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Inhalt Das liegt uns auf dem Herzen ...................................................... 8 Der Anfang unseres Abenteuers ................................................ 12 Woher nur die Kraft und den Durchblick nehmen? ................... 26 Auf der Suche nach einer biblisch orientierten Pädagogik ........ 34 Die biblischen Säulen der Kindererziehung ............................... 48 So habe ich meine Familie erlebt ............................................... 66 Zukunftswerkstatt Familie – worauf kommt es wirklich an? ........ 104 Was wollen Sie Ihrem Kind auf seinen Lebensweg mitgeben? ..... 140

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Kleine Schwestern, große Brüder1 von Mirke Kleine Schwestern sind für große Brüder vor allem zum Ärgern da – oder etwa nicht? Habt ihr mich nicht mit zwei Jahren hin- und her geworfen, ein paar Meter Abstand mit Drehung und was so dazu gehört? Naja, geschadet hat es wohl nicht, und ich fand’s cool! Oder habt ihr nicht, als der Marder die Hühner zerfetzt hatte, die Übrigbleibsel der Hühner an die Hühnerhüttentür genagelt, damit ich nichts verpasse? War es nicht mein Lieblingshuhn mit dem grünen Ring, das ihr zuerst geschlachtet habt? Wer hat mir eigentlich beim Rasenmähen das frisch gemähte Gras in den Nacken gesteckt? Und wie kam eigentlich die tote Maus vor den Zwergkaninchenstall? Naja, wie dem auch sei… Kleine Schwestern schauen zu ihren großen Brüdern auf! Sie sind von allem begeistert, was die haben: die coolen Turnschuhe aus den USA, das Cap, die EGitarre, der Zeichenblock, der Rucksack, die CDs (mit zehn Jahren habe ich Petra, Stripers, Bloodgood und Whiteheart gehört). Ständig versucht man mitzuhalten. Auf dem Weg zur Schule musste ich immer neben Chris her joggen, da er so schnell ging (daher wohl mein späteres Hobby Joggen?), und in der Schule ignorierte er mich. Kein Problem, ich kann mir auch anders einen Namen in der Schule machen. Ab sofort machte ich nur noch Blödsinn! „Die freche, kleine Schwester von Chris und Esther“ – siehste, geht doch! Zuhause stand ich mal mit Klamotten unter der kalten Dusche (das nehme ich dir immer noch übel, Chris), boxte mich mit Nico und Chris und wollte 1

Die lustigen und nachdenklichen Geschichten unserer Kinder in diesem Buch sind einer „Familienchronik“ entnommen, die anlässlich des 60. Geburtstags von Claudia zusammengestellt worden war.

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nicht zugeben, dass es wehtat und ich blaue Flecken bekam. Ich wurde im Bad eingesperrt und landete jeden Sommer mit Anziehsachen im Swimmingpool… Gleichzeitig habe ich auch eine Menge von euch gelernt: Ich kann ein Dach decken, Strom verlegen, fliesen, verspachteln, Werkzeug sortieren, Müll wegräumen, Fußballspielen, rülpsen, laut Musik hören, Musik machen, malen, fotografieren, mich durchsetzen, planen, unterrichten und Teeniegruppen leiten. Dafür nimmt man doch gerne so einiges in Kauf… Klotzen und Genießen von Esther Was macht Familie Mühlan eigentlich so, wenn sie nicht im Urlaub ist? Bei so vielen Leuten ist es natürlich schwer, alle zusammen zu bekommen. Klar, außer, wenn es Familien-Arbeitstag hieß! Um den zu verpassen, brauchte man schon ganz besondere Ausreden! Aber ehrlich, wer wollte das schon verpassen? Ich habe es genossen, mit allen zusammen im Garten zu arbeiten, besonders weil es oft im Swimmingpool endete – mit Klamotten natürlich. Am Abend dann ein leckeres Essen in großer Runde. Ich weiß noch genau, wie es war, als ich so fünf oder sechs Jahre alt war und viele, viele Kinder im Haus wohnten! Damals gab es auch noch einiges mehr an Arbeit im Garten! Dann sollte es nach getaner Arbeit Hamburger geben. Die Jungs liefen zur Topform auf! Die ganze lange Arbeitsplatte in der Küche war voll mit halbierten Hamburgerbrötchen, welche dann mit Rekordgeschwindigkeit und Akkordarbeit belegt wurden. Wer da dazwischen kam, war selber schuld und wurde anstatt des Brötchens mit Ketschup beschmiert. Dann ab in den Ofen mit der riesigen Ladung! Lecker. 6


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Das liegt uns auf dem Herzen

Eigentlich hatten wir keine Lust mehr, noch irgendetwas zur Erziehung zu schreiben, und wenn man uns fragte, winkten wir in der Regel ab: „Ach, dazu gibt es wirklich nicht viel Neues zu sagen. Wir wüssten auch nicht, was wir noch schreiben sollten.“ In der Tat: Im „Großen Familien-Handbuch“ haben wir alle unsere praktischen Tipps zur Kindererziehung gut komprimiert zusammengefasst. Darüber hinaus gibt es ja noch die vielen Vorträge zu den unterschiedlichsten Familienthemen auf CD und MP3. Man muss nur lesen oder hören und dann umsetzen! 2 Aber jetzt, wo die Familienphase endgültig hinter uns liegt und alle Kinder aus dem Haus und erwachsen sind, haben wir uns mit ihnen zusammengesetzt und miteinander unsere vielen Familienjahre ausgewertet: das Schöne und das weniger Gute. Offensichtlich können alle Mühlans kreativ schreiben. Zu Geburtstagen und anderen festlichen Anlässen wurden humorvolle und nachdenkliche Geschichten geschrieben. Die haben wir gesammelt und wollen sie Ihnen nicht vorenthalten. Denn sie geben noch einen anderen Blick in unser Familienleben als es ein Sachartikel kann. Ja, wir haben viel Schönes, aber auch zutiefst Trauriges miteinander erlebt und natürlich auch einiges falsch gemacht. Das bringt der Familienalltag so mit sich. Nur gut, wenn man sich dann aussprechen, einander vergeben und wieder neu weiterma-

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Siehe www.muehlan-mediendienst.de.

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chen kann. Darum haben wir uns – Eltern wie Kinder – immer bemüht. Jetzt können wir auf weit über dreißig Jahre Familienleben und Pädagogik zurückschauen. Nahezu zwei Kindergenerationen haben wir großgezogen: Eine bestand schwerpunktmäßig aus den sechs angenommenen Kindern, an die sich eine zweite wesentlich leichtere Phase mit unseren sieben leiblichen Kindern anschloss. Als Pädagoge betrachtete ich, Eberhard, die Familie stets aus zwei Blickwinkeln: Einmal als Vater, aber dann auch als Erziehungswissenschaftler. Beide Sichtweisen führten dazu, dass wir alltagserprobte Ratschläge in unseren Büchern niederschreiben konnten. Das ist die Außenseite, die auch so mancher Leser von uns Mühlans kennt. Wie aber sah es in unseren Herzen aus, wie vollzog sich unsere innere Entwicklung? Wie war der Beginn unserer Familiengründung? Wie entwickelte sich unser biblisch-orientiertes Erziehungskonzept? Wie gestaltete sich der Alltag mit seinen Höhen und Tiefen? Wie ging es den Kindern dabei? Was haben sie in einer so großen Familie empfunden? Jetzt, wo Eltern wie auch Kinder genügend Abstand von der aktiven Familienphase haben, sind wir gern bereit in diesem Buch darauf einzugehen. Wir möchten Sie in unser Herz schauen lassen, sozusagen ein „Vermächtnis“ weitergeben, damit Familienleben auch künftig gut gelingen kann!

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Typisch Mühlan Humorvolle Gedankensplitter von Nico, dem Ältesten: Was ist typisch Mühlan? Ich glaube, da muss man nicht lange nachdenken. Typisch ist auf jeden Fall eine gewisse Lautstärke. Ob am Esstisch oder im Auto – laut war es immer. Oder: leise war es kaum. Es wurde viel gelacht, geredet – jeder versuchte den anderen zu übertönen, zu übertrumpfen… Bei uns gab es sonntags Kuchen zum Frühstück. Ich habe nie herausgefunden weswegen? Und wenn wir schon beim Essen sind: Zum Ei durfte man nur Brötchen OHNE Aufschnitt essen. Und Butter gab‘s nur für Mama und Papa – warum eigentlich? Ach, noch was zum Essen: Abends lief die Mikrowelle heiß, da sich eine Horde Kinder jede Menge heiße Käsebrote in den Rachen schob. Oh, und die vielen „Heute spielen wir Restaurant“ – Abendessen mit den kleinen Schwestern. Arbeitstag: Einmal die Woche gab es einen Arbeitsnachmittag – ob im Garten oder im Haus, es gab immer viel zu tun. In der Küche hing ein Plan: der Küchendienstplan. Aber bei so vielen kam man höchstens einmal in der Woche dran. Klotzen und genießen – ein Mühlan Grundsatz, der gelebt wurde. Das Beste an den Ernte- oder Garteneinsätzen war immer das Festessen danach. Urlaub: Unsere Urlaube waren immer Erlebnisse. Ob spontan nach Marokko oder beim Essen über dem offenen Feuer mit unserer „dicken Jule“, wie die große Bratpfanne hieß. Oder die vielen Streiche, und vor allem der Startspruch, den Papa vor der Reise durchs Haus schrie: „Urlaub, Stimmung“ – und alle brüllten aufgeregt zurück: „Gute Laune!“ Es war immer aufregend und voller Energie. Und los ging es natürlich immer um vier Uhr morgens. Sehschwäche: Dass manch ein Mühlan nicht gerade die besten Augen hat, ist kaum einem anzusehen. Denn achtzig Prozent der Mühlans tragen Kontaktlinsen. Das ist im Alltag sehr praktisch und wird einer Brille gerne vorgezogen. Ist nur schlecht, wenn Familie Mühlan entspannt am Strand spazieren geht und plötzlich eine Brise den feinen Strandsand in die Augen fegt. Plötzlich sind 80 % der Strandgänger blind. Papa (trägt keine Kontaktlinsen) führt dann eine 10


tränende, jammernde, nichts sehende, Hand in Hand stolpernde Truppe zum Wohnmobil. Natürlich will sich jeder als erstes von den brennenden Dingern in den Augen befreien – leider gab es nur ein klitzekleines Waschbecken im Wohnmobil…

„Der Weiße Riese“ – unser Wohnmobil als treuer Wegbegleiter über fast zwanzig Jahre.

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Der Anfang unseres Abenteuers

Während unserer offiziellen Seminare nehmen wir uns meist nicht die Zeit, von unseren Anfängen zu erzählen. Aber wenn dann der Abend in einer gemütlichen Plauderrunde ausklingt, kommen die neugierigen Fragen: „Claudia, Eberhard, erzählt mal. Wie seid Ihr so plötzlich zu so vielen Kindern gekommen? Wie habt ihr das überhaupt geschafft?“ Dann lehnt sich Eberhard entspannt zurück – wer ihn kennt, weiß, dass er gern erzählt – und legt los:

Kinder der 68er Generation Claudia und ich waren gerade mal ein gutes Jahr verheiratet. Ich, Eberhard, studierte an der pädagogischen Hochschule in Braunschweig und Claudia arbeitete als Bürokauffrau bei Siemens. Als typische 68er-Jugendliche, in einer traditionellen Baptistengemeinde aufgewachsen, waren wir kritisch und unzufrieden: mit der Elterngeneration, mit der Gemeinde und mit der bürgerlichen Gesellschaft sowieso. Uns bewegten die Fragen nach einer gerechteren Welt und vor allem nach dem Sinn unseres Lebens. „Trau keinem über dreißig!“ war nicht nur unser Motto, sondern auch das unserer Freunde, und entsprechend verhielten wir uns, indem wir aber auch alles in Frage stellten. Ein äußeres Zeichen dafür war dann auch, dass meine Haare zum Ärger der Gemeindeglieder immer länger wurden. 12


Unsere Sehnsucht nach Freiheit kompensierten wir beide hauptsächlich mit abenteuerlichen Reisen. Zunächst mit einem Motorroller und dann mit einem alten VW-Bus, den wir provisorisch zu einem Camper ausbauten. In den Semesterferien gehörte uns ganz Europa: vom Nordkap bis nach Marokko. „On the road“ war unser Motto – ganz nach „Easy Rider“, dem Kultfilm unserer Zeit. Da konnten wir Landschaften und Kulturen entdecken, stundenlang diskutieren und Zukunftspläne schmieden. Was jedoch die Gründung einer Familie betraf, verhielten wir uns diesbezüglich allerdings ganz spießig. „Also, mehr als zwei Kinder werden wir uns nicht leisten können“, sinnierte ich zum Entsetzen von Claudia, wenn wir auf dieses Thema zu sprechen kamen. „Was die kosten! Und überhaupt, was bleibt dann noch von unserer Freiheit übrig?“ An den Hochschulen – Braunschweig eingeschlossen – tobten derweil die Studentenunruhen. Seminare wurden besetzt und zu politischen Diskussionen umfunktioniert. Vorlesungen fielen aus, und es wurde gestreikt. Die Studenten zogen demonstrierend durch die Straßen. Zunächst dachten wir, es ginge lediglich um eine Hochschulreform, die bitter nötig war. Doch dann eskalierten die Unruhen in Straßenbarrikaden und Terror gegen die Staatsmacht. Man wollte eine neue, bessere Gesellschaft, obwohl den meisten Mitläufern - wie auch uns - nicht ganz klar war, wie das tatsächlich funktionieren sollte. Uns behagte das Ganze bald nicht mehr – da war plötzlich zu viel Gewalt. Als Christen war uns klar, dass es nicht ausreicht, lediglich gesellschaftliche Strukturen zu ändern. Der Mensch selbst mit seinem Egoismus und seiner Herrschsucht war das Hauptproblem. Wir wollten nicht nur diskutieren und alles kaputtmachen, sondern etwas Konstruktives tun.

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_____________________________________________________ Exkurs: Die 68er Kulturrevolution – wer sie war, und was sie wollte Vorläufer der 68er studentischen Kulturrevolution war die „Neue Linke“, eine internationale weltanschaulich-politische Bewegung, die nach 1960 aus dem Überdruss an der liberalen Wohlstandsgesellschaft entstanden ist. Politisch umspann sie ein Spektrum von Linksliberalen bis Neomarxisten. Ihre gemeinsame Strategie lautete: durch Kulturrevolution zur Gesellschaftsrevolution. Wesentlich für das Verständnis der Neuen Linken ist, dass sie die „radikale Umwandlung der Gesellschaftsordnung“ nicht direkt anstrebte, sondern auf dem Umweg über den „kulturellen Apparat“. Rudi Dutschke prägte damals den Begriff von dem „langen Marsch durch die Institutionen“, d.h. in den Folgejahren wollten sie Schlüsselpositionen in Politik, Presse, Kultur und Bildungswesen einnehmen, um die „spätkapitalistische Klassengesellschaft“ auszuwechseln gegen eine „freie Gesellschaft“ mit „neuen emanzipierten Bürgern“. Das Erziehungswesen – vor allem Schule und Elternhaus - bildete von Anfang an eine Schlüsselposition. So wurde die politische Pädagogik unter den Namen „Kritische Pädagogik“ und „Emanzipatorische Pädagogik“ propagiert mit dem Ziel, eine „emanzipierte Persönlichkeit“ zu schaffen, frei von allen Abhängigkeiten dieser verdorbenen Gesellschaft und der eigenen Familie. Theodor Adorno, der verehrte Philosoph der 68er Studentengeneration, war überzeugt, dass der autoritäre Erziehungsstil des deutschen Elternhauses, der Kinder zu willenlosem Gehorsam drillte, zur Machtübernahme Hitlers und zu den Auswüchsen des Dritten Reiches beigetragen hatte. In überfüllten Hörsälen lehrte er, dass die Weitergabe von traditionellen Werten in Deutschland unterbrochen werden müsse und zwar dadurch, dass die Kindergeneration von ihren Eltern abgespalten wird. Wenn Kinder nicht mehr auf ihre Eltern hören würden, könnten sie ein neues, befreites Lebensbewusstsein entwickeln. 3 ___________________________________________________________________________________________

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Zusammengestellt nach Wolfgang Brezinka „Die Pädagogik der Neuen Linken“, Ernst Reinhardt Verlag, 1981.

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Heute denkt man kaum noch daran, dass damals parallel zu den weltweiten politisch links orientierten Studentenunruhen auch eine geistliche Bewegung unter unzufriedenen, suchenden jungen Christen aufbrach. Unruhe und Veränderung lagen einfach in der Luft! Quasi als Gegenüber zur Hippie-Bewegung in den USA entstanden weltweit die „Jesus People“, junge ausgeflippte Leute, die sich vielfach aus dem Drogenmilieu radikal zu Jesus bekehrten. Volkhard Spitzer in Berlin leitete zu dieser Zeit eine „JesusPeople“ Gemeinde und taufte scharenweise junge Leute im Wannsee. Walter Heidenreich, selbst ein drogensüchtiger Hippie, bekehrte sich mitsamt seiner Clique auf spektakuläre Weise zu Jesus und gründete das Rehabilitations- und Evangelisationszentrum „Wieslade“ in Lüdenscheid. „Teen Challenge“ und auch die Drogenarbeit „Kaffeetwete“ in Braunschweig, deren Anfänge wir miterlebten, haben ihre Wurzeln in der „Jesus People“ Bewegung. Andere junge Christen bemühten sich auf soziale oder intellektuelle Weise Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu geben. Es entstanden Kommunitäten wie die „Jesus Bruderschaft“ und die „Offensive Junger Christen“ auf Schloss Reichelsberg mit dem Ehepaar Hofmann und viele andere mehr. Uns faszinierten besonders die „Christusträger“ in BensheimAuerbach. Dort wohnte eine Gruppe junger Männer in einer alten Villa zusammen, jeder ging seinem Beruf nach - als Tischler, Bürokaufmann oder Architekt - und alle schmissen am Monatsende ihr Einkommen in einen Topf, bis auf ein Taschengeld von etwa 50 DM. Der Rest des Geldes, den sie nicht für ihren Lebensunterhalt brauchten, ging nach Pakistan, wo Mitglieder der „Christusträger“ entbehrungsreich unter Leprakranken arbeiteten. Die deutsche Gruppe wiederum zog nach Feierabend mit ihrer Rockband durch die Lande, evangelisierte und diskutierte endlos mit den fragenden Jugendlichen über Sinn und Wert des Lebens. 15


Dieser radikal christliche Lebensstil war genau das, was wir suchten. Da die Gruppe nur aus Ledigen bestand, wir aber bereits verheiratet waren, gründeten wir mit einigen anderen Ehepaaren die „Christusträger-Unität“. Mission im Ausland, das war auch unser Ziel! Zu Hause bereiteten wir uns darauf vor und übten uns schon einmal in einem einfachen Lebensstil. Claudia gab ihr ganzes Monatseinkommen in die Mission, sodass wir beide nur noch von meinem kärglichen BAföG lebten. Morgens gab es Margarinebrot und Muckefuck, und wir waren dabei so glücklich wie noch nie zuvor in unserem Leben. Fleißig büffelten wir Spanisch, denn unser Ziel war, gleich nach meinem Studienabschluss nach Paraguay zu gehen und dort ein Kinderheim zu eröffnen.

„Wer eins dieser Kleinen aufnimmt ...“ Aber Gottes Pläne für uns waren anders. In der Kaffeetwete, einem mehrstöckigen Haus in der Innenstadt Braunschweigs, begann eine Arbeit unter Drogenabhängigen, in der wir teilweise mitarbeiteten. Wie in jeder Pionierzeit ging es dort mitunter chaotisch zu. So erlebten wir mit, wie Zwillinge, etwa zweieinhalb Jahre alt und dort offensichtlich fehl am Platz, mit den gefährdeten Jugendlichen zusammenlebten. Ihre Mutter hatte sich abgesetzt, und der Vater war nicht in der Lage, sie zu versorgen. Die beiden Kleinen konnten dort nicht länger bleiben! Da Claudia gerade ihren ersten Schwangerschaftsurlaub antrat, nahmen wir die beiden mit der Einwilligung des Vaters kurzerhand in unserer kleinen Studentenwohnung auf. Wir hatten jedoch die Rechnung ohne das Jugendamt gemacht. Leicht erbost kamen zwei ältere Damen zur Visite und verhörten uns: Wie wir dazu kämen ohne Absprache mit dem Amt die Kinder aufzunehmen und überhaupt, wovon wir lebten und wie wir für die Kinder sorgen wollten? Unbefangen und naiv erzählten wir, dass 16


dies ein Notfall gewesen wäre, die Kinder unbedingt ein Zuhause bräuchten und Gott uns sicherlich nicht im Stich lassen würde. O Wunder, die beiden Damen ließen sich überzeugen. Die Kinder blieben bei uns, obwohl wir noch so jung waren und über kein geregeltes Einkommen verfügten. Irgendetwas an unserer Art zu leben musste sie wohl beeindruckt haben. Wenige Wochen später lebten wir zu fünft auf 48 Quadratmetern, denn nun war Nico, unser erster Sohn, geboren. Unser Leben wurde vollkommen umgekrempelt und uns dämmerte langsam: Dieses Abenteuer entsprang nicht allein unserem sozialen Drang, sondern Gott war dabei, uns einen Teil unserer Lebensberufung deutlich zu machen. Ein Ausspruch Jesu faszinierte uns und ließ uns ahnen, dass noch mehr auf uns zukommen würde: „Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf“ (Matthäus 18,5). Na prima: Jesus, gleich zweimal in unserer neu gegründeten Familie vertreten – da kann ja nichts mehr schief gehen! Glücklicherweise konnten wir schnell in ein großes altes Haus mit riesigem Garten am Stadtrand umziehen, und wir erlebten eins der ersten Wunder in unserer Familiengeschichte: Für ein ganzes Jahr durften wir dort kostenlos wohnen, bis ich mein erstes Gehalt als Lehrer bekam. Gott stellte sich wirklich zu uns! Die beiden Damen vom Jugendamt hatten uns jedoch nicht vergessen. Sie standen kurz vor ihrer Pensionierung und wollten bis dahin so viele Kinder wie möglich aus den damals noch bestehenden, im alten Stil geführten, sterilen Säuglings- und Kleinkindheimen in Pflegefamilien vermitteln. So meldeten sie sich alle paar Monate bei uns und fragten vorsichtig an, ob wir nicht noch einen Notfall aufnehmen könnten. In meiner impulsiven Art antwortete ich: „Was, ein Notfall? Natürlich, bringen Sie das Kind vorbei!“ „Ja, aber wollen Sie es sich nicht erst noch anschauen?“ 17


„Aber nein, kaufe ich denn einen Pudel, dass ich gucken muss, ob das Kind blaue Augen oder blonde Haare hat? Bringen Sie es vorbei!“ Bei dieser Antwort waren die beiden Damen sprachlos, denn so etwas hatten sie in ihren vielen Dienstjahren offensichtlich noch nicht erlebt. Auf diese Weise kam es dann, dass wir beide innerhalb eines Jahres sechs kleine Geschöpfe in unserer Obhut hatten – das älteste vier Jahre alt und das jüngste ein Säugling. Claudia war mit 21 Jahren bereits sechsfache Mutter und ich, knapp vier Jahre älter, stand dicht vor meinem Lehrerexamen. Kurze Zeit später nahmen wir noch ein weiteres Kind auf und im schönen Abstand von etwa drei Jahren wurde ein Mühlan nach dem anderen geboren, bis wir schließlich auf die stattliche Zahl von sechs angenommenen und sieben leiblichen Kindern gekommen waren.

Eberhard mit den zweieinhalb Jahre alten Zwillingen 1971

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Claudia mit dem neugeborenen Nico 1971

Am Frühstückstisch

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Wo habt ihr nur die vielen Kinder her?

Von Papa, zusammengefasst anlässlich einer Familienfeier: Das wurden wir schon zigmal in unserem Leben gefragt. Sechs Kinder innerhalb eines guten Jahres ist schon eine ordentliche Leistung. Und das nach eineinhalb Jahren Ehe, und die Mutter gerade mal 21 Jahre alt! Schon verrückt. Nun, Auslöser war unser brennendes Herz für Jesus. Ihm wollten wir dienen. Nico war ein Wunschkind. Papa studierte zwar noch und Mama hatte eine vier Tage Stellung als Bürokauffrau bei Siemens, aber was soll‘s? Irgendwie wird Gott uns schon durchbringen. Wie kamen wir an die Zwillinge? Wir waren externe Mitarbeiter in der Kaffeetwete, dem neu gegründeten Rehabilitationszentrum für Drogensüchtige. Und da wart ihr, ihr beiden Süßen mit euren zweieinhalb Jahren, inmitten der Junkies. Das erste Mal sahen wir euch in einem der riesigen, fast leeren Zimmer auf dem Töpfchen sitzen, umringt von auf dem Boden liegenden Süßigkeiten. Glatzköpfig, weil euch der Läuse wegen die Haare geschert worden waren – aus Jux, man hätte es auch anders machen können. Irgendjemand musste sich um euch kümmern, mal spazieren gehen und was Ordentliches zu essen geben. So fingen wir an, euch zu umsorgen, und in unserem Inneren wuchs der Gedanke, euch aufzunehmen – Claudia musste doch ohnehin bald mit Nico zuhause bleiben. Und so kam‘s: mit Claudias Mutterschutz nahmen wir Britta und Tina kurzerhand zu uns in unsere kleine Zwei Zimmer Wohnung in der Karlstraße. Und hatten naiver Weise die Rechnung ohne das Jugendamt gemacht. Zwei alte Damen tauchten auf und verhörten uns streng. Oh Wunder, sie ließen uns die Zwillinge. Irgendetwas musste sie an uns beeindruckt haben. Mittlerweile wurde es mit fünf Personen eng in der Karlstraße. Ich ging auf Wohnungssuche und bekam natürlich nichts. Wer gibt schon einem langhaarigen Studenten ohne Einkommen und drei Kindern eine Bleibe. Aber Gott hatte eine Lösung. Da war der alte Kowalewski aus der Baptisten Gemeinde, der in Stöckheim ein altes Haus gekauft hatte und es zu einem Zweifamilienhaus umbaute. 20


So durften wir oben wohnen, während er unten eine Wohnung ausbaute, und dann unten wohnen, während er oben renovierte – immer schön im Baulärm und Dreck und manchmal ohne Wasser. Aber was sollte es, es war kostenlos. Exakt, bis ich mein erstes Gehalt als Lehrer bekam. Was für ein Timing Gottes! Das Haus mit dem großen Garten war für uns wie ein Geschenk des Himmels. Hier wollten wir bleiben. Langsam keimte der Gedanke: Warum nehmen wir nicht noch mehr Kinder auf? Das wurde zur Sicherheit, aber nicht wir schritten zur Tat, sondern die zwei Damen aus dem Jugendamt. Sie riefen nämlich an und fragten, ob wir noch mehr Kinder aufnehmen wollten. So besuchten wir dich, kleine Claudia, im damaligen „Großen Waisenhaus“ an der Salzdahlumerstraße. Du warst gerade mal vier Jahre alt. Mein erster Eindruck: da standst du in dem großen Zimmer mit mehreren Stockwerkbetten und zeigtest uns dein Bett und deinen Besitz: einen Stoffteddy. Fragende, liebeheischende Blicke, die Knie zerschürft, der Gang ganz eckig. „Was kommt da auf mich zu?“, magst du gedacht haben. Wir besuchten dich mehrmals, und dann kam der große Tag an dem wir dich mit Nico und den Zwillingen heimholten. Kinder sind immer eine Brücke und machen es leichter, sich in eine neue Umgebung einzufinden. Ich erinnere mich, wie du in der ersten Zeit einem Engel gleich durch das Haus schwebtest und alles bewundertest. Denn eine Küche, in der man alles selber macht, hattest du bisher nicht zu Gesicht bekommen. Auch ein Baby, das bemuttert werden konnte und zwei Schwestern, die dich zwar auch ärgerten, aber doch nicht so gemein waren, wie die Jungen im Waisenhaus – alles war neu für dich. Stefan, du kamst aus dem Säuglingsheim in der Herzogin Elisabeth Straße. Es war noch eins vom alten Stil, und das Jugendamt wollte es unbedingt auflösen. Der kleine Stefan mit seinen zweieinhalb Jahren war schon viel zu alt und sollte weg. Beim ersten Kennenlernen fiel mir dein fahriges, scheues Lächeln auf, so als könntest du niemandem trauen. Du trippeltest unbeholfen auf den Zehenspitzen. 21


Vielleicht wäre er spastisch, meinten die Schwestern und fügten gleich hinzu: „An seine Wutanfälle müssen Sie sich auch gewöhnen.“ Als wir mit dir spazieren gehen wollten, stellte sich heraus, dass du überhaupt keine Ausgehsachen hattest. Bisher hatte wohl niemand Zeit gehabt, mit dir nach draußen zu gehen. Auch dich konnten wir nach einiger Zeit abholen – dieses Mal mit vier kleinen Therapiespezialisten. Und du gewöhntest dich schnell ein. Die erste Zeit trippeltest du zwar noch unsicher auf den Zehenspitzen, aber dann war deine Unbeholfenheit verflogen. Dir fehlte offensichtlich nur die Bewegung. Harald, du kamst aus dem gleichen Säuglingsheim. Du warst Claudia schon bei den Besuchen von Stefan aufgefallen. Da war eine lange Reihe von weißen Kinderbettchen. In ihnen lagen die weiß und steril gewickelten Babys auf dem Rücken, über sich ein Holzgestell, in dem eine Trinkflasche steckte. Und eins dieser Babys war ein süßes, schwarzhaariges. Mit einem unendlich traurigen Blick und tief zerfurchter Stirn starrte es vor sich hin. Das muss Mama wohl durch Herz gegangen sein, denn beim Abschied sagte sie den Schwestern: „Den holen wir uns auch noch!“ Du kleiner Kerl gingst uns nicht aus dem Sinn. Wir erkundigten uns nach dir und erfuhren, dass du Harald heißt und auch frei zur Abgabe warst. Da wollten wir dich so schnell wie möglich aus dem emotionalen Gefängnis befreien. Es war Dezember und die Schwestern wollten dich einfach nicht herausrücken, da sie nicht auf die Weihnachtsprämie verzichten wollten. Da kannten sie Claudia schlecht, denn sie wollte dich sofort von dem Trinkgestell weg haben. So kämpfte sie, und du, Harald – dieses Mal von fünf Geschwistern abgeholt – wurdest unser Weihnachtsgeschenk. So kamen aus einer Schwangerschaft sechs Kinder heraus. Gott schenkte uns für jedes von euch kleinen Geschöpfe eine unbändige Liebe, die man in diesem Ausmaß nicht selbst erwecken kann – und wir lernten gemeinsam als Familie zu leben. Chris wurde in diese große Geschwisterzahl geboren. Die beiden alten Damen vom Jugendamt waren stolz auf uns und gaben uns jede Unterstützung. Ein 22


Ziel hatten sie noch vor ihrer Pensionierung: Sie wollten dieses unmögliche Säuglingsheim unbedingt auflösen. Deshalb riefen sie an und fragten, ob wir noch einen Notfall aufnehmen könnten, die kleine Mona. Aber natürlich, wir wussten ja, was sich in diesem Heim abspielte. So kamen wir mit einer Großdelegation und führten dich, kleine Mona - gerade mal vier Monate alt - heim. Du warst so ernst, da gab es am Anfang kein Lächeln auf deinem Gesicht. Das Leben war schwer gewesen, und das musste herausgebrüllt werden. Da hattest du unser vollstes Verständnis. Und Hunger hattest du! Am Anfang mussten dich zwei gleichzeitig füttern. Du konntest nicht genug bekommen. Und auch das legte sich. Dein Lachen kam mit dem Segen und Frieden Gottes. Jetzt ist aber Schluss mit dem Kinder aufnehmen machte uns das Jugendamt klar. Mit einem weiteren Kind müssten wir ein Heim aufmachen. Und das wollten wir nicht – trotz aller finanziellen Verlockungen. Wir hatten euch Kinder doch nicht aus einem Heim geholt, um wieder ein Heim mit all seinen Verordnungen aufzumachen. So blieben wir ein sogenanntes Pflegenest. Und warum hatten wir nicht genug und schufen noch fünf weitere süße Mädchen? Ganz einfach: aus Freude an Kindern und dem Zusammenleben mit ihnen! Und um ganz ehrlich zu sein: wir waren so fasziniert von den zwei herrlichen und unterschiedlichen ersten Mühlan Produktionen, dass wir einfach wissen wollten, wie die nächste Kreation namens Ines einmalig anders ausfallen würde, und die nächste Esther, und die nächste Mirke, und die nächste Tirza, und die nächste kleine Marie… Und dann sagte Mama: „Jetzt habe ich Frieden. Die Schöpfung ist mit dem Siebten vollbracht!“ Und wenn ein ganz Vernünftiger uns der Übertreibung bezichtigen wollte, dann soll er uns sagen, auf welches dieser herrlichen Geschöpfe wir hätten verzichten sollen. Wir jedenfalls wissen es nicht!

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Rechts: Fertig zum Spaziergang 1973

Unten: Das Spielhaus 1975

Links: Im Garten 1975

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