


Bruder Lorenz

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In Gottes Gegenwart leben
Herausgegeben von Reinhard Deichgräber
Klassiker
Herausgegeben von Reinhard Deichgräber
NEUFELD VERLAG
Dieses Buch ist auch als E-Book erhältlich:
ISBN 978-3-86256-717-1
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: www.pixelio.de/ShutterStock Satz: Neufeld Verlag
Herstellung: CPI – Clausen & Bosse, Birkstraße 10, 25917 Leck
4. Auflage 2022
© 2007 Neufeld Verlag, Sauerbruchstraße 16, 27478 Cuxhaven
ISBN 978-3-937896-56-4, Bestell-Nummer 588 656
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de
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3.
Der Glaube ist der Atem der Kirche. * * *
Ich habe bei allen meinen Arbeiten nur dies Ziel verfolgt, alles aus Liebe zu Gott zu tun.
* * *
Bei mir gibt es keinen Unterschied zwischen der Zeit des Gebets und der übrigen Zeit.
* * *
Zerstreuende Gedanken verderben alles.
* * *
Unser ganzes Werk ist nur, dass wir Gott lieben und uns an ihm erfreuen.
* * *
Durch unser Vertrauen zu Gott wird er geehrt.
* * *
Mit der Gnade wird alles leicht.
* * *
Um zu Gott zu kommen, braucht man weder Klugheit noch Wissenschaft, sondern nur ein Herz, das entschlossen ist, sich um nichts zu kümmern als um ihn und nichts zu lieben außer ihm.
* * *
Mein Gebet besteht nun in nichts anderem als im Verweilen in Gottes Gegenwart.
* * *
Gott sieht nicht die Größe des Werks an, sondern die Liebe, aus der es kommt.
* * *
Wer im Leben des Geistes nicht vorwärts geht, der geht zurück.
* * *
Diejenigen, die vom Wind des Heiligen Geistes getrieben werden, segeln selbst im Schlaf noch weiter.
* * *
Spät üben ist besser als gar nicht.
* * *
Man muss Gott in heiliger Freiheit dienen.
* * *
Ich habe keinen anderen Willen als den Willen Gottes.
Ich stelle mich vor Gott und bitte ihn, er möge in meinem Inneren sein vollkommenes Bildnis formen und mich ihm ganz gleich machen.
* * *
Man wird nicht im Schnellverfahren heilig.
* * *
Je mehr wir Gott kennen, desto größer wird unser Verlangen, ihn zu kennen.
* * *
Das muss nämlich in allem unser Ziel sein, in diesem Leben so vollkommene Anbeter Gottes zu werden, wie wir dies in alle Ewigkeit zu sein hoffen.
* * *
Die heiligste, gewöhnlichste und nötigste Übung im geistlichen Leben ist die Wahrnehmung der Gegenwart Gottes.
* * *
Ungestüm und Eile sind Zeichen eines zerstreuten Gemüts.
* * *
Wir müssen unsere Arbeit mit Gott verrichten, zärtlich, ruhig und liebevoll.
* * *
Gott – so sagt er – hat uns unendliche Schätze zu geben, und wir begnügen uns mit einer kleinen, gefühlvollen Andacht, die in einem Augenblick vorübergeht.
Selbst der kleinste Gedanke an Gott wird ihn erfreuen. Er ist uns näher, als wir meinen.
* *
Betrachten Sie sich im Gebet wie ein armer Stummer und Gichtbrüchiger vor der Tür eines Reichen.
* *
Erst muss man kennen, dann kann man lieben.
Zu einem so guten und getreuen Freund, der uns weder in dieser noch in jener Welt verlassen wird, können wir nie zuviel Vertrauen haben.
* *
Er entfernt sich niemals von uns, solange wir uns nicht zuerst von ihm entfernen.
* *
Die feste Gewohnheit wird nur unter Schmerzen in uns zuwege gebracht.
Die vorliegende Neuausgabe der überlieferten Schriften des lothringischen Karmeliterbruders »Lorenz von der Auferstehung« fußt auf der immer noch grundlegenden deutschen Ausgabe von Gerhard Tersteegen (1697–1769). Er hat in seinem Werk »Auserlesene Lebensbeschreibungen heiliger Seelen« auch dem Bruder Lorenz eine ausführliche Darstellung gewidmet (Band 2, 1735, zuletzt ungekürzt und unverändert neugedruckt 2004, dort Seite 258–334).
Die Überlieferung der Texte von bzw. über Bruder Lorenz umfasst drei verschiedene Textsorten:
• Aufzeichnungen von vier Gesprächen, die Bruder Lorenz mit Herrn von Beaufort, einem Priester und späterem Generalvikar des damaligen Bischofs von Châlons, geführt hat;
• sechzehn Briefe an verschiedene Adressaten;
• sieben kurze Texte des Bruders Lorenz, gewöhnlich als (Kleine) Schriften oder auch als »Geistliche Weisungen« bezeichnet.
Gerhard Tersteegen hat diese Texte an verschiedenen Stellen in seine Darstellung der Lebensgeschichte des Bruders Lorenz eingestreut. In unserer Neuausgabe bilden sie drei in sich geschlossene Blöcke.
Die ursprünglich in französischer Sprache geschriebenen Texte sind aus dem kunstvollen, aber heute für den ungeübten Leser schwer lesbaren Deutsch Gerhard Tersteegens in ein flüssiges, moderneres Deutsch übertragen worden. Bei der Bearbeitung wurde der Text am französischen Originaltext überprüft. Die jüngste Edition des Originaltextes stammt von dem belgischen Karmeliterpater Conrad de Meester. Sie ist 1991 unter dem Titel »Laurent de la Résurrection. Écrits et entretiens sur la Pratique de la Présence de Dieu« im Verlag Les éditions du CERF, Paris, erschienen.
So haben wir uns bemüht, den Text so zu gestalten, dass Bruder Lorenz mit seinem persönlichen Stil und der ihm eigenen Ausdrucksweise doch als Bruder Lorenz, als ein Mönch aus einer weit zurückliegenden Epoche, erkennbar bleibt. Darum haben wir manchmal einen fremd klingenden Ausdruck stehen gelassen, auch wenn er so vielleicht nicht ohne weiteres verständlich ist. In dem Abschnitt »Zur Sprache und Ausdrucksweise des Bruders Lorenz« (Seite 35 ff.) werden die wichtigsten Ausdrücke erläutert. Dem besseren Verständnis sollen auch die anderen einführenden Kapitel dienen: eine knappe Darstellung der Lebensgeschichte des Bruders Lorenz; eine Einführung in seine spirituelle Praxis, die zur Übersetzung seines Anliegens in heutige Möglichkeiten und Formen geistlicher Übung helfen möchte; ein Abschnitt über mögliche »Risiken und Nebenwirkungen«, die sich bei unachtsamer Anwendung der von Bruder Lorenz gegebenen Anweisungen einstellen können; dazu einige Anmerkungen zu
Begriffen, die bei Bruder Lorenz eine wichtige Rolle spielen.
Möge die neue Ausgabe vielen Menschen den Weg zu einem Leben in immer neuer lebendiger Erfahrung der Gegenwart Gottes erschließen! Hafkamp, in der Osterzeit 2007 Reinhard Deichgräber


Wer war Bruder Lorenz? Wann und wo hat er gelebt? Was hat er gemacht? Was hat er erlebt? Wie ist er zu dem geworden, als der er in die Geschichte der christlichen Kirche eingegangen ist? Wir wissen nicht viel von ihm. Um die kärglichen Fakten seiner Lebensgeschichte aufzuzählen, genügt eigentlich eine halbe Buchseite. Bruder Lorenz hätte mit seinem Zeitgenossen Paul Gerhardt (1607–1676) bekennen können:
An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd. Was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert.
Nein, er wollte nicht bekannt werden, und schon gar nicht berühmt. Was andere von ihm dachten, war ihm offenbar gleichgültig. Ihm war es nur recht, wenn er in seiner Klosterküche in aller Verborgenheit seinem Gott dienen konnte. Vergessen werden war ihm eine Freude. Hier also die spärlichen Daten und Fakten. Wann er geboren ist, wissen wir nicht genau. Da er bei seinem Tod im Jahr 1691 etwa achtzig Jahre alt war, muss er irgendwann um 1610 geboren worden sein. Sein Geburtsort ist Hériménil, in der Nähe von Lunéville im damaligen Herzogtum Lothringen gelegen. Seine Eltern ließen ihn
auf den Namen Nikolaus taufen. So hieß er mit bürgerlichem Namen Nicolas Herman. Von seinen Eltern wurde er gewissenhaft im Glauben der römisch-katholischen Kirche erzogen, hat aber offenbar keine Schule besucht. So standen ihm auch nur einfache, ungelehrte Berufe offen. Schon früh wurde er Soldat, dann, nach einer in einem Gefecht erlittenen Verwundung, Diener des fürstlichen Schatzmeisters Fieubet. Im Alter von gut fünfundzwanzig Jahren, im Juni 1640, trat er in das Kloster der Karmeliten in Paris ein und blieb dort bis an sein Lebensende.
Der Entscheidung, Mönch zu werden und in ein Kloster einzutreten, war eine höchst ungewöhnliche »Bekehrung« vorausgegangen. Bruder Lorenz hat sein Erlebnis selber so beschrieben: »Anlässlich meiner Bekehrung hat Gott mir eine besondere Gnade erwiesen. Ich lebte damals noch in der Welt und war achtzehn Jahre alt. Eines Tages betrachtete ich im Winter einen Baum, der zu dieser Zeit alle seine Blätter verloren hatte. Ich stellte mir vor, wie die Blätter nach einiger Zeit wieder hervorkommen würden und bald darauf die Blüten und schließlich die Früchte. Dabei gewann ich eine tiefe Einsicht in die Fürsorge und Allmacht Gottes, eine Einsicht, die später nie mehr aus meiner Seele ausgelöscht wurde. Dieser Eindruck hat mich ganz von der Welt losgemacht und eine so starke Liebe zu Gott in mir erweckt, dass ich nicht sagen kann, ob diese Liebe sich bei mir in den vierzig Jahren, die verflossen sind, seit ich diese Gnade empfing, noch vermehrt hat« (vgl. Seite 40). Dass er gerade bei den Karmeliten um Aufnahme bat, mag auch darin seinen Grund haben, dass ein Onkel Mitglied dieses Ordens war.
Die Karmeliten? Unter den Orden der römisch-katholischen Kirche ist dieser Orden einer der strengsten. Die Mönche folgen konsequent einer kontemplativen Beru-
fung, leben also ein Leben des Schweigens, des Gebets und der Meditation. Der Name »Karmeliten« erinnert an den biblischen Berg Karmel, den Berg, auf dem der Prophet Elia mit den Baalspriestern um den Glauben an den einen wahren Gott, den Gott Israels, stritt (1. Könige 18). Der Prophet Elia steht aber auch für eine ganz besondere Gotteserfahrung, als ihm der lebendige Gott in einem »stillen, sanften Sausen« (Luther), in einem »verschwebenden Schweigen« (Buber) begegnete, und nicht in den spektakulären, zerstörerischen Erscheinungen von Sturmwind, Erdbeben und Feuer (1. Könige 19,9 ff.).
Im Kloster durchlief der junge Mann das zweijährige Noviziat. Nach dessen Beendigung wurde er von seinen Oberen zur Ablegung der »ewigen« (endgültig bindenden) Gelübde zugelassen. Dies überraschte den demütigen jungen Bruder sehr; seiner Selbsteinschätzung nach machte er alles verkehrt und taugte zu nichts. Als Mönch erhielt er den Namen »Bruder Lorenz von der Auferstehung«, und so kennen wir Nikolaus Herman heute eigentlich nur unter dem Namen »Bruder Lorenz«.
Seine Oberen machten ihn zum Küchenmeister und vertrauten ihm die Klosterküche an. Wie Bruder Lorenz selbst gelegentlich sagte, war dies wahrhaftig nicht sein Traumberuf; er hatte »von Natur aus eine ausgesprochene Abneigung« gegen die Küchenarbeit. Fünfzehn Jahre lang übte er das Amt des klösterlichen Küchenmeisters aus. Später durfte er als Schuster seinen Brüdern die Sandalen flicken.
Dem Bruder Lorenz waren solche Arbeiten gerade recht. Nie hätte er diese Dienste als zu niedrig oder gar als unter seiner Würde eingestuft. Im Gegenteil, er liebte die einfachsten Arbeiten, gaben sie ihm doch die Möglichkeit, seiner Berufung zu folgen, alles nur aus Liebe zu Gott zu
tun und Gott in und mit diesen einfachen Verrichtungen zu dienen und anzubeten.
Wer das eigene Zeugnis des Bruders Lorenz über seine Erfahrungen liest, wird vor allem fasziniert sein von der unglaublichen Freude, die er bei seiner Arbeit erlebte. »In beständiger Freude« bringe er sein Leben zu, so hat er es selbst einmal gesagt (vgl. Seite 54). Und diese Freude war offenbar nicht aufgesetzt, nicht eingebildet oder aufgezwungen, sondern echt und glaubwürdig. So erlebten ihn jedenfalls seine Mitbrüder und bald auch die Besucher, die ratsuchend ins Kloster kamen und den stillen Bruder um Wegweisung für ihr Seelenheil baten. Auf diese Weise wurde Bruder Lorenz bekannt, obwohl er die Verborgenheit liebte.
So lebte Bruder Lorenz in ruhigem Gleichmaß seinen Glauben und seine Gottesliebe, unauffällig und ohne Stress, so wurde er alt und älter, bis er nach einer nur wenige Tage währenden Krankheitszeit am 12. Februar 1691 für immer die Augen schloss. Er starb, wie die Alten sagten, »selig«. Über seine letzten Tage und Stunden gibt Gerhard Tersteegen (Seite 323 f.) den folgenden Bericht, den wir hier im Wortlaut, ohne sprachliche Überarbeitung, wiedergeben:
Da nun der Bruder Lorenz bei seinem Leben seinen Gott so brünstig geliebt, so liebte er Ihn nicht weniger in seinem Tode. Er übte noch immer Taten der Liebe aus; und als er von einem Bruder gefragt wurde, ob er Gott aus ganzem Herzen liebe, da antwortete er: »Ach, wenn ich wüsste, dass mein Herz meinen Gott nicht liebte, so wollte ich es sogleich ausreißen.« Seine Krankheit wurde zusehends immer größer, so dass man ihm das Abendmahl reichte, welches er freudig, mit völliger Erkenntnis und gesundem
Verstand (welchen er bis zum letzten Atemzug behalten), empfangen.
Ob man ihn schon Tag und Nacht keinen Augenblick allein gelassen, sondern ihm alle mögliche Hilfe geleistet, die er von der Liebe seiner Mitbrüder hoffen konnte, so hat man ihn doch, nachdem er das Heilige Abendmahl empfangen, ein wenig ruhen lassen, um die letzten, so schätzbaren Augenblicke des Lebens sich noch zunutze zu machen, und die hohe Gnade, so er von Gott empfangen, zu betrachten. Er hat diese Zeit sehr nützlich angewendet, und Gott um Beständigkeit bis ans Ende in seiner heiligen Liebe angerufen. Ein Geistlicher fragte ihn, was er mache, und womit sein Geist beschäftigt wäre? Dem gab er zur Antwort: »Ich tue jetzt, was ich in alle Ewigkeit tun werde; ich preise Gott, ich liebe Gott, ich bete Ihn an, und liebe Ihn von meinem ganzen Herzen. Dies ist unser ganzes Geschäft, meine Brüder, dass wir Gott anbeten, und Ihn lieben, ohne uns um das übrige zu bekümmern.«
Ein Geistlicher bat ihn, er möchte für ihn von Gott den wahren Geist des Gebets erbitten. Diesem gab er zur Antwort, er müsste seinen Fleiß mit beitragen, und seinerseits sich dahin bearbeiten, dass er dazu würdig gemacht würde. Dies waren die letzten Ausdrücke seines Herzens. Des andern Tages, am 12. Februar 1691, am Morgen um 9 Uhr, starb Bruder Lorenz von der Auferstehung, ohne Todeskampf, ohne jede Verstellung oder Zucken der Glieder, bei gutem Verstande, unter den Umarmungen des Heilandes, und übergab seinem Gott seine Seele in solchem Frieden und Stille, als einer, der einschläft. Denn sein Tod ist nichts anderes gewesen als ein süßes Einschlummern, welches ihn aus diesem elenden Leben, worin er ungefähr achtzig Jahre alt geworden,
in die ewige Freude versetzte. Dort ist nun sein Glaube in ein klares Schauen, seine Hoffnung in eine völlige Besitzung verwandelt, und seine hier angefangene Liebe mit einer ewigen, vollkommenen Liebe gekrönt worden.


Das erste Gespräch (3. August 1666)
Es war das erste Mal, dass ich Bruder Lorenz gesehen habe. Er sagte: »Anlässlich meiner Bekehrung hat Gott mir eine besondere Gnade erwiesen. Ich lebte damals noch in der Welt und war achtzehn Jahre alt. Eines Tages im Winter betrachtete ich einen Baum, der zu dieser Zeit alle seine Blätter verloren hatte. Ich stellte mir vor, wie die Blätter nach einiger Zeit wieder hervorkommen würden und bald darauf die Blüten und schließlich die Früchte. Dabei gewann ich eine tiefe Einsicht in die Fürsorge und Allmacht Gottes, eine Einsicht, die später nie mehr aus meiner Seele ausgelöscht wurde. Dieser Eindruck hat mich ganz von der Welt losgelöst und eine so starke Liebe zu Gott in mir erweckt, dass ich nicht sagen kann, ob sich diese Liebe bei mir in den vierzig Jahren, die verflossen sind, seit ich diese Gnade empfing, noch vermehrt hat.
Ich war damals herrschaftlicher Diener oder Lakai bei dem Herrn Schatzmeister Fieubet und ein grober, ungeschickter Mensch, der alles verdarb und zerbrach. Ich hatte den Wunsch, ins Kloster zu gehen, und glaubte, man werde mir dort wegen meiner groben Fehler die Haut bei lebendigem Leibe abziehen, und dass ich so mein Leben
und all mein Vergnügen Gott zum Opfer bringen könnte. Aber Gott hat mich ›betrogen‹, denn ich habe dort im Gegenteil nichts als lauter Vergnügen gefunden, weshalb ich oft zu Gott sage: ›Herr, du hast mich betrogen.‹
Wir müssen danach trachten, uns in der Gegenwart Gottes festzumachen, und uns mit ihm in einem ununterbrochenen Gespräch befinden. Den Umgang mit ihm vernachlässigen, um sich mit Nichtigkeiten abzugeben, ist eine Schande.
Wir müssen unsere Seele dadurch stärken und nähren, dass wir Gott die größte Wertschätzung entgegenbringen. So wird es uns zur reinen Freude, an ihn zu denken. Wir müssen unseren Glauben in uns beleben. Es ist sehr bedauerlich, dass wir so wenig Glauben haben. Statt den Glauben unsere Lebensregel und unseren Führer sein zu lassen, halten wir uns mit allerhand bescheidenen Andachtsübungen auf, die sich von Tag zu Tag verändern. Der Glaube ist der Atem der Kirche; er genügt, um uns auf dem Weg der Vollkommenheit kräftig voranschreiten zu lassen.
Wir müssen uns in einer lauteren und völligen Hingabe ganz Gott ausliefern, und zwar im Blick auf unser Glaubensleben wie auf die äußeren Aspekte unseres Lebens, und all unser Vergnügen und alle Zufriedenheit im Vollbringen seines Willens finden, ganz gleich, ob er uns durch Leiden oder durch Tröstungen führt. Alles soll dem, der sich wahrhaftig Gott hingegeben hat, gleich sein. Über das Elend und die Verfehlungen, von denen ich die Leute alle Tage reden höre, wundere ich mich nicht. Im Gegenteil, angesichts der Bosheit, zu der ein Sünder fähig ist, bin ich überrascht, dass es nicht noch mehr davon gibt. Ich bete für den Sünder, doch da ich weiß, dass Gott ihn
heilen kann, wenn er es will, lasse ich mich davon nicht weiter bekümmern.
In Zeiten der Dürre und Verlassenheit müssen wir treu ausharren. Auf diese Weise prüft Gott unsere Liebe zu ihm. So üben wir uns in den guten Werken des Verzichts und der Hingabe. Eine einzige derartige Tat kann uns oft einen großen Schritt voranbringen.
Um zu einer völligen Hingabe an Gott zu gelangen, wie er sie von uns fordert, müssen wir aufmerksam wachen über alle Regungen und Bewegungen der Seele, die sich in geistlichen Dingen wie auch in den gröbsten Arbeiten einschleichen. Hierzu gibt Gott denen, die wahrhaftig sein Eigentum sein und ihm gehören wollen, Licht und Verstand.
Wenn dies in Wahrheit auch Ihr Wille und Vorhaben ist, können Sie mich so oft besuchen, wie Sie wollen, ohne befürchten zu müssen, dass Sie mir hinderlich sein könnten. Ist dies jedoch nicht der Fall, dann sollten Sie mich lieber nicht besuchen.«
Das zweite Gespräch (28. September 1666)
In unserem zweiten Gespräch berichtete Bruder
Lorenz: »Ich habe mich immer durch die Liebe leiten lassen, ohne irgendetwas anderes zu suchen und ohne mich darum zu bekümmern, ob ich selig oder verdammt werde. Ich habe bei allen meinen Arbeiten nur dies Ziel verfolgt, alles aus Liebe zu Gott zu tun, und dabei ist es mir gut gegangen. Ich bin schon ganz zufrieden, wenn ich aus Liebe zu Gott nur einen Strohhalm von der Erde aufheben kann, so dass ich einzig Gott suche und nichts anderes, auch nicht Gottes Gaben.
Diese Haltung der Seele verpflichtet Gott gleichsam, ihr unzählige Gnadengaben mitzuteilen. Doch wenn man die Frucht annimmt, die aus diesen Gnadengaben entsteht, und das ist die Liebe, muss man den Geschmack verwerfen und sich sagen: Dies alles ist ja nicht Gott selbst. Wir wissen durch den Glauben, dass Gott unendlich größer ist und ganz anders als das, was wir von ihm fühlen und empfinden. Wenn ein Mensch sich so verhält, spielt sich zwischen Gott und dem Menschen ein merkwürdiger Streit ab. Gott beschenkt uns immerzu; der Mensch aber sagt immer: Alles, was ich da empfange, ist nicht Gott, ist nicht er selber. In diesem Streit ist der Mensch durch den Glauben genauso stark wie Gott, ja noch stärker, weil Gott nie so viel geben kann, dass der Mensch nicht mehr sagen könnte: Was Gott mir gibt, ist nicht er selber.
Ekstase und Verzückung kommen nur daher, dass ein Mensch sich an der Gabe erfreut, anstatt diese zu verwerfen und zu Gott selbst zu gehen, über alle seine Gaben
hinaus. Man soll sich auch von angenehmen Gefühlen nicht hinreißen lassen, es sei denn, jemand wird unvermutet von ihnen überwältigt; doch Gott ist Herr und Meister über alles.
Gott vergilt alles, was jemand aus Liebe zu ihm tut, so schnell und wunderbar, dass ich manchmal gewünscht habe, ich könne etwas von dem, was ich aus Liebe zu Gott tue, vor ihm verbergen, damit es mir nicht von Gott vergolten wird und ich so das Vergnügen hätte, etwas wirklich einzig und allein um Gottes willen zu tun.
Ich habe früher große Gemütsangst gehabt, denn ich habe fest geglaubt, ich sei verdammt, so dass auch alle Menschen mir diese Meinung nicht nehmen konnten. Aber dann habe ich bei mir folgenden Entschluss gefasst: Ich bin nur aus Liebe zu Gott ins Kloster eingetreten. Ich habe danach getrachtet, nur für ihn zu leben. Mag ich nun selig werden oder verdammt, egal, ich werde allezeit fortfahren, alles nur aus Liebe zu Gott zu tun. Auf diese Weise werde ich jedenfalls diesen Gewinn haben, dass ich bis an mein Ende, soweit das Vermögen dazu in mir vorhanden ist, alles tun werde, um ihn zu lieben.
Diese Angst in mir währte vier Jahre lang, und ich habe in dieser Zeit viel ausgestanden. Seit dieser Zeit aber habe ich dann weder an den Himmel noch an die Hölle gedacht. Mein ganzes Leben ist nun nichts anderes als eine große innere Freiheit und eine immerwährende Freude. Ich stelle meine Sünden zwischen mich und Gott, um ihm gleichsam zu sagen, dass ich seiner Gnade nicht wert bin; aber trotzdem hört Gott nicht auf, mich mit Gnadengaben zu überschütten. Manchmal fasst Gott mich gleichsam bei der Hand und führt mich vor die ganzen himmlischen Heerscharen, um ihnen einen von jenen Armseligen zu zeigen, denen er voller Lust seine Gnadengaben mitteilt.
Anfangs kostet es etwas Fleiß, die feste Gewohnheit zu erlangen, stets mit Gott umzugehen und alles Tun auf ihn auszurichten; aber nach einiger Mühe fühlt man sich ohne irgendwelche Anstrengung einfach von seiner Liebe dazu aufgeweckt.
Ich erwarte allerdings, dass nach den guten Tagen, die Gott mir gibt, die Reihe auch einmal an mich kommen wird, da ich mein Teil an Schmerzen und Leiden bekommen werde; aber ich bin deswegen unbekümmert, weil ich wohl weiß, dass Gott nicht aufhören wird, mir dann auch die Kraft zu geben, mein Leiden zu tragen, da ich ja aus mir selbst heraus nichts vermag.
Wenn ich etwas Gutes tun soll, wende ich mich an Gott und sage zu ihm: Mein Gott, ich kann das nicht vollbringen, es sei denn, dass du es in mir und durch mich wirkst. Dann wird mir auf der Stelle Kraft gegeben, und zwar im Überfluss.
Habe ich einen Fehler gemacht, dann tue ich nichts anderes, als dass ich meine Schuld vor Gott bekenne und sage: Herr, ich werde immer nur Fehler machen, solange du mich bei meinem Tun allein lässt. Deine Sache ist es, zu machen, dass ich nicht falle, und das zu bessern, was nicht gut ist in mir. Daraufhin bekümmere ich mich nicht weiter über meinen Fehler.
Man muss ganz einfältig mit Gott reden, ihn frei und offenherzig ansprechen und so wie die Dinge vorfallen, seinen Beistand von ihm begehren. Gott wird seinen Beistand niemandem versagen; ich habe das oft erfahren.
Vor wenigen Tagen wurde mir gesagt, ich solle nach Burgund reisen und dort den nötigen Wein für das Kloster kaufen. Das wird für mich sehr beschwerlich sein, nicht nur deswegen, weil ich zu solchen Verrichtungen nicht geschickt bin, sondern weil ich obendrein an einem
Bein lahm bin, so dass ich auf dem Schiff nicht gehen kann und über die Weinfässer kriechen muss. Aber ich mache mir hierüber wie über den ganzen Weinkauf keine Sorgen und sage zu Gott: Es ist dein Werk. Dann sage ich mir, die Sache wird schon klappen, und zwar gut und zufriedenstellend. Voriges Jahr hat man mich aus dem gleichen Grund in die Auvergne gesandt. Ich kann gar nicht sagen, wie die Sache damals ausgerichtet worden ist; ich war es ja gar nicht, der sie ausgeführt hat; aber man hat festgestellt, dass der Auftrag recht gut erledigt war.
Ebenso ergeht es mir mit meiner Küche. Gegen sie habe ich von Natur aus die größte Abneigung gehabt; nachdem ich mich aber einmal daran gewöhnt hatte, auch dort alles aus Liebe zu Gott zu verrichten und ihn bei jeder Gelegenheit um den Beistand seiner Gnade zur Ausführung meiner Arbeiten anzuflehen, ist mir während der fünfzehn Jahre, die ich in der Küche beschäftigt gewesen bin, alles sehr leicht gefallen.
Meine jetzige Beschäftigung ist, Schuhe zu besohlen und zu flicken, was ich mit großer Befriedigung und mit Vergnügen tue; doch bin ich bereit, auch diese Arbeit wieder aufzugeben wie alle anderen, weil ich ja bei jeder Arbeit nichts anderes tue, als dass ich mich freue, irgendwelche geringen Dinge aus Liebe zu Gott tun zu dürfen.
Bei mir gibt es keinen Unterschied zwischen der Zeit des Gebets und der übrigen Zeit. Zwar ziehe ich mich zu meinen stillen Gebetszeiten in die Einsamkeit zurück, wenn der Pater Prior mir sagt, ich solle das tun. Sonst aber begehre oder verlange ich es nicht; ich suche es auch deswegen nicht, weil selbst meine größte Arbeit mich keineswegs von Gott abzieht.
Weil ich gut weiß, dass ich in allen Dingen Gott lieben muss, und auch an mir arbeite, dieser Pflicht gebührend
nachzukommen, brauche ich keinen geistlichen Führer, wohl aber einen Beichtvater, der mich von meinen Fehlern, die ich begehe, losspricht. Ich sehe meine Schwächen sehr wohl, verwundere mich auch nicht darüber, sondern bekenne sie vor Gott und versuche keineswegs, mich gegen ihn zu verteidigen oder meine Fehler zu entschuldigen; aber wenn das geschehen ist, kehre ich in Frieden zu meiner gewohnten Übung der Liebe und der Anbetung zurück.
In meinen Leiden habe ich niemand um Rat gefragt; einzig mit dem Licht des Glaubens, durch das ich wusste, dass Gott gegenwärtig ist, habe ich mir daran genügen lassen, dass ich mein Werk um Gottes willen und vor ihm tue, es mag im übrigen gehen, wie es will. Ich will mich gerne auf diese Weise um der Liebe Gottes willen verlieren; dabei fühle ich mich immer wohl.
Zerstreuende Gedanken verderben alles, und das ist der Anfang des Bösen; aber wir müssen uns darum bemühen, sie zu verwerfen, sobald wir gewahr werden, dass sie sich mit Dingen beschäftigen, die für unsere augenblickliche Arbeit oder für unsere Seligkeit unnötig sind, und so wieder zu unserem Gespräch mit Gott zurückkehren. Dabei geht es uns gut.
Anfangs habe ich mein ganzes Gebet nur damit zugebracht, dass ich die mir einfallenden Gedanken von mir geworfen habe – und dann doch wieder in sie gefallen bin. Ich habe mein Gebet niemals nach einer vorgeschriebenen Regel halten können wie andere, doch habe ich mich im Anfang eine Zeitlang in der Betrachtung geübt. Jetzt aber weiß ich gar nicht mehr, wie es bei einer solchen Übung zugeht, und es ist mir unmöglich, davon Rechenschaft zu geben.
Ich habe darum gebeten, dass man mich immer im Stande eines Novizen, also eines Mönchs in den Probejahren, lassen möge, weil ich es gar nicht für möglich hielt, dass man mich zum Ablegen des Ordensgelübdes zulassen wolle; ich habe mir auch nicht vorstellen können, dass meine beiden Probejahre schon verflossen seien.
Ich bin nicht beherzt genug gewesen, um Gott darum zu bitten, dass er mir etwas zur Strafe oder Buße zuschicken möchte. Ich verlange auch nicht danach, irgendwelche Bußübungen auf mich zu nehmen; ich weiß allerdings sehr wohl, dass ich es verdient hätte, viel Buße zu tun und viele Bußübungen auferlegt zu bekommen; im übrigen wird Gott, falls er mich damit beschweren würde, mir die Gnade geben, alles zu ertragen. Alle Bußübungen und alle anderen Übungen dienen nur dazu, dass wir auf diese Weise zur Vereinigung mit Gott durch die Liebe kommen möchten. Daher habe ich nach reiflicher Überlegung gefunden, dass es doch kürzer ist, durch eine unaufhörliche Übung der Liebe geradewegs auf diese Vereinigung zuzugehen, indem man alles nur aus Liebe zu Gott tut.
Man muss einen großen Unterschied machen zwischen den Wirkungen des Verstandes und den Wirkungen des Willens. Jene gelten wenig, diese aber alles. Unser ganzes Werk ist nur, dass wir Gott lieben und uns an ihm erfreuen.
Würden wir alle denkbaren und möglichen Werke der Buße tun, allerdings ohne Liebe, dann würde dadurch nicht eine einzige Sünde ausgetilgt werden; man muss die Vergebung der Sünden durch das Blut Christi erwarten, ohne sich darüber Unruhe zu machen, und inzwischen nur daraufhin arbeiten, dass man ihn von ganzem Herzen liebt. Es scheint ja so, dass Gott diejenigen erwählt, die die größten Sünder gewesen sind. Er zieht sie anderen vor, die
in ihrer Unschuld geblieben sind, um ihnen seine größten Gnadengaben mitzuteilen, weil seine Güte dadurch desto mehr offenbar wird.
Ich denke weder an den Tod noch an meine Sünden, weder an das Paradies noch an die Hölle, sondern nur daran, wie ich das eine oder andere geringe Ding aus Liebe zu Gott tun mag, da ich ja nichts Großes tun kann. Hernach mag es mit mir gehen, wie der Herr es will; darum bin ich unbekümmert.
Ich habe in einer inneren Seelenangst soviel ausgestanden, dass, falls man mir bei lebendigem Leib die Haut abziehen würde, dies gegen diese Angst wie nichts zu rechnen wäre, wie nichts aber auch gegen die große Freude, die ich gehabt habe und oftmals noch habe. Darum bekümmere ich mich um nichts, fürchte mich auch vor nichts; und alles, was ich von Gott begehre, ist einzig, dass ich ihn nicht beleidigen möge.
Ich habe gar selten irgendwelche Skrupel oder Beunruhigungen des Gewissens, denn wenn ich erkenne, dass ich einen Fehler gemacht habe, so gestehe ich es gerne ein und sage: Das ist mir nichts Neues; ich kann nichts anderes als sündigen. Wenn ich aber nichts falsch gemacht habe, danke ich Gott dafür und bekenne, dass das von ihm kommt.«

Immer mehr Menschen sehnen sich danach, Gott zu begegnen. Doch scheint es schwer, ihn in der Welt unseres Alltags zu entdecken. Dem Karmeliterbruder Lorenz (um 1610 bis 1691) verdanken wir tiefgründige und praktikable Hilfen auf diesem Weg.
Seine Schriften sind längst ein geistlicher Klassiker. Die vorliegende behutsame Neubearbeitung Reinhard Deichgräbers erweckt die von Bruder Lorenz überlieferten Texte zu neuem Leben. Seine Einführung zeigt zudem, wie sich das Anliegen des Bruders Lorenz in unseren Alltag übersetzen lässt.

Reinhard Deichgräber Jahrgang 1936, war Dozent am Ev.-luth. Missionsseminar in Hermannsburg. Er verfasste zahlreiche Bücher und Artikel zu Fragen christlicher Frömmigkeit und Lebensgestaltung und leitet Einkehrzeiten. Gedanken und Werk von Bruder Lorenz sind ihm seit Jahrzehnten vertraut. Dr. Reinhard Deichgräber lebt im Ruhestand in Hermannsburg.

„Ich kenne keine andere christliche Schrift, in der die Freude über ein Leben in der Gegenwart Gottes so schlicht und schön zum Ausdruck gebracht wird.“
Richard J. Foster
„Immer wieder leuchten einzelne Sätze auf, die zu wirklichen Anstößen für den nach geistlicher Orientierung suchenden Leser werden können.“
Zeitschrift AUFATMEN
ISBN 978-3-937896-56-4
www.neufeld-verlag.de