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Ron Hall – Künstler, Co wboy, Schriftsteller – wurde von seiner Fr au Deborah gebeten, sich Denver Moore an zunehmen. Daraus enstand eine tiefe Freu ndschaft, die er in “Genaso anders wie ich “ festgehalten hat.


Jeden Sonntag ist ein Farmarbeiter mit einem Maultierwagen die Feldwege auf der Plantage abgefahren und hat die Leute eingesammelt, damit die den Herrn preisen konnten. Bei dem Mann haben ungefähr zwanzig Familien gearbeitet. Sie sind alle auf den Maultierwagen gestiegen, die Männer haben den Frauen geholfen, dann haben sie die Babys hochgereicht, dann sind sie selbst reingeklettert und der Farmarbeiter hat sie alle zur New Glory of Zion Baptist Church gefahren. Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung mehr, wie die Kirche wirklich geheißen hat, aber damals hießen alle Kirchen „New“ hier und „Glory“ da, und mit Sicherheit waren alles Baptisten. Jede Plantage hatte eine Kirche für die Farbigen, und woanders hat man sich auch kaum getroffen. Die kleine Bretterkirche, die zu unserer Plantage gehört hat, stand mitten auf einem weiten Feld und hatte ein Kreuz über der Tür, das nie einen Tropfen Farbe gesehen hat. Das Dach sah aus, wie wenn Gott es als Nadelkissen benutzt hätte, es war voller Löcher, durch die das Sonnenlicht fiel, sodass die Bänke aussahen, wie wenn sie Pockennarben hätten. Manchmal hat’s auch geregnet und dann hat der Pastor die ganze Suppe mit einem Besen durch die Tür gekehrt. Der Pastor, Bruder Eustis Brown, war auch nur ein Farmarbeiter. Aber außer Onkel James war er der einzigste Mann, von dem ich weiß, dass er die Bibel lesen konnte. Ich habe einen Haufen Bibelverse gelernt, einfach nur, weil ich ihm zugehört habe. Das lag daran, dass er jede Woche immer dieselbe Predigt gepredigt hat, monatelang. Nehmen wir mal an, er hat über die bösen Seiten der Lust gepredigt. Bruder John hat dann vielleicht gesagt: „Jetzt hört mal


gut zu, ihr in der Gemeinde: Der erste Johannesbrief sagt, dass wir die Lust des Fleisches kennen, die Lust der Augen, und das hoffärtige Leben – all das ist nicht von Gott, es ist von der Welt! Aber diese Welt vergeht! Und ihre Lust vergeht! Aber wenn ihr den Willen Gottes tut, dann bleibt ihr in Ewigkeit!“ Jede Woche hat er uns dieselben Verse erzählt, hat sie uns wieder und wieder reingehämmert, wie wenn du einem störrischen Pferd Eisen unter die Hufe nagelst. Dann und wann haben die Leute angefangen, sich zu beschweren. „Bruder Brown, wir haben diese Predigt schon hundertmal gehört“,hat dann vielleicht eine von den älteren Frauen gesagt, eine mit einem Kropf wie meine Tante, die Schwester von Big Mama. „Wann denkst du dir mal was Neues aus?“ Bruder Brown hat dann einfach nur zu dem löchrigen Dach raufgeguckt und den Kopf geschüttelt, irgendwie traurig. „Ich arbeite da draußen mit euch in den Baumwollfeldern, und der Herr zeigt mir jede Woche, was bei euch in der Gemeinde so läuft, sodass ich weiß, was ich am Sonntag predigen soll. Wenn ich mitbekomme, wie sich da draußen was ändert“, hat er gesagt und auf die Plantage gedeutet, „dann ändere ich auch meine Predigten hier.“ So habe ich die Bibel gelernt, obwohl ich gar nicht lesen kann. Wie ich so ungefähr zwölf Jahre alt war, hat mich Tante Etha ganz weiß angezogen und runter zum Fluss gebracht, damit ich untergetaucht werde. An dem Sonntag waren da vier oder fünf Leute, die alle getauft werden wollten, und alle Familien auf der Plantage hatten Kisten und Körbe mit Essen mitgebracht, das auf Decken ausgebreitet worden ist, es war das, was wir „Mittagessen auf dem Boden“ genannt haben. Bei weißen Leuten hieß das Picknick.


Mein Tantchen hatte einem Huhn den Hals umgedreht und es besonders gebraten. Sie hat auch ihren berühmten Brombeerkuchen mitgebracht und eine Kanne kalten Tee mit Pfefferminzblättern, die sie von meiner Großtante bekommen hatte. (Wenigstens glaube ich, dass das Pfefferminzblätter gewesen sind. Bei meinen Tantchen konntest du nie so genau wissen, was für Puder und Pülverchen du kriegst.) Wir haben natürlich nicht gegessen, bevor Bruder Brown nicht mit seiner Predigt fertig gewesen ist. Er hat über Johannes den Täufer geredet, wie der Jesus selbst untergetaucht hat und wie Gott vom Himmel gesagt hat, dass Er sich ziemlich darüber freut, was für ’n toller Kerl Sein Sohn geworden ist. Wie Bruder Brown mit seiner Predigt fertig gewesen ist, ist er in den kühlen, grünen Fluss gestiegen, bis er zur Hälfte im Wasser stand in seiner besonderen weißen Robe, die er nur zum Taufen angezogen hat. Ich bin ihm barfuß hinterhergelaufen, über Kieselsteine, glatt und glänzend nass, runter durch den warmen, weichen Schlamm, ins Wasser. Ich und Bobby, wir waren oft in einem Tümpel und sind geschwommen, aber meistens splitternackt. Also hat es sich ein bisschen komisch angefühlt, ins Wasser zu gehen und dabei Klamotten anzuhaben, die um dich herumgewirbelt sind wie eine weiche, weiße Wolke. Trotzdem bin ich zu der Stelle gewatet, wo Bruder Brown auf mich gewartet hat. Der Schlamm von dem Fluss hat zwischen meinen Zehen gequatscht und ich hab dabei ständig aufgepasst, ob ich nicht irgendwo einen Alligator sehe. Ich stand also seitlich vor Bruder Brown und der hat seine linke Hand hinter meinen Rücken gelegt. Ich hab gehört, wie irgendein Vogel gezwitschert hat, das Wasser hat geplätschert, und irgendwo weiter unten, weit weg, hab ich ein paar weiße Leute beim Fischen gesehen.


„Little Buddy“, hat der Pastor gesagt, „glaubst du, dass Jesus für deine Sünde am Kreuz gestorben ist, dass er begraben wurde und am dritten Tag auferstanden ist?“ „Ja, Sir, das glaub ich“, hab ich gesagt und dabei gefühlt, wie irgendwas mein Bein berührt. Ich hab gehofft, dass es ein Wels ist. „Ich taufe dich im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!“, hat Bruder Brown gesagt, und schnell wie der Blitz, vielleicht weil er Angst hatte, ich könnte meine Meinung ändern, hat er mir die Nase zugehalten und mich nach hinten ins Wasser gestoßen. Dummerweise hat er dabei irgendwie seinen Griff gelöst, jedenfalls bin ich bis auf den Boden runtergesunken. Ich hatte keine Ahnung, dass ich eigentlich sofort wieder auftauchen soll, also hab ich mich im Fluss treiben lassen, hab Luftblasen gemacht und mit offenen Augen durch das grüne Wasser die Wolken über mir angestarrt. Tante Etha hat mir hinterher erzählt, dass die ganze Gemeinde in Panik ausgebrochen ist und ins Wasser gerannt ist. Sie haben immer noch im Wasser rumgeplatscht und meinen Namen gerufen, wie ich ein bisschen flussabwärts hochgepoppt bin wie der Korken an ’ner Angelschnur, nur ein bisschen blasser und voll von Heiligem Geist! Wie sie mich schließlich gesehen hat, hat sich mein Tantchen so sehr gefreut, dass ich an dem Tag zwei Portionen von ihrem Brombeerkuchen bekommen habe.


Eine Woche verging, bevor ich Denver an einem wunderschönen Herbsttag wiedersah. Der Himmel war strahlend blau, es war Pulloverwetter. Während ich die East Lancaster Street in meinem Pickup hinunterfuhr, entdeckte ich ihn. Er stand wie eine Statue an der Mülltonne gegenüber der Mission. Der geschniegelte und gebügelte Mann, den wir zu der Show mitgenommen hatten, war verschwunden; Denver war in seinen Komfortbereich als Landstreicher zurückgekehrt. Ich hielt am Straßenrand und kurbelte das Beifahrerfenster hinunter. „Steig ein. Lass uns ein Tässchen Kaffee trinken.“ Ich steuerte das Starbucks auf dem Universitätsgelände an, das von Charles Hodges entworfen worden war, einem in Dallas und Fort Worth bekannten Architekten und Freund von mir. Anstelle von Wasserspeiern zierten die Regenrinne Schädel-Nachbildungen von Longhorn-Rindern. Altehrwürdig texanisch. Als wir uns anstellten, war Denver zunächst sehr still. Später erfuhr ich, dass er darüber staunte, dass die Menschen anstanden, um zwei oder drei Dollar für eine Tasse Kaffee zu bezahlen, die in einer Fremdsprache bestellt werden musste. Darüber hinaus machte er sich Sorgen, dass zwischen den Angestellten an der Kasse und denen, die den Kaffees zubereiteten, ein tief greifender Konflikt zu schwelen schien. Er stupste mich mit dem Ellenbogen an und flüsterte energisch: „Hier gibt’s gleich ’ne Menge Ärger.“ „Ärger?“ „Ja, hören Sie denn nicht, wie die da übereinander herziehen? Der eine sagt: ‚koffeinfreier non-fett Lattee‘ und der andere brüllt das Gleiche zurück, wieder ’n andrer brüllt ‚Frappee‘ und dann


brüllt noch einer ‚Frappee‘. So geht’s ab unter Straßenbanden. Auf der Straße bringen sie dich um, wenn du ihnen so was hinterherbrüllst.“ Er schien wirklich besorgt zu sein. Ich versuchte ihn in die fremde Café-Sprache einzuführen, die sich überall in der zivilisierten Welt ausgebreitet hatte. Dann nahmen wir unseren Kaffee mit nach draußen und zogen zwei Stühle an einen kleinen schwarzen Bistrotisch unter einem grünen Sonnenschirm. Ein paar Minuten lang versuchte ich einem Mann, der noch nie von Picasso gehört hatte, zu erklären, was ein Kunsthändler macht. Als ich auf den französischen Impressionismus zu sprechen kam, sah er zuerst vollkommen unbeeindruckt aus, dann geradezu gelangweilt. Schließlich dämmerte es mir, dass er mir nicht zuhörte, also hörte ich auf zu reden. Es wurde sehr still. Denver war es, der das Schweigen beendete. „Wie war noch mal Ihr Name?“ „Ron.“ „Und wie heißt Ihre Frau?“ „Deborah.“ „Mr Ron und Miss Debbie“, sagte er und erlaubte sich ein Lächeln. „Ich werd versuchen, mir das zu behalten.“ Dann verblasste sein Lächeln zu einem ernsten Gesichtsausdruck, so als ob er einen seltenen lichten Moment gehabt und nun jemand den Rollladen heruntergelassen hätte. Er starrte auf den Dampf, der von seinem Kaffee aufstieg. „Ich hab ’ne Menge über das nachgedacht, was Sie mich gefragt haben.“ Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. „Was habe ich dich denn gefragt?“ „Das mit dem Ihr-Freund-Sein.“


Mein Kinnlade fiel herunter. Ich hatte ganz vergessen, dass er im Cactus Flower Café, als ich ihm gesagt hatte, ich sei an seiner Freundschaft interessiert, geantwortet hatte, dass er sich das überlegen wolle. Ich war ehrlich geschockt, dass jemand eine ganze Woche brauchte, um über diese Frage nachzudenken. Während mir das ganze Gespräch entfallen war, hatte Denver offensichtlich sehr ernsthaft über seine Antwort nachgedacht. Er sah von seinem Kaffee auf und fixierte mich mit einem Auge, das andere zugekniffen wie bei Clint Eastwood. „Da gibt’s was bei weißen Leuten, was mich nervt, und das hat was mit dem Fischen zu tun.“ Er war ernst und ich wagte nicht zu lachen, versuchte aber, seine Stimmung etwas zu heben. „Ich weiß nicht, ob ich dir da helfen kann“, sagte ich lächelnd. „Ich besitze nicht einmal eine Angelausrüstung.“ Denver machte ein düsteres Gesicht; er fand das nicht witzig. „Ich denke, dass Sie das können.“ Er sprach langsam und wohlüberlegt, nagelte mich dabei mit seinem Auge fest und ignorierte die Starbucks-Angestellten, die sich auf der Terrasse um uns herum zu schaffen machten. „Ich hab mal gehört, wenn die weißen Leute fischen gehen, dann schmeißen sie die Fische, die sie gefangen haben, wieder ins Wasser.“ Schmeißen die Fische wieder ins Wasser? Ich nickte gefasst und war auf einmal gleichzeitig nervös und neugierig. „Das nervt mich echt“, fuhr Denver fort. „Ich hab keine Ahnung, was das soll. Wenn wir farbigen Leute fischen gehen, dann sind wir stolz auf das, was wir gefangen haben, deshalb nehmen wir’s mit und zeigen es allen. Und dann essen wir, was wir gefangen haben ... oder um es anders zu sagen: Wir ernähren uns davon. Deshalb nervt es mich, dass die weißen Leute all den Auf-


wand mit dem Fischen betreiben, und wenn sie dann was fangen, schmeißen sie’s zurück ins Wasser.“ Er machte wieder eine Pause. Die Stille zwischen uns erstreckte sich über eine ganze Minute. Dann: „Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“ Ich nickte. Ich hatte Angst zu sprechen, Angst, ihn zu verletzen. Denver sah in eine andere Richtung, er suchte den blauen Herbst himmel ab, dann sah er mich wieder mit diesem bohrenden Blick an. „Mr Ron, mir ist also Folgendes klar geworden: Wenn Sie nur nach ’nem Freund fischen, um ihn dann wieder ins Wasser zu schmeißen, dann habe ich keine Lust darauf, Ihr Freund zu sein.“ Um uns herum schien die Welt auf einmal stillzustehen und die Gespräche schienen zu verstummen, so wie man das manchmal im Fernsehen sieht. Ich konnte mein Herz schlagen hören und fürchtete, Denver könnte sehen, wie meine Brusttasche auf- und niederhüpfte. Ich erwiderte Denvers Starren mit dem, was hoffentlich ein Ausdruck der Offenheit war, und wartete ab. Plötzlich wurden seine Augen freundlich und er sprach sanfter als zuvor: „Aber wenn Sie an einem echten Freund interessiert sind, dann bin ich dabei. Für immer.“


ISBN 978-3-940158-24-6 • € [D] 12,95


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