Hanne Baar SO KÖNNEN WIR DOCH LEBEN
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Zu diesem Buch:
Behutsam und leicht leserlich geschrieben greifen Hanne Baars Bßcher da, wo man als Leser Anregung und Ermutigung gebrauchen kann, da, wo sich Angst und Ärger zusammenballen kÜnnen und es darauf ankommt, Licht in die eigenen Motive zu bringen.
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Hanne Baar
HYMNUS-VERLAG
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1. Auflage 2014 Hymnus-Verlag Hanne Baar, Kardinal-Döpfner-Platz 7, D-97070 Würzburg hanne@hymnus-verlag.de / www.hymnus-verlag.de Umschlaggestaltung: Patrick Reichert-Young, Köln Illustration S. 23: Jana Herzberg, Berlin Grafik „Taube 1“, S. 72: Patrick Reichert-Young, Köln Druck: CPI books GmbH ISBN: 978-3-933959-15-7
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Sinn Ich bin gut. Das ist gut. Ich bin schlecht. Das ist schlecht. Ich bin. Das ist Sinn. Jana Herzberg
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Inhalt
Vorwort ............................................................................. 9 Was nenne ich „psychisch gesund“? ............................ 11 (Versuch einer Definition – Tugend oder Untugend, Fähigkeit oder Symptom? – Liste gesunder und entarteter Fähigkeiten – Meditation zum Thema Zeit)
Meine Hypothesen ......................................................... 17 Die fatale Verwechslung von Reue und Selbstanklage ......................................... 19 (Reue – Selbstvorwurf – Karins Schlüssel)
Gottesverwechslung ....................................................... 27 (Der geheime Köder – Ausnutzen, was man wollen kann – Noch Fragen?)
Glücksfund im Dschungel psychologischer Theorien ............................................. 35 (Was tut so weh? – Zustimmung und Widerspruch – Kopiergeld-Segen – Gutes und Schlimmes – Bin ich Gott gleichgültig? – Noch Fragen?)
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Erprobte Hilfsmittel ........................................................ 47 (Arbeitsbogen wunder Punkt – Das „Minnesota Bewusstheitsrad“ – Zurück in die Vergangenheit über die „Marmortreppe“ – Jetzt piept es auch noch – Die Stellschraube – Noch Fragen?)
Wahrheitsliebe und Wut ................................................. 59 (Zunehmende Genauigkeit und Treffsicherheit der Sprache – Die Liebe zur Wahrheit wird „von Gott angenommen“ – Wut, drei Beispiele – Gerechter Zorn?)
Psychohygiene und Fun ................................................ 69 Das Bibelteilen und zwei entscheidende Gebete ........ 71 Mehr als Nostalgie .......................................................... 77 Die Schlange (ein Gleichnis) ......................................... 81 Meditation zum Thema Herz ........................................ 85
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Vorwort
Laut Umfrage einer Frauenzeitschrift fanden es dreiviertel der Leser erholsam, sich Zeit zu nehmen, ihren Gedanken nachzugehen. „Um sich selbst zu finden“, könnte man ergänzen. Denn wir kommen auf die Dauer nicht umhin, unverdaute Enttäuschungen, verdrängte Verzweiflung ihrem Inhalt nach zuzulassen, zuzugeben und zu verarbeiten, um zurückzufinden zu Gelassenheit, Arglosigkeit und Vertrauen. Art und Umfang unverdauter Negativerfahrungen und „Komplexe“ sind bei Christen vermutlich nicht anders geartet als bei Nichtchristen. Der Umgang damit jedoch wird bei Menschen, die von Gottes Barmherzigkeit ausgehen und Reue von Selbstanklage unterscheiden können, mutiger und angstfreier sein. Es geht in diesem Buch um Anregungen, die helfen, eigene Gefühlsstaus aufzulösen und wieder gottfragend/gotthörend Schritt für Schritt leben zu können. Manches wird helfen oder wenigstens interessant sein. Hoffe ich. Hanne Baar Würzburg, im Mai 2014
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Was nenne ich „psychisch gesund“? Versuch einer Definition Ist „psychisch gesund“, wenn ich mich normal verhalte, für mich selbst sorgen kann, zufrieden bin mit dem, was ich habe, gut eingehen kann auf andere, mein Potential voll ausschöpfe, orgasmusfähig bin, mir wenig Stress mache, oder wenn all das zusammen kommt? Wir haben als christliche Psychologen vor einiger Zeit zu viert einen halben Tag lang miteinander diskutiert: „Was heißt psychisch gesund?“ Jeder hatte eine andere Meinung. Neulich, nach monatelangem Nachspüren und Überlegen, das obige Thema ging mir nicht mehr aus dem Kopf, bin ich mit einer Formel aufgewacht: Das Maß an psychischer Gesundheit ist gleich dem Maß an bewusstem Fragen danach, was momentan das Beste wäre (zunächst einmal nur im Wollen und Wünschen). Was ich meine (ich bitte um Geduld), psychisch gesund wäre demnach jemand, der bereit und fähig ist, die äußeren Gegebenheiten sowie die eigenen Absichten wahrzunehmen und sich, was die nächsten Schritte betrifft, für das Angemessene, das möglichst alle wichtigen Faktoren berücksichtigende Adäquate zu entscheiden. Dementsprechend würde umgekehrt psychisch gestört bedeuten, sich von inneren oder äußeren Gegebenheiten treiben zu lassen, ohne dies Getriebensein überhaupt zu merken, geschweige denn, es bewusst stoppen zu wollen oder zu können, um zu hinterfragen, ob es auch anders geht und was das Beste ist. 11
Niemand will das natürlich. Wer will schon seinen Automatismen ausgeliefert und durch bestimmte Signale an- und abstellbar sein! Andererseits: Wer ist nicht zumindest partiell unter der Herrschaft solcher Mechanismen? Wenn in dem Fall jedoch, und das ist die gute Nachricht, Unzufriedenheit und Wut entstehen, dann ist dies, weil es fragend macht und Bewusstheit geradezu erzwingt, das erste Anzeichen von Gesundung. Seelsorge oder Psychotherapie setzen da an, helfen, sehend zu werden, sich selbst verstehen und „lesen“ zu lernen, um nicht länger gut und böse, Freund und Feind oder die lauwarme Freiheit zum Beliebigen mit der wirklichen Freiheit zum Optimalen zu verwechseln.
Tugend oder Untugend, Fähigkeit oder Symptom In unserer seelischen Entwicklung kann, was ursprünglich gesund ist, durch Übersteigerung entarten, zum Beispiel kann Selbstbewusstsein zu Hochmut werden, Sorgfalt zu Pedanterie, Vertrauen zu Leichtgläubigkeit ... Wenn ich Hochmut gegenreguliere und mich in Demut übe, kann auch das wieder entarten, und zwar zu Unterwürfigkeit. – So gesehen kann jeder in jeder Hinsicht mal von der einen, mal von der anderen Seite vom Pferd fallen. Die nachfolgende Liste hilft, das Prinzip zu verstehen und eignet sich zu einer Gewissenserforschung in dem Sinne: Wo ufere ich aus? Wo neige ich zu einseitiger Überstei12
gerung? Die Umkehr geschieht in dem Fall über das Einüben der unterentwickelten sowie die Mäßigung der übersteigerten Fähigkeit. Bei dem Gegensatzpaar „Reden – Schweigen“ zum Beispiel wird sich, wenn das Gleichgewicht verloren ging, der eine im Schweigen, der andere im Reden zu üben haben. Mit anderen Worten: Zu jeder Fähigkeit gehört der Gegenpol. Wurde der nicht ausgebildet oder ging er verloren, dann wird aus der Fähigkeit, da das Regulativ fehlt, durch Übersteigerung eine Untugend. Das kann bei jeder Fähigkeit passieren. Jede Fähigkeit kann zur Untugend entarten: gesundes Selbstbewusstsein zu Hochmut, Sorgfalt zu Pedanterie, Vertrauen zu Leichtgläubigkeit usw. In der nachfolgenden Liste bezeichnen von jeweils vier zusammengehörigen Begriffen zwei die gesunde Version, zwei die pathologische. Es kann übrigens Spaß machen, die hier noch fehlenden Gegensatzpaare zu finden und sie der Liste hinzuzufügen. Dem psychologischen Tüfteln sind keine Grenzen gesetzt.
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Liste gesunder und entarteter Fähigkeiten Selbstachtung und Demut (Stolz oder Unterwürfigkeit), Tun und Lassen (Aktivismus oder Faulheit), Sorgfalt üben und „fünf gerade sein lassen“ (Pedanterie oder Nachlässigkeit), Genuss und Verzicht (Gier oder kategorische Entsagung), reden und schweigen (geschwätzig oder wortkarg sein), Gemeinschaft genießen und allein sein können (sich an Menschen hängen oder vereinsamen), Freude und Trauer (himmelhoch jauchzend oder zu Tode betrübt), trösten und ermahnen (beschwichtigen oder kritisieren), Mut und Vorsicht (Leichtsinn oder Feigheit), loben und tadeln (in den Himmel heben oder diskriminieren), 14
ja und nein (auf jeden Fall oder um keinen Preis), Sündenbewusstsein und Erlösungsgewissheit (Selbstvorwurf oder skrupellose Selbstsicherheit), Verantwortung übernehmen und auch loslassen können (Überverantwortlichkeit oder Verantwortungsscheu), nachgeben und sich durchsetzen (rückgratlose Nachgiebigkeit o. gewaltsames Erzwingen).*
____________ * Quellennachweis: Heinz Strauß, München (Vortrag 1980 in Meerbusch); Paul Hellwig, Charakterologie, besonders das Kapitel „Wertequadrat“, Stuttgart 1965, S. 654; Hanne Baar, „Der lebendige Rhythmus gesunder Fähigkeiten und seine Verzerrung“ in „Gott macht das Schwache stark“, Hymnus-Verlag, S. 16-23
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Meditation zum Thema Zeit (Pred 3,1-8) Alles hat seine Zeit, und jegliches Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde. Geborenwerden hat seine Zeit, Sterben hat seine Zeit; Pflanzen hat seine Zeit, und Gepflanztes ausrotten hat seine Zeit; Tรถten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit; Zerstรถren hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit; Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit; Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit; Steine schleudern hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit; Umarmen hat seine Zeit, und sich der Umarmung enthalten hat auch seine Zeit; Suchen hat seine Zeit, und Verlieren hat seine Zeit; Aufbewahren hat seine Zeit, und Wegwerfen hat seine Zeit; Zerreiร en hat seine Zeit und Flicken hat seine Zeit; Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit; Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit; Krieg hat seine Zeit, und Frieden hat seine Zeit.
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Meine Hypothesen 1. Haltungssünden, Untugenden wie Neid, Eifersucht, Stolz, Geiz, Hass ... repräsentieren in ihrer Gesamtheit das Wesen des Bösen (Satans) in der Welt, während die Tugenden das Wesen Gottes repräsentieren. 2. Im Kern jeder negativen Haltung steckt Nichtvergeben. Wenn z. B. jemand anders etwas hat, was ich gern hätte, dann wird daraus erst dann Neid, wenn ich das nicht vergebe (ihm, einem anderen Menschen, Gott, dem Schicksal). Andernfalls handelt es sich nicht um Neid, sondern um einen Wunsch, eine Sehnsucht. 3. Jedes aktuelle Nichtvergeben (Übelnehmen) führt uns hin zu ähnlichen, bereits „geschluckten“ Übeln, zu den noch nicht verarbeiteten, nicht verschmerzten Enttäuschungen. 4. Wer sich Zeit nimmt und den „Knoten“ auflöst, das heißt, dem Gefühl der Enttäuschung nachgeht und dranbleibt, bis es sich ihm erschließt, trifft im Kern eines solchen „Komplexes" auf eine scheinbar unerträgliche Vorstellung, der gegenüber man mit einer „Alles-nur-dasnicht“-Reaktion eingestellt ist. 5. Diese Vorstellung zu ertappen und den Schmerz wenigstens kurz einmal zuzulassen, bricht den „Alles-nur-dasnicht“-Schwur.
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6. Mit anderen Worten: Beim bewussten Wahrnehmen einer scheinbar unerträglichen Vorstellung vergeht man nicht wie befürchtet vor Angst, Schmerz oder Scham. Sondern Angst, Schmerz, Scham vergehen. 7. Vorstellungen, die, durch äußere Ereignisse angetippt, Überreaktionen auslösen, sind zunächst unbewusst. Das aber nicht deshalb, weil sie so tief sitzen, also zeitlich so weit zurück liegen, sondern weil sie so blitzschnell ablaufen. Ähnlich, wie wenn in einen normalen Film eine Werbung so eingeblendet wird, dass man sie bewusst gar nicht wahrnimmt, aber doch darauf reagiert. 8. Dennoch kann man lernen, eine scheinbar unerträgliche Vorstellung, die uns zu negativen Haltungen und Überreaktionen veranlasst, ihrem Inhalt nach in den Blick zu bekommen. Zuerst nachträglich, später beizeiten. 9. Wenn das gelungen ist, hat der Automatismus, der uns zu negativen Haltungen und Überreaktionen veranlasst, seine zwingende Macht verloren. Weiches, warmes, dem Anlass angemessenes Trauern wird möglich. [10. Frage: Hat uns dann ein Dämon verlassen, der im Innersten des Komplexes der Gedankenfestung wohnte?]
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