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Kapitel 1 Sandsturm! Jenseits der Ebene schimmerte die dunkle Oberfläche der gigantischen Kuppel in der späten Nachmittagssonne. Vor dem roten, eisenoxidhaltigen Boden und dem langsam verblassenden Rosa des Marshimmels sah sie irgendwie sehr schön aus. Vom Fuß des Berges, auf dem ich stand, war es weniger als eine Stunde Fußmarsch über die Ebene bis zur Kuppel – bei gutem Wetter. Doch diese eine Stunde hatten wir nicht. Der Sand prasselte heftig gegen meine Titanhaut und mir wurde eindringlich klar, wie wenig Zeit uns noch blieb. Viel weniger, als wir brauchten. Ich drehte meinen Kopf nach links. Von dort peitschte mir der Wind den Sand entgegen. Eine große, düstere Wand erhob sich vom Norden der Ebene her wie ein Leichentuch, das den Himmel zusehends verfinsterte. Tonnen roten Sandes wurden dort durch orkanartige Stürme in die Luft emporgewirbelt. Die Sturmfront hatte uns schon fast erreicht; in weniger als einer halben Stunde würden diese gigantischen Sandmassen auf uns herabregnen und beginnen, uns unter sich begraben – mich und die drei Wissenschaftler, zu deren Rettung ich aus der Kuppel hierher gesandt worden war. „Basisstation“, rief ich in mein Funkgerät, „hier Rettungseinheit Eins. Bitte kommen! Basisstation. Hier Rettungseinheit Eins. Bitte kommen!” 7


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Keine Antwort. In der letzten halben Stunde hatte ich bestimmt schon an die hundert Mal erfolglos versucht, die Basisstation zu erreichen. Wahrscheinlich hatte eine Sonneneruption die Satellitenübertragung unterbrochen. Die Sonne ist 220 Millionen Kilometer vom Mars entfernt, so weit, dass die Temperaturen hier in kalten Winternächten leicht unter minus zweihundert Grad Celsius fallen können. Und trotzdem reichte schon ein kleiner Sturm auf der Sonnenoberfläche, um elektromagnetische Strahlung mit beinahe Lichtgeschwindigkeit ins All zu schleudern und damit die ­Kommunikationssysteme im gesamten Sonnensystem ­zusammenbrechen zu lassen. „Basisstation“, rief ich, „hier Rettungseinheit Eins. Bitte kommen!“ Einer der Wissenschaftler baute sich vor mir auf und versperrte mir die Sicht auf die Kuppel. Er beugte sich zu mir herab und schob seinen Helmvisor direkt ins Blickfeld meiner vorderen Kamera. „Was hast du überhaupt vor?“, brüllte er hysterisch. Er hätte nicht schreien müssen. Ich konnte ihn doch sehr gut hören. Außerdem war es völlig unnötig, extra um mich herumzulaufen und sich vor mich hinzustellen. Ich hätte ihn mit meiner rückwärtigen Kamera doch genauso gut gesehen. Oder auch mit einer meiner Seitenkameras. „Vorwärts!“, sagte ich, „wir dürfen nicht anhalten.“ „Nein, wir müssen uns vor dem Sturm in Sicherheit bringen.“ Glaubte er vielleicht, ich hätte darüber nicht auch schon nachgedacht? Der Notfallplan bei einem Sandsturm sah Folgendes vor: sich auf eine Anhöhe zu begeben, ein Notzelt auszubreiten und hineinzukriechen. Dieses Zelt entfaltete sich dann vollautomatisch zu einer kleinen Kuppel und bot so lange eine sichere Zuflucht, bis der Sandsturm vorüber war. Würde irgendein Volltrottel dieses Zelt in einem Tal


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verwenden, dann wäre er von den Sandmassen mitsamt dem Zelt verschüttet worden und wäre für immer verschollen. „Vorwärts“, sagte ich, „folgt mir!“ „Für dich ist das ja einfach!“, brüllte er mich an. „Du bist ja auch nur eine blöde Maschine!“ Beides stimmte. Es war für mich wirklich einfach, durch einen Sandsturm zu marschieren. Und irgendwie war ich auch nur eine Maschine. Und trotzdem lag er auch wieder falsch. Ich war mehr als eine Maschine. Und ich war auch nicht blöd. Ich wusste nämlich eine ganze Menge. Ich wusste, dass auf dem Mars im Herbst und im Winter das Kohlendioxid in der Luft gefror und als Schnee zu Boden rieselte. Dadurch entstand so etwas wie eine gigantische Frosthaube, die sich von den Polen bis zum Äquator ausdehnte. Ich wusste auch, dass im Frühling durch den Temperaturunterschied zwischen dem warmen Marsboden und dem schmelzenden Eis gewaltige Winde entstanden. Manchmal wurden diese Winde so stark, dass der gesamte Planet von ungeheuren Sandstürmen eingehüllt wurde. Und ich wusste auch, dass wir tagelang hier festsitzen würden, wenn wir uns jetzt einen Unterschlupf suchten. Und schließlich wusste ich, dass einer der drei Wissenschaftler nur noch Sauerstoffvorrat für zehn Stunden hatte. Wenn wir jetzt anhielten und Schutz suchten, dann würde er das Ende des Sturmes nicht mehr erleben. „Wenn wir anhalten, wird einer von euch sterben“, sagte ich deshalb. „Wenn wir weitergehen, werdet ihr alle überleben.“ „Wir werden uns im Sturm verlaufen. Kein Mensch hat jemals einen Sandsturm überlebt.“ „Nein“, blieb ich hart, „mein Navigationssystem funktioniert tadellos. Wir werden uns mit einem Seil aneinander binden und ich werde die Peilung halten. Ihr müsst mir nur folgen.“


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„Nein!“ Seine Stimme überschlug sich. „Nicht durch einen Sandsturm!“ „Hör zu“, sagte ich, „wenn wir jetzt anhalten, dann wird einer von euch dreien keine Chance mehr haben.“ „Dann lass ihn doch sterben! Oder willst du lieber, dass wir alle drei sterben?“ Der Wissenschaftler hob einen Stein vom Boden auf und versuchte ihn mir an den Kopf zu werfen. Aber er trug einen Raumanzug und war auch sonst recht langsam. Ich konnte ihm mühelos ausweichen. Er nahm einen zweiten Stein und warf ihn. Ich hob die Arme, um meine Videokameras zu schützen. Mit einem metallischen Klirren prallte der Stein an meinem Ellbogen ab. Die anderen Wissenschaftler schauten teilnahmslos zu. Sie waren wirklich ziemlich müde. Ich hatte sie gerade aus einem riesigen Treibsandloch gerettet, in dem sie zwei Tage lang festgesessen waren. Der erste Wissenschaftler griff nach einem weiteren Brocken, um ihn zu werfen. Es war ein sehr großer Brocken. In seinem Raumanzug wirkte er zwar sehr unbeholfen, das machte ihn aber nicht weniger gefährlich. Im Unterschied zur Erde ist die Schwerkraft auf dem Mars sehr schwach. Jemand, der auf der Erde einen Stein in der Größe eines Apfels wirft, der kann auf dem Mars ganz locker einen Stein so groß wie ein Fußball werfen. Was sollte ich tun? Wenn ich es zuließe, dass dieser Wissenschaftler uns mit seinen Steinen zwingt anzuhalten und hier das Notlager aufzuschlagen, dann würde einer von ihnen sterben. Aber wenn ich ihn mit meinen scharfen Metallklauen am Werfen hindere, dann ist die Gefahr recht hoch, dass ich ihm dabei ein Loch in seinen Raumanzug reiße. Bei einem Kohlendioxidgehalt von 95 % in der Atmosphäre wäre er dann innerhalb weniger Minuten tot. Wie sehr ich auch grübelte, es sah ganz danach aus, als könne ich nicht alle drei Wissenschaftler zur Kuppel zurückbringen. Meine Mission drohte zu scheitern. Und das durfte ich natürlich nicht zulassen. 10


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ab.

Ein weiterer Stein prallte scheppernd an meinem Bein

„Nein!“, rief ich. „Nein!“ Die Geschichte wurde immer kniffliger. Wenn ich jetzt weglaufe, um mich selbst zu schützen, dann sterben alle drei. Wenn ich aber bleibe und versuche, sie zu beschützen, dann könnte mich einer dieser Steine so unglücklich treffen, dass ich am Ende beschädigt werde oder sogar komplett ausfalle. Und auch das würde natürlich bedeuten, dass alle drei sterben. Ich hatte wirklich ein Problem und wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Schon wieder warf der Wissenschaftler einen Stein. Diesmal traf er mich an der Schulter. Plötzlich prasselte eine riesige Ladung Sand auf uns herab, einen Moment lang konnte ich auf keiner meiner vier Videokameras mehr etwas sehen. Als eine Sekunde später das Sandgestöber kurz aufriss, sah ich wieder einen Stein in der Faust des Wissenschaftlers zucken. Es war zu spät. Der Mann tauchte aus dem wirbelnden Sand auf und zielte direkt auf meine Videokameras. Krachend schlug der Stein auf. Der rosa Marshimmel schwankte. Der rote Boden ras­ te auf mich zu. Dann wurde es schwarz um mich.

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