LARRY LOFTIS
Das Haus der
Zuflucht Eine Romanbiografie über CORRIE TEN BOOM
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Beate Zobel
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Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG (»Text und Data Mining«) zu gewinnen, ist untersagt. Die amerikanische Originalausgabe ist erschienen unter dem Titel „The Watchmaker’s Daughter“ im Verlag William Morrow an Imprint of HarperCollins Publishers, 195 Broadway, New York, NY 10007, www.harpercollins.com. Vermittelt durch die Literaturagentur Arrowsmith: arrowsmith–agency.com © 2023 by Larry Loftis © 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen haenssler.de Die Bibelverse sind folgenden Ausgaben entnommen: Elberfelder Bibel 2006, © 2006 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen (www.brockhaus-verlag.de) Außerdem wurden verwendet: Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Holzgerlingen (www.brockhaus-verlag.de) Lutherbibel, revidierter Text 2017, durchgesehene Ausgabe, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (LUT) Übersetzung: Beate Zobel Lektorat: Christina Bachmann Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart Titelbild: Chris Mulder/Pinta Grafische Producties Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck und Bindung: GGP Media GmbH, Pößneck Gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-7751-6356-9 Bestell-Nr. 396.356
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Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen, nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen, nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit. Tritt aus ängstlichem Zögern heraus in den Sturm des Geschehens, nur von Gottes Gebot und deinem Glauben getragen, und die Freiheit wird deinen Geist jauchzend empfangen. Dietrich Bonhoeffer*
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Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 571
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INHALT Personenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 1: Die Uhrmacher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 2: Hitlerjugend . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 3: Verfolgung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 4: Razzien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 5: Untertauchen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 6: Das Versteck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 7: Die Babys . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 8: Terror . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 9: Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Kapitel 10: Der Polizeichef . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 11: Die Mission . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 Kapitel 12: Sechshundert Gulden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Kapitel 13: In der Falle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153 Kapitel 14: Privilegiert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Kapitel 15: Im Gefängnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
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Kapitel 16: Leutnant Rahms . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 180 Kapitel 17: Knochen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 Kapitel 18: Frau Hendriks . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 9
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Kapitel 19: Kurzer Prozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216 Kapitel 20: Ravensbrück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 Kapitel 21: Mord . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 Kapitel 22: Betsies Vision . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Kapitel 23: Die Liste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 255 Kapitel 24: Ödeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 260 Kapitel 25: Déjà-vu . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 Kapitel 26: Die Fabrik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 Kapitel 27: Feindesliebe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290
Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 Was noch geschah . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305
Anhang: Die Beje-Flüchtlinge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 321
Nachwort des Autors . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 323 Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327
Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 329 Bibliografie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 383
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PROLOG Er war eine imposante Erscheinung. Der attraktive, breitschultrige Leutnant Hans Rahms1 wirkte in seiner deutschen Uniform wie eine Statue. Seine aufrechte Haltung sowie sein ruhiger Gesichtsausdruck verrieten, dass er ein vorbildlicher Nazi soldat war. Doch er war mehr als nur ein SS-Offizier, der ein Gefängnis beaufsichtigte: Er war der Militärrichter, der über Corries Schicksal entscheiden würde. Im Grunde genommen war er Richter, Geschworener und Henker in einer Person. Mit einer Handbewegung konnte er jemanden an den Galgen oder in ein Konzentrationslager schicken. Als Corrie vor seinem Schreibtisch stand, sah sie einen Stapel mit Unterlagen – ihre Unterlagen!2 Es waren ihre Notizen zu verschiedenen Untergrundaktivitäten, unter anderem den Lebensmittelkarten. Sie enthielten die Namen und Adressen von Freunden, Juden und Widerstandskämpfern. Die Gestapo hatte all das bei einer Durchsuchung des Beje, ihres Hauses, gefunden und dem Gefängnis übergeben. »Können Sie mir das erklären?«,3 fragte Rahms. Corries Herz schlug ihr bis zum Hals. Nicht nur, dass sie sich mehrerer schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatte, auch das Leben eines jeden Menschen in diesen Unterlagen war in Gefahr. Teilweise waren es Untergrundkämpfer, die nun damit rechnen mussten, von der Gestapo verhaftet, in Konzentrationslager gebracht oder erschossen zu werden. Auch die Namen von Juden standen auf ihren Papieren. Sie würden zusammengetrieben und in die Vernichtungslager deportiert werden. Was konnte sie dem Leutnant sagen? Dass diese Notizen nicht von ihr stammten? Nein. Jetzt war alles aus. Für sie und für alle anderen. »Nein, das kann ich nicht.« 13
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K apitel 1
DIE UHRMACHER Ticktack. Ticktack. Es war ein beruhigendes Geräusch, gleichmäßig und zuverlässig. Willem ten Booms kleiner Laden befand sich in der Barteljorisstraat 19 in Haarlem, unweit von Amsterdam.1 Das Ticken seiner Uhren wirkte vertrauenerweckend. Zwischen ihnen unterhielt man sich gern, und auch Freundschaften entstanden hier im Uhrenladen. Willem ten Boom hatte dieses Haus 1837 gemietet, um eine Uhrmacher-Werkstatt einzurichten. Er hatte sich dafür entschieden, obwohl es nicht dem Wunsch seines Vaters entsprach, der eine Gärtnerei besaß. Wie bei den meisten Gebäuden in der Stadt befand sich im Erdgeschoss das Geschäft, während im ersten und zweiten Stock Wohnungen waren. Willem ten Boom heiratete 1841 Geertruida van Gogh.2 Drei Jahre später ereignete sich etwas Ungewöhnliches im Beje. So wurde das Haus der Familie ten Boom genannt, abgeleitet vom Namen der Straße, in der es stand, der Barteljorisstraat. Dominee Witteveen, der Pfarrer der Reformierten Kirche, zu der die ten Booms gehörten, besuchte Willem und stellte ihm eine ungewöhnliche Frage: »Weißt du, dass uns die Heilige Schrift dazu auffordert, für den Frieden Jerusalems und den Segen der Juden zu beten?«3 Das war damals ein fremdes Konzept, nur wenige niederländische Christen hatten schon einmal daran gedacht, für die Juden und Jerusalem zu beten. Auch Willem nicht. Aber er nickte: »Ich mochte das Volk Israel schon immer«, sagte er zu Witteveen. »Ihm verdanken wir schließlich die Bibel und unseren Erlöser.« 15
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Der kleine Hinweis genügte, und Willem begann, Freunde einzuladen, die mit ihm für Jerusalem und die Juden beteten. Seine projüdische Einstellung gab er später als Vermächtnis an seine Kinder und Enkel weiter. 1856 starb Geertruida an Tuberkulose. Zwei Jahre später heiratete Willem wieder. Seine zweite Frau hieß Elisabeth Bell.4 Im Jahr darauf kam Casper zur Welt, ihr erstes Kind. Casper ging mehrere Jahre lang bei seinem Vater in die Lehre, bis er mit achtzehn Jahren ein Uhrengeschäft in Rapenburg eröffnete, dem jüdischen Viertel von Amsterdam. Casper fühlte sich wohl in dem Stadtteil und hatte große Wertschätzung für seine jüdischen Nachbarn. »Solange ich zurückdenken kann, hing das Porträt von Isaac da Costa* in unserem Wohnzimmer«, erzählte er später. »Er war ein Mann Gottes mit einem brennenden Herzen für Israel, für sein eigenes Volk, und er hatte großen Einfluss auf unsere Familie.«5 Casper nahm oft an den Sabbatfeiern und Festen der Amsterdamer Juden teil und studierte mit ihnen den Talmud. Seine Freude war groß, als sie ihn baten, ihnen zu zeigen, wo im Neuen Testament die alttestamentlichen Prophezeiungen erfüllt wurden. Mit fünfundzwanzig Jahren heiratete Casper eine junge Niederländerin namens Cornelia (»Cor«) Luitingh.6 Ihr erstes Kind, Elisabeth (»Betsie«), wurde 1885 geboren, gefolgt von ihrem Bruder Willem im nächsten Jahr. 1890 bekamen sie eine weitere Tochter, Arnolda (»Nollie«) Johanna,7 und am 15. April 1892 kam die dritte Tochter zur Welt, ein zu früh geborenes, schwächliches Kind.8 Ihre Eltern nannten sie Cornelia (»Corrie«) Arnolda Johanna. Cor schrieb in ihrem Tagebuch über die Sorgen und Hoffnungen jener Tage: »Gott gab uns ein sehr kleines, schwaches Baby, Corrie. Ach, sie ist so ein jämmerliches, winziges Ding. Sie wäre bei der Ge-
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Isaac da Costa war ein holländischer Anwalt und Dichter und ein aus Portugal stammender Jude. Nachdem er zum Christentum konvertiert war, setzte er sich sein restliches Leben dafür ein, dass niederländische Christen für Jerusalem und die Juden beteten.
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burt fast gestorben und sah ganz bläulich-weiß aus. Noch nie habe ich etwas so Erbarmungswürdiges gesehen. Keiner rechnete damit, dass sie überleben würde.«9 Doch die kleine Corrie entwickelte sich gut. Als sie sechs Monate alt war, starb ihr Opa Willem.10 Schon lange vor seinem Tod hatte er verfügt, dass Casper das Familienunternehmen weiterführen sollte. So kehrten Casper und Cor nach dem Tod des Vaters nach Haarlem zurück, um das Geschäft zu übernehmen. Einige Jahre später, im Jahr 1897, zog die verwitwete Elisabeth aus dem Beje aus, um für Casper, Cor und die vier Kinder Platz zu machen, die von da an in dem Geschäftshaus wohnten.11
Der Uhrmacher
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s. u.
Casper trat in die Fußstapfen seines Vaters. Um seine Fähigkeiten als Uhrmacher zu verfeinern, ging er bei Hoü in die Lehre, der damals als der beste Uhrmacher der Welt galt.12 In Caspers Laden im Beje hing die Radierung eines niederländischen Künstlers, die einen Uhrmacher an seinem Arbeitsplatz zeigt. Die Übersetzung des niederländischen Textes auf dem Bild lautet: Das man bereit ist, solange noch Zeit ist.
s. u.
O Mensch, bestelle deine Seelenflur, solang das Lebensuhrwerk geht. Denn ist’s Gewicht erst abgelaufen von dieser kurzen Lebenszeit, dann ist kein Aufziehen mehr zu kaufen – für Kunst, noch Geld, noch Ehrbarkeit.«
Casper bei der Arbeit in der Werkstatt im Beje.
Es war eine treffende Zusammenfassung von Casper ten Booms Leben. Casper hoffte, das Geschäft an seinen Sohn weitergeben zu können. Aber kurz bevor Willem achtzehn wurde, teilte er seinem Vater mit, dass er nicht Uhrmacher werden wolle, sondern sich zur Theolo18
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gie hingezogen fühle. Obwohl Casper enttäuscht war, verstand er seinen Sohn. Er willigte ein, dass Willem zum Studium an die berühmte Universität von Leiden ging.13 Gleichzeitig erklärte die zwölfjährige Corrie ihrem Vater, dass sie Uhrmacherin werden wolle. Dankbar, dass jemand in der Familie das Geschäft weiterführen würde, begann Casper, seine Tochter auszubilden.14 Willem schloss sein Theologiestudium 1916 ab und trat anschließend eine Stelle in einer Kirche in Zuylen an, einer malerischen Stadt am Rande von Utrecht. Zu seiner Überraschung erlaubte ihm die Kirche, an einem Tag in der Woche sein Studium an der dortigen berühmten Universität weiterzuführen. Willem tauchte tief ein in das Thema, das ihn zugleich faszinierte und beunruhigte: den Antisemitismus. Wie ein Krebsgeschwür hatte er sich in Deutschland und Frankreich ausgebreitet, und Willem konnte darüber gar nicht genug in Erfahrung bringen. »Das Studium des Antisemitismus hat mich von Anfang an fasziniert«,15 sagte er einmal zu seiner Verlobten Tine van Veen. »Aber jetzt, wo ich mich so intensiv damit beschäftige, nimmt es mich völlig in Besitz. Es lässt mir keine Ruhe mehr. Die Judenfrage quält mich. Sie ist so gefährlich. Der Antisemitismus hat Auswirkungen, unter denen die ganze Welt leiden wird.« Willem ahnte nicht, wie prophetisch seine Worte waren.
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Die Familie ten Boom im Jahr 1902. Von links nach rechts: Betsie, Nollie, Casper, Willem, Cor und Corrie.
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Die Kinder der Familie ten Boom im Jahr 1910. Von links nach rechts: Nollie, Corrie, Willem und Betsie.
Corrie arbeitete unterdessen fleißig und wurde eine kompetente Helferin ihres Vaters. Sie hatte in der Werkstatt ihre eigene Werkbank, und Casper erwartete von ihr Pünktlichkeit, Fleiß und Ausdauer. Gleichzeitig ermutigte er sie aber auch immer. Obwohl er inzwischen als der beste Uhrmacher Hollands galt, sagte er ihr eines Tages: »Mädchen, ich denke, eines Tages wirst du eine bessere Uhrmacherin sein als ich.«16 Corrie hatte Freude an der Arbeit und war wissbegierig. Eines Tages erklärte sie ihrem Vater: »Papa, wenn uns jemand eine kaputte Uhr bringt, muss ich dich oder den Uhrmacher so oft fragen, wo das Problem liegt. Ich würde gern mehr über das Innenleben einer Uhr wissen.« Damals gab es allerdings nur in der Schweiz gute Uhrmacherschulen. Casper konnte es sich nicht leisten, seine Tochter dorthin zu schicken. Doch er und Corrie behielten dieses Ziel im Hinterkopf. Vielleicht würden sie einen Weg finden. 20
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Bald darauf korrigierte Corrie einen Artikel ihres Vaters für sein wöchentlich erscheinendes Uhrmacher-Magazin. Der Text handelte von einer außergewöhnlichen Uhr, wahrscheinlich der teuersten der Welt, die für den Kaiser von Österreich bestellt und angefertigt worden war. Dieser hatte jedoch inzwischen abgedankt und konnte sich die Uhr nicht mehr leisten. Die aus massivem Gold gefertigte Taschenuhr war die erste, die eine Melodie spielen konnte: die »Ranz des Vaches«, ein französisches Hirtenlied aus der Schweiz. Casper gratulierte am Ende des Artikels dem glücklichen Uhrmacher, der sie eines Tages verkaufen würde. Einige Tage später kam einer der Stammkunden ins Geschäft. Er hatte eine besondere Bitte: »Ich hätte gerne eine Uhr, die es auf der Welt nur einmal gibt«, erklärte er. »Ist das möglich? Der Preis spielt keine Rolle.«17 Casper erzählte ihm von der goldenen Uhr mit dem Schweizer Volkslied, nannte den Preis und erwähnte auch, dass sie sich in der Schweiz befand. Der Mann zahlte sofort und erklärte, er würde noch in dieser Woche in die Schweiz reisen und die Uhr selbst abholen. Caspers Provision für den Verkauf war so hoch, dass er damit Corries Schulausbildung sowie eine Lehre in zwei Schweizer Uhrenfabriken finanzieren konnte. Aus der Tochter des Uhrmachers wurde selbst eine Uhrmacherin. Als Corrie ihre Ausbildung in der Schweiz abgeschlossen hatte, kehrte sie nach Hause zurück, um ihrem Vater wieder in der Werkstatt zu helfen. Am 17. Oktober 1921 starb Corries Mutter Cor.18 Casper war untröstlich, und Corrie notierte seine Worte, als er ein letztes Mal seine geliebte Frau ansah. »Dies ist der traurigste Tag meines Lebens. Danke, Gott, dass du sie mir geschenkt hast.«19 Im selben Jahr wurde Corrie die erste lizenzierte Uhrmacherin in Holland.20 Sie erledigte schon bald einen Großteil der Aufträge, die in die Werkstatt der Familie ten Boom kamen. Willem predigte und schrieb unterdessen weiter über Antisemitismus. 1925 fragte ihn die Niederländische Gesellschaft für Israel,21 ob 21
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er eine besondere Aufgabe als Missionar unter den Juden in Amsterdam übernehmen wolle. Zur Vorbereitung auf diese Arbeit schlug die Gesellschaft Willem vor, ein Jahr lang am Institutum Judaicum22 in Leipzig zu studieren. Willem nahm das Angebot sofort an und begann nach seiner Ankunft in Deutschland mit der Forschung für seine Doktorarbeit mit dem Titel »Die Entstehung des modernen Rassen-Antisemitismus (beson- Casper vor dem Uhrengeschäft ders in Deutschland)«. der Familie ten Boom, um 1905. Während Willem in Leipzig an seiner Dissertation schrieb, bereitete Adolf Hitler die Veröffentlichung seines eigenen Werks vor: das antisemitische Buch Mein Kampf*. Obwohl Willem nichts von Hitlers Buch wusste, hatte er genug gesehen, um zu erkennen, dass Unheil bevorstand. In einem Brief an seine Verlobte Tine schrieb er: »Ich gehe davon aus, dass es in einigen Jahren schlimmere Pogrome geben wird als je zuvor.23 Unzählige Juden aus dem Osten werden über die Grenze kommen, um in unserem Land Zuflucht zu suchen. Wir müssen uns auf diese Situation vorbereiten.« Willem promovierte 1928. Seine Dissertation über den Antisemitismus wurde zwei Jahre nach Hitlers zweitem Band von Mein Kampf und nur fünf Jahre vor Hitlers Machtübernahme veröffentlicht. Dieser junge niederländische Gelehrte, der in Deutschland ausgebildet worden war und dort sein Werk veröffentlicht hatte, hatte dem Ungeheuer in seinem eigenen Reich den Fehdehandschuh hingeworfen. Dies sollte der Beginn eines langen, erbitterten Kampfes zwischen den ten Booms und den Nazis sein.
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Mein Kampf wurde in zwei Bänden veröffentlicht, der erste erschien 1925, der zweite 1926.
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Als Willem das Studium beendet hatte, begann er mit seiner Arbeit unter den Juden. An bestimmten Wochentagen besuchte er das jüdische Viertel von Amsterdam, sprach mit den Menschen dort und schenkte ihnen Bibeln. Außerdem öffnete er, wie es in der Familie ten Boom üblich war, sein Haus für alle Bedürftigen. Das Haus hieß Theodotion, Geschenk Gottes. Innerhalb weniger Jahre sollte dieses Haus Juden zum Zufluchtsort werden. Am 30. Januar 193324 ernannte der deutsche Reichspräsident Paul von Hindenburg – unter dem Einfluss seiner Kabinettsberater und gegen besseres Wissen*25 – Adolf Hitler zum Reichskanzler. Königin Wilhelmina beobachtete die Lage in Deutschland von den Niederlanden aus. Sie wusste, dass diese Ernennung Ärger bedeuten würde. »Der alte Präsident Hindenburg26 war noch an der Macht«, erinnerte sie sich. »Aber Mussolini hatte uns gezeigt, wie schnell faschistische Kräfte die rechtmäßige Autorität beseitigen können. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass Hitler bald eine Diktatur errichten würde.« Nach seiner Machtübernahme verlor Hitler keine Zeit, sondern begann sofort, die Juden zu verfolgen. Am 1. April ver- Dr. Willem ten Boom *
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Hindenburg mochte Hitler nicht und hatte zuvor General Kurt von Hummerstein gesagt, dass er »keinerlei Absicht habe, diesen österreichischen Unteroffizier zum Reichswehrminister oder Reichskanzler zu machen«. Zur Herkunft des Begriffs »böhmischer Unteroffizier«, den Hindenburg zunächst verwendete und später bevorzugte, siehe unter oben stehender Endnote.
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hängte er einen eintägigen Boykott jüdischer Geschäfte.27 Im ganzen Land wurden potenzielle Kunden von SA-Männern*28 daran gehindert, jüdische Geschäfte zu betreten. Viele Deutsche waren darüber empört und weigerten sich, dem Boykottaufruf zu folgen. In Berlin beispielsweise drängte sich Julie Bonhoeffer, die neunzigjährige Großmutter des lutherischen Pastors Dietrich Bonhoeffer, an einer Naziabsperrung vorbei, um in einem jüdischen Geschäft einzukaufen.29 Dieser Boykott war jedoch erst der Anfang. Sechs Tage später untersagte die NS-Regierung den Juden den Zugang zu allen öffentlichen Ämtern, einschließlich Schulen und Universitäten, was zur Folge hatte, dass alle jüdischen Professoren entlassen wurden. Darüber hinaus durften Juden nicht mehr in Rechts- und Arztberufen arbeiten.30 Insgesamt wurden etwa zweiundvierzig Gesetze erlassen, die Juden diskriminierten. Im folgenden Jahr wurden neunzehn weitere Gesetze31 verabschiedet, 1935 noch einmal neunundzwanzig. Die Nürnberger Gesetze,32 wie die Verordnungen von 1935 genannt wurden, entzogen den deutschen Juden die Staatsbürgerschaft, verboten ihnen die Heirat mit »Ariern« und erklärten sogar außereheliche Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden für illegal. Im März des folgenden Jahres befahl Hitler seinen Truppen, das Rheinland wieder zu besetzen, ein Gebiet am Rhein, das Deutschland im Ersten Weltkrieg verloren hatte. Es war ein aggressives Vorgehen, aber die internationale Gemeinschaft blieb weitgehend still. Vielleicht zögerte man, sich einem Land zu widersetzen, das scheinbar nur seine ehemaligen Gebiete zurückerobern wollte. Auf diplomatischer Ebene bemühte sich Hitler, alle zu beruhigen. Das deutsche Außenministerium versicherte der niederländischen Regierung wie*
Die SA (Sturmabteilung) war eine der beiden paramilitärischen Organisationen Hitlers (die andere war die SS) und wurde 1920 gegründet. Diese als »Braunhemden« oder Sturmtruppen bekannten Männer wurden von Hitler als Instrument des Straßenterrors eingesetzt.
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derholt, das Deutsche Reich werde die Neutralität der Niederlande respektieren. In diesem Sommer 1936 fanden in Berlin die Olympischen Spiele statt, und Hitler, der Deutschland von seiner besten Seite präsentieren wollte, lockerte seine Maßnahmen gegen die Juden. Doch nach den Spielen, als die meisten internationalen Pressevertreter wieder abgereist waren, nahmen die Angriffe der Nazis erneut zu. Juden durften nun nicht mehr in Hotels übernachten, Restaurants oder Geschäfte von Nichtjuden besuchen oder sich in Parks aufhalten, die für »Arier« reserviert waren.33 Die Nazis beschränkten sich nicht auf die Verfolgung von Juden, sondern gingen auch gegen Christen vor.34 1937 verhafteten sie Martin Niemöller,35 einen einflussreichen Berliner Pastor und Leiter der regimekritischen Bekennenden Kirche. Er wurde »böswilliger Angriffe gegen den Staat« beschuldigt, zu einer Geldstrafe und einer kurzen Haftstrafe verurteilt und dann freigelassen. Doch als Hitler von Niemöllers Freilassung erfuhr, ordnete er seine erneute Verhaftung an, und Niemöller wurde in das Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.*36 In Holland verlief das Leben dagegen weitgehend normal. 1937 heiratete Kronprinzessin Juliana ausgerechnet einen Prinzen aus Deutschland: Bernhard von Lippe-Biesterfeld.37 Im selben Jahr feierten die ten Booms das hundertjährige Jubiläum ihres Uhrengeschäfts.38 Corrie war stolz darauf, dass die Familientradition bis zu ihrem Großvater Willem zurückreichte, der die erste Uhrmacherwerkstatt im Beje eröffnet hatte. Das Leben in Haarlem war friedlich, aber schon vor Ablauf eines Jahres sollte sich alles ändern. *
Niemöller verbrachte die nächsten sieben Jahre in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und Dachau, größtenteils in Einzelhaft. Von ihm stammt das berühmte Zitat: »Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.«
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