohin das alles führt, und deshalb habe ich auch keine symbolhafte »Jedermann«-Figur erfunden, mit der Sie sich identifizieren können. Die Geschichte handelt von mir, von Brad Huebert. Der Protagonist der Geschichte bin ich also selbst. Ja, viele der Offenbarungen, die die Hauptfigur in meiner Geschichte erlebt, stehen für Momente grundlegender Kämpfe und Triumphe, die sich in meinem Leben tatsächlich ereignet haben. Ich hoffe, dass ich mich beim Schreiben stetig weiter verändere – und dass Sie, während Sie miterleben und zuschauen, wie ich mich verändere, sich ebenfalls verändern. Wenn ich Ihnen noch einen Rat mit auf den Leseweg geben darf: Lesen Sie das Ganze mehr als nur ein Mal, weil es viel durchzukauen und zu verdauen gibt. Ich glaube, diese Geschichte eignet sich auch gut für Kleingruppen. Dort kann man dann im Gespräch in die Praxis übersetzen, was das Gelesene für den ganz normalen Alltag bedeutet. Und ja, dieses Buch soll tatsächlich Ihren Lebensstil verändern. Ich glaube, dass genau das auch geschehen wird, wenn Sie es zulassen. Und noch ein Letztes: Weil ich derjenige bin, der diese Geschichte schreibt, nehme ich mir die »künstlerische« Freiheit, mich an einem eher unwesentlichen Punkt so richtig auszutoben, nämlich in Bezug auf meinen Namen und meine Familiensituation, um die Geschichte passend zu machen. Ich finde zwar, dass Brad ein ganz anständiger Name ist, aber ganz unter uns: Ich habe mir an dieser Stelle eigentlich immer etwas mehr Pathos gewünscht. Von jetzt an bin ich deshalb ... Ivan. Das klingt doch schon ganz anders, oder? Irgendwie mittelalterlich. Es heißt, dass Menschen, die ihr Leben durch eine epische Linse betrachten, es als erfüllter und befriedigender empfinden. Dem stimme ich

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voll und ganz zu, und deshalb werde ich Sie auch genau dorthin mitnehmen. Das Beste daran, die Wahrheit in Form einer Geschichte zu erzählen, besteht darin, dass ich Ihnen tatsächlich zeigen kann, was Jesus meiner Meinung nach bedeutet, was er schenkt und tut, ohne dabei seitenweise theoretische Erklärungen niederschreiben zu müssen. Ich kann Sie einfach bei der Hand nehmen und den Schleier der Welt lüften, wie sie aussehen könnte, wenn Sie die feuchtkalte Schwelle des Fleischlichen überschreiten und mit den Augen des Glaubens schauen könnten. Und vielleicht, ganz vielleicht, werden Ihnen ja wirklich die Augen geöffnet, während wir das gemeinsam tun, und für uns beide wird nichts je wieder so sein, wie es einmal war. Wäre das nicht phantastisch?

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K APITEL DREI

Nachjagen

N

achdem der Besuch wieder gegangen war, las Ivan noch ein paar von den Regeln durch, schlug dann das Buch zu und versuchte seine Schuldgefühle wegzuschieben. Er hatte das Gefühl, schon zum Scheitern verurteilt zu sein, sobald er das Haus verlassen hatte. Aber im nächsten Moment wurde ihm klar, dass der König ja auch dann von ihm enttäuscht sein würde, wenn er zu Hause blieb. Er entschied sich am Ende dafür, doch lieber in den eigenen vier Wänden zu versagen, weil er noch nicht bereit war, eine dieser Masken aufzusetzen. Und der Gedanke, in aller Öffentlichkeit zu versagen, fühlte sich noch schlimmer an. Fast wäre er auch nicht in den Tempel gegangen, sondern zu Hause geblieben, so beschämt war er – aber er musste das Richtige tun, und die Frau hatte ja erwähnt, dass jeder gute Bürger von Basileia in den Tempel ging. Außerdem war der Besuch im Tempel etwas Öffentliches, das jeder sehen konnte. All die formalen Erklärungen und Begründungen begannen bei ihm Wirkung zu zeigen. Als Ivan gegen sieben seine Wohnung verließ in der Hoffnung, früh genug im Tempel zu sein, um noch einen guten Platz zu ergattern, war seine Stimmung schon ein bisschen besser. Anscheinend befand sich das riesige Tempelgebäude auf der anderen Seite des Berges und damit praktischerweise außerhalb

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der Sichtweite der Brücke, der Schlucht und besonders auch außerhalb der Sichtweise der düsteren Stadt Kakos. Die Bewohner der Alten Stadt hatten damit wirklich einen großartigen Platz für den Tempel ausgewählt – es brachte ja auch nichts, den ganzen Abend an all die sterbenden Menschen dort drüben in Kakos zu denken. Der Fußweg zum Tempel war dadurch zwar ein wenig länger, aber er brauchte sowieso unbedingt frische Luft, weil er sich den ganzen Tag im Haus aufgehalten hatte. Als Ivan langsam die Serpentinen den Berg hinauf ging, stellte er fest, dass unterwegs immer mehr Menschen zu ihm stießen. Auch die Dächer der Häuser auf der Ebene darunter, der sogenannten »Neuen« Stadt, bemerkte er und machte sich Gedanken darüber, wie das Leben der Menschen dort unten wohl sein mochte. Wahrscheinlich ziemlich ähnlich wie sein Leben hier. Er würde seine neue Freundin danach fragen müssen. Er erreichte den Tempel genau zu dem Zeitpunkt, als die Sonne unterging und den Tag ziehen ließ, sodass er froh war, dass das Tempelinnere beleuchtet war. Das Gebäude war ein gigantischer Monolith, offensichtlich errichtet, um Ehrfurcht zu erzeugen. An der Tür wurde Ivan von freundlichen Stadtbewohnern begrüßt, die ihm herzlich die Hand schüttelten, als er eintrat. Er fühlte sich fast wie zu Hause – genau bis zu dem Moment, als er an die unbedachte Enthüllung seiner Marktfrau-Freundin dachte. Sie waren alle verkleidet und maskiert und das hieß ja, dass es für ihn wahrscheinlich auch besser war, eine Rolle zu spielen, als ganz er selbst zu sein. Mit ziemlich viel Mühe gelang ihm ein strahlendes Lächeln, das er auch einigermaßen beibehalten konnte. Sein Gesicht wurde zwar mit jedem Schritt ein bisschen starrer, dafür nahmen seine Erfolgsaussichten um einiges zu. Ivan hatte noch nie einen so riesigen Versammlungssaal gesehen, aber worauf er sich wirklich freute, war, den König persönlich zu sehen. Ein großes Steinpodium stand vorn in dem höhlenartigen Raum bereit, wo allem Anschein nach der König stehen würde, um zu ihnen zu sprechen. Obwohl Ivan schon sehr zeitig da war, gab es nur noch in einigen Reihen weiter hinten

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freie Plätze. Das war zwar nicht optimal, aber er konnte von dort aus einigermaßen sehen. Als er von seinem Platz aus nach oben schaute, kam er aus dem Staunen gar nicht heraus, denn der Saal hatte mehrere Ebenen, die alle mit Sitzplätzen versehen waren. Er konnte über sich noch mindestens zwei weitere Etagen erkennen. »Wahrscheinlich ist es am besten, wenn ich so weit oben wie möglich sitze«, dachte er und verließ seinen Platz, um sich einen besseren weiter oben zu suchen. Als er jedoch zehn Minuten lang gesucht hatte, wurde ihm klar, dass es von seiner Ebene keine Treppe zu den höheren Etagen gab. Enttäuscht hastete Ivan in den Versammlungssaal zurück, um nicht den Anfang zu verpassen. Aber da war nur noch ein Platz in einer der allerletzten Reihen für ihn übrig, und er ärgerte sich über sich selbst, dass er seinen ursprünglichen Platz einfach so aufgegeben hatte. Je weiter es auf acht Uhr zuging, desto mehr versiegte das Stimmengemurmel im Tempel, und als ein Mann in einem schwarzen Gewand nach vorne zum Podium schritt, herrschte andächtiges Schweigen. War das der König? Ziel seiner Herzenssehnsucht? Ivan hoffte, dass dem nicht so war. »Danke, dass ihr alle gekommen seid. Lasst uns beten.« Ivan senkte nicht den Kopf wie die anderen, denn der Mann dort vorne war offenbar nicht der König und er wollte auf keinen Fall den Moment verpassen, wenn der echte König das Podium betrat. Doch der König kam nicht. Der Mann betete und betete und betete, lautstark – und immer noch kein König. Gegen Ende des Gebetes sagte der Mann: »Oh gnädiger König, wir bitten dich in deinem Namen, dass du uns heute mit deiner Gegenwart beschenkst. Komm, oh König, wohne unter uns. Komm. Wir haben alles an der Tür zurückgelassen – alles, was wir getan haben, alles, was wir im Kopf haben, alles, was uns wichtig ist – und wir treten vor dich mit leeren Herzen und Händen und warten darauf, dass dein Atem uns erfüllt.« Ivan schaute sich um. Immer noch kein König, aber viele der Leute hatten inzwischen die Hände erhoben, steckten die

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Arme aus, sodass es aussah wie die kahlen Äste von Bäumen im Winter. Auf Ivan machte es den Eindruck, als ob sie um etwas flehten. Komm, oh König, hatte der Mann gebetet. Bedeutete das etwa, dass der König woanders war, dass er vielleicht gar nicht kommen wollte und erst gebeten werden musste? Was, wenn sie ihn nicht richtig gebeten hatten oder nicht intensiv genug? Was, wenn der König zu beschäftigt war oder gar außer Landes? Ivan sank der Mut, und das blieb auch so, während mehrere Lieder gesungen wurden, die er nicht kannte, voller Worte, die er später im Glossar seines neuen Buches würde nachschlagen müssen. Die Melodien waren wunderschön, aber sie klangen irgendwie hohl, weil sie von Freude und Frieden handelten und von allen möglichen Dingen, die er in dem Augenblick so ganz und gar nicht empfand. »Singt, singt dem König von ganzem Herzen«, rief der Vorsänger. »Je inniger wir singen, desto stärker werden wir seine Gegenwart spüren. Komm, oh König und wohne in unserem Lobpreis.« Ivan fragte sich, wie viele Leute wohl wirklich den König spürten, denn durch ihre Masken hindurch war es nicht richtig zu erkennen. Wenn es aber dazu gehörte, begeistert mitzusingen, egal, wie man sich dabei fühlte und was man empfand, um ein guter Bewohner der Alten Stadt zu sein, dann sei’s drum. Und Ivan sang mit. Kurz darauf ging der Mann in Schwarz wieder auf das Podium und fing an zu sprechen. Er schlug ein beeindruckendes Exemplar des Buches der Pflichten auf – das sehr viel größer war als die Ausgabe, die Ivan bekommen hatte – und fing an vorzulesen. Er las eine inspirierende Geschichte über einen König vor, die Ivan veranlasste, intensiver zuzuhören. Als die Geschichte zu Ende war, blickte der Mann wieder auf. »Jeder muss für sich selbst den König suchen«, sagte die Menge gemeinsam, aber Ivan verpasste den Einsatz und sprach als einziger noch, als die anderen schon fertig waren und es schon wieder still geworden war. Er lief rot an, weil es ihm pein-

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lich war, aber in dem Augenblick betete der heilige Mann auch schon wieder. »Wir danken dir, oh König, dass du heute hier bei uns bist. Hilf uns, treue Bürger deiner Stadt zu sein. Geh jetzt bitte mit uns. In deinem Namen. Amen.« Amen? Aber der König war doch noch gar nicht da gewesen. Ivan war irritiert. War der Tempel etwa auch so eine Art Maske? »Suchet, suchet, suchet ...«, sagte die Menge wieder gemeinsam. Und damit erhoben sich alle von ihren Plätzen und gingen auseinander in die Nacht. Ivan schüttelte den Kopf, stellte aber fest, dass auch er den König suchen wollte. Das hatte etwas, beschloss er. Vielleicht würde es ihm auch dabei helfen, sich an die Regeln zu halten. Dadurch konnte er sich wiederum mehr Fleißpunkte verdienen, die er ja wahrscheinlich brauchen würde, damit der König ihn zurück nach Hause ließ.

Am nächsten Morgen wurde Ivan wieder von dem Hahn geweckt und war dieses Mal ein bisschen weniger erschrocken als am ersten Morgen, aber erheblich verärgerter über das grässliche Federvieh. Erneut stellte Ivan fest, dass er schon ausgeschlafen hatte – anscheinend krähten die Hähne in Basileia später als anderswo. Also hatte der Vogel Schuld, dass er nicht früher aufgestanden war. Einen Augenblick später verwünschte er sich selbst dafür, dass er seinen frühmorgendlichen Termin mit dem Buch der Pflichten versäumt hatte. Kein guter Start in den Tag also. Er griff nach einem Apfel und hielt ihn zwischen den Zähnen fest, während er gleichzeitig versuchte, sich den Gürtel um sein Obergewand zu binden, und sich sagte, er würde dann eben später im Buch der Pflichten lesen. Seine Schuldgefühle beiseite schiebend, beschloss er, heute seine neue Maske zu tragen – allerdings höchstens für ein, zwei Tage, so lange er sich noch in Basileia einleben musste. Es war ja nur vorübergehend. Bist du in Rom, mach’s auf der Römer Weise. Das Wichtigste war im Augenblick, die Marktfrau,

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wiederzufinden und sie zu fragen, was es mit der Suche nach dem König auf sich hatte. Als er auf seiner Suche am Park vorbeischlenderte und dann die Straße hinunter zu dem belebten Marktplatz, bemerkte Ivan, dass eine diffuse Bewölkung die ganze Stadt in Grau hüllte. Statt der strahlenden Farben, die ihm am ersten Tag aufgefallen waren, sah er jetzt nur fahle, bleiche Farbtöne. Er kam dann aber zu dem Schluss, dass er die Stadt am Anfang wahrscheinlich einfach mit naivem Optimismus betrachtet hatte. »Guten Morgen.« Er strahlte die Marktfrau an, als sie aufblickte. »Ah, guten Morgen.« Sie zwinkerte ihm zu. »Wie ich sehe, hast du eine passende Maske für dich gefunden. Sie steht dir.« »Danke, vielen Dank.« Ivan machte eine gespielte Verbeugung. »Ich habe aber nicht vor, sie länger zu tragen. Eigentlich bin ich nur gekommen, weil ich dich fragen wollte, was es mit dem Suchen des Königs auf sich hat. Ich glaube, genau das ist es nämlich, was ich vermisse, seit ich hier angekommen bin.« »Ja, das kann schon sein, aber ich bin bestimmt nicht die Richtige, um dir darüber Auskunft zu geben. Geh lieber zum alten Simeon ein Stück weiter die Straße hinunter. Er wohnt in dem Haus mit dem steilen Dach, und er sucht den König schon länger als alle anderen hier. Wenn du wirklich richtig mit dem Suchen und Nachjagen anfangen willst, dann ist er dein Mann.« »Also gut, dann werde ich zu ihm gehen.« »Nomothesia«, sagte sie. »Wie bitte?« »Das ist mein Name. Ich heiße Nomothesia.« Ivan lächelte. »Dann vielen Dank, Nomothesia.« Den Namen würde er hinten in seinem Buch nachschlagen müssen. »Die Äpfel, die ich dir gebracht habe, die haben dir geschmeckt, nicht wahr?«, fragte sie in neckendem Tonfall. Ivan tippte sich an den Kopf. »Ja, das haben sie. Woher weißt du das?«

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»Ich merke es an deinem Wissensdurst, denn den bewirken die Äpfel, und das ist ja auch gut so. Je mehr wir nämlich wissen, desto stärker erleben wir den Segen des Königs.« Das schien zu stimmen, denn die Äpfel stärkten ihn und gaben ihm Wissensdurst, wenn er mutlos wurde. »Also dann nochmals vielen Dank. Bring mir gerne weiter die Äpfel.« »Das mach’ ich, das mach’ ich.« Ivan ließ den Markt hinter sich und bummelte durch den Vorort, den er an seinem ersten Tag in Basileia schon gesehen hatte. Und tatsächlich, eines der Häuser dort unterschied sich von den anderen durch sein besonders steiles Dach. Es hatte ein wenig Ähnlichkeit mit einer himmelwärts gerichteten Rakete. Das Haus eines echten Suchers und vielleicht auch seine Rückfahrkarte nach Hause. Er wollte gerade an die Haustür klopfen, als er einen Zettel entdeckte, der an das Holz gepinnt war. »Bin unterwegs, um im Park den König zu sichten. Könnte länger dauern.« Unterzeichnet war es mit »Simeon«. Den König sichten? Im Park? Ivan rannte das Kopfsteinpflaster zurück, so schnell ihn seine Füße trugen, und kam dabei an einigen Stadtbewohnern vorbei, die in dieselbe Richtung hasteten. Vielleicht war ihnen das Gerücht ja ebenfalls zu Ohren gekommen. Er raste zurück über den Markt und bahnte sich den Weg zu einer kleinen Lichtung im Park. Dort kniete ein Mann mit in den Himmel gestreckten Armen. Das war offenbar der alte Simeon. Aber vom König keine Spur. Ein Fortschritt war es allemal. Ivan war aufgeregt, dass er Simeon gefunden hatte, und stürzte deshalb atemlos und ungeduldig direkt zu ihm, fing an, zu reden wie ein Wasserfall. »Ich bin Ivan ... Nomothesia hat mich geschickt ... ich möchte den König finden!« »Ach je, da hast du ihn gerade verpasst.« Simeon sprach in heiterem Tonfall, obwohl Ivan auch ein ganz klein wenig Traurigkeit in der Stimme des Mannes wahrnahm. »Du hast ihn also gesehen?«

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»Na ja, nicht direkt gesehen.« Simeon senkte die Arme und wandte sich Ivan zu. »Aber er ist hier gewesen. Sieh mal, hier in der Erde sind seine Fußspuren!« Ivan untersuchte den Boden zu Simeons Füßen, der an einigen Stellen ein ganz klein wenig, aber kaum erkennbar, eingedrückt war. Ivan hätte die Spuren niemals bemerkt, wenn Simeon sie nicht markiert hätte. »Ich möchte gern, dass du mir beibringst, den König zu suchen. Ich möchte sehen, was du siehst.« »Aaah, die Sache mit dem Nachjagen«, Simeon rieb sich vergnügt die Hände. »Komm mit, dann werde ich es dir zeigen.« Der alte Mann streckte Ivan seine Hand hin und der zog Simeon auf die Füße. »Der König liebt uns, und wir müssen ihn ebenfalls lieben«, sagte der alte weise Mann, während sie nebeneinander her schlenderten. »Wir können ihn zwar nicht sehen, aber wir müssen ihn trotzdem suchen. Vielleicht ist er jetzt hier direkt bei uns – für unsere Augen unsichtbar.« »Ich glaube, ich verstehe. Der Mann in dem schwarzen Gewand im Tempel hat ja auch darum gebetet, dass der König in den Gottesdienst kommen möge.« »Ja, das ist ein übliches Gebet. Der König regiert so hoch über uns, dass wir ihn immer wieder einladen müssen, zu uns herab zu kommen in unseren ganz normalen Alltag.« »Und was ist, wenn wir vergessen, ihn darum zu bitten? Was ist, wenn wir ihn nicht so suchen, wie wir es eigentlich sollten?« »Ich fürchte, dann bleiben wir allein und ganz auf uns selbst gestellt.« Ivan nickte und blieb dann stehen. »Aber wenn man ihn nicht sehen kann, woher weiß man dann, wenn er da ist?« »Er hinterlässt Fußspuren und Fingerabdrücke, auf die wir zufällig stoßen können. Manchmal erkennen wir sein Flüstern in einem Windhauch oder erhaschen einen Hauch seines heiligen Duftes mit dem Wind. Und manchmal – darauf darfst du dir

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allerdings nicht allzu viel Hoffnung machen – hinterlässt er uns auch eine Nachricht auf dem Küchentisch.« Ivan blieb förmlich die Luft weg. »Er hat mir dort eine Nachricht hinterlassen an dem Tag, als ich angekommen bin.« »Siehst du? Der Trick besteht darin, für diese Augenblicke zu leben, sich nach den Tagen zu sehnen, an denen er uns erscheint, darauf zu warten, dass er von dort oben zu uns herunter kommt und unser Leben berührt. Die vornehmsten und angesehensten Bewohner von Basileia sind diejenigen, die ihn am leidenschaftlichsten suchen. Und Leidenschaft belohnt er, das ist bewiesen.« »Genau solche Leidenschaft empfinde ich im Augenblick«, sagte Ivan atemlos. »Das sehe ich in deinem Gesicht. Dieser Leidenschaft musst du alles andere unterordnen. Du musst den König von ganzem Herzen suchen. Wenn du ihn von ganzem Herzen suchst, dann wirst du ihn finden. Dann und nur dann.« »Hast du ihn denn gefunden?« Diese Frage brachte den alten Simeon sichtlich aus dem Konzept. »Also ... na ja ... nein. Aber ich komme jeden Tag ein wenig näher heran. Das ist das Geheimnis, weißt du? Wenn wir anfangen zu suchen, sind wir alle weit weg vom König. Wenn wir uns treu an die Regeln halten, ihn suchen und ihm nachjagen, wenn wir zu ihm beten und im Buch der Pflichten lesen – dann bringt das alles uns ihm näher. Wenn wir die Regeln nicht einhalten und den König nicht suchen, entfernen wir uns immer weiter von ihm. Er wartet darauf, dass treue Bewohner der Stadt ihm immer näher kommen und bereit sind, den Preis für echte Nähe und Vertrautheit mit ihm zu bezahlen.« »Ich möchte ... ich muss den Preis bezahlen.« Ivan spürte ein Feuer in seinem Innern brennen. »Ich weiß, dass du das wirst.« Simeon tätschelte ihm die Schulter. »Aber ich muss jetzt weiter. Manchmal wird der König am Südbrunnen gesichtet, deshalb habe ich es mir zur Gewohn-

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heit gemacht, mich nachmittags immer dort aufzuhalten, nur für den Fall, dass er dort vorbei kommt.« »Vielleicht komme ich später nach, aber ich muss jetzt erst nach Hause und in meinem Buch der Pflichten lesen.« »Eine kluge Entscheidung. Sorge dafür, dass du die Verse auswendig kannst, denn das gefällt dem König besonders gut. Wenn er nicht mit dir zufrieden ist, dann wirst du ihn auch nicht finden.« Und damit überließ Ivan Simeon seiner Suche und dem Nachjagen und ging zurück zu seinem vorübergehenden Zuhause. Sein Magen knurrte vor Hunger nach einem weiteren von Nomothesias Äpfeln.

Von Simeon ganz neu motiviert, verbrachte Ivan den Rest der Woche voll und ganz mit dem Nachjagen. Jeden wachen Moment dachte er an den König – bat ihn, zu kommen, suchte nach Hinweisen, sprach seinen Namen aus und eilte zu den Orten, an denen der König in letzter Zeit gesichtet worden sein sollte. Jeden Morgen vertiefte er sich eine halbe Stunde lang in das Buch der Pflichten und lernte die Teile auswendig, die ihm wichtig schienen, als Beweis für seine beispiellose Hingabe. Im Laufe dieses Prozesses entdeckte er mehrere dominierende Wahrheiten, bei denen er sich ganz sicher war, dass sie ihm helfen würden, zufällig auf den König zu stoßen. Dennoch fühlte er sich am Ende des Tages jedes Mal so, als wäre er genau die eine entscheidende Erkenntnis von der Entdeckung des Grundprinzips entfernt, die das Rätsel lösen und seine Herzenssehnsucht stillen würde. Leider schien jeder Schuss in diese Richtung daneben zu gehen, und er war der Erfüllung seines Wunsches, wieder nach Hause zu dürfen, kein Stück näher als am ersten Tag. Jeden Tag gab Ivan vom Morgengrauen, bis es am Abend Zeit war, ins Bett zu gehen, sein Bestes, um all die Regeln und Anweisungen zu befolgen. Er verbrachte Stunden damit, die Verheißungen des Königs auswendig zu lernen und sie auf kleine

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Pergamentstücke zu schreiben. Er wedelte damit beim Beten in der Luft herum, erinnerte den König immer wieder an seine Verheißungen und nahm die Segnungen und Versprechen für sich in Anspruch. Es war eine schwere und langweilige Plackerei, aber er war ganz sicher, dass er dadurch ein besserer Stadtbewohner wurde und sicher besser als viele der Menschen, die um ihn her lebten. Und das musste doch auch zählen. Hin und wieder nahm Ivan einen Hauch des Duftes des Königs in der Nachtluft wahr oder fand einen Teilfußabdruck, der die weiche Erde zierte. Ein paar Mal fand er sogar eine kurze Nachricht vom König auf seinem Küchentisch. Ivan sehnte sich danach, wieder nach Hause zu dürfen, aber die Chance, dem König zu begegnen, kam ihm ebenfalls höchst verlockend vor. Es dauerte nicht lange, da begann Ivan nur noch für die flüchtigen Augenblicke zu leben, in denen der König ganz nah zu sein schien. Es war, als sagte der König: »Hör nicht auf zu suchen, mach weiter, es wird schon ein bisschen wärmer.« Natürlich benutzte der König nicht diese Worte, aber wie konnte er die Botschaft missverstehen? Es war allerdings leider so, dass der König ihm die meiste Zeit weder näher vorkam, noch es sich wärmer anfühlte. Ja, meistens fühlte es sich sogar an, als befände er sich auf einer Art kosmischem Botengang, unendlich viele Universen entfernt, und Ivan fühlte sich kalt, leer und fremd. Die sporadischen Zettelchen und Hinweise stärkten ihn zwar meist vorübergehend, aber nach einer Weile fühlte es sich an, als würde ihn der König necken oder spielte Fangen oder Verstecken mit ihm. Gegen Ende der Woche fühlte er sich wie bei einem gigantischen Katz-und-Maus-Spiel, als würde ihm der König immer neue Hinweise so hinhalten, dass sie sich gerade eben außerhalb seiner Reichweite befanden und Ivan sie sich nicht schnappen konnte. Versteckspielen war als Spiel etwas wirklich Schönes, aber als Lebensinhalt einfach nur furchtbar. Und es kam sogar noch schlimmer. Es sprach sich nämlich herum, dass in dieser Woche ein paar Leute aus seiner unmittelbaren Nachbarschaft Zeit mit dem König verbracht hätten, und

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zwar von Angesicht zu Angesicht. Eine Familie hatte ihn sogar bei sich zu Gast gehabt und ein spätes Abendessen mit ihm eingenommen, und danach wären dann alle verschwunden. Was taten denn die für den König, was er nicht tat? Am Ende fiel ihm kein einziger Punkt ein, was er hätte anders machen können, außer noch mehr in dem Buch der Pflichten zu lesen und intensiver und länger zu beten. Und genau das tat er deshalb auch. Aber so groß seine Fortschritte in der korrekten Auferbauung und der richtigen Stillen Zeit auch waren, der König war nirgends zu finden. Schon bald kochte Ivans Frust hoch zu einer schäumenden Wut – alles natürlich diskret verborgen hinter seiner lächelnden Maske. Die Maske war inzwischen zu einer alltäglichen Notwendigkeit geworden. Ohne das Gummiding fühlte er sich entblößt und nackt, und deshalb nahm er sie auch nur noch in der Abgeschiedenheit seiner eigenen Wohnung ab. Er sehnte sich danach, mit Monica zu reden, und fragte sich, ob er wohl jemals seine kleine Sarah wiedersehen würde. Er sehnte sich nach seinem Zuhause und nach seinem normalen, vertrauten Leben. Wie sollte er denn jemandem nachfolgen, den er weder sehen noch hören, noch berühren oder auch nur finden konnte? Wenn der König sich nie zeigte, dann war das doch nichts anderes, als ständig von ihm versetzt zu werden. Und wie sollte er eine Beziehung zu jemandem aufbauen, der nur in der Nähe war, wenn er es nicht merkte? Alle Hoffnungen, sich mit dem König anzufreunden oder wieder nach Hause zurückzukehren, die Ivan sich gemacht hatte, waren inzwischen so erbärmlich hauchdünn geworden, dass sie sich jeden Moment in Luft auflösen konnten. Warum versteckte sich der König so? Warum enthielt er ihm den Schlüssel zu seinem Herzen vor, wenn er doch eine Beziehung zu seinen Untertanen wollte? Gerüchten zufolge lebte der König auf dem Gipfel des Berges. Das musste so sein. Mit wachsender Verzweiflung verkaufte Ivan sein Haus und fand ein neues, weiter oben, in der dritten Ebene – einen Schritt näher am Gipfel – in den Wolken verbor-

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gen. Er hoffte, dass dieser furchtlose Schritt näher zum König seine unvergleichliche Hingabe noch besser unter Beweis stellte. Höher und schwerer, das war sein Motto. Aber am Ende seines zweiten Tages an dem neuen Ort verflüchtigten sich die Aufregung und Spannung des Neuen bereits wieder und sein neuer Wohnort schien gar keine Rolle zu spielen. Immer noch kein König. Das war ungerecht. Er zahlte mehr als den Preis für Nähe, aber der König schien seine Hingabe noch nicht einmal zu bemerken. Doch gerecht oder nicht, Ivan konnte den durchdringenden Schmerz inzwischen nicht mehr ignorieren, der ihm seine Hoffnung raubte. Oft träumte er davon, näher beim König zu sein, und sehnte sich nach einer engeren Verbindung von Seele zu Seele. Sein Herz fühlte sich mittlerweile an wie eine vertrocknende Wüstenpflanze, und in schwachen Momenten dachte er daran, das Nachjagen ganz und gar sein zu lassen. Er war eben ein Versager bei der Suche nach dem König und beim Befolgen der Regeln, ein erbärmlicher Stadtbewohner. Wie sollte er denn jemals wieder nach Hause kommen, wenn er bei seinen Bemühungen einfach nicht gut genug war? Als er daran dachte, dass Monica und Sarah sich wahrscheinlich fragten, wo er wohl sein mochte, brannten ihm Tränen in den Augen. So mutlos er auch war, er würde und er konnte auch gar nicht aufgeben. Er nahm an, dass ihm immer noch irgendetwas Wichtiges fehlte. Aber was?

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