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Eberhard Mühlan

ZWEI WELTEN EINE LIEBE Bikulturelle Paare finden ihren Weg

MühlanMedien 1


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek: Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

1. Auflage 2015

MühlanMedien www.MühlanMedien.de ISBN 978-3-9817238-0-9 Umschlaggestaltung: Nico Mühlan, Gobasil, www.gobasil.com Herstellung: MühlanMedien / Pro Business digital Printing, Berlin Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Autors.

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INHALT Einführung

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Kapitel 1: Individualismus versus Kollektivismus Ich-Kultur stößt auf Wir-Kultur

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Individualgesellschaft versus Kollektivgesellschaft Wie sind Sie aufgewachsen?

13

19

23

Vermeidung von Stereotypen und Vorurteilen

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Paargespräch 38

Kapitel 2: Darüber sollten wir reden!

43

Unterschiedliche Weltbilder und Wertemuster, Verhalten und Auftreten

43

Individualistisches Kulturmuster am Beispiel Deutschlands 47 Kollektivistische Kulturmuster

51

Das Weltbild der großen Religionen im Vergleich

57

Paargespräch 60 Die Entwicklung und Funktion eines Gewissens

61

Paargespräch 69

Kapitel 3: Was meinst du eigentlich?

71

Direktes, offenes versus indirektes verschlüsseltes Kommunikationsverhalten

71

Paargespräch 89

Kapitel 4: Was heißt hier Liebe?

91

Romantische Vorstellung von Liebe und Ehe versus sachliches und pragmatisches Verständnis 91 Die kulturelle Macht der Sexualität

102

Paargespräch 106

Kapitel 5: Wer bestimmt was? 109 Partnerschaftliches Rollenverständnis versus hierarchisches Rollenverständnis Schöpfungsgemäße Unterschiede zwischen Mann und Frau 113 Persönlichkeitsunterschiede

116 3

109


Kulturell bedingte soziale Rollenerwartungen 119 Paargespräch 124

Kapitel 6: Eine eigene Ehe-Identität entwickeln 129 Meine kulturelle Identität – was macht sie aus?

130

Paargespräch 135 Die Grundbedürfnisse eines Menschen

136

Paargespräch: 138 Eine eigene Ehe-Identität entwickeln 139 Paargespräch 141 Anleitung zu Paargesprächen 144 Instruction for discussion with your partner 145 Literaturverzeichnis

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Einführung

Für mich ist es jedes Mal spannend und aufregend, ein bikulturelles1 Paar kennenzulernen. „Die beiden müssen doch eine besondere Geschichte haben“, geht es mir dann durch den Kopf. „Wie mögen sie sich kennengelernt haben? Wie packen sie es miteinander, so unterschiedlich, wie sie aussehen?“ In der Tat, interkulturelle Paare gehen ein spannendes Abenteuer ein. Sie werden nicht nur mit ihren individuellen Persönlichkeitsunterschieden konfrontiert, sondern müssen sich auch mit unterschiedlichen kulturellen Mustern - der jeweils eigenen kulturellen Identität auseinandersetzen. Im Vergleich zu einem deutsch-deutschen Paar stehen sie vor einer doppelten Herausforderung! Von den Eheseminaren bei Team.F2 weiß ich um die Anpassungsprobleme und mühsamen Lernprozesse, die zwei Menschen mit stark ausgeprägten unterschiedlichen Persönlichkeiten durchzugehen haben, wenn sie ihr Leben gemeinsam gestalten wollen. Das werden Sie Zwei auch durchzubuchstabieren haben. Hinzu kommt jedoch noch die nicht weniger herausfordernde Aufgabe, die Dynamik der kulturellen Unterschiedlichkeit zu ergründen und zu bewältigen. Darum soll es in diesem Buch gehen. Die klassischen Ehethemen werde ich nur streifen. Dazu können Sie die Seminare von Team.F besuchen oder unsere Veröffentlichungen3 studieren. Ich möchte Sie vielmehr dahin führen, dass Sie Ihre eigene kulturelle Identität und die Ihres Partners4 klarer erkennen. Was ist kulturelle Identität? Das werden wir später noch gründlich erarbeiten. Kurz gesagt, versteht man unter Kultur die erlernten Strategien, mit denen ein Mensch sein Leben gestaltet, und Identität ist die einzigartige Kombination an Persönlichkeitsmerkmalen, die jeder Mensch aufweist. Ihnen wird es sicherlich genauso ergangen sein wie mir. Solange man sich nur in seiner eigenen Kultur bewegt, macht man sich wenig Gedanken über das Leben in anderen Kulturen aber auch wenig Gedanken über das Wesen seiner eigenen Kultur. So wie man selbst lebt, meint man, ist es gut und richtig. Erst dann, wenn man mit einer anderen Kultur konfrontiert wird zum Beispiel der Kultur Ihres Partners - macht man sich nicht nur Gedanken über dessen Kultur, sondern vielfach auch erst Gedanken über die Wurzeln und das Wesen der eigenen Kultur. Dies alles gilt es zu ergründen, um dann die unterschiedlichen Haltungen, Erwartungen und Bedürfnisse zu erkennen, auszusprechen und miteinander zu vergleichen. Das Ziel dieses Buches ist, dass Sie beide schlussendlich eine auf Sie abgestimmte eigene Ehe-Identität entwickeln und leben können. Jedes Paar hat seine eigene Geschichte und Dynamik. Deswegen gibt es nur wenige für alle gültige Patentantworten. Es geht vielmehr darum, wichtige Grundprinzipien zu erkennen, die man dann auf seine eigene spezielle Paarkonstellation übertragen kann. Dazu können die 1

Bi (lateinisch bi = zu, bis = zweimal). Bikulturell drückt eine Zweiheit der Kulturen aus. Die überkonfessionelle Familienorganisation Team.F bietet die unterschiedlichsten Seminare zu Ehevorbereitung, Ehethemen und Familienleben an. www.team-f.de. 3 Besuchen Sie uns auf unserer Internetseite www.MühlanMedien.de. 4 Den Begriff „Partner“ verwende ich hier und künftig als neutralen Begriff, um die umständliche Formulierung „Partner/in“ zu vermeiden. 2

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Erfahrungen anderer sowie kluge Fragen eine große Hilfe sein. Entsprechend ist der Aufbau dieses Buches: Zu jedem Kapitelthema berichten zwei interkulturelle Paare - die Gads und die Walters - von ihren Lernschritten und Erfahrungen, und dann schließt jedes Kapitel mit einem Fragenkatalog ab, der Sie beide anleiten soll, sich intensiv mit dem jeweiligen Thema auseinanderzusetzen und zu konkreten Entscheidungen für Ihre spezielle Situation zu finden. Ich wünsche mir, dass Sie sich nach jedem Kapitel eine Pause einräumen und sich viel Zeit nehmen, um anhand der Fragen miteinander zu diskutieren und zu beraten. Damit es dem ausländischen Partner leichter fällt, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen, habe ich sie in elf Sprachen übersetzen lassen - in Englisch, Arabisch, Chinesisch, Französisch, Polnisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Spanisch, Thai und Türkisch. Die englische Übersetzung finden Sie am Ende des Buches. Die anderen Sprachen können Sie sich kostenlos aus dem Internet herunterladen: www.MühlanMedien.de/ shop/Mühlan Bücher. Wie sind wir dazu gekommen, uns mit interkulturellen Themen zu befassen? Claudia, meine Frau, und ich sind in unserem Leben schon immer gern und viel gereist. Menschen in anderen Kulturen kennenzulernen, ist uns eine Leidenschaft. Neben unseren privaten Reisen sind wir auch im Rahmen unserer Familienorganisation Team.F häufig zu Eheund Erziehungsseminaren weltweit eingeladen worden. Das hat unseren Horizont ungemein erweitert. Besondere Schwerpunkte waren Albanien, Ägypten und Indien. Albanien haben wir häufig bereist und nach intensiven kulturellen Studien eine Fernsehserie zum Familienleben gedreht. Unser Großes Familien-Handbuch ist auf Albanisch übersetzt worden5. In Ägypten haben wir zusammen mit Elia und Judith Gad, unseren ägyptisch-deutschen Studierenden an der Team.F Akademie6, begonnen einen Familiendienst aufzubauen, der durch die politischen Unruhen des sogenannten „Arabischen Frühlings“ gestoppt wurde. Immerhin ist es uns gelungen, Audio- und Filmaufnahmen sowie Manuskripte auf Arabisch zu Seminarthemen zum Ehe- und Familienleben herzustellen und zu verbreiten. Ein besonderes Studienobjekt war für mich das Familienleben unter den Ureinwohnern (Adivasis) in Indien. Über rund zehn Jahre habe ich die Adivasis regelmäßig besucht, ihre Familienstrukturen und Interaktionsmuster analysiert mit dem Anliegen, den jungen Kirchen eine kulturrelevante, christliche Ehe- und Familienlehre an die Hand zu geben. Mit diesem Forschungsobjekt habe ich im Bereich Religionswissenschaften promovieren können7. Hier in Deutschland haben wir die beiden bikulturellen Paare Elia und Judith Gad (ägyptischdeutsch) und Thomas und Rose Walter (deutsch-philippinisch) kennen und lieben gelernt. Vor einigen Jahren haben Claudia und ich mit ihnen im Rahmen von Team.F begonnen, Seminare für bikulturelle Paare zu veranstalten, zu denen bald weitere Einladungen hinzukamen8. Die wertvollen Erfahrungen und Begegnungen bei diesen Seminaren sind natürlich in dieses Buch eingeflossen.

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Claudia & Eberhard Mühlan, Udhezesi i madh i familjes, 3 Vellimi, 2008 ne shqip Nehemia, Shqiperi, ISBN 99943-725-1-3. 6 Die Team.F Akademie ist eine berufsbegleitende Weiterbildungseinrichtung…. 7 Mühlan, Eberhard, Familienstrukturen in Indien. Fremden Kulturen eine christliche Familienlehre bringen, edition afem, mission academics 33, Nürnberg, 2011. 8 Informationen zu Seminaren für interkulturelle Paare unter www.MühlanMedien.de und www.team-f.de 6


Judith und Elia Gad Judith ist 1979 in Osterode/Harz in Norddeutschland geboren und aufgewachsen. Elia ist 1976 in Assuan, Ägypten geboren und in Kairo aufgewachsen. Judith hat in Deutschland die Ausbildung als Erzieherin durchlaufen, Elia in Kairo Germanistik und Anglistik studiert und ein Reiseführer-Diplom erworben. Er lebte und arbeitete von 1999 bis 2009 in Hurghada am Roten Meer für einen Reiseveranstalter. 1997 haben sie sich in Deutschland kennengelernt und 2004 in Kairo geheiratet. Von 2003 bis 2009 lebten sie gemeinsam in Hurghada. Seit 2009 wohnen sie in München. Judith arbeitet dort in einem Kindergarten und Elia für einen Reiseveran-stalter. Ihre gemeinsamen Hobbys sind Musik, Lesen und Sport - bei Elia insbesondere Fußball. Rosemarie und Thomas Walter Rosemarie ist 1965 in Butuan City, Philippinen geboren und aufgewachsen und Thomas 1967 in Marbach am Neckar, Süddeutschland. Rose hat eine Ausbildung im Hotel- und Restaurant Management durchlaufen und Thomas eine Bankkaufmannlehre und sich zum Online-Spezialisten weitergebildet. Kennengelernt haben sie sich 1991 auf den Philippinen und dort im Januar 1993 geheiratet. 1994 wurde ihr Sohn Benjamin und 1996 David geboren. Seit 1997 leben sie in Deutschland, wo 2002 noch ihre Tochter Rebecca hinzukam. Als Hobby betreibt Thomas einen kleinen Weinberg, Rose Hobby ist Gastfreundschaft und Torten backen. Beide lieben Menschen um sich herum und blühen in Gesellschaft auf.

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Kapitel 1: Individualismus versus Kollektivismus

Ich-Kultur stößt auf Wir-Kultur

Judith: Aufgeregt sitze ich im Flugzeug auf dem Weg nach Kairo. „Jetzt wirst du also das erste Mal Elias Familie kennenlernen und sehen, wo und wie er aufgewachsen ist“, ging mir durch den Kopf. Elia hatte ich vor sechs Jahren bei seinem Besuch in Deutschland kennengelernt, und bis jetzt hatten wir diese Jahre eine Fernbeziehung geführt. Zunächst ganz klassisch mit Briefen, nach einigen Jahren stiegen wir auf E-Mails um, und dann kamen die Chat-Programme auf, und wir chatteten fleißig miteinander. Da wir als Studenten knapp bei Kasse waren, gab es in den Jahren nur jeweils einen Besuch beim Partner in seinem Heimatland. „Wie wird mich seine Familie wohl aufnehmen? Werden sie mich akzeptieren?“ Vor dem Abflug stand ich lange vor dem Spiegel und zog mich mehrmals um. Ich wollte einen guten ersten Eindruck hinterlassen. Ich grübelte, wie ich mich am besten präsentieren und was ich sagen könnte. Und dann betrete ich endlich ihre Wohnung in Kairo, und alle erwarten mich neugierig in so etwas, was mir vorkommt wie Schlafanzüge. Ich denke: „Komisch, es ist doch erst Nachmittag, sind sie vielleicht gerade vom Mittagsschlaf aufgestanden oder halten sie es gar nicht für nötig, sich ein wenig herzurichten, wo ich doch zu Besuch komme?“ Mir kommt das sehr seltsam vor. Und noch seltsamer: Kaum setze ich mich hin, da werde ich schon gefragt, wann ich mich denn umziehen würde. Ich verstehe Bahnhof und schaue fragend auf Elia. „Ja, sie meinen, du solltest auch solche Hausklamotten anziehen.“ Jetzt bin ich völlig am Ende. Da hatte ich mir zu Hause so viele Gedanken für meine Garderobe gemacht, und jetzt das! „Das sind keine Schlafanzüge, das ist unsere Hauskleidung. Und dass meine Familie dich in dieser Kleidung empfängt und dir auch so einen Anzug anbietet ist ein hohes Zeichen von Wertschätzung. Sie wollen dir damit sagen, dass du von Anfang an Willkommen bist und zur Familie gehörst“, gibt er mir zu verstehen. Bei diesem ersten Besuch bringe ich es noch nicht fertig mir einen „Schlafanzug“ anzuziehen, aber dann doch bei späteren Besuchen. Aber ich bin gerührt und erleichtert, dass ich so herzlich aufgenommen werde. Dann setzen wir uns in einer großen Runde zum Essen und Elia erklärt, wer alles da ist: Seine Eltern, vier Brüder und Schwestern mit ihren Familien, Tanten und Onkel, die Oma und einige Nachbarn und Freunde. Ein leckeres Essen wird aufgedeckt. Erstaunt schaue ich vor meinen Platz - kein Teller, kein Besteck, kein Glas, wie soll das gehen? In der Mitte steht eine große Suppenschüssel und ein einsames Glas - und das für etwa fünfundzwanzig Leute. Ein großes Fladenbrot wird herumgereicht, jeder reißt sich ein Stück ab und tunkt es in die Suppe, und alle trinken aus dem einen Glas. Jetzt fühle ich mich doch echt überfordert. Ich kann mich einfach nicht überwinden, mit den Fingern zu essen und bitte um ein Besteck und ein Glas für mich. Natürlich hatte ich mich vorher schon über die ägyptische Kultur informiert, aber dann plötzlich mit der Familie zusammen zu sein, das ist noch einmal etwas ganz anderes. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich mich an Hauskleidung und die fremde Esskultur gewöhnen und mit Genuss zulangen konnte. Später zerteilte ich selbst gebratene Hähnchenkeulen genüsslich mit den Fingern. Was mir schließlich geholfen hat, mich auf diese fremde, andere Kultur einzulassen, war das wachsende Verständnis für die Besonderheiten einer Kollektivkultur. Genauso, wie man es in den Fachbüchern lesen kann, besteht wirklich ein sehr großes Wir-Gefühl und ein starker Familienzusammenhalt, der auch manchmal ein wenig einengend wirken kann. Als Familie wohnen sie alle zusammen in einem Haus. Die Eltern im Erdgeschoss. Der älteste Bruder von Elia mit seiner Familie in der Wohnung darüber. Der nächste Bruder hat dann später noch eine 8


Wohnung darüber gebaut. Die Schwester ist nach Gegenüber gezogen, und alle sind häufig zusammen. Die freien Tage verbringen sie miteinander, und was ich dann wirklich schätzen lernte, war, dass jeder für jeden einsteht. Wenn es darauf ankam, wusste ich: Die ganze Familie ist für mich da. Das kannte ich aus Deutschland nicht so sehr. Einmal musste ich wegen einer kleinen Operation ins Krankenhaus. Alle legten Geld zusammen - so wie jeder konnte. Denn so etwas wie eine Krankenversicherung gibt es in Ägypten nicht. Ich war so gerührt. Ich war noch nicht einmal richtig aus der Narkose aufgewacht, da stand schon die ganze Familie an meinem Bett. Elias Mutter und eine Schwester blieben für zwei Wochen bei uns im Haus, um den Haushalt zu übernehmen und für uns zu sorgen. Diesen Zusammenhalt und das Füreinander-Einstehen habe ich so sehr schätzen gelernt, dass ich mir in Deutschland manchmal komisch und isoliert vorkomme. Mittlerweile fühle ich mich, was das betrifft, in einer Wir-Kultur sogar viel wohler. Elia: Ägypten, das Land in dem ich aufgewachsen bin, ist ein klassisches Beispiel für eine Wir-Kultur. Bei uns ist es völlig normal, dass bei wichtigen Entscheidungen wie Ausbildung oder Heirat alle Familienmitglieder mitreden und mitentscheiden wollen. Ich kenne das seit meiner Kindheit. Mein Abitur habe ich mit sehr guten Noten abgeschlossen. In Ägypten kann man nicht einfach irgend-etwas studieren, sondern die Punktezahl entscheidet, welches Studium man dann einschlagen kann. Mit meinem Notendurchschnitt hätte ich Architekt oder Bauingenieur werden können. Ich wollte aber unbedingt Sprachen lernen, das hat mich seit meiner Kindheit fasziniert. Aber dafür benötigt man eher weniger Punkte, und außerdem wird es als ein typisches Frauenstudium angesehen. Als ich meinen Studienwunsch aussprach, gab es eine große Aufregung. Meine Tante protestierte: „Das ist doch nur was für Mädchen, die als Sekretärinnen arbeiten wollen. Du mit deinen guten Noten, du bist wohl verrückt geworden!“ Damit vertrat sie die Meinung der meisten Familienmitglieder, und ich hatte echt Mühe, mich mit meinem Wunsch Germanistik zu studieren durchzusetzen. So läuft es halt in unserer Kultur. Schade ist nur, dass manche jungen Leute sich dann um der Familie willen diesem Druck beugen. Mein Papa, ein weiser und besonnener Mann, bestimmte schließlich, dass sein Junge seinen Beruf selbst bestimmen dürfe, denn schließlich sei es ja seine Zukunft. Ganz spannend wurde es, als ich meiner Familie mitteilte, dass ich eine deutsche Frau heiraten wollte. Wieder brachten alle ihre eigenen Vorschläge und Einwände an. Meine Eltern hatten schließlich das letzte Wort: Ihnen war am Wichtigsten, dass Judith eine Christin ist, so wie unsere Familie sich zum christlichen Glauben bekennt. Ansonsten vertrauten sie mir und akzeptierten meine Entscheidung. Bei den Verlobungsvorbereitungen mischte sich dann aber doch jeder ein. Meine Mutter, zum Beispiel, verlangte, dass ich Judith zur Hochzeit ein wertvolles Schmuckstück aus Gold schenken sollte, so wie es in Ägypten üblich ist. „Du, Mama, das habe ich mit Judith aber anders abgesprochen. Wir brauchen das Geld für das Häuschen, das wir uns bauen wollen. Wir haben uns darauf geeinigt, zwei schöne Ringe zu kaufen, und nicht mehr auszugeben. Außerdem mag Judith gar kein Gold.“ Mit meinen Gegenargumenten kam ich bei ihr nicht durch. „Das geht nicht, mein Junge. Was sollen die Leute über uns denken. Nur weil ihre Eltern bei der Verlobungsfeier nicht dabei sein können, kannst du sie doch nicht so schäbig behandeln. Als Mann gehört sich das nicht. Du musst deine Pflicht erfüllen.“ Da habe ich dann um des lieben Friedens willen klein beigeben müssen. Judith: Bei den Hochzeitsvorbereitungen dachte ich, ich ziehe mit Elia los, um nach einem Brautkleid zu schauen, aber nein, die Mutter hatte die Schwestern auserkoren. Die wussten schon genau, wie das Kleid aussehen sollte, verhandelten lautstark mit der Verkäuferin und ließen sich ein Kleid nach dem anderen vorlegen. Mein Arabisch war zu dem Zeitpunkt noch nicht gut genug, um Wünsche zu äußern und ein wenig mitreden zu können. Nach etlichen Anproben wurde ein Kleid ausgewählt, und die Schwestern verließen zufrieden mit mir das Geschäft. Dann kam der Friseur ins Haus, und die Schwestern gaben ihm die Anweisungen, wie ihre zukünftige Schwägerin frisiert werden sollte. Dann wurde ich geschminkt - und schließlich kam der Moment, wo mir der Spiegel vorgehalten wurde: Ich war kreidebleich geschminkt, weil helle Haut in Ägypten ganz schick ist. In meinen Augen sah ich krank und hässlich aus, was durch die pinken Lippen noch unterstützt wurde. Ich muss zugeben, das war wirklich eine kulturelle Überrumpelung, die durch das Überraschungsmoment und meine mangelnden Sprachkenntnisse verstärkt wurde. Dennoch war die Hochzeitsfeier großartig - halt ganz ägyptisch.

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Dieses Eintauchen in die andere Kultur, dieser Schock, hat dazu geführt, dass ich mich ganz viel mit Elia unterhalten habe. Immer wieder habe ich gefragt: „Warum ist das so? Was für Gedanken, welche Traditionen stehen dahinter?“ Ich wollte einfach auch das Positive sehen, das dahinter verborgen lag. Und je intensiver ich mich darum bemühte, dieses Andere und Fremde tiefer zu verstehen, desto mehr Positives, Schönes und Bereicherndes entdeckte ich. Elia: Grundsätzlich habe ich es genossen, dass in meiner Kultur bei uns zu Hause alles geteilt wurde und man zusammen über alles redete und Entscheidungen gemeinsam traf. Bei uns hat nicht jeder eine Krankenversicherung wie in Deutschland, deswegen steht auch die Familie in Notfällen füreinander ein. Vor einigen Jahren war mein Papa krank, er war schon 78 Jahre alt, und es war für alle Kinder selbstverständlich, dass sie schnell nach Hause kamen. Wir saßen dann zusammen und berieten, welches Krankenhaus das beste wäre und wie Mama dort gut für ihn sorgen könnte. In unseren Krankenhäusern sorgen nach einer OP nicht nur die Krankenschwestern für die Patienten, sondern auch die Verwandten. Wir legten nach unseren Möglichkeiten Geld zusammen, denn Papa sollte es gut haben. Zu der Zeit arbeitete ich am Roten Meer und nahm mir sofort so lange Urlaub, bis mein Vater wieder aus dem Krankenhaus zurück war. Jetzt wohne ich in Deutschland und skype mit meiner Familie jede Woche so ein bis eineinhalb Stunden. Neulich war meine Mama krank, sie benötigte eine Augenoperation, und wieder kamen alle zusammen. Sie saßen in einem Zimmer in Kairo - so dreizehn Leute - und berieten miteinander, und ich konnte am Laptop dabei sein und auch meine Ratschläge weitergeben. Als ich hier weit entfernt in Deutschland gerührt diese Familienszene sah, musste ich daran zurückdenken, wie Judith, als wir frisch verheiratet waren, einmal eine Operation benötigte. Wir dachten daran, diesen Eingriff lieber in Deutschland machen zu lassen, einfach weil die Bedingungen viel besser sind; so ging Judith in ein Krankenhaus nach Hamburg. Als treuer ägyptischer Mann habe ich mir natürlich Urlaub genommen und habe Judith begleitet. Bei ihr im Krankenhaus - wie von Ägypten gewohnt - konnte ich natürlich nicht wohnen, und so nahm ich mir ein Hotelzimmer. Aber dann komme ich in ihr Zimmer, und da liegt sie ganz einsam und allein; keine Eltern bei ihr, auch keine Geschwister. Damals konnte ich es wirklich nicht nachvollziehen. Ich hatte sie doch alle als liebe Familie bereits kennengelernt - warum verhalten sie sich so? Selbst die Ärzte und Krankenschwestern wunderten sich, dass ich so lange im Krankenzimmer ausharrte und nicht fortzubewegen war. Dann erst stellte ich fest, dass es Besuchszeiten gab und ich ab zwanzig Uhr spätestens verschwunden sein sollte. So habe ich, ähnlich wie Judith in Ägypten, meinen eigenen Kulturschock in Deutschland erlebt.

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Individualgesellschaft versus Kollektivgesellschaft

Judith und Elia beschreiben treffend, wie sich das Aufwachsen, Empfinden und Verhalten in einer typischen Individual- und einer typischen Kollektivgesellschaft abspielt. Sie haben uns guten Einblick in das jeweilige Alltagsleben gegeben. Jetzt ist es an der Zeit, die schon häufig gebrauchten Begriffe Individualität bzw. Individualgesellschaft und Kollektivität bzw. Kollektivgesellschaft wissenschaftlich zu erklären. Die Völker dieser Erde kann man grob in zwei Hauptgruppen einteilen, in solche mit kollektivistischer Werthaltung (zum Beispiel Asiaten, Afrikaner, Lateinamerikaner, Ost- und Südeuropäer)), und solche mit individualistischer Werteinstellung (zum Beispiel West- und Nordeuropäer wie Deutsche, Schweizer, Österreicher, Niederländer, Briten, Skandinavier, aber auch US-Bürger, Kanadier, Australier, Neuseeländer). Schaut man auf eine Weltkarte, so fällt auf, dass Individualgesellschaften flächenmäßig wesentlich geringer vertreten sind als Kollektivgesellschaften. Das muss sich der deutschsprachige Leser bewusst machen, der zu denken neigt, seine Art zu leben sei die einzig richtige und die weitverbreitetste auf dieser Erde. Bei der Unterscheidung von Individualismus und Kollektivismus geht es auch nicht um besser oder schlechter, sondern lediglich um anders. Und das Andersartige muss verstanden und toleriert werden, besonders in einer engen Paarbeziehung. Die überwiegende Mehrheit der Menschen in unserer Welt lebt also in Gesellschaften, in denen das Interesse der Gruppe (der Familie) dem Interesse des Individuums übergeordnet ist. Geert Hofstede9 bezeichnet diese Kulturen als kollektivistisch. Bei dem Begriff „kollektivistisch“ kann schnell eine politische Assoziation hochkommen, wie etwa die landwirtschaftlichen Kollektive in der ehemaligen DDR. Dieser Begriff hat jedoch keine politische Bedeutung, sondern beschreibt ganz neutral die Macht der Gruppe. Das kann der Staat sein oder die Firma und natürlich auch die Macht der Familie. Die Familie ist die erste und wichtigste Gruppe im Leben eines Kindes. In den meisten kollektivistischen Gesellschaften wachsen Kinder in Großfamilien auf. Da sind nicht nur die leiblichen Eltern, sondern auch die Großeltern, Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen und vielleicht Bedienstete und weitere Personen, die alle in einem Haus oder auf einem Grundstück miteinander wohnen. Sie alle lieben und beeinflussen das Kind; so lernt es schon früh, sich als Teil einer Wir-Gruppe zu begreifen. Diese Wir-Gruppe beeinflusst und formt die Identität des kleinen Menschen und wird zu dessen sicheren Schutz gegen die Gefahren des Lebens. Deshalb schuldet man seiner Wir-Gruppe lebenslange Loyalität. Zwischen dem einzelnen und der Wir-Gruppe entwickelt sich ein Abhängigkeitsverhältnis, das sowohl praktischen als auch psychologischen Charakter hat. Diese Vorgänge spielen sich unbewusst ab, vor allem weil sie in den stark prägenden frühkindlichen Jahren verlaufen. Sie haben aber Auswirkungen auf das gesamte Leben und können kaum abgelegt werden. Bei kollektivistischen Kulturen kann man vereinfachend auch von Wir-Kulturen sprechen. Bildlich gesprochen weist der dort aufwachsende Mensch ein „verflochtenes Selbst“ auf. Eine Minderheit der Menschen in unserer Welt - dazu zählen auch wir Deutschen - lebt in Gesellschaften, in denen das Interesse

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Hofstede, Geert, Lokales Denken, globales Handeln. Interkulturelle Zusammenarbeit und globales Management, Beck-Wirtschaftsberater im dtv, 2. Auflage 2001, S. 77ff. Hofstedes Buch handelt zwar hauptsächlich um globales Management, dennoch lassen sich wertvolle Informationen für die persönlichen, zwischenmenschlichen Beziehungen entnehmen. 11


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