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Kapitel 1 Väter in der Schusslinie

Seit Jahren, streng genommen seit Jahrzehnten, erfahren Väter eine schlechte Presse. In der Seelsorge wie in der Beratungspraxis habe ich erlebt, dass Väter eine tragische Figur abgeben. Sie werden als Schreckgespenst, als Tyrannen, als abwesend, als Erzeuger und als Zahlmeister wahrgenommen. Viele werden als Workaholics, als Arbeitssüchtige, als gestresste und genervte Mitglieder der Familie ohne besonderen Status beschrieben. Nicht wenige sind in der Tat mit ihrem Beruf verheiratet. Der überbeschäftigte Vater, abends und an Wochenenden kaputt, zu Hause »ein Schlaffi« – so wird er von Menschen gesehen, die wiederum Probleme mit sich haben. Ganz selten, dass junge und erwachsene Ratsuchende ein ausgesprochen positives Vaterbild erlebt haben. Der überforderte Vater Die Zerreißprobe des Vaters ist unverkennbar. Die Anforderungen in der Wirtschaft werden von Jahr zu Jahr größer. Seine Energien sind verbraucht, für die Familie bleibt wenig Zeit. Will er beiden Anforderungen gerecht werden, muss er sich zerreißen. Die Angst um den Arbeitsplatz ist groß. Kleine Krankheiten werden überspielt. Er geht trotzdem zur 10


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Arbeit, um nicht in ein falsches Licht zu geraten. Die Mutter fühlt sich überfordert. Es kommt zu Spannungen zwischen den Eltern. Die Kinder sind unzufrieden und rebellieren. Nicht wenige zeigen verminderte Schulleistungen, andere verlieren den familiären Halt und leben ziellos vor sich hin. Das Vertrauen zum Vater ist geschwunden. Der Gehorsam wird aufgekündigt. Kinder wollen nicht einfach gehorchen, weil ein Mann am längeren Hebel sitzt. Kinder wollen gehorchen, wenn sie einsehen, dass die Regeln und Absprachen für die Familie sinnvoll sind. Einsicht aber muss vermittelt werden, indem Vater und Mutter mit den Kindern reden. Der Vater muss deutlich machen, warum er dieses oder jenes für richtig hält. Kinder wollen auch ermutigt oder gestärkt werden, eigene Entscheidungen zu treffen und Konsequenzen zu ziehen. Aber Vertrauen kann nicht gefordert werden. Nur Väter, die Vertrauen schenken, die Entscheidungs- und Handlungsspielraum ermöglichen, werden von ihren Kindern akzeptiert. Mutter hat den Vater verdrängt Selbstverständlich brauchen Kinder auch Väter. Noch vor Jahren ging man davon aus, dass der Mutter-Kind-Kontakt der wichtigste im Leben sei. Die meisten Forschungen haben diese Thesen eindeutig widerlegt. Langzeitstudien machen deutlich, dass Väter entscheidenden Einfluss auf die intellektuelle Entwicklung haben, wenn ihr Verhältnis zum Baby fürsorglich und freundlich ist. Vaters bloße Gegenwart am Babybett genügt also nicht, auf die Qualität der Beziehung kommt es an. Väter regen zu originellen Spielen an, die auch 11


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ein bisschen aufregend sein können. Sie erfinden ständig neue, anregendere und abwechslungsreichere Sachen, die das Kind interessieren können und seine Neugier wecken. Ein guter Bekannter sagte mir vor Kurzem: »Für mich als Vater fangen Kinder erst an interessant zu werden, wenn sie laufen, einigermaßen sprechen und Fußball spielen können.« Ein Armutszeugnis. Aber er spricht für viele Väter, die ähnlich empfinden. Die Kindererziehung zählt nach wie vor primär zum Tätigkeitsbereich der Frauen. Der Vater wird als kompetent angesehen: – Geld zu verdienen, – für technische Aufgaben, – für schwierige Verhandlungen mit Ämtern, – für Behördengänge (Finanzamt, Steuerberatung usw.). Ich hoffe, dass ein böser Spruch nicht die Wahrheit sagt: »Bruder macht Tanzkurs, Schwester macht Nähkurs, Mama macht Kochkurs, Papa macht Konkurs.« Diese Verkürzung ist gefährlich und macht sich im Erziehungsprozess bemerkbar. Besonders im nächsten Absatz soll deutlich werden, was fehlende Väter bedeuten. Sind die Männer auf dem Rückzug? Das fragt sich Emmerich Adam, Chefredakteur eines Männermagazins. Er beobachtet, wenn wir sonntags in den Gottesdienst gehen, dass Männer in der Minderheit sind. Das ist zweifellos in den beiden Großkirchen und auch in den Freikirchen der Fall. Auch kirchliche Ämter werden zunehmend von Frauen wahrgenommen. 12


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Wo sind die Männer? Leiden Männer besonders unter Areligiosität? Adam schreibt: »Irrtum! Eines der überraschenden Ergebnisse der großen Männerstudie ›Männer in Bewegung‹ (ein gemeinsames Forschungsprojekt der beiden Kirchen) ist: Die Religiosität der Männer nahm in den letzten zehn Jahren sogar zu, die der Frauen hingeben ab. Inzwischen befindet sich das religiöse Interesse von Männern und Frauen fast auf gleichem Niveau. Aber wohin wandern die Männer?«2 Adam ist der Meinung, Männer interessieren sich für andere Themen, sprechen, beten und singen anders, als man es in den meisten Gottesdiensten gewohnt ist, und wandern in verschiedene Männerarbeiten ab. Sie treffen sich verstärkt in Männergruppen, zu Wanderungen und an Männerstammtischen. Veranstaltungen am Rande der Gemeinde oder außerhalb der Gemeinde. Das heißt, wenn Adam Recht hat, dass wir uns dringend in Kirchen und Freikirchen Gedanken machen müssen, gezielter Themen, die Väter und Männer interessieren, anzusprechen. Mein Eindruck ist, dass Frauenfrühstücks-Kreise überall existieren, Gruppen für Frauenhilfe, aber selten eine Männervesper oder Ähnliches. Themen, die Frauen interessieren, überwiegen. Mehr unbewusst als bewusst haben wir uns daran gewöhnt. Wenn der Vater fehlt – Folge in Kindheit und Jugendzeit Die Erfahrung zeigt, dass Kinder in der Regel Vater und Mutter zusammen in der Familie erleben möchten. Auch 13


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wenn Schwierigkeiten auftauchen, ist ihnen die heile Welt lieber. Die Frage ergibt sich sofort, was geschieht, wenn Väter ihrer Rolle nicht gerecht werden, wenn Väter ausfallen oder fehlen, wenn Väter nur eine Gastrolle in der Familie spielen. Was geschieht, wenn Väter ihre Kinder körperlich oder sexuell missbrauchen? Es leuchtet ein, dass Kinder einen schweren seelischen Schaden durchs Leben schleppen und sich in vielen Situationen unangemessen verhalten. In allen Phasen der kindlichen Entwicklung hinterlässt ein fehlender Vater Spuren. Väter, die ausfallen, durch Scheidung oder Tod, machen es den Kindern schwer, sich aus der Umklammerung der Mutter zu lösen. Den Kindern fällt es schwer, ein eigenständiges Individuum zu werden. Töchter entwickeln die Tendenz, ganz wie die Mutter zu fühlen. Söhne sind unter Umständen so auf die Mutter fixiert, dass sie später Frauen wählen, die stark der Mutter entsprechen. Kein Wunder, wenn diese Frauen in der Ehe führen und keine gute partnerschaftliche Beziehung gelingt. Was Töchter erleben können, wenn der Vater fehlt – Häufig erfahren sie eine überstarke Bindung an die Mutter, da viele Mütter den fehlenden Vater ersetzen wollen. – Mädchen können in ihrer Beziehung zum anderen Geschlecht verunsichtert werden. Sind Mütter geschieden, kann der abwesende Vater diskriminiert werden. Diese Unsicherheit kann zu häufigem Partnerwechsel führen. – Auch das Gegenteil ist möglich: Der fehlende und abwesende Vater wird idealisiert und Männer können als »Vaterersatz« gesucht und angezogen werden. 14


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– Pubertierende Mädchen neigen nicht selten zu Magersucht und Bulimie, wenn es in diesem Alter zur Scheidung der Eltern kommt. Auch die Schulleistungen können nachlassen. Väter machen der Mutter Vorwürfe und fühlen sich selbst verschmäht und im Stich gelassen. Vielleicht dient die Magersucht dazu, den Vater zurückzugewinnen. – Die Enttäuschung des Mädchens kann auch zu Depressionen führen und zur Flucht in Drogen oder in die Kriminalität. Was Söhne erleben können, wenn der Vater fehlt – Es kommt häufig zur ungesunden Abhängigkeit von der Mutter. Söhnen gelingt es schwerer, ihre eigene Identität zu entwickeln. – Zwei extreme Verhaltensmuster sind möglich: Der Heranwachsende zeigt eher feminine und weiche Züge. Oder er kehrt den überstarken Mann heraus. – Die Sehnsucht nach dem Vater verleitet sie dazu, in Lehrern, Pfarrern oder Arbeitgebern »Ersatzväter« zu suchen, die in der Regel aber ihren Erwartungen nicht gerecht werden. – Der Sohn hat Schwierigkeiten, mit Zorn, Wut und Aggression angemessen umzugehen. Die mütterliche Erziehung verleitet ihn dazu, sich passiver und zurückhaltender zu verhalten. – Diese Einstellung zur Mutter kann widersprüchliches Verhalten auslösen. Entweder hängt er an Mutters Schürze oder er fürchtet die Nähe und Vereinnahmung. Diese Selbstunsicherheit kann die spätere Partnerschaftsfähigkeit negativ beeinflussen. 15


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– Die spätere Partnerwahl kann auch durch ein übertriebenes Freiheitsbedürfnis gekennzeichnet sein. Die Vereinnahmung durch die Mutter kann ein übergroßes Distanzverhalten auslösen.

Kinder wollen auch »bevatert« werden Es gibt in der deutschen Sprache das Wort »bemuttern«. Es hat einen positiven und negativen Aspekt. Kinder haben es gern, wenn sie bei allen möglichen Gelegenheiten versorgt, betreut, verwöhnt und liebevoll umhegt werden. Wenn sie aufstehen, bei Tisch, beim Anziehen und wenn es ins Bett geht, wollen sie bemuttert werden. Hier steht die mütterliche Eigenart im Vordergrund. Einseitig können Jungen und Mädchen in weibliche Verhaltensweisen gedrängt werden. Das ist die kritische Seite. Besonders im Urlaub wollen Kinder dann gerne »bevatert« werden. Sie wollen ausdrücklich ihren Vater für sich haben. In der Zeitschrift »Eltern« stand ein lesenswerter Artikel über die Rolle des Vaters. Der Beitrag gibt eine Untersuchung von über 2000 Kindern wieder, und zwar zwischen sechs und 15 Jahren, die nach Ferienwünschen gefragt wurden. Wörtlich heißt es: »Fast alle Kinder – 92 Prozent – freuen sich ganz besonders auf den Vater. Ohne ihn sind Ferien keine richtigen Ferien. Sie haben sich eine Menge vorgenommen, was sie mit ihrem Vater tun wollen. Untersuchungen und Erfahrungen von Psychologen haben bewiesen, dass ein inniges Vater-Kind-Verhältnis im Urlaub meist über die Ferienwochen hinaus wirkt. Man versteht sich einfach besser, auch im Alltag.«3 Die Sehnsucht nach dem Vater ist größer, als wir glauben. 16


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Vor allem Jungen wollen mit ihm segeln, auf Berge klettern, Fußball spielen, toben und Buden bauen. Das ist eine kleine Auswahl von Wünschen, die Kinder geäußert haben. Es fällt auf, dass es sich um sogenannte »männliche« Spiele handelt, die Mütter in der Regel kaum erfüllen können. Mein Vater ist klasse Im CVJM kommt ein Jugendkreis zusammen. Das Thema des Abends: »Mein Vater«. Ich bin eingeladen, einen Vortrag darüber zu halten. Der Leiter des Kreises hat die glänzende Idee, zunächst einige Eindrücke der Jugendlichen selbst zu sammeln. Die Teilnehmer sind zwischen 15 und 17 Jahren alt, also in einem kritischen Alter. Das Vokabular bei einigen ist rüde, ihre Sprache alles andere als gewählt. Sie halten mit ihrer Meinung nicht zurück. »Mein Alter ist gestresst. Die Firma scheint ihn ganz schön auszupowern. Abends und am Wochenende hat er nicht viel zu verkaufen!« Einige nicken, der Leiter lässt die Ausdrücke »Alter« kommentarlos gelten. »Meiner sagt auch nicht viel. Hauptsache, er lässt mich in Ruhe. Und das tut er, Gott sei Dank!« »Bei mir gibts viel Krach. Mein Vater und meine Mutter fetzen sich. Fast immer gehts um Schule und Erziehung.« Die Stimmung ist alles andere als glücklich und froh. Nur einer fällt aus dem Rahmen. Er sagt fest und überzeugt: »Ich habe einen klasse Vater!« Etwa 20 Augenpaare schauen ihn an, fragend und ein bisschen neugierig. Der Leiter ermutigt ihn, etwas mehr 17


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über diesen klasse Vater zu erzählen. Es handelt sich um einen Angestellten im mittleren Dienst. Die Eltern haben drei Kinder. Der Älteste ist dieser Junge im Jugendkreis. »Es ist einfach schön, wenn wir abends zusammensitzen beim Essen und Klönen – meine Eltern, meine beiden Geschwister und ich. Mein Vater interessiert sich für alles. Ganz leicht hat er es als Buchhalter in der Firma nicht. Aber ich glaube, die Familie ist ein Stück Erholung für ihn.« Da hat er was gesagt. Wie aus einem Mund ertönt ein kritisches »Hahaha!«. »Wo gibts denn noch so eine heile Welt?« Doch der Junge lässt sich nicht beirren. Er hat offensichtlich positive Erfahrungen gemacht und sagt: »Bei uns!« Der Leiter rückt in einer Ecke des Gruppenraumes ein Flipchart zurecht und bittet alle Beteiligten, stichwortartig zusammenzutragen, was einen klasse Vater auszeichnet. Nach kurzer Zeit ist das Flipchart vollgeschrieben. Die Wünsche sind konkretisiert. Die Zeit fehlt, die Aussagen noch zu gewichten. Ich habe die Sätze mitgeschrieben. Sie sind mir für einen Vortrag eine wesentliche Hilfe. Und was steht da? – Ein Vater sollte für die Familie da sein, kein abwesender Vater. – Er sollte für seine Kinder Zeit haben, auch für seine Frau, seine Arbeit und seine Hobbys. – Er muss eine Respektsperson sein, nicht fehlerlos, aber ein lückenloses Vorbild. – Er soll Autorität haben, aber kein autoritäres Verhalten; kein Tyrann und kein Despot sein. – Man muss sich einfach auf ihn verlassen können. 18


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– Er soll uns im Leben begleiten, nicht dirigieren. – Mit allem sollte ich zu ihm kommen dürfen; ich brauche keine perfekten Ratschläge, sondern das Gefühl, dass er mich versteht und sachlich das Für und Wider abwägt. Es entsteht eine Pause, der Leiter schaut in die Runde. Einige hängen mit den Augen noch am Flipchart. Und ein junger Mann bringt es lachend, etwas wehmütig und doch treffend auf den Punkt: »Ach, wär das schön!« Er spricht mir aus der Seele, ja, das wäre in der Tat schön, wenn wir solche Väter hätten. Die Papas des 21. Jahrhunderts In einer wissenschaftlichen Zeitschrift werden die Ergebnisse der Forschung über die neuen Väter zusammengefasst. Da heißt es: 1. … dass sich die Rolle des Vaters in der Gesellschaft verändert habe, weg vom Ernährer und Beschützer hin zum Mentor, also zum Ratgeber, zum Anreger, zum väterlichen Freund. Der Vater sei nicht länger die strenge Autorität, sondern der väterliche Freund. 2. … dass eine Studie den Vater in erster Linie als »egalitären Vater« identifiziert habe. Die Studie umfasste sechs Gruppen. Fast 30 Prozent der Befragten, die größte Gruppe, habe sich für diesen Vatertyp entschieden. Er halte sich in Fragen der Erziehung und Familie für gleichberechtigt, sei ebenso engagiert und kompetent wie seine Partnerin und sehe sich gleichermaßen in der Pflicht. Er stehe den Kindern sehr nahe. 19


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3. … dass auch die Väter des 21. Jahrhunderts stärker als die Mütter eine andere Rolle in der Erziehung wahrnähmen. Beim Spielen wählten sie öfter kämpferische Spiele, rangelten und tollten mehr als die Mütter, die sich eher als Bewacher ihrer Kinder verständen. Väter ermutigten mehr, Dinge auszuprobieren, Risiken einzugehen und die Welt zu erkunden. Zwei Drittel der Kinder wählten eher den Vater als die Mutter zum Spielen. 4. … dass für die frühkindliche Sprachentwicklung der Vater wichtiger sei als die Mutter. Erst ab dem 3. Lebensjahr des Kindes kehre sich dieses Verhältnis wieder um.4

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