Skip to main content

588644

Page 1

VII. Die Frage nach Gottes Trost »Gott führt als guter Hirte« (Psalm 23) »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.« Psalm 23 1. Die spannungsvolle Bilderwelt des Psalmes Jeder von uns kennt diesen Psalm wahrscheinlich sehr gut. Und jeder von uns hat seine eigenen Gedanken, seine eigenen Bilder, die er mit diesem Psalm verbindet. Je mehr ich über ihn nachdenke, desto mehr staune ich, wie vielfältig die Bilder sind, die der Psalmbeter hier vor uns stellt. Was klingt hier nicht alles in uns an. Man kann sich immer tiefer in diese Vorstellungswelt versenken, sie aber nie ausschöpfen. Der Reichtum eines solchen Bibelwortes übersteigt unser Denken weit. 82

Teilweise scheint es, die Bilder des Psalmes würden sich sogar widersprechen. Vom stillen Wasser ist da die Rede, von einer sanften Weide – Bilder also, die Gott in seiner Güte beschreiben, mit der er sich um seine Menschen sorgt. Doch dann: vom finsteren Tal wird gesprochen, von Feinden, in deren Angesicht der Beter sein Brot essen muss. Auch damit also hat Gott zu tun: mit den dunklen Seiten unseres Lebens, mit den Nöten und Sorgen. Ja, wenn man tief genug hineinhört in die Worte, die da zu uns gesagt werden, dann kann man es vielleicht lernen: In einem Leben, das mit Gott gelebt wird, liegen die hellen und die dunklen Wegstrecken nicht so auseinander, wie wir sie vielleicht gerne auseinanderhalten möchten. Sie sind kunstvoll zusammengefügt. Nicht nur das eine. Nicht nur das andere. Am Ende beides miteinander, ja, beides füreinander? Hören wir diesem Beter zu. 2. Nicht Gedanken, sondern Leben Zunächst: Der Beter legt uns hier keine Gedanken vor. Es ist nicht so, dass er sich nach langem, anstrengendem Nachdenken eine Theorie des Lebens zurechtgelegt hätte. Gedanken allein haben ja in Notsituationen unseres Lebens wenig Kraft. Sie können vielleicht manches erklären. Aber damit trösten sie noch nicht. Dieser Mensch aber ist einen Weg gegangen. Auf diesem Weg hat er in guten und in notvollen Stunden Gott in seiner Wirklichkeit erfahren. Es ist der Gott der Bibel. Als solcher steht er noch heute in der Mitte Israels, in der Mitte der christlichen Gemeinde. Er ist anrufbar, ja, mehr noch: als solcher ruft er uns, Sie und mich. Und darum spricht der Psalmbeter hier auch als Zeuge. 3. Der hier spricht, dem ist die Not nicht unbekannt Es gehört zum grundlegenden Wirklichkeitssinn der Bibel, dass sie Gott und die Not nie voneinander trennt. Die Menschen der Bibel, die uns von Gott und seinem Handeln Zeugnis geben, haben Gott immer mitten in der Not erfahren, nicht jenseits von ihr. Und von Not ist hier die Rede. »Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal ...«, so sagen es unsere Übersetzungen. Die hebräische Sprache, in der dieser Psalm geschrieben ist, ist in ihrer Bildhaftigkeit in der VII. DIE FRAGE NACH GOTTES TROST

83


Regel kraftvoller. So spricht sie hier vom »Tal der Todesschatten«. Es ist der Tod, der in mancherlei Dunkelheiten seine Schatten mitten in unser Leben vorauswirft. In vielen Formen: in seelischer und in körperlicher Not, in Angst und Sorge, in Trennung und Verlust, in Enttäuschung und Verzweiflung, in all dem also, was unser Leben wie ein Vorbote des kommenden Sterbens trifft. Welches Bild! Der Tod trifft uns nicht plötzlich. Er wirft seine Schatten bereits jetzt mitten in unser Leben hinein, damit wir bereits jetzt mit ihm umgehen lernen. Und das weiß dieser Beter. Er spricht vom Angesicht der Feinde, vor denen man sein Essen, sogar sein Festessen einnehmen muss. Die Freude wird geschenkt, aber nicht dadurch, dass die Feinde aus dem Leben genommen werden. Sie bleiben gegenwärtig gerade da, wo uns von Gott selbst der »Tisch gedeckt wird«. Das ist es, was mir die Bibel so lieb macht. Hier wird nicht ein Weg zu Gott gezeigt, auf dem wir Menschen zuerst von den Nöten unseres Lebens wegsehen müssten, um dann Gott zu finden: irgendwo jenseits der Ängste, die uns belasten. Nein, das ist das Aufregende: Gott gehört mit der Erfahrung unserer Wirklichkeit ganz eng, ja unlösbar zusammen. 4. Gott wird erfahren – mitten in der Not, nicht jenseits von ihr Wenn der Beter vom Tal der Todesschatten spricht, dann tut er es nicht in klagendem Ton. Hören wir nur genau hinein in die altbekannten Worte: »Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir ...« Gerade in der Not, nicht vor oder neben ihr, hat er Gott erfahren. Gott bewahrt mich nicht vor dem Tal der Todesschatten. Er geht mit mir in diese Täler hinein und leitet mich dort, macht mich in diesen Nöten und Dunkelheiten seiner Gegenwart gewiss. Dass Gott mich begleitet und mich nicht allein lässt, das kann ich ohne die Nöte meines Lebens gar nicht lernen. Ich erfahre es erst in ihnen. Wie geschieht das? Auch hier lohnt es sich, in den Wortlaut und in die Bilder des Psalmes sehr genau hineinzuhören. Vom Stecken und vom Stab spricht der Beter. Sie »trösten mich«, so drückt er es aus. Stecken und Stab, was bedeutet das? 84

Welche Aufgaben haben sie? Der Beter kennt die Bilder aus dem Hirtenleben. In den dunklen Schluchten der Wüste Juda liegen die lebensnotwendigen Wasserstellen tief unten. Die Herde muss immer wieder auf abschüssigen und gefährlichen Wegen in die Tiefe steigen, um dort zum lebensnotwendigen Nass zu finden. Geschah das nach Anbruch der Dunkelheit, dann brach die Nacht derart herein, dass man die Hand nicht mehr vor den Augen sah. Der steile Weg wurde noch gefährlicher. Aber er musste gegangen werden. Die Quellen des Lebens findet man nur auf diesem Weg. Stecken und Stab werden nun zum Trost. Sie leiten durch ihren Druck, ja, durch ihren Schlag auch in der Dunkelheit. Mit der metallenen Spitze kann der Hirte antreiben, wenn das nötig ist. Mit dem Haken holt er das Tier, das am Abstürzen ist, vom gefährlichen Abhang wieder auf den begehbaren Weg zurück. Stecken und Stab bohren sich, wenn es sein muss, durch das schützende Fell. Und doch ist der Schmerz ein Zeichen, dass der Hirte noch da ist, dass er einen Absturz nicht zulassen will. Er sieht noch, auch wenn ich nichts mehr sehe. Er führt, auch wenn ich keinen Weg mehr erkenne. Er kümmert sich um mich. Ihm liegt an mir. Sonst würde er mich nicht auch unter Schmerzen zurückhalten, zurückholen. Muss man hier viel deuten? Kaum. Was hier im Bild gesagt wird, trifft unser Leben. Würde Gott uns laufen lassen, so wären wir ihm gleichgültig geworden. Die Schmerzen, die er uns gerade in der Not und Dunkelheit einzelner Wegabschnitte zufügt, lernen wir als Zeichen seiner Nähe, seiner Bewahrung zu verstehen, ja, seiner Nähe und Sorgsamkeit. Es ist der Weg zum lebensnotwendigen Wasser, auf dem er uns so führt, wohl nur so führen kann. Das andere Bild. Im Angesicht der Feinde hat Gott dem Beter den Tisch gedeckt, den Becher voll eingegossen. Auch dies ist Anlass zum staunenden Bedenken. Gott nimmt weder uns von unseren Feinden, noch unsere Feinde von uns. Mitten in all den Anfeindungen jedoch deckt er uns den Tisch, zeigt uns seine Liebe, seine Huld. Der hebräische Satz ist stark, ist bildhaft: Den Becher schenkt Gott nicht bloß voll ein, sondern so, dass er überfließt. Gottes Schenken kennt keine Grenzen, auch wenn er die »Umgebung« nicht verändert.

VII. DIE FRAGE NACH GOTTES TROST

85


5. Das Du Gottes muss man lernen Auch das gilt es in diesem Psalm gut zu beachten. Es ist die Not, in der der Beter zu Gottes Du findet: »... denn du bist bei mir.« Geglaubt hat er vorher auch. Glaube gibt es in so mancher Gestalt, in mancher Tiefe. Wie sollte es anders sein? Der Glaube, von dem die Bibel spricht, ist ein persönliches Verhältnis, das ein Mensch zu Gott gewinnt. Es ist geradezu aufregend, wie die Bibel jeder Verallgemeinerung widersteht. Gott – so allgemein? Das geht in der Bibel nicht. Wird von ihm, dem Herrn der Welt, gesprochen, dann wird eben auch von mir gesprochen, von Ihnen, von jedem von uns. So wird gesprochen, dass wir mit ihm zu tun bekommen. Und dann werden wir herausgefordert, ob wir denn diese Worte nachsagen können: »Der Herr ist mein Hirte ...« Das eigene Leben wird da eingesetzt. Sonst ist es nichts mit dem Glauben. Und trotzdem gibt es auf diesem Wege Höhepunkte. Oder sollten wir lieber sagen: Tiefpunkte? Dass Gott einem so nahe kommt, ja, dass man lernt, zu Gott du zu sagen, dazu braucht es immer wieder die Tiefe, die Dunkelheit: »Du bist bei mir ...« Es ist uns Menschen notwendig, dass wir diesen Satz buchstabieren. Nicht so nebenbei, sondern mit dem Gewicht unseres ganzen Lebens, unserer Not, unserer Schwachheit und Verzweiflung. Jedes Wort erhält sein Gewicht, erhält der Reihe nach seine Betonung:

der Herden ständig bedroht, der kann eher ermessen, welcher Jubel hinter diesen Bildern des Psalmes steht. Ein Schaf hat kein eigenes Orientierungsvermögen. Um Nahrung und Weg zu finden, ist es auf die Leitung durch einen Hirten angewiesen. Das ist es, was hinter diesem Bild an Weisheit und Erfahrung steht. Soll man es wirklich nüchterner sagen? Die Fülle, die Gott seinen Menschen gibt, das ist einmal die Nahrung, die äußere und innere Versorgung zu einem Leben, das wirklich lebenswertes Leben ist. Doch das allein macht es nicht aus. Wir brauchen auch die Führung unseres Lebens, ja, wir sind tiefer auf sie angewiesen, als wir vielleicht meinen. Das soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Jeder von uns wird merken, dass auch hier der Widerhaken steckt. Nahrung, äußere und innere Versorgung, Leben in einer inneren Lebensfülle, die Erfüllung wird ... Aber das ist nun so eng damit verbunden, dass wir geführt werden, dass wir es aufgeben müssen, unsere Wege selbst zu suchen. Wer lässt sich schon gerne die Selbständigkeit nehmen? Wer hält das für wünschenswert? Doch das gehört mit zum Hirtendienst, von dem hier als dem Grundbild des Glaubens gesprochen wird. Leben und Fülle – ja! Aber auf Wegen, die er führt!

6. Auch die Fülle wird erfahren Nach der Not, nach der Erfahrung Gottes, nach dem Finden des unmittelbaren, persönlichen Verhältnisses zu Gott kommt nun auch jenes andere: die Fülle, die Gott schenkt. Dem Beter gehen die Worte aus, die Bilder werden gesprengt. Kein Mangel, nur grüne Weide. Der Wasserquell, das frische Wasser. Wer Palästina und seine Wasserknappheit kennt, die die Existenz

7. Die rechte Reihenfolge Wir hätten wohl gerne eine andere Reihenfolge. Wir möchten mit der Fülle beginnen: Gott als Garant der Nahrung und des Weges, der Bewahrung und der Fürsorge. Wer die Wege, auf denen Gott selbst geht und die er sein Volk, seine Kirche und seine Menschen führt, näher bedenkt, der weiß es anders. Halten wir das durch, was uns dieser Psalm deutlich machen will: Durch viel Not führt Gott seine Menschen. Die Not erweist sich immer wieder als Weg, Menschen zur Begegnung mit ihm zu führen. Begegnung mit Gott kann man verpassen. Sie will aber zum persönlichen Verhältnis hinleiten, die unseren Glauben erst und immer neu zum biblischen Glauben werden lässt. Und darin erfährt nun der Glaube die Fülle, die Gott schenkt. Not führt zur Begegnung, Begegnung zur persönlichen Beziehung, zum Bekenntnis und so zur Fülle.

86

VII. DIE FRAGE NACH GOTTES TROST

Du – Du bist mein Hirte! mein – Mein Hirte bist du! Hirte – Mein Hirte bist du! bist – Mein Hirte bist du! du – Du bist mein Hirte!

87


Ja, wir Menschen tun uns schwer damit. Wir möchten gerne von hinten, also mit der Fülle, einsetzen. Wir möchten die Fülle ohne Abhängigkeit, ohne die bedrängende Nähe Gottes, ohne die Not, in die ein Leben geführt wird, wenn Gott ein Leben begleitet. Aber das geht nicht. Nun müssten wir miteinander tief in die biblische Geschichte hineinsehen. Ich mute es Ihnen zu, hier weiterzudenken. Wer durch schwere persönliche Not gegangen ist, der wird empfindsam: Warum ich? Warum mit mir? Doch wer spricht hier mit uns? Jesus hat davon gesprochen, dass er selbst der gute Hirte ist, der seine Menschen recht führt. Als Hirte aber ist er selbst in das dunkle Tal des Todes hineingegangen, in das ihn kein Hirte mehr begleitet hat. Die tiefste Not, die keiner von uns tragen muss, ja, tragen kann, ist hier von ihm getragen worden. Der, der uns auch schwere Wege führt, ist derselbe, der die Schwere unserer Wege immer schon auf sich genommen und immer schon getragen hat, bis hin zum Tod am Kreuz. Welche Tiefe wird uns hier anschaubar! Alle Not, die wir tragen, ist immer schon eine getragene Not. Kann uns das zur Hilfe werden? Der »Gott, der Lasten auf uns legt, doch uns mit unsren Lasten trägt«, will von uns angerufen sein. In seinem Namen steht die Macht auch über unsere Dunkelheit, über unsere Not. 8. Weiterdenken ... Der Psalm ist damit noch lange nicht »ausgedacht«. Vielleicht können Ihnen folgende Bemerkungen helfen, wenn Sie sich weiter mit diesem Psalm beschäftigen wollen.

geführt, ich bin geleitet, ich bin begleitet ... Schreiben Sie sich doch den Psalm ab, indem Sie ihn mit Ihrem Namen schreiben. • Der Psalm spricht auch von Gott sehr persönlich. Auch ihn kann man nicht »ausdenken«, sehr wohl aber erfahren. Man kann sich das betend deutlich machen, indem man bewusst diese persönliche Seite verstärkend zum Ausdruck bringt. »Ja, Vater, du bist wirklich mein Hirte ... du führst mich wirklich ...« Die Worte der Bibel wollen betend angeeignet sein. Auf diese Weise werden sie sich dann auch dem Verstehen neu öffnen. Der Psalm enthält weitere »Bilder« beziehungsweise bildhafte Züge, in die man sich versetzen und die man für sich vertiefen kann. Der letzte Vers z. B. enthält zwei solcher Bilder: • »Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ...«, sagt der Psalmbeter. Er wählt für »folgen« jedoch ein Wort, das nicht das Folgen im Sinne eines Hinterherlaufens meint, sondern das »Verfolgen«, das Nachhetzen. Wahrscheinlich ist das bewusst so ausgedrückt, um im Bild des Hirten und der Herde zu bleiben. Man mag an die Hunde des Hirten denken, die hinter den Schafen her sind, um sie auf den rechten Weg zu treiben. So also setzen uns auch diese Hirtenhunde Gottes ein Leben lang nach, um uns ja nicht aus den Augen zu verlieren: Gottes Güte, die er uns schenken will; Gottes Barmherzigkeit, mit der er uns zugetan ist und uns trägt.

• Der Psalm spricht in Bildern. Bilder aber muss man »sehen«, nicht denken. Nehmen Sie ruhig Ihre Phantasie zu Hilfe und versuchen Sie, sich die Bilder vorzustellen: die Weide, die Wasserquelle, das dunkle Tal, die Herde ...

Es tut gut, wenn man sich das sehr bildhaft vor Augen hält. Nicht wir sind es, die auf unseren Wegen dem Guten, der Barmherzigkeit »nachjagen« wie die Hunde. Gott selbst ist es, der uns auf unseren oft so falschen Wegen nachjagt mit Güte und Barmherzigkeit, ob er uns wohl einholen möchte.

• Der Psalm spricht persönlich. Er will nicht so sehr unser Denkvermögen ansprechen, sondern zur persönlichen Erfahrung verhelfen. Ich darf ihn darum sehr persönlich formulieren: Ich bin

• »Im Hause des Herrn zu bleiben ...« Auch das ist biblische Sprache. Damit drückt der Beter das aus, was wir etwa unsere Sehnsucht nach einer tiefen, vielleicht allerletzten Geborgenheit

88

VII. DIE FRAGE NACH GOTTES TROST

89


nennen würden. Endlich heimkommen! »Haus des Herrn ...«, damit ist für den alttestamentlichen Menschen der Tempel in Jerusalem gemeint. Gott nahe sein, mit ihm zu tun haben, ohne seine Nähe bedrängend, beengend zu erfahren. Es ist so, wie es Jesus im Gleichnis vom jüngeren Sohn sagt: Die Nähe des Vaters erschien ihm zunächst als unerträgliche Bedrückung. Die einzige Möglichkeit war die Flucht. Erst auf dem Weg durch die Tiefe wurde sie ihm zum Ort seiner Sehnsucht, zum Ziel seiner Heimkehr, zu den ersehnten Armen des Vaters. So machte er sich auf, hin zum Vater. Und er? Er hat ihn immer schon erwartet, mit ausgebreiteten Armen. Heimkommen! 9. In neuen Sprachen, in neuen Bildern Der Psalm 23 wurde vielfach in moderne Sprachen und in neue Sprachbilder übersetzt, die etwas vom unerschöpflichen Reichtum der biblischen Sprachwelt weiterstrahlen lassen. So fragten Bibelübersetzer, die unter den Eskimos lebten, wie sie den inneren Gehalt dieses Psalmes in die Eskimosprache übertragen könnten. Herden und Hirten, das war ja den Eskimos unbekannt. Sie fragten zunächst in die biblische Vorstellungswelt zurück. Was ist denn am biblischen Bild des Hirten das Entscheidende? Und: Wo und wie begegnet uns in unserer Kultur etwas, das damit vergleichbar ist? Das Ergebnis ist eindrücklich genug. Hirte – das ist jemand, der die ihm anvertrauten »Wesen« zu Nahrungsplätzen führt, ja, sich selbst verantwortlich für sie weiß. Mehr: Es ist jemand, der im Notfall auch sein Leben für sie hingibt. Wo aber kommt das in der Kultur der Eskimos vor, die weder Herden noch Hirten kennen? Die Antwort war leicht gefunden. Und so lautet der Anfang unseres Psalmes in der Eskimo-Vorstellung: »Der Herr ist meine Seehundmutter ...« Vielleicht kann die moderne Nachdichtung der Japanerin Toki Miyaschina manches davon erhellen, ja, gar zu eigenen Versuchen anregen:

90

»Der Herr gibt mir für meine Arbeit das Tempo an. Ich brauche nicht zu hetzen. Er gibt mir immer wieder einen Augenblick der Stille, eine Atempause, in der ich zu mir komme. Er stellt mir Bilder vor die Seele, die mich sammeln und mir Gelassenheit geben. Oft lässt er mir mühelos irgend etwas gelingen, und es überrascht mich selbst, wie zuversichtlich ich sein kann. Ich merke: Wenn man sich diesem Herrn anvertraut, bleibt das Herz ruhig. Obwohl ich viel zuviel Arbeit habe, brauche ich doch den Frieden nicht zu verlieren. Er ist in jeder Stunde da und in allen Dingen, und so verliert alles andere sein bedrohliches Gesicht. Oft, mitten im Gedränge, gibt er mir ein Erlebnis, das mir Mut macht. Das ist, als ob mir einer eine Erfrischung reicht. Und dann ist der Friede da und eine tiefe Geborgenheit. Ich spüre, wie meine Kraft dabei wächst, wie ich ausgeglichen werde und mir mein Tagewerk gelingt. Darüber hinaus ist es einfach schön zu wissen, dass ich meinem Herrn auf der Spur bin und dass ich, jetzt und immer, bei ihm zu Hause bin.«

***

VII. DIE FRAGE NACH GOTTES TROST

91


X. Die Frage nach dem Loslassen im Glauben »Das Gebet der Mutter des Mose« (nach 2. Mose 2,1–4) Leben: Leben aus Leben mir selbst zunächst verborgen. In meinem Inneren wuchs es heran. Lange Zeit nahm ich‘s nicht wahr, erlaubte mir selbst nicht, genauer zu sehen. Leben? Ja! Und sofort die Angst: Wird es Leben, das verboten ist, das sterben muss?

Neun Monate, das sind Tage und Nächte: das ist Erwachen am Morgen; das ist Suche nach Schlaf am Abend; das sind Verzweiflung und Hoffnung; das ist Gespräch, es ist Schweigen. Verschweigen; das ist Denken und ist auch Verdrängen; das ist Wut, ist Getröstetsein. Tage und Nächte voll Angst: Ist‘s Leben – zum Leben? Ist‘s Leben – zum Nichts? Und dann: Es kommt zur Welt. Es ist lebendiges Leben. Es darf nicht sein. »Aber sie sah, dass er schön war ...«

Leben: Erhofft und erbangt, erbeten und auch getragen, genährt und endlich geboren unter Schmerzen – zum Nichts? Leben – zum Nichts?

Zu sehen ist seine Schönheit! Aber: Kein Wort, Gott, kein Hinweis von dir. Kein Wort auch von Menschen. Kein Rat. Kein Wort von Verheißung, von Hoffnung, Gewissheit. Nur dies: Hinsehen und darin erkennen, »... dass er schön war.«

Leben? Daneben die Hoffnung: Ist es Leben, das leben darf? Leben – zum Leben?

Kann das genug sein, wo alles dagegen steht? Das offizielle Verbot, es ist klar.

Angst und Hoffnung. Hoffnung – und Angst! Hoffnung! – Auch Angst? Angst!

Die Erfahrungen anderer, sie sind klar. Die Stimme der Vernunft, sie ist klar. Die Erziehung? Eindeutig klar! Was gibt es zu rätseln? Alles ist deutlich.

134

X. DIE FRAGE NACH DEM LOSLASSEN IM GLAUBEN

135


So hat es zu sein!

Lebendige Schönheit!

Dagegen? Nur jenes »Sehen«. Wer sieht hier? Was? Und mit welchen Augen? Sind es Augen der Einbildung? Sind es Augen des Eigensinnes gar? Augen der Träume des eigenen Herzens? Augen verdrängter Bedürfnisse auf falschen Wegen? Oder: Wirklich von Gott erleuchtete Augen? Augen, mit denen Gott selber sieht? Augen, die zu sehen vermögen, wie Gott selber sehen will? Augen also, durch die Gott sich ersieht, was ihm gehört, was ihm dient?

Doch menschliches Verbergen hat Grenzen: »Da sie es nicht länger verbergen konnte ...«

»Sie sah, dass er schön war ...« »... und verbarg ihn drei Monate lang.« Herr, das ist möglich: Was Menschen verurteilen, das will ich verbergen, eine Zeitlang, damit es zu leben beginnt. Es muss sich ja weisen: Kommt dieses Leben wirklich von dir?

Was bleibt denn an möglichen Wegen nun offen? Verzicht? – hieße Zulassung des Mordes! Menschlicher Kampf? – aussichtslos! Beides führt in Verzweiflung. So nicht? Nicht! Daneben werden die Stimmen zunehmend lauter: Du! Die erste? Die einzige? Du bist die erste nicht! Andere erlitten doch Gleiches. Selbstmitleid hilft nicht weiter. Es geht nicht anders. Bring selbst dies Leben um, bevor man es mit Gewalt von dir trennt. Hochmut wär‘ es, zu meinen, du seist etwas Besonderes mit dieser Not. Gefährdung anderer nimmst du leichthin in Kauf. Sie büßen alle, sobald man dich überrascht. Gib deine Träume doch preis. Werde bescheiden.

Zunächst also Zeiten der Prüfung. Erstes Verbergen. Behutsam. Ein erstes und staunend‘ Entdecken: Kann das, ja, darf das denn sein? Freude und zaghafter Jubel.

Sei demütig. Beug dich. Du!

136

X. DIE FRAGE NACH DEM LOSLASSEN IM GLAUBEN

All diese Einwände: Sie haben doch recht!

137


Keine Antwort darauf! Sie haben recht! Und doch: »Dies Kind ist schön.« Herr, einmal schon hab ich dies Leben ausgesetzt: hinein in deine Hände – zu sehen, ob es leben darf. Neun Monate! Was in jener Zeit geschah, heranwuchs: »Ich sah, dass er schön war ...« Es hat mich verändert, tiefer, als ich damals geahnt. Und es will leben. Es darf doch, glaube ich, leben vor dir! Und nun? Und nun? Was bleibt an möglichen Wegen noch offen? Es steht nur der Verzicht, nur Zulassen des Mordes an diesem Kind vor mir. Was noch? Menschlicher Kampf? Aussichtslos! Und nun?

Warum denn nicht zusehen, ob du noch Wege kennst? Warum denn nicht loslassen in deine gute Hand? Unausdenkbar: Du hast einen Weg zum Leben jenseits vorstellbarer menschlicher Wege. Du hast, vielleicht, einen dritten Weg. Hast du Wege, Gott? Nicht menschliche Wege! Gibt es unausdenkbare Wege? Hast du dritte Wege? Gangbare Wege? Gangbar ins Leben, lebendig, wahrhaftig vor dir? Eines, das weiß ich: Was von dir kommt, wo auch in deinen Augen Schönheit erklingt, das muss nimmermehr sterben. Das trägst du hindurch. Du trägst auch dann noch, wenn ich den Weg nicht mehr sehe. Du! Menschlich zu kämpfen vermag ich ja nicht, kann nicht die Waffen ergreifen, dies Kind zu verteidigen. Doch sollt‘ ich das alles nun einfach lassen, hingeben ins Sterben, was zum Leben kam, was ich von dir empfing? Dies eine, dies will ich: Loslassen und aussetzen!

Warum denn nicht loslassen? Warum nicht aussetzen – ins Kästchen, ins Schilf?

Loslassen:

138

X. DIE FRAGE NACH DEM LOSLASSEN IM GLAUBEN

139


hinein in das Leben auf unbekanntem Weg und dennoch bangend gewiss, dass du zu bergen vermagst, einbergen bei dir. Aussetzen: hinein in deine behutsamen Hände, damit du es nun trägst und es führst. Aussetzen – nicht in andere Hände als nur in die deinen allein. Denn die werden bergend bewahren, was von dir kam: All jenes, was gut ist und wahr ist. Du!

Nun birg du es ein. Bewahre es du. Lass leben, Herr! Was von dir kommt, lass bitte leben vor dir. Dir!

***

Ich glaub es dir, Herr: Dies Kind, es darf leben. Es soll und wird leben auf Wegen, die ich noch nicht weiß. Was tut‘s? Menschliche Wege wären noch möglich: Zulassung des Mordes! Leidenschaftlich kämpfen! Verzicht würde Spannungen lösen! Aber loslassen, aussetzen und aussehen nach dir; wie du es nun tust, das mag doch dringen bis in dein Herz! Nun lass ich es los. Nun setz ich es aus.

140

X. DIE FRAGE NACH DEM LOSLASSEN IM GLAUBEN

141


Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook