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Vorwort Peter Hahne zitiert in seinen Vorträgen gerne den altbekannten bayerischen Komiker Karl Valentin. Von ihm gibt es die Anekdote, wie er in Münchens Innenstadt auf die Passanten zugeht und fragt: »Können Sie mir sagen, wo ich hinwill?« Damit bringen der TV-Moderator heute wie der »Comedian« damals auf humorvolle Weise eine messerscharfe Wahrheit auf den Punkt: Unsere Gesellschaft weiß nicht mehr, wo sie hinwill, wo es langgeht und welche Ziele und Maßstäbe sie braucht. Die Frage nach der Wahrheit in einer Welt des Vertuschens, Verschleierns, Verschiebens und Verharmlosens wird immer drängender und dringender. Politik, Wirtschaft, ja auch Kirchen verweigern sich der klaren Aussage. »Man darf Zumutungen nicht scheuen, muss dem Bürger aber alles verständlich und verstehbar erklären« (Joachim Gauck). In einer »Diktatur des Relativismus« (Papst Benedikt XVI.), in der alles gleich gültig und damit gleichgültig erscheint, wird die Wahrheit geradezu als Befreiung empfunden. Diese gute Nachricht bringt der prominente und profilierte Hauptstadtkorrespondent, der ja meist mit schlechten Nachrichten zu tun hat, präzise und prägnant unter die Leute. Er tut das auf eine Art, die jeder versteht. Peter Hahne redet Klartext ohne Girlanden der Gelehrsamkeit und die Attitüde der Besserwisserei. Deshalb wird er gehört und gelesen wie kaum jemand in Deutschland. Kein Wunder, dass der Nachrichtenprofi 2010 zum beliebtesten 8
männlichen Politik-Talk-Moderator gewählt wurde. Immer wieder werden wir gefragt, wo es Kernaussagen, neuere Artikel und aktuelle Vorträge von Peter Hahne zu lesen gibt. Während seine Kolumnen in Europas auflagenstärkster Sonntagszeitung »Bild am Sonntag« regelmäßig als Buch erscheinen, gibt es sonst keine zusammenfassende Veröffentlichung einzelner Wortbeiträge des beliebten und bekannten Berliner TV-Moderators, gefragter Gast in allen relevanten Talk-Shows. Wir haben Peter Hahne gebeten, seine Gedanken zu aktuellen Themen unserer Zeit als konzentrierte Sammlung herauszugeben. Das reicht von persönlichen Lebensfragen über die Bedeutung des Glaubens für unsere Gesellschaft bis hin zur Politikverdrossenheit und Bürgerwut in einem Land, das offenbar zunehmend Orientierung, Maßstäbe und Richtung verloren hat. Daraus ist über die Jahreswende dieses Buch entstanden, das unser junger Verlag in der Hoffnung herausbringt, dass es viele Leser erreicht und zum Nachdenken und Nachmachen, zu Hoffen und Handeln ermutigt – ähnlich wie Hahnes Millionen-Bestseller »Schluss mit lustig! Das Ende der Spaßgesellschaft«. Diesmal beklagt er unsere Gesellschaft als Stimmungsund Zuschauerdemokratie. Er will jedoch nicht Miesmacher, sondern Mutmacher sein. Kein Bedenkenträger, sondern Hoffnungsträger. Karlheinz Kern, mediaKern Verlag im Januar 2011 9
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Eine Reise, die sich Leben nennt Was bleibt, wenn wir gehen?
Daran kann selbst die akute aktuelle Finanzkrise nichts ändern: Keine Generation hat ihren Kindern mehr an Gut und Geld vererbt als die heutigen Senioren, die Aufbaugeneration im Wirtschaftswunderland der Nachkriegzeit. Jetzt, zu Beginn des dritten Jahrtausends, werden Billionen von Werten vererbt. Es ist so viel Geld, es sind so viele Immobilien und Rücklagen vorhanden, dass die größte Wirtschaftskrise sie nicht zerstören könnte. Doch was vererben wir jenseits der materiellen Werte? Kann es sein, dass ausgerechnet die reichste Generation aller Zeiten in dieser Frage bettelarm ist? Dass wir uns etwas in die Tasche lügen und die Wahrheit verdrängen, dass wir nämlich längst bankrott sind? Denn die Finanzkrise, die im Oktober 2008 so dramatisch begann, ist in Wahrheit eine Vertrauens- und Wertekrise. Der Verfall ideeller und materieller Werte bedingen einander, sind quasi die zwei Seiten derselben Medaille. Wo zum Beispiel Ehrlichkeit und Anstand keine Konjunktur mehr haben, merkt man das bald bei den Bilanzen. Thomas Manns »Buddenbrooks« lassen grüßen: »Sei mit Fleiß bei den Geschäften am Tag, aber mache nur solche, bei denen du nachts ruhig 10
schlafen kannst!« Wo Gier und Geiz die neuen Tugenden sind, merken wir das im Kühlregal und auf dem Konto. Dioxin- und Bankskandale sprechen für sich. Dass wir die Kreatur Tier zum Gammelfleisch-Produzenten degradieren und pervertieren, ist doch Beweis genug, dass wir von allen guten (heiligen) Geistern verlassen sind! In einem Schweizer Aufsatzwettbewerb für Abiturienten schrieb ein junger Mann über die heutige Elterngeneration, und es klingt wie eine Bankrotterklärung: »Ihr habt uns halbstark gemacht, weil ihr schwach seid. Ihr habt uns keinen Weg gewiesen, der Sinn hat. Weil ihr selber den Weg nicht kennt und versäumt habt, ihn zu suchen.« – »Nicht Krieg, sondern der Verlust der Werte bedroht unsere westliche Welt«, titelte eine angesehene Tageszeitung. Als Bestandsaufnahme unserer Zeit brachte eine große Sonntagszeitung die Schlagzeile: »Es wird kalt, es fehlt etwas in dieser Gesellschaft.« Bei den aktuellen Fragen der Gesundheits- und Rentenpolitik macht sich ein gnadenloser Verteilungskampf breit, eine Kultur der Unbarmherzigkeit. Kein Wunder, dass ausgerechnet der liberale »Stern« die »Neue Sehnsucht nach alten Werten« zur Titelgeschichte machte. Ein Hilferuf! Für den Verlust von Werten zahlen wir einen hohen Preis: steigende Kriminalität, zunehmende Gewalt, Zerfall der Familien, Unfähigkeit zu Bindungen und Freundschaft. Dass es nach dem Aussetzen der Wehrpflicht nicht gelingt, ein »Soziales Jahr« für alle jungen Leute als Dienst an der Gesellschaft zu installieren, spricht Bände. Diesen Dienst mahnt Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer 11
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Neujahrsansprache 2011 zu Recht an als »Chance für unser Land, denn wir brauchen die Solidarität von allen«. »In einem Land«, so ein Kommentar zur Jahreswende 2010/2011, »in dem das Wort Norm als Schimpfwort gilt und derjenige, der christliche Moral anmahnt, schnell als unverbesserlicher Reaktionär abgestempelt zu werden droht, kann es auch nicht anders sein.« Papst Benedikt XVI. nennt als Grundübel unserer Zeit die »Diktatur des Relativismus«, wo alles gleich gültig und damit gleichgültig wird. An die Stelle klassischer Werte wie Vertrauen, Wahrhaftigkeit, Geduld, Mut – auch Sanftmut und Demut – sind die neuen Werte getreten: Erfolg und Effizienz, Autonomie und Dominanz, Lust- und Nützlichkeitsprinzip. Dankbarkeit und Dienstbereitschaft sind Fremdworte. Verantwortung hat der Selbstverwirklichung Platz gemacht. Es herrscht der Zeitgeist, jene Mischung aus dicker Mode und dünner Moral. Man hat keine Standpunkte mehr, man liegt nur noch richtig – im Modetrend natürlich. Das Hinterfragen von Werten ist zur Methode geworden. »Bleibe im Fragen, und du brauchst nicht zu gehorchen«, warnte schon Dietrich Bonhoeffer. Der viel beklagte Werteverlust ist letztlich die Folge von Sinnverlust. Die Sehnsucht nach Werten ist im Tiefsten die Suche nach Sinn. In einer Zeit wirtschaftlicher Instabilität merkt nun auch der Letzte, dass der eigene Selbstwert mehr sein muss als der augenblickliche Standort auf der Karriereleiter oder der aktuelle Kontostand. Der »Spiegel«-Journalist Matthias Matussek spricht 2010 12
in einem Weihnachtsinterview der Evangelischen Nachrichtenagentur idea über ein »spirituelles Hungergefühl« der satten Atheisten: »Bei vielen habe ich das Gefühl, dass sie auf einer religiös ungesättigten Suche sind. Die Leute sind einfach nicht glücklich, ihre religiöse Energie flottiert, sie suchen.« Psychologen bestätigen uns durch ihre neuesten »Burnout«-Forschungen, was die älteste Lebens-Bedienungsanleitung, die Bibel, schon längst diagnostizierte: Karriere, Konsum und Kommerz sind nicht alles. Der Mensch ist mehr wert als die Summe seiner Leistungen. Wer die Mittel zum Leben mit dem Leben selbst verwechselt, ist bald erschöpft und ausgebrannt. »Burnout«: Aus Feuer wird Asche. »Es ist schön, Geld und Erfolg zu haben. Dies hat aber mit den wahren Werten des Lebens nichts zu tun« (Yehudi Menuhin). Wir brauchen Menschen, die über einen Wertevorrat verfügen. Die aus den »Wurzeln des Überlieferten« (Wolfgang Schäuble) Kraft schöpfen und daher lebens- und leidensfähig sind. Solche Leute sind für unsere Gesellschaft unverzichtbar. »Wenn wir keine Schnittmenge erprobter Normen und Werte mehr haben, dann wird der notwendige gesellschaftliche Konsens unmöglich« (Roman Herzog). Eine der großen Fragen unserer Zeit ist die Wissenschaftsethik. Darf der Mensch alles, was er kann? Es ist nämlich nicht »nur« das geklonte Tier, das fragen lässt: Wo sind die Grenzen von Forschung und Technik? Ja, wer setzt die Grenzen? Längst ist es möglich, durch Em13
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bryonenforschung und Präimplantationsdiagnostik (PID) das Designerbaby zu schaffen, das die gewünschte Haar- oder Augenfarbe genauso hat wie keine Veranlagung zu lebensbedrohenden Krankheiten oder Behinderungen. In den USA gilt bereits die Anlage zur Fettleibigkeit als Grund zur »Auslese«. Aus der Erfahrung deutscher Zeitgeschichte kann man da nur mahnen: Wehret den Anfängen! »Wenn Gott nicht existierte, wäre alles erlaubt« (Dostojewski). Werte kann nur der setzen, der das Leben geschaffen hat. Ohne Rückbindung an Gott wäre Ethik nur beliebig. Es ist bezeichnend, dass selbst Atheisten vor dem Atheismus warnen! Für den Sozialisten Gregor Gysi ist eine gottlose Gesellschaft eine schreckliche Vorstellung. Im ZDF meinte er: »Eine gottlose Gesellschaft: Das heißt eine Gesellschaft des reinen Pragmatismus, wo man heute das denkt und morgen jenes denkt und überhaupt keine moralisch einigermaßen verbindlichen Maßstäbe mehr hätte. Im Augenblick sind nur die Kirchen in der Lage, einigermaßen allgemein verbindliche Moralnormen zu formulieren. Früher konnte das auch die Linke.« Dennoch hat der »Spiegel«-Journalist und Ex-Kommunist Matthias Matussek nicht unrecht, wenn er Gysi vorwirft, »Religion wie ein Sozialingenieur zu sehen. Wir brauchen ein Pumpwerk für Moral, ein bisschen ethische Wärme für die Gesellschaft.« Im idea-Interview (22. 12. 2010) meint Matussek: »Die Kirche ist aber nicht in erster Linie ein Wertelieferant, sondern eine Gemeinschaft 14
von Gläubigen.« Und für Gläubige gilt der ganze Glaube, nicht nur die ethische Dimension. »Das Christentum ist nicht einfach eine Kultur oder Ideologie, selbst nicht ein System von noch so erhabenen Grundsätzen und Werten. Das Christentum ist eine Person, eine Gegenwart, ein Gesicht: Jesus Christus, der dem Leben der Menschen Sinn und Inhalt gibt« (Papst Johannes Paul II.). Wenn diese Botschaft nicht mehr zentrales, konkurrenzlos wichtigstes Element kirchlicher Verkündigung ist, liefert auch diese Organisation nur noch Steine statt Brot. Wo sonst könnte die Seele Ruhe und das Herz Frieden finden, wo sonst kann gebeichtet und getröstet werden? Wo gibt es Seelsorge und aufbauende, ermutigende Predigt? »Die Kirche geht an ihren unberufenen Dienern zugrunde«, sagte einmal der bayerische Bischof Hermann Bezzel. Man wird den Eindruck nicht los, als handele es sich auf manchen Kanzeln um verhinderte Politiker, die zu feige sind, sich zur Wahl zu stellen. Synoden verkommen zu politischen Parlamenten, die die Weltöffentlichkeit mit Erklärungen und Papieren überfluten, auf die diese gar nicht wartet und die sie auch nicht braucht. Wie skurril das sein kann, zeigt eine Landeskirche, die sich just zu dem Zeitpunkt mit dem Thema »Erderwärmung« hervortat, als Deutschland unter dem frühesten und härtesten Wintereinbruch seit Jahren ächzte. »Wer sich mit dem Zeitgeist vermählt, wird schnell zur Witwe« (Sören Kierkegaard) – oder besser: Er wird kinderlos, die Mitglieder los, das Vertrauen los. Letzte Orientierung kann weder aus Zeitgeist und 15
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Mode noch aus vorherrschenden ideologischen und demoskopischen Trends kommen. Dass wir bei Politikern oft nicht mehr wissen, ob abends noch gilt, was morgens gesagt, versprochen und verheißen wurde, zeigt die fatale Endstufe einer Stimmungsdemokratie, die zu einer Umfragedemokratie verkommen ist. Mit einer Orientierungsmarke, die ich mir selbst an den Bug meines Schiffes nagele, finde ich das Ziel nie. Wir brauchen einen Ordnungs- und Verstehensrahmen, der die Vergangenheit deutet, die Gegenwart erklärt und für die Zukunft Orientierung liefert. Der uns hilft, in der Flut von Informationen nicht ins Schwimmen zu kommen. Wir müssen doch wissen, ob eine Information gut oder schlecht ist, nützlich oder schädlich. Wir brauchen Maßstäbe, an denen wir beurteilen können, ob Informationen nebensächlich oder wichtig, lebenszerstörend oder lebensfördernd sind. Hilflos halten wir meist alles für möglich. Wir sind, wie die Amerikaner sagen, »overnewsed and underinformed«, zugeschüttet mit Belanglosigkeiten, jedoch ohne Orientierung. Die Explosion auf dem Medienmarkt darf den Konsumenten nicht hilflos zurücklassen. Sonst sieht er in den Informationen keinen Nutzen mehr. Was früher dazu dienen sollte, das Wissen zu erweitern und die Probleme lösen zu helfen, schafft heute oft erst die Probleme. Die Medien haben, so ZDF-Intendant Markus Schächter, die Funktion von »Leuchttürmen«, wenn sie ihre Aufgabe ernst nehmen. Im Bild heißt das: Nicht selbst »Star« sein, 16
sondern als leuchtender Stern anderen Wegweisung geben, Hilfestellung zur eigenen Meinungsbildung und Problembewältigung. Dazu bedarf es einer Berufsethik, die jenseits von Meinungsmache echte Informationen und Nachrichten ermöglicht, die ihren Namen auch verdienen: Nachrichten, nach denen man sich richten kann. Und Informationen, die in Form bringen, die lebenstüchtig machen und helfen, den Alltag zu bewältigen. Bei manchen selbst ernannten Leuchttürmen, die in Wahrheit Tranfunzeln sind, fällt mir allerdings ein Gedicht des Schriftstellers Wolfgang Borchert (1921–1947) ein, bekannt durch sein Heimkehrerdrama »Draußen vor der Tür«: »Ich möchte Leuchtturm sein in Nacht und Wind für Dorsch und Stint, für jedes Boot – und bin doch selbst ein Schiff in Not.« So lässt sich auch das erklären, was der Psychiater, Theologe und Bestsellerautor Manfred Lütz »ungebildete Christentumskritik« nennt. Bar jeglicher Vernunft und historischer Bildung, ohne Minimalkenntnisse und Sachwissen wird bis in die Feuilletons großer Zeitungen hinein auf Christen und ihren Glauben eingedroschen. Der langjährige »Welt«-Korrespondent Gernot Facius beklagt als traurige Berufsbilanz: »Religion ist ein Zentralthema des Lebens. Religion setzt Bildung voraus. Und da liegt vieles im Argen. Das Wissen über christliche Feste ist verblasst. Wer als Christ vor dem unsäglichen Halloween-Spektakel warnt (und auf den Reformationstag verweist), wird in Feuilletons verhöhnt. Dass Advent nicht einfach mit Vorweihnachtszeit übersetzt werden soll, wird ignoriert. Mit 17
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Luthers Rechtfertigungslehre weiß vermutlich nur eine winzige Minderheit etwas anzufangen. Beim Wort Eucharistie muss manch gestandener Redakteur erst im Lexikon nachschlagen, und wer kann dann schon noch Eucharistie (katholisch) und Abendmahl (evangelisch) auseinanderhalten? Dass evangelische Geistliche ›eine Messe zelebrieren‹, kann man sogar in Qualitätszeitungen lesen. Und beim Stichwort Vatikanum denken viele an ein exotisches Gewürz. Das ist keine Satire! Sondern: PISA lässt grüßen!« (PUR-magazin 1/2011). Die Hochform des Bildungsnotstandes findet oft ihren Gipfel in Spitzenmeldungen der Nachrichten, in denen ökumenisch und ökonomisch verwechselt werden! Und wenn das Ganze dann noch in naivem Gutmenschen-Gehabe mit dem Flüsterbariton der Betroffenheit und der Attitüde der Political Correctness daherkommt, dann fällt mir nur noch mein Landsmann Wilhelm Busch ein: »Oft verwechselt ein Gemüte Dämlichkeit mit Herzensgüte.« Wir brauchen also einen echten »LeuchtturmJournalismus« mit Qualität, der mit Positivem (und seien es stimmige Fakten!) Positionen setzt. Bloße Negativmeldungen führen zur Ohnmacht und Resignation. Die Folge ist ein eigenartiger Egoismus, der nur noch die Pflege des eigenen Ichs kennt. »Wird der Mensch in der Lage sein, der Technik ethisch nachzuwachsen?«, fragt Romano Guardini hintersinnig. Der Dichter Novalis meinte bereits Ende des 18. Jahrhunderts, ein Schritt in der technischen Fortentwicklung bedürfe drei Schritte in der moralischen. Der richtige 18
Umgang mit Informationen ist wohl die größte Herausforderung unserer Zeit. Der amerikanische Kommunikationswissenschaftler Neil Postman fordert deshalb eine »Kultur des Erzählens«, in der eine Generation der nächsten einen Wertekatalog mitgibt und weitersagt, was im Leben wirklich wichtig ist. Nur so werde es möglich, die Flut neuer Informationen zu kanalisieren, zu ordnen und zu beurteilen. Das beste Übungsfeld einer beispielgebenden Medienpädagogik ist und bleibt die Familie. Wer sie klein- und schlechtredet oder gar ideologisch zerstört, der hat nicht nur einen Traditionsabbruch zu verantworten. Gemäß der Erkenntnis des Philosophen Hans-Georg Gadamer »Zukunft ist Herkunft« setzt der Verfall der Familie die Verlässlichkeit der Zukunft aufs Spiel. Die Familie ist die wichtigste Institution, um Werte zu vermitteln. Mit Menschen, die wir lieben, wertvoll umzugehen, ist das beste Rezept gegen Werteverfall. Werte wollen nicht als Worte, sondern als Vorbild und Begegnung erfahren werden. »Erziehung ist Vorbild und Liebe« (J. H. Pestalozzi). Liebe und Wahrheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Eine solche Wahrheit ist es dann auch, die zu echter Freiheit führt. Eine Freiheit, die vom Zwang der Selbstverwirklichung löst und zur Selbsteinschätzung befreit: Irgendwann ist auch in unserer Wohlstands- und Lustgesellschaft jede Party zu Ende – und dann beginnen die letzten Fragen. Wohl dem, der dann eine verfügbare Adresse für verlässliche Antworten hat! Was kommt zum 19
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Beispiel, wenn wir gehen müssen? Und muss ich davor Angst haben? Und genau hier kommt eine Dimension ins Spiel, die auszulöschen den Effekt hätte, statt Sonne nur noch Kerzenlicht zu haben (nach Christian Morgenstern). Die »Entzauberung der Welt« (Max Weber), die Leugnung alles Transzendenten, hat katastrophale Folgen. ExKremlchef Michael Gorbatschow, einer der Bahnbrecher der deutschen Wiedervereinigung, nannte 2009 den Kommunismus eine »Kultur der Unbarmherzigkeit.« Er muss es schließlich wissen! Wissen sollten es eigentlich und endlich auch jene Theologen und Kirchenfunktionäre, über die Theo Lehmann, vor der Wende meistgehörter (Jugend) Pfarrer in der DDR, 1990 äußerte: »Das kommunistische Weltreich, das ohne Gott aufgebaut wurde, hat 140 Millionen Todesopfer gekostet und fällt jetzt vor unseren Augen zusammen. Viele Pfarrer und Kirchenführer haben immer wieder den Satz nachgequasselt: ›Der Antikommunismus ist die größte Torheit des Jahrhunderts.‹ Ich habe bisher von diesen falschen Propheten nie eine Entschuldigung für ihre kommunistische Propaganda gehört. Die Wahrheit ist: Der Kommunismus ist die größte Torheit des Jahrhunderts, und die größten Toren sind die Theologen, die das nicht kapiert haben.« Dass die Linkspartei das nicht kapiert und nach »Wegen zum Kommunismus« auf einer Podiumsdiskussion zusammen mit einer Ex-RAFTerroristin (Berlin, Januar 2011) sucht, darf einen nicht verwundern. 20
Der Verlust von Maß und Mitte ist die Tragik unserer Zeit. »Die Mitte verlassen heißt: die Menschlichkeit verlieren« (Blaise Pascal). Einer der Väter der neomarxistischen Frankfurter Schule, Max Horkheimer, brachte kurz vor seinem Tod den nihilistischen Grundirrtum der 68er-Bewegung auf den Punkt und erklärte, dass »Politik ohne Religion absurd ist. Politik, die nicht Theologie in sich bewahrt, bleibt letzten Endes bloßes Geschäft.« Sein Schüler Jürgen Habermas gestand schließlich, »dass sowohl säkulare Vernunft wie religiöser Glaube nur davon profitieren können, wenn sie die jeweils andere Dimension nutzen.« Insofern hat der Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker recht mit seiner Erkenntnis, die seine Fachkollegen überraschte: »Christen bewahren die einzige Wahrheit, die tiefer reicht als die Wahrheit der Wissenschaft, auf der das Atomzeitalter ruht. Sie bewahren ein Wissen vom Wesen des Menschen, das tiefer wurzelt als die Rationalität der Neuzeit. Der Augenblick kommt immer wieder und unweigerlich, in dem man, wenn alles Planen scheitert, nach dieser Wahrheit fragt.«
Zeit zum Leben »Für einen Augenblick Zeit würde ich meine ganze Habe geben«, so die britische Königin Elisabeth I. (1558–1603) auf ihrem Sterbebett. Welch eine tiefe Sehnsucht: Das Leben verlängern. Den Tod vertagen. Noch ein paar ge21