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ICH WÜRDE ÖFTER ERMUTIGEN


W

enn ich mit meiner Familie noch einmal anfangen könnte, würde ich großzügiger mit Lob und Anerkennung umgehen. Mit Tadel war ich leicht bei der Hand, wenn meine Kinder etwas falschgemacht hatten. Manchmal habe ich sie selbst wegen geringfügiger Dinge ausgeschimpft. Aber viel zu selten hörten sie ein Wort des Lobes oder der Ermutigung, wenn sie eine Arbeit gut gemacht hatten oder ein vorbildliches Benehmen an den Tag legten. Ein Redner hielt einen Vortrag zu dem Thema: „Teenager und Familie“. Er sagte: „Mit Lob würde ich verschwenderisch umgehen. Wenn mein Sohn beispielsweise Trompete spielte, würde ich bestimmt ein Musikstück finden, das mir sehr gut gefällt. Und dann würde ich ihn für dieses tolle Stück loben. Wenn mir ein Aufsatz, den er geschrieben hat, gefällt, würde ich das auch sagen und meine Hoffnung äußern, dass er auch eine gute Note dafür bekommt. Wenn ich sein Hemd oder seine Krawatte, seine Schuhe oder Socken oder irgend etwas anderes gut

finde, würde ich es ihm ganz einfach sagen.“ Kaum etwas anderes ist mehr dazu angetan, Kinder auf das Leben vorzubereiten, ihnen ein Grundvertrauen mitzugeben und sie zu Leistungen zu befähigen, als aufrichtiges Lob und Anerkennung. Es geht nicht um Schmeichelei, sondern um ehrlich gemeinte Komplimente, wenn sie etwas gut gemacht haben. Der schottische Dichter Sir Walter Scott (1771 – 1832) hatte in der Schule nicht gerade mit guten Noten geglänzt. Oft war er das Schlusslicht in der Klasse gewesen und erntete dafür viel Spott. Als er ungefähr zwölf Jahre alt war, kam er zufällig einmal in ein Haus, in dem sich unter den Gästen einige berühmte Dichter und Literaten befanden. Der Dichter Robert Burns (1759 – 1796) bewunderte gerade ein Bild, unter dem ein kurzer Vers geschrieben stand. Burns erkundigte sich nach dem Verfasser dieses Verses. Niemand schien ihn zu kennen. Schließlich näherte sich ein schüchterner Junge und nannte den Namen des Autors.

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Anschließend sagte er das ganze dazugehörige Gedicht auf. Burns zeigte sich hocherfreut. Er legte seine Hand auf den Kopf des Jungen und erklärte: „Kind, du wirst eines Tages ein berühmter Mann in Schottland sein!“ Von diesem Tage an war Walter Scott wie verwandelt. Ein Satz der Ermutigung hatte ihm die Tür zu wahrer Größe geöffnet. „Wenn wir ein Kind lieben und es loben“, so sagte Goethe, „lieben und loben wir nicht das, was wir vorfinden, sondern das, was wir uns erhoffen.“ Um meine Kinder zu ermutigen, würde ich mir vornehmen, das, was sie gut gemacht haben, nicht zu vergessen. Ich würde ganz frei meine Freude, meinen Dank und mein Lob dafür aussprechen. Ich würde daran denken, dass jeder Tag viele Gelegenheiten bietet, meinen Kindern Mut zuzusprechen, selbst in den kleinsten Dingen. „Ein gutes und klares Lob ist für Kinder wie die Sonne für die Blumen“, schreibt Christian Bovec. Die Sonne bewirkt, dass die Blumen wachsen und in den schönsten

Farben erblühen. Genauso sind für ein Kind Worte des Lobes und der Anerkennung notwendig, damit es sich voll entfalten und ein glückliches, erfülltes und ausgeglichenes Leben führen kann. Ermutigung und Lob ist wie ein Auftanken mit frischer Energie. Der amerikanische Psychologe Dr. Henry H. Goddard (1866 – 1957) meinte, man könne sie gleichsam im Labor nachmessen. In der Schule, an der Goddard arbeitete, führte er Untersuchungen über Erschöpfungszustände durch. Wenn man beispielsweise zu einem Kind, das müde und erschöpft war, sagte: „Das hast du wirklich prima gemacht!“, stieg seine Energiekurve augenblicklich steil an. Entmutigung und Schuldzuweisung dagegen hatten den gegenteiligen Effekt, der ebenso messbar war. Wenn ich mir fest vornehme, wann immer möglich meinen Kindern gegenüber ein Lob auszusprechen, würde ich einen Moment innehalten, bevor ich mich über verschmutzte oder kaputte Kleidungstücke oder unaufgeräumte Zimmer aufrege. Henry W. Longfel-

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low (1807 – 1882), amerikanischer Dichter, sagte: „Ein Loch in einer Jacke ist schnell geflickt, aber harte Worte verwunden das Herz eines Ich bin mir heute Kindes.“ Es hat Zeiten sehr sicher, dass gegeben, wo ich das Herz in der Erziehung meines Kindes so verErmutigung weit- letzte, dass es noch lange aus mehr bewir- danach schmerzte, als die ken kann, als ein kaputte Jacke schon längst Kind zu tadeln repariert war. oder zu bestrafen Ich bin mir heute sehr sicher, dass in der Erziehung Ermutigung weitaus mehr bewirken kann, als ein Kind zu tadeln oder zu bestrafen. Freundliche, aufmunternde Worte ermutigen und lassen unsere Bemühungen erfolgreich sein. Die Lehrerin und Verlegerin Ruth Hayward erzählt in ihrem Buch The Positive Discpline of Praise von ihren Versuchen, die schlechten schulischen Leistungen ihrer Tochter zu verbessern. Das Ganze hatte sich zu einem regelrechten Kleinkrieg zwischen Mutter und Tochter ausgeweitet.

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Mitten im dritten Schuljahr bekam das Kind eine neue Lehrerin. Am ersten Tag kam das Mädchen ganz aufgeregt aus der Schule nach Hause und berichtete voller Stolz: „Die neue Lehrerin hat zu mir gesagt, ich kann ganz toll schreiben. Ich habe überhaupt keine Angst vor ihr. Alle finden, dass sie uns mag, und jeden lobt sie!“ Von dem Tag an ging das Mädchen mit Begeisterung zur Schule. Sie strengte sich sichtlich an, es der Lehrerin recht zu machen, weil sie gelobt worden war. Mir ist heute klar: Ein Kind wegen irgendeiner Sache zu kritisieren, ohne dass anschließend Worte der Ermutigung gesprochen werden, zerstört mehr, als es nützt. Kritik und Schuldzuweisung berauben ein Kind seiner Selbständigkeit. Aufrichtige Ermutigung dagegen stärkt sein Selbstvertrauen. Ein gutes Selbstvertrauen ist ein unverzichtbarer Bestandteil eines glücklichen Lebens und führt ein Kind zur Reife. Ich bin mir heute bewusst, dass wir uns alle tief in unseren Herzen wünschen, aner-

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kannt und geschätzt zu sein. Wie der Psychologe William James (1842 – 1910) von der Universität Harvard sagte: „Das tiefste Verlangen im Menschen ist die Sehnsucht, wertgeachtet zu sein.“ Wenn dieses elementare Verlangen von denen erfüllt wird, die wir lieben, können wir auch in anderen Bereichen wachsen. Ich möchte mich laufend dazu ermahnen, die verborgenen Talente und Fähigkeiten meines Kindes zu fördern, indem ich ihm Mut mache und es lobe. Ich wünsche mir, dass sich mein Horizont erweitert, damit ich nicht nur sehe, wie mein Kind heute ist, sondern vielmehr, was noch aus ihm werden kann. In keiner anderen menschlichen Gemeinschaft ist es nötiger, das zu praktizieren, als in der Familie. Wenn wir unser Kind auch in den kleinen Dingen des Alltags unsere Wertschätzung fühlen lassen, werden gegenseitige Liebe und Anerkennung wachsen. Wenn ich heute noch einmal beginnen könnte, würde ich keinen Tag ohne ein Lob verstreichen lassen.

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