André Trocmé
NEUFELD VERLAG
Hörbuch gelesen von Philipp Schepmann
Von Engeln und Eseln Geschichten zu Weihnachten
Zu diesem Hörbuch: Geschichten vom »richtigen« Weihnachtsfest
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Der Autor André Trocmé (1901–1971)
on Januar bis November gilt: Neu ist immer besser. Das neue Jahr verspricht neue, gute Erfahrungen. Das neue Auto fährt besser als das alte. Der neue Computer ist schneller als der alte. Und am neuen Urlaubsort kann man ganz neue Dinge unternehmen. Nur im Dezember, wenn es auf Weihnachten zugeht, wollen wir nichts Neues hören, einführen oder ausprobieren. Wir singen die alten Lieder, hören die alten Geschichten, pflegen die alten Bräuche, und das beste Weihnachtsgebäck ist ohne Zweifel das nach einem ganz alten Rezept hergestellte. Warum ist das so? Warum sind wir das ganze Jahr fortschrittsfreudig, und doch verwandeln sich die meisten von uns an Weihnachten in unverbesserliche Romantiker und Nostalgiker? Weihnachten ist ein Gefühl, ein Duft, eine Stimmung. Wer das nicht glaubt, der verbringe das Weihnachtsfest einmal in der afrikanischen Steppe oder am australischen Strand: Er wird es »kein bisschen weihnachtlich« finden, selbst wenn er einen Gottesdienst besucht und Geschenke macht und bekommt. Auch den, der überzeugt ist, dass 3
die Geburt Christi für ihn das Zentrum des Festes ist, und der weiß, dass der Stall von Bethlehem sicher nicht verschneit und lauschig war, stören Hitze und Strandpartys. Was also ist das »richtige« Weihnachten? Diese Geschichten möchte auf ihre Art eine Antwort auf diese Frage geben. André Trocmé, der sie erzählt und später aufgeschrieben hat, stellte sich diese Frage nämlich jedes Jahr neu: Wie sollen wir hier Weihnachten feiern? Sein Hier war ganz anders als das unsere, aber seine Antworten sind heute noch gültig. André Pascal Trocmé (1901–1971) wurde im Nordosten Frankreichs geboren. Sein Vater Paul, ein Industrieller, war ein streng reformierter Christ. Andrés Mutter Paula war Deutsche, aber Spross einer hugenottischen Familie. Als der Junge zehn Jahre alt war, starb sie vor den Augen ihres Sohnes bei einem Autounfall. Als André sechzehn war, zogen deutsche Truppen in seine Heimat ein und zerstörten die Fabrik des Vaters. Dieses Erlebnis und das Wissen, dass auch seine Cousins deutsche Soldaten waren, ließen den Jugendlichen zu einem überzeugten Pazifisten werden. André Trocmé studierte Theologie in Paris und New York. Dort erhielt er eine Stelle als Französischlehrer bei John D. Rockefeller (1839–1937), einem der reichsten Männer der Welt. In New York lernte er auch die Studentin Magda Grilli (1901–1996) kennen, die ein Jahr später seine Frau wurde. Sie war als Tochter eines italienischen Obersts in Norditalien aufgewachsen, entstammte jedoch mütterlicherseits 4
einem russischen Adelsgeschlecht – die streng reformierte Welt ihres Mannes lernte sie erst kennen, als die beiden nach Frankreich zogen. Dass ihre Ehe vermutlich keine »ganz normale Ehe« werden würde, hatte sie schon in New York geahnt. »Ich werde ein protestantischer Pfarrer sein, und ich möchte ein Leben in Armut führen. Ich bin Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen, und das kann Gefängnis und viele andere Schwierigkeiten mit sich bringen«, hatte André ihr klipp und klar gesagt. Nach einer ersten Pfarrstelle in einer Industriestadt nahe der belgischen Grenze – hier wurden die vier Kinder der Trocmés geboren – wurde André 1934 Pastor der reformierten Gemeinde in Le Chambon-sur-Lignon, einem Dorf und kleinen Kurort in der südlichen Auvergne. Und hier, in den zwölf Ortschaften der Hochebene, wurde aus einer entlegenen Gegend des Zentralmassivs nicht allein, aber vor allem durch das Wirken von Magda und André Trocmé eine Oase der Menschlichkeit. Wer immer in dem von den Nazis besetzten nördlichen Teil Frankreichs oder in dem von Pétain regierten Süden auf der Flucht war, konnte auf Hilfe zählen: Die etwa 9 000 Einwohner versteckten die Verfolgten in ihren eigenen Häusern, manchmal jahrelang, verhalfen im Lauf der Zeit fast 5 000 Menschen zu Papieren oder schleusten sie über die Schweizer Grenze in Sicherheit. Die Trocmés als Zentrum des Widerstandsdorfes kooperierten mit Hilfsorganisationen, um Kinder und Jugendliche aus den Internierungslagern Rives Altes und Gurs bei Perpignan – der letzten Station 5
auf dem Weg nach Auschwitz – herauszuholen. In Le Chambon-surLignon hatte es seit jeher Kinder-Erholungsheime gegeben; jetzt fanden jüdische Kinder und Jugendliche hier Zuflucht vor dem Abtransport in den sicheren Tod. Wer besonders gefährdet war, wurde, wenn eine Razzia drohte, auf Höfen der Umgebung versteckt oder verschwand mit gefälschten Papieren. Und an dieser Stelle kommt Weihnachten ins Spiel: Sowohl Magda als auch André waren sprachbegabt und liebten das Erzählen und Schreiben. Gerade an Weihnachten ließ André es sich deshalb nicht nehmen, über die biblische Weihnachtsgeschichte hinaus eine eigene Geschichte zu erzählen, meist zunächst für die in der Kirche versammelten Kinder, dann aber auch für alle im Dorf. Denn die Geschichte von Maria und Josef, zwei Menschen ohne Dach über dem Kopf und mit einem zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt geborenen Kind, rückte dem, was in Le Chambon geschah, immer näher. Wer war bereit, solche Menschen aufzunehmen? Wer sah im Hungernden und Dürstenden nicht nur den Nächsten, sondern vielleicht sogar Christus selbst? Wer erkannte, dass das Christentum im Judentum wurzelt, dass also die Juden »die älteren Brüder und Schwestern« der Christen sind? André Trocmés Geschichten sind »richtige« Weihnachtsgeschichten: Geschichten, die anrühren und durchaus eine »klassische« weihnachtliche Stimmung erzeugen. Aber sie sind bei aller heimeligen Atmosphäre gleichzeitig äußerst ungemütlich, denn sie wurden mit einem klaren Ziel erzählt: Sie sollten den Bewohnern von Le Chambon 6
zeigen, wo die Spuren des »Christkindes« in ihrer Gegenwart zu entdecken waren. Und diese Fähigkeit haben sie sich bis heute und auch für uns erhalten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war Le Chambon-sur-Lignon der erste Ort in Frankreich, der deutsche Studenten zu deutschfranzösischen Begegnungen einlud. Bis 1960 engagierte André Trocmé sich als Sekretär des Internationalen Versöhnungsbundes und war außerdem Mitinitiator des ökumenischen Freiwilligendienstes Eirene. Die Trocmés reisten um die ganze Welt und knüpften überall Kontakte zu Menschen, die wie sie kompromisslos dem Frieden dienen wollten. Auch nach Andrés Tod 1971 ging Magda weiter auf Reisen und begegnete unter anderem Martin Luther King und Indira Gandhi. In den USA erhielt sie die Ehrendoktorwürde – zusammen mit Rosa Parks, der Frau, die am Beginn der Bürgerrechtsbewegung stand, weil sie sich weigerte, ihren Platz im Bus für einen weißen Fahrgast zu räumen. Heute werden sie und André zusammen mit der ganzen Region um Le Chambon-sur-Lignon als »Gerechte unter den Völkern« in Yad Vashem geehrt. Es kann nämlich viel verändern, wenn man Weihnachten »richtig« feiert. Hanna Schott Hanna Schott hat die Geschichten für den Trocmé-Band »Engel singen nicht für Geld« ausgewählt und ins Deutsche übersetzt. Die Journalistin und Autorin lebt in Haan/Rheinland.
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Weihnachten in Le Chambon
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ben, auf der Hochebene in den Bergen unserer französischen Heimat, war Weihnachten für die Kinder unseres Dorfes Le Chambon-sur-Lignon eine magische Zeit. In den 1930er und 1940er Jahren hat der Alltag uns nicht gestört. Bettler kamen an die Haustür, um nach Essen zu fragen. Das Grollen des Krieges verfolgte uns ständig. Wir trugen abgetragene Kleider, häufig ausgebessert und geflickt, und ein gebrauchter Schlitten oder ein klappriges altes Fahrrad waren die größten Geschenke. Aber für uns Kinder war das Leben dennoch voller Wunder. Geprägt vom Rhythmus von Schule und Spiel, glaubten wir, dass jede neue Jahreszeit ein Grund zur Freude war. Der Frühling mit seinen Feldern voll wilder Narzissen (wir nannten sie »barbelottes«), so weit das Auge reichte. Der Sommer, der offenbarte, wer mutig genug war, in der ziemlich kalten Lignon (unserem kleinen Gebirgsfluss) zu schwimmen, und wer schnell genug war, um Eimer für Eimer wilde Heidelbeeren zu pflücken und gleichzeitig jede Menge davon zu vernaschen. Der Herbst mit seinen warmen Farben, die plötzlich von stürmischem Regen aufgerissen wurden. Und schließlich der Winter mit seinem frostigen Wind (la burle), der flach über die Ebene dahinfegte, Schnee in die Ecken unserer Granithäuser und Farmen jagte und in elegant geformten Graten (les congères) auftürmte, die so hoch waren wie unsere Eltern! Gesprenkelt 9
mit dichten Kieferwäldern, verwandelte sich die Landschaft in ein ernstes und geheimnisvolles schwarz-weißes Panorama. »Wie düster!«, rufen Sie nun womöglich überrascht. Aber uns Kindern machte das nichts aus, denn mit dem Beginn des Winters kündigte sich zugleich Weihnachten in all seiner Faszination an. Die alte Hugenotten-Kirche war Teil dieser Landschaft. Errichtet aus handbehauenen Granitblöcken, war sie schlicht und massiv. Die Fassade war einfach, mit einem Fenster auf jeder Seite der weiten Doppeltür. Über der Tür waren die Worte »Liebt einander« (»Aimez-vous les uns les autres«) eingraviert. Und an der Spitze des Giebels befand sich ein offener Kirchturm, der eine schwere Glocke beherbergte. Öffnete man die weiten Doppeltüren, stand man im Mittelgang, der auf beiden Seiten von sehr geraden und harten Holzbänken gesäumt wurde, und von zwei Reihen großer Pfeiler, alle ähnlich und doch etwas unterschiedlich: jede war per Hand vom Schaft einer großen Fichte gehauen worden. Ein leicht erhöhtes Podest befand sich am Ende des Ganges. An der Wand dahinter hing die Kanzel des Predigers, hoch genug, um die Versammlung zu überragen. Auf der Wand zur Linken der Kanzel standen die Worte: »Der Meister ist hier« (»Le Maître est ici«). Und auf der rechten Seite: »Er ruft dich« (»Il t’appelle«). Kein Schnickschnack, kein Mikrofon, keine bunten Glasfenster oder Teppichläufer, keine Orgel. Um zu heizen, gab es zwei große Eisenöfen, die rot glühten, wenn sie anständig mit Holz versorgt wurden. 10
Womöglich fragen Sie sich immer noch: »Wie kann solch ein trostloser Ort weihnachtlich glänzen?«. Tja, fragen Sie die Kinder jener Zeit, die heute längst Großväter und Großmütter sind. Sie werden Ihnen versichern, dass die Kirche zu Weihnachten tatsächlich faszinierend wurde. Ich erinnere mich besonders an ein Weihnachtsfest. Es war sehr kalt und es lag viel Schnee. Die Doppeltür stand weit auf, und die Bänke waren auf die Seite geschoben worden. Da betrat ein Zugpferd die Kirche, ein echtes, das durch seine großen Nüstern kleine Wölkchen seines warmen Atems in die kalte Luft pustete. Das Pferd zog einen riesigen Balsam-Baum, der zwei Stunden zuvor im Wald gefällt worden war. Es lief den ganzen Gang entlang nach vorne, bis der Baumstamm auf dem Podium lag. Die Kirchenältesten hatten eine Steinplatte vom Boden entfernt, um den Baum zu befestigen. Das machten sie Jahr für Jahr so, und sie wussten genau, wie sie den Baum sicher errichteten und schmückten. Am Nachmittag des 25. Dezembers, wenn wir Kinder die Kirchenglocke läuten hörten, rannten wir, so schnell wir konnten, durch die Dorfstraßen, ängstlich, auch nur eine Minute zu verpassen, während unsere Gummischuhe (sabots) auf dem Eis klapperten. Unsere Sonntagsschullehrer wiesen jeden von uns an einen vorgesehenen Platz. Und dann begann die Faszination. Hundert Kerzen bedeckten den Baum, echte Kerzen, die uns mit ihrem flackernden 11
Leuchten willkommen hießen. Durch das ganze Lametta an den Zweigen sahen sie aus wie tausend oder mehr Kerzen. Geleitet von den begeisterten Stimmen von Pastor Theis oder Pastor Trocmé, sangen wir viele Weihnachtslieder, von einem alten, paffenden Harmonium begleitet. Jemand las die Weihnachtsgeschichte, und wir kannten sie so gut, dass wir jedes Wort vorhersagen konnten. Alle Kinder bekamen braune Papiertüten, beschriftet mit den Namen. Jede Tüte enthielt eine Orange und eine Mandarine, ein paar Süßigkeiten, Nüsse, Rosinen und ein kleines Geschenk. Aber das schönste von allem waren die zwei oder drei papillottes darin: Bonbons, die unverwechselbar verpackt waren, jedes mit einem winzigen Knallkörper, der innen am Papier festgeklebt war. Wenn man an den beiden Enden des Klebestreifens zog, explodierte ein Zündplättchen, das im Inneren verborgen war, mit einem lauten »Peng!«. Die waren, natürlich, nicht zum Gebrauch in der Kirche bestimmt, sondern für später ... Schließlich folgte der beste Teil des Weihnachtsgottesdienstes – eine besondere Weihnachtsgeschichte, die Pastor André Trocmé geschrieben hatte. Neben ihm hatte sein Freund Roger Darcissac eine große weiße Leinwand aufgehängt, wo Scherenschnitt-Figuren sich schrittweise bewegten, um die Geschichte zu illustrieren. Pastor Trocmé – mein Vater – erzählte jedes Jahr eine neue Geschichte. Er war groß und schlank, mit leuchtenden blauen Augen, die jeden einzelnen von uns durch seine altmodische runde Brille ansahen. Von der Freude der Kinder und dem Spaß an der Geschichte 12
mitgenommen, ging er vor dem Baum auf und ab, darstellend und gestikulierend. Manchmal war er ernst, dann wieder lachte er über seine eigenen Geschichten, fügte spontan Details hinzu, die ihn selbst überraschten und ohne Ende amüsierten. Die Faszination war allgegenwärtig. Unsere Münder standen weit offen und wir waren hin und weg, aus der Realität in eine andere Welt gerauscht, die nichts mit unserem Dorf zu tun hatte; eine Welt, wo die Dinge immer auf die richtige Art und Weise enden; eine Welt, die man nur ungern wieder verließ, wenn die Geschichte allmählich zum Ende kam. Nelly Trocmé Hewett
Nelly Trocmé Hewett, Tochter von André und Magda Trocmé, ging als Au-pair-Mädchen in die Vereinigten Staaten und blieb schließlich dort, studierte und wurde Französischlehrerin. Heute lebt sie in St. Paul, Minnesota/USA.
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Inhalt
Der Sprecher
Dieses Hörbuch enthält vier gekürzte und bearbeitete Erzählungen aus dem Buch Von Engeln und Eseln von André Trocmé (© Neufeld Verlag, Schwarzenfeld, 5. Auflage 2010. © Originalausgabe 1998 Good Books, Intercourse, Pennsylvania/USA): 1. Nikodemus
[15:34]
2. Gastfreundschaft Philipp Schepmann, Jahrgang 1966, Schauspielstudium an der FolkwangHochschule Essen. Freier Schauspieler, Sprecher, Regisseur und Produzent. Hörspiel- und/oder Hörbuchproduktionen für verschiedene Sender und Verlage.
[15:34]
3. Ein Kissen unter dem Kopf
[15:34]
4. Warum die Esel einen Geist des Widerspruchs haben
[15:34]
Stereo • GEMA Länge: 80 Minuten Aufnahme & Mastering: ps-audio Studio, Bergisch Gladbach Auswahl & Hörbuchbearbeitung: David Neufeld, Schwarzenfeld Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: Anja Güthoff, Augsburg / © ShutterStock® © 2010 Neufeld Verlag Schwarzenfeld ISBN 978-3-86256-003-5, Bestell-Nummer 588 763 www.neufeld-verlag.de
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Bitte beachten Sie auch die Bücher: André Trocmé Von Engeln und Eseln Geschichten nicht nur zu Weihnachten Aus dem Französischen von Heidi Schimpf ISBN 978-3-937896-52-6 Schwarzenfeld, 5. Auflage 2010 André Trocmé Engel singen nicht für Geld und andere Geschichten zu Weihnachten Aus dem Französischen von Hanna Schott ISBN 978-3-86256-002-8 Schwarzenfeld 2010 www.neufeld-verlag.de