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F ranziska D alinger

Vollmilchschokolade und Todesrosen J ugendroman

NEUFELD VERLAG


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NEUFELD VERLAG

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet ßber www.ddb.de abrufbar Lektorat: Dr. Thomas Baumann Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: Š ShutterStockŽ Satz: Neufeld Verlag Herstellung: Bercker Graphischer Betrieb GmbH & Co. KG, Kevelaer Š 2011 Neufeld Verlag Schwarzenfeld ISBN 978-3-86256-007-3, Bestell-Nummer 588 743 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de

Bei einem Ăœberfall sollte man eigentlich keine Schokolade essen. Ich weiĂ&#x; ja. Es sieht irgendwie unpassend aus. Die Situation ist ernst, auch wenn mich ein unbezähmbarer Drang Ăźberkommt, laut zu lachen. Niemandem ist wirklich nach Scherzen zumute, auĂ&#x;er Mandy, aber die ist eben in jeder Lebenslage vĂśllig locker. Ich bin eher ... verkrampft. Und da stehe ich und knabbere an meiner Tafel Vollmilchschokolade mit LavendelblĂźten. Lavendel soll ja angeblich die Nerven beruhigen. ÂťSteck endlich die blĂśde Schokolade weg. Oder willst du ihm was anbieten?ÂŤ, zischt Kim. Ich habe es ja gewusst. Schokoladefuttern bei einem Ăœberfall wirkt nicht halb so cool, wie es einem vorkommt. Aber ich brauche etwas, um meine Nerven zu beruhigen. Dringend. Ich bin Ăœberfälle nicht gewĂśhnt. Steffi stĂśĂ&#x;t mich in die Seite. ÂťJetzt fall nicht in Ohnmacht, klar?ÂŤ Der Junge ist klein fĂźr sein Alter. Er hat strubbeliges blondes Haar, eine runde Harry-Potter-Brille und bleiche Haut mit Sommersprossen. Der Schreck bewirkt, dass seine Augen hinter den Brillengläsern noch grĂśĂ&#x;er werden, und seine Hände zittern so, dass er beinahe mitsamt seinem Fahrrad umfällt. ÂťDu schämst dich, hoffe ichÂŤ, sagt Mandy. Es klingt zufrieden. Trotzdem tritt sie mit dem FuĂ&#x; kräftig gegen die Speichen des Vorderrads. ÂťJa, klar, tu ich, tu ichÂŤ, stammelt der Junge. Auf seiner Stirn glänzen winzige SchweiĂ&#x;trĂśpfchen und sammeln sich Ăźber seinen 5


Augenbrauen, aber er wischt sie nicht fort, denn er ist damit beschäftigt, sich am Lenkrad festzuklammern. »Das solltest du auch.« Mandy tritt ganz nah vor ihn hin, bis ihre Nase fast gegen seine stößt. »Wo ist das Geld, Hendrik? Du wolltest den Schaden bezahlen, schon vergessen?« Der Kleine ächzt leise, während er in seiner Jackentasche wühlt und einen zerknüllten Zehn-Euro-Schein herausfischt. »Das ist alles?« Kim stößt ihn gegen die Schulter. »Das ist doch nicht dein Ernst.« »Es war nicht mehr da.« Er flüstert so leise, dass er kaum zu verstehen ist. »So arm können deine Eltern doch gar nicht sein.« Mandy dreht sich zu mir um. »Ist das nicht traurig? So eine arme Familie.« Sie wirft mir einen schrägen Blick zu. Jetzt bin ich dran. Ich hab nämlich gesagt: »Doch, ich trau mich.« Als die anderen, Mandy, Steffi und Kim, gemeint haben, ich traute mich nicht. »Doch, klar«, hab ich gesagt, und nun kann ich nicht mehr zurück. Ich stecke die Schokolade weg. »Das gleichst du nächstes Mal aus«, sage ich. »Du benimmst dich, ja? Guter Junge.« Mein überempfindliches Pastorentochter-Gewissen meldet sich. Ich klopfe ihm beruhigend auf die Schulter, und er fährt so hastig davon, dass sein Rad wild hin und her schlenkert. Es streift den Bordstein, kommt ins Trudeln. Mir stockt der Atem, aber er fängt sich wieder und rast die Straße hinunter. Seine Schultasche hüpft auf seinem Rücken auf und ab wie ein kleiner Affe, den er Huckepack genommen hat. »Bemitleidenswert«, knurrt Mandy. »So ein blöder Penner. Aber das wird ihm eine Lehre sein.« Mandy versteht unter Mitleid etwas anderes als ich. Sie hasst Schwächlinge. Wer sich nicht wehren kann, ist selber schuld. Wenn jemand ängstlich ist oder jammert oder nicht so recht weiß, ob man dies oder das wirklich tun sollte – das ist für sie ein rotes Tuch. Deshalb behalte ich meine Bedenken lieber für mich. Mandy diskutiert nämlich nicht. Entweder man ist in ihrer Nähe und findet ihre Ideen gut, oder man lässt es bleiben. »Sag mal, Messie, der tut dir doch nicht leid?«, fragt sie mich direkt. 6

Das ist schwierig zu beantworten. Wenn man nur diese Szene kennt, wie wir den armen Kleinen um sein Geld erleichtern, könnte man denken, wir wären die Bösen. Aber angefangen hat es ganz anders. Angefangen hat es damit, dass ich diese kleine Brillenschlange dabei erwischt habe, wie er bei sämtlichen Rädern die Tachos abgepflückt und eingesteckt hat. Einschließlich meines eigenen. Ich habe Klein-Harry-Potter an der Schulter festgehalten, er wollte sich losreißen und hat mir vors Schienbein getreten, und dann sind meine Freundinnen gekommen und Kim hat ihn sich geschnappt. So war es, ich schwör’s. Er hat auch noch blöde Sprüche von sich gegeben und uns beschimpft, bis er gemerkt hat, dass mit Kim nicht zu spaßen ist. Kim ist sehr sportlich und eine erstklassige Boxerin und niemand, ich betone: absolut niemand sollte es wagen, sie zu unterschätzen. Die Tachos und Fahrradpumpen, die Hendrik noch in der Tasche hatte, haben wir auf den Weg gelegt, damit ihre Besitzer sie sich abholen konnten. Meiner war nicht dabei. Aber klar, jetzt wusste ich endlich, wo er geblieben war. Mandy sagte: »Wir rufen jetzt deine Eltern an, und die ersetzen uns das«, und da fing er an zu jammern, wir sollten ihnen bloß nichts erzählen. Hendrik ist ein mieser kleiner Dieb. Er schuldet mir immer noch Geld. Und er ist ziemlich gut in Ausflüchten und Entschuldigungen und Jammern. Also, habe ich Mitleid mit ihm? Verdient er es? Mandy wartet meine Antwort nicht ab. Sie drückt mir das Geld in die Hand und wendet sich an Steffi und Kim. »Ach, kommt, Leute. Schaut mich nicht so an. Ich bin kein Monster. Warum kann er nicht einfach seine Schulden bezahlen? Wir müssen mehr Druck machen.« Es waren nicht nur die Tachos. Er hat auch die Luft aus den Reifen gelassen. Der niedliche, ängstliche Hendrik ist ein hinterhältiges kleines Ungeheuer. »Besuch zu Hause?«, schlägt Kim vor. »Das nächste Mal nehmen wir ihm den Schlüssel ab.« »Das Fahrrad«, sagt Steffi. »Wenn er zu Fuß gehen muss, das wird ihm eine Lehre sein.« Steffi liebt ihr Fahrrad, auch wenn sie nicht gerade sportlich aussieht. 7


»Messie?« Mandy sieht mich an und erwartet meinen Vorschlag. Es muss eine Idee sein, die die der anderen noch übertrifft. Sie hält ziemlich viel von meinen Ideen. Deswegen bin ich hier, das ist mir klar. Sie hat mich für langweilig gehalten – sie hält ja die meisten für langweilig und spießig –, bis sie gemerkt hat, dass ich recht kreativ bin. Seitdem bin ich in ihrer Clique dabei. Ich würde sie wirklich ungern enttäuschen. »Das Fahrrad kommt nicht in Frage«, meine ich. »Das merken doch seine Eltern. Ich weiß was viel Besseres. So einen kleinen Streber trifft man am besten, wenn man dafür sorgt, dass er seiner netten Lehrerin keine Hausaufgaben zeigen kann.« Mandys Gesicht hellt sich auf. »Seine Hefte?« »Morgen vor der Schule. Dann hat er alles fertig. Sich stundenlang Mühe gegeben. Wetten, er lernt den ganzen Nachmittag?« Ihr Lächeln zeigt mir deutlich, wie gut sie das findet. »Okay. Das ist deine Aufgabe. Du kommst morgen rechtzeitig und passt ihn ab. Kriegst du das hin?« »Klar krieg ich das hin.« Ich halte ihrem Blick stand. Hält sie mich etwa nicht für abgebrüht genug? Aber ich kann gefährlich sein, sehr gefährlich. Ich versuche es jedenfalls. Ich glaube, es gibt nichts Schlimmeres, als harmlos zu sein. Zwei Träume trage ich seit langem mit mir herum. Der eine ist, so zu sein wie Mandy. Nein, noch krasser als sie. Noch cooler. Eine Rebellin wie sie. Diejenige, die gegen den Strom der Angepassten schwimmt. Mandy hat keine Angst davor, dass man sie sieht und bemerkt, während ich dazu neige, mich im Hintergrund zu halten. Aber als ihre Freundin bin ich quasi aus meinem Versteck gekommen. Es fühlt sich gut an. Nicht mehr unsichtbar zu sein, sondern ... dazuzugehören. Das Leben ist viel aufregender, viel bunter. Mit Mandy befreundet zu sein bedeutet, dass ich auf einmal ganz viele Freunde habe. Dass Leute mit mir reden, die mich vorher nicht einmal wahrgenommen haben. Denn Mandy ist bei allen beliebt, sogar bei den Lehrern. Sie hat so ein Lächeln, dass niemand ihr böse sein kann. Kein Lehrer würde glauben, dass sie ständig mogelt und nie ohne Taschenrechner 8

oder Zettel oder Notizen auf den Armen in eine Klassenarbeit geht. Mandy ist immer tipptopp vorbereitet. Und wenn sie doch einmal bei irgendetwas erwischt wird, ist sie so charmant, dass sie jeden um den kleinen Finger wickelt. Seit sie bei uns in der Klasse ist, habe ich mir gewünscht, ihre Freundin zu sein, denn Mandy ist nicht nur bei uns, sondern sogar in der ganzen Schule angesagt. Sie ist natürlich sofort Klassensprecherin geworden und macht bei allen möglichen Schulprojekten mit. Irgendwie schafft sie es, überall dabei zu sein. Als ich mein Rad aufschließe, sehe ich Gina und Rosi zum Bus gehen, drei Meter hintereinander. Die beiden sind ebenfalls in unserer Klasse, aber sie könnten genauso auf dem Mars leben. So fremd sind sie mir. Außerirdische. Ich weiß, wie das ist, wenn man sich fühlt, als käme man von einem anderen Planeten. Auf keinen Fall will ich dorthin zurück. Oh Mann, die zwei haben keine Ahnung, wie es ist, Freundinnen zu haben. Sie könnten ja wenigstens miteinander reden. Aber nicht einmal das bringen sie fertig. Ich imitiere Ginas Gang, während ich mein Rad in Richtung Straße schiebe. Leicht nach vorne gebückt, die Schultern hochgezogen wie bei einer Schildkröte, den Blick fest auf den Boden gerichtet. »Das ist Gina!« Mandy lacht. Dann runzele ich die Stirn, so wie Rosi es immer macht, und verziehe missbilligend den Mund. Die anderen schütten sich aus vor Lachen. »Rosi, wie sie leibt und lebt. Oh Messie! Wie machst du das bloß?« Keine Ahnung. Da kommen ein paar Gänse und ich wackele ein bisschen mit dem Hintern und Mandy lacht wieder. Ich kann ziemlich gut Leute nachmachen. Lisa-Marie, unsere Klassen-Obergans, wirft uns einen angewiderten Blick zu und stakst weiter in Richtung Bushaltestelle. Mandy weint fast vor Lachen. »Mach noch mal so ein Gesicht, wie eben«, sagt sie und nimmt mich mit ihrem Handy auf. »Guck mal.« Sie zeigt mir, wie ich herumhampele. »Man sieht sofort, wer das sein soll. Wie machst du das bloß?«, fragt sie schon wieder, und innerlich werde ich ganz rot vor Glück. Äußerlich bleibe ich cool. »Ganz einfach«, sage ich. »Lisa-Marie, die geht ... so. Und Sarah ... so. Und das ist ... na, kommst du drauf?« 9


Ich stell mein Fahrrad ab, denn jetzt brauch ich beide Hände, um damit in der Luft herumzuwedeln, als wollte ich mich festhalten, falls ich abstürze. Mandy prustet los. »Nee ... die Dogge?« Frau Doggermann ist unsere Biologielehrerin. Die immer sehr viel Platz für ihre Hände und Ellenbogen braucht; es ist lebensgefährlich, zu nahe neben ihr zu stehen. »So, jetzt muss ich los«, meint Mandy, als an der Bushaltestelle der Wagen ihrer Mutter hält. Mandy wird immer abgeholt. Ich dagegen muss strampeln. Wo bleibt Steffi? Normalerweise fahren wir zusammen, da sie nicht weit von mir wohnt. Seit ich Mandys Freundin bin, bin ich natürlich auch Steffis Freundin und muss daher selten alleine fahren, so wie früher. Drei Sorten Mädchen gibt es in unserer Klasse. Die Unsichtbaren. Die Gänse. Und Mandys Clique. Es hat für mich nie einen Zweifel gegeben, zu welcher Gruppe ich gehören wollte. Ich würde bestimmt nicht bei den beiden schüchternen Ausgestoßenen sitzen. Früher blieb mir ja nichts anderes übrig. Da saß ich bei ihnen und schämte mich zu Tode. Zwischen Gina, der Intelligenzbestie, die wie eine typische Streberin aussieht, mit altmodischen Klamotten und einer dicken Brille, und der runden Rosi, die mit den Pickeln und der Zahnspange, und die ist nicht mal in der Schule gut. Keine Ahnung, ob die überhaupt irgendwas kann. Interessiert mich auch nicht. Und an der größten Clique, die allesamt Topmodel werden wollen und auf hohen Schuhen durch die Flure staksen, habe ich ebenfalls kein Interesse. Abgesehen davon, dass ich bei ihnen auch nicht so gut ankomme. Wenn man nicht genau dieselben Klamotten trägt wie sie, hat man bei denen nichts zu suchen. Mandy ist da anders. Sie kann sich über das lustig machen, was man anhat, klar. Aber im nächsten Moment ist das wieder völlig unwichtig und da zählt nur, dass man witzig ist oder ganz gut singen kann. Wer man als Mensch ist. Und ich kann witzig sein, echt, aber das merkt man nur, wenn ich mich traue, nicht unsichtbar zu sein. In Mandys Nähe kann ich das. Da sage ich manchmal einfach so, was mir gerade einfällt, und wundere mich, wenn alle lachen. Als ich noch nicht Mandys Freundin war, hätten sie nicht gelacht, sondern 10

mich nur angestarrt, nach dem Motto: Was will die denn? Aber jetzt, zum ersten Mal in meinem Leben, kann ich einfach sein, wer ich bin. Mein zweiter Traum ist ... mein zweiter Traum geht gerade an uns vorbei zum Bus. »Hey, Tom!«, ruft Mandy. Er wirft ihr kurz einen Blick zu, ohne mich überhaupt wahrzunehmen. »Hi, Mandy«, sagt er. Nur wenn ich seine Stimme höre, bekomme ich wackelige Knie. Tom ist einfach ... Tom. »He, wie läuft’s?«, fragt sie und macht dabei ein Gesicht, als wären sie die besten Freunde. Ich könnte jetzt eifersüchtig sein, aber ich weiß, dass zwischen ihnen nichts ist. Nicht mehr. Die beiden sind früher ein Paar gewesen, aber es hat nicht lange gehalten. Zum Glück, finde ich. Wenn Mandy hinter Tom her wäre, hätte ich überhaupt keine Chance. So aber kann ich weiterträumen: davon, Tom zu küssen. Tom, den coolsten, den bestaussehenden Jungen der ganzen Stadt. Für mich jedenfalls. Ich habe schon etwa hundertzwölf Gedichte über ihn geschrieben, die er niemals zu Gesicht bekommen wird. Er geht aufs Gymnasium und ist schon achtzehn, eigentlich gar kein Junge mehr. Er wirkt ganz schön erwachsen. Tom mit den unglaublich schönen blauen Augen und den schwarzen Haaren. Eine seltene Kombination, die ich unwiderstehlich finde. Bei uns in der AlbertSchweitzer-Realschule, wo er bis zur zehnten Klasse war, haben ihn sämtliche Mädchen angehimmelt, und es gab einen Tränenausbruch von den Ausmaßen eines Tsunami, als er aufs Gymnasium gewechselt ist. Die Lehrer dagegen waren erleichtert, denn sie fanden ihn zu vorlaut und frech. Tom hat so eine Art, Mädchen anzuschauen, dass alle dahinschmelzen. Ich bilde mir jedenfalls ein, dass es den anderen genauso geht wie mir. Ich bekomme wackelige Knie, wenn ich ihn nur von weitem auf dem Schulhof sehe. Wenn er mich anlächeln würde, wäre ich im siebten Himmel. Aber er weiß nicht einmal, dass es mich gibt. Doch ich habe vor, das zu ändern. Schon bald. Vielleicht bin ich 11


früher jemand gewesen, der nur träumt und weiß, dass das Wunder nie eintrifft. Mittlerweile bin ich ganz gut darin, die Dinge zu bekommen, die ich will. Ich werde schon einen Weg finden, seine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Jetzt, wo ich Mandys Freundin bin, scheint alles möglich. Vielleicht kann sie mir sogar ein paar Tipps geben, was Tom angeht. Bisher hab ich mich noch nicht getraut, sie zu fragen. Das Leben kann so spannend sein, wenn man ein paar Träume hat und bereit ist, dafür einiges zu riskieren. »Starr ihm nicht so hinterher, Messie«, befiehlt Mandy. »Müsstest du nicht längst zu Hause sein?« Sie hat recht. Wie immer. Nur dass sie sich von Tom getrennt hat, ist in meinen Augen ein Fehler. Wie kann man so jemanden gehen lassen? Aber eigentlich ist es beruhigend, dass selbst jemand wie Mandy Fehler macht. Beruhigender als Lavendelschokolade.

Ich hasse dich. Hasse, hasse, hasse dich. Dachtest wohl, ich merke nichts. Vermutlich ist es dir aber einfach egal. Du tust so, als würdest du dazugehören. Einfach so. Ein Lächeln und alles ist gut. Für dich vielleicht. Ich verrate dir mal was: Gar nichts ist in Ordnung. Nur von deinem Anblick wird mir schlecht. Wie kann man nur so verlogen sein? Alles nur Fassade. Nichts an dir ist echt. Merken die anderen das denn nicht? Wie kann man so blind sein? Webhexe, Blogeintrag vom 12. August

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Ich habe euch zusammen gesehen. Wie zufrieden du bist, wie laut du lachst. Manchmal wünsche ich mir, ich könnte auch so lachen. Aber ich kann nicht aufhören, daran zu denken. Ich habe es versucht, doch leider funktioniert es nicht. Eine Kleinigkeit, würdest du sagen. Du würdest es nicht verstehen. Solche wie du verstehen gar nichts. Eine Kleinigkeit? Aber für mich ist es das nicht. Es ist mein ganzes Leben, kapierst du das nicht? Und wenn ich dein Leben nehme und in den Staub trete? Was sagst du dann? Wenn wir den Spieß einmal umdrehen? Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn du tot wärst. Ich sehe auf dich herunter und das Lachen ist dir endlich vergangen. Dein Gesicht ist still und friedlich. Weiß und reglos. Das tut irgendwie gut. Webhexe, Blogeintrag vom 16. August

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Leute, die man kennt, sehen immer irgendwie anders aus als die Leute, die einem fremd sind. Wie ich das meine? Ich könnte zum Beispiel gar nicht sagen, ob meine Schwester Tabita hübsch ist. Weil ich sie täglich sehe. Oder wie mein eigenes Gesicht auf andere wirkt – keine Ahnung. Wenn ich es auf einem Foto sehen würde und für einen Moment vergessen könnte, wer das ist – ja, dann könnte ich vielleicht beurteilen, ob ich attraktiv bin oder nicht. Manchmal versuche ich, mich mit fremden Augen zu sehen. Aber so richtig gelingt mir das nie. Mir fällt dann bloß auf, was peinlich ist. Es muss nur ein ganz kleiner Pickel sein, aber ich stelle mir vor, dass alle nur darauf starren. Unsinn, ich weiß. Aber so bin ich nun mal. Sobald ich jemanden kenne, ist er nicht mehr hübsch oder hässlich, sondern einfach nur normal. Außer Tom natürlich. Aber den kenne ich ja auch nicht richtig. Ich sehe ihn immer nur von weitem und er sieht gleichbleibend umwerfend aus. Im Vergleich mit Tom kommen mir alle anderen Jungs einfach nur langweilig und uninteressant vor. Bis dieser recht große, blonde Junge über unseren Schulhof marschiert. Wir sind eine große Schule und der Hof wird auch vom Gymnasium und der Hauptschule benutzt. Man kann gar nicht alle kennen, aber die meisten sind einem vom Sehen her vertraut. Da gibt es 31


keinen Zweifel: Wir sind uns sofort alle einig, dass dieser Blonde neu ist. »Den habe ich ja noch nie hier gesehen.« Kim zieht die Stirn kraus. »Gehört der zu uns oder zum Gymnasium?« Wir sehen ihm nach, wie er sich durch die Massen an Schülern schiebt. »Gymnasium«, meint Steffi und seufzt. »Bestimmt. Wir gehen immer leer aus.« »Der ist sowieso zu alt, um noch auf die Realschule zu gehen«, finde ich. »Bestimmt ist er in der Oberstufe.« »Mr. Right«, schmachtet Steffi. »Endlich mal einer, der groß genug ist für mich. Herrje, es geschehen noch Wunder. Ich danke dir, lieber Gott!« »Ein paar Schuhnummern zu groß für dich«, sagt Kim, ohne irgendjemand Bestimmtes anzusprechen. Vermutlich meint sie mich. Wie gemein. Ob jemand von uns sein Typ ist, kann man ja nicht wissen. Wenn der Blonde zwei, drei Jahre älter ist als wir, sind wir ihm wahrscheinlich zu jung. Aber auch das ist schließlich bloß eine Vermutung. »He!« Ich beschließe, mich zu wehren. Kim ist nicht immer die Netteste; wenn man nicht aufpasst, bekommt man von ihr so einiges ab. Verbal zurückschlagen ist gefährlich, denn sie hat recht wenig Humor. Doch wenn man alles einsteckt, verliert sie jeden Respekt vor einem und hört gar nicht mehr auf. »Wer sagt das? Du willst ihn wohl für dich, wie?« »Ach Messie, an den traust du dich ja doch nicht heran«, meint sie. »Du wirst ja sehen«, sage ich. »So wie bei Tom?« Dazu schweige ich. Trotz aller ihrer Sticheleien habe ich es immer noch nicht fertig gebracht, auch nur ein einziges Wort zu ihm zu sagen. Kein Wunder, dass Kim glaubt, ich wäre generell zu feige, um mit Jungs zu sprechen. Sie ist nicht dabei gewesen, als Steffi und ich herumgealbert haben. Kim würde mir das gar nicht zutrauen. Sie denkt pausenlos, ich wäre zu feige für alles und jedes. Das bin ich nicht! Nur bei Tom – das ist etwas anderes. Eine Abfuhr von Tom würde ich nicht so schnell verkraften. Bei Tom bekomme ich weiche 32

Knie. Solange er nichts davon weiß, kann ich wenigstens ungestört von ihm träumen. Mandy hat mich zwar gewarnt, aber Träume sind hartnäckig und lassen sich nicht einfach abstellen. Und manchmal sind Träume eben doch ein guter Ersatz für die harte Wirklichkeit, die einen unweigerlich einholen wird. Ich bin sechzehn und kein Kind mehr. Dass sie einem einreden, man könnte alle seine Träume verwirklichen, wenn man nur fest genug daran glaubt – tja, mit mir nicht. Die Welt ist viel dunkler und geheimnisvoller als das. Und es gibt keine Macht, die einen auf einen Schlitten setzt und durch den Schnee zieht. Manchmal stelle ich mir vor, wie das wäre. Man sitzt also auf dem Schlitten und Gott, eine Papafigur mit weißem Bart, eingehüllt in einen dicken Mantel mit Pelzkragen und einer russischen Pelzmütze, zieht einen durchs Leben. Und wenn man während der Fahrt aufsteht, fällt man mit dem Gesicht in den Schnee. Weich. Das ist das, was Papa sonntags predigt. Dass wir schon mal fallen, aber nie tiefer als in Gottes Hand. Woher will er das wissen? Es klingt gut, aber wenn ich mir vorstelle, dass ich falle, ist da gar nichts. Nur kalter Schnee, als würde man von einer Horde johlender Jungs über den Schulhof gejagt und eingeseift. Man weint. Und die Lehrer kümmert es nicht. Für die Lehrer ist man unsichtbar. So ist das Leben. Jedenfalls kommt es mir meistens so vor. »Aber du hast ja himmlischen Beistand«, spottet Kim und grinst. Kim, die einen Kopf kleiner ist als ich und trotzdem so stark, dass sich kein Junge an sie herantraut. Bestimmt haben sie alle Angst davor, ihr Exfreund zu sein. Außerdem kann man bei ihr für einen dummen Anmachspruch buchstäblich eins auf die Schnauze bekommen. »Gilt das auch für mich?«, fragt Steffi lauernd. Sie ist ja, wie gesagt, besonders empfindlich, was Bemerkungen über ihr Äußeres angeht. »Glaubst du, ich brauche himmlischen Beistand?« 33


Kim lacht bloß. »Jetzt bin ich aber gespannt, wer schneller ist, Mädels.« Kim tut immer so, als würde ihr überhaupt niemand gefallen, dabei weiß ich genau, dass das nicht stimmt. Sie hat mir einmal anvertraut, dass sie heimlich Schlager hört. Deutsche Liebeslieder, bei denen sie den Text mitsingt. Ich ziehe sie natürlich nicht damit auf. Sie kann boxen, das vergesse ich nie. »In der Mensa könnt ihr euch ja auf ihn stürzen«, sagt Mandy trocken. Mandy, die in letzter Zeit auffällig wenig sagt. Geht es ihr nicht gut? Manchmal denke ich, ich sollte nicht so genau hinsehen. Das Leben ist leichter, wenn man nicht so viel sieht. Wenn man Scheuklappen anlegt und einfach losmarschiert. Sonst kommt man nie irgendwo hin. Die Pausenglocke ruft uns zurück ins Klassenzimmer, und ich habe den hübschen Neuen eigentlich schon wieder vergessen. Bis er in der Mensa plötzlich vor mir steht. Wie immer ist dort ein einziges Gedränge und Geschiebe. Der Lärm könnte von einem Rudel Löwen stammen, die in eine schmerzhafte Falle geraten sind. Zusätzlich, überlege ich, hat man ein Dutzend Affen in die Grube geworfen, die keine Lust haben, als Löwenfutter zu enden, aber auch nicht die steilen Wände hochkommen. Und als Gratis-Dreingabe noch ein paar an den Schwänzen zusammengebundene Katzen und Hunde. So in etwa. Jedenfalls verursacht mir das Getöse Kopfschmerzen, und ich habe keine Lust, mich wie meine Freundinnen in der Schlange für Spaghetti Bolognese anzustellen. Da ich mir nur einen Salat genommen habe, suche ich schon nach einem Tisch mit vier freien Plätzen. Da hinten ist alles besetzt. Die Gänse-Clique labt sich an Salat ohne Öl. Typisch. Lisa-Marie sieht halb verhungert aus. Gut, ich werde zwar auch bloß einen Salat essen, aber wenigstens mit einer richtigen Soße. Ohne ist es nur Grünzeug und schmeckt nach nix. Aber ich habe auch nicht vor, Kalorienzählen und Diättipps zu meinem einzigen Gesprächsthema zu machen. »Na, hast du dich verirrt?«, fragt Lisa-Marie höhnisch. Zu denen setze ich mich bestimmt nicht. Ich drehe mich um und da taucht der Neue plötzlich auf. Aus der Nähe besehen ist er – und das kommt echt selten vor, glaube ich – sogar noch attraktiver. Und 34

jünger. Viel älter als ich kann er eigentlich nicht sein. Seine Augen sind graublau. Oder doch eher blau? Warum schaue ich ihn überhaupt an? Um es Steffi nachher zu erzählen? Um Kim zu beweisen, dass ich keine Angst habe? Ich habe sowieso nicht vor, ihn anzusprechen. Nicht im Traum. Zu dumm, dass ich in Tom verliebt bin, denke ich. Der hier könnte mir auch gefallen. »Miriam? Ich hab ja gleich gewusst, dass du es bist.« Meint er mich? Hat er gesprochen, Mr. Traumprinz? Ich starre ihn an und merke, wie ich rot werde. Vor Schreck. Was fällt diesem Typen ein, mich zu kennen? »Äh ...?«, mache ich hilflos und versuche, irgendetwas Bekanntes an ihm zu entdecken. »Daniel«, stellt er sich freundlich vor und grinst. In seinen Wangen erscheinen kleine Grübchen. Ich starre ihn hingerissen und vermutlich reichlich blöde an und kapiere immer noch nichts. »Daniel Hartmann. Weißt du nicht mehr, wir waren im Kindergottesdienst in derselben Gruppe. Und haben uns nach Kräften geärgert.« Ich forsche in meinem Gedächtnis nach einem Daniel, der mich vor vielen Jahren geärgert haben könnte, und finde einen blonden, verstrubbelten Zehnjährigen, der nicht stillsitzen konnte und die nervöse Kinderstundentante, die uns biblische Geschichten erzählen wollte, regelmäßig in den Wahnsinn trieb. »Der Daniel? Du hast deine Kaugummis in meine Haare geklebt!«, stammele ich. »Du warst das? Ich meine, du bist das?« »Daran erinnerst du dich noch?« Er lächelt. »Und ich habe gehofft, meine Schandtaten wären in Vergessenheit geraten.« »Du hast immer am meisten Bibelverse auswendig gekonnt und die Belohnung gekriegt – die ich haben wollte!« Dieses Lächeln. Wie kann aus einem unausstehlichen Bengel so etwas werden – wie das da? Ich bin damals wirklich froh gewesen, als seine Familie weggezogen ist, und habe ihn keine Sekunde vermisst. »Wenigstens konnte ich sie wirklich auswendig. Du hast dir den Vers in die Hand geschrieben und abgelesen.« Er ist es wirklich. Ich kenne ihn von früher. Und – es ist merkwürdig, aber ich habe ja erzählt, wie es mit mir und Gesichtern funktioniert – sobald ich weiß, dass ich ihn kenne, ist er auf einmal gar nicht 35


mehr so attraktiv. Er ist immer noch blond und groß und an seinem Lächeln hat sich nichts geändert. Aber schlagartig hört er auf, sexy zu sein. So ist das bei mir. Manchmal habe ich Angst, was passiert, wenn ich Tom jemals besser kennenlerne. Werde ich dann auch aufhören, ihn attraktiv zu finden, und er wird ganz normal und durchschnittlich auf mich wirken? »Also dann, wir sehen uns«, sagt Daniel und verschwindet in der Menge. Mit ihren Tabletts in den Händen erscheinen meine Freundinnen. Sie sehen an mir hoch und runter, als hätte ich mich in der Zwischenzeit in ein Gespenst oder sonst etwas Unheimliches verwandelt. »Du baggerst Mr. Hübsch und Blond an?«, fragt Kim fassungslos. »Ich dachte, du bist unsterblich in Tom verliebt«, rügt Steffi streng. »Bitteschön, du kannst ihn haben«, sage ich. »Er heißt Daniel.« »Hast du ihn auch nach seiner Handynummer gefragt?« Ich könnte es ihnen erzählen. Dass ich ihn von früher kenne. Dass er mich angesprochen hat und nicht ich ihn. Aber eigentlich gefällt es mir ziemlich gut, wenn sie mich für mutiger halten, als ich bin. Manchmal finde ich es ganz schön schwer, mit ihnen mitzuhalten. Da muss ich ja nicht herausposaunen, dass dieser Daniel mir vor ein paar Jahren Kaugummi in die Haare geklebt hat. Meine Mutter hat es herausschneiden müssen und es hat zig Monate gedauert, bis die Strähne nachgewachsen ist. »Bitteschön«, wiederhole ich, während ich mich zu einem Tisch durchschiebe, an dem gerade ein paar Plätze frei werden, »tu dir keinen Zwang an.« In der Klasse spricht Steffi von nichts anderem als dem schönen Blonden. Sie geht einem geradezu auf die Nerven damit und kritzelt seinen Namen auf die Tischplatte, mit tausend Kringeln und Herzchen und so. DANIEL . Ich könnte ihr seinen Nachnamen verraten, mache ich aber nicht. Herzchen. Kringel. Herzchen. Kringel. Schleife. »Muss das sein?«, fragt Mandy genervt. 36

Ich entdecke einen Radiergummi auf dem Boden und bringe ihn sofort zum Einsatz, obwohl Steffi mitleiderregend seufzt. Aber Herzchen auf dem Tisch? Ich bin ja durchaus romantisch veranlagt, aber das geht zu weit. Obwohl ich es vielleicht auch übertreibe, was Tom angeht – meine Gedichtmappe ist ebenfalls von oben bis unten verziert –, lasse ich die anderen wenigstens nicht mitleiden. So etwas würde ich nie tun. Der Lehrer vorne erzählt irgendwas und ich schweife in Gedanken ab und ertappe mich dabei, dass ich ein Gesicht auf den Heftrand zeichne. Allerdings kann ich nicht besonders gut zeichnen und man erkennt nicht, wer es sein soll. Ein Glück. Nach einem anstrengenden Sportprogramm will ich nach Hause fahren und muss feststellen, dass meine Reifen platt sind. Lernt dieser miese kleine Hendrik denn gar nichts? Und dabei habe ich ihn heute und gestern und überhaupt seit wer weiß wie vielen Tagen verschont! Weil ich es vergessen habe. Vielleicht auch, weil ich es vergessen wollte. Das habe ich jetzt davon! »Ich habe eine Pumpe«, sagt Steffi. Aber die nützt mir nichts. Der Reifen ist zerstochen. Auch das noch. Wie kann er es wagen! Mir bleibt nichts anderes übrig, als zu schieben. Hundemüde und viel zu spät komme ich zu Hause an und lande wie immer in einem Tollhaus, wo sämtliche Geschwister herumschreien und Lärm machen. Es hört sich an, als wären es zehn Kinder und nicht zwei. Ich überlege, ob ich Tabita mit ein paar dezenten Andeutungen über ihre Lesegewohnheiten erschrecken soll, entscheide mich aber dagegen. Das spare ich mir lieber für eine Situation auf, in der es nützlicher ist. Ich verkrümele mich in mein Zimmer, doch der Hunger treibt mich in die Küche. Der Salat ist wohl doch etwas wenig gewesen. Ich habe mir vorgenommen, etwas abzunehmen, um vielleicht so Gnade vor Toms Augen zu finden. Nur ein oder zwei Kilo, mehr nicht. Meine Mutter putzt gerade das Küchenfenster und singt dabei. Ich kann mir eigentlich keinen Grund vorstellen, warum man beim Putzen singen sollte. Außer vielleicht, man ist verliebt. Aber bitte, sie und Papa sind seit achtzehn Jahren oder so verheiratet. Ihre Ehe ist 37


quasi volljährig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass mir nach einer solchen Ewigkeit noch zum Singen zumute wäre. »Ach, Miriam«, sagt sie. »Du erinnerst dich doch noch an die Hartmanns aus unserer Gemeinde? Die sind wieder da.« Erzähl mir was, was ich noch nicht weiß. »Ach«, meine ich. »Du weißt doch noch, dieser Junge mit dem Kaugummi?« »Wie könnte ich das jemals vergessen«, knurre ich, während ich den Kühlschrank nach einer essbaren Jogurtsorte durchsuche. Blaubeere? Pfirsich-Maracuja? Gibt es keinen Schokoladenjogurt? Ich beschließe, mir einen Toast zu machen. »Also, die sind wieder zurück. Dietmar wurde versetzt. Die Firma hat den anderen Standort wieder dichtgemacht.« »Aha«, sage ich. »Die Tochter macht zurzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr, frag mich nicht wo.« Als wenn ich das vorgehabt hätte. »Und der Junge ... Mist, jetzt habe ich vergessen, wie er heißt.« »Daniel«, werfe ich hilfsbereit ein. »Stimmt. Daniel. Den wirst du ja dann heute Abend im Life and Hope treffen. Du gehst doch hin?« »Ich bin so müde. Ich hab echt keine Lust auf so eine langweilige Jugendgruppe. Ich wollte mich eigentlich mit Mandy und den anderen Mädels treffen.« »Langweilige Jugendgruppe?« Sie zieht die Brauen hoch. »Du überraschst mich, Miriam. Das wird bestimmt spannend.« Meine Mutter kann sich nicht vorstellen, wie man eine kirchliche Jugendgruppe langweilig finden könnte. Dass Goliath, der EnglischChecker, die Gruppe »Life and Hope« genannt hat, ändert nichts daran, dass man herumhockt, zu Gitarrengeklimpere öde Lieder singt und sich eine staubtrockene Bibelarbeit anhören muss. Es ist mir schon mehrmals gelungen, nicht hinzugehen, indem ich Müdigkeit und schulische Überarbeitung vorgeschützt habe. Doch bei einem Pastor als Vater wird von einem erwartet, dass man dabei ist, und wenn ich keinen Ärger haben will, kann ich die Life and Hope-Folter nicht zu oft ausfallen lassen. 38

Manchmal überlege ich, wie es wohl ankommen würde, wenn ich hingehe und zu allem und jedem meine ehrliche Meinung sagen würde. Nicht nur irgendwas, weil es grad passt. Sondern wirklich das, was mir auf der Seele brennt. Woher wollt ihr wissen, dass es Gott wirklich gibt? Und wenn, dass er so ist, wie ihr ihn euch vorstellt? Glaubt ihr wirklich, er ist der Weihnachtsmann, der eure Gebete um gutes Wetter erhört, und dass ihr mit göttlicher Hilfe eine Zwei schreibt? Wie das ankommen würde? Nicht so gut. Also lasse ich es. Manchmal stauen sich die frechen Fragen, die ich ungesagt herunterschlucke, so an, dass ich mir wie ein Staudamm vorkomme, der jede Sekunde bersten könnte. WOHER WISST IHR DAS?

Ich frage es nicht. Denn dann kämen alle anderen Fragen sofort hinterher. Etwas Schlimmeres kann gar nicht passieren. Fragen-Hochwasser. Eine richtige Fragen-Überschwemmung. Und alle ihre vorgefertigten Antworten würden weggeschwemmt werden. Habe ich Angst davor? Vielleicht habe ich ja auch bloß Mitleid. Ich streiche mir dick Sandwich-Creme auf mein Toastbrot und versuche, mich an den Gedanken zu gewöhnen, dass ich meine alte Kindergottesdienst-Bekanntschaft möglicherweise heute dort treffe. Ändert das etwas? »Ich habe Mandy versprochen ...«, fange ich an, aber auf die Schnelle fällt mir nicht ein, was ich ihr versprochen haben könnte. Meine Mutter wringt ihren Putzlappen aus. »Das kannst du auch ein anderes Mal. Der kleine Daniel freut sich bestimmt, ein bekanntes Gesicht zu sehen.« Der kleine Daniel? Sie hat ja keine Ahnung, wie er jetzt aussieht. Einen Kopf größer als ich! Und dabei ist er erst – sechzehn? Siebzehn? Ich bin mir nicht sicher. Ist er ein Jahr älter als ich? Oder nur ein paar Monate? Für meine Mutter ist er immer noch der kleine Junge, der so frech gegrinst hat. Wenn ich mich recht erinnere, hat er die Kinderstundentante – wie hieß sie doch noch? – dazu gebracht, mit ihrer Mitarbeit in der Gemeinde aufzuhören. Als die Fami39


lie Hartmann die Stadt verlassen hat, ist sie mit einem Seufzer der Erleichterung wieder eingestiegen. Es wird einige Leute geben, die sich über seine Verwandlung wundern werden. Das darf ich eigentlich auf keinen Fall verpassen. Außerdem will ich Goliath noch fragen, ob er mein Fahrrad reparieren kann. Du drängst dich an mir vorbei. Ich spüre deine spitzen Ellbogen in meiner Seite. Immer musst du dich vordrängeln. Du stiehlst. Und du merkst es nicht einmal. Oder freust du dich über deine Beute? Wenn du dir nimmst, was mir gehört? Ich kann kaum atmen, wenn ich dich sehe. Aber du bemerkst das natürlich nicht. Dreht sich irgendetwas in deinem Kopf mal nicht um dich? Na klar, ich bin ja auch unsichtbar. Wie kann ich auch erwarten, dass du etwas mitbekommst davon, was in anderen Leuten vor sich geht! Webhexe, Blogeintrag vom 19. August

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