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Vorwort Dies ist die Geschichte von Caros Advent. Caro ist zehn Jahre alt. Sie liebt Tiere jeder Art, besonders Hunde. Sie liebt ihren kleinen Bruder Sven und ihre beiden Eltern – ja, obwohl die sich manchmal ziemlich zanken. Caros Bruder Sven ist sechs Jahre alt. Er ist ein begeisterter Fußballspieler, wenn er auch nie im Verein spielen durfte. Und er geht jetzt seit einem halben Jahr zur Schule. In dem Advent, von dem ich erzähle, haben die Eltern sich so gestritten, dass Caros Mutter wütend ihre beiden Kinder und zwei Koffer nimmt und mit ihnen zu ihren eigenen Eltern fährt. Und erklärt, sie werde nie wieder nach Hause zurückkehren. Das ist nun wahrhaftig kein schöner Anfang für einen Advent. Da sind sich Caro und Sven ziemlich einig. Wie die Kinder mit der schwierigen Situation fertig werden, was sie bei den Großeltern erleben, wie Caro einen Weihnachtsengel kennenlernt und wie am Ende noch alles wieder gut wird – das will ich euch hier erzählen.

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27. November Es ist Sonntag. Und es ist der erste Advent. Caro und Sven haben sich auf diesen Tag gefreut. Klar, vor allem natürlich auf Weihnachten, aber eben auch auf die erwartungsvolle Zeit vor dem großen Fest. Sven hat die Tage gezählt bis zu ihrem Beginn. Er geht ins erste Schuljahr, da tut man so etwas noch. Caro ist schon viel größer, sie ist im vierten Schuljahr. Trotzdem hat sie bereits in der vergangenen Woche den Karton mit dem Adventsschmuck für das Kinderzimmer herausgeholt, mit dem Hundefensterbild und dem Schneemannfensterbild und den Adventskalendern und der Girlande. Das Schneemannfensterbild mag sie besonders. Nicht, dass im Advent immer Schnee liegen würde – aber es ist einfach so schön weihnachtlich, findet sie. Doch nun liegt das Schneemannbild im Kinderzimmer, irgendwo auf dem Fußboden unter einem Wäschestapel vermutlich, vielleicht auch im Müll. Mutti und Vati haben sich gestern Abend ganz furchtbar gestritten, wieder einmal. Sven ist zu Caro ins Bett gekrochen und dann haben sich beide die Ohren zugehalten. Damit sie das Ganze nicht hören müssten. Und sie haben gewartet und gehofft, dass der Streit aufhören würde. Diesmal hat er aber nicht aufgehört. Zumindest hat er anders aufgehört als sonst. Ganz plötzlich nämlich stürzte Mutti ins Zimmer, knipste das Licht an und holte die Kinder aus dem Bett. »Zieht euch an!«, zischte sie. Verwundert kamen die Kinder ihrer Aufforderung nach. Währenddessen rannte Mutti fort und kam dann mit zwei 8


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Koffern wieder, riss den Kleiderschrank auf, holte die ganzen Anziehsachen der Kinder heraus und fing an, die Koffer damit vollzustopfen. Als Caro fertig angezogen war, sagte Mutti, sie solle weiterpacken. Und Caro packte. Mutti rannte hinaus und begann, im Schlafzimmer zu wühlen. »Wo ist Vati?«, stammelte Sven, der bis dahin mit großen Augen zugesehen hatte. »Ich glaube, weggegangen«, murmelte Caro. Sie begriff immer noch nicht, was da vor sich ging. Aber so viel war klar: Das, was ihr an Büchern oder Spielsachen wirklich wertvoll war, musste sie jetzt in diesem einen Koffer unterbringen. Caro packte also in aller Eile ihre Lieblingsbücher, die alte Puppe Hildegard, das Freundschaftsbuch und ihre Stickersammlung in den Koffer. Ihr Blick fiel auf Sven, der immer noch regungslos dastand. »Zieh dich an«, sagte sie leise, aber bestimmt. Und dann: »Wo sind deine Lieblingsautos?« Sven wies in die Ecke, in der seine Autos der Reihe nach in einer großen Schlange geparkt waren. Caro stöhnte. Mit denen würde der Koffer mehr oder weniger voll sein! Dennoch packte sie Hände voller Autos ein und schließlich noch Svens Schaf mit den angekauten Ohren. Ohne das würde der Bruder nicht einschlafen können. Caro hörte, wie Türen geknallt wurden. Gleich darauf näherten sich Mutters Schritte im Flur, und noch bevor sie im Zimmer war, fragte sie: »Seid ihr so weit?« Ihre Stimme klang schrill. 9


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»Ja, ja«, rief Caro und legte sorgfältig ihren weiten Faltenrock über die ganzen Spielsachen im Koffer. Sie hatte das Ding nie gemocht, aber für diesen Zweck eignete es sich hervorragend. Mutti steckte den Kopf zur Tür herein, nickte halbwegs zufrieden, als sie Caro den Koffer schließen sah, und trieb Sven zur Eile an. Während Sven sich jetzt endlich doch ankleidete, warf Caro wahllos Anziehsachen in den zweiten Koffer: Svens Nachtanzüge, ihre eigenen Shirts, Unterwäsche, Svens Jeanshosen. Bis der Koffer voll war. Dann schloss sie ihn ebenfalls. Mutti kam ins Kinderzimmer, schnappte sich die beiden Koffer und rannte damit zum Auto. »Wir müssen uns beeilen!« Dann scheuchte sie die Kinder ebenfalls ins Auto. »Ohne Schuhe?«, fragte Caro kläglich. Sie zogen sich tatsächlich noch Schuhe und Jacke über. Caro schnappte ihren Hasen und Svens Bären und dann ging es los. Mit dem Auto. Auf die Autobahn, immer weiter. Irgendwann schlief Caro ein. Und jetzt ist der erste Advent. Sonntag, der erste Advent. Caro sitzt im Auto, neben ihr der sanft schnarchende Sven. Sein Kopf ist zur Seite gegen das Fenster gerutscht. Vorne sitzt Mutti. Ihre Miene ist grimmig, immer noch. Mit zusammengekniffenen Augen sieht sie durch die Windschutzscheibe, blinkt, schaltet, lenkt. Caro wagt es nicht, sie anzusprechen. Sie sieht sich die Schilder an. Auf der Autobahn fahren sie. Offensichtlich nach Süddeutschland. Vielleicht zu den Großeltern. Caro ist beunruhigt. Was Mutti wohl vorhat? Morgen ist 10


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doch Schule – man kann doch jetzt nicht einfach in Urlaub fahren! Caro hat Hunger und Durst. Außerdem muss sie mal auf die Toilette. Eine Weile versucht sie, es zu unterdrücken. Aber dann geht es nicht mehr. »Mutti, ich muss mal«, klagt sie. Mutti sagt nichts, doch nach einer Weile hält sie an einer Raststätte. Verschlafen öffnet Sven die Augen. Verwundert sieht er sich um. »Wo sind wir?« »Frag nicht«, flüstert Caro. Wenig später sitzen die beiden Kinder in der Autobahnraststätte am Tisch und warten auf die Mutter. Die steht in einer Schlange vor der Theke und versucht, ein Frühstück zu organisieren. Caro sieht sich um. Direkt neben ihr steht eine dicke Nikolausfigur, die sich ab und zu ruckhaft bewegt und dabei ein tiefes, blechernes »Hohoho« ausstößt. An den Fenstern sind Lichterketten angebracht und um die Kuchentheke ist eine Girlande aus künstlichen Weihnachtssternen gewunden. Ach ja, heute ist ja der erste Advent … »Toll«, murmelt Caro. »Das fängt ja gut an.«

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