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1. Der Anfang Herr, öffne mir die Augen für die Wunder... (Psalm 119,18)

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anchmal lässt sich schwer sagen, wann etwas angefangen hat. Alles hat seine Wurzeln, und die entstehen aus Samen. Samen kommen von Pflanzen, und so weiter. Für uns beide liegt der Anfang in Harare in Simbabwe im Dezember 1998. Wir waren gebeten worden, die Initiative: Gaben teilen zu entwickeln und zu leiten. Der Veranstaltungsort war ein eher spartanisches kirchliches Gästehaus und Tagungszentrum am Stadtrand. Pakisa und ich waren gemeinsam in einem Zimmer mit zwei schmalen Betten und einem hölzernen Nachttisch untergebracht; das Bad befand sich auf dem Gang. In diesem Haus waren wir einige Tage lang zusammen – manchmal nur zu zweit, manchmal auch mit mehreren Mitgliedern unseres Vorstandes – und planten, wie diese Initiative gelingen könnte, die die Gaben der Gemeinden herausarbeiten und fördern sollte. Gleichzeitig begann für uns der Weg zu einem gemeinsamen Verständnis des Gabenteilens; dessen, was Gaben sind, woher sie kommen und wie man sie einsetzen sollte. Seitdem lernen wir immer mehr über das Teilen von Gaben dazu. In jener Eröffnungssitzung entstand eine Strategie, die vorsah, dass wir alle Mitgliedskonferenzen unserer Konfession besuchen sollten, zuerst in Afrika, dann in Lateinamerika und Asien und schließlich in Europa und Nordamerika. Rund um den Globus sollten wir also in Seminaren über die Gabengemeinschaft in der weltweiten Kirche lehren und zum Teilen ermutigen. Aus diesen Begegnungen sollte eine Zusammenstellung der verschiedenen

Gaben weltweit hervorgehen, die die Gemeinden untereinander teilen könnten. Noch wichtiger war die Hoffnung unserer Organisation, der Mennonitischen Weltkonferenz, dass Gemeinden durch die Initiative: Gaben teilen einen neuen Blick für die uns von Gott geschenkten Gaben und deren Einsatz erhielten. Mit dieser Arbeit begannen wir aus verschiedenen Gründen in afrikanischen Kirchen und machten danach in Lateinamerika und Asien weiter. Erstens lebten Pakisa und ich zu der Zeit beide in Afrika, und zusammengenommen hatten wir vermutlich bessere Kenntnisse von den afrikanischen Kirchen als von den Kirchen in irgendeiner anderen Region. Doch noch wichtiger war, dass uns auf Grund unserer Erfahrungen einiges von der Gabenvielfalt innerhalb der afrikanischen Kirchen bewusst war und wir uns vorstellen konnten, wie die Initiative dort Gestalt annehmen könnte. In den folgenden zwei Jahren besuchten wir jede der afrikanischen Konferenzen und trafen so bei 13 Seminaren in zehn verschiedenen Ländern ungefähr 350 Menschen. Während dieser Zeit lernten wir vieles über Gaben – auch später noch, als wir unsere Arbeit in Lateinamerika und Asien fortsetzten und dort Schulungsleiter aus den Kirchen für die Durchführung der Seminare ausbildeten. Wir kamen zugleich in den Genuss der vielen unterschiedlichen Gaben der Menschen, denen wir begegneten. Dieses Buch stellt einen Versuch dar, etwas von dem, was wir gelernt haben, weiterzugeben – über Gaben, über die Gemeinden, über das Teilen und über das Wesen Gottes. In diesem Buch verwenden wir gelegentlich die Begriffe »Norden« und »Süden«, wenn wir uns auf Europa und Nordamerika einerseits und auf Asien, Lateinamerika und Afrika andererseits beziehen. Diese Begriffe sind Klassifikationen, die wie viele Kategorien oftmals sowohl unpassend als auch in der wörtlichen Bedeutung ungenau sind. In der Biologie heißt es, dass die Unterschiede innerhalb einer bestimmten Art häufig größer sind als die Unterschiede zwischen zwei Arten. Das trifft auch auf die Begriffe Norden und Süden zu. Außerdem erzeugen solche Begriffe schnell Klischees, die weit über die geographische Bedeutung hinausge-

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hen und die für die Verständigung und kreatives Denken eher ein Hindernis als eine Hilfe sind. Die weltweiten Gemeinden sind um ein Vielfaches komplexer, als die Begriffe Norden und Süden vermuten lassen. Damit die Nord/Süd-Klassifikation eine sinnvolle Bedeutung behält, haben wir versucht, sie in diesem Buch sparsam zu verwenden. Woher wir kommen

Pakisa Tshimika: Während meiner Kindheit in Afrika erlebte ich in der Weihnachtszeit zwei gänzlich verschiedene Auffassungen von Gaben und dem Teilen. An Heiligabend veranstaltete unsere Gemeinde ein Schauspiel, bei dem die gesamte Weihnachtsgeschichte sehr ausführlich und dramatisch erzählt wurde. Ich weiß noch, dass am Ende der Aufführung Missionare Seife und Salz an alle Besucher verteilten. In der Schule und im Kindergottesdienst bekamen wir Malbücher und Stifte. Wir mussten unseren Lehrern im Gegenzug dafür nichts schenken; ich erinnere mich auch nicht daran, dass die Leute den Missionaren, die Seife und Salz verteilten, etwas gegeben hätten. Ich lernte, dass es zwei Gruppen von Menschen gab – diejenigen, die etwas gaben, und diejenigen, die etwas bekamen. Damit ist die Geschichte jedoch noch nicht zu Ende. Kurz nach dem Gottesdienst am ersten Weihnachtsfeiertag traf man sich zu einer gemeinsamen Mahlzeit. Zwei oder drei Familien brachten Essen mit und teilten miteinander, was sie hatten. Ich lernte noch etwas – dass in Beziehungen alle etwas beizutragen haben und dass die Unterscheidung zwischen »Habenden« und »NichtHabenden« nicht immer zutrifft. Mit der Spannung zwischen diesen beiden Auffassungen wuchs ich auf und erlebte meine Kindheit und Jugend- und Studienzeit. Tim Lind: Da ich als eines von sechs Kindern in einer finanziell nicht besonders gut gestellten Familie aufwuchs, kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich ausdrücklich etwas über das Teilen gelernt hätte. Es stand einfach immer sehr greifbar im Raum – indem das Essen zu Tisch aufgeteilt wurde, Kleidungsstücke von

einem Kind an ein anderes weitergegeben wurden, man entscheiden musste, wer mit wem Zimmer und Bett teilte. Und im alltäglichen Umgang mit meinen Geschwistern war »sich abwechseln« ein Schlüsselbegriff im Wortschatz des Teilens. Ich kann mich an unzählige Diskussionen darüber erinnern, wer gerade »dran« sei. Natürlich waren diese »Diskussionen« häufig eigennützig (»Ich bin dran!«), doch es gab auch klar anerkannte Grenzen für dieses Eigeninteresse. Es war irgendwie selbstverständlich und wurde auch nie in Frage gestellt, dass in einer Familie der Wohnraum allen gehört. Es war nicht annehmbar und nicht einmal lustig, sich auf Kosten seiner Geschwister zu bereichern. In einer Familie lernt man ganz natürlich und immer wieder, dass es einsam macht, wenn man Dinge für sich behält, und dass das auf lange Sicht nicht gesund ist. Tshimika: Als ich in armen Gegenden im öffentlichen Gesundheitswesen und in der Gemeindeentwicklung arbeitete, schien es mir im Hinblick auf die Menschen, mit denen ich arbeitete, beinahe unmöglich, den Gedanken von »Habenden« und »Nicht-Habenden« zu überwinden. Es war klar, dass viele mich als »Habenden« betrachteten, weil ich auf der Geberseite stand. Ich hatte an einer der besten Schulen der Welt studiert. Ich hatte einen guten Arbeitsplatz und wurde regelmäßig bezahlt, während viele in meinem Umfeld mehrere Monate lang gar kein Gehalt erhielten. Darüber hinaus hatte ich ein schönes Haus und musste mir keine Sorgen darüber machen, ob ich am nächsten Tag etwas zu essen hatte. Doch ab und zu brachte mir jemand aus einem nahe gelegenen Dorf ein Büschel Bananen. »Ich habe an dich gedacht und daran, wie sehr du Bananen magst; deshalb habe ich dir welche gebracht«, sagte er dann zu mir. Er erwartete keine Gegenleistung und diesem Menschen war es egal, wie viel ich verdiente. Diese Leute wussten, dass ich Bananen mochte, und sie wollten sie einfach mit mir teilen. Lind: Meine Frau und ich verbrachten den Großteil der siebziger Jahre, des »großen Entwicklungsjahrzehnts«, in Afrika. Dort

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arbeiteten wir in verschiedenen Ländern an der Planung und Verwaltung von diversen Hilfs- und Gemeindeentwicklungsprojekten. Es war eine aufregende Zeit und greifbare Lösungen lagen in der Luft. Doch die Verheißungen eines Aufbruchs wirkten zunehmend leer und ihre Voraussetzungen fragwürdig. Ich hatte den Eindruck, dass es zu viele Teile in diesem Puzzle gab, die falsch waren, wirkungslos und nicht mit der Geschichte des Glaubens zu vereinbaren. 1982 schickte mir ein Kollege einen Auszug aus einem Buch von Lewis Hyde mit dem Titel: The Gift. Imagination and the Erotic Life of Property (Random House, New York 1979). Das Buch untersucht die Rolle, die Gaben – sowohl konkrete Gegenstände als auch immaterielle Talente und Eingebungen – in unserem Leben spielen. Hyde stellt der Marktwirtschaft, wo »niemand etwas zu verschenken hat« und Wachstum durch Investitionen »in eigener Sache« angekurbelt wird, etwas gegenüber, das er »Gabenwirtschaft« nennt: Hier entsteht Wachstum durch Weitergeben und Ausgeben. Während uns die Marktwirtschaft einsam und scheinbar unabhängig voneinander macht, besteht der alleinige Zweck der Gabenwirtschaft darin, Beziehungen aufzubauen und uns miteinander zu verbinden. Seitdem beschäftige ich mich in Gedanken, Lektüre und in meinen Studien mit dieser Metapher. Wenn es darum geht, wie Menschen in verschiedenen Situationen miteinander umgehen können, ist diese Denkweise meiner Meinung nach fruchtbarer und entspricht eher dem biblischen Zeugnis. Tshimika: Als ich in das Team berufen wurde, das die Initiative: Gaben teilen entwickelte, fragte ich mich, was ich dazu beitragen sollte. Ich hatte während meiner Kindheit und später in meinem Berufsleben mit dieser Spannung zwischen den beiden Auffassungen über Gaben gelebt. Die Gemeinde, in der ich aufwuchs, war mir keine Hilfe dabei, mit dieser Spannung umzugehen. Ich schien in zwei Welten zu leben. In der einen wurde mir die Hierarchie der Gaben vermittelt – Prediger, Evangelisten, Propheten und Wundertäter waren anscheinend wichtiger als eine Frau aus

der Gemeinde, die für eine Gemeindeveranstaltung kocht, oder ein Zimmermann aus der Gemeinde, der Dächer für unsere Kirchen und Schulen anfertigt. In meiner Familie und meinem privaten Umfeld außerhalb der Gemeinde lernte ich hingegen, dass wir alle etwas beizutragen haben und dass in unserer Gesellschaft jede Gabe wichtig ist. Diese Spannung wurde zu einem Gewinn für mich, als wir einen Rahmen für unsere Seminare entwickelten und auch, als wir dann damit anfingen, unsere Seminare über Gaben und Gabengemeinschaft in Gemeinden auf der ganzen Welt durchzuführen. Lind: Pakisa und ich waren einander im Lauf der Jahre schon mehrfach in Kinshasa in der Demokratischen Republik Kongo und auch an anderen Orten begegnet. Wir engagierten uns beide in der kirchlichen Entwicklungsarbeit und ich glaube, wir hatten schon voneinander gehört. Doch was jetzt vor uns lag, war etwas völlig anderes. Wir beide sollten uns eine Idee zum Teilen von Gaben innerhalb der weltweiten Kirche zu eigen machen, die in gerade mal zwei oder drei kurzen Abschnitten von einem Ausschuss der Mennonitischen Weltkonferenz ausgeführt worden war. Diesen Gedanken sollten wir weiterentwickeln zu einer weltweiten Initiative und sie zugleich umsetzen. Außerdem sollte das nebenberuflich geschehen, da wir beide offiziell bei anderen Organisationen beschäftigt waren. Und wir sollten gemeinsam daran arbeiten – zwei mennonitische Laien: ein Afrikaner, der viele Jahre in Nordamerika gelebt hatte, und ein Nordamerikaner, der viele Jahre in Afrika gelebt hatte. Und was wussten wir schon über Gaben? Welche Fachkompetenz hatten wir für dieses Thema? Eigentlich recht wenig. Wir sind beide keine Theologen, Pastoren, Philosophen oder Soziologen. Was wir gemeinsam hatten, war ein starkes Engagement für die Kirche, langjährige Erfahrung bei der Arbeit mit kirchlichen Missions- und Hilfswerken, hauptsächlich in Afrika, und einen festen Glauben an den Wert und die Verbundenheit aller Menschen. Tshimika: Was haben wir also bisher aus dieser Initiative gelernt? Wenn wir über alles schreiben würden, was wir gelernt

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haben, würde das den Rahmen dieses Buches schnell sprengen. Zusammenfassend würde ich sagen, dass der Prozess genauso wichtig ist wie das Ergebnis. Dass wir persönlich gereift sind und dass wir die Freude hatten, mehr über uns selbst zu erfahren. Zuerst dachten wir, dass wir am Ende eine schöne Akte in den Händen halten würden, mit Tabellen und detaillierten Informationen über alle Gaben und Mittel der von uns besuchten Gemeinden oder Bezirke. Doch schon kurz nach den ersten beiden Seminaren merkten wir, dass der Prozess, Gaben zu entdecken, ebenso wichtig wurde wie das Ergebnis. Die Seminarbesucher berichteten davon, wie sich ihre Auffassung von Gaben und der Gabengemeinschaft im Lauf der Gespräche änderte. Eine Bemerkung eines Seminarteilnehmers fiel mir auf. Er sagte, während seines Studiums an einer theologischen Ausbildungsstätte sei seine Sicht von Gaben und Gabengemeinschaft nie hinterfragt worden. Er bemerkte, dass sein neues Verständnis von Gaben auch seine Auffassung von Leitung in der Gemeinde beeinflusste. Viele weitere Teilnehmer aus anderen Umfeldern, die wir im Verlauf des Projektes besuchten, äußerten sich sehr ähnlich. Einmal brachten wir Kirchen aus zwei Ländern für ein Seminar zusammen. Obwohl sie aus Nachbarländern kamen, hatten diese Kirchen nie etwas miteinander unternommen und nie erkannt, wie viele Gemeinsamkeiten sie hatten. In einer anderen Gemeinde war unser Seminar, soweit sich die Teilnehmer erinnern konnten, der erste Anlass, bei dem Laien und Hauptamtliche, Männer und Frauen jeden Alters zusammenkamen, um einen wichtigen Teil Als wir umherreisten und mit den Gemeinden über Gaben redeten, erlebten wir auch viele amüsante Situationen. Einmal hatten wir in Guatemala-Stadt schon mehrere Tage mit einer Gruppe von lateinamerikanischen Schulungsleitern verbracht, als sie uns während einer Kaffeepause gestanden, dass sie, bevor wir uns trafen, alle davon ausgegangen waren, wir seien ein Ehepaar, als wir ihnen als »Tim und Pakisa« geschrieben hatten ...

des Gemeindelebens zu besprechen, in diesem Fall die Entdeckung von Gaben. Diese Seminare boten den Kirchenmitgliedern auch die Möglichkeit, andere kirchliche Angelegenheiten zu besprechen. Zu den Fragen, die in den Seminaren aufkamen, gehörten Jugendarbeit, die Rolle von Frauen in der Leitung, Kommunikation, Struktur und Verwaltung und das Gefühl der Isolation. Wir hatten zwar nicht damit gerechnet, dass diese Themen besprochen würden. Aber dennoch war diese Runde für die Teilnehmer ein passender Rahmen, um diese für ihre Kirchen sehr wichtigen Anliegen zur Sprache zu bringen. Wir begriffen auch die Bedeutung der Tatsache, dass wir zu einer größeren Familie von Gläubigen gehören. Eine der Kirchen war wegen interner Auseinandersetzungen von der weltweiten Gemeinschaft ausgeschlossen worden. In der Zwischenzeit hatte sie die Angelegenheit bereinigt und wir besuchten sie, um ein Seminar zur Initiative: Gaben teilen durchzuführen. Die Sitzung ging bis tief in die Nacht. Wir können uns noch lebhaft daran erinnern, wie wir dann der Kirche berichten konnten, dass sie wieder in die weltweite Gemeinschaft aufgenommen worden war, weil der Grund für ihren Ausschluss nicht mehr gegeben war. Der Leiter unterbrach uns und bat darum, Gott jetzt anzubeten und gemeinsam Danklieder zu singen, weil seine Kirche wieder ein Teil der weltweiten Familie war. Lind: Wenn ich auf unsere Erfahrungen bis heute zurückblicke, fällt mir die reiche Vielfalt auf, die es in jeder Kirche und in jedem Land gibt. Manchmal kam es mir so vor, als ob Verschiedenheit einfach ein anderes Wort für Gabe sei. Und wenn wir einmal damit anfangen, bewusst über Gaben und Unterschiede nachzudenken, sehen wir sie überall – Unterschiede beim Singen, Lobpreis, Familienleben, Gemeindeleben; Unterschiede im Kleidungsstil, beim Kochen und Essen, bei den verschiedenen Sprachen und Akzenten. Verschiedenheit ist etwas Wunderbares! Wie ironisch erscheint es da, dass wir häufig zulassen, dass unsere Unterschiede – unsere Gaben – uns teilen, uns trennen, als wäre

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es besser, wenn wir alle gleich wären! Leider wurden die grässlichsten Taten in der Geschichte der Menschheit auf Grund dieser wunderbaren Unterschiede begangen. Tshimika: Dieser bisherige Prozess der Gabengemeinschaft bot uns auch eine ausgezeichnete Möglichkeit, persönlich zu wachsen. Es ist eine Sache, ein Seminar über Gaben und Gabengemeinschaft zu halten und über wunderbare Pläne und die verschiedenen biblischen Modelle der Gaben und des Teilens zu reden. Doch es ist etwas ganz anderes, diese Ideale umzusetzen und zu leben. In den Seminaren sprachen wir auch darüber, dass der Einsatz einer Gabe häufig eine weitere Gabe fördert. Bei unserer eigenen Arbeit entdeckten wir, wie Tim und ich einander brauchten, um unsere Aufgaben zu erfüllen. Ich brauchte Tims kritischen Verstand, sein Schreibtalent und sein breites Netz an Beziehungen aus seiner früheren internationalen Arbeitserfahrung. Tim ist kein Ellbogentyp, aber er ist sehr gut organisiert. Er schafft es auch sehr gut, mit all den Menschen in Verbindung zu bleiben, die wir irgendwann einmal getroffen haben. Er hingegen brauchte meine Erfahrung in der direkten Zusammenarbeit mit Kirchenleitungen, meine Eigenschaft, nicht so schnell aufzugeben und mich ohne langes Zögern in neue Situationen hineinzubegeben. So halfen wir uns auch gegenseitig beim Entdecken unserer eigenen Gaben in der Arbeit mit einzelnen Kirchen, die immer auch eine weltweite Perspektive hatte. Lind: In den letzten Jahren habe ich zusammen mit Pakisa viel Zeit auf Reisen verbracht: in weiten Teilen Afrikas, und auch in Lateinamerika, Asien, Nordamerika und Europa. Vor einigen Jahren hatte Pakisa einen schweren Autounfall, auf Grund dessen er heute langsam und an einem Stock geht. Ich habe auf diesen Reisen mit ihm viel gelernt – vieles über Zeit beispielsweise, über Eile und darüber, was man alles wahrnehmen kann, wenn man langsamer geht. Aber ich fand es auch sehr lehrreich, Pakisas Beziehungen zu anderen Menschen zu beobachten. Es fiel mir auf, dass die Art und Weise, wie viele Menschen auf ihn reagieren, etwas veranschaulicht: Unsere Bedürfnisse spielen eine wichtige

Rolle dabei, die Gaben anderer Menschen freizusetzen und ihnen zum Einsatz zu verhelfen. Ich habe oft die Erfahrung gemacht, dass Flugbegleiter, Sicherheitskräfte, Taxifahrer und Hotel- und Restaurantangestellte, die auf mich mürrisch und gleichgültig wirken, plötzlich zu strahlen beginnen und liebenswürdig, freundlich und hilfsbereit werden, sobald sie Pakisa sehen. Sein Bedürfnis – dass man ihm einen Koffer trägt oder einen Sitz verstellt – ist oft eine Gabe für andere und eine Einladung, ihre Gaben einzusetzen. (Mir ist schnell aufgefallen, dass auch ich häufig in den Genuss dieser besonderen Zuwendung kommen kann, wenn ich mit ihm zusammen bin; deshalb lasse ich ihn manchmal vorangehen!) Tshimika: Die Freude, mehr über sich selbst zu erfahren, war ein weiterer Gesichtspunkt, der mich bei diesem Projekt beeindruckte. Es war sehr interessant, die Gesichter der Menschen zu beobachten, während sie eine Liste mit Gaben und Mitteln ihrer eigenen Kirche erstellten. Vielen war nicht bewusst, dass sie so reiche Kirchen hatten. Die Freude kam durch die Erkenntnis, dass viele Dinge, die traditionellerweise nicht als Gaben betrachtet werden, in Wirklichkeit Gottes Gaben sind. Mein Lieblingsgedanke bei unseren Gesprächen über Gaben und Gabenteilen betrifft Gottes Plan für die Gaben, die er den Menschen schenkt. Es fällt den Leuten nicht schwer zu glauben, dass alle Gaben von Gott kommen und dass er will, dass diese Gaben geteilt werden. Doch wenn wir darüber reden, was geschieht, wenn wir die Gaben für uns selbst behalten oder horten, wird die Diskussion zu einer persönlichen Herausforderung. Das Volk Israel und das Manna in der Wüste sind ein gutes Beispiel. Das Manna wurde ihnen kostenlos gegeben und die Leute sollten nur das sammeln, was ihre Familien für einen Tag brauchten. Als sie versuchten, es zu horten, verfaulte es und verdarb. Es war sehr aufschlussreich, den Menschen in die Augen zu sehen, wenn sie über verdorbenes Manna redeten und darüber, was das für ihr persönliches Leben und auch das ihrer Gemeinden bedeutete. Lind: Es gibt nichts Schöneres als zu sehen, wie Menschen ihre Gaben entdecken. In einer Gemeinde, die wir besuchten, gab es

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eine junge Frau, die gerade eine Bibelschule abgeschlossen hatte. Sie war ruhig und zurückhaltend. Ihre Gemeinde hatte ihr eine Aufgabe im Bereich der Teenagerarbeit gegeben. Wir baten sie, eine verantwortliche Aufgabe bei der Organisation einer Veranstaltung für Frauen mit theologischer Ausbildung zu übernehmen. Zunächst zögerte sie und sagte, für diese Arbeit sei sie nicht geeignet. Aber als wir sie dazu ermunterten, das Ganze nochmals zu überdenken, schrieb sie uns: »Wenn ihr mich noch haben wollt, bin ich bereit mitzuhelfen. Am Anfang fand ich es schwierig, aber nachdem ich eure Ermutigung gelesen hatte, sagte ich mir, dass ich versuchen will, ich selbst zu sein.« Bei dieser Arbeit bewies sie später viel Kreativität und Geschick. Als sie begann, ihre Fähigkeiten zu begreifen, wurde sie deutlich selbstsicherer. Vielleicht lag es an der Musik

Ich glaube, dass mir 1999 in Luanda in Angola zum ersten Mal auffiel, wie reich ich eigentlich bin. Es war ein Sonntagmorgen im November, und Pakisa und ich hatten am Vortag ein Seminar über die Initiative: Gaben teilen bei einer der angolanischen Konferenzen durchgeführt. Wir besuchten noch einige Gemeinden, bevor wir am nächsten Tag wieder abreisen sollten. Die Stadt Luanda hat sich seit den sechziger Jahren von einem verschlafenen tropischen Hafenstädtchen explosionsartig zu einer ausgedehnten afrikanischen Stadt mit heute ungefähr sechs Millionen Einwohnern entwickelt. Selbst heute noch hat der an das Meer grenzende Stadtteil ein entspanntes, friedliches, mediterranes Flair. Diese Atmosphäre täuscht jedoch über die Gewalt in der Geschichte der Stadt hinweg. Luanda war Ausgangshafen für mehr als die Hälfte aller nach Amerika exportierten Sklaven. In jüngerer Zeit fand im Landesinneren ein jahrzehntelanger Bürgerkrieg statt, der bis zu seinem Ende im Jahr 2002 das Leben von etwa 1,5 Millionen Angolanern forderte. Eben dieser Bürgerkrieg hat das heutige Luanda geschaffen, da Hunderttausende auf Grund der Zerstörung und Unsicherheit aus dem vom Krieg zerrütteten Landesinneren in die Elendsviertel der Hauptstadt flohen.

Nachdem wir unserem Empfinden nach ziemlich lange durch staubige Straßen und Gassen gefahren waren, kamen wir in eine Gegend, wo wir Menschen singen hörten. Zunächst konnten wir nicht sehen, woher der Gesang kam, da die halbfertigen Bauten aus Zement und Blech am Stadtrand von Luanda alle recht ähnlich aussehen. Als wir aus dem Auto stiegen, wurde die Musik lauter und wir merkten, dass sie aus einem Gebäude kam, das etwas größer als die anderen und ganz in unserer Nähe war. Als wir dann zu dieser Kirche kamen, spürte ich eine eigenartige Kraft und Schönheit in dieser Musik, die mich wie eine Sirene anzog und in mir den starken Wunsch auslöste, an diesem Klang teilzuhaben und von ihm umgeben und gehalten zu werden. Nachdem mein Kollege eine kurze Ansprache gehalten hatte, trat ich vor die versammelte Gemeinde, um ein Grußwort zu sprechen. Ich stand auf einer Bühne aus Beton, mit einem Blechdach, das uns vor Sonne oder Regen schützte; aber der restliche Kirchenraum war nach oben hin offen. Die Kirche hatte schulterhohe Wände und einen Boden aus staubigem Sand. Auf den einfachen Holzbänken saß eine strahlende, farbenfroh gekleidete Mischung aus Kindern, Jugendlichen, jungen und alten Frauen und nur einigen wenigen Männern. Ich weiß noch, wie ich krampfhaft nach Worten für diese Gemeinde suchte – für diese Gruppe von Menschen, von denen ich so wenig wusste und mit denen ich offensichtlich so wenig gemeinsam hatte. Ich wusste nichts über ihre Theologie und sie wussten ebensowenig über meine. Ich kannte ihre Freuden, ihre Leiden und ihren Alltag nicht. Und doch sahen sich diese Leute als Teil einer Familie, zu deren Mitgliedern auch ich mich zählte. Wie konnte das sein? Was konnte es bedeuten? Als ich meinen Blick über all diese schönen unterschiedlichen Gesichter schweifen ließ, überkam mich ein Gedanke: Was für eine Fülle! Was für ein unglaublicher, herrlicher Reichtum! Und wie furchtbar wäre es, wenn ich keine Beziehung zu diesen Leuten hätte! Ich fühlte mich von einer Art Last der Dankbarkeit niedergedrückt. Ich hatte den Eindruck, dass meine Verbundenheit mit

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mal vertraut, manchmal fremd; Sprachen – einige verstanden wir, andere nicht; Gesichter – in verschiedenen Farben und Formen; Kirchengebäude – große und kleine, neue und alte, prunkvolle und bescheidene; Jugendliche, Kinder, Frauen, Männer; wir haben Gemeinden gesehen, die in den Gängen tanzten, und Gemeinden, die stoisch still saßen. Wir haben viele verschiedene Arten von Gaben gesehen und von ihnen gehört: Streitschlichtung, Ausbildung weiblicher Führungskräfte, kulturübergreifende Mission, Abfallverwertung, Kunsthandwerk, Eheberatung, Choreographie, Musikunterricht, Anbetungsmusik, ökumenischer Dialog, Verteilung von Bibeln, Übersetzung, Tuchmalerei, Clowns, Besen und Handschuhe für das Reinemachen, Engagement gegen familiäre Gewalt, Friedenserziehung, Ziegelherstellung – die Liste könnte man endlos weiterführen. Doch nirgendwo haben wir einen Mangel an Gaben entdeckt; nie sind wir auf einen unbegabten Menschen gestoßen. Das ist das Band, das uns alle zusammenhält – die Tatsache, dass uns alles geschenkt wurde und dass wir eingeladen sind, an Gottes Plan mitzuwirken, indem wir unsere unvorstellbare Vielfalt an Gaben teilen. Was soll die Gabengemeinschaft?

Als wir an einem verregneten Tag im November 1999 in Kinshasa das erste Seminar der Initiative: Gaben teilen begannen, wussten wir wohl nicht genug über die Ziele dieses Vorhabens, um uns von der Aufgabe einschüchtern zu lassen. Die Idee war aus größeren Veränderungen entstanden, die innerhalb der Kir»Jeder erzählte, wie seine Gemeinde Gaben einsetzte. Eine unterstützte Flüchtlingsfamilien. Eine andere verteilte Nahrung an bedürftige Familien, die keine Gemeindemitglieder waren. Eine führte ein Alphabetisierungsprogramm durch. Wieder eine andere arbeitete an der Reparatur des örtlichen Wasserversorgungssystems. Eine Gemeinde hat eine Lebensmittelhilfe für sozial Schwache ins Leben gerufen.« (Ein Seminarteilnehmer, Costa Rica)

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diesen Menschen irgendwie sowohl ein Wunsch als auch eine Tatsache war, eine Beschreibung dessen, was ist, und dessen, was sein kann. Es war wie eine deutliche, ruhige Stimme, die sagte: »Dies ist der Weg ... folge ihm!« Ich muss dazu sagen, dass ich auch noch andere Gedanken hatte: Was für eine Verschwendung! Es wäre ein unermesslicher, entsetzlicher Verlust, wenn die Gaben dieses kleinen Kindes, dieser alten Frauen, dieses Jugendlichen in dieser kleinen Gemeinde für die weltweite Kirche verloren gingen. Für die Welt, für den unerklärlichen und geheimnisvollen Plan, für den Gott sie geschenkt hat, verloren gingen. Verloren auf Grund von mangelnden Gelegenheiten, auf Grund von Krieg, Hunger, Krankheit, verloren durch die Bindung an materielle Dinge oder fehlgeleitete Wünsche, verloren auf Grund von Langeweile, Minderwertigkeitsgefühlen oder Arroganz. Was für eine Verschwendung. Ich kann das Geschenk, das ich an jenem Morgen empfing, nicht erklären, aber es hat mich seitdem nicht verlassen. Es ist ein Geschenk, das mich erkennen lässt, dass ich von Reichtum, von Fülle, von Gaben umgeben bin. Es ist das sichere Wissen, dass alle Dinge und Menschen, die existieren, von Gott geschenkt wurden und deshalb auch einen Zweck, ein Ziel und Potential haben. Für mich bedeutet das, dass es eine heilige Pflicht und Berufung ist, diese Gaben freizusetzen – in uns selbst, in anderen und in Gottes gesamter Schöpfung. Ich weiß nicht mehr, was ich letztendlich an jenem Morgen in Luanda zur Begrüßung gesagt habe. Ich glaube, ich sagte etwas wie, dass ich durch ihren Gesang gemerkt hätte, dass ich mit ihnen verbunden war und sie mit mir. Und vielleicht war es die Musik, ihre Gabe, die sie einsetzten und die über die Luft meine Ohren erreichte, die dieses Geschenk der Erkenntnis mit sich gebracht hatte. Seit jenem Morgen in Luanda sind wir in viele Teile Afrikas und auch zu anderen Kontinenten gereist. Wir haben auf jedem Kontinent viele Gemeindeversammlungen und -gruppen besucht. Und überall haben wir viele Unterschiede gesehen: Musik – manch-

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chen und weltweit stattfanden, und stellte nun den Versuch einer konkreten Reaktion unserer Konfession darauf dar. Drei Gesichtspunkte dieser Veränderungen sind relevant für unser Thema. Zunächst besteht die Grundlage aus der Erkenntnis, dass die überwiegende Mehrheit der Christen – und erstmals auch die Mehrheit der Mitglieder unserer konfessionellen »Familie« – aus Afrika, Asien und Lateinamerika kommen, während die Leitung und Macht der kirchlichen Institutionen hauptsächlich in Nordamerika und Europa verbleibt. Schätzungen zufolge werden bis 2025 mehr als zwei Drittel der weltweit 2,6 Milliarden Christen in Lateinamerika, Asien und Afrika leben. Schon heute gibt es auf jedem dieser Kontinente mehr Christen als in Nordamerika. Innerhalb unserer eigenen Kirchenfamilie leben fast 60 Prozent der Mitglieder in Asien, Afrika und Lateinamerika. Zweitens nehmen auf der Welt generell die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen arm und reich und zwischen Norden und Süden weiterhin zu. Was Wirtschaftswachstum und beinahe alle anderen Indikatoren anbelangt, so hat sich in den letzten 20 Jahren im Vergleich zu den vorherigen zwei Jahrzehnten ein sehr deutlicher Rückschritt im Bemühen um mehr Gleichheit gezeigt. Heutzutage verbrauchen 20 Prozent der Weltbevölkerung 86 Prozent der Konsumgüter der Welt. Die 200 reichsten Menschen der Welt hatten 1999 zusammengenommen ein Vermögen von einer Billion US-Dollar; die 582 Millionen Menschen in den 43 ärmsten Entwicklungsländern hatten zusammengenommen ein Einkommen von 146 Milliarden Dollar. Ungefähr 790 Millionen Menschen in der Zwei-Drittel-Welt sind immer noch chronisch unterernährt. Weltweit leben heute 1,3 Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag, drei Milliarden leben von weniger als zwei Dollar pro Tag. 1,3 Milliarden haben keinen Zugang zu sauberem Wasser, drei Milliarden haben keinen Zugang zu sanitären Einrichtungen, zwei Milliarden haben keinen Strom. Wir alle kennen derartige Statistiken. Drittens gibt es starke, hartnäckig verwurzelte Verhaltensmuster in den Beziehungen zwischen Kirchen im Süden und im

Norden, die im Widerspruch zu den Aussagen der Bibel stehen. Konkret sieht man Kirchen in Afrika, Asien und Lateinamerika in erster Linie als »bedürftig« an; Gemeinden in Europa und Nordamerika werden hingegen als »wohlhabend« betrachtet. Man geht davon aus, dass Kirchen im Süden »empfangen« und Kirchen im Norden »geben«. Im Widerspruch zu dieser Sicht der Welt steht die deutliche biblische Botschaft, dass Gottes gesamte Schöpfung begabt ist. Demnach haben alle Menschen etwas beizutragen und Gaben, die sie dem ganzen Leib – der weltweiten Kirche – schenken können. Zugleich braucht jeder Teil des Körpers – der Kirche, der Schöpfung – jeden anderen Teil. Es gibt verschiedene Gaben, doch ein und derselbe Geist teilt sie zu. Es gibt verschiedene Dienste, doch ein und derselbe Herr macht dazu fähig. Es gibt verschiedene Wunderkräfte, doch ein und derselbe Gott schenkt sie – er, der alles in allen wirkt. Doch an jedem und jeder in der Gemeinde zeigt der Heilige Geist seine Wirkung in der Weise und mit dem Ziel, dass alle etwas davon haben ... Aber nun gibt es viele Teile, und alle gehören zu dem einen Leib. Das Auge kann nicht zur Hand sagen: »Ich brauche dich nicht!« Und der Kopf kann nicht zu den Füßen sagen: »Ich brauche euch nicht!« Gerade die Teile des Körpers, die schwächer scheinen, sind besonders wichtig. (1. Korinther 12,4–7; 20–22) Gottes Heilsplan für uns alle trifft eine klare Aussage darüber, dass die verschiedenen Arten von Gaben zusammenhängen. Es ist Gottes Absicht für diese Welt, dass Gaben geteilt werden. Dadurch können die Bedürfnisse aller Menschen gestillt werden und erfülltes Leben wird möglich. Aus dieser Sicht müssen die geschichtlich gewachsenen Muster, die die weltweite Kirche in die »Bedürftigen« und die »Begabten« aufteilen, als eine der verheerendsten Irrlehren betrachtet werden, denen das Christentum heute gegenübersteht. Diese Lehre spaltet

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uns auf und erzeugt tief empfundene Gefühle der Minderwertigkeit oder Überlegenheit. Sie gibt einigen von uns das Gefühl, wir brauchten andere überhaupt nicht; und sie gibt anderen von uns das Gefühl, wir könnten ohne die Initiative von anderen gar nichts tun. Sie lässt einige von uns denken, das Teilen unserer Gaben sei eine freiwillige Leistung, die uns bei Gott Pluspunkte bringt; sie lässt andere von uns denken, wir hätten keine Gaben, die teilenswert sind. Die Irrlehre verleiht bestimmten Gaben große Ehre, beispielsweise finanziellem Reichtum, Macht und bestimmten Berufen; andere Gaben werden dagegen gering geachtet und herabgesetzt, zum Beispiel Gastfreundschaft, Vertrauen und manche weniger erhabene Fähigkeiten. Auf diese Weise – und auf viele andere, sowohl versteckt als auch offen – trennt und bedroht unsere falsche Vorstellung von Gaben – und Bedürfnissen – die Kirche. Diese Verhaltensmuster sind so stark, dass sie uns leicht dazu bringen könnten, die Vision von einer Kirche aufzugeben, die Gaben großzügig und weltweit miteinander teilt, wenn es nicht noch einen weiteren Punkt gäbe. An allen Orten, an denen wir Gemeinden besucht haben, im Osten und Westen, Norden und Süden, trafen wir auf viele Menschen, die von dem Gedanken erfreut und begeistert sind, engere Beziehungen zu Menschen zu haben, die anders sind als sie selbst. Egal, wie wohl wir uns vielleicht in unserer heimischen Umgebung und mit unseren eigenen Traditionen und Gewohnheiten fühlen; viele von uns fühlen sich von Unterschieden angezogen – von einem Menschen, der anders handelt, redet, sich kleidet, isst und betet als wir selbst. Sogar, wenn wir dem anderen nicht zustimmen und unsere eigene Art und Weise lieber mögen, finden wir diese Unterschiede trotzdem noch interessant und anziehend. Die Möglichkeit einer direkten Beziehung zu einer anderen Gemeinde oder zu Menschen oder Gruppen, deren Lebensumstände von unseren stark abweichen, verleiht einer Gemeinde normalerweise überschwängliches Leben.

Woher kommt diese Kraft? Was ist ihre Quelle? Handelt es sich lediglich um ein Gefühl der Langeweile im Alltag, im Gewöhnlichen? Oder könnte vielleicht auch etwas viel Tiefgründigeres im Spiel sein? Könnte es sein, dass dieses Verlangen nach Unterschieden von der unterbewussten Erkenntnis dessen kommt, wozu Gott uns bestimmt hat – als Einzelne, als Kirche, als Volk? Könnte es ein Erkennen dessen sein, dass wir Fülle und Befriedigung in der Beziehung zu anderen finden können, die sich von uns unterscheiden? Ist es vielleicht eine stillschweigende Bestätigung dessen, dass wir mehr über Gott und Gottes Absichten lernen, wenn wir diejenigen kennenlernen, die Gott anders erfahren, als wir es tun? Was soll dieses Buch?

Dieses Buch verfolgt mehrere Absichten. Erstens ist es ein Versuch, von der konkreten Initiative: Gaben teilen (Global Gift Sharing Project) zu berichten, die Ende der neunziger Jahre von der Mennonitischen Weltkonferenz ins Leben gerufen wurde. Das Ziel war es, das Bewusstsein der Mitgliedskonferenzen bezüglich ihrer eigenen Gaben und Mittel zu stärken und diese Gaben zu nutzen, um engere Beziehungen zwischen den verschiedenen Teilen der weltweiten Kirche zu knüpfen. Diejenigen von uns, die diese Initiative aufnahmen, haben in deren Verlauf vieles gelernt – über die Gemeinden, über Gaben, über das Teilen, darüber, was Gott von der Kirche erwartet, und über Hindernisse und Möglichkeiten für engere Beziehungen. Deshalb wollen wir als zweites einige dieser Entdeckungen mit einem breiteren Publikum teilen. Wir hoffen, dass Kirchen und Einzelne jeglicher Konfession, die sich für ähnliche Ziele interessieren, aus diesem Buch einen Nutzen ziehen. Drittens verrichteten wir zwar den Großteil unserer Arbeit auf der Ebene nationaler Kirchenkonferenzen, doch überall äußerten die Menschen das Bedürfnis, Gaben in der eigenen Gemeinde herauszufinden und einzusetzen. Wir hoffen daher, dass sich dieses Buch auch für den Gebrauch in lokalen Kirchen und Gemeinden

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eignet. Im Anhang (ab Seite 124) haben wir einige Materialien beigefügt, die bei der Beschäftigung mit diesem Thema in Gemeinden hilfreich sein können. Schließlich soll dieses Buch ein Dankeschön sein an alle, die wir im bisherigen Verlauf dieser Initiative getroffen und mit denen wir zusammengearbeitet haben; Menschen, die uns große Gastfreundschaft erwiesen, die uns ihre kreativen Gedanken und Einfälle anvertrauten, die Zeit und Kraft einsetzten, um unsere Versuche möglich und erfolgreich zu machen. All diese Teilnehmer waren großartige Gaben-Geber und wir haben durch ihr Beispiel viel über Gaben und Teilen gelernt.

Viele Gaben, doch derselbe Geist

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