Dies ist eine erfundene Geschichte. Namen, Charaktere, Orte und Ereignisse sind Produkte der Fantasie der Autoren oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen lebenden oder verstorbenen Personen ist rein zufällig.
AMIR TSARFATI STEVE YOHN UND DURCH GEZIELTE TÄUSCHUNG
ICH, AMIR, WIDME DIESES BUCH
Gott, dem Allmächtigen und Allgegenwärtigen: Du hast mir im vergangenen Jahr gezeigt, dass Du immer da bist, selbst in den größten Widrigkeiten.
Hanan Lokes, meinem Schwiegervater, Pastor, Vater, Freund und Bruder: Du warst ein wahrer Patriarch, der diese Familie im Streben nach Gottes Wahrheit geführt hat. Du hast mit Mike und mit mir online Vers 15 aus Psalm 116 gelesen: „Kostbar ist in den Augen des HERRN der Tod seiner Getreuen.“ Zwei Tage später bist du heimgegangen in die Arme des Erlösers. Du bist geliebt, du wirst vermisst und wir freuen uns auf den Tag, an dem wir wieder mit dir vereint werden in der Gegenwart unseres Gottes. Bis dahin halten wir fest an der hoffnungsvollen Zusage aus Römer 8,28, dass „denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach dem Vorsatz berufen sind“.
ICH, STEVE, WIDME DIESES BUCH
Dem allmächtigen Schöpfer und Erhalter aller Dinge: Deine Schönheit und Kreativität, Deine Wahrheit und Dein Humor sind die Musen, die meine Leidenschaft nähren, Worte zu Papier zu bringen.
Madeline: Deine Freude am Leben erhebt mich, deine Schönheit überwältigt mich, deine Leidenschaft für Bildung fordert mich heraus und dein laserpräziser Verstand lässt mir nie etwas durchgehen. Du bist das größte Geschenk, das Gott deiner Mutter und mir gemacht hat. Du bist mein Licht, meine Liora.
DANKSAGUNGEN
Gott, Du bist treu. Du hast diese Idee einer Romanserie auf eine Ebene gehoben, die wir uns nie hätten vorstellen können. Wir sind demütig und dankbar.
Amir dankt seiner Frau Miriam, seinen vier Kindern und seiner Schwiegertochter. Steve dankt seiner Frau Nancy und seiner Tochter. Ihr gebt uns die Kraft, die Berufung zu erfüllen, die Gott uns auferlegt hat. Danke für eure vielen Opfer.
Herzlichen Dank an das Team von Behold Israel – Mike, H.T. und Tara, Gale und Florene, Donalee, Joanne, Nick und Tina, Jason, Abigail und Kayo. Ihr sorgt mit eurer unermüdlichen Arbeit dafür, dass sich die Räder bei Behold Israel kontinuierlich drehen. Wir sind so gesegnet, dass ihr mit uns dient.
Danke, Salina Kimberly Etrusco, für dein künstlerisches Geschick. Danke, Jason Elam Jr. und Ryan Miller, für eure militärische und waffentechnische Expertise. Vielen Dank Maayan Tsarfati für deine Hilfe mit dem hebräischen Slang. Danke, Jean Kavich Bloom, für deine redaktionelle Arbeit. Zu guter Letzt sind wir Bob Hawkins Jr., Kim Moore, Steve und Becky Miller und dem ganzen Team von Harvest House zu Dank verpflichtet. Ihr seid Teil unserer Familie geworden, und wir sind dankbar für unsere Partnerschaft.
„Wenn der Mann eine potenzielle Gefahr für die Bürger Israels darstellt, darf er nicht länger am Leben bleiben.“
YOSSI COHEN, EHEMALIGER LEITER DES MOSSAD (2016–2021)
„Die schmutzigsten Aktionen sollten von den redlichsten Männern ausgeführt werden.“
MEIR DAGAN, EHEMALIGER LEITER DES MOSSAD (2002–2011)
„Mit gezielter Täuschung sollst du Krieg führen.“
EHEMALIGES MOTTO DES MOSSAD (SPRÜCHE 24,6)
VERZEICHNIS DER CHARAKTERE
ISRAELIS
Zakai Abelman – Kidon-Teamleiter
Dima „Drago“ Aronov – Kidon-Agent
Omer Azoulai – Leiter des Shayetet 13 Teams
Lavie Bensoussan – Kidon-Teamleiter
Malka Bieler – Assistentin des Ramsad
Efraim Cohen – stellvertretender Vizedirektor von Caesarea
Ravid Efrat – Kidon-Teamleiter
Irin Ehrlich – Kidon-Teamleiter
Yaron Eisenbach – Kidon-Agent
Karin Friedman – stellvertretende Vizedirektorin des Mossad
Oren Geller – Premierminister
Yossi Hirschfield – Mossad-Analyst
Ira Katz – Ramsad (Leiter des Mossad)
Doron Mizrahi – Kidon-Agent
Avigdor Neeman – ehemaliger Kidon-Agent
Asher Porush – stellvertretender Direktor des Mossad
Liora Regev – Mossad-Analystin
Dafna Ronen – Mossad-Analystin
Lahav Tabib – Mossad-Analyst
Nir Tavor – Kidon-Teamleiter
Yoram Tzadik – Mossad-Agent und Einsatzleiter der Operation
Tiefer Schlaf
Imri Zaid – Kidon-Agent
SÜDAFRIKANER
Nicole le Roux – Mossad-Agentin
SAUDIS
Ali Kamal – Mitglied der saudischen Königsfamilie
Saad Salim – Eigentümer und Vorstandsvorsitzender (CEO) von ASEnergy
ASERBAIDSCHANER
Elnur Isayev – ehemaliger stellvertretender Vizechef des aserbaidschanischen Auslandsgeheimdienstes
IRANER
Leutnant Asadi – Angehöriger des Generalkommandos der Strafverfolgungsbehörden der Islamischen Republik Iran (NAJA)
Dr. Mohsen Fachrisadeh – Leiter der Organisation für defensive Innovation und Forschung (S.P.N.D.) und „Vater der iranischen Bombe“
Dr. Ghasemi – Spezialist der IRGC
Officer Kazemi – Angehöriger der Verkehrspolizei der NAJA
General Arash Mousavi – Leiter der Geheimdienstabteilung der Quds-Einheit des Korps der Islamischen Revolutionsgarde (IRGC)
US-AMERIKANER
Oberleutnant Caitlin Bader – Hubschrauberpilotin des United States Marine Corps (USMC)
Lily Cohen – Tommy Cohens Tochter
Tomaso „Tommy“ Cohen – Wachmann eines Sicherheitsdienstes
Alicia Marcos – Künstlerin
Hauptmann J.J. Marks – Hubschrauberpilot des USMC
BELGIER
Mila Wooters – Assistentin der Geschäftsführung bei Yael Diamonds
DEUTSCHE
Dr. Holger Lindner – Kernphysiker
ZEITANGABEN
AST – Arabia Standard Time
AZT – Azerbaijan Time
CDT – Central Daylight Time
CST – Central Standard Time
IDT – Israel Daylight Time
IRST – Iran Standard Time
IST – Israel Standard Time
IST – India Standard Time
MESZ – Mitteleuropäische Sommerzeit
MEZ – Mitteleuropäische Zeit
MVT – Maldives Time
OESZ – Osteuropäische Sommerzeit
OEZ – Osteuropäische Zeit
SCT – Seychelles Time
SGT – Singapore Time
FEBRUAR 2018
KAPITEL 1
GEHEIMQUARTIER DES MOSSAD, ASTARA, ASERBAIDSCHAN
1. FEBRUAR 2018 – 06:40 UHR AZT
„Du siehst aus, als hätte dir jemand die Frau gestohlen, Tavor“, sagte Elnur Isayev in seinem gestelzten Englisch. „Bist du mit dem Verlauf nicht zufrieden?“
Es ist nur ein schmaler Grat, der zwischen Pessimismus und Realismus liegt, ganz besonders für Juden. Das Leben hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, wie aus dem Nichts sich zu erheben und ihnen einen derben Faustschlag zu versetzen. Nir war klar, dass er genau aus diesem Grund sich gedanklich darauf vorbereitete, die Faust des Lebens wieder zu schmecken, obwohl die Operation Tiefer Schlaf bisher bemerkenswert gut gelaufen war.
Ohne den ehemaligen Stellvertreter des Vizechefs des aserbaidschanischen Auslandsgeheimdienstes anzuschauen, antwortete Nir: „Sie ist noch nicht in Sicherheit.“ Sogleich korrigierte er seinen Ausrutscher: „Wir haben immer noch viele Schafe unter den Wölfen da draußen.“
„Ah, aber ein Lämmchen scheint dir ganz besonders am Herzen zu liegen.“
Nir drehte sich um und bemerkte ein Grinsen unter dem buschigen grauen Schnurrbart des Mannes. Eigentlich wollte
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er die Stichelei erwidern, aber Isayev hatte vollkommen recht. Selbstverständlich war er um die Sicherheit jedes einzelnen der 20 Akteure da draußen auf dem Operationsfeld besorgt. Aber es war die Sorge um das Schicksal einer bestimmten Person, die ihn auf dem Zementboden dieses Geheimquartiers auf und ab gehen ließ.
Und warum sollte die Tatsache, dass Isayev seine Sorge um Nicole bemerkt hatte, ihn von dem abhalten, was er jetzt vorhatte?
„Ruf Julia an“, sagte er zu einem der vier Mossad-Techniker, die vor einer Computeranlage in der Mitte des offenen, aber niedrigen Raumes saßen. Der Mann blickte kurz zu Yoram Tzadik, dem für die Operation verantwortlichen Agenten. Tzadik nickte zustimmend. Dann, nach einigen Tastaturklicks, wurde Nir eine Sprechgarnitur gereicht.
Er setzte sie auf, beugte sich nach vorn über den Tisch, stützte die Fäuste auf und wartete.
„Julia”, sagte eine rauchige Stimme mit südafrikanischem Akzent. Julia war einer der Decknamen während dieser Operation. Dieses eine Wort genügte Nir, um erleichtert aufzuatmen. Nicole le Roux war nur 400 Kilometer entfernt, aber diese Strecke lag komplett auf dem Gebiet der Islamischen Republik Iran. Sie hätte ebenso gut auf der anderen Seite des Globus sein können.
„Julia, hier Matt. Ich wollte nur mal hören, wie es läuft.“
„So weit, so gut. Ich freue mich auf ein schönes heißes Bad und einen guten, starken Drink.“
„Ich denke, mit dem Ersten wirst du mehr Glück haben als mit dem Zweiten. Pass auf dich auf. Ende.“
Nir nahm das Headset wieder ab und gab es dem Techniker zurück, nicht ohne sich bei dem jungen Mann mit einem Klaps auf die Schulter zu bedanken. Nach einem Blick auf die G-Shock an seinem Handgelenk berechnete er die Zeitdifferenz zwischen der aktuellen Uhrzeit und der voraussichtlichen
Ankunftszeit von Nicole am Abholpunkt. Wenigstens wurde die Zeit, bis sie in Sicherheit wäre, jetzt in Stunden und nicht mehr in Tagen gemessen.
Zum ersten Mal an diesem Morgen setzte er sich hin.
Obwohl er und Nicole in zwei verschiedenen europäischen Ländern lebten und beide ein arbeitsreiches Leben führten, fanden sie immer wieder Zeit, sich zu treffen. Manchmal besuchte sie ihn in Belgien. Oft benutzte er einen Vorwand, um in der Nähe ihrer Fotoshootings für sein in Antwerpen ansässiges Diamantenunternehmen tätig zu sein. Oder er besuchte sie in Mailand, ihrem Zuhause, wann immer sie dort sein konnte. Irgendwie schien ihre bereits acht Jahre währende Beziehung zu funktionieren – entgegen aller Theorien.
Er begann sich sogar zu fragen, ob diese Südafrikanerin, die hauptberuflich Model und nebenberuflich Computerhackerin beim Mossad war, „die Richtige“ sein könnte.
Genau deshalb wollte er sie bei dieser Operation nicht dabeihaben. Es war zu gefährlich. Nicole war keine Agentin. Sie hatte noch nie eine Waffe außerhalb des Schießstandes abgefeuert. Das Gefährlichste, was sie bisher erlebt hatte, war, dass sie zur Zielscheibe in einem Feuergefecht in Südafrika wurde, bevor sie überhaupt zum Mossad gekommen war. Wenn man sie ohne jegliche Erfahrung als Agent in einen Außeneinsatz schickte, konnte sie gefangen genommen oder sogar getötet werden. Nir hatte versucht, Tzadik zu überreden, sie von der Operation abzuziehen. Als das erfolglos war, hatte er den Mann angeschrien und verflucht. Schlussendlich hatte sein Vorgesetzter ihn aus dem Büro geworfen und gedroht, ihn von der Operation abzuziehen, wenn er sich nicht beherrschen könne.
Außerdem war er immer wieder und massiv mit der Tatsache konfrontiert worden, dass es absolut Sinn machte, Nicole im Team zu haben. Sie war keine Israelin, und ihre technischen Fähigkeiten waren für den Erfolg des Plans unverzichtbar. Aber nun war sie im Iran, in der Höhle des grausamsten aller Löwen.
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Es gab so viele „Was wäre wenn“-Szenarien, und jedes führte zu einer schlimmeren Schlussfolgerung als das vorherige. Doch wie sich herausstellte, waren seine Befürchtungen unbegründet gewesen – bis jetzt.
Als Nir merkte, dass seine einzige Kalorienzufuhr seit dem gestrigen Abend nur aus einer gelegentlichen Tasse Kaffee mit Zucker bestanden hatte, griff er in die Tasche seiner Cargohose und holte einen Energieriegel heraus. Obwohl es draußen nur 11 Grad Celsius und regnerisch war – und auch im Unterschlupf war es nicht gerade warm – war der Riegel durch seine Körperwärme weich geworden. Er biss hinein, schloss die Augen und atmete tief durch.
Zwanzig Minuten später war jedes bisschen Gelassenheit verflogen. Das Leben hatte tatsächlich wieder einmal die Faust geschwungen und voll zugeschlagen.
KAPITEL 2
NACHT STUNDEN ZUVOR – TEHERAN, IRAN
31. JANUAR 2018 – 22:15 UHR IRST
icole fröstelte, als sie die Handschuhe auszog. Draußen herrschten Minusgrade, und die Karosserie des Lieferwagens hielt die Kälte nicht ab. Die Heizung funktionierte nur bei laufendem Motor, doch das würde selbst an einem abgelegenen
Ort wie diesem unerwünschte Aufmerksamkeit erregen. So war sie auf mehrere Schichten Kleidung und Körperfett angewiesen, um die Kerntemperatur ihres Körpers aufrechtzuerhalten.
Ersteres hatte sie reichlich, aber an Letzterem mangelte es ihr gewaltig.
Sie hielt ihre bloßen Hände an die Gehäuse der Computer, die sich vor ihr befanden, und nahm die spärliche Wärme auf, die diese abstrahlten.
Im Wagen saßen noch drei Männer – der Fahrer und zwei Techniker. Einer der Techniker war für die Kommunikation zuständig. Der zweite, der einzige Englisch sprechende Mann im Fahrzeug, überwachte das Bild einer kleinen Kamera, die gegenüber der anvisierten Lagerhalle installiert war. Ein fünftes Teammitglied stand draußen im Halbdunkel und passte auf, dass niemand versehentlich über die dünnen Kabel stolperte, die
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das Fahrzeug mit dem Sicherheitssystem des Nachbargebäudes verbanden.
Normalerweise war es nicht schwer für sie, das Alarmsystem eines Zielobjekts zu hacken, aber dieses hier war Teil eines geschlossenen Systems, zu dem es keinen Zugang von außen gab. Sie konnte also weder das Internet noch Telefonleitungen nutzen. Die einzige Möglichkeit, die Kontrolle zu übernehmen, bestand darin, in das Gebäude selbst oder in eines der vier anderen Regierungsgebäude einzudringen, die zum selben Sicherheitskreis gehörten. Und das war der Grund, warum Nicole sich zusammen mit diesen drei aserbaidschanischen Mossad-Agenten in dem Gefrierschrank in Form eines Iran Khodro Diesel Vans in einem Vorort von Teheran wiederfand.
„Okay, Julia, lass die Würfel rollen.“
Als Tzadiks Anweisung für Nicole über das Headset kam, begann sie sofort auf ihrer Tastatur zu tippen. Es war für sie das Stichwort, die Alarmanlage der Lagerhalle auszuschalten. Ihre Finger schmerzten vor Kälte, aber beim Fliegen über die Tastatur wurden sie wärmer.
„Sieben“, rief sie, als die Arbeit erledigt war. Obwohl der Alarm jetzt ausgeschaltet war, schien die Anlage für jeden, der das System überwachte, ganz normal zu funktionieren und scharf geschaltet zu sein.
„Okay, die Chips einsammeln“, sagte Tzadik.
Mit ein paar weiteren Tastenanschlägen hatte Nicole die internen Kameras der Lagerhalle angezapft und begann mit der Aufzeichnung. Als sie auf ihre Monitore blickte, schüttelte sie wieder einmal den Kopf über die Dreistigkeit des Vorhabens des Mossad. Nur die Israelis würden die Unverfrorenheit besitzen, solch einen Diebstahl zu wagen. Doch als Nir ihr vor einigen Wochen den Zweck der Operation erklärt hatte, war ihr alles klar geworden.
Sie war zu Hause in Mailand gewesen, als er angerufen und gesagt hatte, dass er kommen würde, um über Mossad-Ange-
legenheiten zu sprechen. Das war ungewöhnlich gewesen. Normalerweise kontaktierte der Mossad sie über verschlüsselte E-Mails, und nur selten arbeiteten sie und Nir zusammen – zumindest bei dieser Art von Geschäft. Er war mit einer Flasche Wein und einer Packung frischer Garnelen gekommen. Später am Abend, als die Mägen voll waren und die Weinflasche leer, hatten sich beide auf ihrem Plüschsofa zurückgelehnt. Nicole hatte sich an Nir geschmiegt und in seinen Arm gekuschelt.
„Also, was führt Sie hierher, Herr Geheimagent?“
„Ihre Schönheit hat mich angezogen wie der Honig die Biene“, hatte Nir mit einem grottenschlechten französischen Akzent gesagt.
Nicole hatte gelacht und ihm einen Klaps auf die Brust gegeben. „Das war furchtbar.“
„Ja, ich war schon mal besser.“
Sie hatte zu ihm hochgesehen und gesagt: „Wie besser? Du warst noch nie besser. Ich habe es dir schon einmal gesagt – du hast es einfach nicht drauf.“
Nir hatte den Moment genutzt und sie auf die Stirn geküsst. „Du hast zu hundert Prozent recht. Ich habe es absolut nicht drauf.“
Nicole war wieder an seine Seite gerutscht. „Was sagt das über mich aus? Ein Mann, der es nicht draufhat, hat mich rumgekriegt.“
Jetzt war es Nir, der lachte. „Verzweifelte Menschen tun verzweifelte Dinge. Aber im Ernst, du hast recht. Ich bin als Agent Tavor hier.“
„Also, was wäre mein nächster Auftrag, sollte ich ihn annehmen, Agent Tavor?“
Nir hatte tief geseufzt und einen Moment innegehalten. Nicole erinnerte sich daran, wie sie mit ihrer Hand über die Konturen und Furchen seines Arms gestreichelt hatte, während sie wartete.
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Schließlich hatte er gesagt: „Als Erstes solltest du wissen, dass ich vehement dagegen war, dass du an dieser Operation teilnimmst. Ich verstehe, warum der Teamleiter – Tzadik – dich dabeihaben will. Du bist einfach verdammt gut. Aber ich möchte das Risiko nicht eingehen.“ Er hatte noch einmal geseufzt. „Ich habe ihm meine Argumente vorgebracht, aber er war anderer Meinung. Jetzt bin ich hier.“
„Du musst mich nicht beschützen, Nir Tavor“, hatte Nicole mit einem scharfen Unterton in der Stimme gesagt.
„Ich weiß, ich weiß. Ich habe es zur Kenntnis genommen. Hör mir einfach zu, bevor du wütend wirst.“
„Okay, sprich weiter. Ich bin gespannt.“
„Okay“, begann er. „Der Hintergrund ist folgender. Der Iran hat 2015 den Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplan JCPOA zu seinem Atomprogramm unterzeichnet und sich damit für verschiedene Kontrollmaßnahmen geöffnet. Ihr Problem dabei? Sie haben bereits seit Jahren heimlich an ihrem Atomprogramm gearbeitet.“
„Wahrscheinlich das am schlechtesten gehütete Geheimnis überhaupt.“
„Genau, aber niemand hat sich bisher getraut, sie festzunageln. Tatsache ist, wenn die Inspektoren all die schriftlichen Unterlagen ihrer Arbeit entdecken würden, dann wäre das für unsere persischen Freunde ein ziemlicher Balagan.“
„Ein was?“
„Sorry, ein Schlamassel. Sie wären auf frischer Tat ertappt, so wie ein Kind, das seine Hand noch in der Keksdose hat. Sagt man das so?“
„Ja, so ungefähr.“
„Also haben sie beschlossen, alle Beweise zu verstecken.“
„Macht Sinn. Bei der Größe des Landes dürfte das nicht allzu schwer sein.“
Nir hatte kurz aufgelacht. „Stimmt, aber jetzt wird es merkwürdig. Anstatt irgendwo in der östlichen Kamelfladenwüste
ein großes Loch für einen unterirdischen Tresorraum zu graben, haben sie sich für ein normales Lagerhaus in einem Teheraner Industriegebiet entschieden. Sie haben dort eine Reihe von Tresoren eingebaut und Anfang 2016 damit begonnen, nach und nach ihre nuklearen Geheimdokumente dorthin zu bringen. Sie hielten sich für besonders schlau, aber wir haben das Lagerhaus von dem Moment an beobachtet, als sie anfingen, alles hineinzubringen.“
Nicole hatte versucht, sich das Ganze vorzustellen. „Also, was sollen wir tun? Der Ort muss doch wie eine Festung sein, als wäre es die Staatskasse. Mit Mauern, Wachen, einem hochmodernen Sicherheitssystem …“
Wieder hatte Nir lachen müssen und sie hatte gespürt, wie er den Kopf schüttelte. „Das ist es ja. Gesichert ist da gar nichts. Sie halten sich für so schlau und geschickt und denken, niemand kommt auf die Idee, dass in diesem Lager buchstäblich tonnenweise geheime Dokumente über ihr Atomprogramm lagern könnten. Ja, sie haben eine gute Alarmanlage installiert, und es sind Wachen da, zumindest tagsüber. Aber die schließen abends um neun Uhr ab und gehen nach Hause, so dass das Gebäude gänzlich unbewacht ist.“
Nicole hatte sich aufgesetzt und war auf das nächste Kissen gerutscht, um Nir besser sehen zu können. „Du machst wohl Witze.“
„Ich weiß, es ist einfach irre. Wumm!“ Er hatte mit den Fingern die Geste einer Explosion auf seiner Stirn gemacht. „Die größten Geheimnisse deines Landes, und du gehst jeden Abend nach Hause und sagst: ‚Oh, da wird schon nichts passieren.‘“
„Ist das also die Operation? Einbrechen und das ganze Material fotografieren?“ Sie hatte im Schneidersitz auf dem Sofa gesessen und sich ein kleines Kissen auf den Schoß gelegt. Langsam hatte sie sich vorstellen können, was ihre Rolle bei dieser Aktion sein könnte.
„Nicht ganz. Der Mossad-Chef ist seit Jahrzehnten im Geschäft, und er kennt die Iraner nur zu gut. Hätten wir nur
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Fotos, würde Teheran behaupten, wir hätten sie gefälscht und die UNO würde sich zweifellos auf ihre Seite schlagen. So hat der Ramsad – natürlich mit Erlaubnis des Premierministers –beschlossen, dass wir die Tresore knacken, alles stehlen und nach Israel bringen werden. Gegen Hunderte von Aktenordnern voller iranischer Geheimnisse kann man nur schwer argumentieren.“
Nicole war fassungslos gewesen. „Sie wollen alles stehlen –wirklich alles?“
„Ja.“
„Und es dann zweitausend Kilometer nach Israel schleppen.“
Nir hatte gelacht. „Ich weiß.“ Er hatte sich vorgebeugt und vergeblich die Flasche Wein über Nicoles Glas gehoben. Als nichts herauskam, hatte er die Flasche zurück auf den Couchtisch gestellt und sich zurückgelehnt.
„Der Name der Operation ist ‚Tiefer Schlaf‘. Ende Januar werden wir die Alarmanlage ausschalten, die Überwachungskameras überbrücken, und ein Team wird reingehen und den Inhalt von zweiunddreißig Tresoren ausräumen. Und das alles in weniger als sieben Stunden.“
Nirs Stimmung war umgeschlagen. Er hatte wieder tief geseufzt. „Nicole, sie wollen, dass du die Leitung der Technik übernimmst. Das bedeutet, dass du auf iranischem Boden sein wirst. Sie können keine israelischen Agenten einsetzen, denn es wäre ein internationaler Zwischenfall und ein sicheres Todesurteil, wenn sie uns erwischen würden. Das Team vor Ort wird aus zwei Aserbaidschanern bestehen, die im Iran leben, aber für uns arbeiten. Sie sind loyal und gut in ihrem Job, aber …“
„…aber keiner von ihnen kann das, was ich kann.“ Das Gefühl in ihrer Magengrube war ein schneller Wechsel zwischen Aufregung und Angst gewesen.
„Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig diese Mission ist. Der Iran geht rasend schnell in Richtung Atombombe. Wenn sie sie haben, werden zwei Dinge passieren. Erstens werden sie viel mehr Einfluss auf der Weltbühne haben. Wenn du über den
Köpfen der Menschen mit einer Atombombe wedeln kannst, bist du in einer viel stärkeren Position, um deine Interessen durchzusetzen. Zweitens steigt die Gefahr der Auslöschung Israels exponentiell.“
„Glaubst du, sie würden die Bombe wirklich einsetzen, wenn sie sie hätten?“
„Vielleicht ja, vielleicht auch nicht mit diesem Regime. Aber wer weiß, wer danach kommt? Es ist ja nicht so, dass der Iran eine Erfolgsgeschichte der stetig wachsenden Vernunft seiner Regierungen vorweisen könnte. Außerdem mache ich mir mehr Sorgen, dass sie einer ihrer Stellvertretermilizen wie der Hisbollah eine Atombombe in die Hände geben. Aber mit diesen brisanten Informationen können wir der Welt beweisen, dass der Iran trotz seiner wiederholten Unschuldsbeteuerungen tatsächlich auf den Besitz einer Atombombe zusteuert.“
Dieses Abendessen hatte also vor sechs Wochen stattgefunden. Jetzt saß sie in dem eiskalten Lieferwagen und hatte Phase eins ihres Auftrags erledigt – das Alarmsystem war ausgeschaltet. Phase zwei, die Videoaufzeichnungen, war im Gange. Nicole atmete tief durch, um ihre Aufregung zu unterdrücken. Gerade in Zeiten wie diesen wünschte sie sich einen Gott oder eine höhere Macht, auf die sie sich verlassen könnte. Einfach jemanden oder etwas, der auf sie aufpasste und dafür sorgte, dass es ihr gut ging. Aber so war sie nicht erzogen worden. Sei taff, Mädchen. Wird schon alles gut zwischen dir und dem Typen auf der anderen Seite der Grenze.
Je mehr Nir ihr an diesem Abend den Plan erklärt hatte, desto mehr hatte er sie an einen Film erinnert, den sie als Kind mit ihrem Zwillingsbruder gesehen hatte: Ocean‘s Eleven. Eine Gruppe von Gaunern, angeführt von Danny Ocean, gespielt von George Clooney, bricht in den Tresorraum eines Casinos in Las Vegas ein. Da Nir den Film noch nicht gesehen hatte, hatten sie ihn gleich gestreamt.
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Nir hatte der Vergleich gefallen, und Tzadik auch, nachdem Nir ihm den Film geschickt hatte. Er war schnell zu ihrem Wörterbuch geworden, aus dem die Agenten ihre Decknamen bekamen und die Planer die Einsatzphasen identifizierten. Tzadik wurde George Clooney und die Nummer Zwei im Team war Brad Pitt. Die Rolle des Spießers, gespielt von Matt Damon, wurde zum Decknamen von Nir. Nicole sollte eigentlich Eddie Jemison heißen, nach dem Technikfreak aus Ocean‘s Eleven, aber Tzadik war so nett gewesen, sie Julia Roberts zu nennen.
Wenn in diesem Film alles gut geht, kriegt Matt Damon das Mädchen und George Clooney geht allein nach Hause, dachte Nicole lächelnd, als sie das Standbild überprüfte.
Eine Stimme unterbrach ihre Träumereien. „Julia, hier George. Löse deine Chips ein.“
„Einlösen“, antwortete sie und nahm die Finger vom Mund, die sie zuvor warmgepustet hatte. Nachdem sie nur fünf Sekunden auf der Tastatur getippt hatte, gab es bei der Einspeisung in die Überwachungskameras auf ihrem Hauptmonitor eine fast unmerkliche Signalstörung. In den nächsten sechs Stunden und 29 Minuten würde sich das Video einer leeren Lagerhalle alle fünf Minuten wiederholen.
„Jackpot“, sagte sie ins Mikrofon und bestätigte damit, dass ihre Arbeit getan war. Am anderen Ende war ein Stimmengewirr zu hören, das sie nicht verstehen konnte, aber sie wusste, dass es eine Mischung aus Aseri und Farsi war. Sie drehte die Thermoskanne auf, goss sich heißen Chai ein und machte es sich gemütlich. Für den Rest der Nacht hatte sie zwei Aufgaben zu erledigen. Die erste war, nicht zu erfrieren und die zweite, dafür zu sorgen, dass all die Aktivitäten, die live auf dem unteren Bildschirm zu sehen waren, nicht in die Videoschleife auf dem oberen Bildschirm gelangten.
KAPITEL 3
WMOSSAD-GEHEIMQUARTIER, ASTARA, ASERBAIDSCHAN
22:58 UHR AZT
arum müssen die Iraner alles so kompliziert machen?, dachte Nir, während er die Minuten auf seiner Uhr verrinnen sah.
Obwohl die Küstenstadt, in der er sich befand, nordwestlich von Teheran lag, war es hier 30 Minuten später. Während alle anderen Länder in dieser Weltzeitzone vier Stunden zur Koordinierten Weltzeit UTC addieren, hatten die Perser beschlossen, nur dreieinhalb Stunden hinzuzufügen. Es wurde ihm so erklärt, dass jemand vor langer Zeit bemerkt hatte, dass das Land in zwei Zeitzonen geteilt war und deshalb beschlossen hatte, den Mittelwert zu nehmen.
Zum Glück haben sie nicht in Russland gelebt. Wer weiß, was sie mit den elf Zeitzonen dieses Landes angestellt hätten?
Insgesamt gab es aber viel wichtigere Gründe, den Iran nicht zu mögen. Doch die Zeitzone bereitete schon Kopfschmerzen, denn es ging darum, eine Operation zu planen, bei der jeder Schritt auf die Minute genau festgelegt werden musste.
Nir unterstand ein Team von sechs Kidon-Agenten, die im Nebenraum waren. Er konnte sich darauf verlassen, dass sie den Job erledigen würden, wenn er sie im Einsatz brauchte. Nir
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wusste, dass die tödlichste Waffe der israelischen Geheimdienste der Speer des Mossad ist. Am Ende des Speers befindet sich die scharfe eiserne Klinge namens Caesarea, deren kleine heimtückische Spitze Kidon genannt wird. Der Name selbst bedeutet „Speerspitze“, und wenn es galt, ein Ziel zu eliminieren oder eine Operation schnell und geräuschlos durchzuführen, wurde regelmäßig Kidon gerufen. Doch auch wenn er und sein Team voll einsatzbereit waren, um in Aktion zu treten, hoffte er sehr, dass es eine langweilige Nacht werden würde.
Erstens hatte er als Israeli kein Interesse daran, die Grenze zum Iran zu überqueren. Und zweitens, wenn er mit seinem Team gerufen würde, hieße das, dass die Mission gescheitert und Nicole in ernster Gefahr wäre.
Also hoffte man das Beste und bereitete sich auf das Schlimmste vor. Er hatte, bevor er in den Hauptraum ging, alle seine Waffen und seine Ausrüstung überprüft. Und er wusste, dass auch während der Operation seine Nummer zwei, Yaron Eisenbach, alles noch einmal überprüfen würde, um sicher zu stellen, dass Nir auch nichts vergessen hatte.
Als die digitale Wanduhr 22:59 anzeigte, wurde es still im Raum. Es herrschte höchste Nervosität und die Anspannung war kaum auszuhalten. Als die Zahlen auf 23:00 Uhr sprangen, wurden im Raum Stimmen laut. Meist war es Aseri mit hebräischem Akzent, das in die Kommunikationsgeräte gesprochen wurde. Nir drückte einen Knopf auf seiner Uhr, um die Stoppfunktion zu starten.
Wie abgesprochen erschien auf dem Kamerabild vom Vorplatz des Lagerhauses ein Lkw mit Kofferaufbau. Die Heckklappe senkte sich langsam, und nacheinander sprangen Agenten heraus. Alle waren schwarz gekleidet und trugen seltsam geformte Helme. Während die meisten Ausrüstung ausluden, rannten zwei von ihnen zu den großen verblichenen blauen Toren und machten sich am Schloss zu schaffen. Nir verkrampfte, als er sie beobachtete und hoffte, dass Nicole ihre Arbeit mit dem Alarm-
system wirklich erfolgreich hatte erledigen können. Dann öffnete sich ein Spalt und die Tore wurden zur Seite geschoben.
Es gab keine Panik, niemand rannte zum Lkw zurück. Der Alarm war ausgeschaltet.
„Sie ist gut.“ Elnur Isayev deutete auf den Monitor und zündete die Zigarette an, die in seinem Mund baumelte. Sie roch nach dem starken, herben Tabak der duftgeschwängerten Cafés, die Nir in der Türkei besucht hatte. Für einen Moment hielt er den Atem an.
Ich frage mich, wieviel Rauch sich in all den Jahren in diesem übergroßen Schnurrbart verfangen hat. Ob seine Frau überhaupt einen Geruchssinn hat?
Während der letzte Mann mit Ausrüstung in die Halle rannte, wurde die Heckklappe des Lkw geschlossen und er fuhr los. Laut Plan würde der Fahrer auf einem Grundstück vier Straßen weiter parken und dort bis zum Zeitpunkt der Abholung warten.
Wieder schaute Nir auf seine Uhr. Nach nur vier Minuten war das Team in der Halle. Das war gut, denn diese Gruppe von Aserbaidschanern, die die Perser hassten, hatte nur sechs Stunden und 29 Minuten Zeit, bis alles verladen und sie auf dem Weg sein mussten.
Die Zeit von 6 Stunden 29 war allen, die an der Operation teilnahmen, bestens vertraut. Sie war den Einsatzkräften bei ihren Probeläufen eingetrichtert worden, und alle Besprechungen endeten damit, dass jeder Anwesende sie ausrufen musste.
Sechs Stunden und 30 Minuten? Zu gefährlich. Das Team liefe Gefahr, erwischt zu werden. Sechs Stunden und 28 Minuten? Das wäre eine verlorene Minute, in der man noch mehr Material hätte mitnehmen können. Was sie bereits festgestellt hatten, war, dass unter den gegebenen Umständen es nicht möglich sein würde, alle 32 Tresore in einer Nacht leer zu räumen.
Um 4:59 Uhr Teheraner Zeit mussten die Lastwagen die Tore hinter sich gelassen haben. Damit hätten sie zwei Stunden Vorsprung, zwei Stunden Autobahnfahrt, um in der Anonymität zu
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verschwinden. Wenn die Wachen um 7 Uhr in der Lagerhalle ankämen, die beschädigten Tore bemerkten und Alarm schlugen, musste diese Mossad-Version von Danny Oceans Team schon weit weg sein.
Jetzt näherte sich das Team den Türen zu einem langen, schmalen Raum. Laut Geheimdienstinformationen hatte der Eingang zu diesem Gebäudeteil innerhalb des Gesamtkomplexes keine eigene Alarmanlage, eine Tatsache, die Nir erneut in Erstaunen versetzte. Das sind eure nuklearen Geheimdokumente!
Ihr hättet genauso gut alle Tore offenlassen können, mit einem Teller Falafel neben einem Gästebuch und einem Hinweisschild „Herzlich willkommen. Bitte bedient euch.“
Einer der Männer versuchte, die Tür gewaltsam zu öffnen, aber sie bewegte sich keinen Millimeter. Ein zweiter Mann versuchte es, während der erste die Scharniere unter die Lupe nahm. Nach einigen Minuten ließen die Männer ab.
„Die Tür ist verstärkt“, sagte eine Stimme über Funk auf Englisch mit hartem Akzent.
„Könnt ihr die Scharniere entfernen?“, fragte Tzadik.
Die beiden Männer blickten direkt in die Kamera, die über dem Eingang der Lagerhalle angebracht war. „Negativ“, sagte der eine, „die sind komplett mit Stahl ummantelt. Wir könnten sie aufschweißen, aber das würde uns viel Zeit kosten.“
Tzadik fluchte. In den Protokollen stand nichts von einer verstärkten Tür.
„Sie müssen sie sprengen“, sagte Nir. „Sie haben Sprengladungen dabei, falls es Probleme gibt.“
„Ich hatte gehofft, dass wir sie nicht brauchen. Der Lärm ist ein sehr großes Risiko.“
Tzadik hatte recht, aber es war ein Risiko, das sie in Kauf nehmen mussten.
„ Ha’mefaked“, sagte der zweite Mann, „die Zeit, die wir brauchen, um diese Tür aufzuschweißen, könnte uns fünf oder sechs Tresore kosten.“
Wieder fluchte Tzadik. „Ja, ich weiß. Okay, bringt die Ladungen an und schickt jemanden zum Haupteingang, um die Straße zu kontrollieren. Er muss grünes Licht geben, bevor ihr die Tür sprengt.“
In Windeseile wurden Päckchen geöffnet und mehrere Reihen Plastiksprengstoff an der Tür angebracht. Währenddessen sah Nir einen der Männer über den Innenhof zum Einfahrtstor des Lagerhauses rennen.
Als die Vorbereitungen abgeschlossen waren und der Mann draußen am Zaun grünes Licht gab, brachten sich die anderen Männer außerhalb des Explosionsradius in Sicherheit. Das grelle Licht auf dem Monitor ließ Nir wünschen, er hätte weggeschaut. Als er wieder klar sehen konnte, zeigte das Bild, jetzt in einem schrägen Winkel, den freien Weg in den Tresorraum.
Nir richtete seinen Blick auf ein anderes Kamerabild und sah, wie in einem langen, schmalen Raum Licht anging. An jeder Wand standen die Tresore, dicht an dicht – mächtig, grau, Made in Iran – und jeder mit einem großen, mit schwarzen Zahlen bedruckten Scheibenkombinationsschloss.
Es würde ewig dauern, die Zahlenkombinationen herauszufinden, aber viel Zeit hatten sie nicht. Also hatten sie entschieden, grobschlächtig zu Werke zu gehen.
Das Team teilte sich in sieben Zweiergruppen auf, während der Mann am Zaun auf Anweisung von Tzadik auf seinem Posten blieb. Dieselbe Insiderquelle, die sie über die nicht alarmgesicherte Tür informiert hatte, hatte auch die Tresore mit den wertvollsten Dokumenten schematisch aufgezeichnet.
Jede Zweiergruppe begab sich zu dem ihr zugewiesenen Ziel, zündete einen Schweißbrenner und klappte die Vorderteile ihrer Schweißhelme herunter. Die Tresortüren waren so dick, dass es trotz einer Lanzentemperatur von 2.000 Grad Celsius eine ganze Weile dauerte, bis sie aufgeschnitten waren. Das Flackern der Flammen erschwerte die Verfolgung der Videoübertragung,
DURCH GEZIELTE TÄUSCHUNG
und bald bemerkte Nir viele blaue Punkte unterschiedlicher Größe und Intensität in seinem Gesichtsfeld.
Er ging in den Nebenraum, um seinen Augen eine Pause zu gönnen. Dabei informierte er sein Kidon-Team kurz über den aktuellen Stand. Als er den Raum wieder verließ, schloss er die Tür hinter sich. Dann wollte er sich einen Kaffee einschenken, aber die Kanne war leer, und auf dem Teller, der einmal voller Kekse gewesen war, lagen nur noch Krümel. Hungrig und durstig ging er zurück, um weiter die Monitore zu beobachten.
„Wir haben Scheinwerferlicht“, flüsterte eine Stimme über Funk.
Nir drehte sich schnell zu den Monitoren um.
„Alle die Arbeit einstellen!“, befahl Tzadik.
Nir beobachtete, wie alle Arbeiten im Tresorraum eingestellt und die Schweißbrenner gelöscht wurden. Er hoffte, dass jemand nur zufällig vorbeifuhr. Aber es könnte auch eine Polizeistreife sein, die geschickt worden war, um nachzusehen, was es mit dem Lärm auf sich hatte, den jemand gemeldet hatte.
Der Blickwinkel der Überwachungskamera auf der anderen Straßenseite reichte nicht aus, um schon etwas zu erkennen. Nir stockte der Atem. Er konnte einen Lichtbogen wahrnehmen, der langsam ins Bild kam, dann die Motorhaube eines weißen Autos. Dann kam das Auto selbst ins Bild – es hatte eine Signalleiste auf dem Dach. Obwohl sie 400 Kilometer entfernt waren, rührte sich niemand im Geheimquartier, es herrschte absolute Stille.
Schließlich passierten die roten Rücklichter die Kamera und das Auto war weg.
Tzadik wartete volle fünf Minuten bevor er sagte: „Okay, zurück an die Arbeit. Ihr müsst Zeit aufholen.“ Dann wandte er sich an den Mann draußen am Tor: „Halt die Augen offen.“
Da es so wenig Platz gab, wäre es unpraktisch gewesen, mit dem Ausräumen zu beginnen, sobald ein Tresor geöffnet wurde. Wenn ein Tresor aufgebrochen war, ging das Team zum nächs-
ten auf der Liste. Die Männer waren effizient und leisteten sehr gute Arbeit. Obwohl es Winter war, konnte sich Nir vorstellen, wie heiß es in dem schmalen Raum gewesen sein musste.
Es dauerte mehr als fünf Stunden der sechs Stunden und 29 Minuten, bis alle ausgewählten Tresore geknackt waren. Dann begann das Ausräumen. Berge von meist schwarzen Ordnern wurden auf dem Boden in der Nähe des Eingangstores gestapelt. Gleich daneben türmten sich immer mehr CDs.
Als die Einsatzuhr sechs Stunden anzeigte, kam der Lastwagen zurück auf den Hof und fuhr rückwärts auf die Lagerhalle zu, zwei weitere Lkw folgten ihm. Vier Autos fuhren in den Carport auf der rechten Seite des Grundstücks. Die Metalltore der Lagerhalle öffneten sich und das Verladen begann.
Nirs Anspannung wuchs. Sie waren jetzt im Freien und es brauchte nicht viel, um erwischt zu werden. Entweder ein weiterer patrouillierender Polizist, ein Jeep mit Soldaten der Revolutionsgarde oder einfach jemand, der in einer benachbarten Lagerhalle arbeitete, der vorbei kam und Verdacht schöpfte.
„Matt! Hör auf damit!“, rief Tzadik.
Nir drehte sich um und sah, dass sein Teamleiter auf ihn zeigte. Er folgte dem Finger und bemerkte, dass er, nervös wie er war, ständig mit einem Kugelschreiber auf den Tisch geklopft hatte. Eine Angewohnheit, die er sich nur schwer abgewöhnen konnte. Er warf den Stift beiseite, um der Versuchung zu entgehen.
Die erbeutete Ware wurde auf die drei Lastwagen verteilt, dann wurden die Ladetüren fest verschlossen und verriegelt. Jeweils ein Teammitglied ging um einen der Lkw herum und stieg auf der Beifahrerseite ein. Nachdem die Hallentore geschlossen waren, eilten die anderen Teammitglieder zu den Autos im Carport und stiegen ein. Dann verließ ein Fahrzeug nach dem anderen den Hof.
Als der letzte Lastwagen das Tor passierte, stoppte Nir seine Uhr – 6:29.