410003307

Page 1


Gottes Offenbarung in Menschenwor t

Der Koran im Licht der Barmherzig keit

Dienstanweisung für einen Unterteufel

Neu aus dem Englischen übersetzt von Pia-Elisabeth und Peter Leuschner

Seitens der Übersetzer:

Für Monica Leuschner (1937–2015)

Titel der Originalausgabe: The Screwtape Letters by CS Lewis © C. S. Lewis Pte Ltd. 1942. First published by Geoffrey Bles in 1942. Published by Collins in 1957.

Für die deutschsprachige Ausgabe : © Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2022

Alle Rechte vorbehalten www.herder.de

Umschlagmotiv und -gestaltung: Verlag Herder

Satz: ZeroSoft SRL

Herstellung: GGP Media GmbH, Pößneck

Printed in Germany

ISBN: 978-3-451-03307-0

Doctor Luther sagte, wenn er des Teufels mit der heiligen Schrifft und mit ernstlichen worten nicht hette können loswerden, so hette er in offt mit spitzigen worten und lecherlichen bossen vertrieben.

aus: Joannis Aurifaber, Luthers Tischreden, 1566

Der Teufel …, der hoffärtige Geist, kann es nicht ertragen, verlacht zu werden.

aus: Thomas Morus, A Dialogue of Comfort Against Tribulation, 1534

Vorwort

Ich habe nicht die Absicht zu erklären, wie die Korrespondenz, die ich nun der Öffentlichkeit übergebe, in meine Hände gelangt ist.

Es gibt zwei entgegengesetzte – und im Ergebnis gleichwertige – Arten von Irrtümern, in die unsere menschliche Spezies im Hinblick auf Teufel verfallen kann: entweder nicht an deren Existenz zu glauben – oder an sie zu glauben und ein übermäßiges und ungesundes Interesse an ihnen zu entwickeln. Die Teufel selbst freuen sich über beide Verirrungen gleichermaßen und begrüßen einen Materialisten ebenso euphorisch wie einen Okkultisten. Die Art von Schreiben, wie sie in diesem Buch verwendet wird, kann sich leicht jeder aneignen, der mal auf den Trichter gekommen ist; aber übelsinnige und reizbare Menschen, die davon vielleicht unguten Gebrauch machen, sollen den Zugang von mir nicht lernen.

Als Ratschlag an die Leser: Sie sollten nicht vergessen, dass der Teufel ein Lügner ist. Nicht

alles, was Malfluenzer sagt, sollte für bare Münze genommen werden, nicht einmal aus seiner Sicht. Ich habe nicht versucht, irgendeine der Personen, die in den Mailinstruktionen erwähnt werden, zu identifizieren. Aber ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Darstellungen – etwa der Mutter des Klienten oder von Pfarrer Haknagl – völlig gerecht sind. Wunschdenken gibt es in der Hölle wie auf Erden.

Schließlich sollte ich anfügen, dass kein Versuch unternommen wurde, die Chronologie der Instruktionen zu klären. Etwa Nr. 17 scheint geschrieben zu sein, bevor die Situation der Lebensmittelrationierung ernst wurde; aber generell scheint der diabolische Datierungsmodus keinerlei Bezug zur irdischen Zeitrechnung zu unterhalten – und ich habe nicht versucht, ihn nachzubilden. Die Entwicklungen des Weltkriegs waren, abgesehen davon, dass sie sich zeitweise auf die spirituelle Verfassung eines einzelnen Menschen auswirkten, für Malfluenzer offenbar von keinerlei Interesse.

C. S. Lewis

Magdalen College, Oxford, 5. Juli 1941

1. * Immer das „wirkliche Leben“: Mittagessen, Bus, Zeitung etc.

Lieber Warzwurm,

was Du so darüber berichtest, wie Du die Lektüren Deines Klienten steuerst und dafür sorgst, dass er oft mit seinem materialistischen Freund zusammen ist, habe ich vermerkt. Aber bist Du da nicht etwas naiv?

Du meinst wohl, so hört sich’s an, Argumente könnten ihn von den Klauen des Fe indes fernhalten. Das wäre vielleicht vor ein paar Jahrhunderten so gewesen, als die Menschen noch recht klar wussten, wann eine Sache bewiesen war und wann nicht, und das einmal Bewiesene auch tatsächlich glaubten. Sie brachten das Denken noch mit dem Handeln zusammen und waren bereit, ihr Leben zu ändern infolge einer Reihe von Vernunftüberlegungen. Aber das haben wir mit Hilfe der heutigen Medien und anderer solcher Waffen weitgehend geändert.

Dein Klient ist seit seiner Kindheit gewöhnt, Dutzende unvereinbarer Philosophien in seinem Kopf herumtanzen zu haben. Diese Weltsichten denkt er nicht in erster Linie als „wahr“ oder „falsch“, sondern als „akademisch“ oder „praktisch“, „out“ oder „angesagt“, „lasch“ oder „geil“. Gängige Reizworte und Redensarten –nicht Argumente – sind Deine besten Verbündeten, um ihn von der Kirche fernzuhalten. Verlier keine Zeit mit dem Versuch, ihn denken zu lassen, dass der Materialismus wahr sei! Lass ihn denken, dass er stark ist oder krass oder cool und dass er die Philosophie der Zukunft ist. Das ist es, worauf er Wert legt.

Das Problem am Argumentieren ist, dass es die ganze Auseinandersetzung auf das Feld des Feindes verschiebt. Argumente kann Er auch. In wirklich zielführender Propaganda, wie ich sie vorschlage, zeigt sich dagegen seit Jahrhunderten: Er ist Unserem Vater Im Abgrund weit unterlegen.

Allein durch das Argumentieren weckst Du die Vernunft Deines Klienten. Und ist sie einmal wach, wer kann dann die Konsequenzen absehen? Selbst wenn Du einzelne Gedankengänge

zu unserem Vorteil drehen kannst, am Ende merkst Du, dass Du Deinen Klienten bloß in der fatalen Angewohnheit bestärkt hast, sich mit großen allgemeinen Fragen zu beschäftigen und seine Aufmerksamkeit von der Flut unmittelbarer Sinneseindrücke abzuziehen. Deine Aufgabe ist vielmehr, ihn ganz darauf fixiert zu halten. Bringe ihm bei, diesen Wahrnehmungsstrom „das wirkliche Leben“ oder „real life“ zu nennen – und lass ihn sich nie fragen, was er unter „wirklich“ versteht.

Bleib Dir immer bewusst: Er ist nicht wie Du ein reiner Geist. Da Du nie Mensch warst (ach, der infame Vorteil des Feindes!), kannst Du Dir nicht vorstellen, wie sehr die menschliche Spezies dem Druck des Alltäglichen unterworfen ist.

Ich hatte mal einen Kunden, einen soliden Atheisten, zu dessen Gewohnheiten zählte, in der Bibliothek des British Museum zu lesen. Eines Tages – er saß gerade wieder dort im Lesesaal – merke ich, wie einer seiner Gedankengänge falschzulaufen beginnt. Natürlich ist der Feind sofort bei ihm – und ehe ich überreiße, wie mir wird, sehe ich zwanzig Jahre meiner

Arbeit schon fast wegbröckeln! Wenn ich da den Kopf verloren hätte, wenn ich mit Argumenten zu kontern versucht hätte, wäre ich geliefert gewesen. Aber so dumm war ich nicht.

Ich nutzte sofort den Teil in meinem Mann, den ich am besten kontrolliere, und flüsterte ihm ein, es sei doch gerade jetzt Zeit fürs Mittagessen. Der Feind machte vermutlich einen Gegenvorschlag (Du weißt, dass man nie ganz mitkriegt, was Er ihnen sagt?): Die Sache sei doch wichtiger als ein Mittagessen. Zumindest nehme ich an, dass das in etwa Seine Richtung war, denn als ich anfügte: „Genau! Viel zu wichtig, um sie am Ende eines Vormittags noch anzugehen“, hob sich die Laune des Klienten beträchtlich, und als ich hinzusetzte: „Viel besser, hernach zurückkommen, und sie mit gestärkten Kräften angehen“, da war er schon halb auf dem Weg zur Tür.

Und einmal auf der Straße – war der Kampf gewonnen. Ich zeigte ihm die Mittagszeitung und einen Bus Nr. 73, der gerade vorbeikam, und bevor er am unteren Ende der Treppe angekommen war, hatte ich ihn unumstößlich davon überzeugt, dass – welche merkwürdigen

Gedanken einem auch immer kommen, wenn man so in Büchern abgeschottet ist – eine gesunde Portion von „wirklichem Leben“ (er meinte Zeitung und Bus) reiche, um zu zeigen, dass „diese Art von Zeug“ schlicht nicht wahr sein kann. Er war sich bewusst, nur knapp davongekommen zu sein, und sprach in späteren Jahren gern von „jenem übersprachlichen Sinn für die Realfaktizität, der unser bester Schutz vor den Verirrungen des bloß Logischen ist“. Er ist nun wohlverwahrt im Hause Unseres Vaters.

Fängst Du an zu kapieren? Dank gewisser Prozesse, die wir schon vor Jahrhunderten gestartet haben, finden die Menschen es schlichtweg unmöglich, an das Unvertraute zu glauben, während sie das Vertraute vor Augen haben. Darum muss man ihnen immer und vor allem das Alltagsgewöhnliche aufs Auge drücken! Vor allem, versuche nicht, die Wissenschaften (ich meine: genuine wissenschaftliche Forschung) als Abwehrstrategie gegen das Christentum ins Feld zu führen. Das wird ihn zwangsläufig nur animieren, über Wirklichkeiten nachzudenken, die er nicht anfassen oder sehen kann. Da gibt es traurige Fälle unter den modernen Naturwissenschaftlern …

Wenn er sich schon mit den Wissenschaften beschäftigen muss, halte ihn bei Wirtschaft und Soziologie. Lass ihn keinesfalls weg von jenem unschätzbaren „wirklichen Leben“. Doch am besten lass ihn gar nichts Wissenschaftliches lesen, sondern die grandiose allgemeine Überzeugung hegen, dass er ohnehin Bescheid weiß, und dass das, was er beiläufig in Medien und Unterhaltungen aufgeschnappt hat, der aktuelle Forschungsstand ist.

Denk daran: Du bist da, um ihn zu verwirren. Nach der Art, wie einige von Euch JungspundUngeistern reden, möcht’ man fast denken, unser Job sei es, die Menschen gescheiter zu machen!

2. * Wir kriegen ihn bei den Kirchgängen dran!

Lieber Warzwurm,

schwer missbilligend erfahre ich: Dein Klient ist Christ geworden. Mach Dir keine Hoffnung, dass Du den üblichen Sanktionen entgehen wirst, was Du Dir aber – hoffe ich – in Deinen besseren Momenten nicht einmal wünschst. Inzwischen müssen wir das Beste aus der Sachlage machen. Verzweifeln müssen wir noch nicht. Hunderte dieser erwachsenen Konvertiten konnten nach kurzem Aufenthalt im Feindeslager zurückgewonnen werden und sind nun mit uns. Alle Gewohnheiten Deines Klienten, geistige wie körperliche, kommen uns nach wie vor entgegen.

Eine unserer großen Verbündeten ist gegenwärtig die Kirche selbst. Versteh mich nicht falsch. Ich meine nicht die Kirche, wie wir sie sehen: in ihrer immer weiteren Ausbreitung durch alle Raumzeit, mit Wurzeln in der Ewigkeit – eine schreckerregende Streitmacht unter

Kriegsflaggen. Das ist zugegebenermaßen ein Szenario, das unsere schneidigsten Versucher verunsichert. Glücklicherweise ist es aber für diese Menschen weitgehend unsichtbar.

Alles, was Dein Klient sieht, ist der pseudogotische Kirchen-Rohbau in der neuen Wohnsiedlung. Wenn er hineingeht, trifft er den Metzger von nebenan mit einem schwartenglatten Gesichtsausdruck, der ihm beflissen ein speckiges Buch mit einer Liturgie in die Hand drückt, die keiner von beiden versteht, und dazu eine abgegriffene Broschur mit einer Reihe von Liedtexten – überwiegend schlechten –, durch Vervielfältigung entstellt und sehr klein gedruckt.

Wenn er in seiner Kirchenbank ankommt, sieht er ringsum gerade diejenigen seiner Nachbarn, denen er bisher sorgfältig ausgewichen ist. Vor allem auf sie musst Du setzen. Lass seine Gedanken hin- und herschwirren zwischen einem Wort wie „der Leib Christi“ und den Gesichtern der Anwesenden in der nächsten Bank. Es spielt natürlich keinerlei Rolle, wer da tatsächlich sitzt. Vielleicht kennst Du einen von ihnen sogar als großen Streiter auf der Seite des Feindes. Irrelevant. Dein Klient – Unse-

rem Vater Im Abgrund sei Dank! – ist ein Idiot. Vorausgesetzt nur, einer dieser Nachbarn singt falsch oder trägt knarzende Schuhe oder hat ein Doppelkinn oder ist schräg angezogen, dann wird Dein Klient geneigt sein zu denken, dass auch ihr Glaube etwas Lächerliches hat.

In seinem gegenwärtigen Zustand geistert nämlich eine Vorstellung von „Christen“ in seinem Kopf herum, die er für spirituell hält, die aber tatsächlich vor allem pittoresk ist. Sein Kopf ist voll von Togen und Sandalen und Waffen und nackten Unterschenkeln. Die bloße Tatsache, dass die Leute in der Kirche moderne Kleidung tragen, bereitet ihm echte Probleme, natürlich unterbewusste. Lass sie ihm niemals ins Oberbewusstsein dringen. Lass ihn sich nie fragen, wie die Leute denn sonst hätten aussehen sollen. Halte seine Vorstellungen jetzt nebulös – und Du kannst Dich dann für alle Zeit der Ewigkeit damit amüsieren, ihm jene besondere Form der Klarheit zu verschaffen, die die Hölle bereithält.

Arbeite also hart auf die Enttäuschung oder den Absturz hin, die wahrscheinlich nach seinen ersten Wochen als Kirchgänger eintreten.

Diese Enttäuschung lässt der Feind selbst zu –wann immer Menschen an der Schwelle zu etwas Neuem stehen. Sie widerfährt jedem, der sich als Kind für das Hörspiel mit den Abenteuern des Odysseus begeisterte, und sich nun hinhockt, um Altgriechisch zu lernen. Sie stellt sich ein bei Liebenden nach der Hochzeit, wenn sie – als die tatsächliche Herausforderung – das Zusammenleben lernen müssen. In allen Lebensbereichen markiert Enttäuschung den Übergang vom Erträumen zu mühseligem Tun.

Der Feind nimmt dieses Risiko in Kauf, weil Er sich kurioserweise einbildet, aus diesem abstoßenden Menschengewürm das zu machen, was Er „frei Liebende und Dienende“ nennt –„Kinder“ ist das Wort, das Er gebraucht, in Seiner eingefleischten Liebe, die gesamte geistige Welt durch unnatürliche Verbindungen mit den zweibeinigen Tieren zu entwürdigen. Weil Er ihre Freiheit will, weigert Er sich, sie allein durch Stimmungsimpulse und Gewohnheiten zu irgendeinem der Ziele zu bringen, die Er ihnen gesetzt hat. Er überlässt es ihnen, das selbst zu schaffen. Und hier liegt unsere Chance, aber – denk daran – auch unser Risiko. Wenn sie diese anfängliche Durststrecke erfolgreich

hinter sich bringen, werden sie unabhängiger von Gefühlen und sind viel schwerer in Versuchung zu führen.

Bislang bin ich davon ausgegangen, dass die Leute in der nächsten Kirchenbank keinen rationalen Grund für eine Enttäuschung bieten. Freilich, wenn sie es tun – wenn etwa Dein Klient weiß, dass die Frau mit dem absurden Hut spielsüchtig ist oder der Mann mit den knarzenden Schuhen ein Geizhals und Kreditwucherer –, dann ist Deine Aufgabe umso leichter. Dann brauchst Du von Deinem Kunden nur die Frage fernzuhalten: „Wenn ich, so wie ich bin, mich in gewisser Hinsicht für einen Christen halten kann, warum sollten dann die diversen Verfehlungen der Leute in der nächsten Bankreihe ein Beleg sein, dass ihr Glaube bloße Heuchelei und gesellschaftliche Konvention ist?“

Möglicherweise fragst Du: Aber einen so offensichtlichen Gedanken kann man doch sogar vom Verstand eines Menschen unmöglich fernhalten? Doch, Warzwurm, das geht! Manipuliere ihn gekonnt, und der Gedanke kommt ihm nie. Er ist noch nicht annähernd lang genug

beim Feind, als dass er schon wahre Demut hätte. Was immer er, selbst auf Knien, über seine eigene Sündhaftigkeit sagt, ist bloß papageienhaft nachgeplappert. Im Grunde glaubt er noch immer, dass er beim Feind eine Menge Bonuspunkte gesammelt hat: weil er sich hat bekehren lassen und weil er schon große Demut und Selbsterniedrigung zeigt, indem er mit diesen „selbstgerechten“ Allerweltsnachbarn überhaupt in die Kirche geht. Halte ihn in diesem Geisteszustand, solange Du kannst.

Turn static files into dynamic content formats.

Create a flipbook
Issuu converts static files into: digital portfolios, online yearbooks, online catalogs, digital photo albums and more. Sign up and create your flipbook.