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He, ihr Fensterputzer, denkt an Weihnachten!

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Manchmal werde ich gefragt: Wie kamst du ausgerechnet nach China? Einzelheiten sollte man besser nicht sagen, um die Christen in China nicht zu »verraten«. Sie brauchen Schutz vor dem Zugriff der kommunistischen Autoritäten, die überall ihre Späher haben. »Auf Umwegen über Hong Kong« gebe ich meistens zur Antwort, und das stimmt. Wichtig ist, dass ich ins »Reich der Mitte« von chinesischen Brüdern eingeladen worden bin. Zudem: Einen vollen Rucksack mit Neuen Testamenten in chinesischer Sprache habe ich ins Land geschmuggelt und unterrichte »im Untergrund« etwa vierzig junge Männer, die sich zu Pastoren ausbilden lassen. Christ zu sein in China ist vom kommunistischen Staat alles andere als erwünscht.

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China

A

uf dem Gehweg geht es nicht vorwärts. Vor einem großen Hotel hat sich eine kleine Menschenansammlung gebildet, die zum fünften Stockwerk hinaufschaut, wo an der Glasfront eine Plattform schaukelt. Fensterputzer benutzen solche Plattformen, um – Stockwerk für Stockwerk – die Glasscheiben zu


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reinigen. Als ich genauer hinschaue, sehe ich deutlich: Die Plattform bewegt sich deshalb, weil sich die zwei Fensterputzer darauf heftig streiten. Sie haben ihre Gummiwischer in die Eimer geworfen. Ihr Wortgefecht wird immer heftiger und lauter. Bleibt es nur bei Worten? Oder werden die beiden Streithähne auf dem engen Raum der Plattform und in dieser schwindelerregenden Höhe von 15 Metern gleich aufeinander losgehen? Die Fußgänger bleiben neugierig auf dem Bürgersteig stehen, um zu sehen, wie dieser Streit unter Kollegen endet. Sie tuscheln miteinander und rätseln, was gleich passieren wird. Ängstlich schauen die meisten in die Höhe. Im Strom der Radler auf der Hauptstraße zeigen einige Fahrer mit ausgestreckten Armen kurz auf das Geschehen: Die Plattform schwankt gefährlich – und sie radeln weiter. Was mache ich? Auch nur zuschauen? Das dunkle Glas des Hochhauses ist bläulich gefärbt, um den starken Sonnenstrahlen keinen Eingang zu gewähren. Doch das bläuliche Fensterglas ist zugleich wie ein Spiegel: Jedermann kann dadurch jede Bewegung sehen, die auf der 32


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Plattform geschieht. Es trieft mir der Schweiß vom Körper, obschon es erst kurz vor Mittag ist. Aber das Thermometer zeigt 40 Grad im Schatten an. Als einer der beiden Streithähne nach dem Gummiwischer greift, den er geschickt aus dem Wassereimer angelt, und seinem Kollegen damit droht, scheint es, dass die Phase des heftigen Wortgefechtes intensiver wird und in Handgreiflichkeiten auszuarten droht. Bevor Blut fließt, lege ich die Hände an meinen Mund, hole tief Luft und brülle, so laut ich kann: »He, ihr Fensterputzer … denkt an Weihnachten!« Wie ich just in diesem Augenblick an »Weihnachten« denken muss, ist mir unerklärlich. Spaßeshalber gebrauche ich in Deutschland manchmal diesen Standardsatz: »Denkt an Weihnachten!«, wenn irgendwo Unfriede herrscht. Aber jetzt? In dieser Hitze? Weihnachten? Nach meinem Zuruf hört das Tuscheln der zuschauenden Fußgänger spontan auf. Viele von ihnen schauen mich, den fast zwei Meter großen Mann, an. Ich meine zu spüren, was so mancher Fußgänger denkt: 33


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»Was hat der Mensch aus Europa da hinaufgebrüllt? War das Englisch? Nein, sicher nicht.« Noch mal hole ich tief Luft, um meinen deutschen Satz zu wiederholen: »He, ihr Fensterputzer … denkt an Weihnachten!« Meine Übersetzerin fragt mich: »Soll ich’s übersetzen?« Ich möchte das aber nicht, denn ihre piepsige Stimme wird kaum die 15-Meter-Höhe erreichen. Mal sehen, welche Wirkung mein Gebrülle auf die beiden Streithähne haben wird. Der eine, mit dem Gummiwischer in der Hand, stoppt seinen ausholenden Schlag gegen seinen Kollegen, schaut über die Plattformbrüstung nach unten und ruft lautstark etwas mir Unverständliches herunter. Die schweigenden Fußgänger schauen mich an. Ich fühle mich angesprochen, weiß aber beim besten Willen nicht, was der wütende Fensterputzer gemeint hat. Auch die Übersetzerin hat es nicht verstanden. Mit meinem ausgestreckten Arm winke ich ihm, dass er herunterkommen soll. Tatsächlich: Die beiden Streithähne haben ihre gegenseitigen Beschimpfungen eingestellt, 34


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schauen sich an und lassen die Plattform herunter. Ich erkenne, dass sie sich plötzlich einig sind. Unten angelangt, nehmen sie Kurs auf die wartenden Fußgänger, in deren Mitte meine Übersetzerin und ich uns befinden. Ich freue mich, gleich mit den beiden Fensterputzern sprechen zu können. Die Fußgänger beenden allmählich ihre gegenseitigen Gespräche. Es wird still in der Menschenmenge. Ahnen die Leute, was kommt? Sie bilden ein Spalier. Die beiden Streithähne schauen sich auf dem Weg zu uns noch einmal schweigend an. Sie haben sich nicht mehr gegenseitig im Visier: Wollen sie ihren Frust an mir ablassen? Mich verprügeln? Habe ich mich zu sehr in ihre »Arbeitsweise« eingemischt, die mich als Ausländer nichts angeht? Die kleine Übersetzerin stellt sich ganz nahe zu mir. Ahnt sie Arges? »Pastor Rötting, die Männer wollen was von Ihnen«, flüstert sie mir halblaut zu, ohne ihr Gesicht mir zuzuwenden. Zehn Schritte von uns entfernt streckt einer von ihnen bereits seinen Arm aus. In der Hand hält er seinen Scheibenwischer. Noch sieben Schritte vor uns, noch vier, noch drei: Da bleiben beide plötzlich stehen. Die bereits gewachsene Fuß35


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gängermenge bildet einen Kreis um uns. Ich denke kurz daran, einfach durch die Menge zu verschwinden – an den Streithähnen vorbei, um in meine sichere Unterkunft zu gehen – nach dem Motto: Streit vermeiden. Doch innerlich höre ich nicht, dass der Heilige Geist mich anweist, den Platz zu verlassen. »Du langer Ausländer, ja, dich meine ich.« Einer von ihnen, der mit dem Scheibenwischer in der Hand, weist direkt auf mich: »Womit hast du uns beschimpft? Wage das Schimpfwort noch einmal zu sagen!« »Ich habe euch beschimpft? Keineswegs!«, verteidige ich mich. »Mische dich nicht in unsere Angelegenheiten!«, brüllt der andere Streithahn mich an und kommt einen Schritt näher auf mich zu. »Kümmere dich um eure eigene Politik!« Schnell findet die Übersetzerin die Worte. Sie steht unerwartet wie eine Diplomatin zwischen den Streithähnen und mir. Ohne Furcht. »Politik?«, frage ich. In der Fußgängermenge brandet ein deutliches Gemurmel auf: »Es geht um Politik!« – »Der Ausländer ist Politiker!« 36


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»Männer, es geht nicht um Politik, sondern um viel mehr!« »Um mehr?« »Um was denn?«, fragen beide Fensterputzer fast gleichzeitig. »Es geht um Weihnachten.« »Weihnachten?« »Was ist das denn – Weihnachten …?« Ich merke: Die Gesprächsführung liegt nun bei mir. »Herr Jesus, danke für alle Gedanken und Sätze, die du mir jetzt schnell zufließen lässt.« Meine Begleiterin kann gut und schnell übersetzen und übernimmt sogar meine Gestik. »Weihnachten – wollt ihr es wirklich erfahren, was zu Weihnachten passierte?« Die beiden Streithähne schauen sich an und nicken. Die Fußgänger rücken enger zusammen. Jemand ruft: »Wir wollen es auch wissen.« »Übersetzerin, sprich lauter. Wir hier hinten hören dich kaum!« Welch gute Gelegenheit, von dem Weltgeschehen damals in Bethlehem vor diesen Leuten zu reden. Welche Chance! Mit kurzen 37


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Sätzen die »Gute Nachricht« mitten auf dem Vorplatz dieses Hotels den achtzig oder gar hundert Chinesen zu verkündigen: Solche Gelegenheit bekomme ich so schnell nicht noch einmal. Doch wenn die allgegenwärtige Volkspolizei mich beim Predigen erwischt? Was dann, wenn sie mich verhaften? »Weihnachten – das hat mit dem Mittelpunkt dieser Welt zu tun. An diesem Mittelpunkt ist ein Kind geboren – gesund, aber ziemlich nackt. Kaum ist es geboren, tut sich der Himmel weit über dem Stall auf. Sind es hundert, sind es gar tausend Engel, die jetzt auf die Erde schauen, was dort gerade passiert ist? Sie tun ein Übriges und singen. Es ist ein Ehrengesang, weil Gott seinen Sohn als Baby auf diese Erde gelegt hat. Und dieses Kind hat einen wunderbaren Namen: Jesus …« »Lauter, bitte, Übersetzerin! Wie heißt Gottes Sohn?«, ruft jemand aus der hinteren Reihe. Ich greife die Gelegenheit auf: »Sein Name? Den kannst du dir merken, du wirst ihn noch brauchen. Er heißt Jesus. Er ist in seiner göttlichen Liebe uns Menschen herzlich zugetan. Dir übrigens auch.« 38


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Die Zuhörer drängen sich immer näher an uns heran. Gleich werden sie mich zerdrücken oder zu Boden werfen, denke ich. Denn sie sind begierig, immer mehr zu hören. Da ich einen Kopf größer als sie bin, überblicke ich die hörende Schar, die nicht kleiner wird, sondern ständig noch wächst. »Jesus schenkt uns die innere Kraft, uns mit anderen zu versöhnen! Deshalb habe ich den beiden streitenden Fensterputzern auf der Plattform zugerufen: ›Denkt an Weihnachten!‹ Wer Frieden braucht, der findet ihn bei Jesus. Du brauchst nur seinen Namen zu nennen – schon bist du mit ihm verbunden. Er wartet übrigens darauf, mit dir ins Gespräch zu kommen.« »Und woher weißt du, Ausländer, von dieser Neuigkeit?«, ruft eine Frau. Ich habe noch einige Neue Testamente in chinesischer Sprache dabei. Die hole ich jetzt heraus. »Diese ›Gute Neuigkeit‹ über Jesus, den Sohn Gottes, habe ich schriftlich. Hier ist ein kleines Büchlein. Wenn ihr es lest, verändert sich euer Leben. Völlig.« Der eine Fensterputzer reicht mir die Hand und sagt mit lauter Stimme: »Du bist zwar ein 39


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Ausländer. Aber ich habe den Eindruck, dass du unserem Volk wohlgesonnen bist. Das gefällt mir an dir. Ich werde das Büchlein lesen. Und kann ich es auch meinen Onkel zeigen? Er ist ein kluger Lehrer.« Ich stimme zu: »Natürlich!« Als ich mich im Zimmer auf der Liege entspanne, kommt bei mir – trotz der ungeheuren Hitze – Weihnachtsfreude auf: Friede auf Erden – allen Menschen – an denen Gott Wohlgefallen hat …

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