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Jean Vanier und die Arche Die Geschichte einer auร ergewรถhnlichen Berufung
NEUFELD VERLAG
Aus dem Englischen übersetzt und gekürzt von Bernardin Schellenberger
Inhalt
Die englische Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel The Miracle, the Message, the Story: Jean Vanier and L’Arche bei Darton, Longman and Todd Ltd, London © der Originalausgabe 2006 Kathryn Spink
Danksagung
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.ddb.de abrufbar
NEUFELD VERLAG
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild: John McElroy (oben)/© ShutterStock® Satz: David Neufeld, Schwarzenfeld Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck © 2008 Neufeld Verlag Schwarzenfeld ISBN 978-3-937896-66-3, Bestell-Nummer 588 666 In Kooperation mit dem Tyrolia Verlag, Innsbruck ISBN 978-3-7022-2956-6 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de
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1. Das „Wunder“ der Arche
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2. Die Wurzeln
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3. Zwei vom Geist Geführte
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4. Die erste „Arche“
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5. Das neue Verständnis für behinderte Menschen
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6. Eine Sendung für die ganze Welt
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7. Das Ringen um die communio
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8. Vertrauen und Loslassen
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9. Irdischer und himmlischer werden
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10. Entwicklungskrisen
102
11. Die Musik hinter den Worten
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12. Verwundbarkeit öffnet füreinander
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13. Das Ringen um die Identität der Arche
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14. Die Mitte und das Ziel
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Daten aus dem Leben von Jean Vanier
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Bücher von Jean Vanier
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Kontaktadressen von Arche-Gemeinschaften
206
Zur Autorin
208
1. Das „Wunder“ der Arche
Danksagung
1. Das „Wunder“ der Arche
lle im Einzelnen zu nennen, die auf vielfältige Weise zum Entstehen dieses Buches beigetragen haben, ist unmöglich. Meinen namentlichen Dank möchte ich jedoch den Arche-Gemeinschaften aussprechen, die mich gastfreundlich aufgenommen und ihre Einsichten mit mir geteilt haben: den Gemeinschaften in Trosly-Breuil, Toronto, Erie, Tegucigalpa, Choluteca, London, Kolkata und anderswo. Mein besonderer Dank gilt auch Gerry Arbuckle, Teresa de Bertodano, Caroline Weldon, meiner Familie, die lange Entbehrungen ertragen musste sowie Barbara Swanekamp, die 1965 in der Absicht nach Trosly-Breuil kam, dort drei Monate lang zu bleiben und in Wirklichkeit bis heute, wo immer nötig, dort einspringt. Sie war seit meinem ersten Besuch in Trosly im Jahre 1988 eine unsichtbare, aber ungemein wertvolle Quelle von Informationen, Unterstützung und Tee. Zu besonderem Dank bin ich auch Thérèse Vanier und Jean dafür verpflichtet, dass sie mir mit großem Vertrauen viel Eigenes mitgeteilt haben.
Jesus kommt nach Jerusalem. Er geht nicht zuerst dorthin, wo Gelehrsamkeit und Macht wohnen. Er begibt sich ins städtische Asyl, dorthin, wo eine Menge Behinderter hausen: Kranke, Blinde und Lahme (Johannes 5,3).
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Da liegen sie, in Un-gnade sich selbst überlassen. Zweifellos sind sie schmutzig und hässlich, zählen nach den Wertmaßstäben der Welt nichts, werden gemieden und verachtet: Weder Schönheit noch Gestalt ist an ihnen. Aber zu ihnen geht Jesus zuerst. Jean Vanier, Entrer dans le mystère de Jésus
I
m Jahre 1964 kaufte Jean Vanier in Trosly-Breuil, einem oft von Wolken verhangenen Dorf am Rand des Waldes vom Compiègne nördlich von Paris, ein unscheinbares Steinhaus. Er tat dies aus der sicheren Überzeugung, dass Jesus das von ihm wolle. Hierauf lud er drei gebrochene, verachtete Menschen ein, die Einrichtung zu verlassen, in der sie bis dahin in Ungnade ihr Dasein gefristet hatten, um bei ihm zu wohnen. Dieser naive, jedoch unumkehrbare Schritt sei dem Wunsch entsprungen, „gut zu sein“ und Menschen mit Behinderungen „Gutes zu tun“, erzählte er später. Er habe damals noch keine Ahnung gehabt, dass diese Menschen ihm „gut tun“ würden. Sein Akt des Mitleids mit den Leidenden, die ihn tief erschüttert hatten, führte ihn schließlich zur ganz konkreten Entdeckung, wie reich die biblisch Armen sind. Das befähigte ihn und die Gemeinschaft, die daraus entstand, die „Arche“, auf ganz besondere Weise an 7
1. Das „Wunder“ der Arche
das Geheimnis der behinderten Menschen zu rühren und sich auf eine tiefere Beziehung zu Jesus einzulassen. Sein Wunsch, ganz einfach mit Behinderten zusammenzuleben, nicht als „Betreuer“, sondern von gleich zu gleich in einer Gemeinschaft, war das radikale Gegenteil der Tendenz in unserer heutigen Welt, die Kluft zwischen den Starken und den Schwachen, den Mächtigen und den Wehrlosen, den Gescheiten und den Behinderten, denen, die überall mitreden können und denen, die dazu nicht imstande sind, immer weiter aufzureißen. Jean Vanier macht unermüdlich darauf aufmerksam, dass die „Reichen“ zwar über Arbeit, Besitz und Ansehen verfügen, aber ihnen oft das Wesentliche fehle: die Fähigkeit zur Liebe und zum angstfreien Leben in echter Gemeinschaft, wo man sich nicht hinter Erfolg, Macht und Abwehrmechanismen verstecken muss. Die Reichen schauen auf die „Armen“ und Schwachen herab, halten sie für Problemfälle, die aus ihrer Sicht gelöst werden müssten; sie sperren sich gegen einen vertrauensvollen Dialog mit den Unterdrückten und Geplagten, ja hören ihnen gar nicht zu. Zuweilen wollen sie sogar ihr Dasein verhindern. Für sie ist es unvorstellbar, dass die Verachteten und Bemitleideten in ihren Herzen die Lösung für genau die Probleme tragen könnten, die sie angeblich darstellen. Jeder von uns empfindet gegen die Veränderung, zu der uns ein Dialog mit den Armen unvermeidlich herausfordert, starken Widerstand. Diejenigen, die bequem leben und mit sich selbst und ihrem Los zufrieden sind, fühlen sich vom Schrei des Bedürftigen beeinträchtigt. Aber die Angst der Menschen mit Behinderungen bringt unsere eigene Angst ans Licht; ihre Schatten sind unsere Schatten. Das ist der Grund, warum wir uns von ihnen abwenden. Die 1964 in Trosly-Breuil begonnene kleine Gemeinschaft wurde rasch größer. Nicht nur Menschen mit Behinderungen schlossen sich an, sondern auch „Assistenten“, wie man sie nannte, solche, die willens waren, sich nicht abzuwenden, sondern im Gegenteil mit den Behinderten ihr Leben zu teilen. In 8
der Folge entstanden in Frankreich und anderswo bald weitere Gemeinschaften. Sie entsprangen alle dem Wunsch, nicht neue Einrichtungen zu gründen, sondern foyers, „Herdstätten“, wie das französische Wort genau genommen übersetzt werden muss, also Häuser mit all dem, was zu einem Familienleben um einen häuslichen Herd gehört. Hier können Menschen mit Behinderungen und ihre Weggefährten gemeinsam die Freuden und Schwierigkeiten erleben, die ein von den Seligpreisungen der Bergpredigt inspiriertes Gemeinschaftsleben mit sich bringt. Was ihre konkrete Gestalt betrifft, nahmen die foyers unvermeidlich ganz unterschiedliche Formen an. 1995 war die ursprüngliche Kommunität auf rund 400 Menschen angewachsen, die in mehr als zwanzig über ganz Trosly-Breuil und seine Nachbardörfer verstreuten Häusern wohnten. Dabei war die ursprünglich für schwächer Behinderte gedachte Gemeinschaft von Compiègne, von denen viele in der örtlichen Industrie arbeiten konnten, bereits eine Einheit für sich geworden. Die Arche „Trosly-Breuil“ war damals so groß geworden, dass sie dreigeteilt werden musste. Neuere Gemeinschaften bestehen zum Teil aus nicht mehr als einem Dutzend Menschen. 2005 war die Arche auf 125 Kommunitäten in allen Erdteilen angewachsen. Die drei deutschen Archen in Tecklenburg bei Osnabrück, Ravensburg in der Nähe des Bodensees und Landsberg am Lech in Bayern waren 1986, 1998 und 2004 gegründet worden. Die Arche Im Nauen in der Schweiz gehört neben der Arche Tirol zu den deutschsprachigen Gemeinschaften. Genau wie in Frankreich wollten auch die Arche-Gemeinschaften in Deutschland, Indien, Nordamerika, England, der Elfenbeinküste, Honduras, Burkina Faso, Australien oder Polen sich in die örtliche Kultur einfügen. Manche Gemeinschaften liegen im Herzen von großen Hauptstädten, andere in ländlichen Gegenden. Manche verfügen über ihre eigenen Werkstätten; in anderen gehen die behinderten Menschen außerhalb zur Arbeit. Manche nehmen Schwerbehinderte auf; andere fühlen sich dazu nicht berufen oder ausgestattet. 9
1. Das „Wunder“ der Arche
In der Charta der Gemeinschaften der Arche heißt es: „Die Gemeinschaften der Arche sind Gemeinschaften des Glaubens. Ihre Wurzeln liegen im Gebet und im Vertrauen auf Gott. Sie möchte sich von Gott und von ihren schwächeren Gliedern führen lassen, in denen etwas von Gottes Gegenwart deutlich wird. Jedes Mitglied wird ermutigt, sein oder ihr geistliches Leben innerhalb der eigenen Religions- oder Konfessionszugehörigkeit zu leben und zu vertiefen. Auch wer keinen bestimmten Glauben hat, wird aufgenommen und in seiner/ihrer Gewissensfreiheit respektiert.“ Tatsächlich gehören manche in der Arche überhaupt keiner Glaubensgemeinschaft an. Aber die meisten Assistenten, die längere Zeit bleiben, fühlen sich schon wegen der besonderen Eigenart der Beziehung zu anderen, die zu diesem Leben gehört, zu irgendeiner Form des Gebets hingezogen. Das Ziel jeder Kommunität, mag sie in Belfast oder Haiti liegen, bleibt jedenfalls immer das gleiche: eine Familie zu bilden, in der Menschen mit geistiger Behinderung die Sicherheit und den Frieden finden, worin sie sich entfalten können. Und auch der Geist ist der gleiche: der Geist besonderer Sensibilität für die Bedürfnisse wie auch die prophetische Rolle der Armen. Das Leben in der Arche spielt sich auf mehreren Ebenen ab. Es gibt eine unaussprechliche Ebene, die man kaum in Worte fassen, sondern nur miterleben kann. Aber es gibt auch eine sehr greifbare, physische Ebene. Alle Ebenen hängen tief innerlich zusammen. Die Kapellen und das Oratorium in Trosly umgibt eine besondere Stille, obwohl sie nicht von der Realität der Gebrochenheit abgesetzt ist, die so sehr Teil unserer Welt ist. Die Messe darin bietet täglich das Zeugnis einer innigen Beziehung zwischen dem gebrochenen Brot auf dem Altar und der gebrochenen, aber Leben spendenden Anwesenheit der behinderten Menschen. Manche von ihnen mögen mit den Füßen scharren, sich ständig durchs Haar fahren oder ihrer Angst mit Schreien Luft machen; aber niemand kann ihnen vorwerfen, sie verhielten sich nicht ehrerbietig. 10
Die Arche unterscheidet sich dadurch von vielen anderen Kommunitäten, dass sie nicht auf dem Wort beruht, sondern in ganz besonderer Weise auf dem Körper. Menschen mit geistigen Behinderungen neigen dazu, wortkarg zu sein, sich jedoch ganz besonders stark über ihren ganzen Körper mitzuteilen. Sie verwenden dessen Schmerzen, Wonnen und Möglichkeiten dazu, sich auszudrücken und in Beziehung zu treten. Jean Vanier sagte einmal: „Gott offenbart sich den Menschen zunächst einmal durch das Wort, das eng mit dem Geist verwandt und mit Licht erfüllt ist und unseren Verstand und unser Herz anspricht. Aber dann gibt es auch die Offenbarung Gottes auf dem Weg über den Körper, der das Gegenteil der Kreativität, der Kraft, der Schönheit und der Weisheit des Wortes zu sein scheint: auf dem Weg über die Kleinheit der Gestalt, die Hinfälligkeit des Körpers, die Hässlichkeit, den Schmutz, den Geruch, wenn er stirbt. Unsere Menschen hier haben wenig Worte, aber eine Menge Körper.“ Aber wegen des geheimnisvollen inneren Zusammenhangs zwischen dem Wort und dem Fleisch verfügen diejenigen, deren Körper gebrochen, deren Geist behindert und deren Herz offen ist, über ein besonderes Geschenk der Offenbarung sowie über die Fähigkeit, andere zu jener Kommunion zu führen, die das Leben Gottes ausmacht: „Im Anfang, vor allem, war die Kommunion: die Kommunion zwischen Gott und dem ‚Logos’, dem ‚Wort’ … Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt (Joh 1,14)… Gott, der ewige Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde wurde wie wir, ein verletzliches, sterbliches Menschenwesen… Er wurde Teil unserer Geschichte und offenbarte uns einen Weg zu Gott und zum universalen Frieden… Er kam, um uns alle in diese Kommunion hineinzuführen, die das Leben Gottes selbst ist“ (Vanier, Entrer dans le mystère de Jésus). Diese Realität lässt sich am besten mittels der Erfahrung des „Mitlebens“ erfassen. Überzeugt zu sein, dass Jesus in den Armen gegenwärtig sei und darüber zu reden, ist eines; etwas anderes ist es, tatsächlich mit dem Armen konfrontiert zu sein, 11
1. Das „Wunder“ der Arche
dem der Speichel aus dem Mund rinnt, der einen irritiert, zuweilen gewalttätig oder unbeherrscht ist, einen unheimlich intuitiv durchschaut, entwaffnend bloßstellt und energisch Zuwendung fordert. Ein Betreuer der Arche formulierte es so: „Sie müssen das einmal mitmachen, was es heißt, sein Klo mit solchen Menschen zu teilen.“ Bevor man ein menschlich gesprochen deformiertes Gesicht als außerordentlich schön zu erkennen vermag, also fähig wird, das Wort im Fleisch wahrzunehmen, muss man oft viele Schranken überwinden; es bedarf eines hohen Maßes an „Zusammenleben.“ Der reiche Mann des Matthäusevangeliums (22,1-14) lebt in uns allen und findet alle möglichen Ausreden, um nicht zu diesem Hochzeitsfest kommen zu müssen. Wenn man ganz aufgeschlossen für den armen, nach Liebe schreienden Menschen werden will, bedeutet das in gewisser Hinsicht, sich selbst zu sterben: seinen eigenen Bequemlichkeiten, seinem Reichtum, seiner Muße, seinem Ansehen und Erfolg, und das nicht äußerlich, sondern innerlich. Es heißt, angesichts des Armen selbst arm zu werden und damit aufs Gebet „reduziert“ zu werden. Nach dem Verständnis von Jean Vanier ist es Gott eigen, Menschen zum Aufbruch in die Welt sowohl der äußeren als auch der inneren Armut zu berufen: „Für mich hängen Makrokosmos und Mikrokosmos innerlich zusammen. Mir hat sich die Sehweise Jesus immer deutlicher so erschlossen, dass die Armen nicht Menschen sind, die wir von unserem Podest herunter ändern und uns gleich machen müssten, sondern Menschen, von denen wir trinken können. Das heißt, die äußere und die innere Armut ist die gleiche Realität, aus der man trinken soll. Die Gegenwart Gottes findet sich in unserer Kleinheit und Armut, in unserem Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung.“ Das Gleichnis von Lazarus und dem reichen Mann, zwischen denen ein tiefer Abgrund klaffte (Lk 16,20-31), gilt sowohl für die äußere wie für die innere Welt. „Es gibt die Kluft zwischen dem Reichen und dem Armen und es gibt die Kluft in unserem eigenen Bewusstsein. Bei allem in unserem Leben geht es um das Überbrücken dieser Aufteilung.“ 12
Jean Vanier weist Titel eines „Gründers“ von sich. Genau genommen gehe die Gründung der Arche auf die Inspiration seines geistlichen Vaters Père Thomas Philippe zurück sowie auf die Behinderten, die trotz oder richtiger wegen ihrer physischen und psychischen Wunden zur Quelle des Gemeinschaftslebens geworden seien. Es sind jetzt weit über vierzig Jahre vergangen, seit Jean Vanier anfing, die „Armen“ einzuladen und mit geistig behinderten Menschen gemeinsam zu leben, also mit Menschen, die von einer besonderen Form der Armut geschlagen sind. In dieser Zeit hat sich die Überzeugung eher verstärkt als abgeschwächt, dass Gott die Schwachen, die „Verrückten“ und die Verachteten erwählt habe, um die Starken, die Schlauen und die Geachteten zu beschämen. Die Arche ist international sehr berühmt geworden, genau wie der Mann, der äußerst zurückhaltend ist, sich verehren zu lassen und eine große Abneigung gegen die Versuchung hat, mächtig zu sein, und sei es, um damit Gutes tun zu können. Jean Vanier veröffentlichte 2004 ein Buch über das Johannesevangelium. Darin verrät er einiges über das, was ihn im Herzen bewegte und bewegt: „Die Einsichten, die ich in diesem Buch mit anderen teile, kommen aus dem Leben Jesu in mir, aus dem, was Jesus mich beim Beten und Studieren lehrte. Sie haben sich auch aus meinem Leben mit Menschen ergeben, die schwach sind und mich gelehrt haben, Jesus vom Ort der Armut in mir selbst her willkommen zu heißen. Diese Auslegung des Johannesevangeliums lässt sich nicht davon trennen, wer ich bin, und zwar mit allem, was in mir gebrochen ist. Sie lässt sich auch nicht von den Wegen trennen, auf die Jesus mich in meinem Leben geführt hat“ (Entrer dans le mystère de Jésus). Man erkennt deutlich, wie sehr das Johannesevangelium seine Sicht der Arche und des Lebens beeinflusst hat: „Jesus beruft seine Jünger, ihm nachzufolgen, als er zum verachtetsten aller Völker geht. Er offenbart, dass er komme, um die Lähmung unserer Herzen zu heilen und uns ins Leben zu führen (Joh 5) 13
1. Das „Wunder“ der Arche
… Jesus offenbart, dass unsere letzte Bestimmung die Liebe sei und wir zu einem wunderbaren Hochzeitsfest berufen seien. Aber damit wir dies wirklich feiern können, müssen die Wasser unseres Menschseins in den neuen Wein der göttlichen Liebe verwandelt werden (Joh 2,1-12).“ Und weiter schrieb er: „Der Mensch erlangt dadurch größere Reife, dass er die Freiheit findet, er selbst zu sein und den Mut zu seiner ganz eigenen Geschichte zu haben. Diese soll er annehmen und lieben, mit ihrer ganzen Gebrochenheit und Schönheit.“ Er selbst hatte, zumindest auf der Ebene des Bewussten, dieses Stadium erreicht: „Ich würde von meinem Leben sagen, dass darin ein gewaltiger Wechsel von der Begeisterung zur Selbsterkenntnis hin stattgefunden hat.“ Er ist sich heute dessen bewusst, dass im Lauf der Jahre sein Wahrheitsverständnis reifer geworden ist, und auch seine Beziehung zu Jesus, weshalb er jetzt mutiger vom mystischen Element zu sprechen wagt, „… von Jesus, der die Jünger berief, mit ihm eins zu werden und mit ihm als geliebtem Freund zu leben.“ Von da her kann er auf sein eigenes Leben und Charisma sowie auf die Gründung der Arche mit größerer Klarheit und möglicherweise sogar besserem Verständnis zurückblicken: „Wessen ich mir sehr bewusst bin, ist, dass es eine Sendung gibt, ein Wunder. Es steckt irgendwie in den Einkehrzeiten, die ich halte, im Buch über Johannes, in der Arche. Ich bin mir dieses Geheimnisses bewusst, und auch dessen, dass ich sein Instrument bin.“ Er hat den Eindruck, viele heutige Menschen seien sich gar nicht der Gotteserfahrungen bewusst, die sie tatsächlich hätten. Wenn es einen guten Grund dafür gebe, über seine Rolle in der Arche zu schreiben, dann sei es der, den Menschen zu zeigen, dass Jesus ihn mit allen seinen Irrtümern und Schwächen und seiner Gebrochenheit dazu gebraucht habe, Mitspieler im „törichten“ Plan Gottes zu sein. Das könne sie darauf stoßen, dass auch sie zur engen Vertrautheit mit Jesus berufen seien, und damit auch dazu, etwas von der Liebe Beseeltes ins Werk 14
zu setzen, von Gott erfüllt zu sein und so zur Quelle des Lebens für andere zu werden. Dann würden auch sie fähig, ihr Leben als Wunder zu sehen.
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