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Zufallsszenen

DAS TRAURIGSTE am Leben ist, dass man sich an die Hälfte davon überhaupt nicht erinnert. Man erinnert sich nicht einmal an die Hälfte von der Hälfte. Nicht einmal an einen winzigen Prozentsatz, wenn Sie die Wahrheit wissen wollen. Ich habe einen Freund, Bob, der sich alles aufschreibt, woran er sich erinnert. Wenn ihm einfällt, wie ihm mit sieben Jahren eine Eistüte heruntergefallen ist, schreibt er es auf. Als ich das letzte Mal mit Bob sprach, hatte er sich über fünfhundert Seiten voller Erinnerungen notiert. Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der sich an sein Leben erinnert. Er hält Erinnerungen fest, sagt er, weil es, wenn er sie vergäße, fast so wäre, als wären sie nie passiert; es ist, als hätte er die Teile, an die er sich nicht erinnert, überhaupt nicht gelebt. 3


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Ich dachte darüber nach, als er das sagte, und versuchte mich an irgendetwas zu erinnern. Mir fiel ein, wie ich bei den Pfadfindern Verdienstabzeichen bekam, als ich sieben war, aber das war auch schon alles. Ich bekam es dafür, dass ich einem Nachbarn beim Fällen eines Baumes geholfen hatte. Das werde ich Gott erzählen, wenn er mich mal fragt, was ich mit meinem Leben angefangen habe. Ich werde ihm sagen, dass ich einen Baum gefällt und ein Verdienstabzeichen dafür bekommen habe. Wahrscheinlich wird er dann das Verdienstabzeichen sehen wollen, aber das habe ich schon vor Jahren verloren; also wird Gott, wenn ich mit meiner Geschichte fertig bin, wahrscheinlich dasitzen, mich angucken und überlegen, worüber wir als Nächstes reden könnten. Mit Bob wird Gott sich wahrscheinlich tagelang unterhalten. Ich weiß natürlich, dass ich noch mehr erlebt habe als nur das, aber ich kann mich unmöglich an alles erinnern. Das Leben ist nicht erinnernswert genug, um sich an alles zu erinnern. Es ist ja nicht so, als ob dauernd etwas explodieren oder man dauernd auf Zigaretten rauchende Hunde stoßen würde. Das Leben läuft langsamer. Es ist, als würden wir alle einen Film anschauen und darauf warten, dass etwas passiert, und alle zwei Monate deutet das Publikum auf die Leinwand und sagt: „Schaut mal, der Typ da kriegt gerade ein Knöllchen.“ Schon komisch, an was für Sachen wir uns erinnern. Ich habe versucht, mich an mehr Dinge zu erinnern und eine Liste aufzustellen, und heraus kamen dabei die Male, wo ich bei etwas gewonnen habe, die Male, wo ich bei etwas verloren habe, die Zahnarztbesuche meiner Kindheit, das erste Mal, dass ich ein Mädchen ohne Bluse sah, und ein paar heftige Stürme. 4


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• • • Nachdem ich versucht hatte, alles aufzulisten, woran ich mich erinnerte, wurde mir klar, dass mein Leben größtenteils eine Serie wahllos zusammengewürfelter Erlebnisse war. Als ich zum Beispiel auf der Highschool war, bat mich einmal auf dem Ehemaligenball die Ballkönigin um einen Kuss. Und im selben Jahr erzielte ich bei einem Flagfootballspiel den siegentscheidenden Touchdown; die Jungs aus der Blechbläsergruppe schlugen die Mädchen aus der Klarinettengruppe einundzwanzig zu vierzehn. Ungefähr ein Jahr später gewann ich ein Tennismatch gegen meinen Freund Jason, obwohl er in der Tennismannschaft war. Danach kaufte ich mir einen neuen Truck. Und einmal bei einem Konzert schlichen meine Freundin und ich uns hinter die Bühne und ergatterten ein Autogramm von Harry Connick jr. Er hatte gerade ein Model von Victoria’s Secret geheiratet, und ich schwöre, dass sie ungebührlich lange meine Haare anstarrte. Das Komische daran, wenn man sich an sein Leben zu erinnern versucht, ist, dass man sich unwillkürlich fragt, was das eigentlich alles zu bedeuten hat. Man hat das Gefühl, dass das Leben etwas bedeutet, aber man weiß nicht genau, was. Wenn man auf sein Leben zurückblickt, hat es einen ganz eigentümlichen Geschmack an sich, den es nicht hat, wenn man dabei ist, es zu leben. Manchmal bin ich in Versuchung, zu glauben, dass das Leben überhaupt nichts bedeutet. Ich habe Philosophen gelesen, die sagen, bedeutungsvolle Erlebnisse seien rein subjektiv, und ich kann nachvollziehen, warum 5


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sie das glauben, nämlich weil man nicht beweisen kann, dass das Leben und die Liebe und der Tod mehr sind als bloß zufällige Ereignisse. Aber dann fängt man an, ein paar der Szenen zu durchdenken, die man erlebt hat, und wenn man dabei einen hängen hat, bekommen sie eine sentimentale Qualität, die einen glauben macht, wir alle seien aus dem Schlamm hervorgegangene Gedichte. Die Wahrheit ist, dass es im Leben um alles Mögliche gehen könnte. Vor ein paar Jahren zum Beispiel besuchten meine Freunde Kyle und Fred Oregon, und wir fuhren hinaus in die Wüste und stiegen auf den Smith Rock. In jenem Sommer gab es Waldbrände in der Cascade Range, sodass sich in der Schlucht des Columbia River Dunst gesammelt hatte. Der Rauch kam den Fluss herab und lag wie eine dunkelgraue Schlange zwischen den Bergen. Als die Sonne unterging, leuchtete der Himmel auf, als ob Jesus zurückkäme. Und als das Farbenspiel losging, hörten meine Freunde und ich auf zu reden. Fast eine Stunde lang saßen wir nur da und schauten, und später sagten wir, wir hätten noch nie etwas Schöneres gesehen. Damals fragte ich mich, ob sich das Leben nicht um die Natur drehte, ob wir nicht am besten im Wald leben und mit den Bäumen verwachsen sollten wie Moos. Doch im selben Jahr lernte ich ein Mädchen namens Kim kennen, das nie Schuhe trug. Sie war liebenswert und hübsch, und selbst im Oregoner Winter ging sie barfuß von ihrem Auto zum Supermarkt und durch die Gänge und die Cafés und über den kalten, schmutzigen Fußboden im Postamt. Ich mochte sie sehr. Eines Abends, während ich sie anschaute, fragte ich mich, ob es im Leben vielleicht um die romantische Zuneigung 6


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geht, um das, was zwischen einem Mann und einer Frau abläuft. Was ich für Kim empfand, fiel mir auf, empfand ich für Waldmoos nicht unbedingt. Und als meine Freunde Paul und Danielle ihre zweite Tochter bekamen, fuhr ich ins Krankenhaus und hielt sie in meinen Armen. Sie war winzig und warm wie eine haarlose Katze, und sie war schutzbedürftig. Als ich zu ihrer Mutter hinüberschaute, verrieten mir Danielles Augen, dass es im Leben um mehr geht als um Sonnenuntergänge und Romantik. Es war, als würden dadurch, dass sie ein Baby hatte, alle Märchen für sie wahr, als wäre sie eine Malerin, die gerade eine völlig neue Farbe entdeckt hatte, die es bisher auf der Welt noch nicht gab. Ich kann mir vorstellen, was für ein Gespräch Gott und Danielle miteinander führen werden, wie sie dasitzen und Gott die Lieblingsstellen aus der Geschichte erzählen wird, die er ihr gegeben hat. Wenn man auf das Leben zurückblickt, hat man das Gefühl, das sei eigentlich alles, was Gott von uns will, dass wir in einem Körper leben, den er geschaffen hat, und uns an der Geschichte erfreuen, und dass er durch dieses Erleben mit uns verbunden ist. Freilich gab es nicht nur angenehme Szenen in meinem Leben, und ich weiß nicht recht, was Gott mit den schweren Momenten wohl gemeint hat. Ich habe nicht sehr viele Härten durchgemacht, nicht so, wie man es in den Nachrichten sieht; und die unangenehmen Erinnerungen, die ich habe, kommen mir vor wie zufällige Erlebnisse. Als ich neun war zum Beispiel, lief ich von zu Hause weg. Ich rannte bis zu dem Acker auf der anderen Straßenseite und versteckte mich im hohen Gras. Meine 7


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Mutter schaltete das Licht über der Eingangstreppe an, stieg ins Auto, fuhr zu McDonald’s und brachte ein Happy Meal mit. Als sie nach Hause kam, hielt sie die McDonald’s-Tüte so hoch, dass ich sie durch die Halme sehen konnte. Ich verfolgte mit meinem Blick die Tüte den Gartenweg entlang bis zur Tür, und da leuchtete sie im Licht der Außenlampe, bis sie im Haus verschwand. Ich hielt es noch zehn Minuten lang aus. Dann setzte ich mich still an den Tisch und aß den Hamburger, während meine Mutter auf der Couch saß und fernsah. Keiner von uns sagte etwas. Ich weiß nicht, warum ich mich an diese Szene erinnere, aber ich tue es nun einmal. Und ich erinnere mich auch daran, dass ich mich wie ein Versager fühlte, als ich zu Bett ging, wie ein kleiner Junge, der es nicht einmal fertigbringt, von zu Hause wegzurennen. Die meisten schmerzlichen Szenen meines Lebens haben mit dem Dicksein zu tun. Ich wurde als Kind dick und als Erwachsener noch dicker. Ich hatte eine Freundin auf der Highschool, die mich ohne Hemd sehen wollte, und ich brachte es einfach nicht fertig. Ich wusste, wenn sie mich sah, würde sie mich verlassen. Vielleicht würde sie nicht gleich auf der Stelle gehen, aber sobald sie einen nobleren Grund fand, würde sie es tun. Sie tat es nie, aber ich zog ja auch nie mein Hemd aus. Ich küsste dann immer ihren Hals, und sie schob ihre Hand unter mein Hemd; dann zog ich ihre Hand wieder herunter, und danach verlor ich die Konzentration. Ich vermute, ein Therapeut würde sagen, dass diese Erinnerung auf irgendetwas hinweist, aber ich habe keine Ahnung, worauf sie hinweist. Ich habe keinen Therapeuten. Als ich auf der Highschool war, mussten wir Der 8


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Fänger im Roggen von J. D. Salinger lesen. Ich mochte das Buch, aber ich weiß nicht, warum. Ab und zu lese ich es wieder, aber heute nervt es mich. Trotzdem erinnere ich mich immer noch an Szenen daraus. Ich erinnere mich, wie Holden Caulfield hinten in einem Taxi sitzt und den Fahrer fragt, wohin die Enten im Central Park im Winter verschwinden. Und ich erinnere mich, wie die Nonnen Spenden sammeln. Auch an die letzte Szene in dem Buch erinnere ich mich, als klar wird, dass er die ganze Geschichte einem Therapeuten in einem Irrenhaus erzählt hat. Ich frage mich, ob wir das mit Gott auch so machen werden, wenn wir das alles hinter uns haben; ob er uns im Himmel herumführt, wo tausend Meilen entfernt strahlendes Licht durch die Fenster hereinbricht und endlose grüne Wiesenhänge auf zwei Stühle unter einem Baum zulaufen, auf einer Wiese außerhalb der Stadt. Und da sitzen wir dann und erzählen ihm unsere Geschichten, und er wird lächeln und uns sagen, was sie bedeuten. Ich hoffe nur, ich habe etwas Interessantes zu erzählen.

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