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Gerhard Jan Rรถtting
Als um Mitternacht eine fremde Gestalt erschien
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet uber http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-8429-2001-9 Bestell-Nr. 512 2001 © 2010 mediaKern GmbH, Meißenheim Umschlaggestaltung: Frank Decker Layout: Ch. Karádi Herstellung: BasseDruck, Hagen www.media-kern.de
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Inhalt Als um Mitternacht eine fremde Gestalt erschien
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Der Punkt gehĂśrt Ihnen!
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Die Liebe wohnt nicht weit entfernt
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Aus jahrhundertealten Käfigen befreit
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Zur Person
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Niederlande
In den Niederlanden formierten sich nach dem letzten Weltkrieg (1939–1945) die jüdischen Synagogen-Gemeinden recht schnell: Es war den Gläubigen ein Herzenswunsch, bald wieder zusammenzukommen, um sich an Gottes heiligem Wort neu zu orientieren. Ruiniert – wie die Juden nach dem Kriege waren – jammerten sie aber nicht und blieben nicht ohne Hoffnung ratlos und untätig. Sie waren erstens dankbar für die Errettung und dann setzten sie sich neue Ziele. »Wir gingen ans Werk, um für unsere Familien Wohnraum zu besorgen. Wir bauten neue Synagogen. Gott zu gehören und Ihm zu dienen – das ist unser Leben«, sagte mir Abraham Jifat, der mich vor drei Monaten besuchte. Seine Lebensgeschichte verlief anders. Abraham Jifat ging im Kriegsjahr 1943 rechtzeitig in die niederländische Widerstandsbewegung. Dadurch rettete er sein Leben, aber er wurde zum Mörder an zwei deutschen Soldaten. Er kam zu mir – und erhielt Vergebung für seine Taten. Seine Familienangehörigen wurden von den deutschen Besatzern ins Konzentrationslager verbannt. Sie kamen niemals wieder nach Hause: Sie wurden vergast oder sonst wie barbarisch umgebracht.
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I
n der mittelfriesischen Provinzhauptstadt Groningen habe ich bald den vornehmen Stadtteil gefunden. Hier wohnen die betuchten Bankiers und wohlhabenden Geschäftsleute. Auch die jüdische Familie Jifat wohnt hier. Das kupferne Namensschild – links neben der Haustür – ist frisch poliert und hebt sich glänzend und prächtig deutlich von dem roten Backsteinmauerwerk ab. Die Hausnummer 23 zeigt mir, dass ich hier richtig bin. Noch mehr als die vornehme Villa bewundere ich den blühenden Garten, der geradezu vor Blumenpracht überquillt. Mir gefallen besonders die zahlreichen Rhododendronsträucher mit den lilafarbigen Blüten. Das Summen der Bienen ist deutlich zu hören. Es mögen hunderte sein, ja unzählige, die fleißig und unermüdlich von Blüte zu Blüte huschen, um in den Blütenkelchen nach Nektar zu suchen. Im Außenportal der Villa hängt rechts neben der Haustür der Metallstrang der Hausglocke, wie sie bei niederländischen Villen noch zu finden ist. Als ich daran ziehe, zucke ich regelrecht zusammen, denn es scheint mir, sie tönt mit lautem Klang durch das große Haus. Drinnen 8
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ist zuerst das Bellen eines Hundes zu vernehmen, dem eine Männerstimme gebietet: »Jetzt gib Ruhe, Moll!« Die helle Eichentür öffnet sich. »Sie müssen Pastor Rötting aus Deutschland sein, oder?«, fragt ein schwarzlockiger junger Mann. Er streckt mir freundlich die Hand entgegen: »Ich bin der Junior des Hauses und heiße wie mein Vater, den Sie ja kennen: Abraham Jifat. Meine Eltern freuen sich seit Tagen auf Sie. Meine Schwester Ruth kann es kaum erwarten, Sie kennenzulernen, denn mein Vater hat viel von der Begegnung mit Ihnen erzählt. War das vor zwei Monaten? Auch mein Onkel Joseph ist vorhin eingetroffen.« Der Junior Jifat hält noch immer meine Hand. »Bitte, treten Sie ein, Herr Pastor! Der Gordon Setter tut Ihnen nichts, solange jemand aus dem Hause dabei ist.« Ich merke die herzliche Gastfreundschaft, denn er zieht mich geradezu in die breite Hausdiele, in der einige markante, fast mannshohe Holzschnitzereien stehen. Der Junior nimmt mir die Jacke ab und geleitet mich auf die Veranda. Moll, der Gordon Setter mit seiner großen, schwarzen Nase und 9
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seinen dunkelbraunen, glänzenden Augen, begleitet uns brav. Er hat seine tief angesetzten Ohren dicht angelegt und beobachtet mich ununterbrochen. Die Familie erhebt sich, als ich sie mit meinem ›Schalom‹ grüße. Alle reden durcheinander: »Herzlich willkommen, Herr Pastor!« »Hatten Sie eine angenehme Reise?« »Wie gut, dass Sie da sind!« Der Hausherr umarmt mich: Küsschen links, Küsschen rechts – wie ich das aus Israel kenne. Nur der Onkel Joseph zeigt sich ziemlich reserviert. Bald sitzen wir in froher Runde beieinander. Aber hat der Familienvater Abraham Jifat mir bewusst diesen Tischplatz angewiesen – genau seinem Schwager gegenüber? Wiederholte Male schaue ich Onkel Joseph mit einem Lächeln an, das meine Gesprächsbereitschaft signalisieren soll. Der Onkel aber erwidert meine Offenheit keineswegs, sondern stiert mich mit unbeweglichem Blick nur an, während er die dicke Haarsträhne, die seine linke Gesichtshälfte bedeckt, hastig zur Seite schiebt, die jedoch nur sehr kurz hinter seiner Ohrmuschel hängen bleibt. Be10
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kundet Onkel Joseph mit seinem starren Blick nur Verachtung, ja Groll gegen den Besucher aus Deutschland? Was ist nur mit ihm, frage ich mich. Doch das Plaudern in geselliger Runde geht indessen noch eine halbe Stunde bei einem guten Friesentee weiter. Der Hausherr räuspert und erhebt sich: »Lieber Pastor Rötting, herzlichen Dank für Ihr Kommen! Ich habe es kaum für möglich gehalten, dass Sie sich für mich Zeit nehmen. Seien Sie in unserem Hause von der ganzen Familie herzlich willkommen geheißen. Ich hoffe, Sie fühlen sich bei jüdischen Leuten wohl – und ganz und gar bei uns zu Hause!« Auch ich erhebe mich und bedanke mich für den familiären Empfang. Meine Worte werden von einem höflichen Applaus begleitet – nur Onkel Joseph bleibt steif und regungslos sitzen. Hat er seine Hände bewusst in die Hosentaschen gesteckt? Tochter Ruth hat sich ans Klavier gesetzt und Sohn Abraham spannt erst den Geigenbogen, um dann seine Violine unters Kinn zu legen. »Wir schenken unserem Gast ein Mozart11
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Duo und hoffen, Pastor Rötting, es trifft Ihren inneren Ton«, meint der Junior. Ich bewundere das musikalische Können der Kinder. Aber auch beim wohlverdienten Beifall für die begabten Musiker behält Onkel Joseph seine Hände in den Hosentaschen. Mutter Sarah erklärt, Ruth musiziere auch jetzt in der Zeit ihrer Gymnasial-Abschlussprüfung immer noch täglich die gewohnte volle Stunde am Klavier. Sohn Abraham, der im dritten Semester Medizin studiere, sei so in seine Violine verknallt, dass er quasi mit dem Instrument und dem Notenmaterial verheiratet sei. Wir lachen alle miteinander über diesen ungewohnten Vergleich – und Sohn Abraham pflichtet seiner Mutter bei. Die Kinder verabschieden sich. »Wir sehen uns ja heute zum Abendessen, nicht wahr?«, meint Vater Abraham. »Klar, was denn sonst? Wenn solch hoher Besuch im Hause ist, dann spielen wir etwas ganz Besonderes. Ihr könnt euch schon auf heute Abend freuen«, meint der Junior, als er die Tür hinter sich schließt. »Sie werden sich fragen, Pastor Rötting, 12
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warum ich Sie vorige Woche angerufen habe. Am Telefon konnte ich nicht sagen, was der Grund meiner Einladung ist. Doch das will ich jetzt nachholen.« Onkel Joseph schaut mich noch immer mit seinem durchbohrenden Blick an. Irgendwie verunsichert mich der schweigende Mann, der mir unnahbar erscheint. Aber ich halte seinem Blick stand, bis er sein Gesicht, das von mehreren zentimeterlangen Narben gezeichnet ist, von mir abwendet. »Pastor Rötting, wir müssen Ihnen unsere Geschichte erzählen, denn sie kommt uns außerordentlich fremd und doch wichtig vor«, beginnt der Hausherr. »Mehr noch«, ergänzt seine Frau, »dieses nächtliche Erlebnis beinhaltet etwas Unheimliches und hat uns doch sehr wohl getan. Wir haben keine Erklärung, was uns widerfahren ist. Wir rätseln herum, was diese Geschichte uns zu sagen hat.« Frau Jifat schaut ihren Mann mit großen Augen fragend an: »Oder sollen wir das nächtliche Erlebnis als ein Störfeuer des Bösen halten, der unseren Glaubensanfang mit Christus in eine falsche Richtung lenken will?« 13
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»Der Grund meines Anrufes in der letzten Woche ist, dass wir Ihren Rat brauchen. Dass wir Mijnheer Joseph Zilversmid, den Bruder meiner Frau, heute auch eingeladen haben, hängt damit zusammen. Onkel Joseph ist der Synagogenvorsteher in Groningen. Er brachte uns auf den Gedanken, Sie einzuladen, denn auch er weiß sich keinen Rat. Schließlich waren Sie es, Herr Pastor, der mich von einer jahrzehntelangen Gewissenslast befreit hat und mich in die Nähe unseres Bruders Jesus von Nazareth gestellt hat.« Ja, das ist schon einige Monate her, dass Abraham mich daheim besuchte. Und was kommt nun? In welcher Angelegenheit weiß Onkel Joseph keinen Rat? »Sie sind Synagogenvorsteher?«, frage ich mein Gegenüber spontan. Als er mir sein narbenreiches Gesicht ganz zuwendet, erkenne ich durch die Haarsträhne, die eine Gesichtshälfte halb verdeckt, ein sehr strahlendes Auge. Doch mit dem anderen Auge starrt er mich weiterhin an. Ist es ein künstliches Auge, auf das ich geschaut habe? »Komm, Joseph, erzähl unserem Gast deine ganze Geschichte«, bittet seine Schwester. 14