Mihaela Münch mit Katharina Münch
Über Grenzen getragen Eine wahre Geschichte von Zerbruch, Gnade und Neubeginn
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© 2026 Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Max-Eyth-Str. 41, 71088 Holzgerlingen haenssler.de Umschlaggestaltung: Sybille Koschera, Stuttgart Umschlagmotiv: Caroline Rothenbusch Autorenfoto: Imke Theis www.fotoraum-hannover.de Bildteil: privat Satz: typoscript GmbH, Waldorfhäslach Lektorat: Christina Bachmann Druck und Verarbeitung: GGP Media GmbH, Pößneck gedruckt in Deutschland ISBN 978-3-77516-324-8 Bestell-Nr. 396324
Inhalt PROLOG: Aufbruch ins Ungewisse Teil 1: KINDHEIT IN DEN HÜGELN
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Die Pappelbäume
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Saulia
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Betonwelt
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Teil 2: SCHULZEIT IN DER STADT
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Einschulung
29
Meisterdiebin
37
Vaters Krankheit
43
Wurzeln des Unheils
51
Teil 3: PUBERTÄTSJAHRE
58
Das Hirtenmädchen
58
Die Aufnahmeprüfung
63
Die kleine Schwester
68
Der Bruch
75
Freiheit und Chaos
82
Ungeahnte Schätze
92
Teil 4: UNGEAHNTE WEGE
99
Die dunkelste Stunde
99
Betäubt
110
Eine andere Welt
120
Neues Leben
131
Teil 5: GEFÄHRLICHE FAHRWASSER
144
Heimatlos
144
Emotionales Chaos
153
Verschlossene Türen
160
Am Ende
166
Flucht nach vorne
175
Angekommen
185
Teil 6: EIN TRAUM WIRD WAHR
190
Neuanfänge
190
Eine Vision
202
Es wird konkret
207
Voßstraße 38
212
EPILOG: Verändernde Liebe
216
Danksagung
221
PROLOG: Aufbruch ins Ungewisse Abgemähte Felder, dunkelgrün und braun, zogen an meinem Fenster vorbei. Während der Zug, in dem ich saß, sich Kilometer für Kilometer der italienisch-französischen Grenze näherte, sah ich Bäume, die orange und rot erstrahlten, so weit das Auge reichte. Was würde mich dort erwarten? Mit jedem bunten Wald, den wir passierten, entfernte ich mich weiter von meinem Leben in Rumänien. Von meiner Familie. Von Jakob. Von aller Sicherheit, die ich noch hatte. Ich hatte kein Visum für Frankreich. Es spielte keine Rolle, weil ich dort nicht bleiben, sondern nach Deutschland weiterreisen wollte. Für das ich allerdings auch kein Visum hatte. Ich war eine illegale Migrantin, und wenn sie mich aus dem Zug fischten, war ich den Grenzbeamten vollkommen ausgeliefert. Ich hatte keine Ahnung, ob ich es bis nach Deutschland schaffen würde. Mein Leben in Rumänien lag in Scherben. Mir war klar, wenn ich dortbleiben würde, wäre das mein sicherer Tod. Ich hatte alles auf eine Karte gesetzt mit dieser Reise. Seit ich in Mailand den Bahnhof verlassen hatte, waren mir Lieder und Bibelverse eingefallen, die ich in meiner Zeit bei Nina und Dirk kennengelernt hatte, und ich hatte innerlich die ganze Zugfahrt gesungen und gebetet. Ich hatte keine Alternative. Das ist deine Chance, Gott, flüsterte ich ihm immer wieder zu. Ich habe nichts mehr. Hier ist mein Leben. Ich gebe es dir. Je näher wir der Grenze kamen, desto mehr Gedanken drängten sich mir auf. Bilder und Geschichten von Vergewaltigungen an der Grenze schossen mir durch den Kopf, von denen ich in Rumänien gehört hatte. Was hast du dir dabei gedacht, flüsterte eine Stimme in mir. Ohne Visum bis nach Deutschland kommen zu wollen! Du bist wahnsinnig!
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Und doch, während draußen die untergehende Sonne die Felder und Bäume in goldenes Licht tauchte, bis sie der graue Abenddunst einhüllte, war da Hoffnung in meinem Herzen. Hoffnung, dass an diesem Punkt meines Lebens, in meinem verzweifeltsten Moment, Gott auftauchen und mich nicht im Stich lassen würde. Gott konnte aus den Scherben meines Lebens etwas völlig Neues machen, das glaubte ich. Ich hielt weiter fest an den Bibelversen, die mir einfielen, und weigerte mich, der Angst zu viel Raum zu geben. Gott war mit mir in diesem Zug. Ich spürte es. Es wurde nun völlig dunkel draußen, und ich wusste, dass wir kurz vor der Grenze sein mussten. Der Zug wurde langsamer und kam schließlich mit einem lauten Quietschen ganz zum Stehen. Es vergingen ein paar Minuten, dann betrat ein französischer Grenzbeamter in Uniform unseren Wagen und wollte die Pässe sehen. Ich gab ihm meinen Pass. Kein Visum. »Kommen Sie bitte mit«, forderte er zu mich auf. Ich nahm meine zwei Koffer, die all meine Habseligkeiten enthielten. Ramona hatte meine Wohnung in Cluj aufgelöst und alles verteilt. Außer dem Inhalt dieser Koffer besaß ich nichts mehr. Ich stieg aus dem Zug, der im Nirgendwo an einem Feld angehalten hatte, und folgte dem Grenzbeamten mit einer Gruppe anderer Menschen, die ebenfalls kein Visum hatten. Die Türen schlossen sich zischend und der Zug fuhr los. Wir waren an der Grenze zurückgelassen worden. Das ist deine Chance, Gott, dachte ich noch einmal. Dann folgte ich den anderen zu der Grenzstation.
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Teil 1
KINDHEIT IN DEN HÜGELN Die Pappelbäume Der kleine Pfad, vor dem ich gereade stand, erschien mir wie ein unüberwindbares Hindernis. Er breitete sich vor meinen Augen aus, schlängelte sich durch das hohe Gras vor unserem Haus und zog sanfte Kurven durch die sich im Wind wiegenden Halme bis auf die andere Seite des Hügels, auf dem wir wohnten. Ich war etwa zwei Jahre alt und Großmutter hatte mich zum Haus von Tante Paladia geschickt. Sie war die Tante meines Vaters und eine mürrische alte Frau, aber sie besaß einen Stall, in dem unsere Kuh stehen durfte, und einen Lehmofen, in dem man Brot backen konnte. Deshalb wurde ich von Großmutter häufig zu ihr hinübergeschickt, um etwas von ihr zu holen oder ihr zu helfen. Der Pfad war etwa einen Meter breit und bildete eine kleine Gasse zwischen den hohen Gräsern, die wie jetzt mitten im Hochsommer
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auf allen Wiesen auf dem Hügel wuchsen und sich im Rauschen des Windes wiegten. Sie ragten am Rande des Weges hoch auf und streiften beim Laufen meine Arme. Für den Weg schnitten Vater oder Onkel Johannes das Gras abwechselnd mit der Sichel kurz. Ich hatte keine Schuhe, daher pieksten mich die stoppeligen Halme in meine Füße wie Stacheln. Dieser Pfad zwischen den beiden Häusern ist meine erste Erinnerung aus der Kindheit. 1974 geboren, verbrachte ich meine ersten Jahre hier oben auf den Hügeln. Der Pfad zwischen unserem und dem Häuschen der Tante verlief einmal quer über den Hügel, direkt am Waldrand entlang, der dunkel und bedrohlich neben unseren Häusern lauerte. Der Wald zog sich einmal über die ganze Hügelspitze. Jenseits vom Hügel erstreckte sich ein langer Abhang hinunter in ein sanftes Tal mit dem Dorf, in das Mutter oder Vater manchmal gingen. Das Dorf, in dessen umliegenden Hügeln wir wohnten, lag etwa eine halbe Stunde Autofahrt entfernt von der nächstgrößeren Stadt Cluj im Nordwesten Rumäniens. Am Ende unseres kleinen Tals kletterten Gras und Felder den nächsten Hügel wieder hinauf, und dann noch einen und immer weiter. Die endlose Hügellandschaft breitete sich vor meinen Augen aus wie ein weicher Teppich. Es sah aus, als müsste ich nur ein wenig Anlauf nehmen, um dann von unserer Hügelspitze einfach auf die nächste springen zu können. In Wahrheit waren die Hügel viel zu groß für meine kleinen Beine, und Großmutter mochte es sowieso nicht, wenn ich mich vor der Arbeit auf dem Hof davonschlich, um über die Hügel zu rennen. Ich tat es trotzdem, denn dort oben, wo die weißen Wolken so nah über mich hinwegzogen, als bräuchte ich nur die Hand auszustrecken, um hineinzugreifen, fühlte ich mich frei. Ich liebte die Aussicht über die Hügelreihen, gesprenkelt von weißen Schafherden und einzelnen Hütten, und war mir sicher, dass das Auf und Ab der Hügel bis zum Ende der Welt so weitergehen müsste. Ich liebte es, auf den Hügeln Saradis‘ zu sein, weil ich die Natur liebte, von der ich den ganzen Tag umgeben war. Vor unserem Häuschen standen mehrere hohe Pappelbäume, aufrecht und stramm wie Soldaten, die majestätisch das Haus zu bewachen
schienen. Als ich eines Tages über die Hügel streifte, überkam mich plötzlich so etwas wie eine innere Vorahnung. Ich wusste nicht, woher sie kam oder was sie bedeutete, aber ich sah mit einer inneren Klarheit mein Leben vor mir, und ich hatte das Gefühl, dass es gut werden könnte. Ich könnte ein gutes Leben haben. Abgesehen von der Hügellandschaft gab es dort oben allerdings nichts Schönes. Ich wohnte mit meinen Eltern, meinem Bruder, meinen Großeltern und Vaters Geschwistern in der kleinen Hütte von Großmutter. Es gab zwei Zimmer, und wir waren in die Hütte eingepfercht wie Tiere in einen engen Stall. Das Wasser holten wir uns aus dem Brunnen. Der Ofen im einzig bewohnbaren Zimmer des Hauses heizte das Haus und diente zum Kochen. Im Winter froren die Fenster zu und es war eiskalt. Wir drängten uns alle unter den paar Decken zusammen, die Großmutter hatte, und es dauerte lange, bis das Zittern aufhörte. Wir waren arm, auch wenn ich das nicht wusste. Es gab meistens nichts zu essen außer Brot oder Kohlsuppe. Saradis hatte harten Boden und die Landwirtschaft brachte nur kärgliche Erträge. Hungrig zu sein war für mich so normal, wie barfuß zu laufen und mich mit kaltem Wasser aus dem Brunnen zu waschen. Tante Paladia auf der anderen Seite des Hügels hingegen wohnte allein und hatte niemanden, mit dem sie ihr Essen teilen musste. Manchmal schien sie Mitleid mit mir zu haben, denn dann gab sie mir ein Stück Brot aus ihrer Küche, das ich schnell herunterschlang. Sie war eine ausgesprochen griesgrämige Person. Ich hatte noch nie gesehen, dass sie lächelte, außer wenn mein Vater vorbeikam. Aber den mochten alle, und selbst dann versuchte sie schnell, es zu verbergen. Meine Eltern waren selten zu Hause. Meine Mutter arbeitete in einer Fabrik in der Stadt. Sie stand morgens noch vor Sonnenaufgang auf, um den Bus im Dorf zu erwischen, und kam erst spätabends sehr erschöpft zurück. Ich stand hauptsächlich unter Großmutters Aufsicht, die mich mit irgendwelchen Aufgaben auf dem Hof helfen ließ. Mein
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Vater verschwand oft für mehrere Tage, um »Kohle zu beschaffen«, wie er sich ausdrückte. Ich hatte einen kleinen Bruder, Johannes. Er war noch ein Baby, und Großmutter nahm ihn meist mit auf den Acker, wenn wir arbeiteten, und legte ihn dort in die Erde. Er war ein fröhliches Baby, das viel lachte und kaum schrie. Er hatte schwarze Haare seit seiner Geburt, so wie ich. Man hatte mich deshalb manchmal »Rabenbaby« genannt. Johannes‘ Haare waren so hart und fransig wie Stahlwolle. Er bekam Milch von der Kuh zu trinken, so wie ich auch, als ich ein Baby gewesen war und Mutter wieder arbeiten musste. Großmutter sagte, was für Tiere gut sei, sei es für Babys erst recht. Wenn Großmutter Lucretia sprach, erstarrte ich vor ihren giftsprühenden Worten, die ich oft nicht verstand. Irgendetwas war einst vorgefallen – was es war, wusste ich damals nicht –, weshalb sie unglaublich verbittert war. Ihre kalte Wut ließ sie an Großvater Philipp aus. Sie war unwahrscheinlich kreativ darin, sich Todesarten auszudenken, durch die er umkommen sollte, und dabei alle Engel und Heiligen anzuflehen, diesem himmlischen Spektakel beizuwohnen. Wenn es nach ihr ginge, wäre er auf dreihundert verschiedene Arten gestorben, vom Blitz oder einem Ziegelstein getroffen, von Engeln und Heiligen in heiliger Rache aufgespießt oder von den Kommunisten eingekerkert. Ich dagegen fand Großvater faszinierend. Er saß den ganzen Tag bei uns im Haus direkt neben dem Ofen und schnitzte mit seinem Messer Figuren aus Holz. Anders als die anderen Erwachsenen, die herumliefen und sich um die Tiere kümmerten oder auf dem Feld arbeiteten, saß er nur herum und trug nichts zur Geschäftigkeit bei, die tagsüber um das Haus und auf den Feldern am Abhang herrschte. Er redete fast ausschließlich mit uns Kindern, da die Erwachsenen ihn ignorierten oder ihm abfällige Blicke zuwarfen. Seine Augen waren sehr dunkel und er hatte kaum noch Zähne, doch er hatte fast immer eine Zigarette im Mund. Er kaute darauf herum, während er uns Kinder beobachtete. Sein Blick verbarg einen unheimlichen Schatten, ein Geheimnis. Er saß auf seinem Stuhl wie ein dummer Junge, der
für einen Streich gescholten wurde und nun zur Strafe den ganzen Tag neben dem Ofen sitzen und dem Treiben der anderen zusehen musste. Großvater erzählte uns Geschichten oder briet Äpfel auf dem Herd, oder er saß einfach nur herum und tat nichts. Doch manchmal änderte sich auch seine Stimmung, dann überzogen sich seine Augen mit einem Glanz, der ihn wie ein Raubtier aussehen ließ, das sich an seine Beute heranpirscht. Meistens entfernte ich mich leise, um dem unheilvollen Gefühl zu entkommen, das in solchen Momenten in mir hochkroch. Eines Tages gab es einen Streit zwischen Großvater und Vater, bei dem Vater ihm mit der Rasierklinge an die Kehle sprang und ihn fast umbrachte. Danach zogen wir um, Vater, Mutter, und ich. Auf der benachbarten Wiese gab es ein kleines Lehmhäuschen, das noch kleiner war als das von Großmutter und schrecklich zugig. Es gab nur einen Tisch, einen Stuhl, und ein Bett, und wir wohnten dort fortan zu dritt. Wenn meine Eltern nicht da waren, schickten sie mich aber wieder zur Großmutter hinüber. Den Grund für den Streit erfuhr ich erst Jahre später von meiner Mutter. Großvater war einst im Gefängnis gewesen, da man ihn für schuldig befunden hatte, ein junges Mädchen aus dem Dorf vergewaltigt und umgebracht zu haben. Er hatte diese Tat nie zugegeben, war aber aufgrund der Beweise trotzdem verurteilt worden. Großmutter ließ sich von ihm scheiden, als er im Gefängnis war – der einzige Grund, warum eine Scheidung von den Kommunisten erlaubt wurde. Vater hatte Großvater allerdings nach seiner Entlassung abgeholt und zurück auf den Hügel gebracht, weil er sonst nirgendwo hingehen konnte. Eines Morgens hatte ich meiner Mutter erzählt, dass Großvater mich nachts angefasst hatte. Als sie nachsah, war ich schrecklich rot und wund zwischen den Beinen. Das war der Grund, warum Vater Großvater daraufhin fast die Kehle aufschlitzte. Also wohnten wir nun in der kleinen Hütte auf dem Nachbargrundstück, und Großmutter achtete darauf, zwischen mir und Großvater zu liegen, wenn ich bei ihnen schlief.
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