Rudolf Westerheide Die Bibel 7 GrĂźnde, warum ich sie lese
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, wurden der Gute Nachricht Bibel (Revidierte Fassung der »Bibel in heutigem Deutsch«, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung) entnommen. © 2000 Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart
Rudolf Westerheide
Die Bibel 7 Gründe, warum ich sie lese
Umschlaggestaltung: Olaf Johannson, Langgöns Satz: David Neufeld, Schwarzenfeld Herstellung: AALEXX Druck GmbH, Großburgwedel © 2006 Neufeld Verlag Schwarzenfeld ISBN 10: 3-937896-32-5 ISBN 13: 978-3-937896-32-8 Bestell-Nummer 588 632 In Kooperation mit dem Born-Verlag Kassel ISBN 10: 3-87092-424-1 ISBN 13: 978-3-87092-424-9 Bestell-Nummer 182 424 Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages www.neufeld-verlag.de
Für meine Töchter Dina-Salome, Sonja Marie und Viola-Jasmin
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Warum ...?
»Wir haben viel Know-how, aber wenig Know-why.« Roger Willemsen In dieser Buchreihe nehmen wir die WarumFrage wörtlich und geben Antwort. Warum macht es Sinn, in der Bibel zu lesen? (Und in den bisher zwei anderen Bänden: Warum lohnt es sich, Jesus Christus nachzufolgen? Und warum beten wir eigentlich?) Fundiert und mit überzeugenden Argumenten werben Autoren, die das leben, wovon sie schreiben, darum, die Warum-Frage selbst zum ersten Mal oder ganz neu zu beantworten. Egal, ob Sie zu diesem Thema mehr Fragen als Antworten haben oder sich schon lange mit dem Beten beschäftigen: Wir sind sicher, dass Sie vom Inhalt der folgenden Seiten profitieren werden!
Inhalt Vorwort
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1. Weil ich es so gewohnt bin
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2. Weil ich nicht an sie glauben muss
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3. Weil sie zuverlässig ist
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4. Weil sie Gottes Wort ist
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5. Weil sie immer neue Perspektiven vermittelt
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6. Weil sie mir etwas zumutet
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7. Weil ohne sie die Welt nicht zu verstehen ist
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Nachwort
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Zum Autor; Buchempfehlungen
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Die Bibel
Vorwort
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Vorwort
nzählige Menschen in Deutschland haben offensichtlich den Wunsch, eine Bibel zu besitzen. Nicht nur, dass sie das gute alte Erbstück von Oma in Ehren halten, sondern die Bevölkerung kauft zusätzlich die in Millionenauflage auf den Markt geworfenen Schmuckausgaben von Tchibo und Aldi restlos auf. So erstaunlich dieses Phänomen ist, so klar sind auch die Umfrageergebnisse, dass in diesen Bibeln kaum gelesen wird. Warum eigentlich nicht? Sicher kann man Gründe dafür nennen, wie zum Beispiel die schwere Verständlichkeit vieler Texte. Aber mit der Beantwortung der Frage ist das Phänomen nicht erklärt. Meiner Überzeugung nach ergibt sich die Bibelabstinenz der Deutschen nämlich nicht zuerst aus Gründen gegen das Bibellesen, sondern aus einem Mangel an Gründen dafür. »Warum lesen Sie die Bibel nicht?« Ich will die Menschheit nicht mit meinen Fragen belästigen, sondern möchte
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bereit sein, die Gegenfrage zu beantworten: »Warum sollte ich denn die Bibel lesen?« Die Beantwortung dieser Frage ist für mich die eigentliche Aufgabe, und sie setzt voraus, dass ich sie zuerst mal für mich selbst geklärt habe. Das wurde mir bewusst, als die unvermutete Anfrage des Verlages kam, dieses kleine Buch zu schreiben, und ich habe sie als fruchtbare Herausforderung für mich selbst angenommen. Dass ich versucht habe, dabei so ehrlich wie möglich zu sein, erkennt der Leser vielleicht schon an der Überschrift des ersten Kapitels. Dass es tatsächlich auch für andere Menschen gute Gründe gibt, die Bibel zu lesen, werden hoffentlich die folgenden Kapitel zeigen. Ein Buch über ein Buch ist natürlich immer auch eine Auseinandersetzung mit dessen Inhalten. Weil man also ein Buch über die Bibel nicht schreiben kann, ohne sich auch mit ihren zentralen Aussagen auseinander zu setzen, ist dies auch ein Buch über den christlichen Glauben geworden. Wenn es mir gelungen ist, davon etwas rüber zu bringen, und wenn es Sie anregt, sich damit auseinander zu setzen, dann sind das schon mal zwei gute Gründe dafür, dieses Buch zu lesen. Rudolf Westerheide 7
1. Weil ich es so gewohnt bin
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Weil ich es so gewohnt bin
arum putze ich mir nach dem Aufstehen die Zähne? Der Akademiker in mir möchte die Frage gleich auf eine theoretisch Ebene heben und allerhand Kluges über Bakterien, Zahnsteinbildung und Parodontosegefahr von sich geben. Ohne Frage gibt es dazu viel Richtiges zu sagen, und zwar weit mehr, als ich es kann. Damit ist die Frage beantwortet, warum Zähneputzen an sich etwas Sinnvolles und Förderliches ist, nicht aber, warum ich es tue. Natürlich gibt es da einen Zusammenhang, aber der morgendliche Ritus, den ich an dem mich müde aus dem Spiegel anschauenden Wesen vollziehe, beruht nicht auf der jeweils vorangegangenen Reflexion medizinischer Fakten, sondern ist gewohnheitsgesteuert. Diese Gewohnheit wurde durch Erziehung, Vorbild, gesellschaftliche Konventionen und Erfahrungen im Bereich zwischenmenschlicher Beziehungen gebildet. Ein bescheidenes den-
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talmedizinischer Basiswissen kam dann über die Jahre hinzu und hat dazu beigetragen, die Gewohnheit beizubehalten und zu festigen. Weil Gewohnheiten stärker wirken als Einsichten, ist es gut, dass die Zahnpflege gezielt zur Gewohnheit gemacht wurde. Allerdings ist es wichtig, Gewohnheiten immer wieder mal zu reflektieren und mit den theoretischen Erkenntnissen abzugleichen. Vielleicht legen neue Erkenntnisse der Medizin oder Veränderungen im Gebiss eine Erhöhung der Putzfrequenz oder eine Änderung der Bürsttechnik nahe. Gegebenenfalls muss die Gewohnheit dann diesen Erkenntnissen angepasst werden. Für das langfristige Ergebnis ist jedoch nicht entscheidend, dass die neuen Erkenntnisse jederzeit präsent sind, sondern dass die neue Praxis zu einer konsequent umgesetzten Gewohnheit wird. Warum lese ich die Bibel? Es gibt viele gute Gründe dafür, es täglich zu tun, und in den folgenden Kapiteln möchte ich einige davon entfalten. Aber all das Wissen würde mich kaum regelmäßig oder gar täglich motivieren können, mich in einen – allzu oft sperrigen und schwierigen – Text zu vertiefen. Angesichts dieser Realität habe ich es mir einfach zu einer Gewohnheit gemacht. Das ist nicht jedes Mal ein erhebendes 9
Warum ich die Bibel lese
Erlebnis, aber die Regelmäßigkeit der Aktion erhöht die Quote der Inspiration erheblich. So werde ich hier auch nicht versuchen, den Leser davon zu überzeugen, dass Bibellesen immer spannend und eine ununterbrochen sprudelnde Quelle spiritueller Wellness ist. Das stimmt nämlich nicht, und solche falschen Erwartungen führen zu um so heftigeren Enttäuschungen und in deren Folge allzu oft zur Abkehr von der Bibel. Bibellesen ist manchmal begeisternd und beglückend. Manchmal ist es aber auch zum Schnarchen langweilig; aber weil es für ein Leben als Christ so unabdingbar wichtig ist, muss es trotzdem sein! Darum wünsche ich mir als Ergebnis dieser Lektüre nicht viele theoretische, aber wirkungslose Erkenntnisse, sondern eine neue und tiefere Integration der Bibel in das tägliche Leben. Sie werden allerdings feststellen, dass das Maß der Inspiration und der Freude merklich steigt, wenn man sich im Zweifelsfall gute Gründe für die gute Gewohnheit vergegenwärtigen kann. Bibellesen gehört wie Zeitbestimmung und Essen zu den Dingen, die man nicht oder nur sehr begrenzt auf Vorrat tun kann. Wenn es ginge, würde ich morgens eine viertel Stunde auf die Uhr schauen, und wüsste dann für den 10
1. Weil ich es so gewohnt bin
ganzen Tag, wie spät es ist. Wenn es ginge, würde ich am Anfang des Jahres zwei Wochen lang essen und müsste mich dann nicht weiter darum kümmern. Leider geht beides nicht, und ebenso wenig kann man einmal zwei Jahre lang die Bibel studieren und hat dann für den Rest des Lebens genug Wort Gottes gehört. Bibellesen braucht Wiederholung und eine gewisse Regelmäßigkeit. Es gilt auch nicht uneingeschränkt das Motto »viel hilft viel«. Es mag Sie verwundern, aber ich bin der Überzeugung, dass man zu viel Bibel lesen kann und dass manche Christen an biblischer Überfütterung leiden. Vielleicht trifft es Sie nicht, und Sie müssten viel mehr Regelmäßigkeit in das Bibelstudium kriegen. Dann überspringen Sie den nächsten Absatz. Vielleicht finden Sie sich aber auch in diesem Tagesablauf wieder: Morgens Bibellese, dann auf dem Weg zur Arbeit oder beim Bügeln eine Kassette mit einer Predigt oder dem Vortrag vom letzten Frauenfrühstück eingeschoben. Nach dem Mittagessen lesen wir eine Andacht und abends gehen wir in den Hauskreis. Auf diese Weise schütten wir uns derart mit biblischer Botschaft zu, dass wir das überhaupt nicht mehr verdauen können. 11
Warum ich die Bibel lese
Wissen Sie nach dem Hauskreis noch, was Gott Ihnen morgens durch die Bibel gesagt hatte? Nein? Warum haben Sie es dann gelesen? Vielleicht wollte Gott, dass Sie das Wort vom Morgen drei Tage bewegen, durchbeten und durchleben. Aber Sie haben in frommer Gewohnheit gleich was Neues drauf gepackt und den göttlichen Impuls damit erstickt. Ein massiver und unbedachter Bibelkonsum kann Ausdruck von Unbedachtheit sein oder auch zeigen, dass wir gar nicht ernsthaft mit der Möglichkeit rechnen, dass Gott durch die Bibel wirklich zu uns spricht und reale Veränderung bewirkt. Vielleicht haben wir uns durch unbedachten Bibelkonsum selbst immunisiert und müssen unsere Gewohnheiten von dieser Seite her neu reflektieren. Das kann zur Folge haben, dass Sie am Morgen nach dem abendlichen Hauskreis nicht unbedacht den Angaben des Bibelleseplanes folgen, sondern sich den Text vom Vorabend noch mal vornehmen und an dem Punkt weiterdenken, an dem Gott Sie angesprochen hat. Ich lese die Bibel, weil ich es so gewohnt bin. Nur weil ich diese Gewohnheit habe, kann ich sie von Zeit zu Zeit kritisch reflektieren. Dann merke ich, wenn sich neben die guten auch schlechte Gewohnheiten eingeschlichen haben oder wenn 12
1. Weil ich es so gewohnt bin
die Gewohnheit zur Routine geworden ist, und kann zur guten Gewohnheit zurückkehren.
Beim Bibellesen ist es wie mit dem Zähneputzen – für das langfristige Ergebnis ist eine konsequent umgesetzte Gewohnheit äußerst hilfreich. Falls die Bibel bisher kaum eine Rolle in Ihrem Leben spielt: Was halten Sie davon, ab jetzt einmal pro Woche in der Bibel zu lesen?
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2. Weil ich nicht an sie glauben muss
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Weil ich nicht an sie glauben muss
enerationen von Christen und Theologen haben einen erheblichen Teil der ihnen von Gott anvertrauten Zeit und Kraft investiert, um nachzuweisen, dass die Bibel glaubwürdig ist. Manches von diesem Bemühen hat sicher reiche Frucht getragen, insofern es dabei eigentlich nicht um die Glaubwürdigkeit, sondern um die Zuverlässigkeit der biblischen Überlieferung ging. Dass ich von dieser uneingeschränkt überzeugt bin, wird das nächste Kapitel zeigen, aber Glaubwürdigkeit ist etwas anderes. An der Stelle bin ich pingelig, weil die Verwechslung von Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit nicht nur eine begriffliche Ungenauigkeit darstellt, sondern auch in der Sache auf eine ganz falsche Fährte führt. Vom Propheten Jeremia stammt der schöne Ausspruch: »Dein Wort ward meine Speise, sooft ich‘s empfing, und dein Wort ist meines Herzens Freude und Trost« (Jeremia 15,6). 14
Wir werden das Zitat noch in einem anderen Zusammenhang aufgreifen, aber an dieser Stelle geht es mir um das zwei mal gebrauchte Wort »dein«. Jeremia spricht nicht von dem Gesetz oder dem Wort Gottes, so, als ob es sich dabei um irgendeinen beliebigen und zur Sektion freigegebenen Gegenstand handele. Für ihn ist es auch nicht Teil einer ehrwürdigen Tradition, die von uns bewahrt werden müsste. Sondern der Prophet sieht das geschriebene Wort immer in Beziehung zu dem, der darin zu Wort kommen möchte. Es gibt nicht einfach die Bibel, die wir auslegen oder mit der wir sonst was anstellen, sondern es gibt zunächst mal den heiligen Gott, auf den wir ausgerichtet sind und der durch niedergeschriebene Worte zu uns spricht. Die gleiche Haltung finden wir bei David, wenn er dichtet: »Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg« (Psalm 119,105). Er singt nicht: »Die Bibel ist so schön, und wenn ich darin lese, werde ich immer ganz fröhlich.« Auch sagt er nicht: »Wenn ich die Bibel lese, weiß ich immer, was ich tun muss.« Nein, das wissen wir oft eben nicht, und die Liedzeile: »Antwort auf alle Fragen gibt uns dein Wort« ist gut gemeint, aber trotzdem purer Unsinn. Schlimmer noch: Menschen haben schon völlig 15
Warum ich die Bibel lese
abstruse Sachen aus der Bibel gelesen, die nicht ihren Weg erhellt, sondern den Weg für viele verdunkelt haben. Das gilt für die Zeugen Jehovas, für viele liberale Theologen und leider auch für manchen evangelikalen Prediger. David weiß, dass die Buchstaben der Bibel als solche noch keine unfehlbare Wegweisung bieten, und betet deswegen: »Herr, mein Gott. Du sprichst zu mir und zeigst mir den Weg, von dem du möchtest, dass ich ihn gehen soll.« Nikolaus Ludwig Graf Zinzendorf (1700– 1760) hat nicht gedichtet: »Ich will immer schön in der Bibel lesen, dann werde ich ein guter Christ.« Sondern: »Herr, dein Wort, die edle Gabe, diesen Schatz erhalte mir.« Das ist der Schlüssel. Die Bibel wird unser Leben nie wirklich nach dem Willen Gottes prägen, wenn wir nur versuchen, sie zu verstehen, ihre Bilder zu deuten und diese auf heute zu übertragen. Das ist alles hilfreich und wichtig, aber zum »Licht«, zur Wegweisung aus der Ewigkeit werden biblische Texte nur, wenn sie in Verbindung mit Gott gelesen werden. Und manchmal rührt Gott unsere Herzen an durch ein Wort, dessen Bedeutung und dessen Hintergründe wir nicht mal verstanden haben. 16
2. Weil ich nicht an sie glauben muss
Es gibt Leute, die glauben an die Bibel. Ihr Lebenszweck ist es, zu verbreiten, dass das, was in der Bibel steht, wirklich stimmt – und zwar so, wie sie es verstehen. Bei manchen hat man aber den Eindruck, dass sich in ihrem Leben wenig von dem zeigt, was Christsein ausmacht: Da sieht man wenig Liebe, kein Vertrauen auf Gott, keine Großzügigkeit im Umgang mit Andersdenkenden. Sie kämpfen dafür, dass Gott die Welt wirklich in sieben mal 24 Stunden geschaffen hat, und allein die Frage, ob man das mit den sieben Schöpfungstagen nicht auch anders verstehen könnte, weisen sie energisch zurück. Auf der anderen Seite finden sie Mittel und Wege, die neutestamentliche Aufforderung zur Einheit aller Christen so umzudeuten, dass sie in ihrem Feldzug gegen Christen anderer Prägung und Frömmigkeitspraxis nicht behindert werden. Mit diesem Phänomen hatte schon Jesus zu tun: Die Schriftgelehrten glaubten an die Bibel, sie kannten sie auswendig, studierten täglich darin und fanden in ihr auf jede Frage eine Antwort. Aber sie suchten keine Beziehung zu dem Gott, von dem diese Bibel spricht. Sie wollten auch nicht, dass Gott sie lenkte im Verständnis der Bibel und dass er durch sie zu ihnen sprach. Sie verweigerten sich der Auslegung der pro17
Warum ich die Bibel lese
phetischen Schriften, die Gott selbst in Jesus Christus lieferte, und darum verstanden sie die Bibel auch nicht wirklich. Deswegen musste Jesus ihnen sagen: »Wenn ihr an Gott glauben würdet, wenn ihr Gott erlauben würdet, durch die Bibel zu euch zu sprechen, dann würdet ihr merken, dass sie schon auf der ersten Seite von mir spricht, und ihr würdet mich darin finden. Aber weil ihr Gottes Reden, seinen Einspruch nicht hören wollt, darum macht ihr euch eure eigene Religion und akzeptiert auch mich nicht als Sohn Gottes.« Wir glauben nicht an die Bibel, sondern an Gott, der durch die Bibel zu uns spricht. Nicht von den Worten der Bibel, sondern von Gott erwarten wir Veränderungen in unserem Leben, Vergebung der Sünden und ewiges Leben. So sollte es jedenfalls sein, und doch erleben wir immer wieder, dass Menschen an die Bibel glauben statt an Gott. Woher kommt das? Die Antwort ist nicht schwierig zu finden: Die Bibel, wenn man sie losgelöst von Gott betrachtet, hat man unter Kontrolle. Die Bibel kriegen wir notfalls schon so interpretiert, dass sie uns in unserem Denken und Leben nicht allzu sehr durcheinander bringt. Wenn wir lange genug suchen, finden wir in der Bibel immer Stellen, 18
2. Weil ich nicht an sie glauben muss
mit denen wir unsere Lebensweise und unsere eigene Art der Frömmigkeit rechtfertigen können – auch unsere Lieblosigkeit, Selbstgerechtigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber denen, die mit dem Leben nicht zurecht kommen. Tatsächlich: Man kann die Bibel benutzen, um sich Jesus vom Leib zu halten und die eigene Selbstgerechtigkeit zu bestätigen. Anders ist es, wenn sich durch die Bibel oder ohne die Bibel der lebendige Gott bei uns meldet; wenn er durch sein Wort plötzlich Dinge sagt, die unser bisheriges Christsein und auch unser Verständnis der Bibel in Frage stellen. Dann gibt es Unruhe, und wir müssen möglicherweise unser Denken und Verhalten ändern. Aus dieser Angst vor dem lebendigen Reden Gottes erwächst zuweilen eine Bibelfixierung, die meistens als Erweis besonderer Rechtgläubigkeit gehandelt wird, tatsächlich aber nichts anderes ist als Götzendienst. Wenn die Bibel zur höchsten Autorität wird, wird sie an die Stelle Gottes gesetzt und damit zum Götzen gemacht. Aber Gott hat uns die Bibel nicht gegeben, damit wir an die Bibel glauben, sondern weil er dadurch zu uns sprechen will. Daraus folgt auch, dass die Bibel betend gelesen werden muss. Die unselige Aufspaltung der klassischen »stillen 19
Warum ich die Bibel lese
Zeit« in Bibellese und Gebet ist eine Hauptursache dafür, dass sich beides bei vielen so mühsam hinschleppt. Das Gebet braucht die Bibel, denn sie lehrt uns beten und durch sie lernen wir den Gott besser kennen, mit dem wir reden wollen. Vor allem aber braucht die Bibel das Gebet, denn nur in Ausrichtung auf Gott als Gesprächspartner können seine Worte richtig verstanden werden. Die Bibel allein verändert nicht unsere Herzen. Sie sagt mir zwar, dass alle Menschen Sünder sind und Vergebung brauchen. Das kann ich dann auch predigen, und gewaltig gegen die Sünden der Menschen wettern. Aber davon habe ich noch lange nicht kapiert, dass ich persönlich ein ganz neues Leben anfangen muss, dass ich, gemessen am Maßstab Gottes, ein Mörder und Ehebrecher bin, dass meine Arroganz und Lieblosigkeit gegenüber denen, die sich mit der Bibel schwer tun, Sünde ist. Das begreife ich nur, wenn Gott mich persönlich anspricht, und dazu muss ich mich ihm öffnen, ihn in mein Herz schauen lassen und mir von ihm sagen lassen, wie es um mich steht. Das ist etwas anderes, als kluge Vorträge zu halten. Und das wollen viele nicht. Darum liefern sie sich nicht Gott und seinem Reden aus, 20
2. Weil ich nicht an sie glauben muss
sondern verstecken sich hinter frommen Sprüchen und reden sich ein, sie wären Christen. Klar lese ich in der Bibel, dass Gott mich unendlich liebt. Ich kann darüber auch flammende Reden halten. Aber davon habe ich noch lange nicht die überwältigende Liebe Gottes erfahren. Davon habe ich noch lange nicht erlebt, wie das ist, wenn Gott mich in die Arme nimmt und mir sagt, dass es für ihn nichts Wichtigeres gibt, als gerade mich bei sich zu haben. Das werde ich nie allein dadurch erleben, dass ich die Bibel für wichtig und richtig halte, sondern nur, wenn ich mich ganz dem Gott hingebe, der durch die Bibel spricht. Darum sage ich: Wer ein Christ sein will, glaubt nicht an die Bibel, sondern an Gott. Es bleibt natürlich die Frage, welche Rolle die Bibel in unserem Verhältnis zu Gott und für unseren Glauben spielt. Dabei geht es auch um die Zuverlässigkeit der Überlieferung, mit der sich das nächste Kapitel befasst. Aber ich bin mir darüber im Klaren, dass selbst wenn die Überlieferung nachweislich von wissenschaftlicher Genauigkeit ist, alleine aufgrund dieser Tatsache niemand glauben kann, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde. Das kann nur der glauben, der in seinem Leben erfährt, zu was für verrückten Sachen Gott in der Lage ist. 21
Warum ich die Bibel lese
Das ist so, wie wenn meine Frau mir erzählt, was sie am Tag alles erlebt hat. Wie soll ich herausfinden, ob das stimmt? Ich könnte natürlich einen Detektiv einschalten und alles nachprüfen lassen. Aber letzte Gewissheit bringt selbst das nicht, denn ich weiß ja nicht, ob der nicht auch von meiner Frau manipuliert oder gekauft wurde. Wo erst mal Misstrauen herrscht, da wird es durch die besten Informationen nicht besiegt. Ob ich den Worten meiner Frau vertrauen kann, finde ich heraus, indem ich mit ihr lebe. Indem ich erfahre, dass sie vertrauenswürdig ist, dass sie mich liebt, dass sie nur das Beste für mich will, kann ich auch ihren Worten vertrauen. Wir glauben nicht an die Bibel. Das müssen wir nicht und das dürfen wir nicht! Damit wäre Gott vom Thron gestoßen, und damit wäre auch die Bibel nicht ernst genommen. Wäre die Bibel die letzte Instanz unseres Glaubens, wäre sie reduziert auf ein Maß an Bedeutung, wie es heilige Bücher anderer Religionen haben. Die Bibel wäre wie der Koran hoch zu achten, aber sie wäre gleichzeitig reduziert zu einem Informationsträger des göttlichen Willens. Indem die Bibel weniger ist als Gott, ist sie mehr als alle anderen heiligen Bücher, nämlich unmittelbares Sprachrohr Gottes in seine Gemeinde, aber auch 22
2. Weil ich nicht an sie glauben muss
in jedes einzelne Herz hinein. Weil die Bibel nicht Gott, sondern Werkzeug in Gottes Hand ist, ist sie nicht nur Hinweis auf, sondern Brücke in den Himmel.
Würde es einen Unterschied für Sie bedeuten, die Bibel bewusst in Verbindung mit Gott zu lesen? Fällt es Ihnen leicht, zu erwarten, dass sich der lebendige Gott zum Beispiel durch das Lesen der Bibel an Sie wendet?
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Warum ich die Bibel lese
Der Autor Rudolf Westerheide, Jahrgang 1960, ist Theologe und seit 2004 Leiter (Bundespfarrer) des deutschen »Jugendverbandes Entschieden für Christus«. Daneben engagiert er sich im Vorstand der Weltweiten Evangelischen Allianz, des »Jesus-Tag« e. V. und des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes sowie im Verwaltungsrat der Deutschen Bibelgesellschaft. Er ist verheiratet mit Heidi Westerheide und hat drei Töchter; mit seiner Familie lebt er in Lemgo. Kontakt: www.ec-jugend.de. Veröffentlichung (Auswahl) Westerheide, Rudolf: Eins – Wie wir als Christen glaubwürdig werden. R. Brockhaus, Witten 2004 Weiterführendes Material Die Bibeln der Deutschen Bibelgesellschaft beschäftigen sich mit dem Original. Mehr als eine halbe Million Bibeln und eine Million Kinderbibelbücher verbreitet die Bibelgesellschaft jährlich. Dazu kommen Hilfen zum Bibellesen und Materialien zur Gemeindearbeit. Kontakt: www.dbg.de. 78
Anhang
Wer sich danach sehnt, Gottes Wort Tag für Tag aufs Neue zu entdecken und zu erleben, der findet in den Bibellese-Zeitschriften vom Bibellesebund konkrete Unterstützung. Unterhaltsam, aber nicht oberflächlich, lehrreich, aber nicht belehrend, geben die vierteljährlichen Bibellese-Zeitschriften neue Impulse und schenken wertvolle Orientierung, weil sie helfen, Gott selbst im Alltagstrott auf der Spur zu bleiben; weil sie auch bei kniffligen Fragen nicht ausweichen, sondern Klartext reden; weil sie die faszinierende Welt der Bibel im Laufe der Jahre systematisch erschließen und altersgemäß nahe bringen. Kontakt: www.bibellesebund.de. Buchempfehlung Mandzel, Waldemar: Bibel einmal anders. 57 Karikaturen zur Bibel. Born-Verlag, Kassel 2002 Ein tolles Geschenk für alle, die sich mit der Bibel beschäftigen und sie auch einmal ganz anders entdecken wollen. Spaß garantiert! Illustrationen, ergänzt mit kurzen Impulsen.
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