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Annette Häußler

Wahrheit gesucht – Schätze gefunden

Ein Blick durchs Schlüsselloch

Copyright © 2025 – Annette Häußler Alle Rechte vorbehalten.

Pferdemarkt 1

D – 31737 Rinteln Fon (05751) 7019 229 info@king2come.de www.king2come.de

1. Auflage, Februar 2025

Druck: ARKA, Cieszyn, Polen

ISBN 978-3-98602-080-4

Folgende Bibelübersetzungen kamen zum Einsatz (im Text jeweils mit den Kürzeln in den Klammern gekennzeichnet):

• Revidierte Elberfelder Bibel (ELB), R. Brockhaus Verlag Wuppertal.

• Luther Bibel, 2017 (LU): Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers, revidierte Fassung, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2016.

• Schlachter 2000 (SLT): Copyright © 2000 Genfer Bibelgesellschaft

• Hoffnung für alle® (HfA): Copyright © 1983, 1996, 2002, 2015 by Biblica, Inc.®, Brunnen Verlag, Basel, Gießen.

• Neue Evangelistische Übersetzung (NeÜ): © 2024 by Karl-Heinz Vanheiden www.derbibelvertrauen.de

Unser Buchprogramm finden Sie auch im Internet unter: www.king2come.de

Einleitung

Denn unser Wissen ist Stückwerk und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.

1. Korinther 13:9-10, 12 (LU)

Unter diesem Aspekt möchte ich mein Buch verstanden wissen. Es ist ein kleiner Ausschnitt, der keineswegs den Anspruch auf Vollkommenheit erhebt. Im Gegenteil ist mir bewusst, wie bruchstückhaft meine Erkenntnis ist. Oft entwickelt sich diese Erkenntnis weiter und stellt wieder nur einen Anfang dar, eine Spur dessen, was Gott im Weiteren noch offenbaren will. Manches entpuppt sich später als Einbahnstraße, weil es doch weniger aus dem Geist, als aus dem Fleisch geboren und betrachtet wurde. In diesem Sinne gilt auch hier: „Prüfet alles, das Gute behaltet!“

Ursprünglich umfasste mein Manuskript wesentlich mehr Inhalte. Doch um den Fokus aufrecht zu erhalten, habe ich es deutlich gekürzt, sodass ein zweiter Teil entstehen kann. Der Schwerpunkt dieses ersten Teiles liegt auf der Wahrheit, der freimachenden Wahrheit Gottes, die einzig und allein echte Identität im Menschen hervorbringen kann. Identität gründet sich auf Herkunft und Wurzeln. Zur Wahrheit gehört, dass wir als Kinder Gottes eingepfropft sind in den jüdischen Ölbaum, dessen Wurzel uns nährt! Während der vergangenen 2000 Jahre haben sich die Christen aus den Nationen (Heidenchristen) jedoch sukzessive von dieser Wurzel losgelöst. Man möchte fast sagen, es entstand eine christliche Parallelwelt. Als Folge davon werden unter anderem biblische Inhalte unserem westlichen Denken gemäß gedeutet und angepasst. Die Tiefe und Dimension jüdischen Verständnisses über die Heilige Schrift fördert erstaunliche Schätze zutage. Doch dieses Verständnis ist uns dadurch

etwas abhandengekommen. Die Wahrheit der Schriften wurde gleichsam verzerrt. Weil aber Wahrheit und Identität einander bedingen, ist es umso wichtiger, Jesus als unseren jüdischen Messias kennenzulernen. Schließlich will Er in jedem von uns in Seiner Identität Gestalt annehmen.

Seit ich mich auf die Reise begeben habe, meinen Jesus als den kennenzulernen, der Er in Wahrheit ist – nämlich ein Jude – erlebe ich immer wieder neue Aha-Momente. Fast kommt es mir vor, als renne Jesus mir freudig entgegen, um mir die Türen in Seine hebräische Welt zu öffnen. Ob der Perlen, die es in unfassbarer Zahl in der Bibel zu entdecken gibt, hat mich eine Begeisterung ergriffen, mit der ich nun meine Glaubensgeschwister anstecken möchte.

Das Buch möge anreizen, selbst zu forschen, zu graben und sich mit dem Heiligen Geist auf die Reise zu begeben. Nicht auf dieselbe Reise von anderen Christen, sondern auf die Reise in das eigene „Ehe“- Leben mit Christus, in die eigene Identität, um Jesus auf genau diese eine und einzigartige Weise zu repräsentieren. Gleichzeitig soll es eine Ermutigung sein, ein Leben der Heiligung und Reinigung zu führen, ohne die keine Umgestaltung in Sein Bild möglich ist und ohne die man Jesus nicht in Wahrheit schauen kann.

1 – Erkennen

Aber was bedeutet das eigentlich? Schon hunderte Male haben wir gelesen und gehört, dass die Bibel Gottes einzigartiger Liebesbrief an Seine Geschöpfe ist. Ja, das ist er in der Tat. Aber mehr noch ist es das Werben und Ringen des Bräutigams um Seine Braut, gleichwohl das Eins werden des Geliebten mit Seiner Geliebten. Es handelt sich schlicht und ergreifend um eine tiefe Liebesbeziehung, die sich in einem ewigen Ehebund mit dem einzelnen Gläubigen, sowie mit der Gemeinde als Leib im Besonderen, ausdrückt. Die Entsprechung dazu ist der irdische Ehebund zwischen Mann und Frau. Die Ehe ist das himmlische Abbild dessen, wonach Gott sich mit jedem einzelnen von uns sehnt. So wie Mann und Frau sich vereinigen und ein Fleisch werden, möchte Jesus, der Bräutigam mit mir und mit der Gemeinde als Ganzes eins werden. Jesus drückt es im hohepriesterlichen Gebet so aus:

Sie alle sollen eins sein, genauso wie du, Vater, mit mir eins bist. So wie du in mir bist und ich in dir bin, sollen auch sie in uns fest miteinander verbunden sein. Dann wird die Welt glauben, dass du mich gesandt hast. Johannes 17:21 (HfA)

Es ist so schade, dass wir in unseren Kirchen, Gemeinden und auch im persönlichen Leben oft gerade an diesem zentralsten Kern vorbeigehen, geradezu an IHM, dem Liebhaber vorbeigehen und uns stattdessen mit dem Einbringen in die Gemeinde, mit Diensten, Berufungen, Wichtigtuerei und Hierarchien beschäftigen. Wir wollen zwar immer mehr von Jesus, mehr sein wie Er, mehr Zeichen und Wunder tun, doch oft eher aus Beweggründen die eigenen Ziele zu verwirklichen, um sich selbst einen Namen zu machen oder groß rauszukommen. Wenn das der Hauptfokus in unserem Leben ist und nicht das Einssein mit Jesus, dieses „ER in mir und ich in IHM“, dann gehen wir am Wesentlichen vorbei;

dann hat sich unser Herz noch nicht richtig mit Seinem Herzen vereint. Aber gerade darum geht es, um das Vereint sein mit Ihm. Eben dafür gab Gott uns als himmlisches Abbild die Ehe, dessen Kern die geschlechtliche Vereinigung von Mann und Frau ist und aus der Frucht entsteht.

In der Bibel wird die sexuelle Vereinigung als „erkennen“ bezeichnet. Es heißt: Adam erkannte Eva und sie wurde schwanger und gebar einen Sohn. Wenn ein Mann eine Frau erkennt, entsteht Frucht, neues Leben wird geboren. Wenn Gott uns erkennt, entsteht ebenfalls Frucht, wir werden von neuem geboren.

Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen.

Johannes 17:3 (LU)

Im Hebräischen heißt „erkennen“ im Sinne der sexuellen Vereinigung jada (yada). Der Begriff jada steht aber auch für kundtun, mitteilen, offenbaren, fühlen, wissen, begreifen, verstehen, kennen oder auch offenbaren, zu erkennen geben … (siehe z.B. Psalm 16:11; Psalm 51:8; Psalm 55:14; Sprüche 1:3; Josua 4:22; Hiob 21:19; Hiob 23:5; Hiob 37:5…). Gleichzeitig ist darin auch der Begriff Hand = jad enthalten. Die Hand steht für das Handeln. Dementsprechend bezeichnet jada in Bezug auf die sexuelle Vereinigung nicht nur ein Wissen und Verstehen auf intellektueller Ebene, es umfasst vielmehr ein ganzheitliches Erkennen, Wahrnehmen und Erleben des Gegenübers - ein ganzheitliches Offensein und Hinwenden zum Gegenüber. Es beschreibt ein intimes Vertraut werden mit allen Sinnen, auch dem Verstand, dem Körper und dem Herzen. Es ist also sowohl ein äußerer als auch ein innerer Erkenntnisakt oder mehr noch ein ganzheitlicher Erkenntnisprozess. Dabei wird nicht nur das Gegenüber erkannt, sondern durch das Erkennen des Gegenübers erkennt man auch gerade sich selbst, ja, wird man seiner selbst gewahr.

Eine noch tiefgründigere Bedeutung zeigt sich darin, dass eine der sieben verschiedenen hebräischen Worte für Lobpreis und

Anbetung jadah (yadah) ist = bekennen, danken, preisen oder auch werfen (schleudern). Dessen Wortstamm ist bezeichnenderweise jada - erkennen, nur dass jadah durch ein he am Ende des Wortes ergänzt wird. Und auch das ist bedeutungsvoll, denn der Buchstabe he steht für „Schauen“ oder „Sehen“. Die sehr frühe piktographische Darstellung des Buchstabens he war ein Mann mit erhobenen Armen, später ein Fenster. Es unterstreicht auch da wieder den Umfang und die Tiefe der Bedeutung des Erkennens im Sinne der sexuellen Vereinigung, dass erkennen und preisen Hand in Hand gehen.

Sexualität ist also nicht nur ein „Fortpflanzungsakt“ oder nur eine Freude für den Menschen, sondern Ausdruck des Lobpreises zu Gott hin. Diese tiefste, persönlichste und intimste Verbundenheit, Vertrautheit und Einheit zwischen Mann und Frau ist ein Abbild auf Jesus und Seine Braut, auf Gott und den einzelnen Gläubigen:

Wenn aber jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt.

1. Korinther 8:3 (LU)

Noch ein Geheimnis ist in diesem Erkennen verborgen: Um etwas von sich selbst zu erkennen, bedarf es eines entsprechenden Gegenübers.

Als Gott feststellte, „es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, ließ Er zunächst die Tiere zu Adam kommen, damit dieser ihnen Namen gab. Doch es war keine Entsprechung für Adam dabei. Sie reflektierten nichts, worin Adam sich gesehen hätte. Erst als er Eva erblickte, stellte er fest: „Bein von meinem Bein, Fleisch von meinem Fleisch“. Adam erkannte sich selbst in Eva. Dieser Erkenntnisakt zwischen Mann und Frau ist nicht nur ein Erkennen des Gegenübers, sondern auch ein Gewahr werden von sich selbst.

Auch wir, je mehr wir Jesus anschauen, erkennen uns selbst und unsere Bedürftigkeit. Dadurch werden wir im Anschauen Seines Bildes verwandelt. Das ist der Dreh- und Angelpunkt der Bibel.

Es ist eine einzige Hochzeitsvorbereitung auf die Vermählung Jesu mit Seiner Braut, an der auch die gesamte Schöpfung teilhat.

So läutete denn auch eine Hochzeit das Wirken Jesu ein. Dort vollbrachte Jesus Sein erstes öffentliches Wunder, indem Er Wasser in Wein verwandelte. Wein spielt beim Passahmahl, als Gedenkfeier an den Auszug aus Ägypten, eine zentrale Rolle. Die vier Kelche mit Wein, die auch heute noch während der Sederfeier am Abend vor dem Passah gereicht werden, stehen für die Erlösung aus der Verbannung. Das Blut des geopferten Lammes an den Türpfosten der Häuser ließ den Todesengel Ägyptens vorüberziehen. Somit steht der Wein symbolisch für das Blut des Lammes. Jesus verdeutlicht dies während des Passahmahls mit Seinen Jüngern, indem Er erklärt: „Dies ist mein Blut des Neuen Bundes.“ Aber auch an anderer Stelle heißt es: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt …“.

Ebenso wird bei der traditionellen jüdischen Hochzeit ein Kelch mit Wein als Zeichen und Besiegelung der Verlobung getrunken (an anderer Stelle erklärt). Gleichzeitig symbolisiert der Wein auch die Leiden des Messias, weil die Trauben für den Wein gekeltert werden müssen. Die Kelter steht für Leiden. Dahingehend ist es sehr bedeutsam, dass gerade das Weinwunder Jesu erstes offizielles Wunder war, denn Sein Leiden und Tod und eben gerade Sein vergossenes Blut ermöglicht es uns, an der alles entscheidenden Hochzeit teilzuhaben. Und weil dieser Neue Bund der „bessere Bund“ ist, verwundert es ebenso wenig, dass der von Jesus hervorgebrachte Wein bei der Hochzeit zu Kana der bessere Wein war, nachdem der schlechtere ausgegangen war. Ganz entgegen der Tradition, dass zunächst der gute Wein, und wenn alle betrunken waren, der schlechtere Wein serviert wurde.

EIN AUSFLUG IN MEINE HOCHZEITSGESCHICHTE (DER TAG AN DEM GOTT MICH ERKANNTE)

Vielleicht geht es manchem Leser wie mir, dass er den Tag seiner Neugeburt keinem festen Datum zuordnen kann. Kein „Wham-Bam-Erlebnis“, das wie ein Blitz ins Leben einschlägt und alles neu ordnet. Kein spektakuläres Bekehrungserlebnis. Kein offizielles Übergabegebet im Rahmen einer Gemeinde, das den Neubeginn mit Jesus einleitete. Keine Christen, durch die man „bekehrt“ wurde. Von alldem weiß ich nichts und doch habe ich Jesus gefunden – oder besser, ER hat mich gefunden. Ganz allein, ohne dass irgendjemand darin involviert gewesen wäre. Zumindest nicht offensichtlich und vordergründig. Aber wie ich viel später von Jesus erfahren sollte, war es eine Schwester meiner Oma Luise, die wohl gläubig war und gebetet hatte. Jedenfalls war es ein „schleichender“ Prozess, völlig unspektakulär. Halt so ganz anders, als das, was man in Zeugnissen oder Büchern zu hören und zu lesen bekommt, in denen Menschen auf ganz eindrucksvolle Weise zu Jesus fanden. Diese können ganz genau, Jahr und Tag ihrer Bekehrung nennen. Ab diesem Moment hat sich ihr komplettes Leben verändert. So war das bei mir nicht. Aufgrund solcher Zeugnisse und der Tatsache, dass unter Christen das Übergabegebet als unabdingbare Grundlage gilt, war ich bisweilen verunsichert, ob ich denn nun tatsächlich „richtig“ bekehrt sei. Denn auch dieses einschneidende, lebensverändernde Erlebnis, wie einige es schilderten, hatte ich so nicht. Schließlich gab es auch keinen Sumpf im Sinne übler Lebensumstände, aus dem Jesus mich herausretten musste, sodass sich danach etwas für mich geändert haben würde. Ganz im Gegenteil, ich bin in einem sehr liebevollen Umfeld aufgewachsen. Es zog mich einfach seit meiner Kindheit zu Jesus hin. Das war alles. Auch bin ich in keiner christlichen Familie aufgewachsen. Was nicht heißt, dass man bei uns nicht an die Existenz eines Gottes glaubte. Dennoch war es bei meinen Eltern und auch Großeltern nie ein Gesprächsthema, obwohl meine beiden Omas regelmäßig

jeden Sonntag in die evangelische Kirche zum Gottesdienst gingen. Aber das gehört eben zur Tradition auf dem Land. Allerdings wurde mit mir jeden Abend ein Abendgebet gebetet. Ich hatte drei verschiedene Sprüchlein zur Auswahl, die mir meine Oma Luise beibrachte. Aber meistens hieß es: „Ich bin klein, mein Herz mach rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“

Ich hatte weder eine Bibel noch ein christliches Kinderbuch. Wie gesagt, wurde mir über Gott auch nie etwas erzählt, wie das in christlichen Familien normalerweise so üblich ist. Als ich einmal viel später, während ich schon in einer Gemeinde war, meine Oma Luise auf den Glauben und auch auf das Beten ansprach, offenbarte sie mir, dass sie sehr wohl an Jesus glaube, aber man das nicht an die große Glocke hänge. Das mache jeder für sich im Stillen, erklärte sie mir. So empfand ich es auch beim Großteil der Landeskirchgänger. Ob außer dem Gebet meiner Großtante noch andere Faktoren mein Interesse für diesen Jesus weckten, kann ich nicht genau sagen. Vielleicht war es der Religionsunterricht an der Schule oder die (gelegentliche) Kinderstunde beim Pfarrer (ich vermute, die Eltern wurden angehalten, die Grundschüler in die Kinderstunde zu schicken), die bei mir Spuren hinterließen. Denn am Ende der Kinderstunde durfte man immer ein Faltblatt mit Jesusgeschichten mit nach Hause nehmen, die ich immer las. Ansonsten war die kirchliche Kinderstunde nur langweilig und sehr streng. So hatten meine Eltern Erbarmen mit mir und ich musste da nicht hin, wenn ich nicht wollte. Nun gab es noch den Religionsunterricht an der Schule. Aber davon weiß ich gar nichts mehr… gab es ihn zu meiner Grundschulzeit überhaupt?? Jesus war also nicht wirklich Gegenstand der Aufmerksamkeit in meinem nahen Umfeld. Und doch erinnere ich mich, wie ich als Kind abends in meinem Bett lag. Draußen war es schon dunkel und ich sah aus dem Fenster. Dabei betete ich zu Gott, denn ich hatte die Vorstellung, ganz oben im Himmel sei dieser mächtige Gott und Jesus schwebe zwischen mir und Gott. Ich fühlte, ich dürfe mich an Jesus wenden und Er sei derjenige, der zwischen mir und Gott vermittelt und

mir nahesteht. Irgendwann begann ich dann jeden Abend vor dem Einschlafen um Schutz für meine Eltern und Großeltern zu beten. Das war mir unglaublich wichtig und mit der Zeit wurde es fast zwanghaft, denn ich meinte, würde ich nicht beten, könnte ihnen etwas zustoßen. Es war eine Zeit, in der ich auch versuchte, meine damals beste Freundin von Jesus zu überzeugen.

Eine Bibel bekam ich erst zur Konfirmation. Die allerdings blieb ungelesen. Zwar gab mir der Konfirmandenunterricht etwas mehr Informationen über Jesus, aber es waren eben nur die allseits geläufigen Bibelstellen und so blieb alles sehr oberflächlich. Dann kam die Pubertät dazwischen und das Thema Gott rückte erst einmal in den Hintergrund. Ich wurde sogar durch eine mir nahestehende Verwandte etwas esoterisch.

Eines Tages, irgendwann im späteren Teenageralter, sah ich einen okkulten Hollywoodfilm. Darin wurde eine Passage aus der Offenbarung zitiert, bei der es um das Malzeichen ging. Das machte mich sehr unruhig und beschäftigte mich. Ich schaltete den Fernseher aus und begann gleich im Buch der Offenbarung zu lesen, um der Sache auf den Grund zu gehen, ob das tatsächlich so in der Bibel stand. Und da stand es – genauso! Ich war völlig schockiert von dieser Botschaft. Mein einziger Gedanke war: „Ich will auf der richtigen Seite stehen!!!“

Wenn man so will, war das mit Sicherheit meine Bekehrung. Ich saß da ganz allein in meinem Zimmer, war entsetzt über die Aussagen der Offenbarung und wollte auf der richtigen Seite stehen. Diese Entscheidung hatte ich in diesem Moment in meinem Herzen getroffen. Ich sprach kein Gebet. Auch kein Gebet der Lebensübergabe, das ich im Übrigen bis heute noch nirgends in der Bibel gefunden habe, und ich sprach auch kein Sündenbekenntnis. Davon wusste ich gar nichts. Ich war ja nie einer Gemeinde zugehörig gewesen. Ich fühlte mich weder verkehrt noch als Sünder. Das war gar nicht mein Thema. Es war die blanke Angst in mir, denn ich glaubte dem, was ich da gelesen hatte. So war es einzig mein Hilferuf, auf der Seite von Jesus zu stehen, der mir als einziger das ewige Leben schenken konnte.

Das Johannesevangelium beschreibt genau das, was in und mit mir damals passiert war, als ich mit wachsendem Entsetzen die betreffenden Stellen in der Offenbarung las:

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Es kommt die Stunde und ist schon jetzt, dass die Toten hören werden die Stimme des Sohnes Gottes, und die sie hören, die werden leben.

Johannes 5:24-25 (LU)

Es war in der Tat so, ich hatte SEIN Wort gehört und gelesen und danach glaubte ich IHM. Ja, ich war geistlich tot gewesen und hatte die Stimme des Sohnes Gottes vernommen. In dem Moment wusste ich, ER ist meine einzige Rettung und ich muss mich zukünftig an IHN halten. Das war meine Vermählung mit meinem Jesus.

Ich weiß nicht mehr, wo plötzlich die Christen herkamen, die mir ab dato regelrecht über den Weg liefen und mich rückblickend, abschnittsweise begleiteten. Es waren ganz „einfache“ Christen. Nicht die charismatischen „Überfliegerchristen“. Nein, Christen aus der Landeskirche. Da wird der Glaube, wie schon erwähnt, wenig enthusiastisch gelebt. Schon gar nicht charismatisch. Eher bescheiden und unauffällig. Und doch waren genau diese Christen anfangs wie kleine Bausteine meines heranwachsenden Christenlebens, waren wie ein Geländer auf meinem Weg. Zwar nur ein kurzes Wegstück, denn ich hatte Hunger nach mehr, aber dennoch in einem Bereich wie ein Türöffner: Singen!!

SINGEN

Singen ist meine Leidenschaft, seit ich denken kann. Doch wagte ich es nie, in der Öffentlichkeit zu singen. Selbst daheim

verstummte ich sofort, wenn jemand das Haus betrat. Niemand sollte es hören, es war mir einfach zu peinlich. Dabei wünschte sich meine Familie immer von mir, ihr etwas vorzusingen. Sie fanden es so schön, wenn sie mich denn manchmal heimlich hörten. Aber ich traute mich nicht. Auch das Singen in der Gemeinschaft war mir völlig unmöglich. Es war der blanke Horror für mich.

Ich weiß, jeder ist bei so etwas aufgeregt, doch bei mir überstieg es bei weitem die Norm. Ich hatte da ein regelrechtes Übermaß an Komplexen. Dabei wollte ich doch so gerne auch in der Öffentlichkeit singen. Aber es gelang mir nicht. Ich hatte schon Lampenfieber, wenn mich zu Hause jemand hörte. Als ich mich dann immer öfter in christlichen Kreisen bewegte, wo viel und gerne gesungen wird, war ich zunehmend frustriert über meine Blockade. Ich betete zu Jesus: Wenn Er wolle, dass ich in der Öffentlichkeit für Ihn singen soll, müsse Er mich restlos von meinen Komplexen befreien. Und Lampenfieber wollte ich „bitte schön“ gar nicht haben. So kam es, dass ich eines Tages in einem Hauskreis einen Liedvorschlag machte. Weil sich aber keiner so recht an die Melodie erinnern konnte, bat man mich es vorzusingen. Mir wurde richtig schlecht, aber ich wollte mir nicht die Blöße geben, und so stimmte ich das Lied zaghaft an. Ein völlig banales Ereignis, durch das sich in mir jedoch etwas zu lösen begann. Ich lief damals auf Wolke sieben nach Hause, denn so alltäglich dieses Ereignis auch war, es war wie ein Dammbruch und etwas in mir hatte da begonnen.

Beim Schreiben fällt mir wieder auf, wie liebevoll unser Gott ist. Wie behutsam, weise und individuell Er mit Menschen umgeht. Bei einem Menschen gebraucht Er beeindruckende „Blitz- und Donnermethoden“, die den Betreffenden freisetzen. Bei mir war es sanft und leise, wie ein steter Tropfen, der den Stein höhlt. Und doch, nicht weniger wirksam.

GEMEINSCHAFT …

Nun hatte ich noch keine Gemeinde oder besser gesagt Gemeinschaft gefunden. Ich besuchte mal hier, mal da landeskirchliche Veranstaltungen oder Hauskreise. Aber nur ganz sporadisch und nicht wirklich zugehörig. Doch Jesus stellte mir ständig Christen an meine Seite, damit ich im Grunde nie allein unterwegs war. Tatsächlich waren es immer „Wegabschnittschristen“.

Während meiner Ausbildungszeit saß eine gläubige Mitschülerin in der Berufsschule neben mir. Obwohl sie so ganz anders war als ich und normalerweise gar nicht auf meiner Wellenlänge lag, mochten wir uns und verstanden uns sehr gut. Sicher war es ihr nicht bewusst, dass sie mir gelegentlich auch geistlichen Halt bot. Gleichzeitig schloss ich enge Freundschaft mit einer Zeugin Jehovas – man mag es kaum glauben, aber sie war tatsächlich gläubig. Sie arbeitete in der Firma, in der ich meinen Ausbildungsplatz hatte und wohnte auch nur zwei Häuser von mir entfernt. Das war sehr praktisch, denn mein Hunger nach Jesus war so groß und ihre Bereitschaft, meine Fragen zu beantworten noch mehr. Sie war stets für mich da und wir studierten ausgiebig die Bibel. Es entstand ein tiefes Vertrauensverhältnis und eine echte Freundschaft.

Dann kam jedoch der Punkt, an dem ich mich entscheiden musste, ob ich diesem „Verein“ beitreten wollte oder nicht. Denn bei den Zeugen Jehovas muss man sich früher oder später entscheiden. Allerdings hatte ich da meine Probleme, denn irgendetwas war mir immer sehr suspekt und seltsam. Nicht so bei meiner Freundin. Alles, was sie mir aus ihrem Leben über Jesus und den Glauben vermittelt hatte, war ein Segen für mich. Dennoch war eine Entscheidung fällig, das spürte ich zunehmend. Was für mich anfangs ein Segen war, geriet mehr und mehr zu einem Alptraum. Ja, ich hatte tatsächlich zunehmend Alpträume in der Nacht. Der Druck seitens der Zeugen Jehovas nahm zu. Das kam nicht von meiner Freundin, sondern von der Organisation dahinter. Schließlich reicht das bloße Leben mit Jesus nicht aus,

um errettet zu sein. Nein, man muss zusätzlich der Organisation beitreten, erst dann ist alles in trockenen Tüchern. So wird es einem vermittelt und so glauben es auch deren Mitglieder. Aus diesem Grund schlugen meine Versuche, mich zu distanzieren, zunächst fehl. Ich wurde regelrecht mit stichhaltigen Argumenten bearbeitet und überzeugt. Das ist in der Tat ihre Stärke.

Eines Tages aber hatte ich einen Traum: Ich befand mich in einer Bahnhofshalle bei den Gleisen und plötzlich nahte sich über mir schwebend Jesus. Er ähnelte einem Engel, sprach mich an und meinte, ich solle in die Kirche zu unserem Pfarrer gehen. So klingelte ich kurze Zeit später beim evangelischen Pfarramt meiner Gemeinde und erzählte dem Pfarrer meine Not. Dieser gab mir, die Lage erkennend, ein Buch über die Zeugen Jehovas zu lesen. Was genau darin stand, weiß ich nicht mehr, aber aufgrund dessen gelang es mir, mich von ihnen zu distanzieren. Leider tat ich dies wie ein Elefant im Porzellanladen, wodurch diese wunderbare Freundschaft in die Brüche ging. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls weiß ich, diese Freundin ist wirklich gläubig und wiedergeboren, denn sie trägt Jesus so sehr im Herzen und genau das hat sie mir über die Maßen vermittelt. So war auch sie in meinem Leben ein wirklicher Segen von Gott.

Auf einmal aber war keine Wegbegleitung mehr da. Das erste Mal, seit ich gläubig geworden war, gab es niemand, der mich an die Hand nahm. Ich fühlte mich zwar völlig frei, aber irgendwie doch sehr allein. Also betete ich zu Jesus, Er möge mir doch bitte irgendjemanden zur Seite stellen. Ich muss dazu sagen, im Grunde war ich nicht wirklich allein. Ich war in der Zwischenzeit glücklich verheiratet. Aber mein Mann war damals noch nicht gläubig, so konnte ich mich mit ihm diesbezüglich nur begrenzt austauschen. Ich ging auch gelegentlich am Sonntag in die Kirche. Aber es ist leider ein Leichtes, dort anonym und allein zu bleiben. Mein Gebet lag nur wenige Tage zurück, als mich sonntags vor der Kirche eine Frau aus dieser Gemeinde ansprach. Sie hatte dazu den Impuls von Jesus bekommen. Sie wohnte im Nachbarort, in den ich wenige Monate später ebenfalls ziehen sollte. Was für ein

Segen! Diese wunderbare Frau nahm mich regelrecht für einige Jahre unter ihre Fittiche.

Kurze Zeit später lernte ich im Säuglingspflegekurs (ich war 24 und schwanger) die Kursleiterin persönlich kennen. Auch sie war Christin und begleitete mich ebenfalls für kurze Zeit, bis sie wegzog. Es waren Menschen, die mich an die Hand nahmen und mich in meinem geistlichen Wachstum begleiteten. Ich bin ihnen mit meinen tausend Fragen sicher oft auf die Nerven gegangen, aber ich bin ihnen unendlich dankbar, dass sie so viel Geduld und Fürsorge für mich hatten.

Gott ließ sie meinen Weg auf ganz natürliche Weise kreuzen und in mein Leben treten. Er selbst hatte darüber gewacht, dass sie wie Leitplanken meinen Weg säumten und mir die Richtung vorgaben. Den meisten von ihnen war es sicher gar nicht bewusst, dass Gott sie gebrauchte und sie mir eine Hilfe waren.

Dann gab es auch noch eine alte, ebenfalls gläubige Patentante meiner Schwiegermutter, die hie und da einen Impuls gab. Ich bin überaus dankbar für all diese Menschen. Und ob sie nun eine große, kleinere oder winzige Rolle für mein geistliches Wachstum gespielt haben, ist völlig unerheblich. Denn sei es auch nur ein kleiner Tropfen gewesen, so half dieser doch mit, das Fass zum Überlaufen zu bringen – im positiven Sinne.

Mein Fass wurde also immer voller oder besser gesagt, das Kind wurde langsam erwachsen und brauchte nicht mehr so oft an der Hand geführt zu werden. So kam es eines Tages, dass eine Frau an meiner Haustüre klingelte, die ich bei meiner Zeugin-JehovasFreundin kennengelernt hatte. Sie wollte von mir wissen, wie ich es denn geschafft hätte, mich von ihnen zu distanzieren. Sie wolle ebenfalls diesen Schnitt machen, aber es sei so schwierig. Schließlich gelang auch ihr der Ausstieg. Wir hielten Kontakt zueinander und wie es der „Zufall“ so wollte, zog sie wenige Monate nach meinem Umzug ebenfalls in den Nachbarort.

Was für ein unermesslicher Segen von Gott! Da standen wir beide gleichermaßen am Anfang unseres Glaubens und beschritten, entdeckten und eroberten den Weg gemeinsam. Als Gleichge-

sinnte nahmen wir uns gegenseitig an die Hand. Es war nicht mehr ein Führen und Begleiten durch die mir von Gott zuvor an die Seite gestellten Menschen, sondern ein gegenseitiges Geben und Nehmen und ein beidseitiges Unterstützen im Glauben und im persönlichen Leben. Bis heute ist sie meine engste Freundin.

Nun hatte ich eine Wegbegleitung auf Augenhöhe. Ich weiß gar nicht mehr, wo dann wie zuvor die vielen Christen herkamen, die an demselben Punkt standen wie meine Freundin und ich. Vorher waren es nur einzelne Menschen, die abschnittsweise meinen Weg begleiteten. Jetzt gründeten wir einen Hauskreis, fanden eine charismatische Gemeinde, besuchten Veranstaltungen. Eingebettet in die Gemeinschaft machte ich mich also mit meinen Brüdern und Schwestern auf den Weg.

Rückblickend erkenne ich: Letztendlich nahm mich Jesus durch diese Menschen an die Hand. Er navigierte, bis Er mich in eine Selbständigkeit loslassen konnte; völlig unspektakulär aus menschlicher Sicht und doch ganz einzigartig. So wie der Weg jedes einzelnen auch einzigartig ist und so wie der Platz, den Gott für jeden von uns vorgesehen hat, ebenfalls einzigartig ist.

ICH WILL IMMER NOCH SINGEN

Da gab es weiterhin die Sache mit dem Singen und der Musik, die zwar angestoßen, jedoch noch nicht wirklich freigesetzt war. Auch hatte ich meine Forderungen und Vorstellungen, wenn Er denn wollte, dass ich damit dienen sollte. Ich wollte nicht nur gerne singen – bitte ohne Lampenfieber -, ich wollte auch sehr gerne Lieder schreiben. Das war nun keine neue Idee, sondern bewegte mich, seit ich denken kann. Schon im Teenageralter versuchte ich mich an Musikstücken. Gedichte schrieb ich schon seit frühester Kindheit gern und viel. Also müsste es ja ein Leichtes sein, ein Gedicht zu vertonen. War es aber nicht. Eine schöne Melodie wollte mir partout nicht einfallen, so sehr ich mich auch

darum bemühte. So war das vor meiner Bekehrung. Nach meiner Bekehrung änderte sich plötzlich etwas: Als wir 1992 unseren Hauskreis gründeten, fiel mir mein erstes, für mein Empfinden richtiges Lied im wahrsten Sinne des Wortes direkt in den Schoß. Plötzlich spielte da eine Melodie in meinem Kopf, ganz anders als früher bei meinen erfolglosen Versuchen. Der Text war einfach und kindlich. Es war eben das, was mich zu diesem Zeitpunkt bewegte:

Refrain:

Jesus ich liebe Dich,

Du bist der Fels, auf dem mein Haus gebaut ist.

Jesus ich liebe Dich, ich wünsche mir, dass Du für jeden Menschen wichtig wirst.

Jesus, o Jesus, bitte sei mitten unter uns.

Bitte öffne unser Herz und fülle es mit Deinem Licht.

Denn wer den Sohn nicht hat, der hat das Leben nicht.

Vers:

Du bist ganz Mensch geworden, so wie wir alle sind.

Bist aus Fleisch und Blut geboren, warst auch selbst ein hilfloses Kind.

Du hattest die Gefühle und Wünsche, die ein jeder von uns hat.

Doch Du warst ohne Sünde und gabst dem Bösen keinen Platz.

Unter meinem Text hatte ich mir notiert: „Heute haben wir in unserem Hauskreis das erste Mal Gäste“. Wie ich es allerdings trotz Publikum schaffte, das Lied im Hauskreis vorzutragen, ist mir bis heute schleierhaft, aber ich tat es.

Das banale Ereignis vor einigen Jahren, als ich unvermittelt ein Lied anstimmen musste, war in der Tat eine Art Initialzündung. Zumindest konnte ich jetzt im privaten Kreis vor einer Handvoll Leuten singen. Ich war zwar etwas aufgeregt, aber in einem sehr erträglichen Maß. Gott schenkte mir dann viele Gelegenheiten, mich diesbezüglich langsam vorzutasten und an Sicherheit zu gewinnen. Weil ich aber immer noch nicht wirklich frei heraussingen konnte, nahm ich eines Tages klassischen Gesangunterricht an unserer örtlichen Musikschule. Einmal im Jahr wurde dann ein Konzert der Gesangschulklasse veranstaltet. Das war nun wirklich „DIE Herausforderung“, auf einer Bühne zu stehen und vor Publikum Arien zu trällern. Eigenartigerweise gelang es mir immer, meine Aufregung minimal zu halten – das war mein Herzenswunsch an Gott gewesen: kein Lampenfieber! Meine damalige Gesanglehrerin, die von Berufs wegen regelmäßig auf der Bühne steht, erzählte mir einmal, sie müsse sich wegen der Aufregung jedes Mal vor ihrem Auftritt übergeben. Aber das sei ganz normal in der Branche und gehöre dazu. Wow, so ging es mir definitiv nicht, und dies bei meiner Vorgeschichte! Gott nahm mich tatsächlich beim Wort.

Wie die Jungfrau zum Kind fand ich irgendwann zu einer Lobpreisband in einer charismatischen Gemeinde, ohne überhaupt danach gesucht zu haben. Viele Jahre war ich dabei und durfte viel Wachstum und Freisetzung erfahren. Auch da hatte Gott eindeutig Seine Hände im Spiel. Das war ein großer Segen von Gott für mich, denn dort durfte ich lernen und reifen. Ebenso konnte ich meine Hemmungen abbauen, die immer mal mehr, mal weniger da waren. Es gab viele Gelegenheiten dazu und sofern es mir möglich war, habe ich sie ergriffen. Ich spürte in alldem wirklich, wie Gott mich schob und auf eine unglaublich sanfte und entschleunigte Art und Weise schulte. Auch da war es wieder nicht diese Knall-auf-Fall-Befreiung und Freisetzung. Nein, es passte sich meinem Tempo an und erfolgte so, wie ich es verarbeiten konnte. Nur ein einziges Mal musste ich eine überaus große Hürde nehmen. Es handelte sich um eine sehr große

evangelistische Veranstaltung in einer Halle mit hunderten von Menschen, bei der ich zum Auftakt ein Vortragslied singen sollte. Da war ich in der Tat so aufgeregt, dass ich meinte, ich überlebe das nicht. Aber ich habe es überlebt und mehr noch, alles, was danach kam, war keiner Aufregung mehr wert. Da war tatsächlich vollends der Knoten in mir geplatzt. Es ist einfach so unglaublich, wie Gott mit jedem auf Seine Art umgeht. Bei mir waren es eben die leisen, unaufgeregten Töne.

Mir war wichtig, gleich zu Beginn meine einfache unspektakuläre Hochzeits-Geschichte zu erzählen. Denn wir Menschen sind so sehr geeicht, das tolle, bombastische, aufsehenerregende zu bestaunen. Dabei werden wir vollkommen betriebsblind für die leisen, unaufgeregten Taten Gottes, die aber nicht weniger bedeutsam sind. Man läuft Gefahr, Gott in seinem Leben komplett zu verpassen, wenn man atemberaubende Zeugnisse als Maßstab für sein eigenes Leben nimmt. Ich habe es selbst erlebt, wie man ob der eigenen Bekehrung und Beziehung zu Jesus in Zweifel gerät und verunsichert wird, wenn man sich mit anderen zu vergleichen beginnt und deren Zeugnisse als Messlatte für das eigene Leben nimmt. Man wird unweigerlich dabei scheitern, weil es eben nicht mein Leben ist, sondern das Leben des anderen. Ich habe auch gesehen, wie manche Christen, angetrieben von bewegenden Zeugnissen, versucht haben, aus eigener Kraft und eigenem Vermögen, etwas zu bewegen und zu bauen. Einiges davon schien erfolgreich, aber dennoch war es mehr die Verwirklichung eigener Ziele als der Bau des Reiches Gottes. Vieles war im Geist geboren, aber im Fleisch fortgesetzt und vollendet. Die Ehre hatte nicht Gott, sondern der Mensch.

Damit will ich das beeindruckende spektakuläre Wirken Gottes an den einzelnen Menschen keinesfalls schmälern. Das gibt es ebenfalls zuhauf. Ich kenne Menschen mit unfassbar wunderbaren Zeugnissen. Die dürfen wir hören und begeistert darüber sein, uns aber nicht davon blenden lassen. Denn in uns Menschen schlummert ja, mehr sein zu wollen, unseren Thron höher zu

setzen und Ehre voneinander zu nehmen. Es steckt in unser aller Gene - die Ursünde, die Adam und Eva zu Fall gebracht hat.

Man sollte meinen, bei Christen sei es nicht so. Doch auch da gibt es eine Art Karriereleiter zu erklimmen. Berufungen, Aufgaben, Positionen, durch die man Wert und Bedeutung erhält und durch die man meint, das ewige Leben erkaufen zu können. Dies hat den Beigeschmack von Selbsterlösung. Mit einer Liebesbeziehung hat das nichts zu tun und dort auch nichts zu suchen.

Als ich mich nach der Geburt unseres ersten Kindes mit anderen Müttern traf, war das Hauptgesprächsthema meistens, was ihre Kinder alles können und wie weit sie schon entwickelt sind. Selbstverständlich immer besser und sowieso viel früher als alle anderen. Man kann schon mit einem Schmunzeln sagen, in dieser Lebensphase tritt die Gesinnung des Menschen doch sehr offen zu Tage. Ja, wir sind alle geimpft, großartig sein zu wollen.

BESONDERS SEIN WOLLEN

Als ich die charismatische christliche Szene betrat, war es fast genauso. Jeder wollte mit seinem Gott hingegebenen Leben großartig und besonders sein, mit seinen Gaben herausragen. Eigentlich völliger Blödsinn, denn jeder einzelne ist in Gottes Augen an sich schon großartig! Aber eben „nur“ in Gottes Augen und nicht immer in den Augen der Menschen. Und gerade bei den Menschen möchten wir doch als großartig erkannt werden! Denn dieser Ruhm und diese Ehre von Menschen ist halt direkt spürbar. So orientieren wir uns an dramatischen Zeugnissen und außergewöhnlichen Kraftwirkungen Gottes und wollen das auch selbst erleben. Das ist grundsätzlich nicht falsch oder schlecht, sofern es nicht aus eigener Kraft, der Selbstdarstellung bzw. der eigenen Ehre wegen geschieht. Und sofern es der Platz ist, den Gott für uns vorgesehen hat. Oft kämpfen wir regelrecht um etwas, das gar nicht dem entspricht, was Gott mit uns vorhat. Sind wir aber auf unser Ziel fokussiert und nicht ausschließlich auf Jesus, gehen

wir, ohne es zu bemerken, an unserem vorgesehenen Platz vorbei. Schlimmer noch, wir gehen an Jesus vorbei. Paulus schreibt den Korinthern, dass jeder Gott an dem Platz dienen soll, an dem ihn Gottes Ruf erreichte:

Doch soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gott einen jeden berufen hat. Und so ordne ich es an in allen Gemeinden. Ist jemand als Beschnittener berufen, der bleibe beschnitten. Ist jemand als Unbeschnittener berufen, der lasse sich nicht beschneiden. Die Beschneidung ist nichts, und die Unbeschnittenheit ist nichts, sondern: Gottes Gebote halten. Ein jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde. Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht; doch kannst du frei werden, so nutze es umso lieber. Denn wer im Herrn als Knecht berufen ist, der ist ein Freigelassener des Herrn; desgleichen wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi. Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte. Brüder und Schwestern, bleibt alle vor Gott, worin ihr berufen seid. 1. Korinther 7:17-24 (LU)

Jeder hat einen anderen Auftrag oder Dienst und auch eine andere Last zu tragen. Der eine mehr, der andere weniger:

Sie wurden bestellt nach dem Wort des HERRN, das durch Mose ergangen war, ein jeder zu seinem Dienst und seiner Traglast, wie der HERR es Mose geboten hatte. 4. Mose 4:49 (LU)

Bei mir war die Berufung scheinbar völlig klar. Singen, Lieder komponieren und mich in diesem Bereich voll einsetzen und etablieren. Es schien mir logisch, denn man soll doch mit seinen Talenten wuchern und mit aller Kraft in seiner Berufung leben. Im Laufe der Zeit wurde ich dann immer häufiger dazu angehalten, mehr aus meiner Begabung zu machen. Beispielsweise eine CD aufnehmen oder ein Konzert geben - mich einfach sehr viel kommerzieller betätigen. Ja, da schwillt einem schon der Kamm und man ist schnell dabei, sein eigenes Imperium aufbauen zu wollen, ohne sich dessen bewusst zu sein und ohne

zu merken, statt Gott erhöht man sich selbst. Auch nimmt man nicht wahr, dass man sich nicht länger durch die Beziehung mit Jesus definiert, sondern durch sein eigenes Können.

Ich habe nicht einmal bemerkt, wodurch ich mich definiere, weil es so selbstverständlich war, mit den Gaben in der Gemeinde zu dienen und sich darin auch mehr und mehr zu etablieren. So wurde mir dies auch immer vermittelt.

Dann bekam ich Halsschmerzen. Das ging so über viele Wochen. Ich machte mir zunehmend Sorgen wegen meiner Stimme. Der allgemeine Grundtenor der Christen war: „Das ist ein Angriff“; „der Feind will dich am Singen hindern“; „er will dich hindern, Gott zu dienen“ usw. Es wurde gelehrt, man müsse gegen Widerstände des Feindes aufstehen und diese im Namen Jesu zurückweisen. So hinterfragte ich im Gebet mit Jesus gar nicht, was die Ursache meiner Problematik war. Vielmehr betete ich nur weiter gegen die Widerstände und Angriffe – jedoch erfolglos. Die Halsprobleme verschlimmerten sich und ich bekam noch eine Kehlkopfentzündung dazu. Das bedeutete, einige Zeit gar nicht zu singen und auch wenig zu sprechen, um bleibende Schäden an den Stimmbändern zu vermeiden. Als mir langsam angst und bange wurde, meine Stimme zu verlieren, wurde mir zum ersten Mal sehr bewusst, dass ich mich durch meine Gabe definierte und nicht durch Jesus. Es kam in mir die Frage auf, was denn wäre, wenn ich überhaupt nicht mehr singen könnte. Die Antwort kam prompt: „Wer bin ich denn, wenn ich nicht mehr singen kann? –Dann wäre ich niemand – Nichts!!“

Es etablierte sich ein schlimmes Gefühl der Wertlosigkeit und der Nutzlosigkeit in mir. Nicht, dass ich mich Jesus gegenüber nutzlos oder wertlos fühlte, nein, vor den Menschen begriff ich mich ohne Wert! Als ich merkte, dass mir „nur“ Jesus nicht reichte, war ich schockiert. Es reichte mir bei Weitem nicht, allein Seine Anerkennung zu haben, allein Ihn zu haben und sonst gar nichts aufweisen zu können. Nur von Ihm alle Wertschätzung und Liebe zu bekommen, zählte offenbar wenig. Ich war entsetzt! Da besaß ich nun das Wichtigste und Wertvollste, was es im Leben zu

besitzen gibt, und ich fühle mich wertlos, wenn ich keine Talente vorzeigen kann!? Dabei ist es Jesus so egal, was ich darstelle und was ich kann, denn ER, der König der Könige und Schöpfer allen Lebens und sowieso Gott aller Gaben und Talente, liebt mich einfach nur um meiner selbst willen! Ich jedoch fühle mich als Nichts, wenn ich vor den Menschen nichts vorweisen konnte. Etwas zu sein, war mir offensichtlich wichtiger als ER. Dabei geht es Gott in allererster Linie um mein Herz, um meine Liebe zu Ihm, um das „ich in IHM und ER in mir“, so wie Jesus mit dem Vater eins ist, um das Einssein des Bräutigams mit Seiner Braut. Geradeso wie es sich in der Ehe von Mann und Frau auf der Ebene des Fleisches darstellt, so möchte Jesus dieses Einssein im Geist mit mir. Man kann vieles machen, tun und reißen und seine Gaben voll zum Einsatz bringen, aber wenn man die Liebe nicht hat, ist das alles nur Schall und Rauch.

Wenn ich die Sprachen von Menschen und Engeln sprechen könnte, aber keine Liebe hätte, wäre ich ein schepperndes Blech, eine lärmende Klingel. Und wenn ich weissagen könnte und alle Geheimnisse wüsste und jede Erkenntnis besäße; und wenn ich alle Glaubenskraft hätte und Berge versetzte, aber keine Liebe hätte, wäre ich nichts. Und wenn ich meinen ganzen Besitz zur Armenspeisung verwendete, ja wenn ich mich selbst aufopferte, um verbrannt zu werden, aber keine Liebe hätte, nützte es mir nichts. Liebe hat Geduld. Liebe ist gütig. Sie kennt keinen Neid. Sie macht sich nicht wichtig und bläht sich nicht auf; sie ist nicht taktlos und sucht nicht sich selbst; sie lässt sich nicht reizen und trägt Böses nicht nach; sie freut sich nicht, wenn Unrecht geschieht, sie freut sich, wenn die Wahrheit siegt. Sie erträgt alles; sie glaubt und hofft immer. Sie hält allem stand. 1. Korinther 13:1-7 (NeÜ)

Die Halsschmerzen und die daraus resultierende Kehlkopfentzündung war also nicht einfach der bloße Widerstand und Angriff des Feindes. Die Ursache all dessen war mein Stolz, meine falsche Herzenshaltung, die dem Feind erst Tür und Tor öffneten und ihm

so ermöglichten, mich anzugreifen. In all dem zeigte Gott mir mein Herz.

Seither kommt immer mal wieder die Frage in meinem Innern auf, wenn ich meine, ich müsste da doch viel mehr draus machen: „Um was geht es eigentlich in diesem Leben?“ – „Wem oder was will ich ein Denkmal setzen?“ Und dann richte ich meinen Blick auf Jesus, denn Er weiß am besten, welche Taten Er für mich vorbereitet hat, und manchmal ist es eben nur im Verborgenen und nur für IHN allein sichtbar, doch deshalb nicht weniger wert!

Als mir dieses ganze Ausmaß meiner falschen inneren Haltung bewusst geworden war und ich Buße darüber tat, verschwanden die Halsschmerzen allmählich. Sie waren nicht sofort verschwunden, aber etwas in meinem Innern hatte sich verändert und ich schenkte den Halsschmerzen keine Beachtung mehr. Irgendwann bemerkte ich, dass sie komplett verschwunden waren. Ja, es war kein bloßer, willkürlicher Angriff des Feindes, kein feindlicher Widerstand, gegen den ich aufzustehen hatte, sondern meine falsche, stolze Herzenshaltung, die es ans Kreuz zu bringen galt.

Das machte mich doppelt traurig, denn wie oft werden Widerstände bei Projekten, Vorhaben oder Diensten von Christen pauschal als Angriffe des Feindes bezeichnet. Damit wird jede Chance auf das Reden Gottes bezüglich der Ursachen, wie es zu solchen Widerständen überhaupt kommen konnte, zugedeckt. Gleichzeitig wird auch jede Chance auf Selbsterkenntnis, Umkehr und Erneuerung vertan, sodass in dem betreffenden Bereich eine Reifung und Umgestaltung in das Wesen Jesu Christi nicht stattfinden kann.

EINE CD?

Der Druck von einigen Christen, mehr aus meiner Begabung zu machen, als in christlichen überschaubaren Kreisen zu singen, war dennoch da und wurde immer stärker. Es ist so schade, dass wir Christen uns um die Erfolgs- und Karrieremodelle der Welt

bemühen, anstatt um die Liebesbeziehung und die Einheit des Leibes zu ringen. Aber wer kennt nicht das schmeichelnde Gefühl, etwas darzustellen und etwas zu gelten.

Einmal besuchte ich mit meinem Mann einen größeren christlichen Event. Es waren verschiedene Zelte aufgebaut, in denen Veranstaltungen stattfanden. Wir beide saßen außerhalb eines Zeltes und beobachteten das allgemeine Treiben auf dem Areal. In einem der Zelte lief bereits eine Veranstaltung. Plötzlich sagte mein Mann zu mir: „Das ist ja wie Entertainment!“

„Ja“, dachte ich, „er hat recht.“

Es ist oft Entertainment, was wir machen. Es soll ansprechend und attraktiv sein sogar mehr noch: Wir wollen genauso ansprechend und attraktiv sein, wie die Welt. Somit sind wir nicht nur damit beschäftigt, voreinander etwas darzustellen, sondern auch mit der Welt gleichziehen zu wollen.

Dienste, Begabungen und Berufungen haben einen sehr hohen Stellenwert in der Gemeinde. Leider sind manche angesehener, andere wiederum weniger beachtet. Das birgt die Gefahr, dass Christen sich schneller in einem Dienst verwirklichen und sich über ihre Leistung oder ihr Können definieren, als eine wesensverändernde Beziehung mit Jesus zu pflegen. Gerade der musikalische Bereich scheint besonders im Fokus. Es hat sich ein regelrechter Markt entwickelt, der auch vom weltlichen Mainstream nicht ganz verschont geblieben ist.

Dadurch war ich etwas zwiegespalten. Einerseits dachte ich, etwas verpasst zu haben; eine Abzweigung, einen Weg verfehlt zu haben, den Jesus für mich vorgesehen hatte. Ich müsste doch schon eine Band leiten, auf Tour gehen, eine CD haben … usw. Andererseits wusste ich, dass Berufungen und Dienste nur in echter Abhängigkeit von Jesus gute Frucht bringen. Zuweilen belastete mich das sehr. Immer wieder quälte mich der Gedanke, ich könnte doch zu wenig Energie und Einsatz für meine musikalische Berufung aufgebracht haben. Soweit es mir möglich war, versuchte ich auch außerhalb meines gemeindlichen Umfelds musikalisch etwas aufzubauen, doch war damit ein enormer Kraft-

aufwand verbunden. Das kam mir doch seltsam vor. Denn, sollte Gott diesen Weg wirklich für mich vorbereitet haben, müsste ich ihn nicht aus eigener Kraft aufs Mühsamste erkämpfen.

Dann zeigte Gott mir auf unterschiedliche Weise, dass eine CD nicht in Frage käme. Über die Jahre machte ich hin und wieder verschiedene Tonaufnahmen mit Musikern, die mich dazu ermutigten. Die Aufnahmen waren jedoch jedes Mal enttäuschend. Man konnte sich nicht erklären, wieso von der Stimme nur ein Bruchteil des Umfanges und des Volumens zu hören war. Sie war wie eingesperrt und reduziert. Egal wann, wo und wie oft die Aufnahmen wiederholt wurden, das Phänomen blieb stets dasselbe. Das war mir wie ein Zeichen, dass Gott in diesem Bereich einen anderen Weg, einen anderen Platz für mich vorgesehen hatte – scheinbar weniger öffentlichkeitswirksam. Das jedoch widersprach völlig der gängigen Vorstellung, wie man mit einer musikalischen Begabung umzugehen hat. Im Grunde nicht anders, wie die Welt es tut. Wenn man singen und Lieder schreiben kann, muss man was daraus machen, damit jeder es sieht. Da drängte sich mir wieder meine alles entscheidende Frage auf: „Um wen oder was geht es hier eigentlich??“

Aber ich bekam noch von weiteren Geschwistern Bestätigung, denn ihre prophetischen Eindrücke wiesen darauf hin, dass meine Lieder, meine Stimme, meine Anbetung zuallererst für meinen Gott sein sollten. ER sollte mein Hauptpublikum sein. Das war es! Und so fließen die Lieder und ich singe und spiele für Ihn.

Die meisten meiner Lieder bleiben zwischen Gott und mir. Und das ist gut so. Es sind meine Gebete, meine Anbetung und Verehrung für IHN. Einige erreichen aber auch ab und an die Öffentlichkeit. Damit will ich nicht sagen, dass man anderen mit seiner Kreativität nicht auch im großen Rahmen dienen soll. Es gab und wird immer Christen geben, die dazu bestimmt sind, mehr in der Öffentlichkeit zu wirken als andere. Diesen hat der Heilige Geist einen größeren Wirkungskreis zugewiesen als anderen – auch durch CDs, Konzerte und anderes. Der Punkt ist nur, zu erkennen, wo Gott mich haben möchte, was Er mir

zugemessen hat oder ob mein eigenes Bestreben nach Geltung mich dazu verleitet, mich in eine Position zu begeben, die für mich gar nicht vorgesehen ist.

Während des Singens bei einem Gebets- und Anbetungstreffen hatte ich einmal einen denkwürdigen Eindruck. Mir wurde gezeigt, wie sehr wir doch in unseren eigenen Vorstellungen und Gewohnheiten verhaftet sind. Und wie schwer es uns fällt, davon abzurücken, selbst wenn Jesus es uns vormacht: Es waren einige Leute im Gebetsraum versammelt, einschließlich wir drei Musiker. Wie gewohnt begannen wir mit dem Lobpreis. Obwohl wir es uns so sehr wünschen, dass Gott allen Raum und alle Freiheit haben und ER die Regie übernehmen soll, halten wir dennoch an unseren gewohnten Abläufen fest. Während unserer Lobpreiszeit blickte ich also auf das große Holzkreuz, welches in dem Raum an der Wand lehnte. Plötzlich sah ich Jesus vor diesem Kreuz ausgestreckt mit dem Gesicht nach unten am Boden liegen. Es war so ein unglaublicher Akt der Demut. Er gab sich völlig hin und lag da am Boden vor diesem Kreuz. Mir schien, als werfe sich Jesus in Ergebenheit vor dem Thron des Vaters nieder. Wir saßen oder standen und sangen einfach weiter. Ich war bestürzt und beschämt zugleich. Sollten wir nicht augenblicklich unser „Geplärre“ (so kam es mir plötzlich vor) einstellen, still sein und uns in Ehrfurcht niederknien, ja niederlegen? Wäre das nicht echte Anbetung? Wenn der Sohn sich so demütig und anbetend niederwirft, wie können wir dann mit unserer Musik einfach weitermachen, so am Gewohnten festhalten und Ihn letztendlich damit völlig übergehen? Wieder lautete die Frage: „Um was geht es uns eigentlich…?“

DOCH WAS BESONDERES?

Es war zu der Zeit, als ich noch der Meinung war, es müsste mit meiner Musik einen großen Durchbruch geben und zu einem umfassenden musikalischen Dienst führen. Da hatte ich die Gelegenheit, fünf Tage im Lobpreisteam von Werner Finis mit

am Start zu sein. Es war das jährliche große christliche Zeltcamp auf der Nordalb, an dem wir morgens und abends ausgedehnte Lobpreiszeiten abhielten. Diese Tage waren unglaublich intensiv, doch auch sehr anstrengend. Man steht auf einer Bühne vor vielen hundert Leuten und regelrecht im Rampenlicht, das sollte ich schnell merken. Plötzlich war ich wichtig und interessant. Und scheinbar hatte ich aufgrund dessen, dass ich zum „erlesenen“ Kreis der Musiker und Anbeter gehörte und auf der Bühne stand, eine noch direktere Verbindung zu Gott. Wenn ich durch das Camp ging, guckten mich die Leute oft an und tuschelten: „Das ist doch die, die im Lobpreisteam singt.“ So, als ob damit ein Sonderstatus verbunden wäre. Einmal sprach mich eine Frau fast ehrfürchtig an. Ich kannte sie gar nicht. Sie erzählte mir von ihren Schwierigkeiten im Leben. Es war ihr unglaublich wichtig, meine Meinung darüber zu erfahren. Fast so, als hätte ich Macht, ihr Absolution zu erteilen, aufgrund meines „erhobenen Standes“ in dem sie mich sah. Es war mir unangenehm und ich fühlte mich in eine falsche Position gehoben. Wir waren nicht auf Augenhöhe. Sie sah zu mir auf.

Im Nachhinein macht es mich immer noch sehr traurig, denn mir wurde besondere Bedeutung zugemessen, weil ich auf der Bühne agierte und dadurch in ihren Augen eine besondere Salbung innezuhaben schien. Viele Male schon ist mir das unter Christen begegnet; obwohl wir ein Leib sind, scheinen die einen wichtiger, die anderen unwichtiger zu sein. Das ist tragisch, denn Gott redet auch durch die vermeintlich „unwichtigen“ Christen. So wird Gottes Reden oftmals verpasst, wenn es durch den Mund „gewöhnlicher“ Christen erfolgt.

Oft kommt es mir so vor, wir Christen hätten die weltlichen Hierarchien in unserem Miteinander übernommen. Dabei sollen wir doch einen völlig anderen Umgang miteinander haben als die Welt. Wir sollen das Wesen Jesu widerspiegeln. Jeder einzelne Gläubige ist ein wichtiges Glied des Leibes Jesu und stellt einen Aspekt Seines Wesens dar. Als einzelne Gläubige und auch in Gemeinschaft repräsentieren wir das Kostbarste, was es gibt: Seine

Braut! Bei Jesus muss man sich weder bedeutend machen, noch muss man bedeutend sein. Einzig in IHM muss man sein. Gott immer mehr zu erkennen, so wie ich von Ihm erkannt bin und Er mich dadurch in Sein Bild umgestalten kann und darf. Darum geht es!

Es ist mein Herzenswunsch „echt“ zu sein, wie ich es in einem Lied ausgedrückt habe:

Ich will ein Herz, das ehrlich ist, bedingungslos bereit für Dich.

Ich will echt sein, ich will echt sein.

Ein Herz, das tut, was Dir gefällt, nicht Freundschaft schließt mit der Welt.

Ich will echt sein, ich will echt sein.

Ich will ein Herz, das nie mehr lügt und sich nie wieder selbst betrügt.

Wahrhaftigkeit soll meine Zierde sein.

Ich will ein Herz, das frei von Last ergreift, was Du bereitet hast.

Ich will echt sein, Jesus, ich will echt sein!

Wie ein Edelstein mach mich ganz rein und trag mich wie ein Siegel an Deinem Herz.

Klar wie ein Kristall, mach mich überall.

Ich will rein sein wie Gold, pures Gold.

Mein Herz soll Dir ergeben sein, geschliffen wie ein Edelstein.

Ich will echt sein, ich will echt sein.

Ich will ein Herz, das Ohren hat, das hört, was Du zu sagen hast.

Ich will echt sein, ich will echt sein.

Will hören, wie ein Jünger hört und tun, was sich vor Dir gehört.

Ich schrei zu Dir: „Verändere Du mein Herz!“

Will Augen, die wie Deine seh‘n und Füße, wohin Deine geh’n.

Ich will echt sein, Jesus, ich will echt sein.

Wie ein Edelstein mach mich ganz rein und trag mich wie ein Siegel an Deinem Herz.

Klar wie ein Kristall, mach mich überall.

Ich will rein sein wie Gold, pures Gold.

2 – IHN kennenlernen

Manchmal habe ich den Eindruck, Gläubige konsumieren mehr christliche Bücher, als in ihrer Bibel zu lesen. Dabei hat Gott sich doch in Seinem Wort offenbart und Sein Wort ist das Manna des Himmels, unser tägliches Brot, das wir zum Leben brauchen. Das soll nicht heißen, man solle ausschließlich die Bibel lesen oder hören und nichts anderes mehr. Schließlich gibt es Lehrer und Propheten, die zur Zurüstung der Gläubigen vorgesehen sind. Doch bei mir gab es eine Phase, in der ich mehr an den Lippen und Worten charismatischer Prediger hing, als am Wort Gottes selbst. Mich beeindruckten die oft übernatürlichen Erlebnisse, Zeichen und Wunder der Autoren. Das wollte ich auch haben! Ich wollte Gott viel mehr erleben! Hunger nach mehr ist eine gute Voraussetzung. Falsch war dabei nur, dass ich die Erlebnisse und Zeugnisse der anderen als meinen Maßstab nahm. Gott aber hat sich doch mit meiner Person, so wie ich bin, verheiratet. Es ist wie in einer Ehe, ich lerne meinen Partner nur immer mehr kennen und lieben, wenn ich mich ihm direkt zuwende. Wenn ich Zeit mit ihm verbringe, Intimität mit ihm pflege und über ihn nachsinne. So ist es auch mit Jesus. Im Stillsein vor Ihm, im Hören, im Beten und Reden mit Ihm und im Lesen Seines Wortes, erkenne ich Ihn immer mehr, so wie ich von Ihm erkannt bin. Er stellt sich mir in Seinem Wort vor und Sein Heiliger Geist lehrt und führt mich in die ganze Wahrheit. Als ich weniger Bibel und mehr christliche Lektüre las, kam es mir mit der Zeit so vor, als ob ich aus zweiter Hand mit meinem Gott lebte. Dabei wollte ich doch nur eins sein mit Ihm. Wie der Jünger Johannes seinen Kopf an Jesu Brust lehnte, Jesu Herzschlag spürte, so wollte ich auch mein Herz mit dem Seinen verbinden, Ihn immer besser hören und verstehen. Infolgedessen traf ich eine Entscheidung und las dann fast ausschließlich die Bibel, damit ich Sein Reden, Seine Wahrheit und Offenbarungen selbst entdecken und erfahren konnte.

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