T OBIAS F AIX
»Ich habe euch damit ein Beispiel gegeben, dem ihr folgen sollt. Handelt ebenso!«
Würde Jesus bei IKEA einkaufen?
Jesus Christus in Johannes 13,15
»Die Bibel wurde uns nicht gegeben, um unser Wissen zu vergrößern, sondern um unser Leben zu verändern.«
Herausforderungen zur ganzheitlichen Nachfolge
Dwight L. Moody
»Wenn wir die Welt ignorieren, dann betrügen wir das Wort Gottes. Wenn wir das Wort Gottes ignorieren, dann haben wir nichts, was wir der Welt geben können. Gerechtigkeit und Rechtfertigung durch Glauben, Anbetung und politisches Handeln, das Spirituelle und das Materielle, persönlicher Wandel und struktureller Wandel gehören zusammen. Wie im Leben Jesu bilden Sein, Tun und Sagen den Kern unseres integralen Auftrags.« Micha-Initiative
NEUFELD VERLAG
Inhalt
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»Ein Haufen Radikaler«: Vorwort von Stephan Volke Einleitung: Über die Nachfolge
1. Die Herausforderung des Glaubens
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, sind der Übersetzung Hoffnung für alle® entnommen, Copyright © 1983, 1996, 2003 by International Bible Society®. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlages
NEUFELD VERLAG
Der Abdruck der Zitate von Dietrich Bonhoeffer auf den Seiten 42 sowie 109–111 erfolgt mit freundlicher Genehmigung. © by Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbild: © ShutterStock® Satz: David Neufeld, Schwarzenfeld Herstellung: GGP Media, Pößneck © 2008 Neufeld Verlag Schwarzenfeld ISBN 978-3-937896-61-8, Bestell-Nummer 588 661 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de
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Worship starts now oder: Die Herrlichkeit Gottes und die Schwerkraft meines Alltags
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Gottsucher oder: Die Gemeinde als Ort der Begegnung?
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Warum ich als Christ nicht für schönes Wetter beten darf
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Revolte gegen das Zuviel
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»Deine Armut kotzt mich an!«
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Würde Jesus bei IKEA einkaufen?
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Warum Nächstenliebe mit fairem Handel zu tun hat und Glauben mit dem Spritverbrauch meines Autos
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Micha – damals und heute oder: Über den Zusammenhang von Ungerechtigkeit und Glauben
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Blickwechsel oder: Sind wir ein Volk von Jammerlappen?
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Begegnung mit Andy
2. Das Evangelium des Anstoßes 43
Das kastrierte Evangelium oder: Warum wir uns selbst unfruchtbar machen
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Die Wahrheitsfalle
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Let’s talk about Jesus! oder: Warum es uns so schwer fällt, mit unseren Freunden über Jesus zu reden
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Spirituelle Magersucht
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Der »Instant Gott«: Bigger, faster, better, more ...
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Neigen wir zur geistlichen Onanie?
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Weide meine Schafe – Von geistlichem Fastfood und persönlichen Verdauungsschwierigkeiten
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Von Thailand nach Deutschland – Gedanken über die Jugendarbeit bis ins Jahr 2019
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Wer ist dein Herr? oder: Das fünfte Evangelium
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Marie – Eine Kurzgeschichte
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Dietrich Bonhoeffer – Nachfolge feiern
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Michel aus Lönneberga oder: Warum es zu viele Topfchristen gibt
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McJesus oder: Wie sieht dein Jesus aus?
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Gründer oder Erhalter? – Mit Gott Visionen umsetzen
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Von der Freiheit des Verzichts
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Von Ratten und Leitern – Ausgelaugte Leiter und unselbstständige Gemeinden
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Neue Väter braucht das Land – Familien, Väter und Gemeinde
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Neumer und Ort – Eine Kurzgeschichte
3. Die Gesellschaft, in der wir leben 68
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Salz und Licht oder: Wie unsere Nachfolge die Gesellschaft verändern kann. Teil 1: Der biblische Auftrag Teil 2: Die bessere Gerechtigkeit
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Das elfte Gebot: »Du sollst keine Jesusfilme machen«
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Second Life – Mein anderes Ich
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Deutschland sucht den Superchrist
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Die Wissensgesellschaft
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Die (christliche) Konsumgesellschaft und der Vorhof der Heiden
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Die Rückkehr der Religion – Postmoderne Spiritualität und der Wettlauf zum eigenen Glauben
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Massenrausch und Popreligiosität oder: Die Rückkehr des Kreuzes?
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Christsein in der Postmoderne – Emerging Church und andere geistliche Aufbrüche
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Und immer derselbe Traum – Eine Kurzgeschichte
4. Der Jesus, dem wir nachfolgen 99
Das Wunder geschieht in deinen Händen
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Von falschen Kleidern, Erwartungen und dem Mut, man selbst zu sein
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Spiritualität oder: Auf der Suche nach einer ganzheitlichen Gottesbegegnung
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Das Alte Testament, Jesus und unser Denken heute
»Ein Haufen Radikaler« Vorwort von Stephan Volke
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s ist so einfach, alles so zu machen, wie wir es gelernt haben. Es ist so einfach, sich gegen Veränderungen zu wehren und keine neuen Gedanken im Leben zuzulassen. Es ist so einfach, sich auch sein Leben mit Gott so einzurichten, dass es weder uns selbst noch anderen weh tut. Es ist so einfach, aber ist es auch richtig? Viele Christen leben nach dem Motto: »Ich will so bleiben, wie ich bin«, und meinen dann, dass Jesus ihnen ins Ohr flüstert: »Du darfst«. Aber das ist ein Irrtum. Ich erinnere mich an das Erlebnis eines Freundes, dem ein langjähriger Christ einmal sagte: »Seit mehr als dreißig Jahren stehe ich nun in der Nachfolge!« Mein Freund merkte sofort, dass das sehr ernst gemeint war, denn sein Gesprächspartner stand tatsächlich. Und das sogar still, denn da bewegte sich nichts mehr! Aber ist es das, was Jesus meinte, als er Menschen aufforderte, ihm nachzufolgen? Zum Glück ist Jesus kein hoher Offizier, der seine Truppe anbrüllt: »Steht bequem!« Genau das Gegenteil ist die Art Jesu. Er sagt: »Kommt mit, lernt von mir.« Das heißt zuerst einmal: »Bleibt nicht, wie ihr seid!«, »Steht nicht rum und auch nicht bequem, sondern seid in Bewegung!« Es gibt viel zu entdecken, es gibt viel zu tun, also: Lasst uns aufbrechen! Jesus war kein Mensch, der die Bequemlichkeit liebte. Er war ein Radikaler – und die ersten Jünger waren es ebenfalls. Das Wort »radikal« kommt vom lateinischen Wort »Radix« – und das bedeutet »Wurzel«. Verwurzelt sein, ohne unbeweglich zu werden, darauf kommt es im Leben als Christ an. Jesus war kompromisslos in seiner Liebe zu den Menschen. Er war kompromisslos in seinem Urteil über Menschen, die Gesetze über die Liebe, Regeln über die Barmherzigkeit, Richtigkeiten über die Gnade stellen wollten. Auch dieses Urteil war radikal. Wir müssen wieder neu lernen, radikal zu denken, zu handeln und zu sein. Nachfolge lässt sich nicht regeln, sondern nur leben. Dieses Buch gibt viele Denkanstöße, provozierende Impulse und jede Menge Stoff zum Nachdenken. Ob allen alles gefällt, ist dabei überhaupt nicht wichtig. Oft sind es gerade Gedanken, die weh tun, die uns am
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besten weiter bringen. Und es ist in der Nachfolge besser, wenn uns mal einer auf die Füße tritt, als dass wir immer auf derselben Stelle stehen und keinen Schritt vorwärts kommen. Tobias Faix betätigt sich mit diesem Buch als provozierender »Auf-die-Füße-Treter«. Ich brauche so etwas von Zeit zu Zeit.
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Einleitung: Über die Nachfolge
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ch kann mir kaum etwas Spannenderes und Schöneres vorstellen, als Jesus nachzufolgen. Ich dachte, das ist ein toller erster Satz für dieses Buch. Und es stimmt. Meistens. Nun ja, wenn ich ehrlich bin, dann könnte ich auch schreiben: Manchmal frustriert es mich total, Jesus nachzufolgen. Das ist kein so motivierender erster Satz für dieses Buch. Aber auch das stimmt. Manchmal. Jesus nachzufolgen ist auf alle Fälle spannend, aufregend und verändernd.
Nachfolge heißt: ganz folgen Jesus folgen hat erstmal nichts zu tun mit Heiligung oder Jesus ähnlicher werden oder gar so werden wie Jesus. Nachfolgen heißt bei Jesus erstmal, dass die Jünger dahin gehen, wo Jesus auch ist. Ganz, so, wie sie sind, sollten sie ihm damals folgen. Alles stehen und liegen lassen. Arbeit, Familie, Vermögen – alles erstmal egal. Jesus hat Priorität. Da merke ich sofort, dass sich alles in mir zusammenzieht, ich anfange zu argumentieren, dass die heutige Situation anders ist (und das ist sie ja auch) und dass Jesus sicher nicht möchte, dass ich Frau und Kinder sitzen lasse (will er auch nicht). Und ich merke, wie spannungsgeladen das Thema Nachfolge ist. Dass es dabei nicht um eine theoretische Diskussion geht, sondern um mein praktisches Leben und zwar mit allem, was dazu gehört. Und es geht nicht um schnelle Antworten, sondern um ein Ringen auf allen Ebenen. Nachfolge ist ein ganzheitlicher Prozess, der alle Lebensbereiche einschließt, also nicht nur den Sonntagsgottesdienst und den Hauskreis, sondern vor allem Familie, Freunde und Arbeit. Nachfolge lässt sich nicht reduzieren auf Stille Zeit (wir finden keine Bibelstelle, dass Nachfolge sich darüber definiert, wie oft und regelmäßig und intensiv du Bibel liest oder sogar betest), sondern umfasst unser ganzes Leben und uns als ganzen Menschen (Geist, Seele und Leib). Dabei sind wir von einer bestimmten Kultur geprägt und leben in einem konkreten gesellschaftlichen Umfeld. Nachfolge hat auch damit zu tun und hinterlässt da, wo wir gehen, unsichtbare Fußabdrücke, die zu erkennen geben, wem wir nachfolgen und wie sich dies in unserem Leben und bei unseren Mitmenschen auswirkt.
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Nachfolge heißt: handeln Karl Liebknecht war ein feuriger Kämpfer für den Sozialismus am Anfang des 20. Jahrhunderts und einer der Gründer der Kommunistischen Partei, der 1919 aufgrund dieses Einsatzes zusammen mit Rosa Luxemburg umgebracht wurde. Oft traf Karl Liebknecht sich mit Studenten und linken Genossen zu Diskussionen, um seine Thesen und Visionen mit anderen zu teilen. Seine Anhänger besuchten ihn auch zuhause und als Liebknecht einmal mit einigen von ihnen spazieren ging, nahm er seinen Sohn mit. Karl Liebknecht setzte ihn sich auf seine Schultern, während er redete. Er kam so ins Erzählen und Diskutieren, dass er seinen Sohn ganz vergaß. Sie sprachen hitzig über Gleichheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit und Liebknecht bemerkte nicht, dass sein Sohn dringend auf die Toilette musste und wild gestikulierte. Schließlich geschah es, sein Sohn pinkelte Liebknecht buchstäblich ins Genick. Der wurde daraufhin so zornig, dass er den Jungen vor den Augen seiner Zuhörer verprügelte. Wir sollten aufpassen, dass es uns als Christen und Gemeinden nicht genauso ergeht. Dass wir bei all dem, was uns wichtig ist, worüber wir engagiert diskutieren, wofür wir Zeit und Geld investieren, nicht das praktische Handeln vergessen. Ich merke, wie leicht es mir fällt, Missstände anzuprangern und spannende Diskussionen zu führen – und wie schwer, das Diskutierte im Alltag zu leben. Veränderung beginnt mit Erkenntnis, mit einer Bewusstseinserweiterung (Römer 12,2) und führt dann zu verändertem Handeln (Matthäus 5– 7). Denken und Handeln sind beide wichtig und gehören zusammen, sollen und können nicht getrennt werden.
Nachfolge heißt: Leben im Paradox In der Nachfolge kommt es immer wieder zu Problemen. Problemen, die für mich kaum überwindbar sind. Ich möchte als Nachfolger Jesu radikal leben, alles verlassen, Wunder erleben und die Herrlichkeit Gottes soll täglich in ihrer ganzen Fülle über mich ergossen werden (natürlich bleibe ich dabei demütig, erwähne das höchstens ganz nebenbei). Gleichzeitig möchte ich ein sehr guter Ehemann und Vater sein. Immer da sein, kreativ und motivierend, ein Vorbild für die eigene Familie. Denn ich weiß: Das Reich Gottes beginnt in der Familie. Als Familienvater biete ich meinen Kindern, was sie brauchen, erziehe sie nach christlichen Maßstäben zu selbstständigen Persönlichkeiten. Da kollidiert dann leider freiwilliger Verzicht mit
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dem Wunsch nach Markenklamotten, und auch ich möchte mir ab und zu etwas gönnen (ein Apple-Notebook zum Beispiel), bekomme aber ein schlechtes Gewissen, wenn ich an die Millionen hungernder Kinder denke (dass diese Gedanken ausgerechnet im Computerladen verschwunden sind, muss ein Zeichen sein!). Was tun? Das Paradox der christlichen Nachfolge liegt manchmal wie Blei über meinem Leben und doch weiß ich, dass dies eine kreative Spannung ist, die ich auf Erden niemals auflösen werde. Jesus sagt seinen Nachfolgern, dass das Reich Gottes auf dieser Erde mit ihm begonnen hat, aber noch nicht vollendet ist. Nachfolge heißt ein Leben im Jetzt und Noch-nicht. Ein Leben voller Spannungen, im Paradox des Glaubens. Ein Leben zwischen der vollkommenen Erlösung Christi und der Sündhaftigkeit unseres eigenen Lebens. Ein Leben zwischen heiligen Momenten und zerstörendem Egoismus. Zwischen heilender Gemeinschaft und heillosem Streit. Nachfolge zwischen dem Geschenk des Glaubens und dem Leben dieses Glaubens in unserem Alltag. Jesus hat diese Spannung selbst in sich getragen, indem er ganz Gott und ganz Mensch war. Wir sind nur Menschen und das macht es manchmal schwierig. Aber wir sind auch Erlöste. Erlöste, die mit beiden Beinen in der Wirklichkeit dieser Welt stehen.
Um was es eigentlich geht Wer für diese Spannungen schnelle Antworten und platte Wahrheiten erwartet, der wird mit Sicherheit enttäuscht werden. In diesem Buch soll zum Nachdenken angeregt, sollen Impulse gegeben und auch mal kritisch nachgefragt werden. Es geht dabei nicht darum, jemanden persönlich, eine Gemeindeform oder gar einen bestimmten Frömmigkeitsstil in ein schlechtes Licht zu rücken. Sondern es geht darum, Einseitigkeiten aufzudecken und zu hinterfragen. Dabei nehme ich mich selbst in die Pflicht, meine eigene Glaubensgeschichte, meine Suche nach Spiritualität und Gottesbegegnung und mein Verhältnis zu der Kultur und Gesellschaft, in der ich lebe. Dabei geht es immer um die Frage der Nachfolge, zum einen persönlich, aber auch als Gemeinde und Kirche. Dass ich dabei nicht neutral bin oder die Wahrheit für mich gepachtet habe, versteht sich von selbst. Diese verschiedenen Texte sollen im besten biblischen Sinne prophetisch sein, zur Nachfolge ermutigen und ermahnen. Sie sollen Mut machen, diesem Jesus zu vertrauen, und zum Ärgernis werden, wo
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wir mehr zum Pharisäertum neigen als zum Jüngersein. Ich selbst stehe zumindest in dieser Gefahr. Auf alle Fälle sollen sie inspirieren, diesem Jesus alles zuzutrauen, und zu einer ganzheitlichen Nachfolge herausfordern.
Was zu erwarten ist Dabei ist dieses Buch in vier Bereiche aufgeteilt. Diese Einteilung ist nicht streng dogmatisch, sondern dynamisch zu verstehen. Nachfolge hat verschiedene Facetten, die sich immer wieder überschneiden und ergänzen. Zu Beginn geht es um die Herausforderung des Glaubens – auch auf die Schwächeren in der Gesellschaft zu sehen, sich nicht nur im eigenen Mikrokosmos um sich selbst zu drehen, sondern den Kopf zu heben und die Verantwortung für seinen Nächsten wahrzunehmen. Im zweiten Teil sehen wir uns das Evangelium des Anstoßes näher an: Nachfolge bedeutet auch, sich hinterfragen zu lassen, nicht nur mit dem frommen Mainstream zu schwimmen, sondern die eigene Prägung und das eigene Verhalten kritisch zu betrachten. Danach dreht sich alles um die Gesellschaft, in der wir leben. Wer beeinflusst eigentlich wen? Wir Christen die Gesellschaft oder doch eher umgekehrt? Im letzten Teil des Buches geht es dann um den Jesus, dem wir nachfolgen. Wie sieht unser Jesusbild aus? Woher kommt das eigentlich? Wie sehen und erleben wir ihn und was können wir von Jesus erwarten und lernen? Dieser Jesus, der so vielfältig ist, sanftmütig, scharfzüngig, mitfühlend, ehrlich, herausfordernd, voller Liebe, ermutigend und geduldig. Ich folge ihm schon eine ganze Weile nach und habe darüber in den letzten paar Jahren immer wieder kleinere Texte, Kolumnen oder Kurzgeschichten geschrieben. Manche wurden schon veröffentlicht (im »dennoch«-Magazin), andere habe ich erst jetzt geschrieben. Jeder Beitrag steht für sich und doch ergeben sie gemeinsam ein Ganzes. Jesus immer wieder neu zu begegnen, sich neu hinterfragen zu lassen und das Ergebnis im Leben umzusetzen, das wünsche ich mir und dir beim Lesen dieses Buches. In diesem Sinne hoffe ich auf ein anregendes Lesen! Tobias Faix, Marburg
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Begegnung mit Andy
Andy:
a die Busse in Marburg an Feiertagen nur sehr spärlich fahren, musste ich heute eine halbe Stunde warten. Ich setzte mich auf eine Bank neben einen Obdachlosen, der im Rollstuhl saß, und begann zu lesen. Dann ergab sich folgender Dialog:
Toby: Andy: Toby: Andy
Mann: Toby: Mann: Toby: Mann Toby: Mann: Toby: Mann: Toby:
Toby: Andy:
D
Andy:
Toby: Andy: Toby: Andy: Toby: Andy: Toby: Andy: Toby: Andy: Toby Andy: Toby:
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Hi! Haste mal ein bisschen Kleingeld? Hi, ja, hab’ ich. Kannste mir was geben? Für was brauchst du’s denn? (überlegt kurz): Für Bier, bin Alkoholiker. (gibt ihm was) Danke. Wie heißen Sie denn? Andy, kannst ruhig »du« sagen. Ich heiße Toby. Cool, dich kennenzulernen! Was hast du mit deinen Beinen gemacht? Ich habe schon von Geburt an Durchblutungsstörungen in den Beinen gehabt, bin deshalb mein ganzes Leben an Krücken gegangen und hatte letztes Jahr einen doppelten Beckenbruch. Seitdem ist alles kaputt, hab’ jetzt ’ne Stahlplatte im Becken und kann nicht mehr laufen. Und seit wann trinkst du? Seit 40 Jahren. Wie alt bist du? 38. Du siehst jünger aus. Und wie alt bist du? 53. Ich seh’ aber älter aus! (beide lachen) Und wo wohnst du? Im Waldtal, in einem Sozialzimmer. Und du? In der Ecke Schwanallee/Gisselbergerstraße ... Im »Jesus lebt«-Haus? (überrascht): Ja, genau ... Da haben früher Diakonissen drin gewohnt. Ja, die sind jetzt aber nicht mehr da.
Toby: Andy:
Ich war da öfters, die haben mir immer was zu essen gegeben. Die waren alt, aber sehr nett und haben sich mit mir unterhalten, obwohl sie wussten, dass ich schlucke. Das finde ich gut. Was machst du denn? Ich bin Theologe. (lacht): Jetzt kenn’ ich einen Theologen! Und er sitzt neben mir und spricht mit mir. Klar, warum denn nicht? Na ja, nicht alle Leute sprechen mit mir. Aber die Studenten sind ganz nett und ich mach’ auch niemand Probleme. Ich komm ja nicht mehr weit mit meinem Rollstuhl und dann sitz’ ich halt den ganzen Tag hier und, na ja, trinke und, na ja, du weißt schon. Aber du bist ganz schön nett für einen Theologen … Also, eigentlich sollten alle Theologen, alle Christen nett sein … Ich wurde auch christlich erzogen, aber dann ist einiges schief gegangen in meinem Leben, aber ich glaub’ immer noch, dass der Herrgott auf mich aufpasst. (Pause) Und der, der ist gerecht, da glaub’ ich dran, der ist bestimmt gerecht …
Zum Weiterdenken: • Uwe Heimowski, Brunos Dankeschön – Geschichten von der Reeperbahn, Neufeld, Schwarzenfeld • www.oase-koeln.de
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Wer ist dein Herr?
Stunde und ich wusste, dass ich von meinen afrikanischen Brüdern und Schwestern eine entscheidende Lektion für die Jugendarbeit im »reichen und perfekten« Deutschland gelernt hatte.
Gottes Souveränität anerkennen Ich habe auch gelernt, dass es bei Erweckung um Gott geht und nicht um unsere theologischen, traditionellen und denominationellen Hintergründe. In vielen Ländern, wo es gerade geistliche Aufbrüche gibt, fängt es unter Jugendlichen und/oder unter Frauen an und zwar dann, wenn sie über ihre Gemeindegrenzen hinweg vor Gott kommen und sich im Gebet versammeln. Wovor haben wir Angst in Deutschland? Vor anderen Gemeinderichtungen: zu charismatisch? Zu evangelisch? Zu katholisch? Davor, dass wir unsere sicheren Regeln innerhalb der Gemeindearbeit aufgeben müssen und dadurch selbst in Frage gestellt werden? Dass Gott plötzlich so zu wirken beginnt, dass wir es nicht mehr kontrollieren können? Genau das ist es. Gott ist souverän, er ist der Herr, nur sein Geist kann geistliche Aufbrüche schenken und Menschen retten. Nicht wir! Nicht du und ich auch nicht. Vielleicht sind wir sogar das Problem. Wir haben es uns in unseren Hauskreisen schön warm und bequem eingerichtet. Alles läuft so, wie wir es wollen. Alles ist abgesichert und dass kaum jemand zum Glauben kommt, das zeigt nur, dass wir in einer schlechten Welt leben. Es ist ja schließlich Endzeit ...! Ich weiß, ich karikiere. Aber ich bin überzeugt: Wenn wir die geistlichen Spielregeln wieder Gott übergeben und ihn aus unserem »Schuhkarton« lassen, dann kann bis 2019 viel passieren. Und dafür ist es höchste Zeit. Lasst uns beten ...
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Zum Weiterdenken: • Arndt E. Schnepper/Roland Werner (Hrsg.), Eine neue Vision … Die Lausanne Bewegung in Deutschland, Hänssler, Holzgerlingen • Die offiziellen Berichte und Ergebnisse gibt es auf der Website www.lausannerbewegung.de
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oder: Das fünfte Evangelium
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er ist dein Herr?« Eine komische Frage? Vielleicht. Vielleicht aber auch eine berechtigte. Was bedeutet »Herr sein« überhaupt? Wer darf mein Herr sein? Ich selbst? Gott? Oft sind wir uns nicht darüber im Klaren, was es überhaupt bedeutet, dass Gott in unserem Leben der »Herr« ist. Das ist natürlich biblisch, dass Gott unser Herr sein will, und wir sind auch bereit, das zu bekennen. Aber ist er es wirklich? Ich behaupte, dass sich vielerorts neben den vier Evangelien noch ein fünftes eingeschlichen hat: unser eigenes Evangelium, so, wie wir es interpretieren und leben. Wir reden von und beziehen uns natürlich auf Matthäus oder Johannes, leben aber nach unserem eigenen Evangelium. Wir sehen und kritisieren die Fehler der anderen selbstgerecht und hart und nehmen die Gebote Gottes in unserem eigenen Leben nicht ernst. Wir sind Meister im Reden und Bettler im Tun. Zeigt sich hier ein neuer frommer Trend? In Lukas 6,46 sagt Jesus: »Warum nennt ihr mich dauernd ›Herr!‹, wenn ihr doch nicht tut, was ich euch sage?« Jesus ist da knallhart, sein Evangelium ist eindeutig: Wer es nicht befolgt, lebt nach seinem eigenen. Manchmal kommt es mir so vor, als ob die Gebote Gottes für uns den Charakter einer Quizshow besitzen: Du sollst deinen Nächsten lieben ... a) wenn er dir sympathisch ist. b) wenn er dich auch liebt. c) wenn er der richtigen bibeltreuen Lehre anhängt. d) einfach so! Für was entscheidest du dich heute? Was passt dir in den Kram? Wonach richtest du dich bei dieser Frage? Was steht darüber in deinem persönlichen Evangelium? Bevor du dieses Buch jetzt in die Ecke schmeißt, nimm dir doch mal zwei Minuten Zeit und gehe deinen Tag durch: Wo hast du Gott durch dein Leben geehrt? Wo hast du seine Gebote ernst genommen und befolgt? Und wo hast du egoistisch nach deinen eigenen Vorstellungen gehandelt?
Wer ist dein Herr? Klappe, die zweite Also noch mal von vorne. Wer ist dein Herr? Was bedeutet es, wenn wir Gott sagen, dass er unser Herr ist? Wir wollen dadurch
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etwas zum Ausdruck bringen, was uns wichtig ist; wir wollen Gott ehren und ihm zeigen, dass er Autorität und Macht besitzt über unser Leben. Wir nehmen Gott als unseren Herrn ernst und sein Wort hat für uns verbindlichen Charakter. Alles, was Gottes Wort verwässert und Gott nicht ehrt, hat in unserem Leben keinen Platz! Wie zeigt sich das aber praktisch in unserem Leben? Eben nicht, indem wir »Herr, Herr« sagen, sondern indem wir ihm gehorsam sind. Darin liegt der Glaube verborgen, wenn wir Gott vertrauen, dass er es gut mit uns meint, wenn wir seine Gebote halten. Klingt so einfach und ist doch eine große Herausforderung!
Gegen ein einseitiges Evangeliumsverständnis Wir betonen, dass uns durch Jesus alle Kraft und Macht Gottes zur Verfügung stehen. Und das ist auch richtig. Wir dürfen Gottes Kraft und Macht durch den Heiligen Geist erleben, wir dürfen ihn anbeten und loben. Gott ist unser Vater, der uns immer wieder vergibt, gnädig ist und dessen Barmherzigkeit kein Ende hat. Wir dürfen mit seiner Hilfe im Alltag rechnen und Gott möchte unsere Gebete erhören! Das sind Gottes Zusagen, weil er uns unendlich liebt. Aber wir dürfen ebensowenig verschweigen, dass Gott allmächtig und heilig, zornig und eifersüchtig ist und von uns erwartet, dass wir ihm gehorsam sind; dass wir – zu unserem Besten – tun, was er sagt. Ich glaube, dass wir ganz neu ehrlich werden müssen vor uns selbst und vor Gott, damit Gottes Geist die Macht hat, uns zu prüfen und zu durchforschen, damit Jesus uns vergeben kann und uns die Kraft gibt, das zu leben, was er will; damit wir das werden, was er sich für uns vorgestellt hat, und nicht das bleiben, was wir schon lange sind.
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Zum Weiterdenken: • Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh
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Marie Eine Kurzgeschichte
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arie ist 17, seit einem Jahr glücklich befreundet und geht in eine Freikirche ihrer Stadt. Dort besucht sie regelmäßig den Jugendkreis und engagiert sich außerdem im Anbetungsteam (Klavier und Gesang) und im Bibelkreis ihres Gymnasiums. Alles läuft wunderbar, in ihrer Familie und bei ihren Freunden ist sie beliebt, eher unauffällig, fleißig und pünktlich. Das alles ändert sich schlagartig an dem Tag, als sie ungewollt schwanger wird. Ihre Eltern können es nicht fassen, für sie bricht eine Welt zusammen. Hatten sie ihre Tochter nicht richtig aufgeklärt? In der Gemeinde machen schnell die schlimmsten Gerüchte die Runde und bald heißt es, dass das bei Maries Lebenswandel ja irgendwann passieren musste. Sie wird vor den Ältestenkreis geladen und man verlangt nach einer Erklärung (so komisch sich das jetzt vielleicht anhört). Vielleicht erwarteten die Ältesten auch eine Entschuldigung, aber ganz bestimmt nicht das, was Marie ihnen etwas unsicher mitteilt. Sie habe eine Vision gehabt und sie glaube, dass das Kind irgendwie von Gott selbst sei; sie sei jedenfalls absolut unschuldig. Außerdem wolle Gott sie benutzen, um alle Menschen zu retten, auch sie, die Ältesten der Gemeinde. Die Ältesten sind außer sich, fühlen sich komplett verschaukelt und weisen Marie scharf zurecht. Sie halten ihr Gotteslästerung und Fanatismus vor und drohen ihr mit einem Gemeindeausschlussverfahren, sofern sie sich von diesen blasphemischen Gedanken nicht verabschiede. Außerdem wird sie von allen ehrenamtlichen Ämtern enthoben und zum besten therapeutischen Seelsorger der Stadt geschickt. In der Gemeinde wird Marie von vielen gemieden, so dass sie die Gottesdienste bald nicht mehr besucht. In ihrer Familie hält sie es nicht mehr aus und so beschließt sie, die Stadt zu verlassen. Ihr Freund schließt sich ihr an, weil auch er eine Art Offenbarung bekommen hat. Und so ziehen sie gemeinsam los. Leider haben sie kaum Geld und so zockeln sie in einem alten VW Polo durch halb Deutschland, um bei Verwandten unterzukommen. Das klappt aber nicht und so suchen sie verzweifelt eine Unterkunft,
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Deutschland sucht den Superchrist
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ndlich ist es so weit, nach Wochen des harten Ausscheidungskampfes, Tränen der Rührung und Enttäuschung, nach Momenten des Glücks und der Verzweiflung: Wir stehen im Finale! Deutschland sucht den Superchrist. Die Show, die alle bis dahin bekannten Dimensionen gesprengt hat, findet nun endlich ihren verdienten Höhepunkt und Millionen Menschen sind live dabei. Dazu heute die fünf Finalisten und Tausende ihrer Fans, die seit Tagen die Halle und ihre Zufahrtswege belagern und teilweise aus Protest blockieren. Aus der Arena der Eitelkeiten begrüßt Sie, wie immer, unser Starmoderator Ulli P.: »Herzlich willkommen, meine sehr verehrten Damen und Herren, wo immer Sie uns zuschauen! Ganz besonders stolz präsentieren wir Ihnen heute wieder unsere allseits beliebte und vor allem immer gerechte Jury mit Jesus C. aus H., seinem Vater und dem powervollen Holy G. Also, es kann losgehen und hier kommt auch schon unser erster Kandidat: Martin Wort. Wir sind gespannt!« Martin Wort kommt mit einer überdimensionalen schwarzen Bibel auf die Bühne. »Liebe Geschwister, wir lesen schon im Wort Gottes, dass es nur einen Gott gibt und nur einen Mittler zwischen ihm und den Menschen, nämlich Christus. Aus seiner Gnade sind wir erlöst, seine Rechtfertigung bringt uns das ewige Leben. Das steht geschrieben und darauf können wir uns verlassen. Lassen wir das Wort Christi reichlich wohnen unter uns. Alle Schrift ist von Gott eingegeben und spielt somit die zentrale Rolle für uns Christen. Sola scriptura, wie unser Stammvater Luther schon sagte! Deshalb ist klar: Die wahre Lehre setzt sich auch hier und heute durch. Amen!« »Vielen Dank, lieber Martin! Die Jury hat sich schon fleißig Notizen gemacht, aber wir werden sie erst am Ende aller Kandidaten hören und freuen uns jetzt schon auf Finalteilnehmer Nummer 2: Ekkehard Wüstensand.« Ekkehard Wüstensand betritt langsam, bedächtig, ja fast schleppend die Bühne. »Der Schlüssel zur Begegnung mit Gott liegt in der Stille und im Gebet. Nur hier werden wir Gott finden und erleben, wie er in unserem Herzen größer und mächtiger wird. Die Veränderung eines Christen beginnt nicht durch sein Wissen und seinen Verstand, sondern durch die tiefe Nähe mit Gott, dem Vater. Sein
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Herzschlag in meiner Seele veränderte mein Leben so sehr, dass ich unabhängig geworden bin von allen äußeren Einflüssen und all mein Sein auf ihn richten kann.« »Ja, vielen Dank für diese eher ruhige Ausführung. Ich bin sicher, dass Sie, liebe Zuschauer, die Tiefe dieser Aussagen zu würdigen wissen, und komme jetzt zu Kandidatin Nummer 3: Theresa Rastlos!« Sie kommt mit einer Gruppe ziemlich ausgemergelter afrikanischer Kinder auf die Bühne und redet gleich drauflos: »Ich möchte meinen Vorrednern nicht Unrecht tun. Und nichts gegen Gebet und Stille, aber davon wird niemandem wirklich geholfen! Jesus hat gesagt: Was ihr einem meiner geringsten Brüder und Schwestern tut, das tut ihr mir! Dass ist das Entscheidende! Seid Täter des Wortes und nicht Hörer! Die Welt geht kaputt und ihr schaut zu? Das kann nicht sein! Gott möchte, dass wir unsere soziale Verantwortung wahrnehmen und das, was wir haben, mit den Armen und Unterdrückten teilen! Seht doch diese Kinder, sie brauchen unsere Hilfe! Millionen sterben an Hunger und wir essen unseren Teller nicht leer! Ist das der Wille Gottes?! Ist das seine Gerechtigkeit?!« »Das war unsere temperamentvolle Theresa Rastlos, wie wir sie schon aus den Vorrunden kennen! Während die Kinder mit den Körben durch die Reihen gehen und ihr Geld einsammeln, widmen wir uns unserem nächsten Kandidaten, Nikolaus Graf von Metanoia.« Der betritt festen Schrittes, schlicht gekleidet, die Bühne, seufzt schwer und legt nach einer kurzen Pause mit zitternder Stimme los. »Liebe Brüder, jetzt ist der Tag des Herrn, jetzt ist der Tag des Heils! Entscheidet euch für Christus, schwört ab der finsteren und bösen Welt. Tut Buße, denn der Tag des Herrn naht! Seht die Zeichen der Zeit; seht, wie die Welt an Macht gewinnt, und widersteht ihr. Nehmt zu in der Heiligung und sagt ab den weltlichen Genüssen und Versuchungen. Nur die Demütigen werden durch die enge Pforte treten und den Herrn sehen. Siehe, der Herr kommt bald!« »Nun, nach diesen eher ernsten, aber eindringlichen Worten kommen wir zu unserem letzten Teilnehmer, Benny Geistreich. Ich darf bitten!« Benny Geistreich schwebt unerwartet von der Decke an einem fast unsichtbaren Seil auf die Bühne und beginnt sofort mit seiner dyna-
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mischen Rede. »Lobpreis und Ehre dem allmächtigen Gott des Himmels und der Erde. Sollte ihm etwas unmöglich sein? Nein! Denn er hat uns seinen Geist gegeben! Höre ich ein Amen? War das alles? Lasst die Halle erzittern in der Herrlichkeit des Herrn! Gottes Geist ist anwesend, ich kann ihn spüren, seine Kraft wird in euch Schwachen mächtig! Er möchte euch erfüllen und euch heilen von aller eurer Krankheit. Heute dürfen wir die Zeichen und Wunder Gottes erleben, Zeugnis ablegen von dem, was der Herr tut. Gott möchte euch alle zu Superchristen machen …« »… vielleicht mal so weit, lieber Benny Geistreich. Vielen Dank an die fünf Kandidaten. Unterschiedlicher könnten Christen ja gar nicht sein! Aber das macht es spannend und jetzt sind Sie gefragt, liebe Zuschauer. Rufen Sie jetzt an: Wählen Sie Ihren Superchrist! Wer hat Sie überzeugt? Wählen Sie jetzt!« Es folgen die Minuten der Entscheidung, die Massen toben und die Band Prechrist tritt auf. Dann ruft Ulli P. die Massen zur Ruhe. »Der Ted ist da! Wer ist Deutschlands Superchrist?« Spannungsgeladene Stille. Ulli P. genießt die konzentrierte Aufmerksamkeit, schlägt die Augen nieder. »Auf diesen Moment haben wir lange hingearbeitet, Tausende von Christen haben sich beworben. Jetzt haben wir fünf Finalisten, aus denen Sie, liebe Zuschauer, den Superchrist gewählt haben! Das Ergebnis lautet …« Ulli P. schaut ungläubig auf den ihm gereichten Stimmzettel, schaut Richtung Regie, dann wieder auf seinen Zettel, schüttelt mehrmals den Kopf, die Zuschauer bemerken die Nervosität ihres Moderators und trauen sich kaum, zu atmen. Ulli P. räuspert sich, schaut verzweifelt zu den Kandidaten und dann etwas gefasster in die Kamera. Dann spricht er mit fester, ruhiger Stimme: »Das ist live, meine Damen und Herren, das ist unglaublich, das ist eine Sensation, das ist ein Wunder! Alle fünf Kandidaten haben exakt 20 Prozent der Zuschauerstimmen. So etwas habe ich in meiner langen Karriere als Moderator noch nie erlebt. Jetzt (kurze Pause) hat die Jury das letzte Wort.« Die Spannung steigt noch einmal ins Unermessliche, die Jury ist bereit. Deutschland sucht den Superchrist, jetzt ist die Zeit der Entscheidung. Da richtet sich Jesus langsam auf. Es wird still. Er hat den Kopf gesenkt und erhebt ihn jetzt, das grelle Scheinwerferlicht spiegelt sich in seinen mit Tränen gefüllten Augen. Mit leiser und matter Stimme
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fragt er: »Habt ich ihr mich lieb? (Lange, fast unerträgliche Pause.) Dann weidet meine Schafe!« Betroffen, voller Unverständnis und teilweise auch wütend verlassen Kandidaten wie Zuschauer die Arena der Eitelkeiten. Ein ratloser Moderator bleibt zurück. »Was hat Jesus noch mal gesagt?«
Zum Weiterdenken: • Magnus Malm, Gott braucht keine Helden – Mitarbeiter zwischen Rolle und Wahrhaftigkeit, R. Brockhaus, Witten
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Von Ratten und Leitern Ausgelaugte Leiter und unselbstständige Gemeinden
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n der Soziologie gab es vor einigen Jahren ein Experiment. Zwei Gruppen von Ratten wurden über einen längeren Zeitraum nicht gefüttert. Während dieser Zeit wurde besonders ihr Gruppenverhalten beobachtet. Aus jeder Gruppe isolierte man eine Ratte. Man brachte ich bei, wie sie an Futter kommt. Anschließend wurde sie wieder in ihre Gruppe geführt. In der ersten Gruppe hatte man dafür das so genannte »Alphatier« ausgewählt, das sich als natürliches Leittier herausgestellt hatte. In der zweiten Gruppe hatte man eine beliebige Ratte aus der Gruppe genommen, die als einzige das Privileg der Futterbesorgung lernte. Das spannende Ergebnis: Die Ratten der ersten Gruppe folgten einfach dem Vorbild ihres Alphatiers und lernten somit innerhalb kürzester Zeit, sich selbstständig Futter zu besorgen. Die ganze Gruppe war dadurch satt und zufrieden. Die privilegierte Ratte der zweiten Gruppe wurde dagegen von den anderen Ratten »versklavt« und musste die ganze Gruppe mit Futter versorgen. Alle anderen blieben unselbstständig, forderten aber konstant Futter von der privilegierten Ratte, so dass diese in einem ständigen Stresszustand lebte. Als ich von diesem Experiment las, musste ich an viele Gemeinden denken, die ich kenne, und an die zahllosen gestressten Leiterinnen und Leiter, Pastoren und Pfarrerinnen, Jugendleiter und Diakoninnen, die wie die arme Ratte ständig versuchen, alle Bedürfnisse ihrer Gruppen und Kreise zu erfüllen und sie geistlich zu ernähren. Dabei kommen sie selbst zu kurz, sind ausgepowert und ausgelaugt, ohne dass die Erwartungen und Forderungen der Gemeinde- oder Gruppenmitglieder abnehmen würden. Ein Teufelskreis. Wir brauchen offensichtlich mehr Leiterinnen und Leiter, die transparent leben, bewusst Vorbild sind und andere in ihr Leben und Tun mit hineinnehmen. Die nicht zwanghaft versuchen, alle zu versorgen, sondern die helfen, zu einem selbstständigen Glauben zu finden. Dabei hat sich das Bild von Leiterschaft in den letzten Jahren schon deutlich verändert: Wurden in den 1990er Jahren die großen (perfekten) Leiter gesucht, wächst nun die Sehnsucht nach anfassbaren (zerbrochenen) Leitern. Doch dieser Veränderungsprozess
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ist langwierig und tut manchmal auch weh. Viele Christen sind es gewohnt, dass sie geistlich versorgt werden und ihnen das Evangelium vorgekaut und in mundgerechten Häppchen serviert wird. Wenn es das plötzlich nicht mehr gibt, dann ist das störend, anstrengend und ungewohnt. Aber nur so können wir Unmündigkeit und ungute Abhängigkeiten hinter uns lassen. Ich merke, dass ich selbst dazu neige, wie die »Ratte« zu sein, die es allen recht machen, alle Erwartungen erfüllen will. Dabei renne ich wie die versklavte Ratte gestresst und überfordert hin und her und merke gar nicht, wie ich mir und anderen damit mehr schade als nütze. Um mir und den Menschen um mich herum zu helfen und sie in die Selbstständigkeit und Mündigkeit ihres Lebens und Glaubens zu führen, gibt es sicher unterschiedliche Möglichkeiten. Eine, die ich sehr schätze, ist Mentoring: Leben durch Reflexion und Nachahmung.
Zum Weiterdenken: • Paul Ch. Donders, Authentische Führung – Leiterschaft in Balance, Gerth Medien, Asslar • Tobias Faix, Mentoring – Chancen für geistliches Leben und Persönlichkeitsprägung, Aussaat, Neukirchen-Vluyn
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Neue Väter braucht das Land Familien, Väter und Gemeinde
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as Thema Familie ist wieder mal in aller Munde. Unsere Familienministerin Ursula von der Leyen versucht verzweifelt, die Deutschen dazu zu bewegen, mehr Kinder zu bekommen. Dabei geht es vielen Familien nicht gut, und das nicht nur wirtschaftlich. Die traditionellen Familienformen zerbrechen, es gibt immer mehr Patchworkfamilien. Fast jede zweite Ehe wird geschieden und wohl genau deswegen sehnen sich Jugendliche nach nichts so wie nach einer eigenen Familie, nach Treue und Liebe und nach gemeinsamen Kindern. Die Schwierigkeit ist allerdings, wo diese Generation das denn überhaupt lernen kann. Woher wissen junge christliche Ehepaare, wie sie ihre Ehe gestalten sollen, wie sie ihre Kinder erziehen und Familie leben sollen? Natürlich zunächst durch Nachahmung. Wir sehen uns also unsere Herkunftsfamilie an. Nun sieht es in christlichen Familien auf den ersten Blick anders aus, es gibt mehr Kinder und weniger Scheidungen. Ein zweiter Blick, hinter die heilen Kulissen, ergibt ein realistischeres Bild: Abgesehen davon, dass viele junge Paare die traditionellen Rollenmuster ihren Eltern nicht selbst leben können oder wollen, lässt die religiöse Erziehung aufhorchen. Eine Umfrage unter explizit evangelikalen Familien ergab, dass das fromme Familienleben weitgehend am Boden liegt: 34 Prozent der evangelikalen Familien lesen mit ihren Kindern nicht in der Bibel, fordern das aber oftmals vehement in der Gemeinde. 19 Prozent beten nicht mal mit ihren Kindern. Und 47 Prozent der evangelikal aufgewachsenen Kinder geben an, dass sie Beten und Bibellesen nicht von ihren Eltern gelernt haben. 45 Prozent dieser Kinder sagen gar, dass ihre Eltern ihnen kein Vorbild im Glauben waren. Wo also lernen sie dann? 63 Prozent der christlichen Teenager erklären, dass sie in ihrem Teenkreis lernen, zu beten und in der Bibel zu lesen. Diese Zahlen sind alarmierend und erschreckend. Geht es explizit um die Väter, wird es allerdings noch schlimmer: 60 Prozent aller evangelikalen Väter haben »wenig bis gar keine Zeit« für ihre Kinder. Das ist offenbar eine treffende Einschätzung, denn nur 26 Prozent der christlichen Jugendlichen sagen, dass ihr Vater genügend Zeit für sie hatte.
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Diese Zahlen sind mehr als bedenklich. Was dahinter steht, hat natürlich Auswirkungen auf die eigene Familie und das Gottesbild der Jugendlichen. In der Bibel war die religiöse Erziehung stets Aufgabe des Mannes. Im Alten Testament waren Väter sowohl für die religiöse Erziehung als auch für die Bildung zuständig, ebenso war es im Judentum zur Zeit Jesu (Psalm 78; 5. Mose 6,1–9+20). Aber auch Paulus betonte die Erziehungspflicht der Väter (Epheser 6,4; Kolosser 3,21) und wies darauf hin, wie wichtig sie bei der Erziehung der Kinder sind. Wir beklagen uns als Christen, dass die Männerrollen in der Gesellschaft nicht ausgefüllt werden, fördern aber zugleich das Gegenteil, indem in unseren Gemeinden kaum Männer (und schon gar keine Theologen) verantwortlich im Dienst mit Kindern mitarbeiten. Warum fällt der Kindergottesdienst manchmal aus, warum wird er oft sehr schnell und kurzfristig vorbereitet? Ich habe schon mehrmals erlebt, dass im Gottesdienst bekannt gegeben wurde, die Kinder würden »heute nur betreut« oder der Kindergottesdienst falle aus, da jemand krank oder verhindert sei oder bei den Planungen etwas schief gelaufen sei. Bei Predigten habe ich das noch nie erlebt. Oder hast du schon mal gehört, dass die Predigt spontan ausfalle oder im Gottesdienst gefragt wurde: »Ist zufällig jemand hier, der sich mit Predigen auskennt? Ja? Könnten Sie uns vielleicht heute mit dem Wort dienen?« Ich finde es toll, dass sich sehr viele Menschen (vor allem Mütter) in der Kinderarbeit engagieren. Ihnen gelten meine Überlegungen in keiner Weise, sondern Leuten wie mir: studierten Theologen, die sich gerne über die neuesten theologischen Trends auslassen und vielleicht manchmal die Basis aus den Augen verlieren. Erwachsene Christen sollten einen reflektierten Glauben haben und auch über eine schlechte Predigt schadlos hinweg kommen. Bei Kindern ist das viel sensibler. Zum einen wird ihr Gottesbild noch stark geprägt und daher sollten die Lehrenden über ein solides und ausgewogenes theologisches Denken verfügen, um nicht Mythen zu verbreiten und die Kinderbibel umzudichten. Zum anderen empfinden Kinder sehr deutlich, ob sie in Gemeinde und Gottesdienst gewollt und willkommen sind oder ob sie in den Kindergottesdienst eher »abgeschoben« werden.
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Ein paar Jahre später sind aus Kindern junge Erwachsene mit einem ziemlich schrägen Gottesbild geworden (was natürlich nicht nur an einem theologisch fragwürdigen Kindergottesdienst liegt ...). Mit großer Überzeugung sitzen sie nun ihrem Seelsorger gegenüber und erklären, dass sie gar keine Zeit hätten, sich am Dienst mit Kindern zu beteiligen, weil sie erstmal selbst Seelsorge benötigten. Okay, jetzt übertreibe ich ein bisschen, aber nur ein bisschen (und ich bin mir auch gar nicht so sicher, ob es überhaupt sinnvoll wäre, sie mit diesem Gottesbild auf die Kinder loszulassen ...)! Natürlich wird an dieser Stelle gerne auch irgendwann die »Gabenkarte« gezogen: »Ich habe nicht die Gabe der Kinderarbeit! Kinder hassen mich, und ich übrigens auch Kinder ...« Wenn es wirklich so krass ist, in Ordnung. Aber bei den meisten Männern ist es ja gar nicht so schlimm. Wir müssten uns nur mal überwinden. Vorbild sein, Jesus verkörpern, Männlichkeit repräsentieren. Mann, sind das Chancen! Ach ja, und für alle theologisch Interessierten: Einem Fünfjährigen komplexe Begriffe wie Gnade so zu erklären, dass er es versteht, das gehört zu den wichtigsten Übungen des Glaubens. Wenn wir das nicht mehr können, haben wir schon verloren.
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Zum Weiterdenken: • Wilhelm Faix, Die christliche Familie heute – Ergebnisse einer Umfrage unter evangelikalen Familien über ihr Glaubens- und Familienleben und ihre Erziehungspraxis, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn • Andreas Malessa/Ulrich Giesekus, Männer sind einfach ... aber sie haben’s nicht leicht, Brunnen, Gießen
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Neumer und Ort Eine Kurzgeschichte
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ie Einweihung war vorbei, sie hatten noch etwas Zeit, und so schleppten seine chinesischen Geschäftspartner Neumer in den Aufzug, um ihm einen unbeschreiblichen Blick über Shanghai zu zeigen. Neumer blickte quer in den Fahrstuhl und obwohl der mit bestimmt 20 Menschen gefüllt war, hatte er dabei freie Sicht. Er überragte die Chinesen um mindestens einen Kopf und kam sich vor wie ein Riese. Während er über die letzten Tage nachsann, entdeckte er einen weiteren Riesen, der an der Wand gegenüber lehnte. Neumer erkannte sofort den Europäer, vielleicht sogar ein Landsmann. Neumer verließ den Aufzug absichtlich langsam, um die riesige Plattform aus Glas und Stahl gemeinsam mit dem Europäer zu betreten. »Großartiger Blick«, eröffnete er etwas unsicher und blickte den Fremden hoffnungsvoll an. »Ja, schade, dass die Sicht durch den Smog so eingeschränkt ist.« Neumer entspannte sich. Ein Schwabe, nicht zu überhören! Die können alles, außer Hochdeutsch, dachte er und lächelte unwillkürlich. Er mochte den schwäbischen Akzent nicht, aber hier, so fern der Heimat, war er froh über jedes schwäbische Wort. Sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie beide geschäftlich in Shanghai waren. Dann verabredeten sie sich für den Abend in Neumers Hotel; Neumer hatte Ort, seine Fahrstuhlbekanntschaft, im Überschwang der heimatlichen Gefühle zum Essen eingeladen. Der Abend begann holprig, sie tauschten Berufliches aus und beklagten die unterschiedliche Mentalität von Asiaten und Europäern. »Ja, da fehlen halt die Werte«, sagte Ort und fügte, halb flüsternd, hinzu: »Als Christ ist mir das eben besonders wichtig.« Neumer schaute von seinen frittierten Garnelen auf und sah Ort direkt ins Gesicht. Der erschrak, bereute seine Aussage umgehend und ging in Gedanken sein spärliches apologetisches Repertoire durch. Jetzt ärgerte er sich, dass er vier Wochen zuvor nicht am Seminar »Den Glauben verteidigen mit C. S. Lewis« für christliche Geschäftsleute teilgenommen hatte. Da rief Neumer überschwänglich: »Bruder, lass dich umarmen!«, und ehe er sich versah, lag Ort im massigen, schwitzenden Körper Neumers. Der machte in wenigen Sekunden eine komplette Metamorphose durch und war wie ausgewechselt.
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